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THEATER: Anna Gmeyner – Automatenbüfett

Aber hier meine Empfehlung: Im Residenztheater – im Marstall – ist derzeit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“ zu sehen. Automatenbüfett – eine Art Warenautomat mit kleinen Speisen und frischem Bier, in einer kleinen Gemeinde, betrieben von Adam (Leopold Adam) und seiner Frau, der „Frau Adam“.

Anna Gmeyner, die österreichische Autorin – geboren übrigens genau HEUTE vor 124 Jahren, am 16. März 1902, gestorben am 3. Januar 1991 – schaffte nicht den ganz großen Durchbruch, verließ 1933 Nazideutschland zunächst nach Paris, später England, und kehrte nie wieder zurück.

„Automatenbüfett“ wurde 1933 in Zürich uraufgeführt. Es ist ein eher selten gespieltes Stück, das im Grunde in die Richtung Marieluise Fleißer und Ödön von Horváth geht: Alltagsszenen – kein komplizierter Handlungsstrang – der (einfache) Mensch und seine „Probleme“ mit dem Leben – die Liebe und das Leben – aufkommender Nationalsozialismus, es ist aber auch zeitlos.

Eine recht bekannt gewordene Inszenierung des Wiener Akademietheaters von „Automatenbüfett“ war 2021 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Hier der Trailer zur damaligen Inszenierung:

Die Inszenierung des Münchner Residenztheaters nun (Regie Else-Sophie Jach) ist sehr anders als die damalige Inszenierung des Wiener Akademietheaters, und auch sehr gelungen! Denn der „Charakter“ des Stückes kommt auch hier sehr schön zur Geltung, was für das keineswegs „handlungsgetriebene“ Stück entscheidend ist. Das langsame Stück lebt im Grunde einerseits von einer gewissen „Alltagstragik“ und zugleich von leise mitschwingendem Humor. Es lebt von Nichtaktualität („Automatenbüfetts“ dieser Art gibt es im Grunde heute nicht mehr) und doch auch von Aktualität oder zumindest Zeitlosigkeit. Hier der Trailer zur Inszenierung des Residenztheaters:

Das Automatenbüfett ist bei Else-Sophie Jach also ersetzt durch eine riesige schräge Tischfläche, hinter der zumeist (vor der Pause) die handelnden Personen im Grunde nur kurz hervorkommen, um etwas zu sagen, dann wieder abtauchen. Das genügt. Der Tisch zerfällt allerdings mehr und mehr, beginnend mit dünnen Abspaltungen, am Ende stehen nur noch Teile des Tisches auf der Bühne, passend zum Geschehen: Die eingespielte Dorfgemeinschaft zerfällt. Warum sie zerfällt? Eine große Idee, Adams großes Fischzuchtprojekt scheitert. Die Ehe zwischen Adam und seiner Frau scheitert, neue Liebe entsteht. Konkurrenzen entstehen, Misstrauen entsteht. Die gerade erst zufällig von Adam vom Selbstmord gerettete Eva (wie immer gut: Anna Drexler) bringt alles in Unruhe, ohne eigentlich selbst viel zu machen.

Schauspielerisch sehr gut passend ist – wie auch 2020/2021 bei der Inszenierung des Akademietheaters – die immer wieder ganz leicht gekünstelte Ausdrucksform der Personen, durch die alles genau pointiert, fast überspitzt wird (besonders durch Patrick Isermeyer). Schön und passend ist auch der Einsatz der Videoszenen (Niels Voges) mit Szenen, die sich oft unter dem Tisch abspielen, schön und passend ist außerdem – wie gesagt – die sachte Mischung von Ernst und Humor, in aller „Langsamkeit“. Humor etwa in der Art und Weise, wie das frische Bier gezapft wird, an Eva zur Verteilung an die Gäste weitergegeben wird, aber auch ein wenig im Verhalten der Personen.

Und vielleicht schwingt eben der Satz mit: Das Leben gehört der Allgemeinheit! Nach dem Motto: Mach mit! Hm. Es ist sicher nicht die alles prägende Aussage des Stückes und es bleibt für mich offen, was genau damit gemeint sein könnte. Vielleicht: „Wir brauchen uns – nur: Wir setzen zu sehr auf große Ideen und Projekte, setzen zu wenig auf die Liebe.“ Andererseits: Sowohl die große Idee, Adams Fischzuchtprojekt (das ganz Deutschland zugute kommen soll), als auch die Liebe – das Begehren – schaffen Unruhe. Aber nur die Liebe setzt sich durch am Ende. Und es heißt mit Blick auf die damalige Zeit: Wir stehen in Europa vor einem Pulverfass! Das war die damalige Zeit, ist aber auch zeitlos! Man könnte sagen: Wenn wir doch nur einen Gang runterschalten könnten! Vielleicht hat Anna Gmeyner das gesehen.

Entscheidend ist jedenfalls: Auch wenn mir letztlich der zweifache Satz „Das Leben gehört der Allgemeinheit“ unverständlich blieb und für mich keine Auflösung durch das Stück findet (vielleicht ist er unwichtig): Mit der Inszenierung am Residenztheater gelingt es – auch durch die schauspielerischen Leistungen, all das für das Stück „Automatenbüfett“ Prägende aus dem Stück schön „herauszukitzeln“, sodass es auf fast „Horváth’sche Art“ eben einfach und besonders wird.

