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Schlagwort: München

THEATER: Moliere – Don Juan

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 6. Januar 2019
  • Keine Kommentare zu THEATER: Moliere – Don Juan

Don Juan von Moliére im Residenztheater. Eine Inszenierung von Frank Castorf, das Bühnenbild wieder von Aleksandar Denic.

HIER der Link zur Programmseite des Residenztheaters zur Inszenierung.

Ich kann hier nur über meine banalen Eindrücke schreiben, ich bin kein Moliére – Spezialist!

1. Wieder ein Frank Castorf. „Don Juan“ ist nach „Kasimir und Karoline“ 2011, „Reise ans Ende der Nacht“ 2013, „Baal“ 2015 und „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“ 2016 die fünfte Inszenierung von Frank Castorf am Residenztheater. Wer noch keine Inszenierung von Frank Castorf  gesehen haben sollte, kann sich gut die Inszenierung von Don Juan ansehen! Es ist keine Mammutveranstaltung, was ja bei Frank Castorf sonst öfters vorkommt. Inhaltlich nicht unbedingt weiterführend, aber ein Fest der Sinne! Die Inszenierung hatte erst Ende Juni 2018 Premiere, wird also sicherlich noch des Öfteren gebracht werden.

Es ist Theater pur, aber mit einem „Aber“: Es ist Theater pur in einer vielleicht schon etwas veralteten Form. Modernes Theater sieht etwas anders aus. Wie provozierend ist etwa ein Milo Rau! Aber andererseits: Es muss ja nicht immer gleich modernes Theater sein.

2. Ich finde jedenfalls bei allem Wohlwollen: Frank Castorf klemmt fest. Etwas muss anders werden, wenn er – hoffentlich noch viele Jahre – inszeniert! Seine – wieder einmal – irgendwie besondere Inszenierung könnte durchaus noch durch ein wenig überraschende Momente belebt werden. Nicht nur durch die Länge seiner Inszenierungen, wie es bei ihm ja oft zu erleben ist! Anders könnte oder sollte es einmal belebt werden! Wobei diesmal vier Stunden übrigens geradezu zahm waren. Mit Pause sogar! Oder ist es Lehrheater? Das würde ja (nach Bertolt Brecht) bedeuten, dass die Schauspieler beim Aufführung des Stückes etwas lernen würden! Ich hatte jedenfalls nach der Vorstellung eigenartige Wünsche oder Vorstellungen: Belebende Elemente würden den Zuschauer aus der musealen Betrachterrolle herausholen. Es könnten etwa sein:

– Die Frontalansicht, der man – wie fast immer im Theater – auch bei ihm ausgesetzt ist. Schade fast bei seinen Stücken! Wie interessant wäre eine seiner Inszenierungen, wenn man als Zuschauer seine Bühnenbilder und die Leistungen der (sich meist wirklich verausgabenden) Schauspieler ohne Frontalansicht erleben würde – vielleicht im Marstalltheater, der früheren Probebühne des Residenztheaters. Dort kann man am ehesten um die Bühne herum sitzen. Das gäbe Eindrücke! Aber dort wird die Bühne schnell zu klein sein!

– Oder die Musik: Verschiedenste Stücke aus der Welt der Musik begleiten auch bei Don Juan die Inszenierung. HIER die Playlist, für die Inszenierung von Don Juan zusammengestellt von William Minke). Es fällt ja auf, dass man bei Castorfs Inszenierungen selten wirklich moderne Musik hört. Wie interessant wäre es, wenn man ganz moderne Musiktitel hören würde! Das könnte Kontraste geben! Kontraste und Überraschungen sind immer gut, regen an.

– Obwohl: Kleine derartige Elemente, die ein wenig von Castorfs „Muster“ abweichen, findet man bei der Inszenierung des Don Juan sogar: Zum Einen, wenn die Schauspieler vor ein riesiges Tuch treten, das von der Bühnendecke heruntergelassen wird und auf welches schlichtweg ein riesiges Naturbild projiziert wird. Ein Wald, ein Flusslauf. Man fühlt sich plötzlich aus allen Zeiten herausgerissen. Und geradezu aus dem Stück herausgerissen. Zum Anderen, wenn man am Ende Videoaufnahmen sieht, in denen Don Juan (und sein „zweiter Part“) über die Maximilianstraße gehen und in teure Schaufenster blicken. Sie lesen etwa bei Gucci: „Liberté – Egalité – Sexualité“. Gegenwartsbezug vielleicht mit einem kleinen mahnenden Hinweis.

3. Ein weiterer Eindruck, der vorherrschende Eindruck: Es war wahrlich ein Fest der Eindrücke, des Bühnenbildes, der Kostümierung, der Ausstattung insgesamt! Wieder die etwas düstere Stimmung, wieder das seltsame mehrstöckige Gebäude, die Drehbühne, der Neonschriftzug, siehe das Beitragsbild oben, die Videoeinspielungen auf der Leinwand, die ab und an heruntergefahren wurde. Auch wieder mit einer Schwarz-weiß-Einspielung eines alten Filmklassikers mit Marcello Mastroianni. Bekannte Castorf-Elemente, die aber für die Inszenierung von Don Juan meines Erachtens besonders gelungen sind! Vor allem die ausufernde Kostümierung! Ein Fest und ein Genuss! Wunderbare Bilder immer wieder. Aber all das darf bitte nicht zur musealen Betrachtung seiner Inszenierungen führen!

4. Schauspielerisch geht es bei Frank Castorf durchaus oftmals um Einiges exzessiver zu, ich denke etwa an die legendäre „Faust“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne. Das ist aber bei der Inszenierung von Don Juan geradezu ein Vorteil! Die schauspielerische Leistung tritt etwas mehr in den Vordergrund. Wunderbar sind dabei besonders die Leistungen von Nora Buzalka (besonders), Marcel Heupermann und Franz Pätzold als Don Juan. Buzalka, Heupermann und Pätzold sind wahre Castorf-Typen, auch wenn sie in dieser Inszenierung sogar ein wenig – ein wenig – zurückhaltender spielen.

5. Zum Inhalt des „Don Juan“ von Moliére: Ich habe nicht Theaterwissenschaften studiert, dann könnte und sollte ich wahrscheinlich mehr dazu sagen. Don Juan, der südländische Faust. Er folgt ausschließlich dem Vergnügen, der Erotik, den Ausschweifungen, der Grenzenlosigkeit. Das wiederum führt ihn letztlich in sein persönliches Verderben. HIER eine Inhaltsangabe, auch ein Trailer zur Inszenierung ist über diesen Link zu finden.

6.  Das Programmheft ist übrigens wieder einmal sehr interessant und gibt in einer Art „Diskussionsrunde“ viele Aussagen von Schriftstellern, Philosophen etc. zum Mythos „Don Juan“. Die Themen sind: I. Der Verführer, II. Moliére und Ludwig XIV. III. Der Aristokrat. IV. Loop der Leere. V. Gott + Sex + Tod. VI. Kunst + Freiheit. VII. Ich + ich. VIII. Die Frauen. IX. Höllenfahrt.

Man sollte sich dieses Programmheft am besten VOR der Aufführung durchgelesen haben!

Also, diesmal waren es sehr allgemeine Ausführungen. Vielleicht liest Frank Castorf ja diesen Text. Und vielleicht geben ihm meine bescheidenen Eindrücke dennoch  irgendeine Inspiration. Dann werde ich bei seiner nächsten Inszenierung ganz belebt im Marstalltheater sitzen, zusehen, moderne Musik hören und mich über das ein oder andere wundern!

Hier noch eine Aufnahme aus der Inszenierung:

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©️  des Beitragsbildes und des zweiten Bildes: Matthias Horn, Residenztheater

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  • Schlagwörter Don Juan, Frank Castorf, freizeit, Gesellschaft, Lifestyle, München, Moliere, Residenztheater, Theater

THEATER: Shakespeare – Teil 3 meiner Macbeth-Trilogie

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 19. Dezember 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Shakespeare – Teil 3 meiner Macbeth-Trilogie

Shakespeares Macbeth hat Konjunktur! Er ist derzeit zu sehen am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen, am Berliner Ensemble, am Staatsheater Nürnberg und am Schauspiel Hannover.  Und wer weiß, wo sonst noch. Ein schlechtes Zeichen!

Eigentlich kann man sagen: Ganz schön feige und verlogen, wenn man sich hinsetzt und sich den klassischen alten Macbeth ansieht, während draußen die Welt völlig anders ist. Ein Beispiel für unser „Heute“: Ein Freund lebt derzeit im indischen Delhi (28 Millionen Einwohner!). Er erzählte mir, dass man tagsüber das Haus nicht verlassen kann, was schwer falle, die Luft sei extrem schlecht! Das sind die Probleme unserer Zeit! Die Umwelt! Aber typisch Mensch: Nicht Hinschauen! Weitermachen! Einfach woanders hinsehen! Natürlich kann nicht jedes Theaterstück auf die aktuelle Zeit eingehen. Aber sich zurückzulehnen und den alten Macbeth anzusehen, kann eben auch verlogen sein! Wenn es so simpel als „Wegsehen“ gehandhabt wird. Als Medizin gegen eine gewisse Hilflosigkeit oder Lustlosigkeit, sich anderer Probleme anzunehmen. Ein Beruhigungsmittel, das uns weltfremden Wahnsinn aus dem 15. Jahrhundert zeigt. Aber genau das passiert vielleicht öfter, als man meint.

Aber es kommt natürlich auch darauf an, was aus Shakespeare’s Macbeth gemacht wird. Ich habe jetzt drei Versionen gesehen: Am Münchner Residenztheater, an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Ensemble.

Vorweg: Es waren drei unterschiedliche Herangehensweisen. Am Münchner Residenztheater sah man sehr klassisch Macbeth VON William Shakespeare (Regie: Andreas Kriegenburg). Am Berliner Ensemble sah man Macbeth nun VON Heiner Müller NACH William Shakespeare (Regie Michael Thalheimer). Und an den Münchner Kammerspielen sah man Macbeth dann auch VON Amir Reza Koohestani NACH William Shakespeare (Regie: Amir Reza Koohestani).

Es sind im Grunde ZWEI historische Herangehensweisen und EINE aktuellere: Historisch ist es am Residenztheater, wo schlichtweg Shakespeares Macbeth gezeigt wird. Historisch in einer anderen Zeit ist es am Berliner Ensemble, wo Heiner Müllers damalige etwas umgeschriebene Fassung von Macbeth gezeigt wird – die 1972 uraufgeführt wurde und die in der DDR schnell verboten war (Vorwurf des Nihilismus). Von aktuellem Bezug ist dagegen allenfalls die Inszenierung an die Münchner Kammerspielen. Über die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen werde ich aber erst noch genauer schreiben.

