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LITERATUR: Ines Jenewein – Olympiapark München

Mehrfach war ich zuletzt mit dem Münchner Olympiapark beschäftigt. Die Feiern zu “50 Jahre Olympia 1972“ hatten mich ja angezogen. Über die Theaterperformance „Pienes Regenbogen“ hatte ich berichtet. Und ich hatte danach die Erlaubnis erhalten, einen Ausschnitt aus einem seltenen Film zur damaligen “Regenbogenaktion“ auf der Abschlussfeier der Olympischen Spiele, der teils gezeigt wurde, zu bringen.

HIER gehts zum Beitrag “Pienes Regenbogen“. Und HIER gehts zum Blogbeitrag mit dem Filmausschnitt über Pienes Regenbogen.

Und ich weiß: Ich bin ein Fan des Olympiageländes, des Zeltdaches besonders!

Also was liegt näher, als den Bildband “Olympiapark München – Architektur Landschaft Kunst“, der vor wenigen Wochen erschienen ist, anzusehen! Es ist ein Bildband mit über 300 Seiten, Format annähernd DIN A 4, 21 x 28 cm, herausgegeben beim Büro Wilhelm Verlag. HIER der link zur Buchseite auf der Website des Büro Wilhelm Verlages. Danke dem Büro Wilhelm Verlag, der mir den Bildband zur Verfügung stellte!

Die Architekturfotografin Ines Jenewein hat zwischen 2015 und 2022 mit rein architektonischem Blick alle Winkel des Olympiaparks und seiner Bauten angesehen und fotografiert, ein wenig mit älteren Fotos oder – ebenfalls nur an wenigen Stellen – mit Fotos anderer Fotografen kombiniert. Ein ungewohnt architektonischer Blick! Auf den ersten Blick kommt man mit dem Bildband kaum zurecht. Er transportiert nicht sofort Emotionen. Nüchtern und ohne irgendwelche Personen auf den Bildern werden alle möglichen Details der wunderbaren Anlage gezeigt. Bei näherer Beschäftigung mit den Aufnahmen aber kommt man jedem Bild sehr nahe! Man erkennt mehr und mehr auf fast jedem Bild die architektonische Besonderheit! Und es sind meines Erachtens wirklich alles Besonderheiten! Die Fotoaufnahmen werden, je öfter man sie ansieht, umso besser! Allein die Farbgebung! Die dezenten Farben, die Formen, die immer irgendwie “schlanke Klarheit“ der Bauten, nie protzig! So zieht es sich durch den Park und durch den Bildband – wobei auch gezeigt wird, wie sehr der Olympiapark immer wieder auch ein Wechselspiel mit Natureindrücken bietet.

Auffallend ist schließlich insgesamt, dass man letztlich nur sagen kann: Trotz all dieser verschiedenen Blicke und Details bildet die gesamte Anlage des Olympiaparks eine wunderbare Einheit! Eine Einheit durch die dezente Wiederholung all der architektonischen Eigenheiten, durch die oft nur knappe Farbgebung der Elemente, durch die Natur, durch den überall unaufdringlich bleibenden Charakter der Bauten.

Hier ein paar Eindrücke aus dem Bildband (die Bildqualität ist im Bildband besser als hier). Die Aufnahmen sind nicht repräsentativ, insgesamt sind sie in diesem sehr gelungenen Bildband viel vielfältiger!

Foto: Olympiapark München GmbH/Fabian Stoffers
Foto: Olympiapark München GmbH/Fabian Stoffers

Der Bildband schafft es, einen besonderen Gesamteindruck mit vielen vielen Einzelblicken auf die Architektur im Kleinen und im Großen sowie auf Landschaft und – nicht viele – Kunstgegenstände auf dem Gelände zu verschaffen! Die Schönheit und Besonderheit des Olympiageländes, das ja von der UN zum Weltkulturerbe ernannt wurde, steckt in jedem Detail.

Die Bildrechte der hier gebrachten Aufnahmen liegen, soweit nicht besonders aufgeführt, bei Ines Jenewein/Büro Wilhelm Verlag. Ich hoffe ich darf die geschützten Bilder im Rahmen dieser Berichterstattung als „Zitatfotos“ aus dem Bildband „Olympiapark München“ von Ines Jenewein bringen.

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LITERATUR: Byung-Chul Han – VITA CONTEMPLATIVA (oder von der Untätigkeit)

Die Frage ist: „Wie leben wir?“ Es läuft doch einiges schief. Wenn es so weitergeht, zerstören wir die Erde, keine Frage. Die Frage ist auch: “Wie gehen wir an die gewünschte Erreichung eines Endes der Zerstörung der Welt heran?“ Diese Fragen können/müssen natürlich auch philosophisch bearbeitet werden.

Die praktische Umsetzung ist dabei eine andere Frage, ob sich da jemals noch etwas ändert, ist fraglich. Ich habe jedenfalls den neuen philosophischen Essay des in Berlin lebenden deutsch-chinesischen Philosophen Byung-Chul Han “VITA CONTEMPLATIVA“ gelesen, der sich letztlich mit diesen Kernfragen auseinandersetzt.

Im Grunde ist es Philosophie mit starker Tendenz zu Gesellschaftskritik. Philosophie nur „der Philosophie wegen“ ist heutzutage auch kaum angebracht. So wurde Byung-Chul Han auch 2010 mit Die Müdigkeitsgesellschaft bekannt. Er diagnostizierte damals, dass in modernen Gesellschaften nur Effizienz und Vermarktungslogik eines Jeden zählen. Die Folgen seien Sinnlosigkeit, Depression, Müdigkeit. In der Beschleunigung, der Optimierung des Selbst, dem Keine-Zeit-Haben für sich und seine Mitmenschen sieht Han eine gefährliche Entwicklung.

Der Essay „VITA CONTEMPLATIVA (oder von der Untätigkeit)“ wird – ein kurzer Überblick – auf der Umschlaginnenseite beschrieben. Es geht diesmal nicht um Müdigkeit, sondern um den Verlust der Fähigkeit des Menschen zur Untätigkeit. Hier die kurze Zusammenfassung:

118 Seiten, kleines Format, sechs Kapitel – das lässt sich machen, um sich einmal mit diesen Fragen auseinander zu setzen. Die Kapitel lauten:

  • Ansichten der Untätigkeit
  • Eine Marginalie zu Zhuangzi
  • Vom Handeln zum Sein
  • Der absolute Seinsmangel
  • Das Pathos des Handelns
  • Die Kommende Gesellschaft

Natürlich handelt der Mensch, der Mensch ist handelndes Wesen. Das will auch Byun-Chul Han nicht bestreiten. Es geht um die Ergänzung des Handelns. Ergänzung durch ein kontemplatives Element, das wir aus dem Auge verlieren. Kontemplation, damit ist nicht etwa Freizeit gemeint! Kontemplation ist mehr! Das handelnde Element beschränkt den Menschen auf ein funktionierendes Subjekt. Auch Freizeit dient ja letztlich nur dem Funktionieren, dient dem handelnden Subjekt mit seinem ständigen Gedanken an ein “um zu …“. Erst wenn aber dieser Gedanke “um zu …“ fehlt, entfaltet sich wirklich Freiheit!

Byun-Chul Han entwickelt – muss man sagen – hierbei nicht etwa eine eigenständige Philosophie der Untätigkeit, sondern zeigt im Grunde eher auf, dass sich viele viele Philosophen, Künstler etc. bereits mit diesen Themen beschäftigt haben. Er hangelt sich von Philosoph zu Philosoph, von Kultur zu Kultur, und erklärt deren Sichtweisen zu diesen Fragen eher, als dass er eine eigenständige Philosophie entwickelt. Er verbindet letztlich die gefundenen Aussagen. Ein kleiner Schwerpunkt seiner Untersuchung ist dabei sogar die „Gegenposition“, die früher von Hannah Arendt in ihrem Buch „Vita activa“ vertreten wurde. Der Mensch werde erst durch Handeln im öffentlichen Raum („polis“) zum Individuum. Das mag richtig sein, schließt aber im Grunde daneben das Element der „vita contemplativa“ nicht aus. Individuum zu werden einerseits und das Sein überhaupt angemessen erkennen zu können andererseits, es sind zwei paar Stiefel!

Ansonsten: Adorno, Benjamin, Schiller, Plutarch, Anaxagoras, Homer, Klee, Rilke, Proust, von Aquin, Kleist, Nietzsche, Heidegger, Handke, Kierkegaard, Musil, Cezanne, Luhmann, sie und viele viele mehr werden herangezogen, weil sie alle wohl auch irgendwo das spürten, was Byun-Chul Han mit seinem Essay erklären möchte: Das so wesentliche Element der vita contemplativa, das seiner Ansicht nach übrigens durch die digitale Welt und durch Künstliche Intelligenz mehr und mehr verschwindet. KI kennt nichts „Kontemplatives“, KI kennt nur “an und aus“, sagt er.

Immer wieder schwingt dabei – kurz aber jeweils nur – auch der Hinweis darauf mit, dass wir uns vor allem der Rettung der Natur verschließen, wenn das kontemplative Element verschwunden ist. Hier kommt Gesellschaftskritik durch. Und vielleicht die Absicht von Byung-Chul Han, alles mit einem Weg zur Rettung der Natur zu verbinden. Die Welt und die Natur brauchen das kontemplative Element.

Auch hierzu ein Auszug, Seite 51:

Byung-Chul Han hatte über Heidegger promoviert. Die hier oben gebrachte kurze Darstellung über Heideggers Denken passt gut, ist aber nicht repräsentativ für dieses Buch. Es geht viel allgemeiner aus verschiedenen Blickwinkeln um das kontemplative Element, um das Erkennen des „Seins“. Durch Kontemplation gibt man sein egoistisches „Selbst“ auf, dann kommt das Sein der Welt zum Vorschein. Das Nichtvollziehen von Dingen wird wichtig, nicht das ständige Eingreifen! Heideggers Schrift “Ethik der Scheu“ wird erwähnt.

Insgesamt ein sehr wertvoller Gedanke, den Byun-Chul Han aufgreift, vertieft und erläutert. Der Ansatz ist elementar und deswegen lohnt es sich, den gerade erschienenen Essay zu lesen. ich empfehle dann allerdings, ihn zweimal zu lesen!

HIER der Link zum Wikipediaeintrag über Byung-Chul Han und HIER der Link zur persönlichen Website von Byun-Chul Han.

Und HIER der link zur Internetsite zum Buch VITA CONTEMPLATIVA auf der Website des Ullstein Verlages.

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THEATER: Wolfram Lotz – HEILIGE SCHRIFT I

Wolfram Lotz ist wieder an den Münchner Kammerspielen. Er, immer noch ein „junger Autor“ (Jahrgang 1981), bekannt durch seine frechen und zum Teil zwar durchaus oberflächlichen, aber auch witzigen Werke „Die lächerliche Finsternis“ und „Die Politiker“. An zahlreichen Theatern wurde er bereits inszeniert. „Die Politiker“ etwa wurden in der vergangenen Spielzeit (Juli 2021) auch an den Münchner Kammerspielen inszeniert (HIER der Link zur Stückeseite; HIER meine Besprechung dazu) und sind noch im Repertoire.

Ende April 2022 ist gerade das neueste Buch von Wolfram Lotz erschienen, „HEILIGE SCHRIFT I“. Es sollte erst nicht erscheinen, Lotz selbst hatte es gelöscht, vernichtet. Es waren ja nur banale Tagebücher eines Jahres. Sie erschienen dennoch, es fand sich eine Version. Und an den Münchner Kammerspielen war jetzt schon deren Uraufführung auf deutscher Theaterbühne. Der Hausregisseur Falk Richter hat das Stück wunderbar treffend entwickelt und inszeniert.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele. HIER der link zur Seite des Buches beim Fischer Verlag.

Dafür, dass es sich bei diesem Mammutwerk von über 900 Seiten um die (wiederum mit Humor und Ironie gemischte) Beschreibung aller möglichen Unwichtigkeiten handelt, ist die Inszenierung sehr ideenreich gelungen! Ich empfand sie als ein Theaterereignis, das ich empfehlen kann. Nicht wegen des Inhalts von „HEILIGE SCHRIFT I“, sondern wegen der gelungenen Gesamtgestaltung des Abends.

