THEATER: Miranda July – Der erste fiese Typ

Ich hatte es schon längst gesehen, jetzt noch einmal. Es ist einfach ein schönes Stück an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, dessen 10-Stunden-Antikenabend „Dionysos Stadt“ gerade zum Berliner Theatertreffen 2019 im Mai eingeladen wurde. Das Stück „Der erste fiese Typ“ gibt es noch zu sehen.

Auch übrigens den sehenswerten Marathon „Dionysos Stadt“ (je an einem Wochenende pro Monat). Zu meiner damaligen Besprechung von „Der erste fiese Typ“ geht es HIER. Deshalb hier nur kurz.

Getragen wird das Stück schlicht von den beiden Schauspielerinnen Maja Beckmann und Anna Drexler. Es ist ein Theaterabend für die beiden. Sie werden musikalisch begleitet von Brandy Butler. Es geht um Cheryl (Maja Beckmann) , ça. 45 Jahre alt, die die junge, wilde Clee (Anna Drexler), Tochter von Cheryls Chefin, vorübergehend in ihre (ordentliche) Wohnung aufnimmt. Clee hat ein völlig anderes Lebensverständnis. Völlig ungehemmt, ohne viel Respekt, einfach drauf los. Cheryl dagegen ist eine sehr vorsichtige, zweifelnde Person, die eigentlich gar nicht aus ihrer Haut heraus kann. Da prallt einiges aufeinander.

Man sieht in diesem amüsanten und schön gemachten Stück, wie Cheryl nach größten Schwierigkeiten doch mehr und mehr Verständnis für Clee und auch Liebe für sie entwickelt. Liebe, die letztlich dadurch entsteht, dass Clee schwanger wird und ein Kind bekommt, um das sich letztlich zunächst Cheryl kümmert. Clee nennt das Kind – das sie ohnehin zur Adoption freigeben möchte – ganz einfallsreich Jack.

Und am Ende bekommt man noch ein schönes Lebensgefühl mit auf den Weg. Wir gehen alle unseren Weg, alles ist nicht so ernst, jeder ist anders. Ständig prallen Welten aufeinander, sie können zusammen finden. Ein positives Stück. Und Maja Beckmann und Anna Drexler: Top, sie spielen es herrlich in ihrer Unterschiedlichkeit.

Zur Onlineseite des Stückes mit Trailer geht es HIER.

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer

THEATER: Leonie Böhm – Yung Faust nach Johann Wolfgang von Goethe

Yes – ja, wir altern jeden Tag. Und irgendwann merken wir, dass wir nicht mehr jung sind. Schade! Das kommt auch bei Leonie Böhms „Yung Faust“ in den Kammerspielen zum Ausdruck. Es hatte vor wenigen Tagen Premiere in der Kammer 2.

Fausts Wunsch „Augenblick, verweile …“ und Fausts Suche nach der Liebe, die ihm das Leben näher bringen soll, wird in diesem Stück von Leonie Böhm aufgegriffen. Neben den beiden jungen Personen, den SchauspielerInnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler spielt Annette Paulmann, die ja eine Generation älter ist. Man lehnt sich an Goethes „Faust“ (Teil I) an, im Hintergrund schwingt die Geschichte mit, jeder spielt aber jeden. Immer auch mit einer gehörigen Portion erotischer Anziehung gegenüber dem anderen. Annette Paulmann geht dabei anders an das Thema heran: „Weißt du überhaupt, was Liebe ist?“ fragt sie etwa einmal altersweise Julia Riedler. Sie ist nicht alt, aber sie hat Erfahrung. Sie sieht die Dinge eben schon anders.

Und immer dieser Gram, den sie mit sich herum trage, weint sie dann einmal verzweifelt. Morgens Gram – abends Gram. Der Gram über das Leben. Die Last des Lebens. Das ist ja sehr ehrlich – je älter man wird … Ich merke es ja selber. Sie spürt den Gram, die anderen beiden wollen davon nichts wissen. Wann gebe es schon einen einzigen Tag, sagt Annette Paulmann, an dem auch nur einer ihrer Wünsche wirklich in Erfüllung geht! Das Leben ist kein Wunschkonzert, kann man da nur sagen. Auch wenn Faust es gerne gehabt hätte, mit seinem Pakt mit Mephisto, um das Leben wirklich zu verstehen. Und mittendrin bricht Annette Paulmann ihr Stage Diving (Schlittern über die nasse Bühne) ab und sagt nachdenklich: „Ich bin zu alt!

Vor allem die beiden jungen Schauspielerinnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler – beide 1990 geboren – suchen das „Wunschkonzert“. Yung Faust spielt ja auf “Jung“ an. „Yung“ wird in der Sprache des Hip Hop verwendet für jung, neu etc. Die beiden „jungen“ bringen Hip-Hop Bewegungen, auch wenn es um das Hexeneinmaleins geht, sie mischen sich – auch das faustähnlich – unter das Publikum, nehmen Kontakt auf. Sie wollen genießen, sie wollen die Liebe finden und sie versuchen sogar, Annette Paulmann, die „Bedenkenträgerin“, mitzureißen. Yung steht für ein ziemlich verwegenes Leben. Auf den Filmfestspielen 2018 in München gab es einen Film über verwegenes Leben junger Mädchen mit dem Titel „Yung“. Yung – ein Lebensgefühl. HIER ein paar Worte zum Film. Und HIER ein Trailer. Den muss man sich, glaube ich, anschauen, wenn man wissen will, was „Yung“ bedeutet.

Das Ganze wird spielerisch locker geboten. Es ist eine Spielerei mit Johann Wolfgang von Goethes „Faust“, Teil I, diesem Monumentalwerk der deutschen Literatur. Kein „Goethe-Abend“. Es gibt ja nicht mal ein Bühnenbild (es stehen irgendwo ein paar abstrakte Gegenstände auf der Bühne herum). Es ist eher ein Abend zu Beobachtung der drei SchauspielerInnen. Annette Paulmann und Julia Riedler sind wieder einmal gewohnt gut, besonders fällt aber – auch „wieder einmal“ – finde ich, Benjamin Radjaipour auf. Ein Schauspieler, bei dem man gar nicht merkt, dass ein Schauspieler spielt. Nicht nur durch seinen Gesang fällt er auf – dadurch aber auch.

Es ist also eine Spielerei mit Goethes altem Text, ein Versuch, ihn mit jungen Augen zu verstehen. Auch ein Versuch kann ja anregend sein. Es kann Augen öffnen. Mir ist nur aufgefallen, dass man die Suche nach dem Glück heute irgendwie schon anders sieht. Auch Faust ist eben in die Jahre gekommen. Es geht jungen Menschen heute vielleicht schneller um die Welt insgesamt oder so. Oder ist das nur die Sichtweise meines Alters? Ich bin eben nicht mehr yung.

HIER der link zur Seite der Produktion im Onlineauftritt der Münchner Kammerspiele. Mit den nächsten Terminen.

©️ des Beitragsbildes: Julian Baumann, Münchner Kammerspiele

THEATER: Olga Bach – Doktor Alici

Doktor Alici von Olga Bach an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Ersan Mondtag, der aber – nicht zum ersten Mal – sicherlich in enger Abstimmung mit Olga Bach daran gearbeitet hat. Wer die Neigung hat, etwas politisch um ein paar Jahre Weitergedachtes sehen zu wollen – ausgehend von den heutigen Verhältnissen nicht nur in Bayern – kann sich dieses insoweit „realistische“ Stück gut ansehen. Auch wenn irgendetwas fehlte (siehe unten). Es soll das Jahr 2023 sein, also gar nicht soweit weg.

Kritisches Volkstheater könnte man auch sagen. Und dann: Man stellt sich dann die Frage, ob das, was wir derzeit in der Realität erleben (darauf baut das Stück ja auf), hier mit allzu viel Fantasie weitergedacht wurde oder ob nicht das, was im Stück fantasievoll gezeigt wird, nicht doch schon irgendwie im Heute fast festgezurrt ist. Aber das haben ja schleichende Veränderungen so an sich. Schleichende Veränderungen, die man hinnimmt und die dann irgendwann aufbrechen. Darauf zielt ja der Abend. Das ist ja der Unterschied: Bei vielen Theaterstücken kann man sich danach überlegen: Spielt das in unserem Leben eine Rolle? An diesem Abend dagegen war es anders: Der Abend ging ganz klar davon aus, dass die Thematik in unserem Leben – jedenfalls hier in Bayern – eine Rolle spielt. Sonst hätte der Abend keinen Sinn gemacht. Und gerade die Bayern nehmen ja gerne die Dinge so hin, wie sie sind. „Mia san mia!“.

Thema war das PAG, das Bayerische Gemüt, die Einstellung zu Muslimen. Und zwar war die tatsächliche Situation von Olga Bach andersherum weitergedacht: Die CSU hat ja bekanntermaßen in Bayern das PAG installiert. Die Polizeipräsidentin, die im Stück von den sogenannten „Ökologen“ eingesetzt wurde, hat das PAG dann eben vor der Landtagswahl ganz gesetzestreu gegen eine angeblich rechte Gruppierung eingesetzt. Soweit, so gut. Der CSUler in der Inszenierung, ein Sicherheitspolitiker, und andere eher „rechte“ Vertreter wollen es ihr zwar ausreden, sie bleibt aber hart. Das wiederum treibt den Unmut der CSU hoch und höher. Die CSU hat doch das PAG wegen drohender muslimischer Gefahren installiert! Und so weiter…

Nach dem Theaterabend sagte mir jemand sinngemäß: Naja, im Publikum der Münchner Kammerspiele sitzen ja schon eher die kritischen und aufgeschlossenen Geister. Das Stück war aber eher an Menschen gerichtet, die die Entwicklung nicht so kritisch sehen! Nicht erkennen! Ja, das Stück hätte im Residenztheater etwa sicherlich einen anderen Resonanzboden vorgefunden.

Zum Stück und der Inszenierung und zu meinen Eindrücken Folgendes:

Zum Stück: Olga Bachs „Doktor Alici“ ist entfernt angelehnt an „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler. Auch dort sind es schleichende Veränderungen: Dort kommt ein jüdischer Arzt mehr und mehr in Schwierigkeiten, nachdem er aus persönlicher und professioneller Sicht eine medizinische Entscheidungen getroffen hatte, die die Gemüter der Nazis störte und zunehmend Judenhass gegen ihn aufkommen ließ.