Über die Inszenierung an Münchner Residenztheater, die ich gestern gesehen habe, kann ich folgende Eindrücke kundtun:

Alles spielt auf einer riesigen, sich drehenden und sich schief stellenden Hebebühne. Die Optik ist der Optik sehr ähnlich, die man bei Ulrich Rasche findet. Auch die Lichtgestaltung. Besonders der immensen und fast bedrängenden Optik von Rasche‘s Stück „Die Räuber“ ähnelt es. Die Inszenierung von Ulrich Rasche‘s „Die Räuber“ wurde und wird ja immer noch am Residenztheater gebracht und war zum Theatertreffen 2017 in Berlin eingeladen. Damals waren es riesige Laufbänder, hier bei Macbeth eine riesige Plattform. Ästhetik und Optik bei Macbeth und bei „Die Räuber“ sind ähnlich! Auf der Bühne waren bei Macbeth im hinteren Teil einige etwa 3 m hohe dünne Holzstäbe installiert, wer weiß warum. Optik. Sachlichkeit. Schlichtheit. Verstrickung? Sie wurden immer wieder einmal heraus- und hereingesteckt. Mehr nicht – was mir ansich immer gefällt.

Inhaltlich wurde Shakespeare’s Tragödie Macbeth am Residenztheater ziemlich genau in seiner klassischen Form geboten. „Tja, der Wahnsinn von Tyrannen“ konnte man sich denken. Wäre aber etwas kurz gedacht. Shakespeare hat sicher mehr zeigen wollen. Mich haben aber in genau dieser Hinsicht die Darstellungen von Macbeth und Lady Macbeth durch Thomas Loibl und Sophie von Kessel nicht überzeugt. Während Shakespeare’s Macbeth ja zunächst ein loyaler Kämpfer für den König Duncan war – den er dann aber umbringt -, spielt meines Erachtens Thomas Loibl von Beginn an einen zu hintergründig denkenden, irgendwie von Beginn an verzweifelten, verwirrten Macbeth.  Das hat gestört. Er macht doch eine Entwicklung durch. Shakespeare zeigt ja, dass es eigentlich erst „Hexen“ – Macbeth‘s Wahnsinn, seine Einbildung? – und dann seine Frau, Lady Macbeth, waren, die ihn zum Mörder machen konnten. Eine wesentliche Aussage von Shakespeare, der sicher ja immer wieder mit dem Aufstieg und Wahnsinn von Tyrannen befasst hatte. Das geht, fand ich, hier etwas unter. Vielleicht auch durch die gewohnten Spielweisen von Thomas Loibl und Sophie von Kessel.

Sophie von Kessel spielte meines Erachtens eine zu selbstverliebte Lady Macbeth. So sauber und verständlich.

Insgesamt aber war Macbeth am Residenztheater sehenswert – wenn auch konventionell, was ich ja nicht so mag -, WENN man eben den „alten“, „herkömmlichen“ Macbeth einmal sehen will.

Mein „Gesamteindruck“ war aber irgendwie: „Mit uns selber kommen wir Menschen nicht zurecht. Wir schauen uns dann lieber etwas an, was mit der heutigen Zeit nichts zu tun hat.“ Shakespeare’r Macbeth am Berliner Ensemble dagegen: Er stellte jedenfalls einen gewissen Bezug zu Heiner Müller und seinem Denken her. Auch das war nicht sehr deutlich, aber dennoch! Und Shakespears Macbeth an den Münchner Kammerspielen: War völlig anders. Hierzu später.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Dashuber, Residenztheater

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  • Schlagwörter freizeit, Gesellschaft, Lifestyle, Macbeth, München, Residenztheater, Schauspiel, shakespeare, Theater

Kategorien
Allgemein

THEATER: Milo Rau – Die Wiederholung

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 11. Dezember 2018
  • 1 Kommentar zu THEATER: Milo Rau – Die Wiederholung

Darf man alle Grenzen sprengen und alles infrage stellen? Diese Frage stellt sich, wenn man von Milo Rau „Die Wiederholung“ gesehen hat. Man kann das Theater – Kammer 3 der Münchner Kammerspiele –  an diesem Abend ansich nur fassungslos, verunsichert und irritiert verlassen, weil alle Grenzen gesprengt worden sind.

Allein schon die tiefe Erschütterung über den grauenhaften Inhalt des Abends würde man ja gerne im Rahmen der bekannten Grenzen – ein Theaterabend eben! – halten. Das geht aber nicht. Schon dann, wenn man sich sagt, „so etwas möchte man nicht im Theater sehen“, hat man es eigentlich falsch verstanden. Dann klammert man sich ja doch wieder an die irgendwie existierenden Grenzen des Theaterschauens! Aber genau mit der Reaktion „Bitte nicht!“ soll man ja vorsichtig sein, sagt der Abend vielleicht. Natürlich kann man sich an die herkömmlichen Grenzen der „Gewohnheit“ festklammern, aber genau um diese Grenzen geht es an diesem Abend! Ich finde es ja immer wieder, wie gesagt, interessant, wenn uns unsere Grenzen bewusst gemacht werden.

Es wird ein vor einigen Jahren in Lüttich tatsächlich geschehener Mord an einem homosexuellen Jugendlichen aufgearbeitet und in vielen Aspekten – auch den Tathergang betreffend – nachempfunden. Schon mit diesem Mord wurden ja faktisch alle Grenzen gesprengt. Es wurde ein Mensch umgebracht. Sinnlos umgebracht von Jugendlichen, die damit ebenfalls völlig ihre Grenzen gesprengt haben. Warum auch immer. Vielleicht weil sie arbeitslos und frustriert waren.

Auch für die Hinterbliebenen des Getöteten wurden alle Grenzen gesprengt. „Warum?“ wird mehrfach von Ihnen und dem Freund des Getöteten gefragt. Sie können es nie verstehen! Es bleiben Ihnen nur völlig ungelöste Fragen.

Und weiter: Auch die Zuschauer werden im Grunde gezwungen, Grenzen zu sprengen. Gewohnte Grenzen des Zuschauens. Wann sieht man schon einmal in einer solchen Nähe und so detailiert nachgestellt einen grausamen Mord? Man ist einem schrecklichen Geschehen ausgesetzt! Noch dazu „untermalt“ von vielen vielen traurigen Emotionen. Gut, man sieht gewöhnlich mal etwa einen König sterben! Aber das ist Theater, reines Theater. Man zuckt mit der Schulter, wenn überhaupt.

Und noch weiter: Auch die Schauspieler sprengen für sich sicherlich Grenzen: Die beiden ältesten Schauspieler (eine Frau und ein Mann) sitzen längere Zeit nackt nebeneinander und küssen sich. Auch das ist ja ungewöhnlich.

Und noch etwas, was mit dem Sprengen von Grenzen zu tun hat: Eine der Mitwirkenden erzählt – in der Person des ehemaligen Freundes des Getöteten – er habe eine Wahrsagerin aufgesucht, um nach einem „Zeichen“ seines getöteten Freundes zu fragen. Wahrsagerei stößt ja herkömmlich auch schnell an die Grenze des Glaubhaften.

Und es ging immer weiter: Anhand der Konfrontation mit all diesen Grenzen werden dem Zuschauer auf einer völlig anderen Ebene weitere Grenzen aufgezeigt und auch diese Grenzen werden gesprengt. Es geht um die Grenzen des Schauspiels.  Das eigentlich große Thema von Milo Rau, der zurzeit wahrscheinlich schillerndsten Figur der europäischen Theaterszene. Es geht ihm nur sekundär um den Mord. Es geht um Schauspiel und Realität. Sicher sind die Grenzen des Schauspiels der Anlass, warum er solche Abende gestaltet. Was ist Schauspiel, was ist Realität?

Ständig wird man an diesem Abend zwischen Schauspiel und Realität hin- und hergeworfen. Ein Beispiel: Der – ich nenne ihn einmal: – „Aufnahmeleiter“ sitzt neben der Frau, die die Mutter des Getöteten spielt, einem Kameramann mit portabler Kamera gegenüber und sagt: „Aufnahme!“. Beide werden gefilmt, schlüpfen sofort in die Rollen der Eltern des Getöteten und erzählen von den Momenten vor und nach dem Mord.

Die Frau wurde – wie andere Mitwirkende auch – zu Beginn des Stückes noch gefragt, warum sie Schauspielerin sei und was sie bisher gemacht habe etc. Also auch hier werden die Ebenen der Privatpersonen und der Schauspieler sowie der dargestellten Personen, den Eltern des Getöteten, vermischt, nebeneinander gezeigt.

Immer wieder diese Vermischung. So wird auch erzählt, wie man tatsächlich – in der Realität der Vorbereitung des Stückes – einen der Verurteilten in Gefängnis besucht hatte! Schauspiel? Realität? Für die Einen ist es Vorbereitung, für die Anderen Vergangenheit.

Auch der Aufnahmeleiter: Er ist der „Aufnahmeleiter“ (und auch den spielt er ja nur, er steht ja auf der Bühne) und er ist plötzlich der Vater des Getöteten. Und daneben ist er natürlich Privatperson. Viele Szenen sind übrigens auf einer Leinwand zu verfolgen, wobei sich auch hier wieder zeigt: Es stellt sich heraus, dass die Aufnahmen, auf die man blickt, gar nicht live vom Kameramann kommen, obwohl sie wörtlich und inhaltlich identisch mit dem sind, was der Kameramann gerade aufzunehmen vorgibt. Also noch eine Ebene. Oder man sieht auf der Leinwand eine Person in einem Bett sitzen, während das gleiche Bett auf der Bühne leer ist.

Und man überlegt wirklich immer mehr: Was ist überhaupt noch reell, was ist Schauspiel! Man hört ja anfangs auch die Aussage, dass Schauspieler, die sich auf ihre Rolle vor Beginn des Abends einstimmen, vorbereiten, im Grunde auf der Bühne gerade deswegen bloß „Schauspieler“ bleiben. Man wird an diesem Abend eigentlich weggeführt von der Schauspielerei. Hin zur Realität!

Milo Rau verfolgt zu dieser Frage ohnehin eine sehr besondere Ansicht: Er hat kürzlich das so genannte „Genter Manifest“ geschrieben. Es sind seine Grundsätze, nach denen er Theater macht. Milo Rau ist derzeit der Intendant des NT Gent. HIER das lesenswerte Genter Manifest (am Ende des verlinkten Beitrags).