Die nächste Inszenierung von „Automatenbüfett“ steht übrigens doch schon bevor. Sie ist am Deutschen Theater Berlin in zehn Tagen, am 26. März, zu sehen (Regie, Jan Bosse). HIER der Link.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

HIER noch der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

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THEATER: Caren Jeß – Heartship

Die intime und nahe Atmosphäre im Marstall Salon (mit bis zu 40 ZuschauerInnen) lässt dieses „Duett“ durchaus als Solo erscheinen. „Heartship“ ist die erste Produktion im Marstall Salon gewesen. Sara und Ann sind grundverschieden, es entsteht aber eine besondere Nähe zwischen beiden. Letztlich erzählt Ann, sie habe ihr Verhältnis zueinander einmal „Heartship“ genannt. Es kommen ja einige Begriffe in Betracht: Friendship, situationship, relationship, polyfidelity, Bekanntschaft, Beziehung, Romanze, Liebe, Affaire, Seitensprung und und und. Jedes Verhältnis ist dabei anders, nichts passt, es gibt zu wenig Begriffe, da kommt Ann eben auf „Heartship“. Das ist – es gibt noch einen anderen Zusammenhang – die Idee des Titels.

Inhaltlich ist das Verhältnis der beiden zueinander – wie gesagt – von großer Unterschiedlichkeit der beiden geprägt. Das ist „Heartship“ inhaltlich: Sara ist die unkonventionelle Selbstoptimiererin, die Probleme am liebsten gegen die Wand schmettert, ohnehin überall in der Gesellschaft zuviel „Druck“ sieht, und Ann ist die Frau mit vertuschten Problemen, die sie nicht los wird, die sie nur verdrängt: Eine frühe Vergewaltigung, jetzt wieder ein Kollege, der ihr zu nahe kommt, schon länger ihre „Selbstverletzungen“. Sie müsse selber damit zurecht kommen, ist ihre Losung. Aber darüber reden beide im Laufe der Zeit, ohnehin hält Ann (in einer Bar namens „Heartship“!) gerne Reden über das nötige Ende das Patriarchats.

Der Text von Caren Jeß (eine Auftragsarbeit des Residenztheaters) will viel, er schafft es aber m. E. nicht ganz, er bleibt zu unpräzise, ist eben auch sehr schnell in der Darstellung der Entwicklung des Verhältnisses beider zueinander. Aber man kann nicht alles haben! „Heartship“ ist jedenfalls – ohne viel „Bühneneinsatz“ – eine kurze Kontroverse vor allem zum Thema: Wie gehe ich mit Problemen aus der „feministischen Ecke“ um? Vergewaltigung, Annäherung, Bedrängung … . Kann ich es mit „Selbstbefreiung“ o. ä. schaffen? Dazu kommen Saras Gedanken zu Patriarchat, Druck an allen Ecken im Leben etc.

In der Kürze der Zeit bleibt es eine „Story“, es sind ja auch große Themen – auf der schönen kleinen Bühnenfläche und dem Cafe/der Bar des Marstall Salons.

HIER der Link zur Stückeseite von „Heartship“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Adrienne Meister

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THEATER: Irmgard Keun – Nach Mitternacht

Im Zentrum stehen Sannas Beobachtungen zur Frage: Wie (unterschiedlich) verhalten sich die Personen ihres Umfelds angesichts der unmittelbar bevorstehenden Umbruchs in die totalitären Herrschaft? Was konnte man überhaupt machen? Jeder hatte seine Variante, damit umzugehen, hatte seinen Weg. Und tatsächlich ist ja die Frage des persönlichen Verhaltens immer von Bedeutung, auch wenn es nicht immer gleich um den Einzug eines totalitären Systems geht.

Wir haben es bei „Nach Mitternacht“ mit einer völlig realistischen Darstellung der geschilderten Geschehnisse und gezeigten Personen zu tun. Anders etwa als es derzeit im Residenztheater der Ansatz von „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath ist. „Kasimir und Karoline“ spielt ja in fast derselben Zeit, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, 1932, Wirtschaftskrise. Ödön von Horvath wählt aber – im Roman schon, nicht erst in der Inszenierung – einen ganz anderen Ansatz: Sein „Kasimir und Karoline“ erzählt zwar auch in gewisser Weise realistisch – vom Oktoberfest -, aber Horváth will sein Thema stilisierter, allgemeingültiger, „abstrakter“ zeigen.

Der Roman „Nach Mitternacht“ ist dagegen also – auch hier: so ist der Roman schon, nicht erst die Inszenierung – rein realistisch gedacht. Die Inszenierung im Marstalltheater wiederum ist so realistisch, dass man auch die Umbauarbeiten auf der Bühne im Halbdunkel sieht. Bei allem Realismus aber gilt: Cosima Spelleken führt im Theater gerne verschiedene Medien zusammen, so auch hier: Jeder Zuschauer bekommt bei Eintritt z.B. einen Kopfhörer, viele von Sannas stillen Überlegungen, Beobachtungen und Erinnerungen hört man dann über diese Kopfhörer, während Sanna auf der dunklen Bühne steht. Oder: Man sieht immer wieder auf Videoleinwänden (Bild, Film und Ton) Personen eingeblendet, an die Sanna jeweils denkt. Gut gemacht, um Sannas Gedankenwelt auf der Bühne umfassender einzubinden und damit den Einblick in Sannas Gedanken zu erweitern, ein Mittel, den Roman auf der Bühne „runder“ zu machen, ihn gut erzählen zu können.

Das immer recht dunkel gehaltene, ebenfalls hoch realistische Bühnenbild (Bühne Anna Kreinecker) schafft mehrere Situationen, eine Wohnung, eine Bar, einen Toilettenraum, ein Café und mehr. Auch – wie gesagt – durch umfangreiche Umbauarbeiten im Halbdunkel, während der nur ein Teil der Bühne – oft Sanna (Naffie Janha) allein – im Lichtkegel zu sehen ist. Schon dies: Im naheliegenden, aber auch lohnenden Vergleich von „Nach Mitternacht“ mit „Kasimir und Karoline“ – ebenfalls derzeit am Residenztheater, wie gesagt – ist das Bühnenbild bei „Kasimir und Karoline“ mit den riesigen Bierkrügen etwa gerade eben nicht „realistisch“.

