THEATER: Simon Stone – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Die vierte Premiere der neuen Spielzeit am Münchner Residenztheater. „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, inszeniert von Simon Stone. Das „Stück“ kommt aus Basel, es „lief“ am Theater Basel, wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen als eine der 10 „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des Jahres 2017.

Über dem Stück liegt etwas wie: Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen.

Die Inszenierung wird nun gewissermaßen den Münchner Theasterfreunden vom Residenztheater „geschenkt.“ Es ist ein schönes Geschenk!

Ich hatte die Inszenierung damals in Berlin gesehen. Jetzt hatte ich erneut die Gelegenheit. Mit komplett denselben SchauspielerInnen kann man sie jetzt wieder sehen. Denn zusammen mit dem Intendanten Thomas Beck sind unter anderen genau die SchauspielerInnen, die an dieser schönen Inszenierung immer schon mitwirkten, von Basel nach München, an das Residenztheater, gewechselt. Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.

Es wechselten noch weitere SchauspielerInnen vom Theater Basel an das Münchner Residenztheater, man sieht ein großes neu zusammengestelltes Ensemble.

HIER mein damaliger Bericht über die Inszenierung von „Drei Schwestern“, die am Theatertreffen 2017 in Berlin gezeigt wurde. Damals hatte ich etwa geschrieben:

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss!“

Das ist ein Aspekt: Alltagsgeschehen. Drei Tage verfolgt man, verteilt über einige Monate, in einem Landhaus, das auf der Bühne steht und sich immer wieder langsam dreht. Ein sehr gelungenes Bühnenbild. Das Besondere ist, dass man immer wieder gleichzeitig in verschiedene Zimmer blickt. Weihnachtsvorbereitungen, Gurke schneiden, Musik, die Toilette, das Schlafzimmer, der Weihnachtsbaum … klingt unspannend, aber:

Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Ihren Ehepartnern und ein/zwei Freunden zusammen. Das erste Treffen im Frühling, ein Geburtstag, die Weihnachtsfeier dann im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil.

All das banale Alltagsgeschehen und Gerede zeigt sich vor dem Hintergrund, der im Programmheft gut dargestellt wird und vielleicht Tschechows Intention trifft:

Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. Sie reden, um zu reden. Sie reden, ohne einander zu antworten: aneinander vorbei, jeder mit sich selbst beschäftigt. Sie reden, um zu verschweigen, was sie denken. Sie reden, um sich selbst etwas vorzumachen. Immer wieder entstehen Pausen, weil sie einander nicht verstehen oder nicht zuhören. Tschechow entdeckte die dramatische Bedeutung des Schweigens“. (Siegfried Melchinger in: Süddeutsche Zeitung vom 02.11.1968.)

Und man liest im Programmheft:

„… vielleicht das vollendetste der Tschechow’schen Dramen … die ausschließliche Darstellung einsamer, erinnerungstrunkener, von der Zukunft träumender Menschen.“ (Peter Szondi, Frankfurt am Main 1965.


Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören, rennt irgendwie gegen die Wand. Oder trägt schon länger Unglück mit sich herum. Olga, die älteste der Schwestern (alle sind recht jung), sie ist es, der derallmähliche Verfall auffällt. Sie schreit – wild durch das Ferienhaus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es nicht aufhalten.

Alle SchauspielerInnen spielen hervorragend selbstverständlich ihre Alltagsrollen. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen. Das macht durchgehend Spaß. Man sieht Ihnen allen in diesem Landhaus so gerne zu, das „Stück“ wird den SchauspielerInnen ans Herz gewachsen sein.

Hier ein paar Andeutungen zu den sich anbahnenden Zerstörungen des persönlichen Glücks:

Mascha, die mittlere Schwester, ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht Ehebruch mit Alexander. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder, seine Familie bewohnt das Nachbarhaus, und begeht somit seinerseits Ehebruch. Sie wollen nach Amerika. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. ansehen!
Irina, die jüngste der Schwestern, reagiert zögerlich, als sie von ihrem Freund Nikolai gefragt wird, ob sie ihn denn wirklich liebt. Und Nikolai … ansehen!
Olga, die älteste der Schwestern, zerstört dagegen am wenigsten. Weder ihr Leben noch das Leben anderer.

Andrej wiederum, der Bruder der drei Schwestern, ist drogensüchtig, verspielt alles Geld, hat seinen Job aufgegeben.
Roman, der etwas ältere Freund im Kreis, steckt im Existenzialismus fest, trinkt und … ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister müssen erkennen, dass das Haus, der Familienbesitz, verkauft wurde, von Andrej wegen seiner Schulden. Natascha, die Ex-Frau von Andrej, kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej nebenbei, dass ihr zweites Kind … ansehen.

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.

Thema dieser Inszenierung ist der Verfall. Jeder hat Schwierigkeiten, das zu erreichen, was er/sie sich wohl vorstellt oder wünscht. Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit und ihren Zukunfts-vorstellungen nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Was harmlos beginnt, endet teils tragisch.

Ich dachte mir auch: Wie unterschiedlich die Aspekte sind, die man aus Tschechows „Stück“ „Drei Schwestern“ ziehen kann! So geht es in der derzeit „gegenüber“ an den Münchner Kammerspielen zu sehenden, völlig anderen Inszenierung der Drei Schwestern allein darum, dass die drei Schwestern nie vom Fleck kommen. Von Moskau träumen, aber nie dorthin kommen. HIER meine damalige Besprechung zu dieser auch sehr interessanten, höchst abstrakten Inszenierung von Susanne Kennedy.

HIER der link zur Stückeseite des Residenztheaters mit weiteren Bildern, Trailer etc.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


SPIELART Festival: Cultural Exchange Rate

Respekt! Die libanesische Künstlerin Tania El Khoury trägt zum SPIELART-Festival die durchaus beeindruckende Installation „Cultural Exchange Rate“ bei. Es nennt sich „Interaktives Live Art Projekt“.

Zehn ZuschauerInnen betreten einen Raum, an dessen Ende zwei große Schrankwände stehen. Siehe des Beitragsbild. Die ZuschauerInnen bekommen einen Schlüsselbund mit zehn Schlüsseln. Lauter Schließfächer. Die ZuschauerInnen können zehn Schließfächer öffnen, in denen Teile der Familiengeschichte von Tania El Khoury auf verschiedenster Art und Weise dargestellt werden. Tania El Khoury hat schon mehrfach am SPIELART Festival teilgenommen.

Der/die ZuschauerIn benutzt den Schlüsselbund, neigt den Kopf in den Safe und verfolgt eine kleine Darbietung. Siehe das Beitragsbild. Audio, Video, Installationen. Er/sie betritt auch einen Raum hinter einer schwer aussehenden Safe-Tür, wo ihm/ihr Gelegenheit gegeben wird, eine kurze schriftliche Notiz zu hinterlassen.

„Respekt“, weil die Installation den ZuschauerInnen nicht nur irgendetwas „bietet“, sondern weil sie die ZuschauerInnen in eine interessante Position bringt. Die Zuschauer betrachten Verschlossenes, Verborgenes, spüren alles selber auf, nähern sich allem langsam. Tania El Khoury hat viel recherchiert. Sie hat in Mexiko die Familiengeschichte verfolgt, sie hat in Libanon Gespräche geführt.

Man sieht Videoaufnahmen, wie sie ihrer Großmutter die Haare schneidet. Eine Locke wird in einem Kästchen ausgestellt. Man sieht wertlose Geldscheine alter libanesischer Währung. Man kann sich – in dem Raum, den man aufschließt – einen libanesischen Geldschein für drei Euro nehmen. Die drei Euro schickt Tania El Khoury ihrem Vater in den Libanon. Man sieht Einreisedokumente. Man sieht Münzen alter Währungen, gesammelt vom Urgroßvater und Großvater von Tania El Khoury. Man sieht einen Film über einen Fluss, der im Libanon eine Staatsgrenze darstellt, eine Berglandschaft. Man sieht Röntgenaufnahmen des Fötus im Bauch von Tania El Khoury. Oder wie sie die alten gesammelten Münzen reinigt. Und mehr.

Detailliert wird ein interessantes Gefühl für die libanesisch/mexikanische Familiengeschichte von Tania El Khoury vermittelt. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, zwischen Mexiko und dem Libanon. Eine rundum sensible und gut durchdachte Installation!

Hier ein Trailer zur Installation:

https://vimeo.com/364879910

Copyright des Beitragsbildes: Ziad Abu-Rish

THEATER: Ewald Palmetshofer – Die Verlorenen

Der 400ste Blogbeitrag!!

Zur neuen Intendanz im Residenztheater: Zwei weitere Premieren: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer und „Sommergäste“ von Maxim Gorki. In Kürze folgt „Olympiapark in the Dark“ von Thom Luz und „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, eine Übernahme aus Basel, eine sehr erfolgreiche Inszenierung. Aber auch das ist nicht alles.

Zu „Die Verlorenen“: Der österreichische Autor (und Philosoph) Ewald Palmetshofer hat schon mehrfach für Andreas Beck geschrieben. Auch „Die Verlorenen“ ist eine Auftragsarbeit – jetzt für das Residenztheater. Im Grunde geht es um den Menschen der im Weltall und mit sich selbst und mit anderen immer nur verloren ist. Allein und verloren. So beginnt es auch:

Hallo? Hört uns jemand? – kann uns jemand – ist wer – ist wer da? – wir… – wir sehn wir spürn nicht, ob da …“

Das Bühnenbild ist geordnet, clean. Man wirkt nicht unbedingt verloren darin: Ein dicker weißer Rahmen verkleinert die Bühne, im Hintergrund ist auch die Tiefe des Raumes verkürzt durch eine leicht zurückversetzte große weiße Wand. Helles Licht. Ansonsten eine absolut leere Bühne. Das wiederum gibt Anlass, sich etwas verloren zu fühlen. Die hintere Wand wird sich nach der Pause absenken und nur noch ein schwarzes Nichts dahinter eröffnen. Siehe das Beitragsbild. Das tiefe Schwarz, in das man nach der Pause blickt, verdüstert dann auch die Stimmung.

Man könnte meinen, das Stück ist sehr negativ: Was ist der Mensch? – er wird geboren – er lebt „einen Augenblick“ lang – er führt sich auf – hat seinen Alltag – hat Probleme – kann schlecht kommunizieren – dann ist er wieder tot – was bleibt von ihm? Diese Fragen sind es, die im Stück angesprochen werden. Es gibt natürlich keine Antworten dazu. Die Fragen sind das Stück, allenfalls die Feststellung, dass wir uns durch irgendetwas durchkämpfen müssen ohne Hilfe von außen. Und dann sind wir wieder weg.

Umrahmt von diesen schweren Fragen folgt man einem Alltagsgeschehen: Clara – geschieden – fährt zu ihrem Exmann Harald und seiner Frau Svenja, um Ihnen zu sagen, dass sie den Sohn Florentin die nächsten Wochenenden nicht nehmen könne. Sie ziehe sich zurück. Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht Burn-Out? Im einsamen Haus ihrer Tante lernt sie den jungen Kevin kennen. Kurze Affaire, nichts längeres, nur die eine Nacht, Probleme dann mit Florentin, den Harald und Svenja zu ihr bringen, er ist von der Schule suspendiert worden, auch das nichts Besonderes. Aber es eskaliert. Clara ist ziemlich verloren, gescheitert in vielerlei Hinsicht. Und am Ende – nach Claras Beerdigung – reden alle wieder chormäßig über den Sinn des Lebens, das sinnlose Menschsein. Von oben gebe es keine Rettung. Ein atheistischer Gedanke.

Ein paar Dinge blieben mir etwas fragwürdig, dazu muss man das Stück aber gesehen haben: Warum etwa geht Clara, wenn sie sich zurückziehen will, in eine Diskothek? Mir erschien Clara auch zu wenig gescheitert, zu wenig verloren. Generell wurden auch unnötigerweise immer wieder weitere Themen notwendigerweise nur oberflächlich gestreift, anstatt das Grundthema weiter anzugehen. Und insgesamt empfand ich die Kostümierung der SchauspielerInnen zu gediegen. Allein am Anfang: Alle schön abgestimmt in beigefarbenen Trenchcoats.

Die Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck sind insoweit sicherlich noch steigerungsfähig. Weg vom Gefälligen, wäre mein Geschmack. Andererseits wurde am Ende begeistert gejubelt. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber jeder ist – nach Ewald Palmetshofers Überlegung – letztlich verloren. Und was bleibt schon?

Der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters: HIER

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

THEATER: Spielart Festival

Ich mag die freie Theaterszene. Und schon wieder bietet München ein ganzes Festival, das SPIELART – Festival. Es läuft vom 25. Oktober bis zum 09. November 2019.Es gibt Veranstaltungen mit freiem Eintritt und Veranstaltungen mit Ticketverkauf. Das Programm findet sich HIER.

