THEATER: William Shakespeare – Richard III.

Ich hatte mich das ja schon einmal gefragt: Warum tut man sich das an, William Shakespeare! Warum schaut man sich diese verschiedenen unangenehmen Tyrannentypen immer wieder an? Diese „historischen“ Tragödien von Shakespeare sind doch weit weg von der heutigen Welt. Solche Typen gibt es doch wirklich nicht mehr!

Ich würde sogar noch weitergehen: Warum gelten sie eigentlich als so hehres europäisches Kulturgut? Ist das Teil unserer Geschichte? Shakespeare greift ja eigentlich immer wieder auf die Geschichte Großbritanniens zurück, nicht Europas – die Geschichte Schottlands, Englands, Wales, Irlands. Und gerade die Briten fühlen sich ja nicht unbedingt als Europäer. Stichwort Brexit. Ich will auf keinen Fall etwa „deutsches Theater“ – überhaupt nicht – ich bin für absolute Öffnung. Aber Shakespeare gilt bei alledem irgendwie als ein unumstößlicher Monolith im Theaterwesen. Deswegen frage ich mich: Warum?

Ich weiß, mit einer solchen Bemerkungen wische ich mal schnell weltweite Literaturgeschichte beiseite. Shakespeare gilt immerhin als der bedeutendste Autor der Weltliteratur. Was Deutschland angeht, liest man ja sogar bei Wikipedia:

Zu den Besonderheiten der deutschen Shakespeare-Rezeption seit der Romantik gehört die Auffassung, die Deutschen hätten eine besondere Affinität zu Shakespeare, sein Werk stehe der deutschen Seele näher als der englischen. Die Beschäftigung mit Shakespeare und die bis ins Politische reichende Popularisierung seines Werkes fand in der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, die im Jahr 1864 eher von Enthusiasten als von Fachphilologen gegründet wurde, ihre institutionelle Verankerung. Sie ist die älteste Shakespeare-Gesellschaft der Welt und bedeutend älter als die englische.

So mag es sein. Eine ganze Reihe von Shakespeare Tragödien geht aber zurück auf die sogenannten damaligen „Rosenkriege“ in Großbritannien. Kriege zwischen den beiden britischen Herrscherlinien der Zeit des 15. Jahrhunderts, zwischen dem Hause Lancaster und dem Hause York. Shakespeare selbst lebte ja Ende 16. und Anfang 17. Jahrhundert. Er versteckte sich in gewisser Weise vor Angriffen, indem er sich insoweit als „Historiendramatiker“ ausgab. Er konnte und wollte ja nicht direkt das aktuell herrschende Königshaus kritisieren. Da gibt es von William Shakespeare also eine York-Tetralogie und eine Lancaster-Tetralogie. Teil der York-Tetralogie ist die Tragödie „Richard III.“

„Richard III.“ habe ich mir nun am Münchner Residenztheater angesehen. Eine völlig andere Inszenierung von Richard III. kann man übrigens derzeit am Schauspiel Frankfurt sehen. Sie muss sehr interessant sein und erhält geradezu großartige Kritiken. Ich vermute, die Frankfurter Inszenierung (von Jan Bosse) wird zum Theatertreffen 2019 ausgewählt werden. Das stellt sich in wenigen Tagen (am 30. Januar) heraus.

HIER die Seite zur aktuellen Inszenierung von Richard III. am Münchner Residenztheater. Und HIER die Seite des Schauspiels Frankfurt zur aktuellen Inszenierung von Richard III.

Zur Inszenierung am Münchner Residenztheater: Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Michael Thalheimer scheint derzeit auch auf einem Shakespeare-Trip zu sein. In Berlin hatte ich ja kürzlich Shakespeares „Macbeth“ angesehen und auch dort ist es eine Inszenierung von Michael Thalheimer. HIER der Link zu meinem damaligen Beitrag.

Am Münchner Residenztheater sieht man das Stück Richard III. relativ „originalgetreu“. So war es ja auch am Berliner Ensemble, obwohl die dortige Fassung ja VON Heiner Müller und „nur“ NACH William Shakespeare war. Das merkt man dort allerdings nicht besonders deutlich. Recht puristisch, aber originalgetreu. Das ist die Linie von Michael Thalheimer.

Eine solche weitgehend originalgetreue Inszenierung hilft natürlich, wenn man etwa die komplizierte Story von Richard III. verfolgen will. Hier die Zusammenfassung der Story aus dem Programmheft:

Auch hier am Residenztheater war das Bühnenbild – wie in Berlin – äußerst reduziert. Schwarze Holzpaneelen bis hoch unter die Decke rahmen die dunkle Bühne. Wenig Licht. Der Bühnenboden ist bedeckt von massenweise schwarzen Kieselsteinen (Styropor), durch die die Schauspieler waten (siehe Beitragsbild oben). Den ganzen Abend hindurch wummert ganz leise bedrohliche „Musik“ – eigentlich mehr „Töne“ als „Musik“ – im Hintergrund.