Sannas Halbbruder Algin (Florian Jahr), dessen Frau Liska, deren Freundin Gerti (Linda Blümchen) und Gertis Liebe Aaron, ein „Halbjude“, Sannas Freund Franz, Algins Freund Heini, Journalist, Herr Kulmbach und weitere Personen prägen Sannas Beobachtungen. Immer steht spürbar im Mittelpunkt die Beobachtung, wie alles seltsam wird, wie jeder seinen Weg sucht, im Grunde seine Flucht sucht aus der spürbaren Unsicherheit der Zeit: Sanna flieht schließlich ins Ausland, ein anderer wird überzeugter Anhänger der Nazis, man diskutiert, denunziert, man „genießt“ doch noch ein „unbeschwertes“ Leben und tanzt, feiert – auch das ist ja eine Flucht -, ein Wünschelrutengänger will Juden und Arier aufspüren, Sannas Bruder Algin passt sich in seiner schriftstellerischen Arbeit den Vorgaben der Nazis an, sein Freund Heini findet das völlig falsch, es gibt auch einen Selbstmord als Ausweg, und und und.

Schauspielerisch ist es dabei fast etwas undankbar, dass die rein realistische Darstellung sicherlich die ein oder andere schauspielerische Glanzleistung verhindert. So lässt sich hierzu kaum etwas hervorheben.

Interessant: Umbrüche schaffen nun einmal Unruhe, erzeugen Unsicherheit, damals erst recht. Und jeder ging (und geht) anders damit um, das zeigt Irmgard Keun in „Nach Mitternacht“. Der Roman und die Inszenierung schaffen so eine schöne Grundlage, auch heute wieder die möglichen unterschiedlichen Verhaltensweisen in solchen Situationen zu erkennen, sie – der Roman und die Inszenierung – sensibilisieren uns auch für heute. Wir stehen schließlich vor riesigen Umbrüchen – Stichwort allein KI – und müssen damit umgehen, nicht nur privat, sondern wohl mit viel mehr gesellschaftlichen Folgen.

Noch eine Aufnahme:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Asiimwe Deborah Kawe – Das gelobte Land

„Das gelobte Land“eröffnete das Festival und ist immer noch zu sehen. Entstanden war es unter anderem in einer „Schreibresidenz“ des Residenztheaters (Zeit – Raum – Finanzen) für Asiimwe Deborah Kawe.

Worum ging/geht es im jährlichen Festival WELT/BÜHNE? Um internationales Theater, das gesellschaftspolitische Veränderungen („tektonische Verschiebungen“) in verschiedenen Kulturen der Welt aufgreift. Asiimwe Deborah Kawe stammt aus Uganda, HIER ihr kurzes Porträt, ihr Stück wurde inszeniert vom ungarischen Regisseur Jakab Tanóczi, HIER sein kurzes Porträt.

Ich habe dieses Stück erst jetzt gesehen. Im Oktober wird es wieder zu sehen sein. Es geht um Migration, ein fast weltweites Problem, das längst zu den oben genannten „gesellschaftspolitischen Veränderungen“ geführt hat. Es hat zu einem überall scharfen Blick auf Migration, auf Immigration, geführt und ist längst mehr als eine vielleicht unterschwellige „tektonische Verschiebung“. Das Thema ist vor allem aber unglaublich zweischneidig: Einerseits werden überall scharfe politische Schritte gefordert (es muss ja verständlicherweise irgendwie Grenzen geben), andererseits aber geht es immer um letztlich harte unerkennbare Einzelschicksale. Wer von uns kann sich schon – was auf ImmigrantInnen nicht selten zutreffen wird – vorstellen, sein Leben allein – ohne jede „Verbindung zurück“ – im Ausland einer anderen Kultur zu verbringen und dort dann auch noch nicht gewollt zu sein? Es ist allein schon hart, wenn das Leben nur aus einem „Sich-durchbeißen“ besteht.

„Das gelobte Land“ ist die durchaus überzeugende und packende Erzählung von 15 Jahren des Lebensweges von Achen (auszusprechen wie „Adschehn“), einer ausgebildeten jungen Krankenpflegerin aus Uganda, die zunächst für ein kurzzeitiges Universitätsseminar in die USA kam, dort aber dann in der Tat aufenthaltsrechtlich unregistriert, steuerlich aber legal, weitere 15 Jahre lang lebte.

Asiimwe Deborah Kawe zeigt in ihrem Stück damit sogar einen Einzelfall, in dem es im Grunde „die Falsche“ trifft. Denn Achen machte sich als Krankenpflegerin immer verdient um die Gesellschaft, in der sie sich durchbiss – bis … Achtung Spoiler!! …:

Ja, die generelle Stimmung schlug auch gegen Achen zu. Nicht nur in den USA, genauso in Europa wendet sich mittlerweile die „Stimmung im Lande“ schnell grundsätzlich auch gegen gesellschaftlich „verdiente“ Kräfte. Das spielt keine Rolle mehr. Insoweit sind es doch tiefe „tektonische Verschiebungen“ in der Gesellschaft, die hier aufgegriffen werden.