Man hat also alle möglichen Grenzen gesehen und musste sie für sich aufheben. Alles wurde infrage gestellt. Eine Schlussfolgerung ist schwer! Ich würde sagen: Es wird einem bewusst gemacht, dass man beim Betrachten eines Theaterstückes im Grunde meistens feige an der Realität vorbeischaut. Auch wenn man meint, an der Realität „nah dran“ zu sein: Es ist nicht die Realität.

Gegen Ende erzählt eine der Mitwirkenden noch eine schöne Geschichte: Sie mag, sagt sie, besonders den 6. Akt von Tragödien: Den Akt, wenn sich alle SchauspielerInnen vor dem Publikum verneigen und wieder vereint sind. Auch wenn sie während des Stückes getötet wurden, verbannt, verletzt, beleidigt, oder was auch immer und wer auch immer. Sie wiederholen das Stück ja schließlich. Die Wiederholung.

Wer sich dem aussetzen will: Heute Abend noch einmal in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr.

©️ des Beitragsfotos: Hubert Amiel, Kammerspiele

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  • Schlagwörter Die Wiederholung, freizeit, Gesellschaft, Kammerspiele, Lifestyle, München, Milo Rau, Schauspiel, Theater

THEATER, LITERATUR: Verrannt!

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 11. Dezember 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER, LITERATUR: Verrannt!

Jetzt habe ich mich irgendwie verrannt! Ich habe in letzter Zeit zuviel gemacht und komme jetzt mit dem Blog nicht mehr nach. Aber bitte: Ich habe einfach mehr Zeit für diese Dinge, als wahrscheinlich (fast) alle anderen. Und das will ich ja nur „teilen“, wie es so schön heißt. Gut, als Rentner könnte man es ebenso handhaben.

Also, da war zuletzt:

– „Macbeth“ von den Münchner Kammerspielen hatte ich gesehen. Da muss ich noch etwas drüber schreiben.

– „Macbeth“ hatte ich kürzlich auch am Münchner Residenztheater gesehen. Auch darüber will ich noch schreiben. Über Macbeth am Berliner Ensemble hatte ich ja Gottseidank schon geschrieben (HIER).

– Das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt über William Shakespeare’s Tyrannengestalten lese ich zu meiner Macbeth-Trilogie gerade noch. Ist natürlich auch einen kleinen Beitrag wert. Es ist schon fürchterlich, wenn man versucht, die Dinge etwas besser zu verstehen.

– Dann hatte ich den Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oskar Wilde gelesen, weil ich kürzlich die Performance „Creation“ nach diesem Roman gesehen hatte (HIER der Bericht). Auch über dieses Buch sollte noch etwas kommen.

–  Gestern hatte ich dann an den Kammerspielen wieder etwas gesehen: „Die Wiederholung“ von Milo Rau. Auch darüber würde ich ja gerne etwas schreiben. Gerade an diesem Stück zeigte sich wieder einmal: Nur konsumieren geht nicht! Ich muss mir Gedanken darüber machen, darüber reden, es steht ja alles immer in einem Zusammenhang!

– Morgen werde ich die Premiere von „Kill the Audience“ an den Kammerspielen sehen. Das ergibt auch wieder einen kleinen Beitrag.

– Und irgendwie habe ich sogar den Eindruck, da fehlt noch etwas.

Und das ist ja nicht unbedingt alles! Ich gebe fast jeden Tag ein wenig Nachhilfe, ich lese noch etwas anderes („4 3 2 1“ von Paul Auster ist es gerade, auch kein schmales Heftchen), ich schreibe manchmal etwas (wenig zurzeit) und so weiter. Alles nicht so einfach. Gut, ich wohne ca. 200 Meter entfernt von den Kammerspielen und zum Residenztheater sind es vielleicht 800 Meter.  Und da ist dann noch ein wenig Politik (die Partei mut in Bayern). Eigentlich alles viel zu viel. Da hat man es ja fast leichter, wenn man einfach arbeitet!

Und der Blog wird neu! Vielleicht morgen!

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  • Schlagwörter Das Bildnis Des Dorian Grey, Gesellschaft, Kammerspiele, Lifestyle, Literatur, Macbeth, München, Milo Rau, Rabih Mroue, Residenz Theater, Rezension, Schauspiel, Theater, William Shakespeare

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil II

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 8. Dezember 2018
  • 1 Kommentar zu THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil II

Was tut man sich an, wenn man sich im Theater Shakespeare’s Macbeth anschaut? Warum schaut man ihn an? Man könnte doch ein Fußballspiel anschauen! Aber Macbeth – das ist doch wirklich kalter Kaffee!

Mord an einem König –  was hat das mit unserer Zeit zu tun? Geht man hin, weil es „Kultur“ ist? Will man sich einfach nur ein wenig von einem schönen Stück „anregen“ lassen? Oder was? Jeder hat so seinen Grund, schön und gut. „Macbeth“ ist ja noch dazu derzeit – ich habe es bereits geschrieben – an mehreren Orten zu sehen. In Berlin, in Wien, an zwei Theatern in München, in Nürnberg.

Und da geht es los: Es gibt Inszenierungen, die „Macbeth VON William Shakespeare“ bringen  und es gibt Inszenierungen, die „Macbeth NACH irgendwem ………….. VON William Shakespeare“ bringen.  So etwa gerade am Berliner Ensemble,  an dem Macbeth NACH … Heiner Müller … VON William Shakespeare zu sehen ist. Ich hatte ja kürzlich darüber geschrieben (HIER).

Und gerade bei den Inszenierungen von Macbeth NACH irgendwem ……….. wird es interessant. Da will jemand auf der Basis von Shakespeare’s Macbeth eine eigene Sicht der Dinge auf die Bühne bringen. So habe ich mir natürlich gestern, Freitag, 17. Dezember 2018, an den Münchner Kammerspielen die Premiere von Macbeth NACH Amir Reza Koohestani VON William Shakespeare angesehen. Amir Reza Koohestani hat schon mehrfach an den Kammerspielen inszeniert.

Die Basis der Inszenierung gestern war weiterhin – im Hintergrund – die Story von Shakespeare’s Macbeth: Macbeth hört von Hexen – den drei „Schwestern“ -, dass er König von Schottland werden kann. Angestachelt von seiner Frau, Lady Macbeth, tötet er den König Duncan und seinen alten Freund Banquo, weil die Hexen vorausgesagt hatten, dass Banquos Nachfahren wiederum Könige werden würden.

Aber wenn ich mir Macbeth NACH irgendwem ansehe, weiß ich, dass ich (auch) etwas anderes zu sehen bekomme. Wenn ich den klassischen Macbeth sehen will, gehe ich nicht hinein. Der Schauspieler Christian Löber – er spielte den „Macbeth“  und eine Person, die Regisseur und Schauspieler für eine bevorstehende Macbeth-Inszenierung ist – sagte kürzlich in einem Interview: „Es braucht eine Idee im Hier und Jetzt, durch die man mit dem Stück verstrickt ist.“ Und: „… wenn man das Theater als Ort wahrnimmt, wo sich die Gesellschaft mit sich auseinandersetzt, muss man mehr machen, als nur ein Märchen zu erzählen.“

So war es auch gestern. Da hat sich also der Iraner Amir Reza Koohestani mit Shakespeare’s Macbeth auseinandergesetzt.  Oder jedenfalls mit einem Thema, das man auch in „Macbeth“ findet. Ist schon einmal aus sich heraus interessant!  Es hat etwas mit Scheitern zu tun. Macbeth scheitert am Ende ja auch, er wird getötet.

Soviel zunächst. Ich muss mir über den Abend noch Gedanken machen, noch kann ich nichts schreiben. Bisher habe ich mich nur angenähert.

©️ des Beitragsfotos: Thomas Aurin, Kammerspiele

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THEATER: Forced Entertainment – Real Magic

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 16. November 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Forced Entertainment – Real Magic

„So, what is the word Richard is thinking of?“

Ich kann es nur empfehlen, deshalb bringe ich hier einmal einen Hinweis:

Heute Abend in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr (und morgen, Samstag, 19.00 Uhr). „Real Magic“ von Forced Entertainment. Das Stück war eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017 als eines der 10 „bemerkenswertesten“ Stücke des Jahres. Ich hatte es in Berlin gesehen und werde es noch einmal ansehen. HIER mein damaliger Beitrag im Blog. Es ist eine Performance, kein Theaterstück. Was ich besonders daran mochte, ist, dass mit wirklich allereinfachsten Mitteln im Grunde viel vom ganzen Leben gezeigt wird. Es ist im Grunde eine einzige Szene, die sich permanent wiederholt. Witzig und ernst zu gleich. Tim Etchells, (Mit-)Gründer von Forced Entertainments, sagte einmal ungefähr: Mit diesem Stück sind wir dort angekommen, wo wir mit unserer Gruppe hin wollten.

HIER die Seite zum Abend auf der Website der Kammerspiele.

HIER die Website von Forced Entertainment.

Und HIER ein Video mit Ausschnitten von Real Magic und einem Gespräch mit Tim Etchells, dem Gründer von Forced Entertainment.

ÜBRIGENS HEUTE AUCH – IN BERLIN UND DORTMUND:

Am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund läuft heute zeitgleich und miteinander verknüpft ein Stück, das ich auch einmal gerne sehen würde. Titel: „Parallelwelten“. Die zwei siebenköpfigen Schauspielensembles auf den Bühnen im Berliner Ensemble und im Schauspiel Dortmund spielen zeitgleich miteinander Theater. Sie sind, wie das Publikum, zugleich voneinander getrennt und doch sicht- und hörbar miteinander verbunden, in Echtzeit: durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.

HIER der Link zur Seite des Berliner Ensembles, Unterseite „Parallelwelten“.

Und HIER der Link zum Schauspiel Dortmund, Unterseite „Parallelwelten“.

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  • Schlagwörter Forced Entertainment, Gesellschaft, Kammerspiele, Leben, Lifestyle, München, Performance, Real Magic, Schauspiel, Theater

THEATER: Rimini Protokoll und Thomas Melle – Unheimliches Tal/Uncanny Valley

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 15. November 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Rimini Protokoll und Thomas Melle – Unheimliches Tal/Uncanny Valley

Heute Abend gibt es vielleicht noch ein paar Restkarten. Es wird die letzte Vorstellung im November sein. Im Dezember kommt es dann zweimal. Mehr weiß ich nicht. Ich habe es leider erst gestern gesehen, konnte also nicht früher darüber schreiben.

