THEATER: Simon Stone – Unsere Zeit

Es war ein intensives Theaterwochenende: (JETZT WEITERLESEN!) Am Samstag fast vier Stunden „Effingers“ in den Münchner Kammerspielen und am Sonntag fast sechs Stunden „Unsere Zeit“ im Münchner Residenztheater. Gemeinsamkeiten? Zunächst einmal: Zwei bekannte Regisseure – Jan Bosse (Münchner Kammerspiele) und Simon Stone (Münchner Residenztheater).

Weiter: Beide Stücke sind eine Art „Gesellschaftstableau“, jeweils für eine völlig eigene Zeitspanne und mit völlig unterschiedlichen Herangehensweisen. Weiter: Beide Theater zeigen endlich wieder einmal einen recht großen Teil ihrer Ensembles: Insgesamt 28 Schauspieler und Schauspielerinnen!

Vollkommen unterschiedlich dagegen waren beide Inszenierungen ansonsten, sehr interessant! Zu einem ersten Vergleich vorab: (In diesem Artikel gehe ich ansonsten auf „Unsere Zeit“ vom Münchner Residenztheater näher ein).

Effingers“: Das Stück in den Münchner Kammerspielen schildert die Zeit in Deutschland zwischen 1883 und 1914 – vor dem ersten Weltkrieg. Basierend auf dem sehr umfangreichen Familienroman „Effingers“ von Gabriele Tergit (1894-1982). Das Buch ist eher dokumentarisch – ein historisches Familientableau, drei Generationen. Fazit: Die Inszenierung war mir dadurch zu dokumentarisch und historisch.

Unsere Zeit“: Das Stück am Münchner Residenztheater schildert dagegen (in seiner Art) die heutige Zeit in Deutschland zwischen 2015 und 2021. Nicht basierend auf einem Roman, sondern auf einer Entwicklung von Simon Stone, der mit dieser Inszenierung Menschen an einer Tankstelle zeigt, die er mit dem Gesamtwerk von Ödon von Horvath, mit Textstellen und Gedanken daraus verbindet. Mein Fazit hier: Schauspielerisch durch die Bank wirklich großartig und insgesamt packend!

Weiteres zu „Unsere Zeit“: (Die nächsten Termine sind übrigens schon heute und in den nächsten Tagen!) Die Inszenierung ist eingeteilt in drei Teile. Im dritten Teil, der nicht mehr stringent an ein bestimmtes Jahr oder an bestimmte Jahre der gezeigten Zeitspanne gebunden ist, löst sich alles auf! Eine Tankstelle, wohl in einem kleinen bayerischen Ort, vielleicht an der Autobahn. Dort treffen sich immer wieder Menschen, die sich gegenseitig zum Teil kennen oder sogar verwandt miteinander sind. Wie schon bei Ödon von Horvath: Jeder Mensch hat seine Probleme, seine Vergangenheit, seine Wünsche, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen. Aus teilweise ganz normalen Gesprächen dieser Menschen kann man diese Elemente heraushören. Bestimmte Dinge entwickeln sich auch, aber man weiß längst nicht alles.

Ich erinnere mich übrigens an den für mich besten Film, den ich jemals im Fernsehen gesehen habe: Eine zum Teil preisgekrönte Verfilmung von Ödon von Horvath’s „Kasimir und Karoline“. HIER ein Trailer dazu!

Und ich erinnere mich daran, dass mein Vater einen guten Freund hatte, Traugott Kirschke, der nach jahrelangen Recherchen ein Buch über den damals etwas vergessenen Ödon von Horvath geschrieben hatte. Ich glaube mich zu erinnern, dass für Traugott Krischke dieses Buch viele viele Jahre lang das große Hauptthema war! Ödon von Horvath starb ja schon im Alter von 38 Jahren in Paris durch einen im Sturm herabgefallenen Ast.

Zurück zu „Unserer Zeit“: In den ersten beiden Teilen der Inszenierung – in den ersten etwa vier Stunden – kommt man Stück für Stück den verschiedenen Personen des Stückes näher. Meist durch einfache schnelle Begegnungen des Alltags. Wie im richtigen Leben: Man ahnt nur, dass jeder seine Geschichte hat, seine Motive, seine Wünsche, seine Ängste, seinen Charakter. Jeder spricht ja im Grunde nur Fetzen von all dem, was er meint. Stück für Stück öffnen sich aber so durch kurze Äußerungen, durch schnelle Unterhaltungen (auch einmal durch etwas längere Unterhaltungen) Türspalte zu diesen Personen. Erstaunlicherweise werden einem die Menschen genau dadurch etwas „verständlicher“. Simon Stone greift – wie schon Ödon von Horvath es gerne tat – das allgemeine Leben auf, hier das Leben an einer Tankstelle, und trifft damit auf Menschen und ihre Charaktere! So leben wir. Wir können ja gar nicht anders leben. Kurze Begegnungen. Und doch entwickeln sich wichtige Dinge. Es wird ja auch nicht nur banales Zeug geredet. Jeder äußert irgendwie immer wieder verschiedene wichtige Dinge. Gesellschaftlich oder persönlich.

