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THEATER: William Shakespeare- Was ihr wollt

Diese und andere Fragen zur Liebe hat William Shakespeare in „Was ihr wollt“ aufgegriffen, einem Stück einmal ohne Tod und Schicksal etc. Ergänzt wird Shakespeares Werk „Was ihr wollt“ in der Inszenierung, die am Donnerstag an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, durch Texte der niederländischen Regisseurin Lies Pauwels, in denen alles noch weitergetrieben wird.

So sitzt man zwischen allen Stühlen, nicht nur Shakespeare folgend inhaltlich, sondern – wirklich sehr gelungen – in fast jeder Hinsicht: Textlich: Textvermischung inhaltlich und sprachlich, mal Shakespeare-Englisch, mal (etwa in Songs) modernes Englisch, mal Deutsch. Mal Shakespeare, mal Pauwels. Dann: Man erlebt die höfische Barockwelt des Shakespeare-Stückes zum Teil in der Kostümierung, die SchauspielerInnen tragen aber immer eng anliegende, modern gehaltene (radrennfahrertrikotähnliche) „Sportkleidungen“ darunter. Sportkleidungen, die noch dazu völlig „geschlechtsneutral“ sind. Oder sie tragen allesamt Marilyn-Monroe-Perücken. Sie schminken sich im Hintergrund an und ab. Musikalisch: Man trifft auf barocke Musik genauso wie auf moderne Musik. Gesang trifft auf Schauspiel. Gesang spielt hier ohnehin eine etwas größere Rolle. Und man trifft auf weitere Elemente der modernen Welt: Mikrofone sind durchgehend im Einsatz, Bilder von Roy Lichtenberg kommen auf die Bühne etc.

Die Mikrofone kommen (performanceähnlich) ohnehin fast durchgehend bei Text zum Einsatz, was das Persönliche des jeweils Gesagten verstärkt (Vielleicht kommen sie auch deshalb zum Einsatz, da immer wieder Musik das Spiel im Hintergrund unterlegt. Ein guter Nebeneffekt zumindest.)

So kann man im Grunde sogar sagen: Mit dieser Inszenierung mischt sich Schauspiel mit Performance! Man betritt eine Zwischenwelt von Schauspiel und Performance.

Shakespeare hat es in „Was ihr wollt“ dabei durchaus kompliziert gemacht, das sollte jedoch vom Besuch der Inszenierung in keiner Weise abschrecken! Ja, das Personaltableau und die Verwirrungen der Liebe sind in „Was ihr wollt“ kompliziert. Die Gründe der Verwirrung sind ja etwa zum Einen, dass es verwechselbare Zwillinge gibt (Viola – als Cesario verkleidet – und Sebastian) und zum Anderen natürlich, dass jede(r) seine Liebe irgendwie in eine andere Richtung fühlt. Nichts funktioniert, keine Liebe wird erwidert. Chaos wie ein Wirbelsturm.

Das Interessante dabei ist, dass in dieser Inszenierung wiederum alles – man glaubt es kaum – langsam und deutlich verhandelt wird, nicht im Sturm. Die Gefühlslagen der Beteiligten von „Was ihr wollt“ werden fast langsam entfaltet, sie werden durch Lies Pauwels Texte dazu noch gewissermaßen gestreckt, in die Tiefe gezogen.

Das führt vor allem zu schauspielerisch wunderbaren Leistungen! Schon das Minenspiel der SchauspielerInnen wird wichtig. Christian Löber etwa – Meister des Minenspiels – als Viola/Cesario! Oder Johanna Eiworth mit einem wunderbaren (immer mehr geschrieenen) Monolog. [Dazu übrigens: ich habe in mehreren Theaterstück der letzten Wochen erlebt, dass Kernstücke der Abende mit einer gewissen Verzweiflung zum Publikum geschrieen wurden! Etwa Thomas Hauser gegen Ende in „77 Versuche …“, oder Edmund Telgenkämper am Ende in „Katzelmacher“. Oder andere. Was für ein Zeichen der Zeit! „Wir müssen deutlich werden!“].

Der Shakespeare-Inhalt von „Was ihr wollt“ ist bei alledem zwar erkennbar, aber garnicht so entscheidend. Die niederländische Regisseurin Lies Pauwels – erstmals (hoffentlich nicht das letzte Mal) mit einer Arbeit an den Kammerspielen – schafft es mit ihrer Inszenierung, dem Inhalt von „Was ihr wollt“ zu folgen, ihn aber nicht erzählerisch darzubieten, sondern im Hintergrund zu halten und alles mehr auf die Innenschau der Personen auszurichten.