Zur Inszenierung: Gut gespielt wird Dr. Alici allemal wieder. Das Ensemble der Münchner Kammerspiele kann immer durch die Bank überzeugen. Das Bühnenbild und die Kostümierung (Bühne von Nina Peller und Kostümierung von Teresa Vergho) lassen einen allerdings staunen. Es wirkt alles wie in einem verrückten Traum. Zur Kostümierung siehe allein oben das Bild. Also wirkt doch alles recht entrückt, nicht realistisch? Obwohl das Thema so realistisch ist! Das obige Beitragsbild gefällt mir übrigens schon deswegen, da es schön die Situation des Stückes zeigt: Der seit Jahrzehnten bekannte klassische Bühnenvorhang und davor die abstrus wirkende Gruppe der Schauspieler.

Auch der fast permanent auf die Bühne niederprasselnde Regen und die immer wieder zu hörenden Donner und die aufflackernden Blitze verursachen eine träumerische, aber auch desolate Atmosphäre. „Scheißregen“ sagen einzelne SchauspielerInnen mehrfach. Die SchauspielerInnen laufen meist mit aufgespannten Schirmen herum.

Das Ensemble ist diesmal übrigens ergänzt durch Hürdem Riethmüller (Münchnerin mit türkischen Eltern), die die zentrale Rolle einer lesbischen und muslimischen bayerischen Polizeipräsidentin (!) spielt, und durch den rührend gut spielenden Michael Gempart.

Mein Eindruck: Mir wurde das Thema etwas zu direkt angegangen. Fast schulmäßig, wie in einem Aufsatz. Aber auch das kann ruhig einmal im Theater stattfinden! Besser vielleicht als zum zehnten Mal William Shakespeare sehen und sich dann wieder denken: „Ois is wias is!“.

Wie mit dem Holzhammer wurde aber quasi auf die Zuschauer eingeschlagen. Schöne Momente waren aber zu finden: Allein die Talkshow mit den Protagonisten und die Aussagen der Beteiligten! Siehe das Beitragsbild oben.

Insgesamt etwas kompliziert gedacht. Das ist leider das Gefühl, das an diesem Abend auch etwas hängen blieb. Es wirkte etwas kompliziert und damit nicht so ganz einschlagend. Vielleicht fehlte es, dass man sich speziell an einer der beteiligten Personen, besonders an der Polizeipräsidentin, emotional mehr hätte orientieren können. Das würde auch Arthur Schnitzler und seiner recht psychologischen Herangehensweise entsprechen. Irgendetwas fehlte vielleicht. Eine Abrundung oder Zuspitzung, an der man sich orientieren würde. Aber das ist natürlich leichter gesagt, als getan. Letztlich bleibt die Polizeipräsidentin jedenfalls „im Regen stehen“ – oder liegen, allein auf der klatschnassen Bühne.

©️ des Beitragsbildes: Armin Smailovic, Münchner Kammerspiele

THEATER: Chris Thorpe – Victory Condition

Es ist ein Stück mit drei Ebenen. Zwei Personen – drei Ebenen. Die beiden Personen haben jeweils eine eigene Story vor Augen, über die sie reden werden. Und es gibt die Ebene des gemeinsamen, aktuellen Geschehens. Aber da spielt sich nicht viel ab.

Sie kommen mit Koffern aus dem Urlaub zurück in ihre äußerst funktional eingerichtete gemeinsame Wohnung. Die Zuschauer stehen (!) nebeneinander um die geschlossene Bühne herum und betrachten das Geschehen auf der Bühne – die Wohnung des Paares – voyeuristisch durch schmale Sichtfenster.

„Mann“ und „Frau“ reden nicht miteinander, sondern führen Monologe. Jeder hat seine Überlegung. Er ist „beruflich“ irgendwo Scharfschütze und monologisiert über eine Frau, die ihm einmal – wahrscheinlich vor dem Urlaub – gefallen hat. Er beobachtete sie in einer Gruppe Protestierender. Und er stand davor, auf sie zu schießen. Allerdings, um sie berühmt zu machen und letztlich damit das System, gegen das sie offenbar ankämpfte, sogar zum Einsturz zu bringen, indem die Gruppe der Protestierenden dadurch nur gewinnt.

Sie dagegen monologisiert in der Wohnung darüber, dass auf der Welt alles gleichzeitig stattfindet, womit sie offenbar kaum zurecht kommt. Sie kam einmal – wahrscheinlich auch vor dem Urlaub – in ihr Büro und spürte besonders, dass alles gleichzeitig passiert. Oder lag sie nach einem Schlaganfall in der U-Bahn Station? Es kommt jetzt oder kam ihr damals jedenfalls so vor.

Ein Stück über die Tatsache, dass wir im Grunde nichts verstehen. Die Welt als ein Fehler. So kann es doch nicht gewollt gewesen sein. Die Menschheit wächst – durch die Globalisierung – immer mehr zusammen, aber sie wird immer träger und hilfloser im Umgang miteinander. Und alles erschüttert uns. Er sah also hilflos eine Frau, die gegen das System ankämpfte. Er musste auf sie schießen. Sie dagegen sah hilflos irgendwie diese Gleichzeitigkeit von Allem. Mann und Frau wirken nicht gerade begeistert von ihren Überlegungen – ihren „Rückblenden“ – nach der Rückkehr aus dem Urlaub. Die Überlegungen verwirren beide mehr und mehr, ihre Handlungen – Wein einschenken, duschen, kochen etc. – geraten zunehmend aus den Fugen.

Ihre gemeinsame Welt? Man könnte sagen: Es geht insoweit darum, dass sich zwei Menschen, obwohl sie zusammen leben (verheiratet sind?), überhaupt nicht austauschen, nicht austauschen können. Kommunikation gleich null. Jeder lebt in seiner Welt und ist letztlich schwer verwirrt. Die „Frau“ scheint nicht daran interessiert zu sein, wie es dem „Mann“ geht und umgekehrt. Er und sie tauschen während der eineinhalbstündigen Vorführung vielleicht zweimal relativ freundliche Blicke miteinander. Zwei oder drei Mal berührt er sie. Ansonsten blicken Sie sich verständnislos an. Erstaunlicherweise umarmen sich beide ganz am Ende … wer weiß warum.

Die Zuschauer sehen also hautnah zu. Ziemlich traurig und desolat, was man so sieht. Man beobachtet es so, als würde man einem Blick in den Alltag werfen. Man beobachtet, wie das geordnete Leben eines Paares mehr und mehr aus den Fugen gerät. Es gerät dadurch aus aus den Fugen, dass jeder seine eigene, nicht beherrschbare „Außenwelt“ hilflos vor sich hat. Er als Scharfschütze, sie als Designerin.

Eine traurige, aber interessante Beobachtung des britischen Autors Chris Thorpe über die heutige Welt. Regie der Münchner Inszenierung führte Sam Brown. Die beiden relativ jungen Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters Nora Buzalka und Till Firit passen wunderbar, spielen es wirklich überzeugend, sehr glaubwürdig – was man ja besonders gut beurteilen kann, da man sie wirklich hautnah erlebt.

Es bleibt in der Umsetzung allenfalls vielleicht etwas zu artifiziell. Eine fürchterliche neutrale Wohnung, das immer schräger werdende Verhalten der beiden, die fürchterliche Nüchternheit untereinander. Die Schwierigkeit ihrer Überlegungen. Aber diese Art der Zuspitzung wird gewollt sein.

Hier der Link zur Seite der Inszenierung auf der Homepage des Münchner Residenzheaters.

Hier ein Link zur Seite des Bühnenbildners Alex Lowde, auf der man das – sehr nüchterne – Bühnenbild dieser Inszenierung sieht.

HIER ein Link zu einer kurzen Erklärung von Chris Thorpe zum Stück Victory Condition. Victory Condition ist ein Begriff aus der Welt des Gamings.

©️ des Beitragsbildes: Armin Simailovic

THEATER: William Shakespeare – Richard III.

Ich hatte mich das ja schon einmal gefragt: Warum tut man sich das an, William Shakespeare! Warum schaut man sich diese verschiedenen unangenehmen Tyrannentypen immer wieder an? Diese „historischen“ Tragödien von Shakespeare sind doch weit weg von der heutigen Welt. Solche Typen gibt es doch wirklich nicht mehr!

Ich würde sogar noch weitergehen: Warum gelten sie eigentlich als so hehres europäisches Kulturgut? Ist das Teil unserer Geschichte? Shakespeare greift ja eigentlich immer wieder auf die Geschichte Großbritanniens zurück, nicht Europas – die Geschichte Schottlands, Englands, Wales, Irlands. Und gerade die Briten fühlen sich ja nicht unbedingt als Europäer. Stichwort Brexit. Ich will auf keinen Fall etwa „deutsches Theater“ – überhaupt nicht – ich bin für absolute Öffnung. Aber Shakespeare gilt bei alledem irgendwie als ein unumstößlicher Monolith im Theaterwesen. Deswegen frage ich mich: Warum?

Ich weiß, mit einer solchen Bemerkungen wische ich mal schnell weltweite Literaturgeschichte beiseite. Shakespeare gilt immerhin als der bedeutendste Autor der Weltliteratur. Was Deutschland angeht, liest man ja sogar bei Wikipedia:

Zu den Besonderheiten der deutschen Shakespeare-Rezeption seit der Romantik gehört die Auffassung, die Deutschen hätten eine besondere Affinität zu Shakespeare, sein Werk stehe der deutschen Seele näher als der englischen. Die Beschäftigung mit Shakespeare und die bis ins Politische reichende Popularisierung seines Werkes fand in der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, die im Jahr 1864 eher von Enthusiasten als von Fachphilologen gegründet wurde, ihre institutionelle Verankerung. Sie ist die älteste Shakespeare-Gesellschaft der Welt und bedeutend älter als die englische.

So mag es sein. Eine ganze Reihe von Shakespeare Tragödien geht aber zurück auf die sogenannten damaligen „Rosenkriege“ in Großbritannien. Kriege zwischen den beiden britischen Herrscherlinien der Zeit des 15. Jahrhunderts, zwischen dem Hause Lancaster und dem Hause York. Shakespeare selbst lebte ja Ende 16. und Anfang 17. Jahrhundert. Er versteckte sich in gewisser Weise vor Angriffen, indem er sich insoweit als „Historiendramatiker“ ausgab. Er konnte und wollte ja nicht direkt das aktuell herrschende Königshaus kritisieren. Da gibt es von William Shakespeare also eine York-Tetralogie und eine Lancaster-Tetralogie. Teil der York-Tetralogie ist die Tragödie „Richard III.“

„Richard III.“ habe ich mir nun am Münchner Residenztheater angesehen. Eine völlig andere Inszenierung von Richard III. kann man übrigens derzeit am Schauspiel Frankfurt sehen. Sie muss sehr interessant sein und erhält geradezu großartige Kritiken. Ich vermute, die Frankfurter Inszenierung (von Jan Bosse) wird zum Theatertreffen 2019 ausgewählt werden. Das stellt sich in wenigen Tagen (am 30. Januar) heraus.