Davor wurde gerade noch – in anderer Runde – über „politisches Theater“ gesprochen und dann sieht man es in der Vorstellung „Unheimliches Tal“ (Es ist eine Produktion von Rimini Protokoll und  dem Autor Thomas Melle. Letzterer ist ja sehr bekannt geworden durch sein Buch „Die Welt im Rücken“.  Und das Theaterstück „Die Welt im Rücken“ am Wiener Burgtheater hat Furore gemacht): Die Zeit überrennt uns! Da hilft kein politisches Hin oder Her. Gut, umso mehr müssen wir aufpassen, wie wir die Veränderungen politisch steuern. Aber aufhalten können wir sie nicht. Einige jedenfalls nicht. Es geht in der Politik eben immer um das „Wie“. Das „Was“ kommt ohnehin. So erlebt man auch „Unheimliches Tal“ (HIER der Link zur Seite des Abends bei den Kammerspielen). Man sitzt einer Person gegenüber, die kein Mensch ist, sondern ein Roboter. Ein sogenannter humanoider Roboter. Eine Stunde lang redet er mit dem Publikum. Und als Zuschauer hat man bisher sicher zumeist ungekannte Eindrücke.

– Er bewegt sich genau so, wie wir es kennen oder erwarten, wenn geredet wird. Man merkt fast, was man für Erwartungen hat. Oder Gewöhnungen. Gut, an seinen Bewegungen erkennt man schon noch, dass es ein Roboter ist. Aber das ist ja vielleicht gerade gewollt! Man fühlt sich vielleicht umso mehr in einer eigenartigen Position! Und weit ist es wahrscheinlich nicht mehr bis dahin, dass man es nicht mehr erkennt, kann man sich vorstellen.

– Er sieht menschlich aus. Wie Thomas Melle.

– Er erzählt von sich als Thomas Melle, den er ja verkörpert.  Und er erzählt von sich als Roboter. Er erzählt, wie unangenehm es ihm war, nachgebaut zu werden.

– Er bezieht das Publikum in seine Überlegungen mit ein. Schon dadurch gibt man ihm irgendwie menschliche Qualitäten.  Man fühlt sich ja plötzlich betroffen. Man weiß: Man sitzt einem Roboter gegenüber, aber dieses Gefühl verwischt immer wieder.

– Er stellt Fragen in des Publikum. Er schaut einen an.

– Entwickelt man Empathie für ihn? Findet man es nicht sogar gut, dass er so  verständlich und unaufgeregt redet?

–  Man hat ja fast weniger Zweifel dem Roboter gegenüber. Er wird ja wohl keine Fehler machen. Nicht irgendwie emotional reagieren.

– Wie ist das Verhältnis von Thomas Melle zu seinem Nachbau? Und man fragt sich fast: Wie ist andersherum das Verhältnis des Nachbaus zu Thomas Melle? Obwohl das ja gar nicht geht. Oder doch irgendwann?

– Es geht hin und her. Dann erzählt er etwa, dass er ein Interview geführt hatte. Und auf der hinter ihm stehenden Leinwand sieht man Thomas Melle als menschliche Person, wie er dem Interviewpartner zuhört.

– Und dahinter steht ja noch eine Thematik: Thomas Melle leidet ja an bipolarer Störung, also der Entfernung von sich selbst (oder Persönlichkeitsspaltung oder ähnlich, ich bin kein Mediziner). Und genau das geschieht ja auch wieder mit Thomas Melle, wenn er auf eine gleich aussehende Roboteranimation blickt.

Lauter solche Eindrücke schwirren geradezu um einen herum, wenn man diese Stunde verfolgt. Und dann kann man sich denken: Naja, in Altersheimen etwa, für die Seniorenpflege, wird so ein Roboter vielleicht bald schon einmal eingesetzt werden! Ob das aufgehalten werden kann oder ob es dann wieder nur um das „Wie“ geht?

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Sonstiges

SONSTIGES: Kasper König

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 14. November 2018
  • Keine Kommentare zu SONSTIGES: Kasper König

ACHTUNG!  Über den Abend, zu dem ich hier schreibe, ist eine Diskussionen entstanden. Dem einladenden Moderator Kasper König wird vorgeworfen, sich gegenüber den Gästen, vor allem gegenüber Cana Bilir-Meier, herabwürdigend geäußert zu haben. Die Kammerspiele haben daher den Mitschnitt der ganzen Veranstaltung online gestellt. Jeder kann sich ein Bild machen.

HIER  der Link. Akustisch schwer verständlich, aber es geht.

Was ich kurz nach der Veranstaltung geschrieben hatte:

Ich war wieder auf einem dieser Abende, die man kaum versteht. (Ich gebe mir zwanzig Minuten Zeit, um kurz dazu zu schreiben.)

Interessant, was andere, sehr engagierte, schlaue Menschen so drauf haben! Es war ein Abend in der Gesprächsreihe mit Kasper König, einer der „herausragenden Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt und langjähriger Direktor renommierter Ausstellungsorte wie Portikus in Frankfurt a. M. oder Museum Ludwig in Köln“. Alle zwei Monate findet in den Kammerspielen ein solcher Abend statt. „Kasper König &“ heißt die Serie. Kasper König trifft sich in „Kammer 3“ in der Regel mit ausgewählten KünstlerInnen und KuratorInnen zu einem Podiumsgespräch. Auch manchmal unter Teilnahme der ZuschauerInnen (ZuhörerInnen). Dieses Mal ging es sehr lange, war sehr engagiert, kontrovers – unter reger und interessanter Teilnahme von ZuschauerInnen.

Zu Gast waren dieses Mal die jungen KünstlerInnen Cana Bilir-Meier, Henrike Naumann, Wilhelm Klotzek. Es sollte darum gehen, was man in der Kunst mit dem Begriff „Heimat“ anfangen kann. Zu Gast am 17. Dezember ist Michaela Meise. HIER die Ankündigung und Infos zu Michaela Meise. Bereits zu Gast waren Alexandra Pirici, Frances Morris, Thomas Bayrle, Helga Fanderl, Okwui Enwezor, Jeremy Deller, Lisa Endriss, Joanna Warsza.

Ich wusste schon, was mich erwartet: Kasper König redet oft in schier unaufhörlich langen Sätzen und man wird in seinen schön unkonventionellen Sätzen innerhalb weniger Sekunden auf verschiedenste Aspekte zu einem Gesichtspunkt geschleudert. Immer aber mit sehr großem und offenem Weitblick! Im Grunde kann man seine Aussagen garnicht so verstehen, wie er sie meint. Soviel ist in jedem verworrenen Satz drin. Diesmal hatten die drei Gäste ihre Arbeiten zum „Rechtsruck“ der Gesellschaft vorgestellt, bevor Kasper König eigentlich versteckt vor allem die Arbeit von Cana Bilir-Meier kritisierte. Cana Bilir-Meier hatte ihre sehr dokumentarische Arbeit über die islamische Moschee in Freimann und deren Gründung 1969 erklärt. Es ergab sich im Laufe des Abends dann vor allem ein Thema:

Was ist denn überhaupt Kunst?

Kasper Königs Ansicht (glaube ich): Kunst besteht am besten außerhalb der Gesellschaft. Nicht innerhalb der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft herrscht ja eine gewisse ständige Selbstbestätigung und ein gewisses Phlegma (meine Worte). Und Kunst könnte ja nur etwas bewirken, wenn es nicht an dieser Selbstbestätigung teilnimmt!  Und „etwas bewirken“ heißt ja, dass die Gesellschaft auch durch Kunst weiterkommt! Kunst schleicht sich gewissermaßen in die Gesellschaft ein und verkauft sich allenfalls als Kunst! Aber der Kunst geht es eigentlich gar nicht darum, Kunst in der Gesellschaft zu sein! Sie will nicht der Bestandteil „Kunst“ in der Gesellschaft sein! Das kann ich gut nachvollziehen!  Soweit ich es verstehe! Ich bin ja kein Philosoph. Kasper König sagte auch, da sei es in München schwer: In München habe man alles, die Berge, die Seen, eine wunderschöne Stadt, etc. Kunst und Kultur solle in München das Schöne am besten nur ergänzen. Das sei dann aber eben eher „Kunst zur Verschönerung des Lebens“ (meine Worte), könnte man sagen. Fand ich interessant. Ich finde, es lohnt sich in der Tat, künftig einmal darauf zu achten, in wieweit das, was ich mir so ansehe, innerhalb oder außerhalb der Gesellschaft steht! Wie weit ist es weg vom  gesellschaftlich Gewohnten! Nun, das nur kurz in meinen Worten. Kasper König wird den Kopf schütteln bei diesen amateurhaften Betrachtungen.

Ein weiterer Aspekt jedenfalls, der auch kurz angesprochen wurde: Wir leben aktuell in Zeiten, in denen wir wieder über alles reden müssen! Reden, diskutieren, hören, überdenken etc. Auch interessant!

©️ des Beitragsbildes: Arne Wesenberg

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THEATER: Politik im freien Theater – Zvizdal

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 9. November 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Politik im freien Theater – Zvizdal

Das Motto des Festivals lautet „Reich“. Das Gegenteil von reich ist arm.

Nun, auf den ersten Blick könnte man meinen, dass speziell die Produktion „Zvizdal“ von der Gruppe BERLIN „Armut pur“ zeigte. Die Journalistin und Dramaturgin Cathy Blisson und die belgischen Multimedia-Künstler Bart Baele und Yves Degryse haben sich zusammengetan als die Theatergruppe BERLIN. Man sah einen sehr berührenden Film, in dem es letztlich um viel mehr ging, als um Armut:

Ein altes Ehepaar (vielleicht auch nicht verheiratet), Petró und Nadja, beide um die 90 Jahre alt, lebt/lebte – wirklich! – seit 30 Jahren in völliger Einsamkeit im gesperrten Gebiet von Tschernobyl. Alle Menschen wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 evakuiert, alle Gebäude und Wege des Ortes Zvizdal sind zugewuchert, eingefallen, sie haben kein Telefon, keinen Strom, kein fließend Wasser, keine Post, nur ein schlecht funktionierendes Radio. Sich und die Natur. Es gibt sonst nichts.

Das  immer älter und zerbrechlicher werdende Paar lebte weiter in seinem Häuschen, vor allem Nadja wollte ihre Heimat nie verlassen. „Das Gras ist woanders auch nur grün!“ sagte sie. Doch: Sie haben/hatten etwas: Ein schon kaum mehr gehfähiges Pferd, eine Kuh, einen Hund und eine Katze. Pferd, Hund und Kuh starben dann. Petró auch.