Die Inszenierung umfasst insgesamt eine Zeitspanne von 15 Jahren, Achens Zeit in den USA. Es ist geschickt und gut gemacht, wie diese Zeitspanne mit vielen Ortswechseln dargestellt wird! Es spielt sich auf der Bühne alles in und vor einem Motel in Amerika ab, in zwei von deren Zimmern hinein man durch große Fensterfronten blickt und die man manchmal parallel beachten muss. Das klare Bühnenbild von Botond Devich spielt durch diese Motel-Welt aber nicht übertrieben, sondern nur zurückhaltend mit einer „Amerikanisierung“ des Stückes. Nur kleinere weitere Details führen gedanklich ab und an zu den USA.

Meist ganz leise, kaum hörbar, wabert Musik im Hintergrund, auch das passt gut zur mitschwingenden „Bedrohungslage“ um Achen.

Die Erzählweise insgesamt hält einen immer „wach“: Immer wieder werden die verschiedenen Ebenen der beteiligten Personen verschränkt, alles wird von einer Journalistin, die mit Achen redet, beobachtet. Es entsteht so eine sehr plastische, gut nachvollziehbare Schilderung des schwierigen Weges von Achen. Eine überzeugende schauspielerische Leistung ist es vor allem von Isabell Antonia Höckel, die Achen spielt. Sie zeigt eine tapfere Achen, die auf der Straße landet, dann aber doch als Pflegerin arbeitet. Anfangs sehr besorgt, gibt sie gegen Ende sogar eher den Eindruck, sorgenfrei zu leben, sie hat Liebe erfahren, was für sie so viel wert ist, eine zufällige Wiederbegegnung, und bekommt zwei Kinder.

Fast zu undramatisch erlebt man am Ende dann allerdings zum Einen den mittlerweile erfolgten Stimmungsumschwung in der politischen und gesellschaftlichen Situation gegenüber Immigranten/innen, den Kern des Stückes, und zum Anderen speziell Achens Schicksal damit, die sich dagegen natürlich nicht im Geringsten wehren kann. Eigentlich schauen alle zu.

Es bleibt daher der Eindruck einer Sicht auf die Willkür und gestiegene „Blindheit“ der allgemeinen Stimmung gegen alle ImmigrantInnen, getragen von einer guten Inszenierung im Marstalltheater.

Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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THEATER: Marion Siéfert und Matthieu Bareyre – Daddy

Weltweit gibt es – heißt es – bereits weit über drei Milliarden Menschen, die mit Gaming vertraut sind, eine Zahl, die täglich weiter wachse. Vielleicht etwas hoch gegriffen, aber okay. Jedenfalls: 2027 findet – bisher fast unbemerkt – sogar die erste Esports-Olympiade (in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad) statt! Wieder eine Verschmelzug der digitalen und der realen Welt. Thomas Bach, Chef des IOC, sagte kürzlich, es sei nicht seine Welt, „doch wir können die Zahlen nicht ignorieren„. Es sei mittlerweile alternativlos, auch den eSport unter den fünf Ringen zu versammeln, „wenn wir im Leben junger Menschen weiterhin relevant sein wollen„. In welchen Spielen die Medaillen vergeben werden, ist noch nicht klar. Die letzte „Olympic Esports Week“ in Singapur umfasste zumindest Bogenschießen, Baseball, Schach, Radfahren, Tanzen, Motorsport, Segeln, Taekwondo und Tennis.

Dazu passt „Daddy“, auch wenn es hier nicht um Onlinesport geht. Das junge Mädchen Mara (Lina Fritzen), 13 Jahre alt, wird hier (vom 27 jährigen Julien [Moritz Treuenfels]) in eine Onlinewelt gezogen, in der ihr alles versprochen wird! Eine tolle Zukunft in ihren Schauspielerträumen … Reichtum … Ruhm. In dieser digitalen Welt – der Theaterwelt als digitale Welt – lehnt sie alles Störende ab. Da werden auch einmal die eigenen Eltern (Simon Zagermann und Hanna Scheibe) digital erschossen! Es geht um ihre Perfektionierung. Und es geht um „sexual abuse“.

“Daddy“ ist die deutsche Uraufführung eines Textes der französischen Theatermacherin Marion Siéfert und ihres Co-Autors Matthieu Bareyre. Beide greifen in „Daddy“ auf, wie weit die digitale Welt tatsächlich auf die reale Welt der jungen Menschen einwirkt!

Es ist eine gekürzte Fassung der französischen Originalarbeit von Marion Siéfert und Matthieu Bareyre, 2025 erschienen.

Als Zuschauer weiß man selber nicht immer genau, wo die digitale Welt aufhört und die reale Welt beginnt. Es beginnt jedenfalls mit der realen Welt, einem Grillabend von Maras Eltern mit einem Freund, an dem auch Mara erscheint. Hier hat man – Absicht oder nicht Absicht? – zunächst den Eindruck, die digitale Welt, mit der sich Mara befasst, schafft für sie tatsächlich mehr Ruhe, mehr Klarheit, als das wirre und chaotische und hektische, von den Jobs der Eltern zerrissene „reale“ Leben der Eltern. Ja, Eltern werden oft ihren großen Anteil an der wirklichen Flucht der Kinder in die digitale Welt haben!