Inhaltlich: Es ist im Grunde ein Schreibexperiment von Wolfram Lotz gewesen. Daher auch „Heilige Schrift“. „Beschreiben von allem“ als Selbstfindungsversuch. Wie komme ich dem Leben nahe? Wolfram Lotz hat sich im Jahre 2017 ein Jahr lang nach Frankreich (Elsass) zurückgezogen und begonnen, über alles, was er sah und erlebte, zu schreiben. Ohne Ziel einfach zu schreiben. Er meinte damit in der Tat: Dadurch, dass er alles beschreibt und über alles schreibt, ja, dadurch käme er den Dingen und damit wirklich sich selber näher.

Es lassen sich ja die verschiedensten Zugänge zum Leben finden. Man kann auf das Innere schauen (siehe etwa die Inszenierung „Das Neue Leben“ von Christopher Rüping nach Dante Alighieri, HIER) oder man kann auf das Zwischenmenschliche schauen (siehe all die Familientragödien des klassischen Altertums, etwa in Dionysos Stadt, HIER) oder auf seine eigenen Gedanken und Gefühle und Abschweifungen im Anblick des Alltags (etwa im Werk „Ulysses“ von James Joyce, einfach ein Tag in Dublin), oder einfach auf alle möglichen Dinge um einen herum, auf Banalitäten (siehe etwa im Werk „Das Leben – Eine Gebrauchsanweisung“ von George Perec) oder sich abstrakt Gedanken machen … oder oder oder. Wolfram Lotz schaut auf alle Banalitäten seines Jahres 2017 in Frankreich. Von der Toilette bis zum ICE.

Die Gestaltung des Abends: Falk Richter hat einen überzeugenden dreiteiligen Abend gestaltet, einen schönen Zugang zu diesem eigenartigen Buch gefunden. Einen deutlich anderen Zugang, als zu den Werken, die er zuletzt in München inszeniert hatte. All seine letzten Inszenierungen (etwa “Heldenplatz“ – HIER der link zur Stückeseite der Münchner Kammerspiele) waren politisch oder gesellschaftlich ernst, eher überladen. Diese Art gesellschaftskritischer Herangehensweise entfällt hier erfrischenderweise! Ernst geht hier nicht.

Und: Hier wird der Zuschauer/Besucher (-in) hin und her geworfen, er/sie wird gefordert und gleichzeitig kommt das Buch von Wolfram Lotz in seinen Auszügen eben sehr einfallsreich zur Geltung! Eine klasse, spielerisch leichte Umsetzung!

  • Der erste Teil von „HEILIGE SCHRIFT I“: Der Besucher hört für etwa eine Viertelstunde per Kopfhörer vor den Theaterräumen sitzend/stehend/gehend Auszüge aus dem Buch „HEILIGE SCHRIFT I“. Eine Einstimmung.
  • Der zweite Teil: Man betritt mehrere kleine Vorräume der Bühne, hat ein Handy mit auf den Weg bekommen, mit dem man QR-Codes scannen kann und überall weitere Texte hören kann. Auch einmal bloß den Wetterbericht eines Tages im Herbst 2017, der auf einem Bildschirm flattert. Es sind simple, zum Teil privat wirkende Räume, dann aber ist es auch ein Raum, in dem eine Sitzreihe eines ICE Zuges zum Hinsetzen einlädt. Oder der Schminkraum eines Theaters. Die SchauspielerInnen sitzen verteilt in den Räumen, reden miteinander, gehen auch umher, zitieren aus dem Buch „HEILIGE SCHRIFT I“, immer mit einem kleinen Tagebüchlein in der Hand, lesen einzelnen Zuschauern Texte aus HEILIGE SCHRIFT I vor. Man kann sich den Theaterraum auch auf Tablets als augmented reality ansehen, sieht Wald, sieht Landschaften am Fenster des ICE-Zuges vorbeiziehen. Vieles mehr. Insgesamt eine anregende und ja “erfreuliche“ Lage, den SchauspielerInnen so nahe zu sein und im Grunde Teil der Inszenierung zu sein. “Immersive Installation“
  • Der dritte Teil: Wechsel! Man begibt sich auf eine kleine Zuschauertribüne im recht großen Bühnenraum, wird wieder Zuschauer, findet sich in seiner doch so gewohnten passiven Rolle wieder. Schon das gesamte Bühnenbild ist dabei überzeugend! Weiterhin sehr vielfältig, aber auch einfach! Schön fast. Siehe das Beitragsbild. Frank Walter Steinmeier und Peter Maffay treten (vor allem letzterer) verblüffend gut auf!

Klicken Sie auf das Bild, Sie hören den Song!

Akustisch und angesichts der Menge der „Gedanken“ ist im dritten Teil dem Text aus „HEILIGE SCHRIFT I“ nicht immer gut zu folgen, daher empfiehlt sich etwas: „HEILIGE SCHRIFT I – Der Marathon“, eine siebenstündige Lesung des Ensembles, die an den Münchner Kammerspielen am 11.06.2022 zu erleben sein wird! HIER der Link zur Ankündigung dieser Veranstaltung.

Das Buch „HEILIGE SCHRIFT I„ ist kein „Muss“, es hat aber Humor und Ironie. Manchmal ein wenig in Richtung Thomas Bernhard, der ja auch genug Banalitäten kannte (allerdings bösartiger war).

Copyright der Bilder: Maurice Korbel

LITERATUR: Jonathan Franzen – Crossroads

Einem breiten Publikum bekannt wurde Jonathan Franzen mit seinem 2001 erschienenen dritten Roman „Die Korrekturen“, der den National Book Award gewann, Finalist für den Pulitzer Preis war und sich weltweit über 2,8 Millionen mal verkaufte. Sein neuester Roman: „Crossroads“ erschien im Oktober 2021.

Crossroads ist – wie „Die Korrekturen“ – ein Familienroman, der erste Teil der Trilogie „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“. Ein Familienroman, der sich mit allen möglichen Rückblicken und aus verschiedenen Blickwinkeln um Weihnachten 1971 in einer kleineren Vorstadtgemeinde im Mittleren Westen der USA abspielt. Die Mitglieder der Familie Hildebrandt: Vater Russ, Mutter Marion, die Söhne Perry, Clem und Jason und die Tochter Becky.

Es geht darum: Wie eine Familie im Grunde mehr und mehr genau dadurch auseinander bricht, dass jedes Familienmitglied natürlich seinen ganz eigenen Weg geht. Eine Entwicklung fast jeder Familie! Jonathan Franzen gelingt es dabei wunderbar, nicht nur die Wege der einzelnen Personen aufzuzeigen, sondern immer wieder zu schildern, zu zeigen, wie diese eigenen Wege der einzelnen Familienmitglieder auf die anderen Familienmitglieder und auf das gesamte Familiengefüge einwirken. Wer sich über was ärgert, wer mit wem oder was eher gut oder eher schlecht zurecht kommt. Vater Russ, Pfarrer einer christlichen Gemeinde, verliebt sich in eine jüngere Frau, Frances Cortrell … Mutter Marion – schon lange mit Russ verheiratet – verliebt sich (auch oder vor allem sexuell getrieben) auch in einen Mann, Bradley … Tochter Becky verliebt sich in einen jungen Musiker, Tanner … Sohn Perry nimmt Drogen und verkauft Drogen an Mitschüler … Sohn Clem verlässt die Uni, verschwindet nach New Orleans, später nach Mexiko, möchte aus bestimmten ideellen Überlegungen heraus für den Vietnamkrieg eingezogen werden … über den jüngsten Sohn Jason erfährt man am wenigsten.

Crossroads ist vor diesem Hintergrund eine bei den Jugendlichen des Ortes sehr beliebte Gemeinde-Jugendgruppe, die geleitet wird von einem jüngeren neuen Mitwirkenden der christlichen Gemeinde, Rick Ambrose. Russ verliert dadurch den Anschluss an die Jugendlichen des Ortes – sofern er ihn überhaupt jemals hatte. Es ist eine große persönliche Niederlage für Russ.

Das Buch ist in zahlreiche Kapitel eingeteilt, die sich schwerpunktmäßig jeweils mit dem einen oder anderen Familienmitglied befassen.

Erstaunlich, wie sich Jonathan Franzen in jede Person hineinversetzen kann. Er kann wahrlich extrem gut schreiben! Deswegen war ja wohl auch „Die Korrekturen“ so erfolgreich: Das Magazin Time hat „Die Korrekturen“ zu den besten 100 englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden, gezählt. 2015 wurde dieser Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt.

Man hat den Stil von Jonathan Franzen, lese ich, in Kritiken mit dem von Dostojewski verglichen. Er beschreibt nicht nur irgendwelche Vorgänge, sondern im Grunde beschreibt er parallel ständig die Gefühlslagen, die Überlegungen der Betroffenen, deren Gedanken, deren emotionale Situation. Das bringt einem die Personen nahe. Hier eine Leseprobe, die den Stil schön darstellt.

Für eine weitere Leseprobe – von der Website bei http://www.rowohlt.de – bitte das Bild anklicken!

Der so überzeugend geschriebene Roman hat meines Erachtens allerdings eine Bruchstelle, an der ein völlig neuer Aspekt auftritt, der mich fast dazu brachte, das Buch zu beenden: Die Jugendgruppe „Crossroads“ reist auf einer der jährlichen Ausflüge zusammen mit Rick und Russ zu den Navajos, um ihnen gemäß eines staatlichen Auftrages bei Arbeiten zu helfen. Es entstehen dort völlig neue Probleme.

Die Navajos sind Indianer. Sie möchten in Ruhe gelassen werden. Das Navajo Nation Reservation ist übrigens mit 67.339 km² das größte Indianerreservat in den Vereinigen Staaten und erreicht die Größenordnung des Bundeslandes Bayern.

Unabhängig davon: Der 800-Seiten-Roman ist (trotz der gefühlten Länge im „Navajo-Teil“) lesenswert, ist meine Auffassung. Es passiert nichts besonders Aufregendes, man folgt den Personen und dem Auseinanderfallen der Familie.

HIER der link zum Twitter-Account des Rowohlt Verlages.

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LITERATUR: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Ich habe jetzt auch noch das Buch gelesen: „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux. Die deutsche Version und daneben die schöne französische Version. Zum Buch ist derzeit im Münchner Marstalltheater ein „Theaterstück“- oder besser: eine „Performance“ – zu sehen. Über den Abend im Marstalltheater hatte ich kürzlich auch geschrieben (HIER). Der letzte Satz des Abends hatte – fand ich damals gut – etwas mit „Hoffnung“ zu tun, ich wusste aber nicht mehr genau den Wortlaut.

Wo der Satz steht, habe ich jetzt gesehen: Mitten im Buch, auf Seite 94. In der französischen Version auf Seite 88. Annie Ernaux überlegt dort, was sie antreibt, die Vergangenheit wieder heranzuholen. Der Satz lautet: „Was, wenn nicht die Hoffnung, dass es zumindest eine Spur von Ähnlichkeit gibt zwischen diesem Mädchen, Annie D, und irgend wem anders.“

Ich finde das Buch besonders, es ist lesenswert. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux führt zu einer Frage, die wirklich interessant ist: Was hat man früher eigentlich wie erlebt? Man kannte die Zukunft ja noch nicht. Sie geht in ihrem Buch dieser Frage anhand eines kurzen Zeitraumes ihres eigenen Lebens nach.

Annie Ernaux kommt im Alter von heute über 80 Jahren tatsächlich nicht umhin, über diesen kurzen Zeitraum im Sommer 1958 – und etwa ein/zwei Jahre danach – zu schreiben. Es waren sehr entscheidende Jahre für sie. Alles kam wahrscheinlich in ihrem Leben danach erst einmal anders, als gedacht.

Wichtig ist: Es geht ihr beim Schreiben über diese Zeit nicht etwa darum, eine „Erzählung“ zu schreiben, ein Geschehen zu beschreiben, sondern darum, nachzuforschen, wie sie sich selbst in dieser Zeitspanne, als sie gerade 18 Jahre alt war, gefühlt hat. Kann man das überhaupt noch herausfinden, ohne es mit nachträglichen Erfahrungen zu vermischen?