Sie erinnerten mich fast an Adam und Eva im Greisenalter, im Grunde dahinlebend und auf den Tod wartend. Was sollten sie auch anderes machen? Abseits jeglicher Zivilisation. Sie wurden über drei Jahre hinweg mehrfach von den Mitwirkenden der Gruppe BERLIN besucht und gefilmt. Einmal pro Jahr –  an einer Art Totensonntag – kamen von fern her ein paar Menschen, um Gräber von Personen zu besuchen, denen diese Menschen nahestanden. Und es gab eine Tochter, die alle paar Monate vorbeikam und dann vielleicht Schweineschmalz und Medikamente brachte.

Es waren verschiedenste Fragen und Beobachtungen, die sich auftaten, wenn man den unglaublich ruhigen Film ansah. Um „Armut“ ging es am wenigsten fast.

– Wie kann man eine solche Einsamkeit ertragen? (Gut, zu zweit war es immer noch etwas anderes!)

– Sie waren nicht „verfallen“, hatten sich nicht aufgegeben. Nein, sie wirkten irgendwie fast kultiviert. Sie haben jeden Tag das Gartentor zu ihrem Hof geschlossen, haben auf dem Feld mit letzten Kräften gearbeitet. Petró sollte das Laub zusammenkehren. Und bei allem haben sich beide irgendwie rücksichtsvoll dem anderen gegenüber verhalten. Sie liebten einander immer noch.

– Waren sie glücklich? Waren sie traurig?

– Wir in unseren Gefilden sind es ja gewohnt, uns selber ständig abzulenken und auch alt werdende Menschen möglichst bis zum Tod abzulenken. Aber was es heißt, nur zu leben, das haben die beiden erlebt!

– Vielleicht war es viel Demut und ihre Liebe zueinander und vielleicht auch zu ihrem Fleckchen Erde, was sie hielt! Sie sagten ja mehrfach im Film Dinge wie: „Es ist eben so, was soll’s. Mein Gott, so ist es eben“. Sie strebten offenbar nicht – im hohen Alter ohnehin nicht mehr –  nach irgendetwas, sondern versuchten, das Leben zu leben. Winter und Sommer, Winter und Sommer…

– Können wir uns das überhaupt vorstellen, ein Leben ohne ein Streben nach irgendetwas?

– Im anschließenden Publikumsgespräch wurde erzählt, dass es zum Beispiel nicht möglich war, Ihnen allzu viel mitzubringen. Schnell wurde nämlich eine Grenze erreicht, wo sie nichts mehr annehmen wollten! Sie hatten sich abgegeben mit ihrem Leben! Das Leben pur, nicht Armut pur. Armut oder Reichtum spürten sie sicher garnicht mehr! Dazu passend gibt es ja noch eine Veranstaltung:

WAS MACHT DAS LEBEN REICH?

PHILOSOPHISCHES GESPRÄCH FÜR ALLE GENERATIONEN
11. NOVEMBER, 15 – 17 UHR,
MÜNCHNER KAMMERSPIELE, KAMMER 3

HIER die Festivalseite zur Produktion.

HIER die Website der Gruppe BERLIN, die das Projekt gemacht hat. Auch Videos kann man dort zur Produktion „Zvizdal“ sehen.

©️ Frederik Buyckx

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THEATER: Politik im freien Theater – School of Disobedience

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 9. November 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Politik im freien Theater – School of Disobedience

Im Rahmen des Festivals Politik im freien Theater findet heute Abend folgende Veranstaltung statt:

SCHOOL OF DISOBEDIENCE: EIGENTUM

09. NOVEMBER, 19 – 20.30 UHR,
MÜNCHNER KAMMERSPIELE, KAMMER 3

„Die Frage nach Eigentum und Umverteilung, schon im 19. Jahrhundert zentraler Konfliktpunkt, ist bis heute ungelöst. Wie können wir Eigentum neu denken und moderne Technologien einsetzen, um zu neuer Umverteilung zu kommen? Wie entsteht Wert, und wer entzieht der Gesellschaft Wert? In kleinen Gruppen werden Expert/innen unterschiedlicher Disziplinen diese und andere Fragen im Rahmen eines politisch-partizipatorischen Workshops mit den Teilnehmenden diskutieren. Die School of Disobedience ist eine hybride Wissensorganisation, ein Netzwerk von Menschen auf der Suche nach Ideen für ein gerechtes Leben für alle.“

Ich finde, das sind interessante Fragen, deswegen bringe ich hier die Ankündigung der Veranstaltung.

Über die School of Disobedience liest man auf der Website der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin:

Die School of Disobedience ist ein experimentelles Format, das neue Wege der unabhängigen Wissensproduktion im 21. Jahrhundert testet. Sie ist aus dem Geist der Stadt Berlin geboren, die ein Bild für diese Zeit und diese Welt ist, heterogen, international, politisiert. Ziel der School of Disobedience ist es, dieses Potential der Stadt zu bündeln und für die Arbeit an einer gemeinsamen Zukunft fruchtbar zu machen. In der Verbindung von humanistischen und technologischen Perspektiven gilt es, konkrete Projekte anzustoßen, die einen progressiven Gesellschaftsbegriff verwirklichen und unseren Gerechtigkeitssinn schärfen.

In der Spielzeit 2018/19 wird die School of Disobedience im Grünen Salon in einer Reihe von Veranstaltungen Fragen von Form und Inhalt para-akademischen Arbeitens testen. Es wird Seminar-Formate geben, die sich an alle richten, die an der Verbindung von akademischem und aktivistischem Denken und Arbeiten interessiert sind, eine Werkstatt für Technologen wie Theoretiker, ein Makerspace für Menschen mit Erfahrungen in den verschiedensten Bereichen, von Jura zu Coding, von NGO zu Universität. Zusätzlich zu den wöchentlich stattfindenden Seminaren finden öffentliche Abendveranstaltungen und ein „Open Lunch“ statt.

Die School of Disobedience wird unterstützt von der Nemetschek-Stiftung.

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THEATER: Politik im freien Theater – Who Moves?

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 7. November 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Politik im freien Theater – Who Moves?

Es geht noch bis Sonntag, das Festival „Politik im Freien Theater“. Es wird noch ein paar interessante Produktionen und ein interessantes Rahmenprogramm mit Diskussionen etc. geben. Ich habe gestern in der Muffathalle die Produktion „Who Moves“ von der Performancegruppe Swoosh Lieu gesehen.

HIER der Link zur Seite der Produktion.

Und HIER die Website von Swoosh Lieu. Als SWOOSH LIEU arbeiten aktuell Johanna Castell, Katharina Pelosi und Rosa Wernecke zusammen. Sie studierten am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen und realisieren seit 2009 gemeinsam mit anderen Künstlerinnen Projekte im Bereich Performance und Installation. Auf der Unterseite zu „Who Moves“ sieht man ein Video zur Produktion und weitere Fotos.

Irgendwie war ich überfordert. Die Gruppe Swoosh Lieu ist bekannt dafür, dass sie – mit feministischem Ansatz – sehr präzise arbeitet. Fast dokumentarisch, sachlich. So auch in „Who Moves“. In der völlig verdunkelten und leeren Muffathalle werden im Laufe des Abends ziemlich bald beleuchtete Plexiglastische aufgestellt. Davor gab es Texte von Frauen auf dem schwarzen Boden der Halle zu lesen. Die dann um die Tische herum sitzenden Zuschauer sehen dort – siehe das Video –, wie Fotografien von Frauen und bestimmten Eindrücken zum Thema „Flucht und Migration von Frauen“ über den Tisch verschoben werden. Wie in einer Redaktion. Die Zuschauer können die Bilder nur erkennen, indem sie leere weiße Blätter über den Tisch schieben und so die Bilder sichtbar machen, die von oben auf die Tische projeziert werden. Sehr fein und ausgeklügelt ausgedacht. Zusätzlich kann man an den Tischen Texte von Personen lesen und hören, die sich über diese Bilder unterhalten. Man muss sich konzentrieren, man hat ja Kopfhörer auf, auf denen man die Texte, die man sieht, auch noch hört.

Am Ende der Veranstaltung werden an den beiden Längsseiten der Hallen schwarze Vorhänge zur Seite geschoben, sodass man genau diese Fotoaufnahmen  – zunächst verkehrt herum an der Wand hängend – jetzt in Ruhe und wirklicher Schärfe und Genauigkeit ansehen kann. Die Zuschauer gehen hin und können jedes Foto umdrehen, richtig herum an die Wand kleben, und gleichzeitig Texte über einzelne der gezeigten Frauen lesen. Man merkt, wie sich individuelle, engagierte und sehr persönliche, unerwartete Lebensideen hinter den auf den Fotos gezeigten Frauen auftun. Es scheinen mir intellektuelle Frauen zu sein. Es scheint darum zu gehen, zu zeigen, dass auch in der Flüchtlingsbewegung eine Frauenbewegung versteckt ist.

Fazit: Eine präzise, einfallsreich und kompliziert ausgeklügelte Veranstaltung. Man war in einer sehr besonders gestalteten Situation. Nichts für einfache Geister. Inhaltlich ging es wohl auch – nicht nur – darum zu zeigen, dass all die immer gleichen Fluchtbilder, die wir ständig erleben oder erlebt haben, eigentlich oft einen falschen Eindruck von den gezeigten Menschen vermitteln. Vielleicht müssen wir mehr anerkennen, dass hinter den „MigrantInnen“ teils hochinteressante und komplexe Leben stecken, die sehr bereichernd sein können. Und Swoosh Lieu zeigt die feministische Kraft, die im „Migrantenstrom“ steckt.

 

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THEATER: Politik im freien Theater – Creation (Pictures for Dorian) von Gob Squad

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 6. November 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Politik im freien Theater – Creation (Pictures for Dorian) von Gob Squad

In jeder Sekunde unseres Lebens tragen wir doch unbewusst jedenfalls Überlegungen wie diese mit uns herum: Wie bin ich eigentlich? Wie sehe ich mich? Bin ich überhaupt so, wie ich mich sehe? Was bedeutet es: Sich selbst zu sehen? Denn wie sehen andere mich? Und wie sehe ich andere? Sehen Sie sich selbst auch so? Ständig geht es uns ganz unbewusst darum und um ähnliche Fragen. Schon wenn wir morgens aufstehen und in den Spiegel schauen: Was wollen wir an uns sehen? Was wollen wir nicht sehen? Können wir etwas verbergen? Oder etwas vortäuschen? Wie machen wir uns zurecht? Wofür? Und dann kommt hinzu, dass wir uns ständig verändern! Wir werden älter!

