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THEATER: Henrik Ibsen – Peer Gynt

In den abstrusesten Dingen, die meistens gar nicht zu mir passten. Garniert mit Erzählungen vom „damaligen dramatischen Halbfinale“, vom „unfairen Gegner im Finale“, vom „Halbfinale in Aschaffenburg“ oder Ähnlichem … Es waren spannende Schilderungen. Geschichten. So war ich Bayerischer Jugendmeister vielleicht im „Backen von Topfenpalatschinken“, bayerische Jugendmeister im „Fensterputzen“, bayrischer Jugendmeister im … . Nur im „Aufräumen von Kinderzimmern“ bin ich sicher in der Vorrunde ausgeschieden!

Soviel zu mir. Peer Gynt im Münchner Residenztheater. Peer Gynt wird in Henrik Ibsen Dichtung in jungen Jahren Lügner genannt, größenwahnsinnig, Schwadroneur. Doch während ich es meinen Kindern gegenüber natürlich genau darauf angelegt hatte, sofort als Lügner angesehen zu werden, geht es Peer Gynt anders. Er hat zunächst Jugendfantasien, wird nicht ernst genommen, eher abgewiesen, er will aber später die Welt erobern, um sich zwiebelähnlich aufzublättern, zu finden. Eine Faust-ähnliche Lebensgeschichte. Die Dichtung von Henrik Ibsen ist dabei – man kennt sie wenig – im Grunde zweigeteilt: Der erste Teil zeigt Peer Gynts Leben bis zum Tod seiner Mutter, der zweite Teil zeigt sein Leben nach dem Tod seiner Mutter.

Im ersten Teil erlebt man, wie Peer Gynt den Frauen „nachgeht“, Ingrid, Solveig, die Grüngekleidete (Tochter des Trollkönigs), drei Sennerinnen. Ihm bleibt Solveig. Im zweiten Teil – er muss ja weiterziehen – will Peer Gynt dann (narzisstisch) nur noch „sich selbst“ nachgehen. Erst ganz am Ende, trifft er wieder auf Solveig, die immer auf ihn gewartet hatte. Im Originaltext zeigt sich: Solveig wird dabei seine Mutter und seine Geliebte/Gattin zugleich! Und es zeigt sich: Peer Gynt hat sich selber nicht gefunden, er lebte eher in Solveigs Hoffnung und Liebe.

Was diese Dichtung von Henrk Ibsen aus dem Jahre 1867 mit unserer Welt zu tun hat? Eigentlich sehr viel. Der Trollenkönig sagt zu Peer Gynt schon im ersten Teil, er solle „sich selbst genug“ sein. Damit kann Peer Gynt aber nichts anfangen. Peer Gynt reist um die Welt, wird reich, betreibt Sklavenhandel, will Prophet sein, will König sein, kommt nach Ägypten und und und. Er meint damit, sich selbst nahe zu kommen, nur sich selbst. So, wie es heute auch noch ist: Wir treiben uns zur immer neuen Ufern, können uns nicht genug sein – wäre einer von vielen Gedanken dazu. Henrik Ibsen war damit im Grunde sehr modern. Im Grunde ist es das Grundübel des Menschen. Gerade der Kapitalismus, in dem wir leben, fördert – nicht zuletzt durch die mittlerweile eingetretene Globalisierung – diese Grundeinstellung: Immer mehr, immer weiter. Gerade heute vormittag habe ich gelesen: Norwegen – Peer Gynt war Norweger – will jetzt großflächig auch noch den Meeresboden wegen der Menge an dortigen Bodenschätzen explorieren. Natürlich! Auch der Meeresboden muss dran glauben! Man sei ja sonst von China abhängig!

Es ist eine ausufernde Erzählung von Henrik Ibsen, die schwer zu interpretieren ist, siehe Solveigs Auftreten am Ende, insoweit ist es erstaunlich, diese Erzählung auf die Bühne zu bringen. Es gelingt hier – bei der (mit Pause fast dreistündigen) Inszenierung von Peer Gynt von Sebastian Baumgarten am Münchner Residenztheater – zum Einen durch eine immer wieder auf Großleinwand (Vorhang vor der Bühne) eingespielte „psychologische Deutung“ von Peer Gynt. Zum Anderen gelingt es dadurch, dass nicht die gängige Übersetzung gemäß Urfassung, sondern die sprachlich etwas verständlichere Übertragung des Gedichts von Angelika Gundlach herangezogen wird. So bleibt alles für den Zuschauer weitgehend verständlich. Es ist viel, zu viel eigentlich, aber der schnelle Verlauf der Handlung bleibt verständlich.