Man könnte ja sagen, soll sie doch zum Psychiater gehen. Aber es ist ein Unterschied: Ein Psychiater würde eben aus heutiger Sicht überlegen: „Wie kann Frau Ernaux damit umgehen?“ Sie aber möchte in diesem Buch wissen: „Wie war ich damals?“ Sie möchte sich in der damaligen Zeit näher kommen, sich wiedererkennen, sich kennen lernen. Und ihre Technik dazu ist folgende: Sie möchte Gegenstände sehen – Erinnerung durch Gegenstände, sie sieht sich alte Fotos an, sie liest alte Briefe, sie definiert Gegenstände von damals.

Darum geht es:

Annie Ernaux hat damals Dinge erlebt, die – ohne es damals zu wissen – ihr künftiges Leben prägten: Annie Ernaux war in einfachen und geradezu ängstlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sie sollte es nach dem Wunsch ihrer Eltern „einmal besser haben“. Ihre Eltern behüten sie extrem. Sie geht auf eine katholische Schule. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag konnte Annie erstmals in ihrem Leben quasi dieser Enklave der Umsorgung und des Schutzes entkommen, etwas alleine unternehmen. Sie konnte als jüngste Betreuerin in einem Ferienlager für junge Schulkinder arbeiten. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Für sie war es zum ersten Mal in ihrem Leben der Sprung ins Leben. Sie war hoch ambitioniert. Sie wollte feiern, endlich junge Menschen kennen lernen, das Leben kennen lernen, sich kennen lernen. Es ging schief. Auf einer Party der Betreuer und Betreuerinnen des Schullandheims machte sich dann sehr bald der Leiter des BetreuerInnenteams – H – an sie ran. Er verführte sie, sie verbrachten die Nacht miteinander. Annie nahm es hin, fand es spannend, schämte sich nicht. Danach zog sich H aber komplett von ihr zurück. Offensichtlich hatten auch die anderen Betreuer und Betreuerinnen mitbekommen, dass sie die Nacht mit dem „Chef“ verbracht hatte. Sie wurde ab dieser Nacht quasi verpönt. Kurze Zeit später geschah Ähnliches. Annie verbrachte eine weitere Nacht mit einem der Betreuer. Für sie war es immer noch hoch spannend! Sie schämte sich wieder nicht, es war Freiheit und ein Drang nach Sex, Freiheit, Grenzenlosigkeit. Sie war völlig orientierungslos und ohne jede Erfahrung. Sie ließ sie es gefühllos geschehen. Man sprach von ihr schnell als „kleine Nutte“. Mehr und mehr merkte sie andererseits, dass sie den Betreuerchef H abgöttisch liebte – oder bildete es sich ein. Vielleicht, weil sie bis dahin dachte: „Wenn ich zum allerersten Mal mit jemandem schlafe, das muss doch wahre Liebe sein!“ Es kam noch zu einer weiteren Nacht mit H. Er zog sich aber auch dann wieder sofort von ihr zurück. Sie hat ihn nie mehr in ihrem Leben gesehen. Annie dagegen meinte, sie seien doch jetzt ein Liebespaar. Ihre Orientierungslosigkeit. Die Demütigungen.

Auch nach Ende des Schullandheims waren ihre nächsten Jahre geprägt von ihrer Liebe H. Sie hat immer wieder H vor Augen, wusste, dass er in Rouen lebte, wo sie eine Ausbildung machte, wollte ihn aber nur „zufällig“ treffen. Sie bereitet sich vor auf ihn, lernte Dinge, nahm ab, bildete sich etc. Aber sie wurde im Folgejahr nicht mehr im Schullandheim angenommen! Sie sah H dann nie wieder. Sie entwickelte eine Essstörung, Bulimie.

Sie machte eine Ausbildung zur Grundschullehrerin, H war schließlich Grundschullehrer gewesen! Sie brach die Ausbildung aber ab, man sagte ihr, sie sei ungeeignet. Sie verbrachte als Au-Pair Mädchen eine Zeit in London. Auch dort eigenartige Erlebnisse. Danach begann sie mit einem Literaturstudium. Das war ihr neuer Weg, ein Weg, der ihr wohl entsprach. Vielleicht kann man sagen, sie hat die Kurve gekriegt. Annie Ernaux.

Die Zeiten der abrupten Freiheitsgier, der absoluten Orientierungslosigkeit und der Demütigungen – auch sozial. Es saß wohl das Leben lang in Annie Ernaux.

THEATER: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Silvia Costa und Annie Ernaux – die Namen zweier Frauen, denen man jedenfalls in Münchens Theaterszene bislang nicht begegnet ist. Interessant, diese beiden Personen jetzt in Form der Inszenierung „Erinnerung eines Mädchens“ am Münchner Residenztheater (Werkraum) zu „erleben“.

Annie Ernaux wird genannt als eine der „bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart“. Sie ist mittlerweile über 82 Jahre alt und schreibt/schrieb sehr autobiografisch. Man hört ihren Namen in einer Reihe mit dem französischen Philosophen Didier Eribon, auch mit Edouard Louis, die ja beide aus französischer Sicht sehr sozialkritisch und gesellschaftskritisch unterwegs sind. In mehrfach preisgekrönte Werken näherte sich Annie Ernaux etwa ihrem Vater („La Place“, Der Platz, 2019) und ihrer Mutter („Une femme“, Eine Frau, 2019). Sehr autobiografisch und immer auch gesellschaftskritisch. Das Ehepaar, ihre Eltern, aus einfachen Verhältnissen der damaligen Zeit. Auch häusliche Gewalt und soziale Scham sind Themen ihrer Werke.

Ganz anders Silvia Costa. Sie ist Italienerin, gerade einmal 39 Jahre alt. Als Regisseurin Bühnenbildnerin und Darstellerin ist sie schon an vielen europäischen Orten tätig gewesen. Theater, Oper, Performance, Installationen, Videoarbeiten, das sind ihre Bereiche. Eine ganz andere Generation als die Generation von Annie Ernaux. Silvia Costa ist jetzt für “Inszenierung und Bühne“ von „Erinnerung eines Mädchens“ an das Münchener Residenztheater gekommen.

Es ist ein Abend im Werkraumtheater. Die kleine Bühne des Werkraum ist schlicht gehalten und strahlt Klarheit, fast Eleganz aus. So auch der Abend. Der erste Bühneneindruck passt zur Inszenierung von Silvia Costa. Eine dunkelblau gehaltene Wand im Hintergrund, darin links neben einer Tür eine sehr lang gezogene recht schmale Wandöffnung auf Brusthöhe, zwei Türen, alles schlicht gehalten, dünn gerahmt, zwei Lampen am Boden, eine alte Stereoanlage, sonst im Grunde nichts.

Langsame Bewegungen, relativ langsame Sprache, nicht viel Aktion auf der Bühne, einzelne Gegenstände werden herangezogen. So erlebt man diesen Abend. Drei Frauen, die gleichzeitig im Zusammenspiel miteinander Annie Ernaux repräsentieren. Sybille Canonica, Juliane Köhler, Charlotte Schwab, alle drei meist sehr ähnlich gekleidet. Annie Ernaux erzählt an diesem Abend von einer Erinnerung, die sie ihr Leben lang nicht losließ. Erlebnisse von ihr als jungem Mädchen. Sie nennt das Mädchen „Mädchen von 58“. Es war 1958.

Ja, es geht auch um einzelne Gegenstände. Einen Schal, Sommersandalen, einen Rock, andere Kleidungsstücke, eine Art Badetuch und und und. Es ist in der Tat Annie Ernauxs Technik, sich der Vergangenheit zu nähern: Gegenstände zu nehmen, aus denen sie ihre Erinnerung entwickelt. Nicht um etwas zu erfinden, sondern um sich selber zu finden. Sich als das „Mädchen von 58“ zu finden, sich ihm anzunähern.

Und nicht nur, um eine Geschichte zu erzählen. Es geht nicht nur um ein Erlebnis: Es geht in der feinen Sprache von Annie Ernaux, in der feinen und ruhigen, sehr konzentrierten Wortwahl des Abends im Kern der Erzählungen immer um Folgendes: „Wer bin ich? Wer war ich? Hat meine heutige Erinnerung und meine heutige Person noch etwas mit der damaligen Person zu tun? Hat die damalige Person, an die ich mich erinnere, heute noch etwas mit mir zu tun? Kann ich mich überhaupt wirklich erinnern? Ist das „Mädchen von 58“ wirklich ich? Was bedeutet die Erinnerung? Ich habe die Dinge ja damals schlicht erlebt.

Man sitzt in den Zuschauerreihen und kann kaum umhin, an seine eigene Vergangenheit zu denken. Wer war man? Wie hat man die Dinge damals erlebt? Was ist noch heute Teil des eigenen Lebens?

Annie Ernaux erzählt von ihrer ersten sexuellen Begegnung – von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausheilte. Annie Duchesne wurde 18 Jahre alt, arbeitete im Sommer 1958 als Betreuerin in einer Ferienkolonie, fand in eine Clique, sie genossen ihre Jugend, sie war in H. verliebt, mit ihm hatte sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutete. Auch weil H. sie fortan ignorierte, weiß sie nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell war sie verfemt. Was folgte, waren Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham. Und Schweigen. Über 55 Jahre brauchte Annie Ernaux, um sich dieser »Erinnerung der Scham« stellen zu können. Diese Erinnerung war immer Teil ihres Lebens!

Es ist ein ruhiger, schöner, in keiner Weise wilder oder aufrührender Abend. Man denkt an seine eigene Vergangenheit. Der Abend endet mit einem Satz, in dem es – auch schön – um Hoffnung geht. Etwa: Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Person, an die ich mich erinnere, wirklich etwas zu tun hat mit mir. Oder so ähnlich. Ich kann ihn leider nicht mehr zitieren, Der Satz war etwas anders. Ich werde das Buch lesen und vielleicht wieder auf den Satz stoßen. Dann korrigiere ich ihn hier.

Der Abend ist fast eher eine Performance, als ein Theaterstück. Jedenfalls schafft es Silvia Costa, die Gedanken von Annie Ernaux aus dem Buch “Erinnerung eines Mädchens“ schlicht und fein auf die Bühne zu bringen. Es passt und regt zum Denken an.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

LITERATUR: Juli Zeh – Über Menschen

Nicht zum ersten Mal habe ich ein Buch von Juli Zeh gelesen. Dieses Mal hat es mich nicht voll begeistert. Das mag anderen anders gehen, daher schreibe ich hier natürlich darüber. Das Thema trifft ja den Zeitgeist, die „Stadtflucht“. Das Buch hat im Kern wahrscheinlich einige autobiografische Elemente. Wie im Buch, so auch im Juli Zehs Leben: Eine Person – Dora – verlässt die Großstadt und zieht aufs Land in den in Brandenburg gelegenen, verlassen und vergessenen Ort „Bracken“ – einen „Wohnplatz“ der Gemeinde „Gleiwitz“.

Juli Zeh lebt seit Jahren in Barnewitz, einem Dorf im Havelland in Brandenburg, zuvor hatte sie über viele Jahre in Leipzig gelebt. 

Etwas ganz Persönliches dazu von mir:

Der Ort -> Barnewitz ist wahrlich nicht weit entfernt von -> Rhinow, dem Ort, in dem meine Familie mütterlicherseits in frühen Jahren ein schönes Häuschen hatte. Ich hatte es nach der Wende noch besucht. Rhinow wiederum liegt neben den -> „Rhinower Bergen“, auf denen wiederum der Flugpionier -> Otto Lilienthal damals, Ende des 19. Jahrhundert, täglich seine Flugübungen machte. Otto Lilienthal stürzte dort am 9. August 1896 ab – bei -> Stölln nahe Rhinow (in der Nähe von Barnewitz also, neben Berlin) – und starb dann auf dem Weg nach -> Berlin bzw. in Berlin. Mein Urgroßvater erlebte diesen Absturz ganz persönlich! Und er war es, der nach dem Absturz als Arzt Otto Lilienthal auf dem Weg nach Berlin begleitete. Ja, mein Urgroßvater!

Zurück zum Roman:

Juli Zeh mag diesen Roman recht schnell geschrieben haben. Er enthält meines Erachtens daher auch rein stilistisch gesehen nicht irgendeine Besonderheit, er schildert inhaltlich einfach den Ablauf gewisser Dinge. Dinge des modernen Lebens in unseren Sphären. Alles, was geschieht, entspricht dabei leider immer wieder irgendwie einem „Klischee“, das wäre mein größter Kritikpunkt. Dem Klischee über Stadtflucht. Dem Klischee über einen vergessenen Ort, der an nichts angebunden ist. Dem Klischee über die Menschen, die dort leben. Dem Klischee über die Menschen, die in Großstädten leben. Dem Klischee, wie man in welcher Situation denken oder handeln wird. Und so weiter. Immer wieder Klischees, Klischees. Ich fühlte mich leider beim Lesen dieses Buches durchgängig so, als würde ich etwas lesen, was nach allgemeiner Einschätzung „nicht anders sein kann“. Viel von diesen Klischees trifft ja zu!