Die Performancetruppe Gob Squad hat diese Ansätze, mit denen wir alle durchs Leben gehen, mithilfe der Idee des Dorian Gray in Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray„ aufgegriffen. Theaterfreunde kennen Sie natürlich: Die Performancetruppe Gob Squad.

In den Münchner Kammerspielen waren sie vor circa zwei Jahren mit einem, wie ich finde, schönen Abend zu Tolstois „Krieg und Frieden“. HIER die Seite der Münchner Kammerspiele zu „War and Peace“.  Das Münchner Publikum hatte diesen performativen Ansatz damals leider kaum verstanden oder verstehen wollen!

Jetzt war Gob Squad Teil des Festivals „Politik in Freien Theater“. Creation (Pictures for Dorian). Wobei: Ich fragte mich schon, was dieser Abend, an dem es um unsere Vergänglichkeit und den Wunsch nach Schönheit irgendeiner Art geht, mit „Politik“ und mit dem Motto „Reich“ zu tun hat? Nun, im Rahmen des Festivals gibt es eine Ringvorlesung (HIER der Link). Und dort gibt es am 09.11. im Pathos das Thema: „Schön und Reich“. Zu dieser Veranstaltung heißt es:

Woll(t)en wir das nicht alle werden: „schön, reich und berühmt“? Aber: Macht das glücklich? Wie sieht überhaupt so ein schönes, reiches, berühmtes Leben aus? Der Glaube an die wechselseitige Abbildung von reich und schön ist allgegenwärtig. Schönheit und Reichtum versprechen nicht nur die Erfüllung aller Wünsche und Sehnsüchte, sondern auch ein Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge und Grenzen. Oder: „Armut macht hässlich“? Unser Podium wird den Zusammenhang von reich und schön entlang von Impulsvorträgen befragen und mit dem Publikum diskutieren.

 

So gesehen steht der Abend von Gob Squad doch im Zusammenhang mit dem Thema „Reich“. Und im Onlineauftritt des Festivals heißt es zur Performance von Gob Squad:

The German-British collective helps itself to a number of themes from the work of Oscar Wilde. Above all, the narcissist’s split personality – the image onto which Dorian Gray delegates all his negative characteristics, so that he can maintain his ideal image of himself. From this starting point, Gob Squad unleash a myriad variety of ideas and brilliant associations to create what is perhaps their most personal and honest show to date. Together with locally recruited performers, they reflect on truth and illusion in art and on the role of the human body within the capitalist logic of exploitation.

Die Mitglieder von Gob Squad sehen sich ja selbst älter werden! Es gibt Gob Squad  jetzt seit 25 Jahren! Auch Sie sehen, dass sie älter geworden sind. Sie sehen sich selber, hört man zu Beginn, noch zwischen Jung und Alt! Sie fühlen sich jung aussehend – und geistig älter! Sie merken aber auch: Der Körper altert, nur der Körper!

Gob Squad bringt eine gelungene Performance zu diesen Gedanken, drei junge und drei alte Amateurschauspueler aus der Stadt, in der sie auftreten, sind eingebunden. Und in verschiedensten Szenen geht es um das Verhältnis zum Älteren in uns und zum Jüngeren in uns. Mit Gesprächen mit der Vergangenheit, Gesprächen mit der Zukunft, mit Gesprächen vor dem Spiegel, mit  persönlicher Selbstdarstellung und und und. Tja, und niemand kann die Zeit anhalten!

HIER  die Projektseite zu Creation im Onlineauftritt von Gob Squad mit einigen weiteren Fotos.

UND HIER ein  schönes kleines Video zu Creation, auch von der Website von Gob Squad.

Hier noch ein Foto:

Gob Squad zeigt: „ Creation (Pictures for Dorian) „ HAU Zwei, Urauffuehrung am 2. und 4. Mai 2018.
Titel: Creation (Pictures for Dorain). Nach Motiven von Oscar Wildes. Konzept und Regie: Gob Squad. Kostueme: Ingken Benesch. Buehne: Lena Mody. Video: Miles Chalcraft. Licht: Chris Umney. Ort: HAU Zwei Hebbel am Ufer. Urauffuehrung: 2. und 4. Mai 2018. No model release. copyright: david baltzer/bildbuehne.de. Spieler*Innen: Sharon Smith, Berit Stumpf und Simon Will; Gaeste: Parisa Madani, Naomi Odhiambo, Christopher Adams-Cohen, Susanne Scholl, Rita Dieter Scholl und Beatrice Cordua u.a.. „Engl.“ theatre, actor, performer || 2 Premieren mit 2 Casts

 

©️ der Fotos: Davd Baltzer/bildbühne (?)

 

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THEATER: Politik im freien Theater – Paradise Now

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 1. November 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Politik im freien Theater – Paradise Now

Da ich in den nächsten zehn Tagen fast täglich im Theater sein werde, um die verschiedensten Veranstaltungen des Festivals „Politik im Freien Theater“ anzusehen, habe ich mir überlegt, dass ich zu dem, was ich sehe, immer kurz und spontan schreiben werde.

Los ging es heute mit Paradise Now von der Truppe Fabuleuse. HIER die Onlineseite von Paradise Now. Am Ende der Seite findet man übrigens einen Trailer!

Zunächst: Was ist das für ein Festival? Es wird von der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet, existiert seit 1988 und findet mittlerweile im Drei-Jahres-Rhythmus in wechselnden deutschen Städten statt. Bisher in Bremen, Dresden, Berlin, Hamburg, Stuttgart, Köln und Freiburg. Gezeigt werden Produktionen der Freien Theaterszene, die sich mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen. Aber nicht nur ansehen, sondern selber auch etwas machen! sagte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, neben OB Dieter Reiter Redner bei der Eröffnung des Festivals. Irgendwo beitreten, soziales Engagement, NGO, eine Partei gründen etc. Es ist ja sonst die Gefahr, dass man ganz engagiert „entre soi mêmes“ bleibt.

Die Münchner Ausgabe steht unter dem Motto „reich“. Sie fragt nach wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Ungleichheiten. Die Schere zwischen „arm“ und „reich“ öffnet sich immer weiter – sowohl im lokalen und nationalen als auch im globalen Maßstab. Das Festival beleuchtet das Wohlstandsgefälle in Deutschland und Europa, richtet aber auch das Augenmerk auf die Situation in der bayerischen Landeshauptstadt. Gerade die Flüchtlingsthematik zeigt anschaulich, wie eine postkoloniale Situation, die eigentlich nur im Weltmaßstab zu verstehen ist, auch im Geschehen vor Ort sichtbar wird.

 

Wer daran glaubt, dass gesellschaftspolitische Themen auch in das Theater gehören, sollte sich in der Tat unbedingt das Programm dieses Festivals ganz genau ansehen! Es gibt auch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Diskussionen, Lesungen, Vorträgen, Film, Ausstellungen, Konzerten und jeden Abend Party.

Paradise Now: 13 Jugendliche – wirklich sehr junge Mädchen und Jungs – zeigen ihr Lebensgefühl auf der Bühne in einer wilden Show, in der sie sogar etwas weiter zurückgehen, als ihr Lebensalter ist. Sie zeigen in jeweils kurzen Standbildern „ikonische“ Ereignisse seit den 68ern auf. Meist Erinnerungen an grausame Eregnisse, Korea, Srebrenica, 9/11, Olympia 1972, Israel/Palestina, Abu Graib, Syrien, etc. Aber auch Titanic, Muhammad Ali, die Gründung von Microsoft, das erste Handy etc. Fast erschütternd ist es dann, wie sie gegen Ende der Show zig Minuten lang bei wildester „Musik“ die völlige Zerrissenheit jedes Einzelnen zeigen, wie jeder um sich selbst kreist, unfähig ist innezuhalten, völlig hemmungslos ist. Sie klettern in die Zuschauerränge und ziehen sich Hemd und Hose vom Leib. Die Jungs und Mädchen völlig zügellos. Das scheint das Lebensgefühl zu sein, so, wie Sie es jedenfalls sehen! Sie schreien ihre Unzufriedenheit mit den Entwicklungen in das Publikum. Da sitzt man also der wirklich jungen Generation 12- bis 15-jähriger gegenüber, der ja die Welt gehört, und muss sich alles anhören! Etwas später erklärt sich jeder am Mikrofon zu seinen Wünschen und Klagen. Ich habe es leider nur akustisch schlecht verstanden!! Danach kommt eine Phase, in der sie alle ruhig am Boden liegen. Vielleicht ein Wunsch.

Es heißt: Die Jury war beeindruckt von der Ehrlichkeit, mit der die Jugendlichen ihre Lebenssituation beschreiben und ihrer Verzweiflung, aber auch ihrer Hoffnung Ausdruck geben, fernab von Floskeln und Stereotypen. Als sehr grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob oder inwieweit politisches Handeln – und damit politisches Theater – heute (noch) möglich ist, steht „Paradise Now (1968 – 2018)“ deswegen am Beginn des Festivals.

So ging das Festival los! Es wird sicher äußerst kritisch! Und Kritik ist immer wichtig!

HIER der Link zu den einzelnen Produktionen des Festivals.

HIER der Link zur Startseite des Onlineauftritts des Festivals. Von dort aus kann man auch das Rahmenprogramm einsehen.

 

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Gesehen und gehört

THEATER: Politik im Freien Theater

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 31. Oktober 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Politik im Freien Theater

Mein Theaterwahnsinn geht weiter! In Kürze beginnt das Festival „Politik im Freien Theater“, erstmals in München, vom 1. bis 11. November! Ich werde einige Stücke sehen und sicher darüber schreiben. HIER der Link zur Veranstaltungsseite!  Ein umfangreiches Programm!

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THEATER: Christopher Rüping – Dionysos Stadt

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 15. Oktober 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Christopher Rüping – Dionysos Stadt

Nils Kahnwald, Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen, hat zu Beginn des Theatermarathons in einführenden Worten an das Publikum von einem Sonnenaufgang erzählt.

Es entsteht so etwas wie eine Klammer um den Tag, den Abend (von 13 Uhr bis 23 Uhr). Nils Kahnwald stellt sich vor, dass der Mensch in 3000 Jahren – nach der Zerstörung der Erde – wieder aus Höhlen kriecht, endlich ohne Eigenschaften wie Gewinnsucht, Gier etc., nur in Demut, und erstmals wieder einen Sonnenaufgang beobachtet. Nach 700 Jahren. Und ganz am Ende des langen Tages sitzt man in den Kammerspielen und ganz langsam geht eine große Sonne auf. Alle – die Schauspieler und die Zuschauer – schauen minutenlang gebannt bei lauter werdender Musik zu.  Man ist richtig eingewickelt in den Anblick dieser riesigen, aufsteigenden Sonne und die dröhnende, irgendwie schöne Musik. Und vielleicht fühlt man da ja diese Demut. Nils Kahnwald sagte zu Beginn auch, es käme am Ende das Schönste, was er im Theater je gesehen habe. Ist subjektiv natürlich und hebt die Spannung natürlich!