So kann man sagen: Es ist eine Freude, auf Basis von Shakespeare diese „Grenzwelt“ zwischen Schauspiel und Performance mit allen möglichen Vermischungen und Verwirrungen zu erleben! Es ist ein SchauspielerInnen-Abend, wirklich ein gelungener Abend!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

THEATER: Zwei Ankündigungen!

Für die Theaterfreunde unter uns gibt es in Kürze einige Gelegenheiten, schöne Dinge zu sehen. Ich möchte sie hier besonders ankündigen, damit sie nicht verpasst werden und man sich dann etwa ärgern muss. Man muss sich ja derzeit ohnehin schon über Einiges ärgern.

Berliner Theatertreffen 2021:

Zum einen bieten das Berliner Theatertreffen 2021 und – auch dieses Jahr wieder – 3sat in diesem Jahr aus gegebenem Anlass insgesamt alle Aufführungen, die eingeladen wurden, als Streaming an. Alle zehn Inszenierungen der berüchtigten 10er-Auswahl sind so zu sehen, was ja sonst nicht möglich ist. Das diesjährige Streamingangebot geht allerdings noch weit darüber hinaus. Es lohnt sich, das Programm genau durchzusehen. Es ist so viel, ich verlinke HIER auf den Kalender des Theatertreffens 2021. Das Theatertreffen beginnt am 13. Mai 2021 und endet am 24. Mai 2021. Ich werde sicherlich über einige Inszenierungen und Streamings schreiben.

King Lear und Die Politiker:

Meine zweite Ankündigung: Er, Sebastian Hartmann, wurde zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin mit seiner Inszenierung “Der Zauberberg“ von Thomas Mann eingeladen. Siehe oben. Die Inszenierung wird, wie gesagt, im Rahmen des Theaterteffens in Berlin als Streaming zu sehen sein. Es ist eine Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin. Sebastian Hartmann hatte aber in letzter Zeit (vor Corona) am Deutschen Theater Berlin auch eine weitere Inszenierung: Eine Art Kombination aus „King Lear“ von William Shakespeare und „Die Politiker“ von Wolfram Lotz. HIER der Link zur Stückeseite dieser Inszenierung auf der Website des Deutschen Theaters Berlin. Die Szenen und Bilder, die Sebastian Hartmann mit dieser Inszenierung vor knapp zwei Jahren aufrief, erscheinen heute, in pandemischen Zeiten, „irritierender und gegenwärtiger denn je“, heißt es in der Ankündigung des Deutschen Theaters Berlin zum Streaming, das jetzt am 01. Mai um 20.00 Uhr zu sehen ist! Der Livestream wird einmalig ausgestrahlt. Angesichts der momentanen Unmöglichkeit, analog zu spielen, begegnen der Regisseur und das Ensemble der Inszenierung einmalig neu und transformieren sie in einen Livestream. HIER der Link zur Seite dieses besonderen Streamings. Und HIER der Link zu einem Gespräch mit Sebastian Hartmann über diese Livepremiere am 1. Mai. Sebastian Hartmann findet meines Erachtens immer wieder zu dem, was er sagen will, wunderbare Worte. Nicht aufdringlich, nicht eingebildet, nicht auf Überzeugung anderer angelegt, sehr durchdacht. Ich werde sicher über meine Eindrücke vom Streaming schreiben.

THEATER: Shakespeare – Teil 3 meiner Macbeth-Trilogie

Shakespeares Macbeth hat Konjunktur! Er ist derzeit zu sehen am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen, am Berliner Ensemble, am Staatsheater Nürnberg und am Schauspiel Hannover.  Und wer weiß, wo sonst noch. Ein schlechtes Zeichen!