Ich selber mag es aber, wenn ich etwas lese, im Grunde lieber etwas „abseitig“, nicht so erwartbar, so herkömmlich. Andererseits mag ich es, wenn ganz einfache Dinge des Lebens beschrieben werden. Aber dabei freue ich mich immer nur, wenn – allein etwa durch den Schreibstil – etwas Besonderes daraus herausgeholt wird. Dann bereichert mich das Buch.

Ja, es mag so sein, dass einfach alles so ist, wie Juli Zeh es beschreibt. Der Roman ist insoweit die gute und sicherlich weitgehend treffende Schilderung einer gesellschaftlichen Situation. Auf dem Buchdeckel heißt es dementsprechend (Zitat Denis Scheck, SWR Fernsehen): „Ein Buch, das einem die Augen öffnet für unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit.“ So kann man es auch formulieren. Es wird so sein. Und wenn man lesen möchte, wie es ist, aus dem wilden Berlin in einen vergessenen Ort zu ziehen: Hier hat man ein gutes Lesewerk.


Juli Zeh beschreibt dabei alles wieder sehr gut, keine Frage! Man liest es flüssig und schnell, die Geschichte entwickelt einen Zug. Man hat alles gut vor Augen! „Dora“, die Hauptperson des Romans, neuerdings getrennt von ihrem in Berlin/Kreuzberg lebenden Lebenspartner (oder Ehemann) „Robert“, kommt im Laufe des Romans tatsächlich einzelnen zunächst eigenartig wirkenden Menschen, die auf dem Land um sie herum leben, näher. Aber auch etwa Robert: Man liest etwas, was man kennt. Robert ist zunächst immer mehr „ökologisch unterwegs“, fast besessen von jedem Detail, von seiner ökologischen Überzeugung. Dann kam Corona hinzu, auch das wird zu seiner Berufung! Und alle anderen, die nicht seiner Überzeugung sind, sind insoweit Trottel, sollten lieber seinen Vorgaben folgen. Das hält Dora dann nicht mehr aus. Man kennt es. Aber auch hier: Es wird geschildert, aber man erhält meines Erachtens dazu leider keine weiterführenden Gedanken.

Zum Ort Bracken: Das schwule Pärchen im Ort, der „Dorfnazi“ auf dem Nachbargrundstück – das bezeichenderweise durch eine Mauer von ihrem Grundstück getrennt ist, auch andere Bewohner lernt Dora kennen. Vieles verwundert, stört und irritiert sie, aber es entstehen Beziehungen, über ihre persönliche emotionale „Mauer“ hinweg gewissermaßen, die diesen Roman prägen. Insoweit hat dieser Roman übrigens Ähnlichkeiten zu ihrem vorherigen Roman „Unter Leuten“. Das ist jedenfalls der Weg dieses Romans: Man zieht in eine „fremde Welt“, an der einen zunächst vieles stört oder verwundert, und kommt dann doch zwangsläufig dieser Welt näher. Das ist auch der positive Aspekt dieses Romans. Hinter jedem Klischee steckt mehr und jede Welt ist berechtigt.

HIER ein Link zu einem Filmbeitrag der Sendung ASPEKTE über den Roman.

LITERATUR: Teresa Präauer – Das Glück ist eine Bohne

Vor Jahren hatte ich den Roman „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer gelesen und im Blog hierüber geschrieben. HIER der damalige Beitrag. Diese verrückte, lustige und ironische Erzählung eines „Taugenichts“ war eine schöne Entdeckung! Deshalb habe ich mir nun ihr neues Buch „Das Glück ist eine Bohne“ besorgt und habe es gelesen. Ich habe aber selten von ein- und dem/derselben Schriftsteller/in so unterschiedliche Bücher gelesen. 



„Das Glück ist eine Bohne“ ist – im Gegensatz zur humorvollen Erzählung „Oh Schimmi“ – eine Sammlung vieler kleiner „Beobachtungen“. Es sind 82 kleine Texte von oft nur zwei Seiten, mal vier, mal fünf etc. Allein deshalb liest es sich natürlich leicht, man kann es immer wieder weglegen, ohne den Faden zu verlieren. Es gibt keinen roten Faden, der die einzelnen Texte zusammenhält. Doch, man könnte sagen: Teresa Präauer hat gestöbert und geschrieben. Sie hat in ihren Erinnerungen gestöbert und ebenso in YouTube, im Fernsehen, auf Netflix, im Internet, sie schafft dann aus irgendeiner Beobachtung heraus Verbindungen zu Musikstücken, erwähnt Künstler, erwähnt andere mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten … Das ist der rote Faden. HIER der Link zu einer Leseprobe, gelesen von Teresa Präauer.

Die Sprache der Texte ist leider längst nicht mehr so verrückt und humorvoll wie in der Erzählung „Oh Schimmi“. Teresa Präauer ist eben etwa fünf Jahre älter geworden, 42 Jahre alt ist sie heute. Man spürt es in ihren Beschreibungen, ihrer Sprache. Es mischen sich Sätze ein wie: „Die Angelegenheit ist, bei gleichzeitig repetitiv strukturierter Einfachheit des vorliegenden Textmaterials, komplex.“ (Seite 123). Puh, das ist nicht schön zu lesen. Ich habe selten das offenbar – zumindest im Schreibstil – recht schnell gegangene Älterwerden eines/r SchriftstellerIn so deutlich gemerkt! Das, was sie beschreibt, wirkt längst nicht mehr verrückt, leicht, abstrus und locker, auch nicht so lustig und ironisch wie die Erzählung „Oh Schimmi“. Schade! 

Es sind in „Das Glück ist eine Bohne“ auch nicht nur aktuelle „Beobachtungen“. Viele ihrer kurzen Texte knüpfen an – wie gesagt – sehr persönliche Erinnerungen an. Das macht es dem Leser nicht leicht. Teresa Präauer hat dann natürlich ihre Vergangenheit sehr genau vor Augen, aber nur in ihr schwingt die Erinnerung, im Leser nicht.

Fast unangenehm übertrieben ist leider, finde ich, die Erzählung mit dem Titel „Aufgewachsen in Bibliotheken“. Teresa Präauer schildert dort, wie sehr sie im Grunde – was Bücher angeht – prädestiniert sei. Vieles mag stimmen, aber muss man das so herausstellen? Sie sei nicht nur in einer Bibliothek gezeugt worden, ihr Vater sei dort nicht nur Archivar gewesen, ihre Mutter sei nicht nur literaturbegeistert und “Leseratte“ gewesen, Teresa Präauer sei nicht nur in der Bibliothek aufgewachsen, sie habe dann nicht nur auch, als sie größer geworden war, viel Zeit in der Bibliothek verbracht, nein, sie habe sogar lesen können bevor sie sprechen habe können! Und sie habe sogar, bevor sie lesen konnte, „einen guten Satzspiegel von einem weniger guten unterscheiden“ können. Ein Wunderkind!

Und in den vielen kurzen Texten ist es oftmals schwer, sich die Situation jeweils gut vorzustellen, die sie beschreibt. Neben zahlreichen Texten zu Erinnerungen aus ferneren Zeiten bringt sie anfangs etwa Texte zu ihrem einjährigen Aufenthalt in Amerika vor wenigen Jahren. Auch hier enthalten die Texte genaue Beschreibungen von irgendetwas, was sie erlebt hat, oder von irgendwem, den/die man selber ja nicht kennt, oftmals verbunden mit ihren Gedanken dazu. Man fragt sich leider manchmal: Was interessiert mich das? Oft verbindet sie ihre Beschreibungen kurz mit – manchmal recht komplizierten – allgemeineren Gedanken und Interpretation, die man im Grunde nur versteht, wenn man das, worüber sie schreibt, genau vor Augen hätte. Das fehlt leider oft.


Das Buch ist also kein leichter „Schmöker“, man kann sich aber durch viele meist kurze Gedanken, Erinnerungen und Fundstücke aus der medialen Welt treiben lassen, auch das mag gefallen.

LITERATUR: Daniel Mason – Wintersoldat

Man kennt vielleicht Daniel Masons Debütroman „Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“ (Deutsche Fassung 2003). Dort geht es um einen Klavierstimmer, der zu Zeiten der dortigen britischen Kolonialherrschaft nach Burma, in das heutige Myanmar, reist. Es geht wohl auch um Liebe. Ich kannte den Roman nicht. Ich kannte auch Daniel Mason nicht. Aber ich hatte kürzlich Geburtstag und habe seinen aktuellen Roman „Wintersoldat“ geschenkt bekommen.

Daniel Mason ist Amerikaner und ich finde, man erkennt manchmal an der Art und Weise, wie ein Buch geschrieben ist, dass der Autor Amerikaner ist. So auch bei diesem Roman. Natürlich erkennt man das nicht bei allen amerikanischen Autoren, bei Paul Auster beispielsweise wenig (kürzlich gelesen: Sein autobiografischer Roman „Winterjournal“), bei Richard Powell wenig (ich mochte den fantastischen und anrührenden Roman „Der Klang der Zeit“ ganz besonders!), bei Louis Begley wenig (ich kenne von ihm „Erinnerungen an eine Ehe“ und „Schiffbruch“). Es gibt natürlich fantastische amerikanische Autoren. William Faulkner etwa („Licht im August“!). Oder Ernest Hemingway und seine Short Stories. (Er hatte übrigens Anfang Juli diesen Jahres seinen 60. Todestag. Und ich meinen 60. Geburtstag!) Oder oder oder. Die Liste der wirklich beeindruckenden amerikanischen Schriftsteller ist sehr lang!

Daniel Mason ist rein sprachlich gesehen dagegen nicht irgendwie auffallend. Ich möchte behaupten, vor allem viele europäische Schriftsteller schreiben oftmals irgendwie variantenreicher, im Stil einfallsreicher oder empfindsamer. Der Roman „Wintersoldat“ von Daniel Mason scheint mir eine Erscheinung relativ moderner amerikanischer Literatur zu sein: Der Roman ist eine sehr genaue und dadurch sehr intensive Schilderung der Entwicklung eines tragischen Lebens in sehr schwerer Zeit! Die Zeit des 1. Weltkrieges! Die Schilderung des Lebens des jungen Arztes Lucius wird – das mögen die Amerikaner ja – bald mehr und mehr zu einem „page turner“, also zu einem Buch, das man nicht weglegen möchte, sondern bei dem man Seite für Seite weiter lesen möchte, um den jeweiligen weiteren Verlauf und den Ausgang der Geschichte zu erfahren.

Beeindruckend ist auf jeden Fall die unglaublich genaue und facettenreiche Schilderung der fürchterlichen damaligen Umstände an der russisch/österreichischen Frontlinie während des ersten Weltkrieges. Die Kriegszustände! Lucius ist Lazarettarzt hinter der Frontlinie. Ebenso beeindruckend ist die unglaublich genaue und facettenreich Schilderung der medizinischen Möglichkeiten der damaligen Lazarettärzte hinter der Frontlinie. Mason schildert immer wieder grauenhafte Entstellungen und Verletzungen viele Soldaten. Insoweit ist der Roman sogar nicht einmal mehr zeitgemäß, Kriege würden heutzutage doch – meint man – eher mit dem sofortigen Tod des Soldaten enden, als mit fürchterlichen Erfrierungs- oder Schussverletzungen oder mit Entstellungen durch Granaten und Bomben. Heutzutage leidet die Zivilbevölkerung viel mehr! Insoweit ist dieser Roman eher ein historischer Roman.

Auch, scheint mir, ist etwas typisch für moderne amerikanische Literatur: Natürlich mischt sich neben all diesen fürchterlichen Schilderungen der damaligen Lebensumstände das Thema der großen Liebe in den Roman! Das Thema der großen Liebe bestimmt letztlich den Verlauf des Romans! Und insoweit wählte Daniel Mason wohl wieder die Technik, die er auch bei seinem Debütroman angewandt hatte. Das Thema der Liebe hält den Roman am Laufen!