HIER die Seite zur aktuellen Inszenierung von Richard III. am Münchner Residenztheater. Und HIER die Seite des Schauspiels Frankfurt zur aktuellen Inszenierung von Richard III.

Zur Inszenierung am Münchner Residenztheater: Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Michael Thalheimer scheint derzeit auch auf einem Shakespeare-Trip zu sein. In Berlin hatte ich ja kürzlich Shakespeares „Macbeth“ angesehen und auch dort ist es eine Inszenierung von Michael Thalheimer. HIER der Link zu meinem damaligen Beitrag.

Am Münchner Residenztheater sieht man das Stück Richard III. relativ „originalgetreu“. So war es ja auch am Berliner Ensemble, obwohl die dortige Fassung ja VON Heiner Müller und „nur“ NACH William Shakespeare war. Das merkt man dort allerdings nicht besonders deutlich. Recht puristisch, aber originalgetreu. Das ist die Linie von Michael Thalheimer.

Eine solche weitgehend originalgetreue Inszenierung hilft natürlich, wenn man etwa die komplizierte Story von Richard III. verfolgen will. Hier die Zusammenfassung der Story aus dem Programmheft:

Auch hier am Residenztheater war das Bühnenbild – wie in Berlin – äußerst reduziert. Schwarze Holzpaneelen bis hoch unter die Decke rahmen die dunkle Bühne. Wenig Licht. Der Bühnenboden ist bedeckt von massenweise schwarzen Kieselsteinen (Styropor), durch die die Schauspieler waten (siehe Beitragsbild oben). Den ganzen Abend hindurch wummert ganz leise bedrohliche „Musik“ – eigentlich mehr „Töne“ als „Musik“ – im Hintergrund.

Norman Hacker spielt den verkrüppelten Richard III. Und er wird wirklich hässlich gespielt. Fies, machtgeil, mörderisch, arrogant, skrupellos, egomanisch, wahnsinnig. Man verlässt das Theater und hat einem Wahnsinnigen zugesehen! Alle Mitwirkenden spielen in dieser Thalheimer-Inszenierung um den noch dazu hässlichen Richard III. herum. Am besten haben mir die kleineren Rollen gefallen. Die Rolle von Thomas Schmauser: Herzog von Buckingham. Und die von Marcel Heupermann, Catesby, beide waren Richards Helfer.

Stephen Greenblatts Buch „Der Tyrann“ geht übrigens ganz besonders auf Richard III. ein. Sehr interessant. So kann man Richard III. besser verstehen. Greenblatt zeigt zum Beispiel an einzelnen Textstellen in Shakespeares Tragödie „Richard III.“, dass es die in Richards Leben komplett fehlende Liebe – Mutterliebe, Selbstliebe, erotische Liebe – war, die ihn dazu trieb, an die Macht zu stürzen. Genau hier kann man etwas aus der Tragödie „Richard III.“ ziehen, finde ich: Vielleicht bestehen bei Menschen, die nach Macht streben, manchmal – oder sogar oft – verdeckt sehr persönliche Defizite oder Gründe, so zu handeln, wie sie handeln.

Mit einem angenehmen Gefühl kann man Richard III. und das Geschehen um ihn herum jedenfalls kaum betrachten. Die wummernde leise Musik im Hintergrund tut ihr übriges. Man kann sich also durchaus fragen: Warum das? Man sieht die Geschichte des unangenehmen „Prinzen“ Richard, der sich zur Königsfigur hindurchmordet und schließlich doch scheitert. Und dann?

Nun, Steven Greenblatt schreibt in seinem Buch “Der Tyrann“, dass wir Zuschauer immer schon Richard irgendwie verteidigt haben: „Etwas in uns genießt jede Minute seines schrecklichen Aufstiegs zu Macht.“ „Wieder und wieder… sind wir bezaubert.“ Wenn das ein Aspekt ist, kam er in der Inszenierung von Michael Thalheimer sicherlich etwas kurz. Schade. So ein Bezug zu uns Zuschauern heute fehlte mir ein wenig.

HIER der Bühnenaufbau im Zeitraffer.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

Redaktion des Programmheftes: Sebastian Huber

 

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THEATER: Macbeth-Trilogie, Teil IV

Vorweg etwas: Es kommt mir schon ganz komisch vor, dass ich derzeit so viele Posts bringen. Es liegt einfach daran, dass ich – anstatt abends den Fernsehknopf zu drücken – 200 m weiter zu den Kammerspielen, 500 m zum Residenztheater oder mit dem Fahrrad ein Stückchen fahre, um mir ein Theaterstück anzusehen. Oder etwas lese oder so. Ein Blog treibt einen ja auch dazu, die Dinge weiterzuverfolgen. Und wenn ich schreibe, schreibe ich recht schnell. Also keine Angst.

Anfang Dezember hatte ich an den Münchner Kammerspielen schon einmal „Macbeth“ angesehen. HIER mein damaliger kurzer Bericht. Ich hatte damals angekündigt, noch einmal darauf zurückzukommen im Rahmen meiner großen Shakespeare-Tour. Ich habe jetzt in letzter Zeit also gesehen: „Macbeth“ von Heiner Müller am Berliner Ensemble, „Macbeth“ von William Shakespeare am Münchner Residenztheater, jetzt noch einmal „Macbeth“ von Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen und kürzlich „Richard III.“ von William Shakespeare auch am Münchner Residenztheater (auch darüber schreibe ich bei Gelegenheit noch). Zusätzlich hatte ich das Buch „Der Tyrann“ vom großen Shakespeare-Kenner Stephen Greenblatt gelesen, in dem es um die Tyrannengestalten in Shakespeare‘s Dramen geht.

Nun also abschließend zu „Macbeth“ NACH William Shakespeare VON Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen:

Amir Reza Koohestani ist Iraner. Man stelle sich nur vor, ein deutscher Regisseur würde sich einen persischen Klassiker vornehmen und dem persischen Publikum präsentieren. Genau so ist es doch wohl, wenn sich Amir Reza Koohestani dieses europäischen Klassikers von William Shakespeare annimmt. Zwei Welten prallen aufeinander. Diesen Abend nur „Macbeth“ zu nennen, täuscht dann natürlich. Es greift an sich zu kurz. Treffender wäre es – von der ganzen Inszenierung her – sicher gewesen, diesen Abend etwa „Macbeth iranisch/deutsch“ zu nennen. Das ist es ja, was man an diesem Abend sieht: Die Konfrontation des europäischen „Klassikers“ mit dem Versuch, ihn aus persischen Augen zu verstehen. Das ist das Thema des Abends.

Amir Reza Koohestani zieht „Macbeth“ deshalb an diesem Abend zunächst einmal auf eine Metaebene: Er zeigt, wie ein Regisseur, gespielt von Christian Löber (siehe das Foto oben), die Aufführung von Macbeth in letzten Zügen mit einigen Schauspielern vorbereitet. Die von ihm vorgesehene Schauspielerin für Macbeth‘s Ehefrau, Lady Macbeth, fällt kurz von der Premiere aus. Der Regisseur, der auch den Macbeth spielen würde, setzt kurzfristig seine persische Frau für diese Rolle ein, die von der persischen Schauspielerin, Journalistin, Regisseurin, Schriftstellerin Mahin Sadri gespielt wird. Und so beginnen die Probleme. Sie tastet sich natürlich an Shakespeare so heran, dass sie den Text erst einmal auf Farsi liest und spricht. Wie soll sie ihn sonst verstehen. Christian Löber als Regisseur hat schon damit seine Probleme. Aber auch später, wenn Mahin Sadri den Text spricht, hat er damit Probleme. Sie betone falsch.

Aber es kommen noch weitere Ebenen hinzu. Es ist eine kluge, und insgesamt nicht leicht zu verstehende Inszenierung. Man muss Shakespeare‘s Macbeth gut kennen, nur Stück für Stück wird die Geschichte in bestimmten Einzelheiten weiter erzählt. Im Grunde kommt hinzu, dass auch der Regisseur und Protagonist seines eigenen Stückes „Macbeth“, wie gesagt gespielt von Christian Löber, immer mehr Unverständnis für Shakespeare’s „Macbeth“ zeigt. Er wird völlig verwirrt. Andererseits geht er in seinem Projekt „Macbeth“ auf und hat ständig einzelne Szenen vor Augen. Er schaut in den Spiegel und sieht Macbeth!

Und es kommt hinzu, dass sich auch für ihn die Ebenen – das Private und seine künstlerische Tätigkeit – immer mehr verweben. So wird er einmal von seiner Frau gefragt: „Bist du ein Mann?“ Die Frau meint es als Textstelle von Shakespeare, gesprochen von Lady Macbeth. Der Mann fasst es als private Äußerung auf und reagiert etwas angesäuert zurück. Oder er redet anfangs mit einem Schauspielerkollegen – Stefan Merki – auf dem Pissoir über das Verhältnis von Macbeth zu seinem Freund Banquo, den er schließlich umbringen wird. „Was würdest Du denn machen, Dein bester Freund!“ fragt der Kollege und bedrängt Christian Löber geradezu. Oder er wird einmal fast neben der Bühne, glaube ich verstanden zu haben, ans Telefon gerufen mit dem Hinweis, Macbeth sei am Apparat. Und alles ist ja immer der Versuch des Iraners Amir Reza Koohestani, Shakespeare’s „Macbeth“ zu verstehen.

Die Inszenierung ist klug, teilweise humorvoll, teilweise ernst. Übrigens schön begleitet von dem starken, lauten Gesang einiger Shakespeareworte durch die polnische Musikerin Polly Lapkovskaja. Es zeigen sich insgesamt die immensen Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn ein iranischer Regisseur einen europäischen Klassiker auf die Bühne bringen will. Wie gesagt: Wie wäre es umgekehrt? Man könnte nur Fettnäpfchen erwischen! Aber es lohnt sich doch, sich mit fremden Klassikern – aus iranischer Sicht – auseinanderzusetzen. Auch wenn man an diesem Abend das Theater verlässt und sich sagen kann: Shakespeare verwirrt alle! Und alle scheitern irgendwie an Shakespeare‘s Macbeth.

Was ich übrigens dementsprechend davon halte, Shakespeare immer weiter als europäischen „Klassiker“ zu verstehen, werde ich noch etwas deutlicher, glaube ich, schreiben, wenn ich über „Richard III.“ schreibe.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Aurin, Münchner Kammerspiele

THEATER: Ödon von Horvath – Glaube Liebe Hoffnung

Ich würde ja gerne wissen, ob sich Ödon von Horvath über diese Inszenierung seines Stückes „Glaube Liebe Hoffnung“ am Münchner Volkstheater wirklich gefreut hätte. Obwohl das Stück inhaltlich „erzählt“ wurde, wurde meines Erachtens von der Stimmung, die Ödon von Horvath vor Augen haben mochte, vielleicht ja irgendwie zu wenig erwischt.