Andererseits: Es sind insgesamt sehr viele Unterhaltungen zwischen all den Personen. Natürlich ist es daher nicht leicht, allen Details zu folgen. Man ist als Zuschauer allerdings manchmal sehr aufnahmefähig, fand ich, weil man genau diese Art von Unterhaltung kennt, gewohnt ist. Das Anreißen von Themen. Die Unterhaltungen treffen immer wieder Punkte, die persönlich oder gesellschaftlich in unserem modernen Leben einfach Thema sind. Flüchtlingskrise, Kapitalismus, MeToo, Corona, Soziales, München, vieles wird angesprochen. Als Zuschauer hat man es eine Zeit lang trotzdem irgendwie leicht, vielleicht haben wir uns alle durch Gewöhnung eine Technik angeeignet, derartigen Unterhaltungen gut folgen und sie interpretieren zu können.

Der dritte Teil der Inszenierung ist dann die eigentliche Offenlegung der aktuellen Situationen der Beteiligten, ihrer aktuellen „Prägungen“. Alle stecken irgendwie in Problemen, hatten teils fürchterliche Erlebnisse in ihrer Vergangenheit. Tragen jetzt die Erinnerungen daran mit herum. Meist handelt es sich um ihre „Prägung“ durch etwas aus ihrer Vergangenheit, manchmal auch um Prägung durch die gegenwärtige Situation oder durch Wünsche/Ängste etc. für die Zukunft. „Offenlegung“ der Art, wie man sie im Alltag nicht erfährt, auch in den ersten beiden Teilen der Inszenierung im Detail zum Großteil nicht erfahren hatte. Diese Prägungen und Gefühle werden im dritten Teil jeweils durch längere Monologe und Dialoge offengelegt. Es sind teilweise ergreifende Monologe und Dialoge. Etwa die Fluchtschilderungen von Hawal, dem in der Tankstelle arbeitenden Flüchtling. Seine Schuldgefühle. Auch andere Schilderungen! Ergreifend, weil man meinte, diesen Personen ansatzweise schon näher gekommen zu sein.

Verbunden wird diese Offenlegung zudem im dritten Teil noch mit einer Rückschau auf schreckliche Ereignisse an der Tankstelle. Eine wiederum sehr brutale „Lösung“, ein Amoklauf einer der Personen, die zuvor an der Tankstelle zu sehen waren. Das war an sich fast nicht nötig für diese Inszenierung, fand ich! Brutal und erschütternd, verstörend, weil es ein wenig zu sehr aus dem „Nichts“ kam. Im dritten Teil der Inszenierung kommen also geballt teils sehr schwere Schicksale der Beteiligten auf einen zu.

Jedenfalls ist es eine schauspielerisch von jeder Person wirklich hervorragende Inszenierung! Ähnlich hatten ja einige der Schauspieler und Schauspielerinnen schon in der letzten großartigen Inszenierung von Simon Stone, in „Drei Schwestern“, überzeugt. Auch dort wählte Simon Stone ja den Ansatz: Alltagsgespräche, Alltagssituationen! Aber auch inhaltlich gefiel mir die Inszenierung „Unsere Zeit“.

Fazit: „Alltag“ (die ersten zwei Teile der Inszenierung „Unsere Zeit“) bietet uns leider kaum die Möglichkeit, Schicksale und Sehnsüchte etc. der Person, auf die wir so treffen, wirklich genau zu erkennen. Wann „kennt“ man schon eine Person, mit der man kommuniziert?

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

THEATER: Ödon von Horvath – Glaube Liebe Hoffnung

Ich würde ja gerne wissen, ob sich Ödon von Horvath über diese Inszenierung seines Stückes „Glaube Liebe Hoffnung“ am Münchner Volkstheater wirklich gefreut hätte. Obwohl das Stück inhaltlich „erzählt“ wurde, wurde meines Erachtens von der Stimmung, die Ödon von Horvath vor Augen haben mochte, vielleicht ja irgendwie zu wenig erwischt.

Vielleicht wird es zu sehr heruntergespielt, nach dem Motto: „Wir müssen etwas bieten!“ Es fehlten ruhige Momente meines Erachtens. Es hätte einfach weniger sein können. Weniger ist oft mehr. Das große Manko unserer Zeit.