Norman Hacker spielt den verkrüppelten Richard III. Und er wird wirklich hässlich gespielt. Fies, machtgeil, mörderisch, arrogant, skrupellos, egomanisch, wahnsinnig. Man verlässt das Theater und hat einem Wahnsinnigen zugesehen! Alle Mitwirkenden spielen in dieser Thalheimer-Inszenierung um den noch dazu hässlichen Richard III. herum. Am besten haben mir die kleineren Rollen gefallen. Die Rolle von Thomas Schmauser: Herzog von Buckingham. Und die von Marcel Heupermann, Catesby, beide waren Richards Helfer.

Stephen Greenblatts Buch „Der Tyrann“ geht übrigens ganz besonders auf Richard III. ein. Sehr interessant. So kann man Richard III. besser verstehen. Greenblatt zeigt zum Beispiel an einzelnen Textstellen in Shakespeares Tragödie „Richard III.“, dass es die in Richards Leben komplett fehlende Liebe – Mutterliebe, Selbstliebe, erotische Liebe – war, die ihn dazu trieb, an die Macht zu stürzen. Genau hier kann man etwas aus der Tragödie „Richard III.“ ziehen, finde ich: Vielleicht bestehen bei Menschen, die nach Macht streben, manchmal – oder sogar oft – verdeckt sehr persönliche Defizite oder Gründe, so zu handeln, wie sie handeln.

Mit einem angenehmen Gefühl kann man Richard III. und das Geschehen um ihn herum jedenfalls kaum betrachten. Die wummernde leise Musik im Hintergrund tut ihr übriges. Man kann sich also durchaus fragen: Warum das? Man sieht die Geschichte des unangenehmen „Prinzen“ Richard, der sich zur Königsfigur hindurchmordet und schließlich doch scheitert. Und dann?

Nun, Steven Greenblatt schreibt in seinem Buch “Der Tyrann“, dass wir Zuschauer immer schon Richard irgendwie verteidigt haben: „Etwas in uns genießt jede Minute seines schrecklichen Aufstiegs zu Macht.“ „Wieder und wieder… sind wir bezaubert.“ Wenn das ein Aspekt ist, kam er in der Inszenierung von Michael Thalheimer sicherlich etwas kurz. Schade. So ein Bezug zu uns Zuschauern heute fehlte mir ein wenig.

HIER der Bühnenaufbau im Zeitraffer.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

Redaktion des Programmheftes: Sebastian Huber

 

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil I

Shakespeare’s „Macbeth“ ist derzeit am Berliner Ensemble, am Münchner Residenztheater und an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Drei Inszenierungen. Über eine vierte derzeit zu sehende Inszenierung (am Wiener Burgtheater die Inszenierung von Antú Romero Nunes) kann ich leider nicht berichten.

HEUTE schreibe ich über Shakespeare’s „Macbeth“ am Berliner Ensemble.

Also: Gerne spüre ich ja irgendwelchen Verbindungen hinter denjenigen Dingen nach, mit denen ich mich so befasse. Oft habe ich ja mehr Zeit dazu, als andere. Verbindungen gab es diesmal auch:

Macbeth. Ich saß vorgestern Nachmittag, Montag, der 03.12.2018, in einem ICE auf einem irgendwie unbequemen Sitzplatz gegen die Fahrtrichtung und fuhr von Berlin zurück nach München. Ich hatte „Macbeth“ gesehen, neben anderen Dingen des Wochenendes. Ich schaute immer wieder auf die Anzeige am Ende des Wagens, in dem ich saß, und las über dem Durchgang zum nächsten Wagen in roter Leuchtschrift dauernd:  „ICE 5511 – Zug „Müritz“ – Wagen 24  – Uhrzeit …“.

„Müritz“? Nie gehört. Ich lese nach und sehe, dass Müritz der größte komplett in Deutschland liegende Binnensee in Mecklenburg-Vorpommern ist. Sagt Wkipedia. So weit, so gut.

Und Macbeth? Nun gut: Es war ja „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, was ich gesehen hatte. Als ich im ICE gerade noch etwas über Heiner Müller nachsah, las ich, dass Heiner Müller in jungen Jahren mit seinen Eltern einige Jahre in … wo? … in „Waren (Müritz)“ … gelebt hatte! Mein ICE! Aber es ging noch weiter: Heiner Müller lebte ja von 1929 bis 1995, hatte also als Kind noch den II. Weltkrieg und später dann den Mauerfall miterlebt. In der DDR hatte er bekanntlich gelebt. 1970 wurde er – las ich, ich wusste es garnicht – Dramaturg wo? … am Berliner Ensemble. 1992 übernahm er dann (gemeinsam mit Peter Zadek, Matthias Langhoff, Peter Palizsch und Fritz Marquardt) die Leitung des … des Berliner Ensembles.