Ich muss gestehen: Der Titel „Wintersoldat“ hat mir dabei nicht sehr gefallen. Was ist denn ein Wintersoldat? Gut, im Laufe des Romans wird es klar. Es ist ein völlig traumatisierter, ansonsten wohl unverletzter Soldat, der im tiefsten Winter ins Lazarett kommt. Er prägt den Roman auch in gewisser Weise. Ihn aber gleich „Wintersoldat“ zu nennen, scheint mir fast kitschig.

Also: Wer einen historisch recht interessanten und sehr detailreich geschriebenen Roman zum 1. Weltkrieg lesen möchte, den er nach einer gewissen Zeit auch nicht mehr weglegen möchte – im Urlaub etwa, der möge sich den mit diesen Vorgaben durchaus guten Roman „Wintersoldat“ von Daniel Mason nehmen.

LITERATUR: Eva Schmidt – Die Welt gegenüber

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte in ihrer Literaturbeilage in diesem Frühjahr das Buch „ Die Welt gegenüber“ von Eva Schmidt in die Liste der Vorstellung der „wichtigsten Romane des Frühjahres“ aufgenommen. HIER der kurze Beitrag der FAZ. Eva Schmidts davor erschienener Roman „Ein langes Jahr“ gelangte 2016 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sie ist Österreicherin, lebt in Bregenz.

Wer etwas Unspektakuläres lesen möchte, im Urlaub etwa, keinen Krimi, normales Leben, akkurat beobachtet und geschildert, der mag an diesem Buch Gefallen finden. Es scheint eine Spezialität von Eva Schmidt zu sein, das Unspektakuläre zu beachten und genau zu beschreiben. Schon ihr erfolgreicher Roman „Ein langes Jahr“ wird davon geprägt.

In „Die Welt gegenüber“ schildert Eva Schmidt in zwölf voneinander völlig getrennten kleinen Episoden einfach Begebenheiten aus einzelnen Leben. „Einfache Begebenheiten“ ist nicht ganz treffend, es sind mitunter sehr spezielle Vorgänge, die geschildert werden. Man versteht die Begebenheiten meist nicht ganz, Eva Schmidt schreibt zwar nicht durchgehend aus der Rolle einer entfernten Beobachterin, die die Dinge selber nicht ganz verstehen würde. Nein, es wird auch mit eben diesem kurzen Blick auf teils alltägliche Gegebenheiten geschildert, was sich die betroffene(n) Person(en) denkt/denken, in welcher Situation sie ist/sie sind. Hinter jeder Geschichte steckt ja ein ganzer Kosmos. So ist es eben, in jeder Sekunde, bei jedem Menschen ist es ja so. Aber es bleiben Ausschnitte. Vor allem bleibt das „Ende“ der geschilderten kurzen Entwicklungen meist offen. Es gibt eben kein „Ende“.

Dass das „Ende“ der Kurzgeschichten offen bleibt, verstört ein wenig, da sich während der einzelnen Schilderungen Spannung aufbaut! Es scheint ständig auf etwas zuzulaufen, oft bleibt aber das, was man vielleicht erahnt, aus. Wie so oft. Man will beim Lesen der einzelnen Geschichten mehr und mehr wissen, was sich ergibt. Am Ende bleibt aber man oft ratlos.

Der Schreibstil von Eva Schmidt ist unspektakulär. Sie wählt die Alltagssprache. Nichts Gedrechseltes, aber auch – mir etwas zu sehr – auch ohne irgendeine Besonderheit in der Darstellung. Das kann aber durchaus gefallen! Sie schildert sehr genau und mit einfachen Worten die Begebenheiten so, wie man sie meist als Außenstehender oder eine(r) der Beteiligten sieht. Immer wieder sind die Schilderungen allerdings auch getragen von den subjektiven Absichten oder Ansichten, den Gedanken, der betroffenen Personen. „Blicke von innen“, sind es dann, aber auch die sind eher nüchtern geschildert, manchmal auch direkt aus der Ich-Perspektive heraus. Auffallend ist, dass in fast jeder Geschichte jedenfalls kurz oder auch länger der Tod erwähnt wird. Er ist sogar prägend für eine Geschichte („Vielleicht nach Skagen“). Ein Friedhof, ein gestorbener Lebenspartner, Suizidgedanken …

Nun, es ist ein angenehmes „Sommerbuch“, wenn auch literarisch „harmlos“, man kann sich Stück für Stück die einzelnen Episoden vornehmen.

LITERATUR: Andreas Maier – Die Universität

Ich habe im Grunde noch selten – zu selten – an dieser Stelle über Werke von Andreas Maier geschrieben, obwohl ich doch seit vielen Jahren alles lese, was von ihm publiziert wird. Und das ist viel! Allein seine letzten Titel, Teile einer Reihe „Ortsumgehung“, die auf elf Bücher über Dinge seines Lebens angelegt ist.

Die Teile „Onkel J.“ (gehörte vielleicht noch nicht zu dieser Reihe), „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“, „Der Kreis“, „Die Familie“, „Die Universität“, „Die Städte“ erschienen bisher. Davor schon hatte er teilweise wunderbare Bücher veröffentlicht: „Wäldchestag“, „Klausen“, „Kirillow“, „Sanssouci“ etwa. Ich persönlich könnte sie alle empfehlen.

HIER der Link zur Autorenseite auf der Website des Suhrkamp Verlages.

Sein aktuelles Buch – kürzlich erschienen – „Die Städte“ werde ich wahrscheinlich noch besprechen. Zunächst möchte ich hier ein paar Worte über das Buch verlieren, das etwa ein Jahr zuvor erschienen war – ebenfalls als Teil der Reihe „Ortsumgehung“: „Die Universität“.

Es ist im Grunde ein schmales Bändchen. Andreas Maier schildert zehn verschiedene kleine Episoden aus seiner Studentenzeit. Natürlich studierte er in Hessen, Frankfurt am Main, Germanistik und Philosophie, später noch Altphilologie. Er lebte ja in der Wetterau, im Hessischen, der Gegend, um die es in der Reihe „Ortsumgehung“ immer wieder geht, seine Heimat. Schön finde ich ja bei alldem seine Sprache: Möglichst einfach, nicht gedrechselt, nicht aufgesetzt. Andreas Maier will dem Leser nichts aufzwingen. Ganz einfache Szenen werden meist locker mit möglichst einfachen und nicht übertrieben vielen Worten geschildert. Möglichst einfache Schilderungen, aber dennoch in schöner Sprache. Oder: Die Szenen werden nicht geschildert, sondern eher beobachtet. Das macht es dann interessant. Ein Arztbesuch, ein Seminarabend, eine Autofahrt, seine Freundinnen, andere Personen. Dinge, die wir alle erlebt haben.

Es geht in den Teilen der Reihe „Ortsmgehung“ nicht um eine bloße Schilderung solcher Situationen. Das könnte zäh, langweilig werden. Nein, es geht um einen speziellen Rückblick auf Kindheit, Jugend, auf Personen, Familie, Freunde, Freundinnen, Erlebnisse, Orte, sein Erwachsenwerden, ständig in dem Unterton, der einen als Leser immer in Distanz setzt zu dem, was man liest und zu dem, über den man liest. Aber man wird als Leser dabei vor allem immer wieder auf die Frage gestoßen: „

Vielleicht habe ich diese oder zumindest ähnliche Szenen damals auch so erlebt? Genau so!“

Er schreibt – besonders dieses Mal ist es mir aufgefallen – immer so, als wäre er damals überhaupt nicht richtig in der Welt gewesen. Es geht meistens um Dinge, die besser NICHT hätten passieren sollen oder besser künftig bitte NICHT passieren dürften, aus damaliger Sicht, Dinge, die er NICHT richtig erkannte, NICHT sehen konnte, die er NICHT versteht oder damals NICHT verstand, auch Träume kommen vor, Situationen, die es so eben in der Realität NICHT gab. Es geht immer wieder um Merkwürdigkeiten, Unklarheiten, Uneindeutiges. Dinge, die ihm einfach unverständlich waren, was er aber zum Teil, meint man, erst heute erkennt. All das bei ihm und bei anderen Personen oder bei den letztlich alltäglichen Ereignissen, von denen er erzählt. Nicht zu Unrecht steht am Buchrücken einer der entscheidenden Sätze dieses Bandes: „ICH, DAS IST DER MITTELTEIL DES WORTES NICHTS.“

Schon die erste Episode: Andreas möchte in den Semesterferien nach Italien fahren, fährt schon zum Bahnhof, doch er fährt letztlich NICHT. In der zweiten Episode geht es dann am deutlichsten um „Universität“, sein Studium. Er sitzt im gefüllten Seminarraum – Philosophie- und beobachtet die anderen Teilnehmer. Bis er merkt, dass auch er beobachtet wird. Auch hier: Er bemerkt, dass er NICHT nur Subjekt seiner Handlungen, seiner Beobachtungen ist, sondern auch Objekt anderer. Auch in der dritten Episode. Andreas muss zum Arzt wegen eines Ausschlags und wegen Magenproblemen. Der Arzt fragt ihn zuletzt: „Haben Sie einmal überlegt, NICHT in die Mensa zu gehen?“. Oder: Die Buchhändlerstochter, eine seiner ehemaligen Freundinnen. Er steht in der Buchhandlung, denkt an sie, aber: Er trifft sie natürlich NICHT! Will sie gerade NICHT treffen – oder doch? Oder das Cover: Ein kleiner Vogel. Ein Vogel blickt einen doch NICHT an, schaut einem eben NICHT in die Augen.

Eine Ausnahme bildet fast die neunte Episode. Eine Autofahrt. Sie wird ausnahmsweise sehr konkret so beschrieben, wie sie war. Hier gibt es kein NICHT. Hier kommen keine Merkwürdigkeiten zum Tragen, sondern Andreas Maier kann die stockende Autofahrt nach Frankfurt irgendwie mit unser aller Leben verbinden. Auch das nicht ausufernd, sondern mit einfachen Worten, treffend nachgedacht. Bei aller Einfachheit der Situationen in diesem Band – über die Universität mit dem Philosophiestudium! – ist es hier auch ein wenig gemischt mit philosophischen Überlegungen.

Und am Ende die kurze Schilderung der Szene, in der er die kalte Kirche betritt und dann im Dunkeln – natürlich NICHT deutlich zu erkennen – hinten im Kirchenschiff seine ehemalige Freundin, die Buchhändlerstochter, sieht. Stehen bleiben? Auf sie zugehen? Wieder ist es unklar.


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THEATER und LITERATUR: Florian Malzacher – Gesellschaftsspiele (Politisches Theater heute)

Theater und Politik – es sind ja zwei völlig verschiedene Welten. Für die Politik sollte Realität zählen, Politik basiert – in unseren Landen zumindest – auf Repräsentation aller. Da gelten Regeln. Für das Theater zählt Anderes. Alles, was im Grunde – Gott sei Dank – mit Politik nicht vereinbar ist, was von der Realität (mal mehr, mal weniger) wegführt. Es geht um Interpretation, um Ausdruck, Träumerei, Subjektivität, um Erschütterung, Kunst, Freigeist, all das und viel mehr. Aber auch um Kritik auf ihre Art.

Alles, was der Mensch immer wieder braucht, um nicht ausschließlich von der verdammten, gefährlichen sogenannten Realität gesteuert zu werden, das ist doch Kunst. Natürlich hat Theater dabei oft auch eine politische Kraft. Teils ungewollt, teils gewollt und beabsichtigt.

Nur: Wo sind denn die Schnittpunkte von Theater und Politik? Was ist noch Theater, was ist Politik? Darf, sollte oder müsste Theater auch Politik – besser: „Politisches“ – machen? Wann und vor allem wie wird der Zuschauer politischen Überlegungen ausgesetzt? Wann und wie macht Theater denn heutzutage Politik? Leben wir nicht in einer Zeit, in der das Theater viel Politisches bringen muss, weil so viele grundlegende Änderungen anstehen?

Das sogenannte „Politische Theater“ gibt es ja schon lange, im Grunde schon immer. Auch die griechischen Tragödien oder Shakespeare oder oder kann man ja politisch sehen. Ja, wir leben in Zeiten, in denen politisch sehr sehr viel getan werden muss und wir alle aufpassen müssen, wohin der Weg geht.