Vielleicht wird es zu sehr heruntergespielt, nach dem Motto: „Wir müssen etwas bieten!“ Es fehlten ruhige Momente meines Erachtens. Es hätte einfach weniger sein können. Weniger ist oft mehr. Das große Manko unserer Zeit.

Die Geschichte – basierend angeblich auf einer wahren Begebenheit – von „Glaube Liebe Hoffnung“:

Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit der 30er Jahre. Die junge Elisabeth kämpft um ihre Existenz. Als Vertreterin für Damenwäsche versucht sie sich durchzuschlagen, benötigt dafür einen Wandergewerbeschein für 150 Mark. Entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, bietet sie dem Anatomischen Institut ihre Leiche zum Verkauf an. Erfolglos, denn Leichen gibt es zu Hauf in diesen schwierigen Zeiten. Der Präparator leiht ihr 150 Mark, nicht wissend, dass Elisabeth damit ein Bußgeld begleichen muss, weil sie ihr Gewerbe ohne Lizenz ausgeübt hat. Als die Wahrheit ans Licht kommt, wird Elisabeth zu einer Haftstrafe verurteilt. Sie ist dann arbeitslos und vorbestraft. Ohne Arbeitserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit kein eigenes Einkommen, ohne Einkommen keine Chance auf ein rechtschaffenes Leben. Selbst die Liebe zu dem Polizisten Alfons scheitert an Elisabeths Vergangenheit. Am Ende verliert Elisabeth ihren Glauben, ihre Liebe und die Hoffnung in einer Gesellschaft, sie begeht einen Selbstmordversuch. Die Gesellschaft, die den Einzelnen lieber zugrunde gehen sieht, als die Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit in Frage zu stellen

In gewisser Weise war mir die Inszenierung zu erwartungsgerecht: Das Bühnenbild etwa war so, wie man sich an der Schauspielschule ein Bühnenbild wahrscheinlich vorstellt: Links und rechts dünne Wände mit mehreren Türöffnungen nebeneinander – nach hinten erhöht sich die Bühne stark – um einen optischen Effekt zu erzielen, werden die Türen nach hinten immer kleiner – auf der Bühne stehen ein paar Tische, mehr nicht – Trennwände werden manchmal hoch oder runter gefahren. Die Schauspieler wirken oftmals viel zu groß für die klein wirkende Bühne. Nun gut, der Regisseur und Intendant Christian Stückl wird sich etwas dabei gedacht haben. Es sollte sicher extra so sein. Aber heraus kam dann eben etwas eher langweiliges, finde ich. Ich glaube allein schon: Eine so stark angeschrägte Bühne ist einfach out! Das hat man bis vor zehn Jahren ständig gebracht. Schade! Schlichtweg ebenerdig, also waagerecht, wäre doch schön gewesen!

Auch die Kostümierung war meines Erachtens zu einfallslos. Eigentlich trugen alle Schauspieler schwarz-weiß. Das wiederum erinnerte eher an Franz Kafka, aber nicht Ödon von Horvath. Alle Schauspieler trugen noch dazu durchgehend schwarze Zylinder oder andere schwarze Hüte. Meines Erachtens viel zu ideenlos von Stefan Hageneier, der verantwortlich war für Bühne und Kostüme.

Schauspielerisch konnte meines Erachtens nur Nina Steils überzeugen. HIER ihre Seiten auf der Website des Volkstheaters. Sie wird in der Tat auch für ihre Leistungen an der Volksbühne, auch in „Glaube, Liebe, Hoffnung“, in der Presse gelobt. Erst seit dieser Spielzeit ist sie am Volkstheater. Sie spielt in Glaube Liebe Hoffnung so, als würde sie sich wirklich etwas zurückziehen und das ein oder andere Mal zurecht fast über die übertriebene und hektische Spielart um sie herum wundern. Sie ist die einzige, die ruhige Momente in diesem Stück hat. Und genau die sind gut! Besonders der Präparator – Schauspieler Oleg Tikhomirov – spielt dagegen durchgehend übertrieben nervös, hektisch, unruhig und laut. Aber nicht nur er. Christian Stückl wird sich aber auch hier sicher etwas gedacht haben.

Christian Stückl zeigt eine laute und nervöse, aber eigentlich auch sehr verängstigte Männerwelt um die zarte Elisabeth herum. Männerwelt, Frauenwelt, ein Thema für Horvath. Mir schien es aber irgendwie nicht ganz stimmig! „Bellende Hunde beißen nicht“, heißt es doch. Dann wären doch all die Herren um Elisabeth herum ziemlich bisslos! Ödön von Horvath zeigt aber, dass Elisabeth tatsächlich zu Grunde geht in der damaligen Männerwelt. Nicht nur an den Männern, sie wird von der Justiz und der Armut und den Männern in die Enge getrieben. Vielleicht sollten Sie also doch lieber etwas weniger „bellen“, die Männer in dieser Inszenierung.

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Gabriela Neeb

THEATER: Samuel Beckett – Endspiel

Ein Theaterstück kann ja auch einmal zu ungelegener Zeit kommen! Endspiel von Samuel Beckett am Münchner Residenztheater. Ich hatte gerade ein sehr einnehmendes Buch gelesen, über das ich in Kürze berichten werde. Und jetzt plötzlich dieses Theaterstück!

Im Buch, das ich gerade gelesen hatte – der Roman „Die Wurzeln des Lebens“ von Richard Powers -, geht es hoch eindringlich um die Natur, die der Ausbeutung durch den Menschen ausgeliefert ist, während es bei Samuel Becketts Endspiel ja existenzialistisch um den Menschen geht.

Nun gut, zum Theaterabend Folgendes:

„Warten auf Godot“ und „Endspiel“, das sind die beiden Stücke die einem natürlich bei Samuel Beckett einfallen. Samuel Beckett ist 1906 in Irland zur Welt gekommen und im Jahre 1989 in Paris gestorben. „Endspiel“ hatte er als eine seiner ersten Theaterstücke 1957 fertiggeschrieben. „Warten auf Godot“ hatte er sogar schon 1952 geschrieben.

Interpretieren oder verstehen kann man „Endspiel“ ja nicht so schnell: Zwei Menschen, die offenbar als Einzige auf der Welt üblich geblieben sind, reden miteinander. Die Eltern des einen – Hamm – tauchen auch auf. Alles sei zu Ende. Man sagt ja, Hamm würde für Hammer oder englisch hammer stehen, während Clov, Nagg und Nell für Nägel (NAGel, oder nail oder Clou) steht. Ein Hammer, drei Nägel. Samuel Beckett hat das angeblich nicht verneint. Warum auch immer. In der Inszenierung am Residenztheater heißt allerdings ausgerechnet der Schauspieler des Hamm Oliver Nägele!

Das Gute ist in diesem Fall einmal: Die Inszenierung von Anne Lenk versucht keine Interpretation. Man sieht das Stück und kann den identischen Text im Buch nachlesen. Wortidentisch. Vielleicht ist das auch eine Auflage von Samuel Beckett. Man würde den Text ohnehin nur verfälschen. Ich werde das Stück sicherlich auch noch das ein oder andere Mal lesen und versuchen, mich ein wenig zu orientieren. Diesen Blogbeitrag werde ich entsprechend anpassen.

Anne Lenk reduziert die Inszenierung fast auf das äußerst Mögliche. Hamm sitzt auf einem Stuhl, sonst ist nichts. Kein weiterer Gegenstand, kein Raum. Alles weitere – Fenster, eine Leiter, ein Hund, eine Tür – werden von Clov pantomimisch dargestellt. Nur er kann sich ja bewegen, Hamm sitzt im Rollstuhl – ohne Rollen. So sieht es aus:

Franz Pätzold spielt Clov, der eine Art Diener von Hamm ist. Oliver Nägele spielt, wie gesagt, Hamm. Hamm ist der Welt irgendwie schon um einiges mehr entrückt. Clov ist dagegen noch viel eher abhängig von Hamm’s Verhalten. Clov wundert sich eher über das, was Hamm so äußert. Jedenfalls spielen Pätzold und Nägele ihre Rollen so. Wobei mich Clov, also Frank Pätzold, mehr überzeugte. Oliver Nägele spielt irgendwie ein bisschen zu sehr wie eine Figur von Thomas Bernhard. Die zwar verzweifelt oder desillusioniert ist, aber vom Untergang doch noch recht weit entfernt ist. Vielleicht allein wegen des Bademantels, den er trägt. Das hat etwas doch Behagliches, nach dem Motto: Es geht ja weiter! Die Eltern von Hamm tauchen im Stück nur kurz auf. Ohne Beine, halb aus dem Bühnenboden. Sie sind auch im Buch ohne Beine.

Ansehen und nachlesen, mehr kann ich kaum empfehlen. Die Inszenierung hat mich nicht umgehauen, aber sie kann eine gute Basis dafür sein, sich damit zu befassen. Natürlich könnte man meinen, es geht um die letzten beiden Menschen auf der Welt, das Ende der Welt. Das Ende naht. Aber das greift irgendwie zu kurz. Es geht eher vielleicht um das generelle Nirvana, in dem man sich als Mensch befindet. Ich werde es noch einmal lesen. Nur in das Stück gehen und sagen: „Jetzt habe ich es verstanden!“, kann – glaube ich – kaum gelingen. Das ist sicherlich auch nicht die Absicht von Anne Lenk.

HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website des Residenztheaters.

Und HIER ein Trailer zum Stück.

©️ der Fotografie der Inszenierung: Thomas Aurin

THEATER: Moliere – Don Juan

Don Juan von Moliére im Residenztheater. Eine Inszenierung von Frank Castorf, das Bühnenbild wieder von Aleksandar Denic.

HIER der Link zur Programmseite des Residenztheaters zur Inszenierung.

Ich kann hier nur über meine banalen Eindrücke schreiben, ich bin kein Moliére – Spezialist!

1. Wieder ein Frank Castorf. „Don Juan“ ist nach „Kasimir und Karoline“ 2011, „Reise ans Ende der Nacht“ 2013, „Baal“ 2015 und „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“ 2016 die fünfte Inszenierung von Frank Castorf am Residenztheater. Wer noch keine Inszenierung von Frank Castorf  gesehen haben sollte, kann sich gut die Inszenierung von Don Juan ansehen! Es ist keine Mammutveranstaltung, was ja bei Frank Castorf sonst öfters vorkommt. Inhaltlich nicht unbedingt weiterführend, aber ein Fest der Sinne! Die Inszenierung hatte erst Ende Juni 2018 Premiere, wird also sicherlich noch des Öfteren gebracht werden.