Mara flüchtet in die digitale Welt, verliert das Verständnis für die reale Welt, kritisiert ihre Eltern, ist mit ihrem realen Leben unzufrieden. Es ist ein recht raues Stück, deutliche Sprache, nichts Feines, passend zur bedrohlichen Entwicklung von Mara. Alles wird allerdings eher einfach spielerisch erzählt, „abgespielt“, man wird als Zuschauer nicht gerade intensiv in Maras emotionale Welt und in die emotionalen Welten von Julien oder Maras Eltern gezogen. Die inneren Welten der Beteiligten bleiben leider etwas verdeckt, trotz des guten schauspielerischen Leistungen. Aber das kann kaum Kritik sein, jede Inszenierung ist anders. Eine Frage der Inszenierung (Daniela Kranz). Nun gut, das Thema und die Story sind interessant. Die Inszenierung der französischen Fassung scheint mir im Detail allerdings doch emotional deutlicher zu sein. Dort scheint es auch mehr um den Aspekt „sexual abuse“ zu gehen. Dieser Aspekt – der auch auf der Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Residenztheaters hervorgehoben wird – zeigt sich in der Tat auch in der Textfassung des Stückes (Übersetzung von Corinna Popp) deutlicher, er wurde auf der Bühne im Marstall aber weitgehend in den Hintergrund gedrängt.

Hier der Trailer zur Fassung im Marstalltheater:

Hier der französische Trailer:

HIER. der Link zur Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch eine Aufnahme vom „Grillabend“:

Copyright der Bilder: Adrienne Meister

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THEATER: Franz Kafka – Bericht für eine Akademie

Ich mag daher das sehr kleine Zentraltheater in München, ich mag das kleine Metropoltheater in Freimann, ich war letztens in der kleinen Bühne 3 des Münchner Volkstheaters (im ersten Stock), ich mag das Marstalltheater, die kleine Bühne des Residenztheaters hinter dem Stammhaus, ich mag das kleine HochX und ich mag die beiden kleinen Bühnen der Münchner Kammerspiele. Es gibt noch einige mehr davon! Kleine Bühnen sind ein Muss für Theaterfreunde, sie schaffen immer ein anderes Erlebnis als es ein Abend vor großer Bühne schafft!

München hat jetzt noch eine neue kleine Bühne! Das Münchner Residenztheater wird künftig im schönen alten Gebäude des Marstalltheaters (siehe Beitragsbild oben) auch einen Teil der ersten Etage „bespielen“! Siehe übrigens die Geschichte des „Marstalls“ HIER! Ein Teil dieser oberen Etage des riesig hohen Gebäudes war bisher bekannt als das „Marstall Café“, sie wird nun um eine kleine Bühnenfläche daneben erweitert und heißt künftig MARSTALL SALON, etwas geändert gestaltet, vor allem mit einem riesigen eigenwilligen Lüster.

Im Marstall Salon soll es beispielsweise (neben Lesungen, Musik, Theater, Premierenfeiern etc.) künftig auch sogenannte „Ensembleabende“ geben, was wohl von einzelnen Ensemblemitglieder des Residenztheaters frei gestaltbare Abend sein werden. Ich habe den Ensembleabend am Donnerstag besucht, was künftig kommen wird, konnte ich leider nicht erfahren.

Ensemblemitglied Max Mayer präsentierte am Donnerstagabend (spät um 22:00 Uhr) seine eigene Aufführung von Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. Die Zuschauer wurden in dünne weiße Overalls gesteckt, schon war man gefangen, ent-individualisiert, was hier Sinn machte, eine runde Sache. Eine intensive, engagierte schauspielerische Leistung von Max Mayer, ein Soloabend natürlich – dem Text entsprechend! Max Mayer hat ihn mit wenigen Partnern entwickelt (etwa einem Künstler, der während der Aufführung eine nicht einsehbare Leinwand bemalte). Er präsentierte den „Bericht für eine Akademie“ (ganz leicht gekürzt) frei – was ich allein schon irre fand. Schauspielerisch sehr intensiv, so intensiv kannte ich Max Mayer nicht von großer Bühne. Und gegen Ende las dazu der junge Schüler Oskar Probst sehr gut (ruhig und langsam) und sehr passend einen Text über eine Person mit dem Tourettesyndrom vor und war dann noch der „Mensch“ gegenüber dem „ehemaligen Affen“. Das Tourettesyndrom: Es sind Menschen, die plötzlich wie von einem Wirbelsturm erfasst die Identitäten aller weiteren anwesenden Personen aufnehmen, sekundenschnell, wie in einem „Bombardement“, und die dabei kurz vielleicht ihre eigene Identität verlieren. Wie sollte es auch gelingen, die eigene Identität in diesen Momenten zu behalten? Eine große Frage: Wie findet man seine Identität in all dem Wirrwarr? In Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ geht es zwar nicht direkt um das Finden der Identität, der Affe sieht es ja nur als „Ausweg“, sich den Menschen anzupassen, nicht etwa als Weg (zurück) in die „Freiheit“. Da ist mir der Zusammenhang zwischen Kafkas Text und dem Tourettesyndrom nicht ganz klar. Kafka lässt aber viel Interpretation zu! Aber selbst wenn es zwei verschiedene Gedanken sind, es war eine klasse Darbietung!

Der Marstall Salon, ein schöner Ort, um auch hier wieder hinzugehen und kleine Aktionen mit viel Engagement zu erleben!

Hier noch eine Lesung des Textes „Ein Bericht für eine Akademie“, der sich lohnt!

LITERATUR: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Ich habe jetzt auch noch das Buch gelesen: „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux. Die deutsche Version und daneben die schöne französische Version. Zum Buch ist derzeit im Münchner Marstalltheater ein „Theaterstück“- oder besser: eine „Performance“ – zu sehen. Über den Abend im Marstalltheater hatte ich kürzlich auch geschrieben (HIER). Der letzte Satz des Abends hatte – fand ich damals gut – etwas mit „Hoffnung“ zu tun, ich wusste aber nicht mehr genau den Wortlaut.