Eine aktuelle Bestandsaufnahme über HEUTIGE Ansätze politischen Theaters bringt das Buch „Gesellschaftsspiele“ (mit dem Untertitel „politisches Theater heute“) von Florian Malzacher, das ich gelesen habe. Ich habe es gelesen, da z. B. Falk Richter – künftig knstlerischer Leiter und Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen – in seinen Stücken gerne politische Aussagen vermittelt. Oder Christoph Schlingensief, dessen Filmportrait ich kürzlich besprochen habe: Er stand oft genug an einer Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. Sein Vorteil war ja, dass seine Aktionen fast immer als Kunstaktionen, nicht als Politik zu interpretieren waren. Das machte ihn freier.

Nun zum Buch von Florian Malzacher, das den Blick auf heutiges politisches Theater schärft.

Es ist keine leichte Lektüre. Schon die Kapitel, die man liest, sind anfangs überschrieben mit Begriffen, mit denen man zum Teil in Bezug auf Theater auf den ersten Blick recht wenig anfangen kann: „Repräsentation“, „Identitätspolitiken“, „Partizipation„. Danach kommen verständlichere Kapitelbezeichnungen: „Kunst und Aktivismus“, „Theater als Versammlung“.

Das Buch bleibt gottseidank nicht bloße Theorie. Es ist theoretisch gehalten, man muss es, schien mir, im Grunde zweimal lesen, es wird aber immer wieder gestützt durch Bezugnahme auf verschiedenste Aufführungen oder Projekte aus der „politischen“ Theaterwelt der letzten Jahre. Teils sehr bekannte Projekte von Christoph Schlingensief, Anta Helena Recke, Gintersdorfer/Klaßen, Rimini Protokoll, Lotte van den Berg, Zentrum für Politische Schönheit, Pussy Riot, Jonas Staal, Public Movement, Milo Rau und andere werden angesprochen.

Zu den einzelnen Kapiteln des Buches:

Repräsentation: Malzacher stellt zunächst die Frage, wer denn auf der „Bühne“ wen repräsentiert? Hierin steckt ja das erste politische Merkmal. Schwarze Schauspieler in einem bayerischen Stück (Mittelreich)? Behinderte (HORA)? Frauen? Androide? Dinge? Die Natur? Welche Auswirkungen hat die Repräsentation auf der Bühne auf den Zuschauer?

Identitätspolitiken: Dieses Kapitel hängt stark mit dem vorhergehenden zusammen. Es werden ja, so Malzacher, immer wieder Identitäten von – meist benachteiligten – Gruppen definiert. Dieses Suchen und Benennen von Gruppenidentitäten kann natürlich zur Spaltung der Gesellschaft führen. Malzacher schreibt:

Ein Theater, das sich selbst als politisch begreift, muss ein Bewusstsein für seine Wirkungen – auch seine Nebenwirkungen – haben. Das bedeutet zunächst einmal ganz simpel: zu versuchen, niemanden auszuschließen, zu benachteiligen, zu beleidigen und das Leiden anderer nicht durch bestimmte Formen der Darstellung zu verniedlichen.

Es bleibt ein Spagat: Unterschiedliche Benachteiligungen zu erkennen, anzuerkennen und zu bekämpfen – und zugleich Spaltungen zu überbrücken in einer Zeit, in der größere Allianzen progressiver Gruppen dringend nötig sind, um sich der immer realer werdenden Bedrohung von rechts entgegenzustellen.

Partizipation: Malzacher schreibt hier:

Wo Theater politisch sein will, muss es sich mit der Frage nach Teilhabe auseinandersetzen …

Teilhabe, „Mitmachtheater“ und – heute sehr aktuell – Immersion, also Eintauchen in eine erstellte Realität – Go in instead of look at. Freiwilligkeit – Unfreiwilligkeit, Aktivismus – Pazifismus, Konfrontation und Fürsorge, das und mehr sind Themen dieses Kapitels

Kunst und Aktivismus: Auch das ist ein weites Feld im Bereich „Politisches Theater“. Aktivismus spielt sich in diesem Bereich weniger auf Theaterbühnen ab. Gemeint sind eher Aktionen wie etwa diejenigen von Christoph Schlingensief oder vom Zentrum für Politische Schönheit. Auch sie müssen genaustens vorbereitet sein und dürfen nicht rein politische Bedeutung erhalten. Es geht oft um kurzfristige Verwirrung des Betrachters.

Theater als Versammlung: An den Münchner Kammerspielen wird in der nächsten Spielzeit ein Stück mit dem Titel „The Assembly“ laufen. Was ist Theater an einer Versammlung? Es sind meist Versammlungen, die eben nicht stattfinden. Die damit andere Stimmen zur Sprache bringen. Malzacher schreibt:

… neue Kollektivität: eine Praxis, bei der Kunst, Theater, Performance, Aktivismus und Politik zusammenkommen… Einerseits sind diese Versammlungen künstlerische Setzungen, andererseits stehen sie in direkter Verbindung mit sozialen und politischen Bewegungen, denen sie ihr künstlerisches Potenzial zur Verfügung stellen.

Bekannt ist vor allem Milo Rau in diesem Bereich. Das Congo Tribunal, General Assembly, die Moskauer Prozesse. Malzacher geht hier aber auch auf viele andere Beispiele dieser Art ein. Es ist ein weites und gern genutztes Feld, Theater und Politik zu verbinden.

Politisches Theater ist also sehr komplex, aber auch sehr aktuell. Das Buch „Gesellschaftsspiele“ kann beim Alexander Verlag in Berlin geordert werden. HIER der Link.


THEATER und LITERATUR: Falk Richter – disconnected

Falk Richter, der Theaterregisseur, der wegen einiger seiner Stücke – meist Stücke, die er selbst geschrieben hat – sehr bekannt (international bekannt) geworden ist. Andererseits ist er wegen rechtlicher Auseinandersetzungen mit der AfD zu seinem Stück FEAR bekannt geworden. Hierzu etwas mehr weiter unten.

Über 35 eigene Theaterstücke hat Falk Richter in etwas über 25 Jahren bisher entwickelt. Er ist ab der kommenden Spielzeit Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Die Münchner Kammerspiele schreiben über ihn:

„Autor und Regisseur, 1969 in Hamburg geboren, studierte Theaterregie in Hamburg … Hausregisseur an der Schaubühne Berlin sowie am Maxim Gorki Theater und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Zu seinen wichtigsten Werken zählen u. A. die weltweit gespielten Stücke „Electronic City“, „Unter Eis“, „Trust“ und „Fear“. … Einladungen zum Berliner Theatertreffen und Nominierung für den Mülheimer Dramatiker*innen-Preis … zuletzt 2020 mit „In My Room“. Uraufführung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg … wurde er zum Regisseur des Jahres 2018 gewählt. … Professor an der Danish National School for Performing Arts in Kopenhagen.“

Ich habe von ihm auf dem Berliner Theatertreffen 2019 die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ gesehen. In meinem Blog habe ich aus dieser Inszenierung auch zwei Musikstücke gebracht. „Fade Into You „ von Mazzy Star (HIER) und „Frank‘s Dance Peace“ (HIER), Musik des Theatermusikers Matthias Grübel, der in dieser Inszenierung für die Musik verantwortlich war. Theater, Musik und Tanz sind ja die drei Bereiche, die Falk Richter gerne verbindet, so wie es auch für die kommenden fünf Jahre an den Münchner Kammerspielen angekündigt ist.

Vor knapp zwei Jahren hatte Falk Richter ein Buch veröffentlicht, in dem er seine Auffassung von Theater erklärt. Es heißt „DISCONNECTED“ mit dem Untertitel „Theater Tanz Politik“. Ich habe es gelesen. Freunde der Münchner Kammerspiele werden Interesse an diesem Buch haben, da doch davon ausgegangen werden kann, dass Falk Richter auch weiterhin die dort erklärten Auffassungen vertreten und in gewisser Weise zur Basis seiner Inszenierungen machen wird.

Das Buch erscheint im Alexander Verlag Berlin. HIER ist der Link zur Buchseite des Alexander Verlags.

Falk Richter ist ein politisch und gesellschaftskritisch arbeitender Autor und Theateregisseur. In DISCCONNECTED geht er auf einige seiner Produktionen ein, die allesamt immer auch seine Sicht der Gesellschaft in unseren Sphären – die westliche Welt – widerspiegeln. Es sind vor allem seine Stücke „Trust“, „Das System“, „Unter Eis“, „For the Disconnected Child“, „Safe Places“, „Small Town Bodies“, „Complexity of Belonging“.

Zu seinem Stück FEAR musste er viel Kritik einstecken. Auf Wikipedia heißt es dazu:

“Die Inszenierung von FEAR beschreibt Katharina Röben in der Zeitung Die Welt als „überraschend konkret“, sie setze „reale Akteure in den Fokus“ und ergründe „die Angst hinter Hass und Fremdenfeindlichkeit“. Allerdings verharre sie „in einer exakten Bestandsaufnahme – aktuell, rhythmisch, bekannt“, sie liefere „zwar keine Antworten“, sei „aber herrlich komisch, albern und performativ“. ZEIT – Journalist Daniel Müller empfand das Stück als „hart“ und „eindrücklich“. Rechtswidrig sei es nicht. Es gehe „in Richters Stück um die Frage, wie diese gefährlichen Gedanken wieder aus der Welt zu schaffen sind. Die Gedanken, wohlgemerkt, nicht die Menschen, die sie in die Welt tragen“. Dagegen bezeichnete der Welt – Theaterkritiker Jan Küveler das Stück als „traurige“ und „feige“ Veranstaltung, die nicht an Tabus rühre und lediglich Vorurteile und Klischees bediene. Alexander Kissler diagnostizierte im Onlineangebot der Zeitschrift CICERO, der Abend propagiere „Vernichtung, nicht Diskurs“. Er sei „eine Kampfansage, kein Diskussionsangebot“ sowie eine „intellektuelle Bankrotterklärung“. Peter Laudenbach bilanzierte (HIER) in der Süddeutschen Zeitung, das Stück unterliege der „gleichen Logik wie die rechten Foren und Blogs, deren Teilnehmer einander zu immer schrilleren Ausfällen gegen Demokratie, Presse, Kanzlerin und sonstige Andersdenkende anstacheln: Diskursunfähigkeit als Programm“.

Ich konnte diese Anmerkungen ein wenig verstehen, als ich das Buch „Disconnected“ las. Das Buch geht zurück auf drei im Januar 2016 im Rahmen der fünften Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik gehaltene öffentliche Vorträge. Man liest darin im Grunde nicht etwas über künstlerische Aspekte des Theaters heute, sondern Gesellschaftskritik mit meines Erachtens etwas unschönem, zu pauschalem Unterton.

Die Kernaussagen von Falk Richters umfassender Gesellschaftskritik, die sich allein schon im Buchtitel „Disconnected“ widerspiegeln, lauten: Entfremdung des Individuums von sich selbst, vom Gegenüber und von der Gesellschaft – Einsamkeit, Entfremdung, Erschöpfung, Resignation, Überforderung – Unfähigkeit zur Nähe, gesellschaftlicher Druck zur Selbstentfremdung durch Selbstoptimierung – Zurichtung des Menschen durch die Marktverhältnisse!

All das schreibt Falk Richter der gesellschaftlichen Entwicklung der westlichen Welt zu. Starke Worte, die in vielerlei Hinsicht Berechtigung haben. Mir missfielen aber im Buch zwei Aspekte:

– Es ist zu viel und zu negativ: So wirkt es fast kindisch, all diese Aspekte aufzuführen, ohne wirklich ins Detail zu gehen. Das Buch strotzt von – wahrscheinlich locker über einhundert – Fragen zu diesen Aspekten. Antworten können natürlich kaum geliefert werden. Ob und welche Antworten hierzu in den Theaterstücken geliefert werden, kann ich noch nicht beurteilen.

Seine Inszenierungen sind oft Collagen mit vielen Brüchen, es sind nicht durchgehende „Geschichten“. Der Zuschauer wird hin- und hergeschleudert. Falk Richter bevorzugt es dabei, Situationen und Gefühle der Menschen gerade durch Tanz und Bewegung (Anouk van Dijk) darzustellen. Ich fürchte nur, dass man Hass und Zerrissenheit etwa durch Tanz besser darstellen kann, als Tendenzen zu möglichen Antworten auf die vielen aufgeworfenen Fragen und Beobachtungen. So bliebe es dann auch auf der Bühne allein bei der Bestandsaufnahme, der Bemängelung vieler Dinge.