Ich werde über Einiges schreiben. Besonders freue ich mich auf die drei Projekte von Forced Entertainment, der interessanten britischen Performancetruppe. SPEAK BITTERNESS, 12 AM und zum Schluss AND ON THE THOUSANDTH NIGHT heißen die drei Projekte. Siehe den link zu „Forced Entertainment“ oben rechts über den link zu den Performancegruppen. Ihre Veranstaltungen sind sämtlich mit freiem Eintritt, als Geschenk an den scheidenden Gründer des SPIELART-Festivals Tilmann Broszat..

Thema des Fesivals: Künstler*innen leiten strukturelle Analysen aus persönlichen Erfahrungen ab und überführen sie in politische Kontexte.

THEATER: Antonio Latella – Die drei Musketiere

Es kann Kultstück in München werden. Die Münchner Kammerspiele haben ja seit einiger Zeit das 10 – Stunden – Kultstück „Dionysos Stadt“, am Residenztheater könnte es nun meines Erachtens – unter der neuen Intendanz von Andreas Beck – die Inszenierung „Die drei Musketiere“ werden.

Am Sonntag war Münchner Uraufführung von „Die drei Musketiere“, im Cuvilliéstheater. Die Inszenierung wurde vom Theater Basel übernommen, Andreas Beck wechselte ja vom Theater Basel nach München. Eine Inszenierung des italienischen Regisseurs Antonio Latella, nach dem weltbekannten Roman von Alexandre Dumas. Vier Schauspieler, eine leere Bühne, die Tiefe des Raumes, das Publikum, das reicht.

Die zweite Premiere unter der Intendanz von Andreas am Münchner Residenztheater war es. Die erste Premiere – „Die Verlorenen“ – war am vergangenen Samstag, ich schreibe in Kürze darüber.

Warum Kultstück?

  • Zum Einen: Es wird auf wunderbare Art und Weise so viel geboten, die Schauspieler – Michael Wächter, Max Rothbart (oder Elias Eilinghoff), Vincent Glander und Nicola Mastroberardino – verausgaben sich, man verlässt das Theater einfach gut gestimmt. Es geht nicht anders. Es ist kein schweres Stück, kein mit tiefgehendem Inhalt überladenes Stück. Man geht hin und wird – im Sinne der alten commedia dell‘ arte – köstlich unterhalten. Es geht nicht darum, die allen irgendwie grob bekannte Geschichte der drei Musketiere auf die Bühne zu bringen. Es sind auch nicht drei Musketiere, es sind vier. Vier Schauspieler auf der leeren Bühne.
  • Es gibt keine Dialoge zwischen den Schauspielern. Es entwickeln sich nicht Beziehungen untereinander, nicht Charaktere. Darum geht es nicht. Sie sprechen als Diener, sie sprechen als die Pferde der Musketiere. Mit Witz, Ironie und Verausgabung.
  • Das große Thema ist das hehre Wort „Einer für alle, alle für einen“. Ein völlig veralteter Spruch, könnte man sagen. Die Musketiere eben. Die Schauspieler agieren mal jeder für sich, mal alle zusammen. Ein ständiges Spiel mit der Gemeinschaft. Sie lösen sich voneinander, stehen nebeneinander, wechseln die Position, treten hervor, rennen hervor, kämpfen gegeneinander, singen zusammen, singen einzeln. Schon wie sie die Bühne betreten … und verlassen.
  • Passend zu München ist auch: Die Inszenierung hat bei alledem eine schöne ganz leichte Beimischung von Südländischem, Österreichischem, Schweizerischem und Italienischem.

Und bei alledem der thematische Grundgedanke: „Einer für alle, alle für einen“: Man schaut sich nicht Quatsch an. Der Grundgedanke ist doch aktuell, durch sein Verschwinden! Er trifft unsere Zeit, scheint nicht mehr zu gelten. Heute gibt es etwa überall sogenannte „Doppelspitzen“. „Einer“ allein kann nicht mehr „alle“ repräsentieren. Oder das Thema Europa: „Alle für einen?“ Für einen Gedanken? Heute nicht mehr. Individualismus, Nationalismus steht heute auf dem Programm. Im Programmheft spricht Antonio Latella diese Entwicklung der modernen Zeit an.

„Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas repräsentierten noch den Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir folgen einer Idee, wir stehen zueinander, wir setzen uns ein dafür“. Es war noch die Zeit, in der man sogar für Kleinigkeiten sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Vieles wird in dieser Inszenierung mit leichter Ironie angesprochen, spielerisch, aber mit dem Touch in die Gegenwart. Es werden aber nicht irgendwelche Lösungen präsentiert. Auch darum geht es nicht. Es geht um die Gemeinschaft, das Ausgrenzende, das Verbindende. Und es steigert sich zu einem furiosen Finale, die „Schlusssvorhänge“ – jedenfalls am Premierenabend, aber ich vermute, dass es immer so sein wird. Dafür spricht schon der Bezug zur lockeren commedia dell arte.

Durch die Leichtigkeit im Umgang mit dem großen Gedanken kann es Kult werden, das Stück. Man muss ja nicht immer alles bitterernst sehen.

HIER der link zur Seite des Stückes auf dem Portal des Residenztheaters

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: William Shakespeare – König Lear

Es läuft seit Kurzem an den Münchner Kammerspielen, man liest begeisterte Kommentare. Ist auch oft ausverkauft. Meins war es nicht! Der alte „König Lear“ von William Shakespeare, Textbearbeitung von Thomas Melle, Inszenierung von Stefan Pucher.

Premiere am 28.09.2019, ich werde es noch ein zweites Mal ansehen. Eine zweite Chance. Für mich war es bisher – kurz gesagt – eher eine modernisierte „König Lear Klamaukfassung“. Es mögen ernsthafte Überlegungen hinter der Textfassung von Thomas Melle stehen: Femininismus etwa. Für mich wurden sie zu wenig pointiert (das Programmheft erwähnt Einiges). Es geht aber nicht darum, alles ernst zu sehen, auf keinen Fall. Ich mag es einfach schlichter. Aber so sind unsere Zeiten: Alles schnell schnell, alles bunt dargestellt, viel Brimborium, bloß nicht schlicht.

Allerdings: Es liegt auch an der inhaltlich im Grunde schon fürchterlich aufgeladenen Story von William Shakespeares König Lear. Auch Thomas Melles inhaltliche Veränderungen helfen da wenig. Entschlackt hat er es inhaltlich kaum. Aber für mich ist es eben eher Klamauk, etwa die Shakespearefigur „Tom of Bedlar“, der Bettler, als der sich der verfolgte Edgar ausgibt. Bei Stefan Pucher schwebt er als „Major Tom“ aus dem Bühnenhimmel herab, mit E-Gitarre. Naja.

Für mich ist es generell fraglich, warum man sich König Lear überhaupt noch ansieht – die „Tragödie“ von William Shakespeare über den alten König Lear, der sich zurückziehen will. Es geht ja zurück auf eine uralte englische Sage über „King Leir“, einen britischen König aus der vorrömischen (!) Zeit.

Zum Inhalt der Tragödie: Es sind zwei Handlungsstränge.

Erster Handlungsstrang: König Lear will sich zurückziehen, das Land auf seine drei Töchter aufteilen. Die beiden älteren Töchter erfüllen den Wunsch des Königs nach Liebesbezeugung. Die Jüngste, Cordelia, verweigert sich – ich sage mal – herumzuschleimen. Sie bekommt nichts, die anderen beiden bekommen alles. Cordelia wird nach Frankreich verheiratet.

Dann gibt es den zweiten Handlungsstrang: Graf Gloucester – bei Thomas Melle Gräfin Gloucester, gespielt von Wiebke Puls. Sie hat den ehelichen Sohn Edgar und den unehelichen Sohn Edmund (ich merke es mir so, dass das „un“ im Namen Edmund für „un“ehelich steht). Edmund – bei Pucher gespielt von Thomas Hauser – will Edgar – bei Pucher gespielt von Christian Löber – ausbooten: Er verfasst einen Brief, angeblich von Edgar, wonach dieser seinen Vater – bei Pucher eben seine Mutter – entmündigen will, und Edmund veranlasst Edgar sogar, zu fliehen. Klare Sache, der ist doch schuldig.

Dann geht es aber erst los mit den Verstrickungen in der Shakespearefassung. Die Handlungsstränge verschlingen sich, Gloucester etwa verteidigt King Lear gegenüber den beiden älteren Töchtern. Und genau da frage ich mich: Warum schaue ich mir das an? Klar, das Thema des immer verworrener werdenden Vaters – bei Pucher gespielt von Thomas Schmauser – oder: Das Thema des Vaters, der nicht loslassen kann und über den sich die Nachkommen nur noch aufregen. Aber sonst? Feminismus wird, wie gesagt, zum Thema, lese ich im Programmheft, ich habe es kaum bemerkt.

Schauspielerisch:

Mal wieder eine „Ensemblearbeit“, wie es ja lange Zeit in München die große Schar der gediegeneren Münchner Theaterfreunde gefordert hatte, lange Zeit unterstützt vor allem von der Süddeutschen Zeitung. Schön fand ich daran Eines: Das Duo Samouil Stoyanov und Thomas Schmauser zusammen auf der Bühne. Beide zusammen strahlen einen herrlich verrückten Wahnsinn aus, siehe das Bild oben, gerade durch ihr gemeinsames Auftreten.

Samouil Stoyanov ist ein Kammerspiele-Hase. Von ihm kennt man es: Er kann – unter anderem – wunderbar Rollen spielen, die irgendwann im Verlaufe eines Stückes ausrasten. Dann wird er laut und deutlich! Etwa im Kirschgarten. Und Thomas Schmauser: Er ist ja wieder zurück an den Kammerspielen, war zwei Jahre lang am Residenztheater. Er ist zwar nicht im Alter eines alten König Lear, aber dennoch: Er spielt auch bei König Lear wieder einmal überzeugend! Da ist allerdings die Rolle schon sehr auf zunehmenden Wahnsinn angelegt. Beide zusammen jedenfalls, herrlich, das wäre es einmal: Ein Abend die beiden alleine in Becketts „Endspiel“!

Die Inszenierung:

Wie gesagt, sie war nicht Meins. Eine Drehbühne, ein zweistöckiges barackenähnliches Gebilde darauf, ein Neonschriftzug auf der Baracke („The End“), Videoeinspielungen aus dem Hintergrund. Genau das könnte man bei fast allen Inszenierungen von Frank Castorf sagen. Also nicht gerade irgendwie überraschend. Im Hintergrund etwas von Himmel oder Weltall. Allerdings: Ich mag im Grunde ja Videoeinspielungen ganz gerne, man erlebt die SchauspielerInnen dann so hautnah und intensiv.

Ich werde es noch einmal sehen, mal sehen, was mir noch auffällt.

Copyright Beitragsbild: Arno Declair

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Allgemein Sonstiges

SONSTIGES: Ernst Krenek – Karl V.

Ich habe es mir auf eine Empfehlung hin angesehen, klassische Opern sind ja an sich nicht mein Thema und nicht Thema dieses Blogs. Ernst Krenek‘s „Karl V.“ ist aber keine klassische Oper, es ist ein – heißt es – „Bühnenwerk mit Musik“, hätte also geradezu auch Theaterelemente, sagte man mir.

Das „Bühnenwerk mit Musik“ wird seit Februar 2019 in unregelmäßigen Abständen am Nationaltheater München gezeigt und ist nun erneut – es folgen in Kürze und im Oktober wieder Aufführungen des Stückes (HIER die nächsten Termine) – im Rahmen der Münchner Opernfestspiele zu sehen.

Es wurde kein leichter, aber ein durchaus beeindruckender Abend. Zum einen war mir bislang das Leben von Karl V. kaum bekannt. Zum anderen handelt es sich bei dem Bühnenwerk von Ernst Krenek um ein Werk der Zwölftonmusik. Es gab also auch zwei zentrale Fragen: Wer war eigentlich Karl V.? Und was ist eigentlich Zwölftonmusik genau genommen?

Nun, zunächst zur zweiten Frage: Die Zwölftonmusik. Natürlich denkt man zunächst an Arnold Schönberg, den Begründer der Zwölftonmusik in den Jahren um 1920. Aber es gab eben auch Mitstreiter. Einer davon war – eher am Rande – Ernst Krenek. Karl V. ist die erste „Oper“ in Zwölftonmusik geworden. Eine schöne Erklärung der Methode der Zwölftonmusik gibt anlässlich der Aufführung von „Karl V.“ das Nationaltheater in DIESEM Video. Wie sich die „Oper“ dann anhört? Einen Trailer zu Karl V., in dem man einen kurzen Eindruck von der Musik erhält, gibt es HIER. Schwierig, aber interessant.