Es ist Theater pur, aber mit einem „Aber“: Es ist Theater pur in einer vielleicht schon etwas veralteten Form. Modernes Theater sieht etwas anders aus. Wie provozierend ist etwa ein Milo Rau! Aber andererseits: Es muss ja nicht immer gleich modernes Theater sein.

2. Ich finde jedenfalls bei allem Wohlwollen: Frank Castorf klemmt fest. Etwas muss anders werden, wenn er – hoffentlich noch viele Jahre – inszeniert! Seine – wieder einmal – irgendwie besondere Inszenierung könnte durchaus noch durch ein wenig überraschende Momente belebt werden. Nicht nur durch die Länge seiner Inszenierungen, wie es bei ihm ja oft zu erleben ist! Anders könnte oder sollte es einmal belebt werden! Wobei diesmal vier Stunden übrigens geradezu zahm waren. Mit Pause sogar! Oder ist es Lehrheater? Das würde ja (nach Bertolt Brecht) bedeuten, dass die Schauspieler beim Aufführung des Stückes etwas lernen würden! Ich hatte jedenfalls nach der Vorstellung eigenartige Wünsche oder Vorstellungen: Belebende Elemente würden den Zuschauer aus der musealen Betrachterrolle herausholen. Es könnten etwa sein:

– Die Frontalansicht, der man – wie fast immer im Theater – auch bei ihm ausgesetzt ist. Schade fast bei seinen Stücken! Wie interessant wäre eine seiner Inszenierungen, wenn man als Zuschauer seine Bühnenbilder und die Leistungen der (sich meist wirklich verausgabenden) Schauspieler ohne Frontalansicht erleben würde – vielleicht im Marstalltheater, der früheren Probebühne des Residenztheaters. Dort kann man am ehesten um die Bühne herum sitzen. Das gäbe Eindrücke! Aber dort wird die Bühne schnell zu klein sein!

– Oder die Musik: Verschiedenste Stücke aus der Welt der Musik begleiten auch bei Don Juan die Inszenierung. HIER die Playlist, für die Inszenierung von Don Juan zusammengestellt von William Minke). Es fällt ja auf, dass man bei Castorfs Inszenierungen selten wirklich moderne Musik hört. Wie interessant wäre es, wenn man ganz moderne Musiktitel hören würde! Das könnte Kontraste geben! Kontraste und Überraschungen sind immer gut, regen an.

– Obwohl: Kleine derartige Elemente, die ein wenig von Castorfs „Muster“ abweichen, findet man bei der Inszenierung des Don Juan sogar: Zum Einen, wenn die Schauspieler vor ein riesiges Tuch treten, das von der Bühnendecke heruntergelassen wird und auf welches schlichtweg ein riesiges Naturbild projiziert wird. Ein Wald, ein Flusslauf. Man fühlt sich plötzlich aus allen Zeiten herausgerissen. Und geradezu aus dem Stück herausgerissen. Zum Anderen, wenn man am Ende Videoaufnahmen sieht, in denen Don Juan (und sein „zweiter Part“) über die Maximilianstraße gehen und in teure Schaufenster blicken. Sie lesen etwa bei Gucci: „Liberté – Egalité – Sexualité“. Gegenwartsbezug vielleicht mit einem kleinen mahnenden Hinweis.

3. Ein weiterer Eindruck, der vorherrschende Eindruck: Es war wahrlich ein Fest der Eindrücke, des Bühnenbildes, der Kostümierung, der Ausstattung insgesamt! Wieder die etwas düstere Stimmung, wieder das seltsame mehrstöckige Gebäude, die Drehbühne, der Neonschriftzug, siehe das Beitragsbild oben, die Videoeinspielungen auf der Leinwand, die ab und an heruntergefahren wurde. Auch wieder mit einer Schwarz-weiß-Einspielung eines alten Filmklassikers mit Marcello Mastroianni. Bekannte Castorf-Elemente, die aber für die Inszenierung von Don Juan meines Erachtens besonders gelungen sind! Vor allem die ausufernde Kostümierung! Ein Fest und ein Genuss! Wunderbare Bilder immer wieder. Aber all das darf bitte nicht zur musealen Betrachtung seiner Inszenierungen führen!

4. Schauspielerisch geht es bei Frank Castorf durchaus oftmals um Einiges exzessiver zu, ich denke etwa an die legendäre „Faust“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne. Das ist aber bei der Inszenierung von Don Juan geradezu ein Vorteil! Die schauspielerische Leistung tritt etwas mehr in den Vordergrund. Wunderbar sind dabei besonders die Leistungen von Nora Buzalka (besonders), Marcel Heupermann und Franz Pätzold als Don Juan. Buzalka, Heupermann und Pätzold sind wahre Castorf-Typen, auch wenn sie in dieser Inszenierung sogar ein wenig – ein wenig – zurückhaltender spielen.

5. Zum Inhalt des „Don Juan“ von Moliére: Ich habe nicht Theaterwissenschaften studiert, dann könnte und sollte ich wahrscheinlich mehr dazu sagen. Don Juan, der südländische Faust. Er folgt ausschließlich dem Vergnügen, der Erotik, den Ausschweifungen, der Grenzenlosigkeit. Das wiederum führt ihn letztlich in sein persönliches Verderben. HIER eine Inhaltsangabe, auch ein Trailer zur Inszenierung ist über diesen Link zu finden.

6.  Das Programmheft ist übrigens wieder einmal sehr interessant und gibt in einer Art „Diskussionsrunde“ viele Aussagen von Schriftstellern, Philosophen etc. zum Mythos „Don Juan“. Die Themen sind: I. Der Verführer, II. Moliére und Ludwig XIV. III. Der Aristokrat. IV. Loop der Leere. V. Gott + Sex + Tod. VI. Kunst + Freiheit. VII. Ich + ich. VIII. Die Frauen. IX. Höllenfahrt.

Man sollte sich dieses Programmheft am besten VOR der Aufführung durchgelesen haben!

Also, diesmal waren es sehr allgemeine Ausführungen. Vielleicht liest Frank Castorf ja diesen Text. Und vielleicht geben ihm meine bescheidenen Eindrücke dennoch  irgendeine Inspiration. Dann werde ich bei seiner nächsten Inszenierung ganz belebt im Marstalltheater sitzen, zusehen, moderne Musik hören und mich über das ein oder andere wundern!

Hier noch eine Aufnahme aus der Inszenierung:

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©️  des Beitragsbildes und des zweiten Bildes: Matthias Horn, Residenztheater

THEATER: Shakespeare – Teil 3 meiner Macbeth-Trilogie

Shakespeares Macbeth hat Konjunktur! Er ist derzeit zu sehen am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen, am Berliner Ensemble, am Staatsheater Nürnberg und am Schauspiel Hannover.  Und wer weiß, wo sonst noch. Ein schlechtes Zeichen!

Eigentlich kann man sagen: Ganz schön feige und verlogen, wenn man sich hinsetzt und sich den klassischen alten Macbeth ansieht, während draußen die Welt völlig anders ist. Ein Beispiel für unser „Heute“: Ein Freund lebt derzeit im indischen Delhi (28 Millionen Einwohner!). Er erzählte mir, dass man tagsüber das Haus nicht verlassen kann, was schwer falle, die Luft sei extrem schlecht! Das sind die Probleme unserer Zeit! Die Umwelt! Aber typisch Mensch: Nicht Hinschauen! Weitermachen! Einfach woanders hinsehen! Natürlich kann nicht jedes Theaterstück auf die aktuelle Zeit eingehen. Aber sich zurückzulehnen und den alten Macbeth anzusehen, kann eben auch verlogen sein! Wenn es so simpel als „Wegsehen“ gehandhabt wird. Als Medizin gegen eine gewisse Hilflosigkeit oder Lustlosigkeit, sich anderer Probleme anzunehmen. Ein Beruhigungsmittel, das uns weltfremden Wahnsinn aus dem 15. Jahrhundert zeigt. Aber genau das passiert vielleicht öfter, als man meint.

Aber es kommt natürlich auch darauf an, was aus Shakespeare’s Macbeth gemacht wird. Ich habe jetzt drei Versionen gesehen: Am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Ensemble.

Vorweg: Es waren drei unterschiedliche Herangehensweisen. Am Münchner Residenztheater sah man sehr klassisch Macbeth VON William Shakespeare (Regie: Andreas Kriegenburg). Am Berliner Ensemble sah man Macbeth nun VON Heiner Müller NACH William Shakespeare (Regie Michael Thalheimer). Und an den Münchner Kammerspielen sah man Macbeth dann auch VON Amir Reza Koohestani NACH William Shakespeare (Regie: Amir Reza Koohestani).

Es sind im Grunde ZWEI historische Herangehensweisen und EINE aktuellere: Historisch ist es am Residenztheater, wo schlichtweg Shakespeares Macbeth gezeigt wird. Historisch in einer anderen Zeit ist es am Berliner Ensemble, wo Heiner Müllers damalige etwas umgeschriebene Fassung von Macbeth gezeigt wird – die 1972 uraufgeführt wurde und die in der DDR schnell verboten war (Vorwurf des Nihilismus). Von aktuellem Bezug ist dagegen allenfalls die Inszenierung an die Münchner Kammerspielen. Über die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen werde ich aber erst noch genauer schreiben.

Über die Inszenierung an Münchner Residenztheater, die ich gestern gesehen habe, kann ich folgende Eindrücke kundtun:

Alles spielt auf einer riesigen, sich drehenden und sich schief stellenden Hebebühne. Die Optik ist der Optik sehr ähnlich, die man bei Ulrich Rasche findet. Auch die Lichtgestaltung. Besonders der immensen und fast bedrängenden Optik von Rasche‘s Stück „Die Räuber“ ähnelt es. Die Inszenierung von Ulrich Rasche‘s „Die Räuber“ wurde und wird ja immer noch am Residenztheater gebracht und war zum Theatertreffen 2017 in Berlin eingeladen. Damals waren es riesige Laufbänder, hier bei Macbeth eine riesige Plattform. Ästhetik und Optik bei Macbeth und bei „Die Räuber“ sind ähnlich! Auf der Bühne waren bei Macbeth im hinteren Teil einige etwa 3 m hohe dünne Holzstäbe installiert, wer weiß warum. Optik. Sachlichkeit. Schlichtheit. Verstrickung? Sie wurden immer wieder einmal heraus- und hereingesteckt. Mehr nicht – was mir ansich immer gefällt.