– Der zweite Aspekt, der mir missfiel: Die Erläuterungen von Falk Richter haben insoweit teilweise fast einen aggressiven Unterton. Nicht explizit, aber es wird so viel Unwohlsein gegenüber den aufgegriffenen Aspekten und Personen erzeugt, dass man fast aggressiv werden könnte. Dies scheint auch einer der Gründe zu sein, warum Falk Richter mit seinem Stück FEAR stark kritisiert wurde. Aussagen und Darstellungen gegen Rechtspopulisten der AfD wurden, so die Kritik, mit fast den selben unschönen Mitteln gebracht, die kritisiert werden sollten.

Das Buch „Disconnected“ ist insoweit eine grobe Anhäufung gesellschaftspolitischer Aspekte, die Falk Richter umtreiben. Wir werden sehen, welche Aspekte davon in nächster Zeit von ihm in seinen Produktionen an den Münchner Kammerspielen zur Geltung gebracht werden.

Hoffentlich wird er die Themen etwas sensibler, fantasievoller und nicht so einseitig vorwurfsvoll bringen, wie es im Buch DISCONNECTED geschieht. Hoffentlich auch mit ein bisschen mehr Sinn für Details als es im Buch DISCONNECTED geschieht. Andererseits: Klar, man darf natürlich auch einmal pauschal und gröber arbeiten. Es bleibt spannend an den Kammerspielen – nach der Zeit unter Matthias Lilienthal, die mir gegenüber von mehreren Kennern und Liebhabern der Theaterwelt als „Geschichte“ bezeichnet wird. „Wir haben Geschichte erlebt“, hörte ich.

THEATER und LITERATUR: „In die Luft schreiben“ – Luc Bondy und sein Theater

Luc Bondy (*17. Juli 1948 – 28. November 2015) war einer der interessanten Regisseure des Theaters der vergangenen Jahrzehnte. Das Theater hat sich ja sehr entwickelt. Luc Bondy stand noch eher auf der klassischen Seite der Medaille. Freie Szene, Performances, Tanz und Ähnliches waren weniger sein Ding. Er setzte ganze Stücke um.

Aber er war sicher besonders. Vielleicht war er ein Übergang in neue Zeiten – in seinem offenen Umgang mit den SchauspielerInnen vor allem, denen er viel Freiräume gab, die er offenbar sehr schätzte und aus denen er so viel herausholte.

Bei Luc Bondy wurde schon früh Krebs diagnostiziert – 1975, er war keine dreißig Jahre alt! -, hatte aber nach der Chemotherapie noch viele Jahre, dann kam der Krebs zehn Jahre später wieder, wieder Chemotherapie, dann ging es wieder, dann kamen schwere Rückenprobleme/Wirbelsäulenprobleme hinzu, wieder Operationen, zusätzlich Diabetes, Luc Bondy starb 2015 im Alter von 66 Jahren.

Ich hatte kürzlich einen wunderbaren hochwertigen, großformatigen Bild- und Textband über Luc Bondy geschenkt bekommen. Ein Weihnachtsgeschenk, das erst jetzt bei mir ankam.

Auf 300 Seiten – schweres Glanzpapier – erhält man einen Einblick in Luc Bondy’s Leben, seine Person, sein Denken, seine Stationen, seine Freunde, seine Familie, seine Weggefährten. Es geht immer um seine Herangehensweisen an das Theater. Er scheint einen verschmitzten Humor, Intelligenz, Offenheit, absolute Literatur- und Theaterbegeisterung und vor allem Liebe für Menschen, für seine SchauspielerInnen gehabt zu haben. Ich glaube, er wollte nicht etwa ehrgeizig Stücke „produzieren“, sondern dem Leben näher kommen!

Der Band ist eine Zusammenfassung von Fotografien, Texten, Notizen, Zeichnungen. Er ist ein absolut gelungenes Geschenk für Theaterfreunde! Schauspieler, Kollegen, Assistenten, Dramaturgen, Familienmitglieder, Freunde, Autoren, Schriftsteller etc., sie alle kommen etwa zu Wort und schildern ihre Bekanntschaft zu Luc Bondy oder Erlebnisse mit ihm.

Sein Freund Botho Strauß, sein Freund Peter Handke, Jens Harzer, Ilse Ritter, etwas über Michel Picccoli, Yasmina Reza, Barbara Sukowa und und und. Zwischendrin finden sich immer wieder eigene Texte, Notizen, Gedichte von Luc Bondy. Das Buch schließt mit einem Text seiner Ehefrau.

Herausgegeben hat das Buch Geoffrey Layton, der viele Jahre lang Luc Bondy‘s Assistent war. Luc Bondy hatte sich gewünscht, dass er ein Buch über ihn und seine Arbeit herausgibt.

Ich hatte leider nie eine Inszenierung von Luc Bondy gesehen. ABER: Die Kulturredaktion des ZDF/3sat war so freundlich, mir Aufnahmen zweier Inszenierung von Luc Bondy zu schicken! „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza aus dem Jahr 2001 und „Schlußchor“ von Botho Strauß aus dem Jahre 1993!

Beide Inszenierungen waren damals zum Theatertreffen in Berlin eingeladen und wurden im Rahmen der Reihe „Starke Stücke“ von 3sat aufgezeichnet und gesendet. „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza war 2001 eingeladen, „Schlußchor“ war 1992 eingeladen. Gerade „Schlusschor“ ist meines Erachtens ein Gesamtkunstwerk! Schauspielerisch! Das Bühnenbild … Großartig!

Vielen Dank nochmals an das ZDF/3sat, Herrn Horn!

Ich lese immer wieder in diesem Buch! Auffallend ist, dass jeder Text und jedes Bild, jede Notiz eine Art Zurückhaltung ausstrahlt, die Luc Bondy ausgezeichnet haben wird. Es hat nichts Egoistisches! Es wird – obwohl es ein Buch über ihn ist – komplett vermieden, Luc Bondy nur in den Himmel zu loben, nichts ist anbiedernd, schreierisch. Er wird durchaus fast von allen seinen Weggefährten irgendwie bewundernd dargestellt. Natürlich hat in einem solchen Buch niemand etwas gegen ihn, aber die Gesamtstimmung dieses Buches trägt dazu bei zu erkennen: Er wollte dem Leben näher kommen, nicht nur Stücke produzieren!

Ein intelligenter Literat, ein absoluter Theatermann, ein Ästhet, er hatte Humor, war Freund der SchauspielerInnen, liebte Menschen, wie gesagt, war wohl nicht dirigistisch, nicht eingebildet, nicht Autokrat, eher zurückhaltend, stupste die SchauspielerInnen nur an, ließ sie machen, aber wohl immer mit einem irren Gefühl und einer irren Präzision für die Stücke und vor allem ihre Personen.

Genau das mag ein Unterschied zu vielen heutigen Inszenierungen sein: Während viele Regisseure heute sicher dazu tendieren, aus teilweise klassischen – oder sonstigen bekannten oder unbekannten – Werken nur noch einzelne Gedanken herauszuholen und mit vielen eigenen Ideen anzureichern oder sie sehr eigenwillig- oft interessant! – umzusetzen, wollte Luc Bondy tatsächlich noch die Stücke in ihre Gesamtheit auf die Bühne bringen! Mit seiner besonderen Ästhetik, mit seinem besonderen Blick auf den Kern der Stücke.

Luc Bondy arbeitete an vielen Theatern, er war nicht an ein Haus gebunden. Erst zuletzt war er am ehesten gebunden, er war mehrere Jahre lang Intendant der Wiener Festspiele. Davor war es Paris, Nanterre, London, Frankfurt, Hamburg, Berlin, Salzburg, Wien, Lausanne, New York und mehr.

All dies und viel mehr, auch mit sehr schönen Aufnahmen seiner Inszenierungen, kann man in diesem interessanten Buch lesen. Einen Blick durch das Buch gibt es hier nachfolgend. Einfach unten den link anklicken und ein kleines Video ansehen.

LITERATUR: Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Wer KINDER-Überraschungseier mag, wird Gefallen an diesem Buch finden! Nicht weil es kindisch wäre! Nein, weil man viele Überraschungserlebnisse hat. Eshkol Nevo, Schriftsteller aus Israel, beantwortet in seinem jüngsten Roman „DIE WAHRHEIT IST“ Fragen über das Schreiben, über sein Leben als Schriftsteller, die Entstehung der Texte, die Personen, über die er schreibt, über viele viele Dinge, die mit dem Schreiben von Büchern in Zusammenhang stehen.

Die Antworten sind Überraschungen. Immer wieder kann man gespannt sein, was er zu einer Frage erzählt.

Meine Bewertung: 8 Punkte (von 10 Punkten). Ich werde demnächst auf 20 Punkte umstellen, dann wird es differenzierter werden. 20 Punkte, das ist doch eine Freude! Ich habe in letzter Zeit zu oft 8 Punkte vergeben. 8 Punkte heißt auf jeden Fall: Schön, dass ich das Buch gelesen habe! Bei 7 und weniger Punkten dagegen hatte ich schon mehr Kritikpunkte gefunden.

Eshkol Nevos Buch „Die Wahrheit ist“ ist ein großes Interview. 111 Fragen werden gestellt und 111 Antworten gegeben! Mal kurze, mal längere. Meist sind es kurze Einblicke in Momente seines Lebens. Das Gute ist: Am Ende hat man nicht Bauchweh, nicht Zahnweh wegen süßer Schokolade, sondern einen autobiografisch zutreffenden Einblick in das Leben des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo. Immer vor dem Hintergrund der Fragen, die sich fast ausschließlich auf das Schreiben von Büchern und das „Drumherum“ (die Personen, Lesungen, die Sprache, die Ideen, die Verläufe der Romane, die Zeiten vor und nach dem Schreiben etc.) beziehen. Es kommt irgendwie das ganze Leben von Eshkol Nevo zur Sprache. Insoweit ist es eine schöne Art, eine Biographie zu schreiben.

Ich habe mir die Mühe gemacht, die Fragen und auch Stichworte zu den Antworten zusammenzustellen. HIER das Dokument. Es lohnt, das Dokument beim Lesen des Buches daneben zu legen oder es sich ab und an anzusehen. Man liest schließlich keine zusammenhängende Geschichte, der man folgt und bei der man immer weiß, an welcher Stelle des Geschehens man steht.

Andererseits: Viele viele Antworten gehen in verschiedensten Zusammenhängen auf eine überschaubare Anzahl von prägenden Themen im Leben von Eshkol Nevo ein. Ausgehend von der aktuellen Situation von Eshkol Nevo: Er sieht sich vor großen Verlusten in seinem Leben, darum geht es.

Das Vergängliche. Das ist immer wieder der „Aufhänger“ für seine Antworten. Die Ehe mit seiner geliebten Frau Dikla steht vor dem Ende. Sein guter Freund Ari, er kämpft mit Krebs gegen den Tod. Seine Tochter Shiva, sie ist ausgezogen. Und Weiteres. Die Antworten stehen immer wieder mit diesen wesentlichen Themen im Zusammenhang. Und mit Ereignissen und Stationen auf seinem Lebensweg. In einer Antwort etwa öffnet sich eine Tür zum Nachbarzimmer (in einem Hotel) und in einer späteren Antwort erst erfährt man, wer reinkommt.

Eshkol Nevo schafft damit etwas: Er schafft es, dass man erkennt, dass sein gesamtes Leben die Grundlage seines Daseins als Schriftsteller ist. Nicht Grundlage seiner Romane, sondern Grundlage seiner Tätigkeit. (Obwohl, Grundlage seiner Romane: Er sagt auch, dass fast alles, was er erlebt, irgendwann einmal in einer Geschichte auftaucht. Was auch ein Problem für ihn ist – und etewa für seine Tochter Shiva, die sich ungefragt in einem Roman wiederfindet) Eshkol Nevo erwähnt – vor allem neben seiner Frau Dikla – seine Eltern, andere Personen, seine Söhne, seine Tochter, Freunde, Zufälle, kuriose Erlebnisse, prägende Erlebnisse, etwas aus seiner Zeit beim Militärdienst, seinen „Berufsweg“ und und und. Die Fragen beantworten sich aus seinem Leben heraus. Eine Überraschung folgt der anderen.