Ich habe aber jetzt schon zweimal an den Münchner Kammerspielen „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping gesehen. Wie bei den Dionysien werden drei Tragödien und ein heiteres Nachspiel, das „Satyrnspiel“, das das aktuelle Leben aufgreift, gebracht, eine Tetralogie. Ein 10-Stunden-Theatermarathon, der zurzeit an jeweils einem Wochenende pro Monat läuft. HIER der Link zur Onlineseite zum Stück.

Es ist natürlich ein besonderer Tag. Warum besonders? Es gibt mehrere Gründe: Worum es geht – kleine Momente – nochmal kleine Momente – Lerninhalte und der Mensch – die Schauspieler und Schauspielerinnen – die Gesamtheit – das Gemeinschaftsgefühl – fehlende Bedrängnis – die Schlichtheit – kleine Fragen:

1. Die Antike: Es geht bei „Dionysos Stadt“ nicht nur um die Erzählung der antiken Stoffe, Rüping spannt – fast unmerklich – einen weiteren Bogen hin zu Fragen, die jedenfalls immer leicht mitschwingen.  Das hat ja auch die Antike ausgemacht damals. Der Mensch! Der Mensch zwischen Schicksal und Selbstbestimmung, oftmals zerstörerischer Selbstbestimmung. Der Mensch sah sich ja lange in der Gewalt von Göttern, Zeus etc. Und gegen den Willen von Zeus hat dann Prometheus den Menschen davon befreit, so die Sage, er gab den Menschen das Feuer. Der Mensch geht seither seinen eigenen Weg, wurde fähig (oder verdammt dazu), Wissenschaft und Technik immer weiter zu entwickeln. „Und dann kam ich, Nils Kahnwald“, sagt Nils Kahnwald  im Stück an entsprechender Stelle, als der Mensch von den Göttern befreit war.

2. Es gab dann einen kleinen Moment gegen Ende des Theatertages, der plötzlich alles enthielt. Trotz dieses langen Theatertages und -abendes hatte man offenbar die Kraft, solch kleine Momente zu erkennen! Im Satyrnspiel, dem vierten Teil: Einzelne SchauspielerInnen blieben plötzlich regungslos auf dem kleinen Fußballfeld stehen, das man sah, unterbrachen ihr Fußballspiel, standen nur im Weg und blickten stumm in den Himmel. Um sie herum wurde weitergekickt, vorne auf dem kleinen Kunstrasenfeld auf der Bühne. Nils Kahnwald wiederum, er erzählte dazu die Geschichte des Kopfstoßes von Zinédine Zidane beim Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2006. Das war ja auch ein kleiner Moment. Er rezitiert den Text von Jean-Philippe Toussaint (La Melancholie de Zidane) zu diesen berühmten Sekunden. Es habe etwas für Zinedine Zidane Unausweichliches gehabt, der Kopfstoß. Etwas, was sich schon während des Spiels angekündigt habe. Etwas, das mit Melancholie zu tun habe, weil er seine Karriere nie anders hätte beenden können. Schicksal und Selbstbestimmung!

3. Der Abend hatte mehrere solcher Momente. Momente, die im Grunde das Mitschwingende hervorbrachten: Etwa wenn Benjamin Radjaipour mittendrin – während der Orestie, dem dritten Teil –  wieder als Prometheus erscheint und über die Bühne und durch die Zuschauerreihen geht. Mit seinen zu einer Pistole geformten Fingern simuliert er Kopfschüsse! Nach dem Motto: Ihr seid doch alle dem Untergang ausgeliefert! Und er selbst ist schuld (Teil 1, die Prometheussage). Erst sucht der Mensch Kriege (Teil 2 des Abends, Troja), dann sind es Familientragödien (Teil 3 des Abends, die Orestie) und immer so weiter, mittlerweile Kriege UND Familientragödien. Oder wenn Udo Jürgens mit „Griechischer Wein“ ertönt. Klingt banal, ist aber gut. Oder wenn Agamemnon aus Troja zurückkehrt, am Tisch sitzt, isst und mit Klytaimnestra redet. Mit Videokamera auf einer große Leinwand projeziert.

4. Es ist bei alledem ein positiver Theatermarathon und nebenbei auch ein  lehrreiches Erlebnis! Es sind vier Erzählungen, die völlig unterschiedlich gebracht werden: Wie gesagt: Die Erzählung 1: Die Prometheus-Geschichte (das Menschwerden) – eine Sage des Ursprungs der Menschheit. Der Mensch am Beginn des Weges zu Wissenschaft und Technik – Pause – Erzählung 2: Die Geschichte des Trojakrieges (und der Troerinnen) – eine wortgewaltige und musikalisch/mediale „Trojashow“ – Große Pause – Erzählung 3: Die Orestie – eine wunderbar humorvolle Darstellung der Familientragödie um Klytamnestra, Orestes, Elektra, Helena, Agamemmnon, Aigisthos etc. in modernes Leben gepackt – Pause wieder – Und zum Abschluss Teil 4: Eine leise Darstellung aus dem modernen Leben. Und immer wieder aufflackernd geht es um das Thema Menschsein insgesamt!

5. Ich möchte alle mitwirkenden SchauspielerInnen nennen: Maja Beckmann, Peter Brombacher, Majd Feddah, Nils Kahnwald, Gro Swantje Kohlhof, Wiebke Mollenhauer, Benjamin Radjaipour und Livemusik von Matze Pröllochs. Es sind für diesen langen Theatertag erstaunlich und erfrischend wenige Schauspieler! Bemerkenswert ihre Leistungen! Jeder Schauspieler und jede Schauspielern ist bemerkenswert überzeugend. Jeder und jede hat große Auftritte, ich frage mich auch, wie Sie sich all diese Texte merken können!

6. Meines Erachtens sehr prägend für diesen Tag ist auch, dass alle SchauspielerInnen ohne die geringste Einschränkung gerade in der GESAMTHEIT komplett überzeugen! Oft sieht man ja Stücke, bei denen vielleicht ein oder zwei SchauspielerInnen unter den anderen besonders überzeugen! So soll es ja zum Beispiel derzeit am Burgtheater in Wien bei der Inszenierung von Horvaths Glaube, Liebe, Hoffnung sein. Man schwärmt dort derzeit besonders vom Auftritt von Andrea Wenzl. Das Besondere bei Dionysos Stadt ist, dass alle durchgehend gemeinsam und jeder/jede für sich wunderbar spielen! Es ist die Gesamtheit der SchauspielerInnen, die einen geradezu durch diesen Abend zieht! Man ist eigentlich ständig bei Ihnen und – so ging es wohl fast allen Zuschauern – spürt nicht den Wunsch, vorzeitig zu gehen – bei 10 Stunden! Man merkt bei jedem und jeder SchauspielerIn durchgehend, dass er/sie sich mit dem Theatermarathon und dem Thema offenbar unglaublich identifiziert, wirklich nichts wirkte aufgesetzt, es schien ihnen Spaß zu machen!

7. Eine Art Gemeinschaftsgefühl entsteht fast im Lauf der Stunden. Mehr als sonst jedenfalls. Zwischen den Zuschauern untereinander und auch zwischen den Zuschauern und den Schauspielern.

8. Dieser lange Theatertag hatte bei mir jedenfalls die Wirkung, dass ich mich nicht ein einziges Mal auch nur irgendwie bedrängt fühlte. Bedrängt etwa von einer Art Wunsch der SchauspielerInnen, dem Publikum etwas klarmachen zu wollen. Kommt ja auch vor!

9. Besondes die ersten beiden Teile der Tetralogie – nein, auch der vierte Teil – bestechen durch Klarheit und Einfachheit! Trojas Geschichte ist durchaus kompliziert, aber die Herangehensweise von Christopher Rüping ist schlicht. Ein Merkmal der Inszenierungen von Christopher Rüping. Auch „Der erste fiese Typ“ – seine vorherige Münchner Inszenierung – besticht dadurch! Nichts ist überladen! Nichts ist verwirrend oder kompliziert durch unnötiges Geschehen. Man ermüdet nicht durch Komplexität der bildlichen Darstellung oder überbordende Details! Man fliegt mit. Einfaches Bühnenbild, Prometheus im Gitterkäfig über der Bühne hängend, wenige Schauspieler, die Schauspieler selbst nicht theatralisch, sondern schlicht und gut! Sehr gut! Glasplatten werden zu Scherben geschlagen – das ist das zerstörte Troja. Nur der dritte Teil, die Orestie, fällt insoweit aus dem Rahmen. Es ist üppiger, aber das muss dort so sein, es wird schließlich eine Hochzeitsfeier gezeigt. Aber auch das ist sehr gut gelungen!

10. Danach kann man sich kleine Fragen stellen, wenn man das Theater verlässt. Nils Kahnwald raisonniert ja am Anfang auch, man denke vielleicht später irgendwann noch an den Abend (Er sagt: … an ihn!) Wo stehen wir Menschen? Zwischen Schicksalsvorgaben von außen einerseits und eigener Selbstbestimmung andererseits zum Beispiel. Aber können wir denn überhaupt irgendetwas selbst bestimmen? Oder ist alles letztlich vorgegeben? Machen wir alles kaputt? Früher, in der Antike, dachte man, die Götter bestimmen vieles. Davon befreite sich der Mensch also. Und? Führte die Selbsbestimmung des Menschen seither nicht immer wieder ins Desaster? Troja und die Orestie waren in der Antike jedenfalls die ersten Desaster. Erstaunlich modern.

Viele Dinge haben diesen Theatertag also zu einem absolut gelungenen Tag gemacht! Standing Ovations am Ende.

©️ des Beitragsbildes: Julian Baumann

 

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  • Schlagwörter Antike, Christopher Rüping, Dionysos Stadt, freizeit, Fußball, Gesellschaft, Kammerspiele, Lifestyle, München, Schauspiel, Theater, Zinédine Zidane

THEATER: Milo Rau – Lam Gods

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 12. Oktober 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Milo Rau – Lam Gods

Naja, ich laufe nicht nur fröhlich durch die Welt, denke ich mir manchmal. So antworte ich auch manchmal, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Das ist doch ein bisschen ehrlicher, als immer mit „gut!“ zu antworten, denke ich. Mir fallen immer wieder Dinge auf, an denen ich mich reibe. Aber mit positiver Grundstimmung! Auch politisch. Daher finde ich Theater ja so gut, wenn es an unseren Ansichten rüttelt.