Wo der Satz steht, habe ich jetzt gesehen: Mitten im Buch, auf Seite 94. In der französischen Version auf Seite 88. Annie Ernaux überlegt dort, was sie antreibt, die Vergangenheit wieder heranzuholen. Der Satz lautet: „Was, wenn nicht die Hoffnung, dass es zumindest eine Spur von Ähnlichkeit gibt zwischen diesem Mädchen, Annie D, und irgend wem anders.“

Ich finde das Buch besonders, es ist lesenswert. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux führt zu einer Frage, die wirklich interessant ist: Was hat man früher eigentlich wie erlebt? Man kannte die Zukunft ja noch nicht. Sie geht in ihrem Buch dieser Frage anhand eines kurzen Zeitraumes ihres eigenen Lebens nach.

Annie Ernaux kommt im Alter von heute über 80 Jahren tatsächlich nicht umhin, über diesen kurzen Zeitraum im Sommer 1958 – und etwa ein/zwei Jahre danach – zu schreiben. Es waren sehr entscheidende Jahre für sie. Alles kam wahrscheinlich in ihrem Leben danach erst einmal anders, als gedacht.

Wichtig ist: Es geht ihr beim Schreiben über diese Zeit nicht etwa darum, eine „Erzählung“ zu schreiben, ein Geschehen zu beschreiben, sondern darum, nachzuforschen, wie sie sich selbst in dieser Zeitspanne, als sie gerade 18 Jahre alt war, gefühlt hat. Kann man das überhaupt noch herausfinden, ohne es mit nachträglichen Erfahrungen zu vermischen?

Man könnte ja sagen, soll sie doch zum Psychiater gehen. Aber es ist ein Unterschied: Ein Psychiater würde eben aus heutiger Sicht überlegen: „Wie kann Frau Ernaux damit umgehen?“ Sie aber möchte in diesem Buch wissen: „Wie war ich damals?“ Sie möchte sich in der damaligen Zeit näher kommen, sich wiedererkennen, sich kennen lernen. Und ihre Technik dazu ist folgende: Sie möchte Gegenstände sehen – Erinnerung durch Gegenstände, sie sieht sich alte Fotos an, sie liest alte Briefe, sie definiert Gegenstände von damals.

Darum geht es:

Annie Ernaux hat damals Dinge erlebt, die – ohne es damals zu wissen – ihr künftiges Leben prägten: Annie Ernaux war in einfachen und geradezu ängstlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sie sollte es nach dem Wunsch ihrer Eltern „einmal besser haben“. Ihre Eltern behüten sie extrem. Sie geht auf eine katholische Schule. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag konnte Annie erstmals in ihrem Leben quasi dieser Enklave der Umsorgung und des Schutzes entkommen, etwas alleine unternehmen. Sie konnte als jüngste Betreuerin in einem Ferienlager für junge Schulkinder arbeiten. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Für sie war es zum ersten Mal in ihrem Leben der Sprung ins Leben. Sie war hoch ambitioniert. Sie wollte feiern, endlich junge Menschen kennen lernen, das Leben kennen lernen, sich kennen lernen. Es ging schief. Auf einer Party der Betreuer und Betreuerinnen des Schullandheims machte sich dann sehr bald der Leiter des BetreuerInnenteams – H – an sie ran. Er verführte sie, sie verbrachten die Nacht miteinander. Annie nahm es hin, fand es spannend, schämte sich nicht. Danach zog sich H aber komplett von ihr zurück. Offensichtlich hatten auch die anderen Betreuer und Betreuerinnen mitbekommen, dass sie die Nacht mit dem „Chef“ verbracht hatte. Sie wurde ab dieser Nacht quasi verpönt. Kurze Zeit später geschah Ähnliches. Annie verbrachte eine weitere Nacht mit einem der Betreuer. Für sie war es immer noch hoch spannend! Sie schämte sich wieder nicht, es war Freiheit und ein Drang nach Sex, Freiheit, Grenzenlosigkeit. Sie war völlig orientierungslos und ohne jede Erfahrung. Sie ließ sie es gefühllos geschehen. Man sprach von ihr schnell als „kleine Nutte“. Mehr und mehr merkte sie andererseits, dass sie den Betreuerchef H abgöttisch liebte – oder bildete es sich ein. Vielleicht, weil sie bis dahin dachte: „Wenn ich zum allerersten Mal mit jemandem schlafe, das muss doch wahre Liebe sein!“ Es kam noch zu einer weiteren Nacht mit H. Er zog sich aber auch dann wieder sofort von ihr zurück. Sie hat ihn nie mehr in ihrem Leben gesehen. Annie dagegen meinte, sie seien doch jetzt ein Liebespaar. Ihre Orientierungslosigkeit. Die Demütigungen.

Auch nach Ende des Schullandheims waren ihre nächsten Jahre geprägt von ihrer Liebe H. Sie hat immer wieder H vor Augen, wusste, dass er in Rouen lebte, wo sie eine Ausbildung machte, wollte ihn aber nur „zufällig“ treffen. Sie bereitet sich vor auf ihn, lernte Dinge, nahm ab, bildete sich etc. Aber sie wurde im Folgejahr nicht mehr im Schullandheim angenommen! Sie sah H dann nie wieder. Sie entwickelte eine Essstörung, Bulimie.

Sie machte eine Ausbildung zur Grundschullehrerin, H war schließlich Grundschullehrer gewesen! Sie brach die Ausbildung aber ab, man sagte ihr, sie sei ungeeignet. Sie verbrachte als Au-Pair Mädchen eine Zeit in London. Auch dort eigenartige Erlebnisse. Danach begann sie mit einem Literaturstudium. Das war ihr neuer Weg, ein Weg, der ihr wohl entsprach. Vielleicht kann man sagen, sie hat die Kurve gekriegt. Annie Ernaux.