Und wer war Karl V.? Es ist ja alles erst wenige Jahrhunderte her! Mein Gott, was sind schon 500 Jahre! Karl lebte 1500 – 1558. Nicht weit weg von Shakespeares Zeiten, der ja die Theaterwelt heute auch noch prägt. Shakespeare lebte 1564 – 1616. HIER ein schönes, erklärendes Video des ZDF zur Bedeutung Karls V. Er war ja ein Weltherrscher, der den katholischen Glauben weltweit verbreiten wollte. Und es war die Zeit Luthers, der Reformation. Alle vom ZDF im obigen Video genannten Elemente finden sich auch in Ernst Kreneks Bühnenwerk „Karl V.“ Dort geht es ja um das Leben von Karl V., darum, dass Karl V. vor seinem Tod gegenüber einem jungen Mönch sein Leben und sein Werk noch einmal Revue passieren lässt und sich rechtfertigt, als eine Übung seiner noch bevorstehenden Rechtfertigung vor dem Jüngsten Gericht. Zusätzlich zu dem, was im Video des ZDF erklärt wird, geht es in Krenek’s Werk auch noch um den Krieg mit Frankreich. Darauf geht das Video garnicht ein.

HIER übrigens noch etwas: Ein Video mit den bekannten Playmobilfiguren zum Inhalt von Krenek’s „Oper“ Karl V. Wieder einmal gut gemacht.

Mit all diesen Videos ist man wirklich bestens vorbereitet. Weitere Informationen mit viel Bildmaterial zur Inszenierung von „Karl V.“ findet man auf der WEBSITE der Bayerischen Staatsoper.

Es ist eine Inszenierung des Spaniers Carlus Padrissa, der weltweit meist Opern inszeniert. Er ist Mitbegründer des Performance-Kollektivs La Fura Dels Baus. HIER die Website des Kollektivs. Auch Marc Molinos, der für das bei der Inszenierung nicht unwichtige Videodesign von „Karl V.“ verantwortlich ist, arbeitet eng mit diesem Kollektiv zusammen. Die Inszenierungen von Carlus Padrissa werden auch schon mal als „visueller Overkill“ bezeichnet. HIER etwa, von BR Klassik.

So war es auch bei „Karl V.“. Teilweise gewaltig schöne Bilder. Fast jedes einzelne Bühnenbild – und es gab wahrlich viele Einzelbilder – wäre es für sich wert gewesen, es länger zu betrachten. Meistens sehr abstrakt gehalten, hoch geschmackvoll, beeindruckend! Nicht nur die riesigen Videos im Hintergrund – oft riesige abstrakte Wandbilder -, nein auch die Gestaltungen auf der Bühne. Sie vergingen fast zu schnell. Dennoch ist für mich fraglich, warum das sein muss. Meines Erachtens leiden sogar Musik und Inhalt darunter, zumal die Zwölftonmusik durchaus anstrengend sein kann. Ich habe teilweise auch nicht die Zusammenhänge zwischen Bühnenbild und Inszenierung und Inhalt erkennen können. Alles gigantisch. Gut, Karl V. dachte auch gigantisch, aber eben zu gigantisch. In seinem Reich sollte die Sonne nie untergehen.

Die Kostümierung der Mitwirkenden und die Erscheinung von Karl V. war mir dabei ein völliges Rätsel. Warum hat Karl V. denn wie ein Punk fünf Hörner auf dem Kopf (siehe das Beitragsbild oben)? Und ich als Theaterfreund würde sagen: Karl V. wurde in seiner Erscheinung zu monoton dargestellt. Er schleicht im Grunde durchgehend als leidender alter Mann über die Bühne.

Also: Wenn man sich für Karl V. und die Zwölftonmusik interessieren will und wenn man den visuellen Overkill von La Fura Dels Baus erleben will, lohnt es sich allemal. Hier noch zwei Bilder der Inszenierung:

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Wilfried Hösl

THEATER: Lars von Trier – Melancholia

Man sollte wissen, auf was man sich einlässt, wenn man sich dieses Theaterstück ansieht. Es hatte am vergangenen Samstag, dem 15. Juni 2019, Premiere an den Münchner Kammerspielen. „Melancholia“ von Lars von Trier. Eine Inszenierung von Felix Rothenhäusler.

Das Fazit vorweg: Felix Rothenhäusler blieb fast nichts anderes übrig, als es so zu machen, wie es geworden ist. Denn da ist zum Einen der eigenwillige, fast mystische Film „Melancholia“ von Lars von Trier und da ist zum Anderen Felix Rothenhäusler, der zu puristischer Darstellungsform neigt. So war es auch – irres Thema, schlicht und anstrengend! Vielleicht ging durch die Kombination von Lars von Trier und Felix Rothenhäusler bei der Bühnenfassung etwas an Prägnanz verloren.

Ein Film auf der Bühne, das allein heißt schon: Man sollte sich, wenn möglich, ein wenig mit dem Film auseinandersetzen! Vorher oder nachher. Man geht wahrlich nicht in eine „Komödie“ und man schaut sich nicht einfach „irgendein Theaterstück“ oder einen „Klassiker“ an, am besten mit dem Ziel der Unterhaltung. Man sieht diesen irren Film auf der Bühne!

„Melancholia“ ist ein Film des dänischen Filmemachers Lars von Trier. Lars von Trier, keine ganz harmlose Gestalt. Der Film erschien 2011 und wurde mehrfach prämiert.

(Ich finde ja, dass das Marketing vieler Theater manchmal mehr bringen könnte. Man wird nicht immer gerade gut darauf vorbereitet, was man sich anschaut! Da könnte es manches Mal viel interessanter sein, besser vorbereitet zu sein. Jedenfalls eine Ahnung davon zu haben, WAS man sich ansieht, Zusammenhänge zu erkennen etc. Mehr Infos neben der Programmankündigung, vielleicht einmal ein Interview oder so.)

Man sagt ja, es ist ein „Endzeitfilm“. Kurz gesagt: Melancholia erzählt tatsächlich von einer (depressiven) jungen Frau, Justine, die das Ende der Welt (durch die Kollision mit einem anderen Planeten – Melancholia, der im „Todestanz“ um die Erde kreist) vorhersieht. Sie feiert mit Familie und Freunden in edler Atmosphäre ihre Hochzeit und rutscht immer mehr in ihre „Depression“ hinein, distanziert sich vom opulenten Geschehen. Wobei: Es ist vielleicht gar keine Depression. Sie selber scheint immer weniger aufgeregt zu sein, als (in den Folgetagen) ihre Schwester Claire und ihr Mann, der sich sogar umbringt.

Links? Bitte sehr, hier sind erst einmal einige interessante links:

HIER ein offizieller Trailer des Films. Eine etwas längere, recht kenntnisreiche Besprechung des Filmes gibt es dann HIER. HIER ist einer Besprechung des Films, die im Deutschlandfunk erschien. HIER findet sich wiederum eine Besprechung des Films auf Spiegel online. Zum Film gibt es übrigens eine offizielle Website: HIER. Und HIER findet sich die Seite der Kammerspiele zur jetzigen Inszenierung. Von anderen Inszenierungen lese ich übrigens wenig. Es gab eine „Uraufführung“ am Bochumer Schauspielhaus im März 2018. HIER einen Trailer dazu auf YouTube.

Das meiste oben bezieht sich auf den Film. Ich habe mir den Film auch erst einmal ansehen müssen. Auf http://www.kinox.to konnte ich ihn sehen (hoffentlich ist das hier keine illegale Empfehlung. Ich werde es prüfen und gegebenenfalls wieder löschen).

Zur jetzigen Inszenierung an den Münchner Kammerspielen hier noch eine Aufnahme:

©️ Armin Smailovic

Und dann Folgendes:

  • Felix Rothenhäusler hat also inszeniert. Er experimentiert ja gerne auf nicht ganz einfachen Niveau. Allein wenn man sich das Programmheft der Inszenierung von „Melancholia“ durchliest, bekommt man eine Ahnung davon. Wenn man den äußerst schwierigen Text zum Stück überhaupt versteht.
  • Es passt sehr gut: Schwarze große Bühne – zwölf Lichtstrahler hängen von der Decke – fünf SchauspielerInnen kommen und gehen über die Bühne – keine Gegenstände – schwarzer Boden, etwas erhöht auf Glasflächen – keine Opulenz – nichts. Siehe das obige Beitragsbild. Ein drohender grummelnder Ton schwirrt über allem – im Film ist es die Ouvertüre von „Tristan und Isolde“.
  • Die SchauspielerInnen und die leere Bühne hängen gewissermaßen im All. Darum geht es ja auch bei „Melancholia“, zumindest vordergründig: Das All, die Erde als Planet mit der großen Frage: „Was soll das alles. Das kann und wird doch alles zu Ende gehen“. Und es kam dadurch nur auf das Verhältnis der Personen zueinander an.
  • Felix Rothenhäusler lässt die SchauspielerInnen das Geschehen schlicht „erzählen“, direkte Rede und Erzählung. Jeder hat aber seine Rolle. Das mag er. Er spielt gerne mit den Worten. Auch in seiner „kleineren“ Inszenierung „Trüffel Trüffel Trüffel“, die auch an den Kammerspielen „läuft/lief“, stehen die SchauspielerInnen nebeneinander auf der Bühne und reden. Wie gegen Ende von „Melancholia“. Mehr „Experiment à la Rothenhäusler“ war dagegen ja geboten in seine Inszenierung „Re:search“. In „Melancholia“ kommt sein „Experimentierdrang“ nicht so zur Geltung. Gottseidank. Das Thema von „Melancholia“ ist auch an sich schon intensiv genug! Das auch noch mit Experimentiergedanken zu „Wort und Geste“ (oder ähnlich) zu verbinden, hätte wahrscheinlich völlig überfordert. Es hätte ein falsches Thema draufgesetzt.
  • „Melancholia“ ist aber gerade wegen der ausschließlichen Wortlastigkeit durchaus anstrengend. Ohne Video, ohne Musik, ohne Lichteffekte oder andere Effekte, ohne Brimborium. Wenigstens schlicht und nicht so bedrängend wie Ulrich Rasche (siehe meine wunderbaren Rasche-Besprechungen über das Suchfeld oben). Dennoch soll natürlich Atmosphäre rüberkommen. Gut, bei „Trüffel Trüffel Trüffel“ und “Re:search“ war die Atmosphäre aufgrund der Stücke nicht so wichtig. Bei „Melancholia“ ist sie dagegen durchaus wichtig, denke ich. Aber auch da verzichtet Rothenhäusler auf Andeutungen. SchauspielerInnen und Text. Das ist alles.
  • Die Atmosphäre konnte hier also nur über die SchauspielerInnen rüberkommen, durch ihre Mimik fast nur. Julia Riedler als Justine: Sie wirkte für mich fast etwas ZU depressiv, zu verzweifelt, letztlich ist sie es doch, die im Film Ruhe ausstrahlt, Ruhe vor dem Untergang. Thomas Hauser als der „glückliche Ehemann“, es geht hier ja um eine Hochzeit: Für mich war er sogar – obwohl eher eine kleinere Rolle innehat – am überzeugendsten. Eva Löbau als die Schwester Claire von Justine: Resolut, aber meines Erachtens wiederum ZU WENIG verstört und hilflos angesichts der drohenden Katastrophe. Sie hat eine unglaublich klare Bühnesprache. Majid Feddah der irgendwie „üble“ vermögende Ehemann von Claire: Auch diese Rolle kann er gut spielen! Gro Swantje Kohlhof als Sohn Leo lief etwas nebenbei.

Alles in allem haben mich die Interpretationen der Personen auf der Bühne etwas verwirrt. Die einzelnen Positionen der Personen und ihre Abgrenzungen voneinander gingen mir durch das ständige Weitererzählen der Story (oft auch von eher unwichtigen Einzelheiten) etwas verloren. Vor allem leider bei den beiden Hauptfiguren Justine und Claire.

Mein Eindruck ist auch: Man könnte sich vielleicht auch sagen, Justine denkt an den Tod, nicht an den Weltuntergang. Ein Stück um Leben und Tod wäre es dann. Wir alle haben ihn ja vor uns. Justine sieht deswegen die Sinnlosigkeit von allem. Das führt in der Tat leicht in die Depressivität. So können wir ja nicht leben! Das ist ja vielleicht auch das Thema von Melancholia: Wir haben ein Ende vor uns, können deswegen aber nicht in Trauer verfallen. Habe Spaß! Das hört man mehrfach. Die eigene Hochzeitsfeier ist so gesehen in „Melancholia“ das Extrembeispiel der Sinnlosigkeit! Justine geht ja auch gleich in der Hochzeitsnacht fremd.