Wer ist Eshkol Nevo? Wikipedia schreibt:

Eshkol Nevo ist in Israel und in Detroit, USA aufgewachsen. Er ist ein Enkel von Levi Eshkol, des dritten israelischen Ministerpräsidenten. Seinen Wehrdienst als Offizier der Israelischen Armee leistete er bis 1993 zur Zeit der ersten Intifada ab. Er studierte an der Universität Tel Aviv Psychologie. Zunächst arbeitete er danach als Werbetexter, bevor er einen Lehrauftrag in kreativem Schreiben an den Universitäten Tel Aviv und Jerusalem erhielt. Sein erster Roman, Vier Häuser und eine Sehnsucht, stand in Israel über eineinhalb Jahre auf der Bestsellerliste.

Ein weiterer Eindruck aber: Die deutsche Sprache ist – ich habe es schon mehrfach gemerkt – nicht gerade schön. Sie wirkt hart, emotionslos, es wird viel erzählt, aber an den Stimmungen der Szenen kommt nicht genug rüber, fand ich manchmal. Ich vermute jedenfalls, dass der Roman (das Interview) „Die Wahrheit ist“ in seiner Originalsprache, dem Hebräischen, schöner, einfühlsamer ist. Ich vermute, dass in der Deutschen Übersetzung die gesamte Stimmungslage der Erzählungen von Eshkol Nevo zu kurz kommt.

Das wiederum sollte nicht davon abhalten, das Buch zu lesen – besonders, wenn man sich selber mit dem Schreiben von Texten beschäftigt. Es sensibilisiert und zeigt, dass so vieles einen Einfluss darauf hat, was man macht. Das ist das Schöne an dem Buch: Eshkol Nevo zeigt, dass man den Einfluss der Dinge nur erkennen muss und dass genau das dann gelingt, wenn man die Dinge schonungslos ehrlich betrachtet. Ein wertvoller Hinweis! Und deswegen heißt der Roman: „Die Wahrheit ist“.

HIER die Seite des dtv Verlags zum Buch mit Leseprobe..

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LITERATUR: Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Dieser nicht leicht zu verdauende, aber beeindruckende Roman ist in der derzeitigen schwierigen Situation (Corona) möglicherweise eher unpassend. Er zieht runter! – Ich hatte ihn kurz davor gelesen, Glück gehabt!

Man hat derzeit ja genug mit Ausgangsbeschränkungen zu tun, braucht jetzt vielleicht eher etwas Erbauendes, Aufmunterndes. Aber: Es ist ein sehr guter, meines Erachtens lesenswerter Roman!

Meine Bewertung: 8 Punkte von 10 Punkten.

Ich kann ihn empfehlen und würde vorschlagen, ihn sich für eine etwas leichtere Zeit zurückzulegen. Katya Apekina mit ihrem Debutroman „Je tiefer das Wasser“. Sie ist Russin, in Amerika aufgewachsen.

Es ist eine sehr eigenwillige Story, die auch eigenwillig und gut geschrieben ist. Autobiografisch? Ich weiß es nicht. Aber all das völlig frei zu erfinden, ist sicher schwer. Der Roman ist problembeladenen, die ProtagonistInnen des Romans tragen heftige Probleme mit sich herum, die große Komplikationen verursachen:

Nach dem Suizidversuch ihrer Mutter stranden zwei Schwestern bei ihrem Vater in New York, der sich schon in jungen Jahren von ihnen zurückgezogen hatte. Trennung. Doch damit beginnen erst die Probleme.

Die komplizierte Geschichte ist vor allem aus der Sicht der beiden Schwestern, Edith und Mae, beschrieben. In vielen vielen kurzen Kapitelchen werden die Vorgänge und Gefühle der Mitwirkenden aus allen möglichen Blickwinkeln heraus geschildert. Da kommt schon einmal die Zimmergenossin im Krankenhaus, in dem die Mutter liegt, zu Wort.

Es geht schon damit los, dass der Vater von Edith und Mae vor langer Zeit die um viele Jahre jüngere Tochter eines Bekannten heiratete. Marianne wurde seine Ehefrau, die dann eben Jahre später einen Suizidversuch unternahm.

Der Suizidversuch hängt irgendwie wahrscheinlich auch mit der eigenartigen und zerstörerischen Wirkung des Mannes, Dennis, einem erfolgreichen Schriftsteller und Frauenheld, zusammen. Hinzukommt aber sicherlich auch, dass Marianne wiederum sehr unter dem frühen Tod ihres Vaters, des Bekannten von Dennis, litt und schon früh depressive oder „verrückte“ Züge entwickelte. Züge, die wiederum ihre Tochter Mae intensiv miterlebte.

Hier spielt immer wieder auch im Hintergrund eine Black-Power-Geschichte herein, die (ganz amerikanisch) Ausgangspunkt für alles ist: Dennis fuhr nämlich in jungen Jahren mit seinem Freund Fred zu einer Demonstration und wurde im Grunde von Mariannes Vater, Jackson McLean, vor Gegnern der Anreisenden gerettet. Er, Jackson McLean, wurde aber daraufhin angeklagt und starb bald darauf im Stress.

Marianne ist also die Tochter von Jackson McLean, viele Jahre später gerät nun auch die Tochter von Marianne, Mae, in den irgendwie unerklärlichen Sog des ehemaligen Ehemannes von Marianne, ihres Vaters. Der Vater zieht irgendwie Personen auf sich und zerstört sie damit in gewisser Weise.

Wie gesagt: Sehr gut gemacht ist neben den komplizierten, aber sehr gut geschilderten psychischen Situationen der ProtagonistInnen – davon gibt es wahrlich viele verschiedene! – die Art und Weise, wie die einzelnen Szenen, die sich ergeben oder schon längst ergeben hatten, geschildert werden. Es gibt immer wieder Rückblenden.

Die eigentliche Handlung spielt ohnehin im Jahr 1997, als die Mutter den Suizidversuch unternommen hatte. Diese Zeit wiederum wird aus der Sicht von Edith im Präsens geschildert, ein großer Teil des Romans betrachtet diese Phase allerdings im Rückblick, aus der Sicht von Mae, Jahre später. Ein kleiner Teil des Romans beleuchtet wiederum die Vorgeschichte der Eltern in den sechziger Jahren. Es sind, wie gesagt, immer wieder kurze Kapitelchen mit kurzen Erklärungen der jeweils beteiligten Personen, in jeweils verschiedenen Zeiten. Sehr interessant gemacht.

Die Geschichte erscheint anfangs unverständlich, alles löst sich aber im Lauf der Zeit auf. Insoweit entsteht mehr und mehr der Sog, weiterzulesen.

Um die Übersicht über die Personenkonstellation einzubehalten, habe ich wieder eine Art mind map angelegt. Ich empfehle, sich diese mind map beim Lesen des Buches zur Seite dazuzulegen. HIER das Dokument.

HIER die Seite zum Buch auf der Website des Suhrkamp Verlages mit Informationen auch zu Katya Apekina.

THEATER und LITERATUR: „The Vacuum Cleaner“ und „Ich nannte ihn Krawatte“

DER ROMAN: Es ist die Erzählung über einen „Hikikomori“. Unter anderem zumindest. Ich bin andererseits durch ein Theaterstück auf das Buch gekommen. Es wurde mir dazu empfohlen. DAS THEATERSTÜCK: „The Vacuum Cleaner“ von Toshiki Okada, das an den Münchner Kammerspielen läuft.

„Ich nannte ihn Krawatte“ heißt der ROMAN von Milena Michiko Flašar. Es geht, wie im THEATERSTÜCK, um einen sogenannten „Hikikomori“. „Hikikomori“ werden in Japan Menschen genannt, die sich jahrelang von der Außenwelt abkapseln und – anstatt etwa irgendwann in jungen Jahren von zu Hause auszuziehen – nurmehr in ihren vier Wänden leben. Kein Kontakt zur Außenwelt! Schluss mit Gesellschaft! Es soll etwa eine Million Hikikomori in Japan geben – wobei die Zahlen sehr schwanken.

Die INSZENIERUNG „The Vacuum Cleaner“ wiederum ist zum Theatertreffen 2020 nach Berlin eingeladen, das im Mai stattfindet. Es wurde als eine der „10 bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres“ (die sogenannte „10er-Auswahl“) nach Berlin eingeladen. Das wiederum hatte mich angesichts der unspektakulären Inszenierung übrigens etwas gewundert, aber gut! Ich schreibe hier wenig über die Inszenierung.

HIER vielmehr „nur“ der Link zur Stückeseite, auf die ich schlicht verweise. HIER noch ein Video mit der Begründung der Jury des Berliner Theatertreffens zur Auswahl von „The Vacuum Cleaner!.

Es ist jedenfalls keineswegs eine irgendwie aufwühlende Inszenierung, eher ruhig und überschaubar. So arbeitet Toshiki Okada immer wieder an gesellschaftlichen Erscheinungen aus Japan – zum vierten Mal an den Münchner Kammerspielen. Immer etwas zurückhaltend und wahrscheinlich erkennen wir nicht alle Andeutungen und Anspielungen seiner „japanisch“ leisen und natürlich japanisch vornehmen und zurückhaltenden Arbeiten.

Meine Bewertung des Romans „Ich nannte ihn Krawatte“ jedenfalls, um den es hier im Folgenden gehen soll: 6 von 10 Punkten.

Man hält ein recht schmales „Büchlein“ in der Hand. Ein Büchlein aber – sah ich – mit über einhundert ganz kurzen, kleinen Kapiteln – mal ist es eine Seite, mal sind es eineinhalb Seiten, fast nie mehr. Auch inhaltlich ist es – merkte ich dann – keineswegs nur ein „Büchlein“. Das geschilderte Geschehen ist zwar äußerst überschaubar – hauptsächlich eine Unterhaltung des Hikikomori auf einer Parkbank mit einem Herrn, den er eben „Krawatte“ nannte.

Schlicht also, es werden aber viele viele Eindrücke von beiden „Protagonisten“ erzählt, angesprochen. Zu viele für meinen Geschmack. Fast jedes der Geschehen, die so angesprochen werden, wäre für sich gesehen einen eigenen Roman wert. Es sind im Wesentlichen folgende Geschehen, die angesprochen werden und mit denen der Leser also konfrontiert wird :

  • Der Hikikomori wagt sich tatsächlich von zuhause heraus! Er geht in einen Park, sitzt auf einer Bank. „Krawatte“ sitzt ihm wochenlang gegenüber.
  • „Krawatte“ wiederum hat kürzlich seinen Job verloren und traut sich nicht, es seiner Frau zu gestehen, er tut so, als würde er täglich zur Arbeit gehen.
  • „Krawatte“ ist – liest man dann – Vater eines behinderten Sohnes gewesen. Er verlor seinen Sohn sehr früh – als Säugling starb es schon. Davon erzählt er dem Hikikomori.
  • Der Hikikomori wiederum hatte durch einen Unfall einen Freund fast verloren. Das war der Anlass für ihn, sich aus dem Leben zurückzuziehen, er wollte nicht mehr in das Leben andere „hineingezogen“ werden. Schuldgefühle und Scham.
  • Weiter: Der Hikikomori war – fast noch als Kind – in das eigenwilligste Mädchen der Straße verliebt. Der Hikikomori verlor dieses Mädchen, sie beging Selbstmord, weil sie in der Schule, scheint es, gemobbt wurde.
  • Und weiter: Der Hikikomori traf aus zunächst unerfindlichen Gründen „Krawatte“ nicht mehr im Park an – sieben Wochen lang , bis er erfuhr, dass „Krawatte“ genau an dem Tag, an dem er – auch auf Anraten des Hikikomori – seiner Frau vom Jobverlust erzählen wollte … und so weiter.
  • „Krawattes“ Frau erzählt dem Hikikomori dann später, sie habe ….

Ich will nicht alles verraten. Soviel erfährt man jedenfalls. Puh! Ich muss gestehen: Ich dachte, es ginge in dem Roman hauptsächlich um die Gedanken eines Hikikomori. Aber es geht eher um „Krawatte“:

Es ist gut geschrieben, schön zu lesen, aber eben alles etwas viel. So viele erschütternde Ereignisse in diesem Roman! Wirklich schön sind aber die immer wieder auftauchenden, sensiblen wunderbaren Gedanken zum Leben – das Leben, was ist das schon? Das wiederum sind wohl Gedanken eines Hikikomori! Wegen dieser Gedanken lohnt es!