Am  belgischen Nationaltheater, dem NT Gent, bringt etwa der junge Milo Rau, einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit, zurzeit das Stück „Lam Gods“. Ich hatte schon mehrfach über Milo Rau geschrieben. HIER etwa. Das Stück Lam Gods ist das erste Stück von Milo Rau am NT Gent, an dem er jetzt Intendant ist.  Es geht zurück auf einen weltberühmten Altar In der Genter St.-Bavo-Kathedrale. HIER die Seite zum Stück auf der Website des NT Gent.

Und HIER eine Kritik zum Stück von Christine Dössel, um die geht es mir.

Es scheint wieder ein sehr beeindruckendes Stück zu sein! Milo Rau hat ja ein Manifest zum „Stadttheater der Zukunft“ geschrieben, will das Theater mehr in die Realität holen. Gleichlautend zur hier verlinkten Kritik von Christine Dössel erschien ihre Kritik in München in der Süddeutschen Zeitung. Da hatte ich sie kürzlich gelesen.

Warum ich es jetzt hier bringe? Naja, nicht gerade Begeisterung über die Süddeutsche Zeitung ist es! Ich reibe mich wieder! Aber nicht wund reiben! Das würde meine kleine Meinung nur überbetonen! Christine Dössel ist seit Jahren Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung. Sie schreibt interessante Kritiken. In München hat sie aber nicht unerheblich dazu beigetragen, dass man den Münchner Kammerspielen vorwarf, sie seien in eine „Krise“ geraten. Christine Dössel  argumentierte immer, „Sprechtheater“ alter Schule sei an den Münchner Kammerspielen nicht mehr vertreten und das Ensemble werde nicht ausreichend eingesetzt. Und die Münchner glauben ja an ihre „Süddeutsche“ wie an eine Institution.

Und nun ihre Begeisterung für Milo Raus Stück in der obigen Kritik aus Belgien! Beides –  die Begeisterung über das Stück im NT Gent und ihre standhafte Kritik in München – passt m. E. nicht gut zusammen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen!

Milo Rau setzt neben zwei Ensemblemitgliedern viele, viele Laienschauspieler ein. Das wird er, wie ich ihn kenne, künftig auch in seinen weiteren Stücken tun.

Da Christine Dössel mit ihrer Stimmungsmache gegen die Münchner Kammerspiele mit dazu beitrug, dass die Münchner Theaterfreunde immer unsicherer und unoffener auf die Kammerspiele blickten, habe ich einen – natürlich kurz gehaltenen –  Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ich finde ohnehin, dass Journalisten doch sehr wenig der Kritik ausgesetzt sind. Sie arbeiten im Grunde irrsinnig kritiklos! Ob das so gut ist! Es gibt ja auch hervorragende  Journalisten,  keine Frage! Auch in der Politik ist es aber meines Erachtens auch einmal eine Frage wert, ob nicht die Medien zur Politikverdrossenheit beitragen! Wenn man viele der Fernsehdiskussionen sieht. Dort wird nicht gerade eine sorgfältige Diskussionskultur gepflegt! Und das wäre doch auch Aufgabe der Journalisten.

Mein kurzer Leserbrief an die SZ also: Er wurde meines Wissens natürlich nicht abgedruckt. Enthält offenbar zuviel Kritik an der Zeitung, nur Kritik an der Sache wird wohl abgedruckt. Daher bringe ich ihn einfach hier, er soll ruhig gelesen werden. Ich habe ihn jetzt fast schon vorweggenommen. Ich hatte geschrieben:

„Grandios gelungen“, „genial ausgeklügelt“ und „theatrales Kunstwerk“ nennt Christine Dössel die erste Arbeit von Milo Rau am belgischen Nationaltheater Gent, dem NT Gent, „Genter Altar“ oder „Lam Gods“. Man bekommt Lust hinzufahren. Aber eine Ensemblearbeit ist diese Arbeit nicht! Genau das aber hat Christine Dössel doch oft genug in den letzten Jahren an den Münchner Kammerspielen kritisiert. Milo Rau setzt (zur Begeisterung von Christine Dössel) ein: Kinder, einen Theatermitarbeiter, einen Bauern, eine todkranke Frau, einen afghanischen Flüchtling, ein gecastetes Genter Ehepaar, eine Genter Mutter, Tiere, eine Theaterputzfrau und und! In München hieß es dagegen „Krise der Münchner Kammerspiele“, weil drei SchauspielerInnen das Theater gewechselt hatten! Bis die CSU dieser recht banalen Stimmung folgte. Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? Kann man das dem Leser und vor allem dem Münchner Theatergänger guten Gewissens verkaufen? Mit spürbarem Wohlwollen schreibt Christine Dössel etwa auch über das NTGent unter Milo Rau, 41 Gastspiele seien in der jetzigen Spielzeit geplant! Ob das genug Sprechtheater wird? (Nachtrag: Und ob das viel für das Ensemble des NT Gent bringt?) Es wird mit zweierlei Maß gemessen, ohne dass man erkennen könnte, warum. Das ist nicht schön.
Und  HIER abschließend noch ein Link: der Link zu nachtkritik.de und dem Manifest „Stadttheater der Zukunft“ von Milo Rau und anderen. Am Ende der langen Vorbemerkung ist das Manifest abgedruckt.

©️ des Beitragsbildes: Michiel Devijver

 

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THEATER: Trajal Harrell – Morning in Byzantium

  • Beitragsautor Von maxkuhlmann
  • Veröffentlichungsdatum 8. Oktober 2018
  • Keine Kommentare zu THEATER: Trajal Harrell – Morning in Byzantium

Was könnte sie von dem Abend halten? Was könnte sie mitnehmen? Zum Beispiel die  alleinstehende Mutter, geschieden, ein Kind im Haushalt, sie arbeitet täglich an der Kasse im Supermarkt, ihre Mutter ist krank, ihr selber geht es vielleicht momentan auch nicht besonders gut, die schlechte Luft den ganzen Tag, der Junge ist schlecht in der Schule, schafft er die sechste Klasse? Vielleicht gibt es noch finanzielle Probleme, das Geld ist auf jeden Fall knapp, die Spülmaschine ist defekt. So ist das Leben! Genau so! So ist der Alltag! Es  könnte sein, dassl sie sagt: „Naja, der Abend von Trajal Harrell an den Münchner Kammerspielen“ – hinten in der schönen Kammer 2 – „ist eine andere Welt, die Welt, die nicht realistisch ist. Fast elitär, schöngeistig, sensibel, ästhetisch, abgehoben, das hilft mir nicht!“ Das  könnte sie sagen! Und irgendwie hätte sie jedenfalls zum großen Teil auch recht!  Ihr Alltag ist einfach anders!

Sie wird diesen Abend wahrscheinlich auch nicht sehen. Schade, obwohl er doch vielleicht auch für sie irgendwie schön wäre! Es geht ja allgemein um das Leben!  Und das hat sie ja auch an der Backe! Vielleicht könnte sie doch etwas mitnehmen.  Nur ein Gefühl. Sie muss sich vielleicht nicht unbedingt Trojas Geschichte (dazu komme ich aber in Kürze, am Wochenende schaue ich mir in den Kammerspielen – noch einmal – die 10 Stunden „Dionysos Stadt“ an) oder Shakespeare antun. Der Abend von Trajal Harrell hätte sie aber vielleicht irgendwie beeinflusst!

Es ist ein Abend allgemein über das Leben! Es wird keine Geschichte erzählt. Der Gärtner, der eine Rose und das Leben betrachtet. Mehr nicht. Er sieht alles um die Rose herum! Oder in der Rose drin! Man sieht keine Rose, aber man liest vom Gärtner und der Rose. Das Schöne, das Hässliche, das Langsame und Grazile, das Wankende, das Kranke, das Entstellte, das Gemeinsame, das Abgeschiedene, er sieht es alles. Manchmal wird er mitgerissen, manchmal nicht. Manchmal tanzt er, manchmal nicht. Es könnte auch ein sehr persönlicher Abend von Trajal Harell sein. Zart und sensibel schreiten die mitwirkenden Schauspieler (Irae Diessa, Marie Goyette, Trajal Harrell, Thomas Hauser, Walter Hess, Max Krause, Jelena Kuljić, Stefan Merki, Songhay Toldon, Ondrej Vidla) bedächtig und eingehüllt meist in wunderschöne Tücher auf Zehenspitzen über die Bühne.  Zart und ruhig wird auch das Entstellte dargestellt.

Begleitet meist von ruhigen Pianotönen. Schon das ist eine sehr eigene Herangehensweise.  Jeder, der geht und sich bewegt, wirkt dadurch leicht, verletzlich, sensibel, schön. Der Gärtner könnte aber sagen: Bei aller Schönheit ist auch alles schrecklich! Nur was soll er machen? Es gibt eine positive Antwort, sie zeigt sich am Ende, meint man. Dazu ändert sich die Musik auch deutlich! Und vielleicht könnte auch die alleinstehende Mutter immer wieder einmal  – für Sekunden – eine positive Antwort finden! Eine Antwort, die nicht im zweifelnden (verzweifelnden) Zurückschauen besteht, wie bei Orpheus und Eurydike. Orpheus hat Zweifel, ob ihm seine geliebte Eurydike folgt. Es dreht sich um und die Zweifel rauben ihm alles!  Es geht an diesem Abend vielleicht auch darum, dass man im Lauf des Lebens doch merkt, dass alles irgendwann zu Ende sein kann. Wie soll man da reagieren? Zurückschauen? Im Begleittext heißt es: „… für den Protagonisten (Anm.: Walter Hess) des Abends, der bereits so viel erfahren und gesehen hat und nun lustvoll den dritten Frühling seines Lebens beginnt. Vorstellung, Wirklichkeit, Erinnerung.„ Also Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit.

Die alleinstehende Mutter müsste sich allerdings sehr von ihrem Alltag lösen, an dem sie vielleicht immer wieder einmal verzweifelt, wenn sie sich auf diesen Abend einlassen will! Man müsste sie einladen!

HIER der Link zur Onlineseite der Münchner Kammerspiele zum Abend „Morning in Byzantium“.

©️ des Beitragsbildes: Orpheas Emirzas

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