Die Zeiten der abrupten Freiheitsgier, der absoluten Orientierungslosigkeit und der Demütigungen – auch sozial. Es saß wohl das Leben lang in Annie Ernaux.

THEATER: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Silvia Costa und Annie Ernaux – die Namen zweier Frauen, denen man jedenfalls in Münchens Theaterszene bislang nicht begegnet ist. Interessant, diese beiden Personen jetzt in Form der Inszenierung „Erinnerung eines Mädchens“ am Münchner Residenztheater (Werkraum) zu „erleben“.

Annie Ernaux wird genannt als eine der „bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart“. Sie ist mittlerweile über 82 Jahre alt und schreibt/schrieb sehr autobiografisch. Man hört ihren Namen in einer Reihe mit dem französischen Philosophen Didier Eribon, auch mit Edouard Louis, die ja beide aus französischer Sicht sehr sozialkritisch und gesellschaftskritisch unterwegs sind. In mehrfach preisgekrönte Werken näherte sich Annie Ernaux etwa ihrem Vater („La Place“, Der Platz, 2019) und ihrer Mutter („Une femme“, Eine Frau, 2019). Sehr autobiografisch und immer auch gesellschaftskritisch. Das Ehepaar, ihre Eltern, aus einfachen Verhältnissen der damaligen Zeit. Auch häusliche Gewalt und soziale Scham sind Themen ihrer Werke.

Ganz anders Silvia Costa. Sie ist Italienerin, gerade einmal 39 Jahre alt. Als Regisseurin Bühnenbildnerin und Darstellerin ist sie schon an vielen europäischen Orten tätig gewesen. Theater, Oper, Performance, Installationen, Videoarbeiten, das sind ihre Bereiche. Eine ganz andere Generation als die Generation von Annie Ernaux. Silvia Costa ist jetzt für “Inszenierung und Bühne“ von „Erinnerung eines Mädchens“ an das Münchener Residenztheater gekommen.

Es ist ein Abend im Werkraumtheater. Die kleine Bühne des Werkraum ist schlicht gehalten und strahlt Klarheit, fast Eleganz aus. So auch der Abend. Der erste Bühneneindruck passt zur Inszenierung von Silvia Costa. Eine dunkelblau gehaltene Wand im Hintergrund, darin links neben einer Tür eine sehr lang gezogene recht schmale Wandöffnung auf Brusthöhe, zwei Türen, alles schlicht gehalten, dünn gerahmt, zwei Lampen am Boden, eine alte Stereoanlage, sonst im Grunde nichts.

Langsame Bewegungen, relativ langsame Sprache, nicht viel Aktion auf der Bühne, einzelne Gegenstände werden herangezogen. So erlebt man diesen Abend. Drei Frauen, die gleichzeitig im Zusammenspiel miteinander Annie Ernaux repräsentieren. Sybille Canonica, Juliane Köhler, Charlotte Schwab, alle drei meist sehr ähnlich gekleidet. Annie Ernaux erzählt an diesem Abend von einer Erinnerung, die sie ihr Leben lang nicht losließ. Erlebnisse von ihr als jungem Mädchen. Sie nennt das Mädchen „Mädchen von 58“. Es war 1958.

Ja, es geht auch um einzelne Gegenstände. Einen Schal, Sommersandalen, einen Rock, andere Kleidungsstücke, eine Art Badetuch und und und. Es ist in der Tat Annie Ernauxs Technik, sich der Vergangenheit zu nähern: Gegenstände zu nehmen, aus denen sie ihre Erinnerung entwickelt. Nicht um etwas zu erfinden, sondern um sich selber zu finden. Sich als das „Mädchen von 58“ zu finden, sich ihm anzunähern.

Und nicht nur, um eine Geschichte zu erzählen. Es geht nicht nur um ein Erlebnis: Es geht in der feinen Sprache von Annie Ernaux, in der feinen und ruhigen, sehr konzentrierten Wortwahl des Abends im Kern der Erzählungen immer um Folgendes: „Wer bin ich? Wer war ich? Hat meine heutige Erinnerung und meine heutige Person noch etwas mit der damaligen Person zu tun? Hat die damalige Person, an die ich mich erinnere, heute noch etwas mit mir zu tun? Kann ich mich überhaupt wirklich erinnern? Ist das „Mädchen von 58“ wirklich ich? Was bedeutet die Erinnerung? Ich habe die Dinge ja damals schlicht erlebt.

Man sitzt in den Zuschauerreihen und kann kaum umhin, an seine eigene Vergangenheit zu denken. Wer war man? Wie hat man die Dinge damals erlebt? Was ist noch heute Teil des eigenen Lebens?

Annie Ernaux erzählt von ihrer ersten sexuellen Begegnung – von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausheilte. Annie Duchesne wurde 18 Jahre alt, arbeitete im Sommer 1958 als Betreuerin in einer Ferienkolonie, fand in eine Clique, sie genossen ihre Jugend, sie war in H. verliebt, mit ihm hatte sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutete. Auch weil H. sie fortan ignorierte, weiß sie nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell war sie verfemt. Was folgte, waren Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham. Und Schweigen. Über 55 Jahre brauchte Annie Ernaux, um sich dieser »Erinnerung der Scham« stellen zu können. Diese Erinnerung war immer Teil ihres Lebens!