Eigentlich kann man sagen: Ganz schön feige und verlogen, wenn man sich hinsetzt und sich den klassischen alten Macbeth ansieht, während draußen die Welt völlig anders ist. Ein Beispiel für unser „Heute“: Ein Freund lebt derzeit im indischen Delhi (28 Millionen Einwohner!). Er erzählte mir, dass man tagsüber das Haus nicht verlassen kann, was schwer falle, die Luft sei extrem schlecht! Das sind die Probleme unserer Zeit! Die Umwelt! Aber typisch Mensch: Nicht Hinschauen! Weitermachen! Einfach woanders hinsehen! Natürlich kann nicht jedes Theaterstück auf die aktuelle Zeit eingehen. Aber sich zurückzulehnen und den alten Macbeth anzusehen, kann eben auch verlogen sein! Wenn es so simpel als „Wegsehen“ gehandhabt wird. Als Medizin gegen eine gewisse Hilflosigkeit oder Lustlosigkeit, sich anderer Probleme anzunehmen. Ein Beruhigungsmittel, das uns weltfremden Wahnsinn aus dem 15. Jahrhundert zeigt. Aber genau das passiert vielleicht öfter, als man meint.

Aber es kommt natürlich auch darauf an, was aus Shakespeare’s Macbeth gemacht wird. Ich habe jetzt drei Versionen gesehen: Am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Ensemble.

Vorweg: Es waren drei unterschiedliche Herangehensweisen. Am Münchner Residenztheater sah man sehr klassisch Macbeth VON William Shakespeare (Regie: Andreas Kriegenburg). Am Berliner Ensemble sah man Macbeth nun VON Heiner Müller NACH William Shakespeare (Regie Michael Thalheimer). Und an den Münchner Kammerspielen sah man Macbeth dann auch VON Amir Reza Koohestani NACH William Shakespeare (Regie: Amir Reza Koohestani).

Es sind im Grunde ZWEI historische Herangehensweisen und EINE aktuellere: Historisch ist es am Residenztheater, wo schlichtweg Shakespeares Macbeth gezeigt wird. Historisch in einer anderen Zeit ist es am Berliner Ensemble, wo Heiner Müllers damalige etwas umgeschriebene Fassung von Macbeth gezeigt wird – die 1972 uraufgeführt wurde und die in der DDR schnell verboten war (Vorwurf des Nihilismus). Von aktuellem Bezug ist dagegen allenfalls die Inszenierung an die Münchner Kammerspielen. Über die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen werde ich aber erst noch genauer schreiben.

Über die Inszenierung an Münchner Residenztheater, die ich gestern gesehen habe, kann ich folgende Eindrücke kundtun:

Alles spielt auf einer riesigen, sich drehenden und sich schief stellenden Hebebühne. Die Optik ist der Optik sehr ähnlich, die man bei Ulrich Rasche findet. Auch die Lichtgestaltung. Besonders der immensen und fast bedrängenden Optik von Rasche‘s Stück „Die Räuber“ ähnelt es. Die Inszenierung von Ulrich Rasche‘s „Die Räuber“ wurde und wird ja immer noch am Residenztheater gebracht und war zum Theatertreffen 2017 in Berlin eingeladen. Damals waren es riesige Laufbänder, hier bei Macbeth eine riesige Plattform. Ästhetik und Optik bei Macbeth und bei „Die Räuber“ sind ähnlich! Auf der Bühne waren bei Macbeth im hinteren Teil einige etwa 3 m hohe dünne Holzstäbe installiert, wer weiß warum. Optik. Sachlichkeit. Schlichtheit. Verstrickung? Sie wurden immer wieder einmal heraus- und hereingesteckt. Mehr nicht – was mir ansich immer gefällt.

Inhaltlich wurde Shakespeare’s Tragödie Macbeth am Residenztheater ziemlich genau in seiner klassischen Form geboten. „Tja, der Wahnsinn von Tyrannen“ konnte man sich denken. Wäre aber etwas kurz gedacht. Shakespeare hat sicher mehr zeigen wollen. Mich haben aber in genau dieser Hinsicht die Darstellungen von Macbeth und Lady Macbeth durch Thomas Loibl und Sophie von Kessel nicht überzeugt. Während Shakespeare’s Macbeth ja zunächst ein loyaler Kämpfer für den König Duncan war – den er dann aber umbringt -, spielt meines Erachtens Thomas Loibl von Beginn an einen zu hintergründig denkenden, irgendwie von Beginn an verzweifelten, verwirrten Macbeth.  Das hat gestört. Er macht doch eine Entwicklung durch. Shakespeare zeigt ja, dass es eigentlich erst „Hexen“ – Macbeth‘s Wahnsinn, seine Einbildung? – und dann seine Frau, Lady Macbeth, waren, die ihn zum Mörder machen konnten. Eine wesentliche Aussage von Shakespeare, der sicher ja immer wieder mit dem Aufstieg und Wahnsinn von Tyrannen befasst hatte. Das geht, fand ich, hier etwas unter. Vielleicht auch durch die gewohnten Spielweisen von Thomas Loibl und Sophie von Kessel.