Die Geschichte – basierend angeblich auf einer wahren Begebenheit – von „Glaube Liebe Hoffnung“:

Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit der 30er Jahre. Die junge Elisabeth kämpft um ihre Existenz. Als Vertreterin für Damenwäsche versucht sie sich durchzuschlagen, benötigt dafür einen Wandergewerbeschein für 150 Mark. Entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, bietet sie dem Anatomischen Institut ihre Leiche zum Verkauf an. Erfolglos, denn Leichen gibt es zu Hauf in diesen schwierigen Zeiten. Der Präparator leiht ihr 150 Mark, nicht wissend, dass Elisabeth damit ein Bußgeld begleichen muss, weil sie ihr Gewerbe ohne Lizenz ausgeübt hat. Als die Wahrheit ans Licht kommt, wird Elisabeth zu einer Haftstrafe verurteilt. Sie ist dann arbeitslos und vorbestraft. Ohne Arbeitserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit kein eigenes Einkommen, ohne Einkommen keine Chance auf ein rechtschaffenes Leben. Selbst die Liebe zu dem Polizisten Alfons scheitert an Elisabeths Vergangenheit. Am Ende verliert Elisabeth ihren Glauben, ihre Liebe und die Hoffnung in einer Gesellschaft, sie begeht einen Selbstmordversuch. Die Gesellschaft, die den Einzelnen lieber zugrunde gehen sieht, als die Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit in Frage zu stellen

In gewisser Weise war mir die Inszenierung zu erwartungsgerecht: Das Bühnenbild etwa war so, wie man sich an der Schauspielschule ein Bühnenbild wahrscheinlich vorstellt: Links und rechts dünne Wände mit mehreren Türöffnungen nebeneinander – nach hinten erhöht sich die Bühne stark – um einen optischen Effekt zu erzielen, werden die Türen nach hinten immer kleiner – auf der Bühne stehen ein paar Tische, mehr nicht – Trennwände werden manchmal hoch oder runter gefahren. Die Schauspieler wirken oftmals viel zu groß für die klein wirkende Bühne. Nun gut, der Regisseur und Intendant Christian Stückl wird sich etwas dabei gedacht haben. Es sollte sicher extra so sein. Aber heraus kam dann eben etwas eher langweiliges, finde ich. Ich glaube allein schon: Eine so stark angeschrägte Bühne ist einfach out! Das hat man bis vor zehn Jahren ständig gebracht. Schade! Schlichtweg ebenerdig, also waagerecht, wäre doch schön gewesen!

Auch die Kostümierung war meines Erachtens zu einfallslos. Eigentlich trugen alle Schauspieler schwarz-weiß. Das wiederum erinnerte eher an Franz Kafka, aber nicht Ödon von Horvath. Alle Schauspieler trugen noch dazu durchgehend schwarze Zylinder oder andere schwarze Hüte. Meines Erachtens viel zu ideenlos von Stefan Hageneier, der verantwortlich war für Bühne und Kostüme.

Schauspielerisch konnte meines Erachtens nur Nina Steils überzeugen. HIER ihre Seiten auf der Website des Volkstheaters. Sie wird in der Tat auch für ihre Leistungen an der Volksbühne, auch in „Glaube, Liebe, Hoffnung“, in der Presse gelobt. Erst seit dieser Spielzeit ist sie am Volkstheater. Sie spielt in Glaube Liebe Hoffnung so, als würde sie sich wirklich etwas zurückziehen und das ein oder andere Mal zurecht fast über die übertriebene und hektische Spielart um sie herum wundern. Sie ist die einzige, die ruhige Momente in diesem Stück hat. Und genau die sind gut! Besonders der Präparator – Schauspieler Oleg Tikhomirov – spielt dagegen durchgehend übertrieben nervös, hektisch, unruhig und laut. Aber nicht nur er. Christian Stückl wird sich aber auch hier sicher etwas gedacht haben.

Christian Stückl zeigt eine laute und nervöse, aber eigentlich auch sehr verängstigte Männerwelt um die zarte Elisabeth herum. Männerwelt, Frauenwelt, ein Thema für Horvath. Mir schien es aber irgendwie nicht ganz stimmig! „Bellende Hunde beißen nicht“, heißt es doch. Dann wären doch all die Herren um Elisabeth herum ziemlich bisslos! Ödön von Horvath zeigt aber, dass Elisabeth tatsächlich zu Grunde geht in der damaligen Männerwelt. Nicht nur an den Männern, sie wird von der Justiz und der Armut und den Männern in die Enge getrieben. Vielleicht sollten Sie also doch lieber etwas weniger „bellen“, die Männer in dieser Inszenierung.

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Gabriela Neeb