Inhaltlich wurde Shakespeare’s Tragödie Macbeth am Residenztheater ziemlich genau in seiner klassischen Form geboten. „Tja, der Wahnsinn von Tyrannen“ konnte man sich denken. Wäre aber etwas kurz gedacht. Shakespeare hat sicher mehr zeigen wollen. Mich haben aber in genau dieser Hinsicht die Darstellungen von Macbeth und Lady Macbeth durch Thomas Loibl und Sophie von Kessel nicht überzeugt. Während Shakespeare’s Macbeth ja zunächst ein loyaler Kämpfer für den König Duncan war – den er dann aber umbringt -, spielt meines Erachtens Thomas Loibl von Beginn an einen zu hintergründig denkenden, irgendwie von Beginn an verzweifelten, verwirrten Macbeth.  Das hat gestört. Er macht doch eine Entwicklung durch. Shakespeare zeigt ja, dass es eigentlich erst „Hexen“ – Macbeth‘s Wahnsinn, seine Einbildung? – und dann seine Frau, Lady Macbeth, waren, die ihn zum Mörder machen konnten. Eine wesentliche Aussage von Shakespeare, der sicher ja immer wieder mit dem Aufstieg und Wahnsinn von Tyrannen befasst hatte. Das geht, fand ich, hier etwas unter. Vielleicht auch durch die gewohnten Spielweisen von Thomas Loibl und Sophie von Kessel.

Sophie von Kessel spielte meines Erachtens eine zu selbstverliebte Lady Macbeth. So sauber und verständlich.

Insgesamt aber war Macbeth am Residenztheater sehenswert – wenn auch konventionell, was ich ja nicht so mag -, WENN man eben den „alten“, „herkömmlichen“ Macbeth einmal sehen will.

Mein „Gesamteindruck“ war aber irgendwie: „Mit uns selber kommen wir Menschen nicht zurecht. Wir schauen uns dann lieber etwas an, was mit der heutigen Zeit nichts zu tun hat.“ Shakespeare’r Macbeth am Berliner Ensemble dagegen: Er stellte jedenfalls einen gewissen Bezug zu Heiner Müller und seinem Denken her. Auch das war nicht sehr deutlich, aber dennoch! Und Shakespears Macbeth an den Münchner Kammerspielen: War völlig anders. Hierzu später.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Dashuber, Residenztheater

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Allgemein

THEATER: Milo Rau – Die Wiederholung

Darf man alle Grenzen sprengen und alles infrage stellen? Diese Frage stellt sich, wenn man von Milo Rau „Die Wiederholung“ gesehen hat. Man kann das Theater – Kammer 3 der Münchner Kammerspiele –  an diesem Abend ansich nur fassungslos, verunsichert und irritiert verlassen, weil alle Grenzen gesprengt worden sind.

Allein schon die tiefe Erschütterung über den grauenhaften Inhalt des Abends würde man ja gerne im Rahmen der bekannten Grenzen – ein Theaterabend eben! – halten. Das geht aber nicht. Schon dann, wenn man sich sagt, „so etwas möchte man nicht im Theater sehen“, hat man es eigentlich falsch verstanden. Dann klammert man sich ja doch wieder an die irgendwie existierenden Grenzen des Theaterschauens! Aber genau mit der Reaktion „Bitte nicht!“ soll man ja vorsichtig sein, sagt der Abend vielleicht. Natürlich kann man sich an die herkömmlichen Grenzen der „Gewohnheit“ festklammern, aber genau um diese Grenzen geht es an diesem Abend! Ich finde es ja immer wieder, wie gesagt, interessant, wenn uns unsere Grenzen bewusst gemacht werden.

Es wird ein vor einigen Jahren in Lüttich tatsächlich geschehener Mord an einem homosexuellen Jugendlichen aufgearbeitet und in vielen Aspekten – auch den Tathergang betreffend – nachempfunden. Schon mit diesem Mord wurden ja faktisch alle Grenzen gesprengt. Es wurde ein Mensch umgebracht. Sinnlos umgebracht von Jugendlichen, die damit ebenfalls völlig ihre Grenzen gesprengt haben. Warum auch immer. Vielleicht weil sie arbeitslos und frustriert waren.

Auch für die Hinterbliebenen des Getöteten wurden alle Grenzen gesprengt. „Warum?“ wird mehrfach von Ihnen und dem Freund des Getöteten gefragt. Sie können es nie verstehen! Es bleiben Ihnen nur völlig ungelöste Fragen.

Und weiter: Auch die Zuschauer werden im Grunde gezwungen, Grenzen zu sprengen. Gewohnte Grenzen des Zuschauens. Wann sieht man schon einmal in einer solchen Nähe und so detailiert nachgestellt einen grausamen Mord? Man ist einem schrecklichen Geschehen ausgesetzt! Noch dazu „untermalt“ von vielen vielen traurigen Emotionen. Gut, man sieht gewöhnlich mal etwa einen König sterben! Aber das ist Theater, reines Theater. Man zuckt mit der Schulter, wenn überhaupt.

Und noch weiter: Auch die Schauspieler sprengen für sich sicherlich Grenzen: Die beiden ältesten Schauspieler (eine Frau und ein Mann) sitzen längere Zeit nackt nebeneinander und küssen sich. Auch das ist ja ungewöhnlich.

Und noch etwas, was mit dem Sprengen von Grenzen zu tun hat: Eine der Mitwirkenden erzählt – in der Person des ehemaligen Freundes des Getöteten – er habe eine Wahrsagerin aufgesucht, um nach einem „Zeichen“ seines getöteten Freundes zu fragen. Wahrsagerei stößt ja herkömmlich auch schnell an die Grenze des Glaubhaften.

Und es ging immer weiter: Anhand der Konfrontation mit all diesen Grenzen werden dem Zuschauer auf einer völlig anderen Ebene weitere Grenzen aufgezeigt und auch diese Grenzen werden gesprengt. Es geht um die Grenzen des Schauspiels.  Das eigentlich große Thema von Milo Rau, der zurzeit wahrscheinlich schillerndsten Figur der europäischen Theaterszene. Es geht ihm nur sekundär um den Mord. Es geht um Schauspiel und Realität. Sicher sind die Grenzen des Schauspiels der Anlass, warum er solche Abende gestaltet. Was ist Schauspiel, was ist Realität?

Ständig wird man an diesem Abend zwischen Schauspiel und Realität hin- und hergeworfen. Ein Beispiel: Der – ich nenne ihn einmal: – „Aufnahmeleiter“ sitzt neben der Frau, die die Mutter des Getöteten spielt, einem Kameramann mit portabler Kamera gegenüber und sagt: „Aufnahme!“. Beide werden gefilmt, schlüpfen sofort in die Rollen der Eltern des Getöteten und erzählen von den Momenten vor und nach dem Mord.

Die Frau wurde – wie andere Mitwirkende auch – zu Beginn des Stückes noch gefragt, warum sie Schauspielerin sei und was sie bisher gemacht habe etc. Also auch hier werden die Ebenen der Privatpersonen und der Schauspieler sowie der dargestellten Personen, den Eltern des Getöteten, vermischt, nebeneinander gezeigt.

Immer wieder diese Vermischung. So wird auch erzählt, wie man tatsächlich – in der Realität der Vorbereitung des Stückes – einen der Verurteilten in Gefängnis besucht hatte! Schauspiel? Realität? Für die Einen ist es Vorbereitung, für die Anderen Vergangenheit.

Auch der Aufnahmeleiter: Er ist der „Aufnahmeleiter“ (und auch den spielt er ja nur, er steht ja auf der Bühne) und er ist plötzlich der Vater des Getöteten. Und daneben ist er natürlich Privatperson. Viele Szenen sind übrigens auf einer Leinwand zu verfolgen, wobei sich auch hier wieder zeigt: Es stellt sich heraus, dass die Aufnahmen, auf die man blickt, gar nicht live vom Kameramann kommen, obwohl sie wörtlich und inhaltlich identisch mit dem sind, was der Kameramann gerade aufzunehmen vorgibt. Also noch eine Ebene. Oder man sieht auf der Leinwand eine Person in einem Bett sitzen, während das gleiche Bett auf der Bühne leer ist.

Und man überlegt wirklich immer mehr: Was ist überhaupt noch reell, was ist Schauspiel! Man hört ja anfangs auch die Aussage, dass Schauspieler, die sich auf ihre Rolle vor Beginn des Abends einstimmen, vorbereiten, im Grunde auf der Bühne gerade deswegen bloß „Schauspieler“ bleiben. Man wird an diesem Abend eigentlich weggeführt von der Schauspielerei. Hin zur Realität!

Milo Rau verfolgt zu dieser Frage ohnehin eine sehr besondere Ansicht: Er hat kürzlich das so genannte „Genter Manifest“ geschrieben. Es sind seine Grundsätze, nach denen er Theater macht. Milo Rau ist derzeit der Intendant des NT Gent. HIER das lesenswerte Genter Manifest (am Ende des verlinkten Beitrags).

Man hat also alle möglichen Grenzen gesehen und musste sie für sich aufheben. Alles wurde infrage gestellt. Eine Schlussfolgerung ist schwer! Ich würde sagen: Es wird einem bewusst gemacht, dass man beim Betrachten eines Theaterstückes im Grunde meistens feige an der Realität vorbeischaut. Auch wenn man meint, an der Realität „nah dran“ zu sein: Es ist nicht die Realität.

Gegen Ende erzählt eine der Mitwirkenden noch eine schöne Geschichte: Sie mag, sagt sie, besonders den 6. Akt von Tragödien: Den Akt, wenn sich alle SchauspielerInnen vor dem Publikum verneigen und wieder vereint sind. Auch wenn sie während des Stückes getötet wurden, verbannt, verletzt, beleidigt, oder was auch immer und wer auch immer. Sie wiederholen das Stück ja schließlich. Die Wiederholung.

Wer sich dem aussetzen will: Heute Abend noch einmal in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr.

©️ des Beitragsfotos: Hubert Amiel, Kammerspiele

THEATER, LITERATUR: Verrannt!

Jetzt habe ich mich irgendwie verrannt! Ich habe in letzter Zeit zuviel gemacht und komme jetzt mit dem Blog nicht mehr nach. Aber bitte: Ich habe einfach mehr Zeit für diese Dinge, als wahrscheinlich (fast) alle anderen. Und das will ich ja nur „teilen“, wie es so schön heißt. Gut, als Rentner könnte man es ebenso handhaben.

Also, da war zuletzt:

– „Macbeth“ von den Münchner Kammerspielen hatte ich gesehen. Da muss ich noch etwas drüber schreiben.

– „Macbeth“ hatte ich kürzlich auch am Münchner Residenztheater gesehen. Auch darüber will ich noch schreiben. Über Macbeth am Berliner Ensemble hatte ich ja Gottseidank schon geschrieben (HIER).