Im ersten Teil wird der junge Peer Gynt gespielt von Max Rotbarth, siehe Beitragsbild oben, im zweiten Teil wird der ältere Peer Gynt von Florian von Manteuffel gespielt. Für mich war vor allem der junge Peer Gynt höchst überzeugend! Max Rotbarth erschien mir als außergewöhnlich passende, wunderbare Besetzung für den jungen Peer Gynt. Sein jugendliches Wesen, seine Orientierungslosigkeit, viel berechneter kommt dann – zurecht – Florian von Manteuffel als der ältere Peer Gynt rüber.

Fazit: Ein Theaterabend für eine lange Erzählung mit viel Tempo, mit viel Geschehen, sogar mit Livemusik – eine Erzählung, hinter der auch heute noch erstaunlich viel steckt! Motto etwa: Der Mensch wird nie zu etwas durch das, was er macht, sondern durch die Liebe, die er in anderen entfacht.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier ein Trailer:

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Sebastian Baumgarten – Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt

Am Dienstag (14.12.) war die Filmpremiere von „Bruder Eichmann“ im Marstalltheater, der „Werkstattbühne“ des Residenztheaters. Michael Billenkamp, Dramaturg am Münchner Residenztheater, schrieb dazu:

„Vor genau fünfzig Jahren – am 15. Dezember 1961 – sprach das Jerusalemer Bezirksgericht das Urteil im Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehemaligen Leiter des nationalsozialistischen «Referats für Judenangelegenheiten» und damit einem der Hauptverantwortlichen des organisierten Genozids.“

?? Es ist doch sechzig Jahre her. Weiter schreibt Billenkamp jedenfalls:

Das Gericht sah es nach der Vernehmung von rund hundert Zeug*innen und einer Prozessdauer von vier Monaten als erwiesen an, dass Eichmann an der Ermordung von etwa sechs Millionen Juden beteiligt war. Eichmanns Verteidigungsstrategie, dass er lediglich ein unbedeutender Befehlsempfänger und damit ein «kleines Rädchen» im Getriebe des NS-Vernichtungsapparats gewesen sei, war damit gescheitert. Das Urteil lautete: Tod durch den Strang. Bis zum heutigen Tag ist die Hinrichtung Adolf Eichmanns am 1. Juni 1962 in Ramla bei Tel Aviv das einzige auf israelischen Boden vollstreckte Todesurteil.“

HIER der Text von Michael Billenkamp.

Adolf Eichmann kennt jeder. Drei Stationen sind es nun (Adolf Eichmann bis 1962 – Heinar Kipphardt 1983 – Sebastian Baumgarten 2021), die eine neue „Annäherung“ an die unfassbare Gesinnung von Adolf Eichmann in der neuen Filmdokumentation ergeben. Die „Eichmann-Haltung“ nannte Heinar Kipphardt diese Gesinnung. Besser gesagt: Sebastian Baumgarten nähert sich heute erneut Heinar Kippharts Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ aus dem Jahre 1983 an, in der sich Heinar Kipphart Adolf Eichmann angenähert hatte.

Die Filmdokumentation ist bis Ende Januar 2022 komplett mit Zusatzmaterial in der neuen Mediathek des Residenztheaters zu sehen! HIER der Link zur allgemeinen Seite der neuen Mediathek.

Zu Adolf Eichmann: Zu seinem vielleicht nicht so bekannten Weg von seiner Geburt an bis zum Zweiten Weltkrieg siehe die Materialien in der Mediathek. HIER! Zu seinem berüchtigten Weg dann im Zweiten Weltkrieg über sein Verhör in Argentinien und Israel hinweg bis zu seiner Hinrichtung 1962 siehe insgesamt die jetzt neue Filmdokumentation „Bruder Eichmann“. Auch HIER.

Zu Heinar Kipphardt 1983: Er verarbeitete die 1960 entstandenen Verhörprotokolle des israelischen Geheimdienstes mit Adolf Eichmann im Jahre 1983 zu einem Dokumentartheaterstück. Die Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ wurde 1983 am Residenztheater uraufgeführt. Im Grunde hatte Heinar Kipphardt damit auch zusammen mit wenigen anderen Autoren und Regisseuren der damaligen Zeit das Genre des „dokumentarischen Theaters“ begründet. Es wurde eine tief beunruhigende Dokumentation über Adolf Eichmann und über die hinter diesem stehende Gesinnung. „Die Banalität des Bösen“ sind die berühmten Worte von Hannah Arendt, die ja den Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel komplett verfolgt hatte. Ich kenne noch die Dokumentation von 1983. Michael Rehberg spielte damals am Residenztheater Adolf Eichmann.