Also „Macbeth“ von Heiner Müller. In den Achtzigerjahren war Heiner Müller, schreibt Wikipedia (es stimmt hoffentlich), liiert mit wem? … mit Margarita Broich! Siehe einfach meinen aktuellen Blogbeitrag zum Büchlein „Alles Theater“ von Margarita Broich (HIER). Also das auch noch!

Also: Ich saß ausgerechnet im ICE „Müritz“(!) und hatte am Freitagabend zuvor am Berliner Ensemble (!) von Heiner Müller (!) „Macbeth nach William Shakespeare“ gesehen. Und dann noch etwas: Am Berliner Ensemble wird es in Kürze ein Stück über wen? … über Heiner Müller geben, es heißt „Heiner 1 – 4“. Die Uraufführung wird am 26. Januar 2019 sein. HIER der Link zur Programmankündigung.

Jetzt aber zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das seit Kurzem am Berliner Ensemble gebracht wird:

Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Übrigens: Im Januar werde ich eine weitere Shakespeare – Inszenierung sehen, von wem? … von Michael Thalheimer! „Richard III.“ am Münchner Residenztheater. Ich werde auch darüber berichten. Es heißt dort übrigens „Richard III. VON Michael Thalheimer NACH William Shakespeare“. Mal sehen. Und bei der Gelegenheit: Wer inszeniert gerade am Wiener Burgtheater derzeit Glaube Liebe Hoffnung von Ödon von Horvath? Richtig: Michael Thalheimer!

Jetzt also wirklich zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das ich am Freitag am Berliner Ensemble gesehen habe:

Man hatte Heiner Müller in den Siebzigerjahren ja nach der Aufführung senes Macbeth „Nihilismus“ vorgeworfen. Es war eben eine Heiner-Müller-Übersetzung von Macbeth. Manche Äußerung der Übersetzung von Heiner Müller geht in der Tat in die Richtung Nihilismus. Nach dem Motto: „Was schert es mich, wie die Welt nach meinem Tod aussieht. Wenn ich tot bin, ist auch die Welt tot. Ich will meine Macht JETZT. Es geht nur ums Jetzt und um meine Lebenszeit. Es gibt keine Zukunft!„

Dementsprechend ist auch die Inszenierung  von Michael Thalheimer sicher krasser, als eine „normale“ Aufführung des Stückes Macbeth. Etwas krasser: Man merkt es nicht durchgehend, aber an der einen oder anderen Stelle und an der sehr blutrünstigen, eindringlichen Gesamtinszenierung. Die Inszenierung überzeugte mich, sie ist als Gesamtinszenierung auf jeden Fall beeindruckend. Keinerlei Schnickschnack, es geht um die Personen und die Texte. Die Personen tauchen immer wieder aus tiefem Nebel auf der großen leeren Bühne auf. Das ist eindringlich, zeitlos, hat den Hang dazu, irgendwie zeitgemäß, fast aktuell zu sein. Es geht nicht um die Zeit des 15ten oder 16ten Jahrhunderts.

Im Sinne des „Sozialisten“ Heiner Müller kam allerdings etwas „Klassentrennendes“ nicht gerade zur Geltung. Die Inszenierung orientierte sich insoweit, auch wenn Sie beeindruckend war, doch eher am William Shakespear’schen Wahnsinn von Macbeth, nicht am Heiner Müller’schen Klassenbild.

Zu den  Schauspielern: Trotz allem muss ich sagen: Sascha Nathan ist meines Erachtens keine Idealbesetzung für Macbeth gewesen. Ideal gewesen wäre ein Benny Claessens! Aber der kann ja nicht überall mitspielen. Er hätte wahrscheinlich den Wahnsinn von Macbeth und dessen nihilistische Einstellung (in der Fassung von Macbeth VON Heiner Müller) im WahnsInn deutlicher darstellen können oder wollen. Das ging Sascha Nathan ab! Sascha Nathan wirkte wie ein überforderter, nicht wie ein aggressiver Macbeth. Verwirrt wahnsinnig, nicht egomanisch wahnsinnig. So gesehen verfehlte Michael Thalheimer mit Sascha Nathan als Macbeth geradezu den Kern der Müllerschen Fassung von Macbeth. Themaverfehlung – zugunsten einer trotzdem beeindruckenden Gesamtinszenierung.

Am überzeugendsten war meines Erachtens Kathrin Wehlisch. Man sieht sie oben im Bild! Und hier noch ein Bild von ihr:

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Vielleicht müsste man – zumindest nach Heiner Müller – das Blut in Shakespeare’s „Macbeth“ heute ersetzen durch das Geld der kapitalistischen Welt! Wäre mal interessant, es durchzuspielen. Früher hieß es (so sah es wohl Heiner Müller): „Brutalität und Blut regieren die Welt und sichern die Macht!“ Heute heißt es: „Geld regiert die Welt, Geld sichert die Macht!“

Also: Insgesamt sehenswert! Hingehen und ein eigenes Urteil bilden!

HIER der Link zur Macbeth-Seite des Berliner Ensembles.

©️ des Beitragsbildes oben und des weiteren Fotos: Mathias Horn, Berliner Ensemble