Andere, ihre Schwester Claire vor allem, sehen dann auch mehr und mehr das drohende Ende. Sie sehen auch, dass sie das Ende ja nicht verhindern können. Sie gehen aber anders daran heran, „weltlicher“. Sie haben nicht die Ruhe, die Justine hat, die fast die Erlösung sieht. Justine sieht die Unausweichlichkeit. Claire dagegen wird nervös, hektisch, will etwas tun. Sie will hilflos irgendwohin fahren, wo man mehr weiß, sie möchte dann einen „schönen“ Abschied auf der Terrasse bei Rotwein und Gesang. Ihr Mann macht schon einmal Besorgungen für den „Notfall“, etc. Alles völlig hilflose Bemühungen angesichts des nahenden Endes.

Tja, wie wir eben bei alledem das Ende, diese verdammte Vergänglichkeit, nicht wahrhaben wollen. „Melancholia wird an der Erde vorbeiziehen, sagen die Wissenschaftler“, will der Schwager von Justness mehrfach beruhigen, bis er das Gegenteil erkennt. „Das wird das Schönste, was wir je erleben werden!“. Eben nicht!

Und: Es ist ganz anders, als das Stück „Drei Schwestern“ von Susanne Kennedy nach Anton Tschechow, das derzeit ebenfalls an den Kammerspielen gezeigt wird. Dort geht es um den Gedanken: Es gibt kein Ende, es wiederholt sich alles immer wieder, immer wieder. Es hört nicht auf. Es ist ein endloser Loop. Stell dir vor, du musst alles noch einmal leben, etc.

Ich finde, man sollte sich bei Melancholia beides ansehen, wenn man es noch nicht kennt, Film und Bühnenfassung!

©️ des Beitragsbildes: Armin Smailovic

THEATER: Susanne Kennedy – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Diese Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk geworden. Ein Gesamtkunstwerk, an dem viele Spezialisten – allesamt mit höchster Qualität – mitgewirkt haben. Ein Team um Susanne Kennedy herum. Heraus kommt ein Ergebnis, das man selten sieht, vor dem man selten sitzt.

Gut, ich liebe mitunter extreme Formulierungen, um Dinge deutlich zum Ausdruck zu bringen. Ich meine nicht, dass ich die Weisheit mit Löffel gegessen habe, aber hier ist wieder einmal eine solche extreme Formulierung angebracht – ich sehe ja viel Theater: Diese Inszenierung kann, finde ich, Theatergeschichte schreiben – zumindest an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen. Es sind ja viele Bausteine, die die Theatergeschichte erschaffen.

Der Klassiker „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow, geschrieben ganz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, Uraufführung am 31. Januar 1901. Er ist der Ausgangspunkt für die Inszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Es ist eine Inszenierung VON Susanne Kennedy NACH Anton Tschechow. HIER ein kurzer Blick auf ihren bisherigen künstlerischen Weg. Es geht nicht um eine inhaltliche Darstellung des berühmten Stückes „Drei Schwestern“ VON Anton Tschechow. Vergangenen Samstag war Premiere.

Vorab ganz grundsätzlich: Allein die Tatsache, diesen russischen Klassiker über die drei Schwestern – die so gerne das langweilige Land in Richtung des ersehnten Moskau verlassen würden, und den wir uns immer wieder anschauen -, diesen Klassiker des Alltagslebens zu nehmen und ihn dann in so abstrakte Höhen und in eine so abstrakte Inszenierung zu führen, in der die Inhalte von Tschechows Werk „Drei Schwestern“ nur höchst ansatzweise – höchst ansatzweise – benötigt werden, das allein ist schon eine wunderbar gelungene Leistung! Was hätte Anton Tschechow dazu wohl gesagt?

Zum Äußeren: Alle Elemente der Inszenierung passen wahrlich zusammen! Die Münchner Abendzeitung etwa schreibt: „Visuell ist dieser Abend freilich faszinierend bis sensationell!“ Die Bühne ist eine riesige geschlossene Videoleinwand. Man sitzt vor einer riesigen Leinwand. Mitten in dieser Leinwand schwebt auf halber Höhe der kleine Bühnenausschnitt, der einen kleinen Raum hergibt (siehe oben das Beitragsbild)

Der Bühnenausschnitt schließt sich manchmal, dann öffnet er sich wieder. Mal sieht man auf der Videowand, die den Bühnenausschnitt schließt, grob gepixelte Personen. Ansonsten: Playback für jedes Geräusch, Masken, Stillstand. Mehr Distanz geht kaum. Man hat Distanz zu jeder Art „Geschehen“, zu den Personen – und damit öffnet sich andererseits eine Nähe zum Thema.

Man muss auch nicht sagen: Susanne Kennedy arbeitet ja schon wieder mit Masken und schon wieder mit voice over und schon wieder sehr abstrakt, schon wieder auf einer sehr engen Bühne. Entwickelt sie sich nicht weiter? Erstens: Wenn man das sagt, hätte im Grunde ein Frank Castorf schon vor Jahrzehnten in der Versenkung verschwinden müssen. Zweitens: Susanne Kennedy entwickelt sich natürlich weiter! Das bestätigen allein in kleinen Gesprächen Schauspieler der Münchner Kammerspiele, die ja schon mehrfach mit Susanne Kennedy zusammen gearbeitet haben oder sie jedenfalls daher kennen. Selbst „Die Selbstmord-Schwestern“, ihre vorherige Arbeit an den Münchner Kammerspielen, war eine Inszenierung, die noch etwas konkreter mit dem Ursprungstext umging. Auch demgegenüber scheint mir „Drei Schwestern“ eine Weiterentwicklung.

Schon vor Beginn der Inszenierung von „Drei Schwestern“ folgendes Bild: Man sieht auf dieser riesigen Leinwand – bei noch geschlossenem Bühnenausschnitt – dichte, undurchdringliche, bunte Wolkenmassen wabern. Ein unbestimmbarer Grummelton begleitet das irgendwie „Unendliche“. Es gibt ein „Außen“ – außerhalb des engen Bühnenausschnittes – und ein „Innen“ – innerhalb des Bühnenausschnitts. Vor Beginn durchziehen die Wolken noch beide Bereiche. Bis sich nur der enge Bühnenausschnitt öffnet und wir einen Blick auf diese schwebende, enge komische Welt bekommen, in der wir ja leben. Die sich jeder einbildet. Unser kleines Leben im großen Universum.

Auch die Masken, hinter denen sich die Schauspieler verbergen, und das voice over, die Ausstattung, die Kostüme, alles wirkt in dieser Inszenierung meines Erachtens gut zusammen. Sogar die wenigen Bewegungen der Schauspieler (vor allem von den drei Herren, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Walter Hess) tragen entscheidend zum Gesamtbild bei. Aus irgendeinem Grund wurden bei mir aus den fast statischen Person doch kleine Persönlichkeiten. Obwohl jede Stimme wieder Play-back gebracht wird – wie jeder Schritt, bis hin zu jedem Schluckgeräusch, jede Stimme ist noch dazu von einer anderen Person gesprochen, nicht vom/von der SchauspielerIn selbst.

Inhaltlich geht es nicht etwa um die „Drei Schwestern“ und deren Wünsche, deren Sehnsüchte: Die drei Schwestern – sie bleiben bei Susanne Kennedy natürlich namenlos – stehen eher für die Menschheit, den Menschen: Die Menschheit befindet sich in einer ewigen Zeitschleife. Letztlich wie die drei Schwestern, die nie vom Landleben wegkommen. Also das kleine Leben und die Menschheit: Loops! Es wird immer so weitergehen. The end is not the end is not the end is not the end is not the end … , heißt es einmal.

Warum machen wir das alle? Weil wir müssen. Und dann kommt Friedrich Nietzsches Überlegung herein (aus dem Off gesprochen): Was wäre denn, wenn wir dieses Leben nicht nur einmal leben müssten, sondern immer wieder, ganz genau gleich? Ein ewiger Loop? Was wäre dann unser Weg in einem solchen ewigen Kreis? Diese Überlegung von Friedrich Nietzsche stülpt Susanne Kennedy über den Klassiker „Drei Schwestern“. Es geht auf, weil es eine seltene Überlegung ist, die eine extreme Darstellung findet.

Ein wenig ist der Gedanke des tiefen „Erlebens des Momentes“ die Quintessenz aus der obigen Frage bei Friedrich Nietzsche und vielleicht auch bei Susanne Kennedy. Das allein bleibt im „Ergebnis“ bei Susanne Kennedy etwas offen. Aber was heißt schon „Ergebnis“. Susanne Kennedy will sicher keine Lösung präsentieren. Es geht darum, den Loop der Ewigkeit als Prinzip sogar hinter Anton Tschechows „Drei Schwestern“ aufzuzeigen. Der Abend endet dann dementsprechend auch ganz realistisch, wie das Leben – eben plötzlich mit einem „Cut!“ aus dem Off. Auf der Bühne sagt übrigens einer der Schauspieler (erkennbar Christian Löber) sinngemäß: „Wir können nur für die Liebe leben!“ Vielleicht ist das ein Weg, wenn wir tief im aktuellen Moment leben. Susanne Kennedy wird vielleicht darüber nachdenken. Allerdings wird die Liebe – ein großes Thema ja schon bei Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – in dieser Inszenierung zwar zwei-/dreimal kurz erwähnt, aber in keiner Weise irgendwie gezeigt oder auch nur angedeutet. Als gäbe es sie dann doch gar nicht!

Es gibt also viele Aspekte, die diese Inszenierung zu einem besonderen Theaterereignis machen. Auch wenn nicht alles komplett verständlich war. Mir war etwa nicht klar, wie der Gedanke des menschlichen „Genius“ hier reinpasste. Der menschliche Genius, der die Dinge nur ganz für sich selbst erlebt, wurde letztlich zum Thema. Und wenn der Genius sein Erlebnis in Worte packt, muss er es einerseits – der Mensch will sich ja mitteilen – in Worte fassen, andererseits ist das Erlebnis damit nicht mehr das Erlebte, sondern etwas anderes. Denn jeder andere hört und versteht die Worte anders. So ist das natürlich. Aber das wurde dann doch etwas viel.

Trotzdem Gratulation, nicht nur an Susanne Kennedy, auch an die weiteren Mitwirkenden wie Lena Newton (Bühne), Teresa Vergho (Kostüme), Richard Janßen (Sounddesign und Video-Montage), Roderik Biersteker (Video) oder Rainer Casper (Licht) und die SchauspielerInnen, die in dieser Kennedy’schen Spielweise auch (wieder) besondere Erfahrungen gemacht haben.

Hier noch ein Foto:

©️ Judith Buss

HIER der Link zur Seite der Inszenierung auf dem Portal der Münchner Kammerspiele.

©️ des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Elfriede Jelinek – Wolken.Heim

Wir, immer wieder „Wir“. Was ist denn „Wir“? Es basiert doch immer auf mehreren, die sich aufgrund irgend etwas zum „Wir“ aufmachen. Es basiert im Grunde oft auf Einbildung. Elfriede Jelinek hatte 1988 zum deutschen „Wir“ den Text „Wolken.Heim“geschrieben. Der Text wurde seither immer wieder in Theatern aufgeführt. Jetzt ist eine weitere Inszenierung am Münchner Residenztheater zu sehen.

Elfriede Jelinek hatte den Text „Wolken.Heim“ knapp vor dem Fall der Mauer geschrieben. „Wir sind das Volk“ wurde dann zufällig einer der prägenden Ausrufe des Mauerfalls. Auch ein “Wir“.

Und auch ganz aktuell kommen ja viele Menschen immer wieder schnell auf ein „Wir“. Nationalismus. Es ist also durchaus ein aktuelles Thema. Auch auf ein deutsches „Wir“ kommt man. Aber nicht nur in Deutschland gibt es dieses „Wir“ der Abgrenzung. Elfriede Jelinek hatte diese Abgrenzung und besonders die Bedeutung dieses deutschen „Wir“ damals auf ihre Art untersucht. Als Außenstehende – sie ist ja Österreicherin.

In der Stückbeschreibung auf der Website des Residenztheaters heißt es: „Jelineks 1988 uraufgeführtes Erfolgsstück bietet poetische Textflächen, auf denen fünf Personen nach möglichen Antworten suchen. Jelineks Überschreibung von Texten der deutschen Idealisten Hegel, Fichte, Kleist und Hölderlin bietet die Grundlage des rätselhaften „Wir“, das hier laut wird, über sich selbst spricht und die „Anderen“.