Und zu Sebastian Baumgarten 2021: Der Regisseur hat sich nun dem bei der Uraufführung 1983 kontrovers diskutierten Text von „Bruder Eichmann“ (man sprach von Verharmlosung etc.) mit den Möglichkeiten und Mitteln des heutigen digitalen Theaters erneut angenähert. Es ist die neue Filmdokumentation zu Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ geworden. Adolf Eichmann wird hierin (soweit das Verhör wiedergegeben wird) nicht mehr personalisiert. Das ist angenehm und hebt sich sehr passend von der damaligen Theaterdokumentation von Heinar Kipphardt ab. Kein Michael Rehberg mehr! Es geht nicht um eine Person! Die Texte von Heinar Kipphardt werden allerdings von den Schauspielern des Theaters exakt nachgelesen. Die Schauspieler, die zum Einsatz kommen, sind aber sehr jung! Auch das ist passend! Es zeigt den Bezug von Adolf Eichmanns Äußerungen zur heutigen Zeit! Und zur Zukunft! Die Vergangenheit verschwindet ja immer mehr von der Bildfläche. Man kann sich hier aber nicht sagen: „Das war doch damals…“. Man kann hier auch nicht sagen: „Das war eben Adolf Eichmann!“ Es bleibt ein zeitloses Thema!

Die „Annäherung“ von Sebastian Baumgarten verbindet insoweit in feiner Art und Weise filmisch und durch Wort und Bild drei Ebenen: Das Verhör und die unglaublichen Äußerungen von Adolf Eichmann von 1960 zum Einen mit Heinar Kipphardts Dokumentation „Bruder Eichmann“ von 1983 zum Zweiten und mit unserem aktuellen Leben 2021 zum Dritten. Auch, wenn nur Bahngleise am Münchner Hauptbahnhof gezeigt werden, alles bekommt einen Gegenwartsbezug. Es wäre auch fatal gewesen, hätte man den Fall Eichmann als „Vergangenheit“ dargestellt!

Denn auch, wenn wir momentan in genug gigantischen Krisen leben (Corona mit der drohenden Omikron-Welle, das Klima), auch das muss sein: „Bruder Eichmann“ in diesen schweren Zeiten! Es bleibt ein Muss des Grauens, wir brauchen die Dokumentation immer wieder. Adolf Eichmanns Erklärungen in seinen Verhören nach seiner Festnahme in Argentinien und seiner Auslieferung nach Israel im Jahre 1960 zeigen, zu was der Mensch nicht nur damals „fähig“ war, sondern sicher im Ansatz auch heute noch fähig sein kann. Es geht um die Gesinnung, die Ursachen, die hinter allem standen: Befehl, Weisung, Gehorsam, absolute Selbstgewissheit allein durch absoluten Gehorsam, Hierarchie, Erziehung, Hörigkeit und die Verneinung jeder Art von eigener Verantwortung – das sind die Symptome, die es ja auch heute immer wieder gibt. In abgeschwächter Form, aber trotzdem!

Nun noch zur gestrigen Filmpremiere: Die Tribüne des Marstalltheaters war abgebaut, sie war jedenfalls nicht sichtbar. Ein schwarzer Raum, wenig Beleuchtung, ein dunkler enger Gang um den Raum herum, der die Besucher über „dokumentarische Stationen“ führte, in der Mitte des schwarzen Bühnenraumes dann ein Tisch mit einigen Büchern zu Heinar Kipphardts damaliger Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“, an den vier Seitenwänden jeweils ein großer Flachbildschirm, davor in lockerer halbrunder Zusammenstellung Holzstühle, auf denen man saß und sich nach einer gewissen Zeit die Dokumentation ansah. In der Mitte des Raumes am Mischpult ein Musiker, der vor Beginn der Dokumentation leise vor sich hin dräuende und bedrohlich wirkende Musik einspielte. Eigentlich nur ein paar dumpfe und drohend summende Töne.

Man sieht und hört in der Filmdokumentation nicht nur den Text von Kipphardts „Bruder Eichmann“, man sieht und hört nun zusätzlich Personen, die um Heinar Kipphardt und seine damalige Dokumentation kreisten. Seine Tochter, sein Biograf, der Bühnenbildner der Aufführung im Residenztheater von 1983. Man sieht Ausschnitte der Theaterdokumentation aus 1983 mit Michael Rehberg.

Mit der Filmdokumentation von Sebastian Baumgarten wird das Geschehen um Adolf Eichmann in unsere Zeit transportiert. Ich fand es fein gelungen und weiterhin sehr sehr bedrückend, wenn man hört und auf sich einwirken lassen muss, was Adolf Eichmann erklärte!

Copyright des Beitragsbildes: Residenztheater