Sophie von Kessel spielte meines Erachtens eine zu selbstverliebte Lady Macbeth. So sauber und verständlich.

Insgesamt aber war Macbeth am Residenztheater sehenswert – wenn auch konventionell, was ich ja nicht so mag -, WENN man eben den „alten“, „herkömmlichen“ Macbeth einmal sehen will.

Mein „Gesamteindruck“ war aber irgendwie: „Mit uns selber kommen wir Menschen nicht zurecht. Wir schauen uns dann lieber etwas an, was mit der heutigen Zeit nichts zu tun hat.“ Shakespeare’r Macbeth am Berliner Ensemble dagegen: Er stellte jedenfalls einen gewissen Bezug zu Heiner Müller und seinem Denken her. Auch das war nicht sehr deutlich, aber dennoch! Und Shakespears Macbeth an den Münchner Kammerspielen: War völlig anders. Hierzu später.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Dashuber, Residenztheater

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil II

Was tut man sich an, wenn man sich im Theater Shakespeare’s Macbeth anschaut? Warum schaut man ihn an? Man könnte doch ein Fußballspiel anschauen! Aber Macbeth – das ist doch wirklich kalter Kaffee!

Mord an einem König –  was hat das mit unserer Zeit zu tun? Geht man hin, weil es „Kultur“ ist? Will man sich einfach nur ein wenig von einem schönen Stück „anregen“ lassen? Oder was? Jeder hat so seinen Grund, schön und gut. „Macbeth“ ist ja noch dazu derzeit – ich habe es bereits geschrieben – an mehreren Orten zu sehen. In Berlin, in Wien, an zwei Theatern in München, in Nürnberg.

Und da geht es los: Es gibt Inszenierungen, die „Macbeth VON William Shakespeare“ bringen  und es gibt Inszenierungen, die „Macbeth NACH irgendwem ………….. VON William Shakespeare“ bringen.  So etwa gerade am Berliner Ensemble,  an dem Macbeth NACH … Heiner Müller … VON William Shakespeare zu sehen ist. Ich hatte ja kürzlich darüber geschrieben (HIER).

Und gerade bei den Inszenierungen von Macbeth NACH irgendwem ……….. wird es interessant. Da will jemand auf der Basis von Shakespeare’s Macbeth eine eigene Sicht der Dinge auf die Bühne bringen. So habe ich mir natürlich gestern, Freitag, 17. Dezember 2018, an den Münchner Kammerspielen die Premiere von Macbeth NACH Amir Reza Koohestani VON William Shakespeare angesehen. Amir Reza Koohestani hat schon mehrfach an den Kammerspielen inszeniert.

Die Basis der Inszenierung gestern war weiterhin – im Hintergrund – die Story von Shakespeare’s Macbeth: Macbeth hört von Hexen – den drei „Schwestern“ -, dass er König von Schottland werden kann. Angestachelt von seiner Frau, Lady Macbeth, tötet er den König Duncan und seinen alten Freund Banquo, weil die Hexen vorausgesagt hatten, dass Banquos Nachfahren wiederum Könige werden würden.

Aber wenn ich mir Macbeth NACH irgendwem ansehe, weiß ich, dass ich (auch) etwas anderes zu sehen bekomme. Wenn ich den klassischen Macbeth sehen will, gehe ich nicht hinein. Der Schauspieler Christian Löber – er spielte den „Macbeth“  und eine Person, die Regisseur und Schauspieler für eine bevorstehende Macbeth-Inszenierung ist – sagte kürzlich in einem Interview: „Es braucht eine Idee im Hier und Jetzt, durch die man mit dem Stück verstrickt ist.“ Und: „… wenn man das Theater als Ort wahrnimmt, wo sich die Gesellschaft mit sich auseinandersetzt, muss man mehr machen, als nur ein Märchen zu erzählen.“

So war es auch gestern. Da hat sich also der Iraner Amir Reza Koohestani mit Shakespeare’s Macbeth auseinandergesetzt.  Oder jedenfalls mit einem Thema, das man auch in „Macbeth“ findet. Ist schon einmal aus sich heraus interessant!  Es hat etwas mit Scheitern zu tun. Macbeth scheitert am Ende ja auch, er wird getötet.