Es ist ein ruhiger, schöner, in keiner Weise wilder oder aufrührender Abend. Man denkt an seine eigene Vergangenheit. Der Abend endet mit einem Satz, in dem es – auch schön – um Hoffnung geht. Etwa: Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Person, an die ich mich erinnere, wirklich etwas zu tun hat mit mir. Oder so ähnlich. Ich kann ihn leider nicht mehr zitieren, Der Satz war etwas anders. Ich werde das Buch lesen und vielleicht wieder auf den Satz stoßen. Dann korrigiere ich ihn hier.

Der Abend ist fast eher eine Performance, als ein Theaterstück. Jedenfalls schafft es Silvia Costa, die Gedanken von Annie Ernaux aus dem Buch “Erinnerung eines Mädchens“ schlicht und fein auf die Bühne zu bringen. Es passt und regt zum Denken an.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Chris Thorpe – Victory Condition

Es ist ein Stück mit drei Ebenen. Zwei Personen – drei Ebenen. Die beiden Personen haben jeweils eine eigene Story vor Augen, über die sie reden werden. Und es gibt die Ebene des gemeinsamen, aktuellen Geschehens. Aber da spielt sich nicht viel ab.

Sie kommen mit Koffern aus dem Urlaub zurück in ihre äußerst funktional eingerichtete gemeinsame Wohnung. Die Zuschauer stehen (!) nebeneinander um die geschlossene Bühne herum und betrachten das Geschehen auf der Bühne – die Wohnung des Paares – voyeuristisch durch schmale Sichtfenster.

„Mann“ und „Frau“ reden nicht miteinander, sondern führen Monologe. Jeder hat seine Überlegung. Er ist „beruflich“ irgendwo Scharfschütze und monologisiert über eine Frau, die ihm einmal – wahrscheinlich vor dem Urlaub – gefallen hat. Er beobachtete sie in einer Gruppe Protestierender. Und er stand davor, auf sie zu schießen. Allerdings, um sie berühmt zu machen und letztlich damit das System, gegen das sie offenbar ankämpfte, sogar zum Einsturz zu bringen, indem die Gruppe der Protestierenden dadurch nur gewinnt.

Sie dagegen monologisiert in der Wohnung darüber, dass auf der Welt alles gleichzeitig stattfindet, womit sie offenbar kaum zurecht kommt. Sie kam einmal – wahrscheinlich auch vor dem Urlaub – in ihr Büro und spürte besonders, dass alles gleichzeitig passiert. Oder lag sie nach einem Schlaganfall in der U-Bahn Station? Es kommt jetzt oder kam ihr damals jedenfalls so vor.

Ein Stück über die Tatsache, dass wir im Grunde nichts verstehen. Die Welt als ein Fehler. So kann es doch nicht gewollt gewesen sein. Die Menschheit wächst – durch die Globalisierung – immer mehr zusammen, aber sie wird immer träger und hilfloser im Umgang miteinander. Und alles erschüttert uns. Er sah also hilflos eine Frau, die gegen das System ankämpfte. Er musste auf sie schießen. Sie dagegen sah hilflos irgendwie diese Gleichzeitigkeit von Allem. Mann und Frau wirken nicht gerade begeistert von ihren Überlegungen – ihren „Rückblenden“ – nach der Rückkehr aus dem Urlaub. Die Überlegungen verwirren beide mehr und mehr, ihre Handlungen – Wein einschenken, duschen, kochen etc. – geraten zunehmend aus den Fugen.

Ihre gemeinsame Welt? Man könnte sagen: Es geht insoweit darum, dass sich zwei Menschen, obwohl sie zusammen leben (verheiratet sind?), überhaupt nicht austauschen, nicht austauschen können. Kommunikation gleich null. Jeder lebt in seiner Welt und ist letztlich schwer verwirrt. Die „Frau“ scheint nicht daran interessiert zu sein, wie es dem „Mann“ geht und umgekehrt. Er und sie tauschen während der eineinhalbstündigen Vorführung vielleicht zweimal relativ freundliche Blicke miteinander. Zwei oder drei Mal berührt er sie. Ansonsten blicken Sie sich verständnislos an. Erstaunlicherweise umarmen sich beide ganz am Ende … wer weiß warum.

Die Zuschauer sehen also hautnah zu. Ziemlich traurig und desolat, was man so sieht. Man beobachtet es so, als würde man einem Blick in den Alltag werfen. Man beobachtet, wie das geordnete Leben eines Paares mehr und mehr aus den Fugen gerät. Es gerät dadurch aus aus den Fugen, dass jeder seine eigene, nicht beherrschbare „Außenwelt“ hilflos vor sich hat. Er als Scharfschütze, sie als Designerin.

Eine traurige, aber interessante Beobachtung des britischen Autors Chris Thorpe über die heutige Welt. Regie der Münchner Inszenierung führte Sam Brown. Die beiden relativ jungen Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters Nora Buzalka und Till Firit passen wunderbar, spielen es wirklich überzeugend, sehr glaubwürdig – was man ja besonders gut beurteilen kann, da man sie wirklich hautnah erlebt.

Es bleibt in der Umsetzung allenfalls vielleicht etwas zu artifiziell. Eine fürchterliche neutrale Wohnung, das immer schräger werdende Verhalten der beiden, die fürchterliche Nüchternheit untereinander. Die Schwierigkeit ihrer Überlegungen. Aber diese Art der Zuspitzung wird gewollt sein.

Hier der Link zur Seite der Inszenierung auf der Homepage des Münchner Residenzheaters.

Hier ein Link zur Seite des Bühnenbildners Alex Lowde, auf der man das – sehr nüchterne – Bühnenbild dieser Inszenierung sieht.

HIER ein Link zu einer kurzen Erklärung von Chris Thorpe zum Stück Victory Condition. Victory Condition ist ein Begriff aus der Welt des Gamings.

©️ des Beitragsbildes: Armin Simailovic