– Das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt über William Shakespeare’s Tyrannengestalten lese ich zu meiner Macbeth-Trilogie gerade noch. Ist natürlich auch einen kleinen Beitrag wert. Es ist schon fürchterlich, wenn man versucht, die Dinge etwas besser zu verstehen.

– Dann hatte ich den Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oskar Wilde gelesen, weil ich kürzlich die Performance „Creation“ nach diesem Roman gesehen hatte (HIER der Bericht). Auch über dieses Buch sollte noch etwas kommen.

–  Gestern hatte ich dann an den Kammerspielen wieder etwas gesehen: „Die Wiederholung“ von Milo Rau. Auch darüber würde ich ja gerne etwas schreiben. Gerade an diesem Stück zeigte sich wieder einmal: Nur konsumieren geht nicht! Ich muss mir Gedanken darüber machen, darüber reden, es steht ja alles immer in einem Zusammenhang!

– Morgen werde ich die Premiere von „Kill the Audience“ an den Kammerspielen sehen. Das ergibt auch wieder einen kleinen Beitrag.

– Und irgendwie habe ich sogar den Eindruck, da fehlt noch etwas.

Und das ist ja nicht unbedingt alles! Ich gebe fast jeden Tag ein wenig Nachhilfe, ich lese noch etwas anderes („4 3 2 1“ von Paul Auster ist es gerade, auch kein schmales Heftchen), ich schreibe manchmal etwas (wenig zurzeit) und so weiter. Alles nicht so einfach. Gut, ich wohne ca. 200 Meter entfernt von den Kammerspielen und zum Residenztheater sind es vielleicht 800 Meter.  Und da ist dann noch ein wenig Politik (die Partei mut in Bayern). Eigentlich alles viel zu viel. Da hat man es ja fast leichter, wenn man einfach arbeitet!

Und der Blog wird neu! Vielleicht morgen!

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil II

Was tut man sich an, wenn man sich im Theater Shakespeare’s Macbeth anschaut? Warum schaut man ihn an? Man könnte doch ein Fußballspiel anschauen! Aber Macbeth – das ist doch wirklich kalter Kaffee!

Mord an einem König –  was hat das mit unserer Zeit zu tun? Geht man hin, weil es „Kultur“ ist? Will man sich einfach nur ein wenig von einem schönen Stück „anregen“ lassen? Oder was? Jeder hat so seinen Grund, schön und gut. „Macbeth“ ist ja noch dazu derzeit – ich habe es bereits geschrieben – an mehreren Orten zu sehen. In Berlin, in Wien, an zwei Theatern in München, in Nürnberg.

Und da geht es los: Es gibt Inszenierungen, die „Macbeth VON William Shakespeare“ bringen  und es gibt Inszenierungen, die „Macbeth NACH irgendwem ………….. VON William Shakespeare“ bringen.  So etwa gerade am Berliner Ensemble,  an dem Macbeth NACH … Heiner Müller … VON William Shakespeare zu sehen ist. Ich hatte ja kürzlich darüber geschrieben (HIER).

Und gerade bei den Inszenierungen von Macbeth NACH irgendwem ……….. wird es interessant. Da will jemand auf der Basis von Shakespeare’s Macbeth eine eigene Sicht der Dinge auf die Bühne bringen. So habe ich mir natürlich gestern, Freitag, 17. Dezember 2018, an den Münchner Kammerspielen die Premiere von Macbeth NACH Amir Reza Koohestani VON William Shakespeare angesehen. Amir Reza Koohestani hat schon mehrfach an den Kammerspielen inszeniert.

Die Basis der Inszenierung gestern war weiterhin – im Hintergrund – die Story von Shakespeare’s Macbeth: Macbeth hört von Hexen – den drei „Schwestern“ -, dass er König von Schottland werden kann. Angestachelt von seiner Frau, Lady Macbeth, tötet er den König Duncan und seinen alten Freund Banquo, weil die Hexen vorausgesagt hatten, dass Banquos Nachfahren wiederum Könige werden würden.

Aber wenn ich mir Macbeth NACH irgendwem ansehe, weiß ich, dass ich (auch) etwas anderes zu sehen bekomme. Wenn ich den klassischen Macbeth sehen will, gehe ich nicht hinein. Der Schauspieler Christian Löber – er spielte den „Macbeth“  und eine Person, die Regisseur und Schauspieler für eine bevorstehende Macbeth-Inszenierung ist – sagte kürzlich in einem Interview: „Es braucht eine Idee im Hier und Jetzt, durch die man mit dem Stück verstrickt ist.“ Und: „… wenn man das Theater als Ort wahrnimmt, wo sich die Gesellschaft mit sich auseinandersetzt, muss man mehr machen, als nur ein Märchen zu erzählen.“

So war es auch gestern. Da hat sich also der Iraner Amir Reza Koohestani mit Shakespeare’s Macbeth auseinandergesetzt.  Oder jedenfalls mit einem Thema, das man auch in „Macbeth“ findet. Ist schon einmal aus sich heraus interessant!  Es hat etwas mit Scheitern zu tun. Macbeth scheitert am Ende ja auch, er wird getötet.

Soviel zunächst. Ich muss mir über den Abend noch Gedanken machen, noch kann ich nichts schreiben. Bisher habe ich mich nur angenähert.

©️ des Beitragsfotos: Thomas Aurin, Kammerspiele

THEATER: Forced Entertainment – Real Magic

„So, what is the word Richard is thinking of?“

Ich kann es nur empfehlen, deshalb bringe ich hier einmal einen Hinweis:

Heute Abend in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr (und morgen, Samstag, 19.00 Uhr). „Real Magic“ von Forced Entertainment. Das Stück war eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017 als eines der 10 „bemerkenswertesten“ Stücke des Jahres. Ich hatte es in Berlin gesehen und werde es noch einmal ansehen. HIER mein damaliger Beitrag im Blog. Es ist eine Performance, kein Theaterstück. Was ich besonders daran mochte, ist, dass mit wirklich allereinfachsten Mitteln im Grunde viel vom ganzen Leben gezeigt wird. Es ist im Grunde eine einzige Szene, die sich permanent wiederholt. Witzig und ernst zu gleich. Tim Etchells, (Mit-)Gründer von Forced Entertainments, sagte einmal ungefähr: Mit diesem Stück sind wir dort angekommen, wo wir mit unserer Gruppe hin wollten.

HIER die Seite zum Abend auf der Website der Kammerspiele.

HIER die Website von Forced Entertainment.

Und HIER ein Video mit Ausschnitten von Real Magic und einem Gespräch mit Tim Etchells, dem Gründer von Forced Entertainment.

ÜBRIGENS HEUTE AUCH – IN BERLIN UND DORTMUND:

Am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund läuft heute zeitgleich und miteinander verknüpft ein Stück, das ich auch einmal gerne sehen würde. Titel: „Parallelwelten“. Die zwei siebenköpfigen Schauspielensembles auf den Bühnen im Berliner Ensemble und im Schauspiel Dortmund spielen zeitgleich miteinander Theater. Sie sind, wie das Publikum, zugleich voneinander getrennt und doch sicht- und hörbar miteinander verbunden, in Echtzeit: durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.

HIER der Link zur Seite des Berliner Ensembles, Unterseite „Parallelwelten“.

Und HIER der Link zum Schauspiel Dortmund, Unterseite „Parallelwelten“.

THEATER: Rimini Protokoll und Thomas Melle – Unheimliches Tal/Uncanny Valley

Heute Abend gibt es vielleicht noch ein paar Restkarten. Es wird die letzte Vorstellung im November sein. Im Dezember kommt es dann zweimal. Mehr weiß ich nicht. Ich habe es leider erst gestern gesehen, konnte also nicht früher darüber schreiben.

Davor wurde gerade noch – in anderer Runde – über „politisches Theater“ gesprochen und dann sieht man es in der Vorstellung „Unheimliches Tal“ (Es ist eine Produktion von Rimini Protokoll und  dem Autor Thomas Melle. Letzterer ist ja sehr bekannt geworden durch sein Buch „Die Welt im Rücken“.  Und das Theaterstück „Die Welt im Rücken“ am Wiener Burgtheater hat Furore gemacht): Die Zeit überrennt uns! Da hilft kein politisches Hin oder Her. Gut, umso mehr müssen wir aufpassen, wie wir die Veränderungen politisch steuern. Aber aufhalten können wir sie nicht. Einige jedenfalls nicht. Es geht in der Politik eben immer um das „Wie“. Das „Was“ kommt ohnehin. So erlebt man auch „Unheimliches Tal“ (HIER der Link zur Seite des Abends bei den Kammerspielen). Man sitzt einer Person gegenüber, die kein Mensch ist, sondern ein Roboter. Ein sogenannter humanoider Roboter. Eine Stunde lang redet er mit dem Publikum. Und als Zuschauer hat man bisher sicher zumeist ungekannte Eindrücke.

– Er bewegt sich genau so, wie wir es kennen oder erwarten, wenn geredet wird. Man merkt fast, was man für Erwartungen hat. Oder Gewöhnungen. Gut, an seinen Bewegungen erkennt man schon noch, dass es ein Roboter ist. Aber das ist ja vielleicht gerade gewollt! Man fühlt sich vielleicht umso mehr in einer eigenartigen Position! Und weit ist es wahrscheinlich nicht mehr bis dahin, dass man es nicht mehr erkennt, kann man sich vorstellen.

– Er sieht menschlich aus. Wie Thomas Melle.

– Er erzählt von sich als Thomas Melle, den er ja verkörpert.  Und er erzählt von sich als Roboter. Er erzählt, wie unangenehm es ihm war, nachgebaut zu werden.

– Er bezieht das Publikum in seine Überlegungen mit ein. Schon dadurch gibt man ihm irgendwie menschliche Qualitäten.  Man fühlt sich ja plötzlich betroffen. Man weiß: Man sitzt einem Roboter gegenüber, aber dieses Gefühl verwischt immer wieder.

– Er stellt Fragen in des Publikum. Er schaut einen an.

– Entwickelt man Empathie für ihn? Findet man es nicht sogar gut, dass er so  verständlich und unaufgeregt redet?

–  Man hat ja fast weniger Zweifel dem Roboter gegenüber. Er wird ja wohl keine Fehler machen. Nicht irgendwie emotional reagieren.

– Wie ist das Verhältnis von Thomas Melle zu seinem Nachbau? Und man fragt sich fast: Wie ist andersherum das Verhältnis des Nachbaus zu Thomas Melle? Obwohl das ja gar nicht geht. Oder doch irgendwann?