Auch Aussagen von Heidegger und aus Briefen der RAF verwendet sie. Allerdings – wie so oft bei ihr – nicht irgendwie erkennbar. Sie verändert die Aussagen, entstellt ihren Sinn, verdreht sie teilweise.

Vorab: Wie immer bei Elfriede Jelinek: Es ist nicht leicht zu verstehen! Ich habe bislang erst zwei Inszenierungen zu ihren Texten gesehen. Eine davon im vergangenen Jahr beim Berliner Theatertreffen – „Am Königsweg“ – und davor eine an den Münchner Kammerspielen, die derzeit noch zu sehen ist: „Wut“. Ich halte es – bisher – für typisch, dass bei Elfriede Jelinek auf der Bühne sehr viel Aktion stattfindet. Viel Aktion zu schwer verständlichen, teils wirren Texten. Was die Aktion auf der Bühne angeht: Ganz anders ist es jetzt bei Wolken.Heim“ am Residenztheater – was es schwerer machte, es noch irgendwie zu verstehen.

Immer wieder gab es übrigens in den vergangenen Jahren in München Inszenierungen ihrer Texte, viele an den Kammerspielen: „In den Alpen“, „Wolken.Heim“, „Ulrike Maria Stuart“ „Rechnitz (Der Würgeengel)“, „Winterreise“, „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“, „Das schweigende Mädchen“ und eben „Wut“, bei dem die terroristischen Attentate von Paris Schreibanlass waren.

Worum geht es? Jelineks Text „Wolken.Heim“ – der keine Personen vorgibt – enthält Aussagen etwa zu: … Sich selber glauben, von sich überzeugt sein, deutsche Traditionen, deutscher Geist, Wald und Romantik, Boden, drinnen und draußen, unsere Sprache, sich den Anderen überlegen fühlen, Selbstsucht, das Bewusstsein, etwas „Hohes“ zu sein, wir sind das Ziel in der Ewigkeit und so. Es entsteht dabei ein fast klaustrophobisches Bild, das gerade durch die Art der Inszenierung gefördert wird. „Das – deutsche – „Wir“ macht alles eng, obwohl es laut Wort und Tat so groß sein soll. Um diesen Widerspruch geht es! Um diesen Widerspruch!

In der Inszenierung am Residenztheater treten fünf Personen auf. In einer unangenehmen Atmosphäre: Ein Wartesaal, abgegrenzt, unfreundlich, grau, mehrere Sitzbänke, alles ist grau und nüchtern. Wirklich alles ist grau. Nur durch zwei Sehschlitze und Türöffnungen scheint freundliches und warmes orangenes Licht von irgendeinem „draußen“ herein. Bis zu den Haaren und zur Unterhose ist alles grau. Die Personen im Raum wirken irgendwie hilflos und lächerlich. Sie vermitteln durch ihr Aussehen „Deutsches“, wirken aber nicht sehr glaubhaft, es ist eben alles grau.

Die Personen reden viel, unterstützen aber den Inhalt nicht irgendwie durch bestimmte Darstellungen. Text. Die Inszenierung insgesamt hilft – leider – auch nicht, den Text zu verstehen. Ein Interview mit Elfriede Jelinek im Programmheft gibt etwas mehr Aufschluss. Elfriede Jelinek geht davon aus, dass besonders bei den Deutschen festzustellen ist, dass man die eigene Nationalität an Wald und Boden festmacht. Und an dieser Strenge und Klarheit, die fern von Gefühlen liegt.

Letztlich verbleibt eine Grundatmosphäre über das Deutsche: Man fühlt sich als Deutscher groß und besonders durch Worte und Taten. Und seien es Kriege. Aber ob das wirklich groß und besonders ist?

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn


THEATER: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Das Buch hatte Furore gemacht. Es war in Frankreich und später auch in Deutschland ein großer Erfolg. Es gibt drei Bände dieses Werkes (insgesamt über 1200 Seiten), das als moderner Gesellschaftsroman unserer Zeit angesehen wird. Virginie Despentes ist 1969 in Nancy geboren, arbeitete in Massagesalons und Peep-Shows, bevor sie ihre literarischen Erfolge mit den wilden Werken hatte.

Man muss es nicht unbedingt als Roman über unsere Gesellschaft komplett ansehen, obwohl ja manch einer zu Virginie Despentes sagt, sie sei der „weiblicher Balzac des 21. Jahrhunderts“. Gut, es kommen im Roman jede Menge völlig unterschiedlicher Menschen als Querschnitt gewissermaßen zur Sprache. In http://www.perlentaucher.de (HIER) heißt es dagegen zum Beispiel in der Zusammenfassung einer Buchbesprechung (3. Band) mit interessantem kurzem Blick auf den Inhalt des Romans:


Anders als viele andere hält Rezensentin Iris Radisch Virginie Despentes nicht für einen „weiblichen Balzac des 21. Jahrhunderts“. Despentes Blick, erklärt Radisch, richte sich in ihren drei Büchern über den gealterten Punk-Häuptling Vernon Subutex nämlich nur auf einen bestimmten Teil der französischen Gesellschaft: die gescheiterten Utopisten und Idealisten der 70er, welche nun in Abbruchbuden oder unter freiem Himmel hausen und ihre Enttäuschung und ihren Zorn mit Erinnerungen an eine abenteuerreiche und glanzvolle Vergangenheit füttern, eine Zeit, in der die französische Subkultur noch Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft barg, in der es überhaupt noch so etwas wie Subkultur gab. Näher als der Vergleich mit Balzac liegt laut Radisch daher der mit Michel Houellebecq. Wie er „intoniere“ sie den „Untergang des Abendlandes“, allerdings weitaus mitfühlender als der Sozialpessimist Houellebecq. Rau und ruppig, und zwar sprachlich wie inhaltlich, geht es aber auch im 3. Teil des Subutex zu, meint die Kritikerin, die das Buch als Vorgeschichte zum Aufstand der Gelbwesten liest.

Ich werde das Buch noch lesen. Hier erst einmal zur Inszenierung von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen:

Es wird nicht leicht sein, diesen dreiteiligen Roman auf eine fast dreistündige Inszenierung für das Theater „zusammenzudampfen“. Stefan Pucher ist es nicht gelungen! Man konnte einiges erwarten: Insgesamt 13 Mitglieder des Ensembles der Münchner Kammerspiele nahmen teil. Ich fand es schade, sie so zu sehen, in dieser Inszenierung! Sie haben allesamt mehr verdient. Gut, Jelena Kuliç steht als (weibliche Besetzung von) Vernon Subutex im Zentrum der Inszenierung. Es ist ja insgesamt eine Geschichte um ihn/sie herum. Vernon Subutex beobachtet alles. Die Höhepunkte dieses Abends sind auch ihre Gesangseinlagen. Davon hätte der Abend gut viel mehr vertragen. Jelena Kuliç hätte ohnehin vielleicht mehr im Mittelpunkt stehen können, war mein Gefühl. Ihr wäre es auch gegönnt gewesen. Sie schafft mit ihrer rauen Stimme doch oft ganz bestimmte Stimmungen und vielleicht hätten mehr Gesang von ihr und mehr Eindrücke von ihr für mehr Zeitgeist gesorgt, um den es ja im Roman geht. Vielleicht ist sie genau die richtige Besetzung für Vernon Subutex. So, wie in La Sonnambula, das ja sehr erfolgreich war. Und soviel ich höre, sind ohnehin im Roman viele Songtitel genannt. Vernon Subutex hatte ja im Roman einen Plattenladen, bevor er pleite ging.

Insgesamt war die Inszenierung halbherzig! Schon das langweilige Bühnenbild – ein dunkles Stufengerüst, auf dem sich alle tummeln und das ist die Bühne klein und eng wirken ließ. Dann das „Geschehen“ auf der Bühne: Die Schauspieler tummeln sich mehr und mehr auf dem Stufengerüst. Sie sitzen am Ende teils einfach herum, während einer/eine von ihnen spricht oder macht. Hier eine Aufnahme:

©️ Arno Declair

Es ist viel „Gerede“, nicht Schauspielerei. Aber das mag am Roman liegen. Jede Person – und es sind viele – hat ja auch im Roman ihren Teil beizutragen, hat eine eigene Einstellung zu den Dingen. Aber keine/r der Schauspieler/innen hatte – abgesehen ein wenig von Jelena Kuliç und ein wenig von Annette Paulmann – meines Erachtens Gelegenheit, zu glänzen. Und Sie können glänzen.

Noch dazu war das „Gerede“ des Abends teils ein sehr schnelles Gerede. Und noch dazu werden allerlei Themen angesprochen, Gott und die Welt. Es gab keinen Schwerpunkt. Ob das dem Zeitgeist entspricht, den Virginie Despentes in ihrem so gelobten Roman erfasst? Vielleicht ist es ja so, ich werde es lesen. Gelungen fand ich noch die Videoeinspielungen auf den Leinwänden, auch die Sequenzen in den Videos, in denen Abdoul Kader Traoré spricht.

Gut, ich werde das Buch lesen und mir die Inszenierung noch einmal ansehen. Abschließend werde ich dann genauer darüber schreiben können. Vielleicht relativiert sich dann mein schlechter Eindruck. Am ehesten gilt natürlich wieder: Selber ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

THEATER: Federico Bellini – Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini

Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren nachts auf brutale Art und Weise angeblich von einem Stricherjungen ermordet. Angeblich vom Stricherjungen. Der Stricherjunge – Pino Pelosi – wurde verurteilt. Er widerrief dreißig Jahre später sein Geständnis. Es gibt bis heute Zweifel daran, ob Pasolini tatsächlich so gestorben ist, wie es im anfänglichen Geständnis von Pelosi geschildert wurde. Pelosi ist mittlerweile gestorben, der Mord wird nie richtig aufgeklärt werden.

Und daraus ein Theaterstück? Aus diesem brutalen Mord? Noch dazu in Verbindung mit Dante Alighieri’s „Die göttliche Komödie“?

Gut, die Verbindung mit Dantes „Die göttliche Komödie“ ist noch naheliegend: Dante Alighieri selbst lebte zwar um 1300, aber sein Werk der Weltliteratur „Die göttliche Komödie“ war – so das Programmheft – der „Fixpunkt“ des Werkes von Pasolini, der im Friaul geboren war. Und vielleicht seines Lebens. Sein Hang zum Subproletariat – in Rom dann hauptsächlich – war wie ein Hang zur Hölle. Das schon. Sein Kampf gegen den Neokapitalismus in Italien der damaligen Zeit, der Kampf für das Proletariat! Über 30 Prozesse wurden gegen Pasolini fast durchgehend von staatlicher Seite ausgehend angestrengt.

Ein Vergleich drängt sich erst einmal auf: Im Dezember 2018 war an den Münchner Kammerspielen eine Inszenierung von Milo Rau zu sehen, in der ein vor wenigen Jahren in Belgien verübter Mord an einem homosexuellen Jungen nachvollzogen und auf die Empfindungen nahestehender Personen eingegangen wurde. Es steht auch nur ein Auto auf der Bühne. Der Mord erregte damals viel Aufsehen in Belgien. „Die Wiederholung“ hieß die Inszenierung von Milo Rau. HIER der Link zu meinem damaligen Bericht. Milo Rau geht es ja sehr darum, im Theater die Realität zu zeigen. Pure Realität, auch wenn es dann auf der Bühne eine „Wiederholung“ ist. Es war damals auch wahrlich nicht angenehm, aber es hatte Wirkung. Man konnte überlegen: „Was bedeutet es eigentlich, ins Theater zu gehen?“

Anders war der Abend hier bei „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“. Welche Wirkung hatte der Abend „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“? Der Titel: „EINE göttliche Komödie …“ ist ja fast schon zynisch. Ermordung und Komödie!

Schauspielerisch ist der Abend vor allem für Tim Werths, der Pier Paolo Pasolini spielt, eine Herausforderung. Eine großartige Leistung und von ihm wird hier wirklich viel verlangt! Etwa am Ende bei seinem Schlussmonolog, einer Rede – ein Auszug aus der „Göttlichen Komödie“ – an seine Mutter, die er – längst nackt – in einer Wasserpfütze vor dem Publikum sitzend hält. Er wird auch einmal an seinem Penis von einem anderen Schauspieler über die Bühne gezogen. Auch die anderen Schauspieler – vor allem Franz Pätzold – überzeugen absolut. Die junge Truppe des Residenztheaters steigert sich! (Franz Pätzold verlässt das Residenztheater leider bald zusammen mit Martin Kušej in Richtung Burgtheater Wien.) Trotzdem: Es bleibt ein großes „Aber“!