Soviel zunächst. Ich muss mir über den Abend noch Gedanken machen, noch kann ich nichts schreiben. Bisher habe ich mich nur angenähert.

©️ des Beitragsfotos: Thomas Aurin, Kammerspiele

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Gesehen und gehört

THEATER und MUSIK: Florence and The Machine – Various Storms and Saints

Der Blogbericht und die Musik unten gehen zurück auf die Inszenierung „Juliet & Romeo“ in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des US-Amerikaners Trajal Harell. Ich hatte es schon gesehen, HIER mein damaliger Blogbericht. Ich habe es ein zweites Mal angesehen, wie so oft. Theaterstücke zweimal anzusehen kann ich empfehlen! Es müsste ein vergünstigtes Angebot zum Kauf von Karten zweier Aufführungen desselben Stückes geben! Einmal ansehen ist oft nur halb ansehen!

Juliet & Romeo geht zurück auf Romeo und Julia von Shakespeare. Die Inszenierung von Trajal Harell ist ein Extrakt der Geschichte um Romeo und Julia. Es geht nicht um die altbekannte Geschichte: Romeo flieht nach der Ermordung des Cousins von Julia, Tybald, nach Mantua, Julia soll verheiratet werden, nimmt einen Schlaftrunk, stellt sich tot, jemand berichtet Romeo fälschlicherweise, Julia sei tatsächlich gestorben. Romeo eilt zurück und bringt sich angesichts seiner Liebe und Trauer um Julia um, Julia wacht wieder auf, tötet sich daraufhin auch angesichts des Todes von Romeo. Im Zentrum der Aufführung von Trajal Harell steht die Trauer. Die Trauer und Erinnerung von Julias Amme. Alles ist nur noch Erinnerung. Die Bühne zeigt am Boden zwei tiefergelegte Gräber, eines in mattten Blautönen, eines in matten Rottönen. Mehr ist nicht auf der Bühne. Das „Geschehen“ der Inszenierung findet um die Gräber herum statt. Trajal Harell selbst spielt die Amme. Im Zentrum der Trauer steht ein Tanz von Trajal Harell, untermalt von der Musik, die ich hier bringe: Florence and The Machine mit Various Storms and Saints. Zugegeben kein lustiges Lied. Trajal Harell drückt in wunderbaren Bewegungen sitzend Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit aus. Das muss man erst einmal schaffen!

Shakespeares Drama ist für Harrell initiierendes Sprungbrett für sein Unterfangen. Harells Trauer – als Amme – befasst sich grundsätzlich mit dem Tod und der Erinnerung. In der modernen Zeit findet er einen Ansatz in Fashion Shows, ebenfalls Sinnbild für Vergänglichkeit. Und überall spielt der Tod hinein. Wir können uns noch so sehr präsentieren, gegeneinander kämpfen etc., schön machen, behaupten: Der Tod spielt überall mit. Haltung und Formgebung bleiben letztlich sinnlos. Erstmals arbeitet Trajal Harell mit Schauspielern. Ein weiterer Eindruck: Trajal Harell vereint am Rande der Bühne eine Art Gesamtschmerz in sich, ein Schmerz, der die Welt regiert, der auch heute gegenwärtig ist. Dessen wir uns auch immer bewusst sein müssen. Die anderen Mitwirkenden, allesamt mänliche Tänzer und Schauspieler, zeigen dagegen Konkreteres. Sie deuten Motive aus Romeo & Julia an, sie deuten das Verhalten von Models auf Fashion Shows an. Sie zeigen Trauer, aber die konkretere Trauer von Romeo und Julia. Sehr beeindruckend die Szene, in der Thomas Hauser in langen Zügen Julias Trauer und Selbstmord zeigt! Dass keine weiblichen Tänzerinnen/Schauspielerinnen mitwirken, passt gut, um dem Stück nicht zu nahe zu kommen.

Zwei der acht Mitwirkenden sind Schauspieler der Kammerspiele, Thomas Hauser und Damian Rebgetz.

Zum Video: Der Song beginnt nach 50 Sekunden! HIER der Songtext. Es ist wahrlich kein einfacher Text. Er wird Passendes ausdrücken! Ich werde ihn mehrfach lesen müssen.

 

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