– Es geht hin und her. Dann erzählt er etwa, dass er ein Interview geführt hatte. Und auf der hinter ihm stehenden Leinwand sieht man Thomas Melle als menschliche Person, wie er dem Interviewpartner zuhört.

– Und dahinter steht ja noch eine Thematik: Thomas Melle leidet ja an bipolarer Störung, also der Entfernung von sich selbst (oder Persönlichkeitsspaltung oder ähnlich, ich bin kein Mediziner). Und genau das geschieht ja auch wieder mit Thomas Melle, wenn er auf eine gleich aussehende Roboteranimation blickt.

Lauter solche Eindrücke schwirren geradezu um einen herum, wenn man diese Stunde verfolgt. Und dann kann man sich denken: Naja, in Altersheimen etwa, für die Seniorenpflege, wird so ein Roboter vielleicht bald schon einmal eingesetzt werden! Ob das aufgehalten werden kann oder ob es dann wieder nur um das „Wie“ geht?

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Sonstiges

SONSTIGES: Kasper König

ACHTUNG!  Über den Abend, zu dem ich hier schreibe, ist eine Diskussionen entstanden. Dem einladenden Moderator Kasper König wird vorgeworfen, sich gegenüber den Gästen, vor allem gegenüber Cana Bilir-Meier, herabwürdigend geäußert zu haben. Die Kammerspiele haben daher den Mitschnitt der ganzen Veranstaltung online gestellt. Jeder kann sich ein Bild machen.

HIER  der Link. Akustisch schwer verständlich, aber es geht.

Was ich kurz nach der Veranstaltung geschrieben hatte:

Ich war wieder auf einem dieser Abende, die man kaum versteht. (Ich gebe mir zwanzig Minuten Zeit, um kurz dazu zu schreiben.)

Interessant, was andere, sehr engagierte, schlaue Menschen so drauf haben! Es war ein Abend in der Gesprächsreihe mit Kasper König, einer der „herausragenden Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt und langjähriger Direktor renommierter Ausstellungsorte wie Portikus in Frankfurt a. M. oder Museum Ludwig in Köln“. Alle zwei Monate findet in den Kammerspielen ein solcher Abend statt. „Kasper König &“ heißt die Serie. Kasper König trifft sich in „Kammer 3“ in der Regel mit ausgewählten KünstlerInnen und KuratorInnen zu einem Podiumsgespräch. Auch manchmal unter Teilnahme der ZuschauerInnen (ZuhörerInnen). Dieses Mal ging es sehr lange, war sehr engagiert, kontrovers – unter reger und interessanter Teilnahme von ZuschauerInnen.

Zu Gast waren dieses Mal die jungen KünstlerInnen Cana Bilir-Meier, Henrike Naumann, Wilhelm Klotzek. Es sollte darum gehen, was man in der Kunst mit dem Begriff „Heimat“ anfangen kann. Zu Gast am 17. Dezember ist Michaela Meise. HIER die Ankündigung und Infos zu Michaela Meise. Bereits zu Gast waren Alexandra Pirici, Frances Morris, Thomas Bayrle, Helga Fanderl, Okwui Enwezor, Jeremy Deller, Lisa Endriss, Joanna Warsza.

Ich wusste schon, was mich erwartet: Kasper König redet oft in schier unaufhörlich langen Sätzen und man wird in seinen schön unkonventionellen Sätzen innerhalb weniger Sekunden auf verschiedenste Aspekte zu einem Gesichtspunkt geschleudert. Immer aber mit sehr großem und offenem Weitblick! Im Grunde kann man seine Aussagen garnicht so verstehen, wie er sie meint. Soviel ist in jedem verworrenen Satz drin. Diesmal hatten die drei Gäste ihre Arbeiten zum „Rechtsruck“ der Gesellschaft vorgestellt, bevor Kasper König eigentlich versteckt vor allem die Arbeit von Cana Bilir-Meier kritisierte. Cana Bilir-Meier hatte ihre sehr dokumentarische Arbeit über die islamische Moschee in Freimann und deren Gründung 1969 erklärt. Es ergab sich im Laufe des Abends dann vor allem ein Thema:

Was ist denn überhaupt Kunst?

Kasper Königs Ansicht (glaube ich): Kunst besteht am besten außerhalb der Gesellschaft. Nicht innerhalb der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft herrscht ja eine gewisse ständige Selbstbestätigung und ein gewisses Phlegma (meine Worte). Und Kunst könnte ja nur etwas bewirken, wenn es nicht an dieser Selbstbestätigung teilnimmt!  Und „etwas bewirken“ heißt ja, dass die Gesellschaft auch durch Kunst weiterkommt! Kunst schleicht sich gewissermaßen in die Gesellschaft ein und verkauft sich allenfalls als Kunst! Aber der Kunst geht es eigentlich gar nicht darum, Kunst in der Gesellschaft zu sein! Sie will nicht der Bestandteil „Kunst“ in der Gesellschaft sein! Das kann ich gut nachvollziehen!  Soweit ich es verstehe! Ich bin ja kein Philosoph. Kasper König sagte auch, da sei es in München schwer: In München habe man alles, die Berge, die Seen, eine wunderschöne Stadt, etc. Kunst und Kultur solle in München das Schöne am besten nur ergänzen. Das sei dann aber eben eher „Kunst zur Verschönerung des Lebens“ (meine Worte), könnte man sagen. Fand ich interessant. Ich finde, es lohnt sich in der Tat, künftig einmal darauf zu achten, in wieweit das, was ich mir so ansehe, innerhalb oder außerhalb der Gesellschaft steht! Wie weit ist es weg vom  gesellschaftlich Gewohnten! Nun, das nur kurz in meinen Worten. Kasper König wird den Kopf schütteln bei diesen amateurhaften Betrachtungen.

Ein weiterer Aspekt jedenfalls, der auch kurz angesprochen wurde: Wir leben aktuell in Zeiten, in denen wir wieder über alles reden müssen! Reden, diskutieren, hören, überdenken etc. Auch interessant!

©️ des Beitragsbildes: Arne Wesenberg

THEATER: Politik im freien Theater – Zvizdal

Das Motto des Festivals lautet „Reich“. Das Gegenteil von reich ist arm.

Nun, auf den ersten Blick könnte man meinen, dass speziell die Produktion „Zvizdal“ von der Gruppe BERLIN „Armut pur“ zeigte. Die Journalistin und Dramaturgin Cathy Blisson und die belgischen Multimedia-Künstler Bart Baele und Yves Degryse haben sich zusammengetan als die Theatergruppe BERLIN. Man sah einen sehr berührenden Film, in dem es letztlich um viel mehr ging, als um Armut:

Ein altes Ehepaar (vielleicht auch nicht verheiratet), Petró und Nadja, beide um die 90 Jahre alt, lebt/lebte – wirklich! – seit 30 Jahren in völliger Einsamkeit im gesperrten Gebiet von Tschernobyl. Alle Menschen wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 evakuiert, alle Gebäude und Wege des Ortes Zvizdal sind zugewuchert, eingefallen, sie haben kein Telefon, keinen Strom, kein fließend Wasser, keine Post, nur ein schlecht funktionierendes Radio. Sich und die Natur. Es gibt sonst nichts.

Das  immer älter und zerbrechlicher werdende Paar lebte weiter in seinem Häuschen, vor allem Nadja wollte ihre Heimat nie verlassen. „Das Gras ist woanders auch nur grün!“ sagte sie. Doch: Sie haben/hatten etwas: Ein schon kaum mehr gehfähiges Pferd, eine Kuh, einen Hund und eine Katze. Pferd, Hund und Kuh starben dann. Petró auch.

Sie erinnerten mich fast an Adam und Eva im Greisenalter, im Grunde dahinlebend und auf den Tod wartend. Was sollten sie auch anderes machen? Abseits jeglicher Zivilisation. Sie wurden über drei Jahre hinweg mehrfach von den Mitwirkenden der Gruppe BERLIN besucht und gefilmt. Einmal pro Jahr –  an einer Art Totensonntag – kamen von fern her ein paar Menschen, um Gräber von Personen zu besuchen, denen diese Menschen nahestanden. Und es gab eine Tochter, die alle paar Monate vorbeikam und dann vielleicht Schweineschmalz und Medikamente brachte.

Es waren verschiedenste Fragen und Beobachtungen, die sich auftaten, wenn man den unglaublich ruhigen Film ansah. Um „Armut“ ging es am wenigsten fast.

– Wie kann man eine solche Einsamkeit ertragen? (Gut, zu zweit war es immer noch etwas anderes!)

– Sie waren nicht „verfallen“, hatten sich nicht aufgegeben. Nein, sie wirkten irgendwie fast kultiviert. Sie haben jeden Tag das Gartentor zu ihrem Hof geschlossen, haben auf dem Feld mit letzten Kräften gearbeitet. Petró sollte das Laub zusammenkehren. Und bei allem haben sich beide irgendwie rücksichtsvoll dem anderen gegenüber verhalten. Sie liebten einander immer noch.

– Waren sie glücklich? Waren sie traurig?

– Wir in unseren Gefilden sind es ja gewohnt, uns selber ständig abzulenken und auch alt werdende Menschen möglichst bis zum Tod abzulenken. Aber was es heißt, nur zu leben, das haben die beiden erlebt!

– Vielleicht war es viel Demut und ihre Liebe zueinander und vielleicht auch zu ihrem Fleckchen Erde, was sie hielt! Sie sagten ja mehrfach im Film Dinge wie: „Es ist eben so, was soll’s. Mein Gott, so ist es eben“. Sie strebten offenbar nicht – im hohen Alter ohnehin nicht mehr –  nach irgendetwas, sondern versuchten, das Leben zu leben. Winter und Sommer, Winter und Sommer…

– Können wir uns das überhaupt vorstellen, ein Leben ohne ein Streben nach irgendetwas?

– Im anschließenden Publikumsgespräch wurde erzählt, dass es zum Beispiel nicht möglich war, Ihnen allzu viel mitzubringen. Schnell wurde nämlich eine Grenze erreicht, wo sie nichts mehr annehmen wollten! Sie hatten sich abgegeben mit ihrem Leben! Das Leben pur, nicht Armut pur. Armut oder Reichtum spürten sie sicher garnicht mehr! Dazu passend gibt es ja noch eine Veranstaltung:

WAS MACHT DAS LEBEN REICH?

PHILOSOPHISCHES GESPRÄCH FÜR ALLE GENERATIONEN
11. NOVEMBER, 15 – 17 UHR,
MÜNCHNER KAMMERSPIELE, KAMMER 3

HIER die Festivalseite zur Produktion.

HIER die Website der Gruppe BERLIN, die das Projekt gemacht hat. Auch Videos kann man dort zur Produktion „Zvizdal“ sehen.

©️ Frederik Buyckx