Nach einer Viertelstunde setzten in der Premiere Buhrufe ein. Später verließen Zuschauer das Theater vorzeitig. Natürlich: So soll es sein! Theater soll kontrovers sein! Es ist ja fast ein gutes Zeichen für das Theater, wenn Zuschauer rufen und das Theater verlassen. Das macht Freude! Und gerade zu Pasolini passt ja das Kontroverse. Er, der – dann doch erfolgreiche – Schriftsteller und Intellektuelle und das von ihm immer wieder aufgesuchte (irgendwie vielleicht „ehrlichere“) Subproletariat. Pasolini war schwul und hatte sich in dieser seiner letzten Nacht wieder einmal einen Stricherjungen organisiert.

Und noch etwas, bevor ich zum „Aber“ komme: Der Abend war in sich durchaus stimmig: Gerade das in allem Extreme dieses Abends entspricht eben genau dem Leben von Pier Paolo Pasolini. Die Minuten seiner Ermordung werden auf der Bühne immer wieder wiederholt. Immer in leicht geänderter Version, verschiedenen Vermutungen zum Hergang folgend. Die einzelnen Abläufe werden dabei vorwärts und rückwärts „abgespult“. Die Schauspieler – alle männlich – agieren vorwärts und rückwärts. Eine komplett leere Bühne bis hinter zur Brandmauer – nur der graue Alfa Romeo von Pasolini steht auf der Bühne – sechs (fast immer identisch gekleidete) junge Personen – manchmal regnet es auf die Bühne herab. Mehr nicht. Später kommt eine Telefonzelle, ok. Es war jedenfalls fast therapeutisch. Als würde Italien immer noch darunter leiden, dass und wie Pasolini ermordet wurde. Und dass es nie richtig aufgeklärt werden wird.

Auch inhaltlich sehr stimmig: Pasolinis „Fixpunkt“ Dante Alighieri, der Übergang Pasolinis in Dante’s Höllenreich bis zum Paradies, aber auch das „Auftreten“ der Mutter, seine einzig „unverzichtbare Liebe“, Worte Pasolinis an seine Mutter. Die ungefragte Liebe der Mutter ist das Paradies. Alles eine Art letzter Einbildung von Pier Paolo Pasolini, am Boden liegend, vom eigenen Auto mehrfach überfahren. Trotzdem noch einmal: Es bleibt ein großes „Aber“.

Zum großen „Aber“: Meines Erachtens ist es ZU SEHR eine gelungene Inszenierung! Zu sehr! Die anfangs vielfach wiederholte Ermordung Pasolinis. Die identisch gekleideten Schauspieler. Die Nacktszenen. Die slow-motion-Sequenzen der Bewegungen der Schauspieler. Das ganze Geschehen auf der Bühne, das immer vor dem sich am Boden krümmenden Pasolini abläuft. Die Zitate aus Dante’s göttlicher Komödie. Das Erscheinen der Mutter von Pier Paolo Pasolini, die für ihn wohl die wichtigste „Figur“ in seinem Leben war. Alles eine Inszenierung.

Das ist genau der Unterschied zu Milo Rau, der bei der Realität bleibt. Bei Bellini wird die schreckliche Tat zu einer Theaterinszenierung. Wird sie damit nicht verherrlicht? Oder verhohnepipelt? Man hat eben „wieder eine schreckliche Ermordung gesehen“! Die Inszenierung ist sehr gelungen, sehr gelungen! Aber warum schaut man es sich an? Sollte man sich nicht fragen, warum man sich etwas ansieht? Bei Milo Rau ist es anders. Er lässt einen Zuschauer zurück, der sich viele Fragen stellt bei all dem grausamen Realismus. Bei Federico Bellini dagegen hatte ich am Ende keine Frage. Es blieb in einer bewegenden und eindringlichen, auch extremen Inszenierung ein fürchterliches Ereignis, das zu keinen weiteren Fragen anregte. Das ist jedenfalls das große „Aber“. So ging es mir jedenfalls. Aber sehen Sie es sich selber an!

Das Stück wird übrigens sehr kontrovers, hauptsächlich sehr kritisch gesehen. Viele negative, sehr negative Stimmen liest man auf http://www.nachtkritik.de. Am Ende des Beitrags auf http://www.nachtkritik.de (HIER) liest man Stimmen aus der Presse und von Zuschauern.

Hier noch ein Bild:

©️ Matthias Horn

HIER der Link zur Programmseite des „Stückes“ auf der Website des Residenztheaters. HIER Aussagen des Regisseurs Antonio Latella zum Stück.

©️ des Beitragsbildes oben: Matthias Horn

THEATER: Coming soon

Es werden in den kommenden Wochen – in München – in recht kurzer Zeitfolge Inszenierungen zu sehen sein, die m. E. durchaus besonders zu erwähnen sind. Warum sie erwähnt werden, wird im folgenden jeweils kurz erklärt. Wen es interessiert: Man muss einfach erkennen, was alles nach München kommt und in München gebracht wird.

  • 22. März: Federico Bellini, Die göttliche Komödie, Pasolini <> Dante, Premiere und Uraufführung am Residenztheater. Hierzu vermute ich nur, dass es sehr interessant wird: Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren in der Nähe von Rom (Ostia) anscheinend von einem 17-jährigem Strichjungen brutal ermordet. Die Inszenierung des Regisseurs Nico Latella rekonstruiert den Mord an dem Filmregisseur und Dramatiker aus verschiedenen Blickwinkeln und verknüpft die privat durchlebte Hölle des Dichters mit dem gleichnamigen Teil aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Ich glaube nicht, dass es ein gewöhnlicher Theaterabend wird. Allein die Mischung von Dantes „Göttlicher Komödie“ und dem Leben und der brutalen Ermordung von Pier Paolo Pasolini finde ich recht außergewöhnlich. HIER der Link zur Seite des Residenztheaters.
  • 28. März: Stefan Pucher, Das Leben des Vernon Subutex, Premiere an den Kammerspielen. Eine Arbeit des Ensembles der Münchner Kammerspiele. „Das Leben des Vernon Subutex“ gilt als der Gesellschaftsroman unserer Zeit, als „Die menschliche Komödie“ (Balzac) des 21. Jahrhunderts. Regisseur Stefan Pucher, der zuletzt an den Kammerspielen „América“ von T.C. Boyle und „Wartesaal“ inszeniert hat, bringt Vernon Subutex und seine Bande auf die Bühne. Mal sehen, Pucher ist manchmal fast zu zahm. “Wartesaal“ etwa, war schön, aber nicht außergewöhnlich. Trotzdem nenne ich es hier. Unbedingt schon das Ensemble der Münchner Kammerspiele ist es wert. Dreizehn Mitglieder des Ensembles werden mitwirken. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele
  • 29. März: Philipp Quesne, Farm Fatale, Premiere und Uraufführung
    an den Kammerspielen. Philipp Quesne schafft besondere Bühnenerlebnisse. Er arbeitet stark visuell. Manchmal fast ohne Text. Zum Beispiel bei „Caspar Western Friedrich“ (HIER mein damaliger Beitrag) oder der „Nacht der Maulwürfe“ (HIER ein Trailer). Zuletzt war er mit „Crash Park“ an den Kammerspielen (HIER mein damaliger Beitrag). Auch er ist also zum wiederholten Mal an den Münchner Kammerspielen. International ist er sehr bekannt. Außergewöhnliche auf jeden Fall. Siehe am besten auf der rechten Seite des Blogs – in der „Sidebar“ – den Link zu bekannten Performancegruppen und auf der dortigen Liste unter Philipp Quesne. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele.
  • 12./13. April: Thom Luz, Girl from the Fogmachine Factory, Gastspiel
    an den Kammerspielen, nur am 12. und 13. April 2019. Thom Luz ist mit diesem Stück zum diesjährigen Theatertreffen im Mai in Berlin eingeladen. Die Münchner Kammerspiele haben es geschafft, dass dieses Stück vorab noch in München gezeigt wird. Auch hier wird es weniger um Text gehen. Es wird um Nebel und Nebelmaschinen gehen. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Thom Luz war schon im vergangenen Jahr mit seiner damaligen schönen Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen. Mit „Traurige Zauberer“, HIER mein damaliger Bericht. Auch über das neue Stück findet sich etwas über den Link zu den Performancegruppen rechts oben und dort in der Liste über den Link zur Produktionsgesellschaft „Bernetta“.
  • 13./14. April: Monster Truck, Phaedra, Gastspiel an den Kammerspielen, nur am 13. und 14. April 2019. Auch Monster Truck ist eine bekannte Performancegruppe. Auch hierzu findet sich am besten der Link zu Monster Truck über den Link zu den Performancegruppen in der rechten „Sidebar“ des Blogs. HIER wieder der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Wie es wird, weiß ich nicht. Es ist aber interessant, Monster Truck als Performancegruppe zu sehen. Sie waren auch schon ein/zweimal an den Kammerspielen.
  • Seit vergangener Woche, dem 15. März, läuft von Wim Vanderkeybus und seiner Gruppe Ultima Vez, „Die Bakchen – lasst uns tanzen“, am Residenztheater. Auch dieses Stück gehört zu den derzeit sicherlich bemerkenswerten, außergewöhnlichen Stücken. So, wie all die oben genannten Stücke wahrscheinlich etwas außergewöhnlich sein werden. Ich hatte ja kürzlich über die Premiere des Stückes „Die Bakchen“ geschrieben. Es ist nicht nur Theater, sondern eine Kombination von Theater, Tanz, Malerei, Musik und ein wenig Ekstase. Unter Mitwirkung der interessanten Gruppe von Ultima Vez. Auch sie findet sich in der Liste der Performancegruppen über den Link in der rechten Sidebar des Blogs. HIER mein Beitrag zur Premiere. Und HIER auch der Link zur Seite des Residenztheaters.

Ich werde alle noch kommenden Stücke (mindestens einmal) ansehen und jeweils über Eindrücke und Überlegungen dazu schreiben.



THEATER: Peter Verhelst – „Die Bakchen – Lasst uns tanzen“ nach Euripides

Wir werden ja im Grunde permanent von irgendetwas „angegriffen“ oder besser: „herausgefordert“. Jeder von etwas anderem. Schule, Beruf, Familie, Beziehung, Kinder, Sport, alles. Auch wenn wir es nicht als Angriff erkennen, wir „verteidigen“ uns, wir wollen ja bestehen. Das ist unser Leben. Nur: Mit welcher Einstellung verteidigen wir uns? Wie gehen wir auf diese „Angriffe“ oder „Herausforderungen“ zu? Wehren wir sie ab? Verwirren sie uns? Lernen wir aus ihnen? Sind wir rechthaberisch? Wie sind die Ergebnisse?

Auch Dionysos und seine wilden Bakchen – von Dionysos verwirrte Frauen, die vor Theben wilde Feste feierten – waren in der griechischen Mythologie ein solcher „Angriff“. Ein Angriff auf den ordnungsliebenden Pentheus, den König von Theben. Eine „Herausforderung“. Pentheus ging auf den Angriff zu, dazu ließ er sich überreden. Er wollte die ausgelassenen Feiern der Dionysosanhängerinnen – der Bakchen – erleben und: Er scheiterte, wurde von der eigenen Mutter in ihrem Wahn getötet. Kein schönes, kein lehrreiches Ende, eher abschreckend, vor allem politisch gesehen. Es geht ja in „Die Bakchen“ auch um eine politische Herausforderung. Dahinter steckt jedenfalls viel altgriechische Mythologie. Hierzu gleich mehr (siehe unten)

Am Freitag, den 15. März, war Premiere und Uraufführung einer bemerkenswerten Inszenierung dieses „Konfliktes“ im Cuvilliés-Theater, dem kleineren „Ableger“ des Residenztheaters in München. Die Inszenierung war bemerkenswert wegen der Herangehensweise.

  • Nicht nur, dass der Intendant/Choreograf Wim Vanderkeybus den Text der „Bakchen“ von Euripides vom flämischen Schriftsteller Peter Verhelst überschreiben ließ. (Der Text ist nicht besonders tragend. Schöne Worte, die alles ein wenig erklären.)
  • Nicht nur, dass Wim Vanderkeybus wieder mit seiner „international contemporary dance company“ Ultima Vez arbeitet. Siehe rechts im Blog – im Sidebar – den Link zu bekannten Performancegruppen. Man findet dort auch den Link zu Ultima Vez und auf deren Website ihre Produktionen mt Videos. Der Tanz regiert also die Bühne.
  • Nicht nur, dass Wim Vanderkeybus den Street-Art Künstler Vincent Glowinski während des Stückes auf der Bühne arbeiten lässt. Ein seltener Eindruck, der eine sich ständig weiterentwickelnde Umgebung schafft. Ich glaube, Vanderkeybus arbeitete erstmals auf der Bühne so mit dem Street-Art-Künstler Glowinski, einem Freund von ihm, zusammen. Malerei regiert die Bühne. Schon wie er sich zu Beginn kopfüber an den Füßen angebunden aus 10 Meter Höhe an der Leinwand herablässt. Und immer im Hintergrund malend über die Bühne und das Geschehen huscht.
  • Nicht nur, dass die Inszenierung von Livemusik begleitet wird.

Nein, alles zusammen war es, was es ausmachte. Gerade die Kombination. Und sie bringt ein sehr eigenes Bild auf die Bühne. Man sieht nichts „Normales“. Aber genau das ist es ja, das Orgiastische der Bakchen, das Grenzenlose.

Der Abend wird außerdem insgesamt vor allem getragen von Gegensätzen: Von Gegensätzen und der Auflösung von Grenzen.

  • Inhaltlich ohnehin. Der ordnungsliebende Thebaner Pentheus, der die Auflösung der Grenzen beobachtet, gegen die wilden Dionysosanhängerinnen – siehe mehr dazu weiter unten.
  • Auch räumlich: Allein die Tatsache, dass dieses ungewohnte Stück in der barocken – ansich völlig unpassenden – Schmuckschatulle des Cuvilliés-Theaters gebracht wird, erzeugt einen riesigen Gegensatz zwischen „gediegenem Theater“ und „dem Wahn verfallen, orgiastisch“. Zwischen Cuvilliés-Theater und der Gruppe Ultima Vez.
  • Auch die Bühne: Anfangs ist sie klar und sauber, nur ein paar schräg gestellte weiße Podeste zeigen nüchtern eine Hügellandschaft. Im Hintergrund eine 10 Meter hohe Leinwand. Am Ende ist die Bühne kaum wiederzuerkennen: Wild bemalt, zerrissene Tapeten überall – so, wie die Leinwand auf der Rückseite der Bühne, bemalte „SchauspielerInnen“.
  • Auch die Schauspieler: Anfangs sind sie noch geordnet, am Ende wild und – wie gesagt – ebenfalls bemalt. Siehe das Beitragsbild.
  • Auch ein Gegensatz: Alles auf der Bühne ist entweder weiß oder schwarz. Auch die SchauspielerInnen sind weiß oder schwarz gekleidet. Und Vincent Glowinski malt (hauptsächlich) mit schwarzer Farbe auf weißem Hintergrund.
©️ Wim Vandekeybus

Mythologisch geht es ja zumindest auch um Gegensätze: Das Gesamtgeschehen ist bei „Die Bakchen“ weitgehend verkürzt. Es gibt mehrere Mythen um Dionysos. In den „Bakchen“ von Euripides geht es nur darum, dass Dionysos nach Theben zurückkehrt und als Gott anerkannt werden will. Das ist der „Angriff“ gegen Pentheus, den König von Theben. Die „Herausforderung“. Die Zerstörung der Ordnung.

Insgesamt sieht es grob etwa so aus: Zeus hatte eine irdische Geliebte, Semele. Sie ist schwanger von ihm. Semele ist die Frau des Königs von Theben, Kadmos. Kadmos der Vater von Pentheus. Semele ist mit Dionysos schwanger. Hera, die Frau von Zeus, ist eifersüchtig. Sie sorgt dafür, dass Semele Zeus erblicken will. Wer Zeus erblickt, stirbt. So geschieht es auch mit Semele. Zeus holt aber seinen Sohn Dionysos noch aus dem Bauch von Semele und näht ihn sich in den Oberschenkel ein. Klar, in den Oberschenkel. Die „Schenkelgeburt“, die „zweite Geburt“ von Dionysos, ist dann zwei Monate später. Dionysos ist der einzige unsterbliche Gott mit einer sterblichen Mutter. Dionysos zieht also nach Theben, um als Gott anerkannt zu werden. Man verweigert ihm dort die Anerkennung als Gott. Er verwirrt die Frauen. So entsteht sein Kult. Alle Frauen von Theben folgen seinen orgiastischen Lustbarkeiten. Pentheus dagegen möchte in Theben Ordnung bewahren. Er ist ratlos angesichts des Wahnes der Frauen. Er schaut es sich an, wird von seiner Mutter im Wahn nicht erkannt … und so weiter.

Also: Was tun gegen den Wahn der Frauen, gegen Dionysos, das war Pentheus‘ Überlegung. Was tun gegen einen solchen Wahn überhaupt? Oder allgemein: Was tun gegen den Glauben vieler Menschen an bestimmte Kräfte, die die bestehende Ordnung zerstören, jedenfalls mißachten wollen. Ein irgendwie ja immer aktuelles Thema. Allerdings mit keinem guten Ausgang für denjenigen, der die Ordnung bewahren wollte, den ratlosen Pentheus, der zuerst noch herkömmlich zu den Waffen greifen wollte. Tja, sein Vorgehen hat ihn dann selbst zerstört. Aber auch kein guter Ausgang für die Mutter in der Gruppe der wahnsinnigen Frauen. Kein gutes Ende. Insoweit fällt es schwer, diesen durch alles zusammen in seiner Exzessivität schön besonderen Abend mit einer positiven Anregung zu verlassen.

Die Gesamtheit der Inszenierung ist jedenfalls auffallend ungewöhnlich, mit schönen Passagen. Man kann sich der Kombination von wildem Tanz, Musik, Malerei und Ekstase hingeben. … Allein wie sie sich tanzend immer wieder im Kreise drehen oder schwingen lassen … Hier noch zwei Aufnahmen:

©️ Danny Willems

©️ Danny Willems

HIER der Link zur Seite der Inszenierung auf der Website des Residenztheaters.
 
©️ des Beitragsbildes ganz oben: Danny Willems

THEATER: Hugo von Hofmannsthal – Elektra

Es gibt „Theateraufführungen“, bei denen man im Grunde vor der Frage steht: Was sieht man sich da an? „Theater“? Nun, Definitionen sind natürlich schnell künstliche Schranken, die versuchen, Phänomene zu erfassen und einzuordnen, die sich aber doch weiterentwickeln.

Definieren sollte man daher auch den Begriff „Theater“ nicht unbedingt, vieles entwickelt sich auch in der Theaterwelt weiter. Definitionen schaffen nur Schubladen. Eine dieser älteren Schubladen war natürlich das „Sprechtheater“. Aber dahingehend hat sich das Theater ja schon sehr weit geöffnet. Was auch schön ist! Aber trotzdem: Manchmal kann man sich fragen: Was ist das, was man sieht? Schauspiel? Performance? Wieder etwas anderes? Ich meine, man geht ja „ins Theater“.

Zwei derartige „Stücke“, die zu solchen Überlegungen Anlass gaben, konnte ich in den letzten Tagen sehen: „Oratorium“ von SheShePop in Augsburg und „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal in München. Über „Oratorium“ schreibe ich gesondert. Hier geht es um „Elektra“.

„Elektra“ läuft seit kurzem am Münchner Residenztheater. Eine Inszenierung von Ulrich Rasche. Wer „Ulrich Rasche“ hört, weiß zumindest seit seiner Inszenierung von „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am Münchner Residenztheater Bescheid. Außerdem „Woyzeck“ von Georg Büchner. Beide Inszenierungen waren in den vergangenen Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Dieses Jahr ist von ihm „Das große Heft“ nach dem Roman von Agota Kristof eingeladen. HIER einen Trailer über „Das große Heft“.

Was Ulrich Rasche macht, sind gigantische Literaturshows! Es ist eben nicht „Theater“, sage ich mal. Es sind auch nicht „Performances“, das große Pendant heutzutage. Wobei das Wort „Literaturshow“ zu banal ist. „Literatur – Opus“ wäre der bessere Begriff für seine Art der Inszenierung. Oder besser: „Zelebrierung klassischer Literatur“.

Genau: Wahrhaft Zelebrierung klassischer Literatur. Auch „Elektra“ ist wieder eine solche Zelebrierung. Ein höchst aufwändiges Herauszerren eines klassischen Literaturtextes aus dem Schatten. Die klassischen Literaturvorlagen, denen sich Ulrich Rasche annimmt, werden auf gigantisch aufwendige („Das große Heft“ ist nicht so aufwendig – Dresden hat sicher nicht die Mittel, das Münchner Residenztheater ist da besonders -, aber nach demselben Modell gebaut), sehr beeindruckende, eindringliche und gleichzeitig geradezu bedrängende Art und Weise dargebracht. Immer begleitet von lauter und leiser Livemusik mit Pauken und Violinen. Wobei auch „Musik“ kann man es kaum nennen. Es ist eine akustische, immer wieder auch bis ins Bedrängende gehende Begleitung und Untermalung des Werkes. Sie führt das ganze noch einmal ins Extreme. Monotonie, Präzision, Perfektion, Lautstärke, Kraft, Akustik, Text, stundenlange Fußmärsche der Akteure. Nur das ist Ulrich Rasche.

Manche sagen zu seinen Inszenierungen „Mensch-Maschinen-Theater“. Den Grund dafür sieht man etwa im obigen Beitragsbild. Oder hier in diesen weiteren Bildern:

©️ Thomas Aurin
©️ Thomas Aurin

Ich finde aber nicht, dass der Begriff „Mensch-Maschinen-Theater“ passt. Es geht nicht um Schauspiel. Es wäre ja bei Ulrich Rasche seit Jahren dasselbe Schauspiel! Es geht um die Rezitation einer klassischen Vorlage. Mehr nicht. Fast wortgetreue bringt Rasche die Texte. Das Wort zählt, nur das Wort. Und nur das Wort muss man hier auch wirklich ernst nehmen! Entsprechend langsam und deutlich und laut sprechen auch die auf der Stahlkonstruktion gehenden „Akteure“. Die Nebeneffekte der gigantischen Textzelebrierung: Bei „Elektra“ gehen alle SchauspielerInnen auf einer sich drehenden Scheibe. Gegenläufig dreht sich ein dünnes Lichtband. Auch übrigens bei „Das große Heft“ geht man auf einer sich drehenden Scheibe , siehe im Trailer. Bei „Die Räuber“ waren es breite, riesige Laufbänder. Bei „Woyzeck“ wieder eine Scheibe.

Angegurtet, immer dunkel (schwarz – manche nur beige) gekleidet, immer die dunkle Bühne, manchmal hochästhetische Lichteffekte, immer die „Musik“. Ein bisschen Nebel. Die Scheibe, die Laufbänder bewegen sich. Drehen sich, kippen. Bei „Elektra“ auch: Die Scheibe (siehe oben) hebt, senkt und verschiebt sich. Hinzukommt diesmal: Der riesige Stahldeckel der Konstruktion, der sich auch bewegt und verschiebt. Ein riesiges Stahlkonstrukt.

Dieser Zelebrierung des Textes kann man meines Erachtens nur folgen – oder sich der Bedrängung durch die Eindrücke widersetzen, wenn man sich mit den Vorlagen, die gebracht werden, auseinandergesetzt hat. So auch bei „Elektra“. Ich hatte während der Vorstellung von Elektra dazu eine Herangehensweise, die ich gleich schildern werde, weiter unten.

Worum geht es nochmal in der klassischen Version von „Elektra“: Die Familientragödie. Der Vater Agamemnon opfert für guten Wind auf seiner Reise nach Troja die Tochter Iphigenie. Die Mutter Klytämnestra nimmt es ihm übel. Agamemnon kommt nach Jahren des Krieges nach Hause. Er wird von Klytämnestra und ihrem Freund Aigistos getötet. Dass Aigisthos dadurch König wird, ist natürlich auch ein schöner Effekt. Elektra wiederum, die Tochter von Agamemnon und Klytämnestra, möchte den Tod ihres Vaters rächen. Sie kann es nicht, versucht, ihre Schwester Chrysotemis zu überreden. Sie tut es auch nicht. Dann kommt ihr totgeglaubter Bruder Orest. Er tut es. Er tötet die Mutter. In der griechischen Urfassung von Elektra geht es Elektra dann gut. In der Fassung von Hugo von Hofmannsthal zerbricht Elektra daran.

Meine Sicht der Dinge an dem Abend war eine andere. Ich habe mir vorgestellt: „Es gab gar keinen Tod. Das mit den Toten war immer nur eine übertriebene Art der Darstellung einer ganz anderen Situation. Alles übertrieben.“

Es gab nur einen kleinen Familienstreit. Er dauerte vielleicht nur 10 Minuten. Und daraus hätten die Griechen – Euripides, Sophokles etc. – dann eben die Tragödie „Elektra“ gemacht. Ein durchaus heftiger Streit war es vielleicht, die Familie sollte eben, würde man heute sagen, einmal eine Therapie besuchen. Ich hatte diesen Gedanken, da Hugo von Hofmannsthal ohnehin eine psychologisierende Herangehensweise hatte.

Und so sah ich es im Einzelenen: Elektra, Orest und Chrysothemis sind nur Teile einer einzigen Person. Auch das war bei mir angeregt durch das wieder sehr interessante Programmheft des Abends. Die gigantische Stahlkonstruktion ist dann der Kopf von Elektra. Alles schmilzt zusammen. Es spielt sich nur kurz in Elektras Kopf ab: Eine Familiensituation war es: Elektra hatte sich – vielleicht schon vor längerer Zeit – mit ihrem Vater gestritten. Der Vater hatte sie irgendwie verletzt, weil er irgendetwas anderes für wichtiger hielt (also Iphigenie, einen Teil von Elektra, „opferte“). Das aber nur nebenbei.

Die Mutter Klytämnestra hat dann – einige Zeit später – einen Freund. Die Mutter wirft es dem Vater auch vor, dass er mit Elektra nicht gut umging, sie verletzte. Der Vater war wegen irgendetwas (der Wind) der Tochter gegenüber egoistisch. Die Ehe scheiterte eben. Wie so oft. Warum auch immer, es wäre die Aufgabe einer Therapie, bei der vielleicht herauskäme, warum sich die Mutter so über den Vater ärgerte. Weil sie sich über ihn ärgerte, hat sie einen Freund. Elektra möchte dann, war meine Vorstellung, der Mutter jedenfalls Vorwürfe machen. Da wurde früher eben geschrieben: Sie möchte die Mutter töten! Weil die Mutter diesen Freund hat (Aigistos). Und das sind die 10 Minuten, um die es nur geht. Elektra schafft es nicht, der Mutter einen schweren Vorwurf zu machen. Sie will mehr, als nur einen kleinen Streit anzetteln. Elektra ist belastet. Sie sagt ja auch: Warum liegt alles so schwer auf mir? Warum zerstört es mich? Psychologie pur.

Elektra redet in meinem ner Vorstellung mit sich selbst (mit Chrysothemis). Sie wartet auf die Kraft in sich (auf „den Bruder Orest“ als Teil von Elektra), ihrer Mutter diesen schweren Vorwurf machen zu können. Und etwa aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, nach heutigem Muster. Sie bekommt dann die Kraft (Orest taucht ja auf), sie macht der Mutter den Vorwurf (Orest „tötet“ ja die Mutter) und im Anschluss daran geht es Elektra gut beziehungsweise schlecht. Im klassischen Text heiratet Elektra später den Pylades. Der ganz „normale“ Fall für eine Familientherapie eben.

Und so wurde der gigantischer Abend in meiner Vorstellung auf ein ganz normales Maß heruntergedampft. Das tat gut. Aber eins ist klar: Dieser Abend ist besonders, er ist absolut zu empfehlen, wenn man sich mit dem Text auseinandersetzt. Nicht einfach ein Schauspiel erwarten!

HIER geht’s zur Programmseite des Residenztheaters zu „Elektra“. HIER ein Filmchen über den Aufbau der Bühne bei „Elektra“.

©️ auch des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER: Wojtek Ziemilski – The Polaks explain the future

Ja klar, man will ja mal die Zukunft erklären. Das scheint ja nicht schwer zu sein, wenn man den Titel dieser Inszenierung liest. „Die Polaks erklären die Zukunft!!“ Wobei damit nicht die Polen insgesamt gemeint sind, sondern das Geschwisterpaar Jasmina und Piotr Polak. Sie traten auf im Rahmen des kurzen Festivals „Warsawa – Munich“, das in den vergangenen Tagen an den Münchner Kammerspielen stattfand.

Ich will ja im Blog über Dinge schreiben, die andere noch sehen können. Heute aber schreibe ich einmal – kurz – über Dinge, die in München nicht mehr laufen. Es war eben ein kurzes Festival.

Einen Blick über den Tellerrand gab es – polnische Theater- oder Performanceveranstaltungen. Den nötigen Blick über den Tellerrand hat ja auch Angela Merkel gerade auf der Münchner Sicherheitskonferenz angesprochen. Es interessierte mich also, zu sehen, ob man schon in Polen – wenige 100 km von uns entfernt – ganz anders denkt. Vom 14. – 17. Februar zeigten die Münchner Kammerspiele Inszenierungen der jüngeren polnischen Regiegeneration, die neue Wege zu finden versucht. Etwa „Fantasia“, eine Arbeit von Anna Karasinska:

©️ Hueckel Studio

HIER der Link zur Seite der Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Theaters. Irgendwie harmlos, aber interessant gemacht. Die sechs Schauspieler auf der Bühne wurden live immer wieder aufgefordert, sich kurzzeitig in eine bestimmte Rolle zu begeben. Kurz wurde Ihnen über Mikrofon zugerufen, in welche Person sie sich versetzen sollten, und sie haben dann irgendwie eine Haltung dazu eingenommen. Meistens haben sie nichts gespielt, sondern sind geblieben, wie sie sind. Etwa eine Aufforderung wie: „Spiele eine Person, die nicht auf der Bühne stehen möchte“ (so ähnlich). Meist folgte nur eine minimale Änderung ihres Minenspiels – wenn überhaupt. Es lag an der Vorstellungskraft der Zuschauer, die die Anweisungen gehört hatten.

Oder „Cezary Goes to War“ von Cezary Tomaszewski:

©️ Patrycja Mic

HIER auch der Link zur Inszenierung. Eine Auseinandersetzung mit dem Militärischen in Polen, aber auch – ich habe es nicht ganz verstanden – mit dem Kapitalismus. Anscheinend wurden Parallelen gesucht.

Und eben „The Polaks Explain The Future“ von Wojtek Ziemlski.

©️ Maurycy Stankiewicz

Das wiederum fand ich am interessantesten: Es war ein Dialog der Polak-Geschwister mit ihrer Mutter. Die Mutter sagt etwa in ihrer negativen Einstellung, was die Zukunft betrifft:

You know, I really can’t see anything good in the future

Die Geschwister verteidigen erst die Gegenwart – in der Hoffnung auf Besserung und mit verrückten Aussichten auf Möglichkeiten, die sich uns Menschen in der Zukunft auftun werden. Und mit der Vision, dass sich die Menschen gut verstehen werden. Dann wiederum verstehen sie aber doch die negative Sicht ihrer Mutter! Und am Ende sagen Sie:

​…  when you’re not afraid you can finally think of what to do next.

Da ist sicher etwas dran: Was hilft’s! Man muss wohl positiv denken, um die Dinge irgendwie voran zu bekommen. Angst hilft nicht weiter. Nicht den Kopf in den Sand stecken. Aber andererseits: Man muss die Dinge eben auch anpacken! Aber das war nicht das Thema der Inszenierung. Aber ich fand es schon interessant, dass offenbar junge Menschen in Polen im Grnde nicht anders denken dürften, als junge Menschen in Deutschland etwa.

HIER der Link zu den Seiten der Kammerspiele zur Inszenierung.

Insgesamt waren es auffallend schlicht gehaltene Inszenierungen. Man müsste ein solches Festival mit Produktionen aus ganz Europa bringen! So etwas wie ein Theatertreffen für Europa! Übersetzungsmöglichkeiten – auch simultan – wird es heute ja geben. Das Theatertreffen in Berlin etwa immer nur auf Deutschland und deutschsprachige Bühnen zu beziehen, ist ja demgegenüber geradezu nationalistisch. Und genau das muss ja nicht sein. Wo ist der europäische Kulturaustausch?

©️ des Beitragsbildes: Maurycy Stankiewicz

THEATER: Herbert Achternbusch – Susn

Niederbayern. Das flache, weite Land – das einfache Leben – Bauernfamilien – kein Schickimicki – die Kirche – jeder kennt jeden – nichts verändert sich … Ein Klischee in den Augen eines Städters? Nun, ich denke, früher war es noch deutlicher so, wahrscheinlich aber ist es immer noch so. Sicher ist es auch in anderen Gegenden Deutschlands so. Und wie kommt man da raus, wenn man da rauskommen will? Heutzutage wird es einfacher sein, dort rauszukommen. Man ist mobil in seinem Leben.

Man kommt heute generell viel schneller aus seinem ganzen Leben heraus! Aus seinem ganzen Leben. Andererseits klebt man eben doch immer an irgendetwas fest. Etwa symbolisch – wie Susn – an Niederbayern und damit doch an einem der Ursprünge der ganzen Entwicklung ihres Lebens.

Darum geht es ja. Herbert Achternbusch hat das Theaterstück „Susn“ schon 1980 geschrieben, vor fast vierzig Jahren! Das Stück wird jetzt schon seit mehreren Jahren in unregelmäßigen Abständen an den Münchner Kammerspielen in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier gezeigt.

Herbert Achternbusch war damals 42 Jahre alt. 1980, das war natürlich noch eine andere Zeit. Es geht um das niederbayerische Mädchen „Susn“, Susanne. Es geht also eigentlich darum, wie Susn aus ihrem Leben (nicht) heraus kommt, nicht etwa nur darum, wie sie „örtlich“ aus Niederbayern herauskommt. Sie strengt sich an – will aus der Kirche austreten – studiert (vielleicht in München) – stellt in Studienzeiten alles mögliche infrage – verzweifelt dann mehr und mehr an ihrem faden Eheleben angesichts ihres Ehemannes, der sich nicht um sie schert – und stirbt schließlich. Sie bleibt immer die Niederbayerin, die rückblickend mit ihrem Leben nicht unbedingt glücklich sein konnte. Und am Anfang und am Ende spielen die Kirche und der Glaube eine gewisse Rolle. Immer wieder die Kirche. Auch das hat sich vielleicht bis heute etwas verändert. Am Anfang in der Beichte, wo sie dem Pfarrer wirre Jugenderfahrungen erzählt, und am Ende, wenn sie sagt, ihr höre eigentlich nur der Herrgott zu, wer denn sonst? Andererseits nimmt sie die Kirche am Ende irgendwie nicht mehr so ernst, so klingt es jedenfalls.

Es ist ein grandioser Abend für Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper mit fast so etwas wie Kultstatus. Nicht inhaltlich, aber irgendwie bezüglich der ganzen Darbietung. Edmund Telgenkemper verfolgt zwar fast durchgehend wortlos (als Pfarrer und später als der Lebensgefährte von Susn), wie Brigitte Hobmeier mehr oder weniger Monologe hält. Aber es sind beide, die die Stimmung des Abends erzeugen. Neben der großflächigen, meterbreiten schwarz-weißen, stummen Videoaufnahme an der Rückseite der Bühne, wo man ganz langsame Sequenzen aus Niederbayern betrachten kann – eine Straße, ein Bauernhof. Und neben dem leichten Leberkäsgeruch im Theater – da Brigitte Hobmeier vor Beginn des Stückes warmen Leberkäs an das Publikum verteilt. Und neben dem einfachen Setting insgesamt. Susn trägt – wie in Achternbuschs Text – weiße Kniestrümpfe und einen weißen kurzen Rock, auch das schon.

Und beide, Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper, legen im Grunde immer wieder ihre Hilflosigkeit an den Tag. Brigitte Hobmeier zeigt als Susn diese Hilflosigkeit vor ihrem gesamten Leben. Edmund Telgenkemper zeigt sie irgendwie als zuhörender Pfarrer, der die Beichte der jungen Susn entgegennimmt, und später als der Ehemann von Susn, der hilflos nur noch seine eigene Schreiberei kennt.

Grandios ist, wie Brigitte Hobmeier Susn spielt. Sie spielt Susn schließlich in vier extrem unterschiedlichen Lebensabschnitten. Als 17-Jährige, als Studentin, als Ehefrau, als alte Frau. Es ist erstaunlich, wie gut sich Brigitte Hobmeier in diese vier verschiedenen Altersphasen hineinversetzt. Das ist der Genuss, den man aus diesem Abend ziehen kann. Besonders vielleicht auch deswegen, weil das Stück an der kleinste der drei Bühnen der Münchner Kammerspiele, der Kammer 3, gebracht wird. Man ist dem Stück damit einfach viel näher. Und weil die Bühne so kahl ist. Ein Tisch für Edmund Telgenkemper und ein Schminktisch für Brigitte Hobmeier. Das war’s dann fast. Es hat fast Werkstattcharakter.

Ansonsten merkt man: Diese Verwurzelung mit Niederbayern ist besonders, und sie war in den achtziger Jahren vielleicht noch deutlicher, als heute. Wahrscheinlich auch für Herbert Achternbusch. Und im Grunde zeigt sich darüber hinaus: Die Verwurzelung mit dem eigenen Leben ist eben immer immens. Niederbayern und das Leben. Aber es muss ja Gottseidank nicht immer so trist enden, wie an diesem Abend.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

Vielen Dank dem Theater Verlag/Suhrkamp für den Text des Theaterstücks „Susn“ von Herbert Achternbusch!