THEATER: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Das Buch hatte Furore gemacht. Es war in Frankreich und später auch in Deutschland ein großer Erfolg. Es gibt drei Bände dieses Werkes (insgesamt über 1200 Seiten), das als moderner Gesellschaftsroman unserer Zeit angesehen wird. Virginie Despentes ist 1969 in Nancy geboren, arbeitete in Massagesalons und Peep-Shows, bevor sie ihre literarischen Erfolge mit den wilden Werken hatte.

Man muss es nicht unbedingt als Roman über unsere Gesellschaft komplett ansehen, obwohl ja manch einer zu Virginie Despentes sagt, sie sei der „weiblicher Balzac des 21. Jahrhunderts“. Gut, es kommen im Roman jede Menge völlig unterschiedlicher Menschen als Querschnitt gewissermaßen zur Sprache. In http://www.perlentaucher.de (HIER) heißt es dagegen zum Beispiel in der Zusammenfassung einer Buchbesprechung (3. Band) mit interessantem kurzem Blick auf den Inhalt des Romans:


Anders als viele andere hält Rezensentin Iris Radisch Virginie Despentes nicht für einen „weiblichen Balzac des 21. Jahrhunderts“. Despentes Blick, erklärt Radisch, richte sich in ihren drei Büchern über den gealterten Punk-Häuptling Vernon Subutex nämlich nur auf einen bestimmten Teil der französischen Gesellschaft: die gescheiterten Utopisten und Idealisten der 70er, welche nun in Abbruchbuden oder unter freiem Himmel hausen und ihre Enttäuschung und ihren Zorn mit Erinnerungen an eine abenteuerreiche und glanzvolle Vergangenheit füttern, eine Zeit, in der die französische Subkultur noch Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft barg, in der es überhaupt noch so etwas wie Subkultur gab. Näher als der Vergleich mit Balzac liegt laut Radisch daher der mit Michel Houellebecq. Wie er „intoniere“ sie den „Untergang des Abendlandes“, allerdings weitaus mitfühlender als der Sozialpessimist Houellebecq. Rau und ruppig, und zwar sprachlich wie inhaltlich, geht es aber auch im 3. Teil des Subutex zu, meint die Kritikerin, die das Buch als Vorgeschichte zum Aufstand der Gelbwesten liest.

Ich werde das Buch noch lesen. Hier erst einmal zur Inszenierung von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen:

Es wird nicht leicht sein, diesen dreiteiligen Roman auf eine fast dreistündige Inszenierung für das Theater „zusammenzudampfen“. Stefan Pucher ist es nicht gelungen! Man konnte einiges erwarten: Insgesamt 13 Mitglieder des Ensembles der Münchner Kammerspiele nahmen teil. Ich fand es schade, sie so zu sehen, in dieser Inszenierung! Sie haben allesamt mehr verdient. Gut, Jelena Kuliç steht als (weibliche Besetzung von) Vernon Subutex im Zentrum der Inszenierung. Es ist ja insgesamt eine Geschichte um ihn/sie herum. Vernon Subutex beobachtet alles. Die Höhepunkte dieses Abends sind auch ihre Gesangseinlagen. Davon hätte der Abend gut viel mehr vertragen. Jelena Kuliç hätte ohnehin vielleicht mehr im Mittelpunkt stehen können, war mein Gefühl. Ihr wäre es auch gegönnt gewesen. Sie schafft mit ihrer rauen Stimme doch oft ganz bestimmte Stimmungen und vielleicht hätten mehr Gesang von ihr und mehr Eindrücke von ihr für mehr Zeitgeist gesorgt, um den es ja im Roman geht. Vielleicht ist sie genau die richtige Besetzung für Vernon Subutex. So, wie in La Sonnambula, das ja sehr erfolgreich war. Und soviel ich höre, sind ohnehin im Roman viele Songtitel genannt. Vernon Subutex hatte ja im Roman einen Plattenladen, bevor er pleite ging.

Insgesamt war die Inszenierung halbherzig! Schon das langweilige Bühnenbild – ein dunkles Stufengerüst, auf dem sich alle tummeln und das ist die Bühne klein und eng wirken ließ. Dann das „Geschehen“ auf der Bühne: Die Schauspieler tummeln sich mehr und mehr auf dem Stufengerüst. Sie sitzen am Ende teils einfach herum, während einer/eine von ihnen spricht oder macht. Hier eine Aufnahme:

©️ Arno Declair

Es ist viel „Gerede“, nicht Schauspielerei. Aber das mag am Roman liegen. Jede Person – und es sind viele – hat ja auch im Roman ihren Teil beizutragen, hat eine eigene Einstellung zu den Dingen. Aber keine/r der Schauspieler/innen hatte – abgesehen ein wenig von Jelena Kuliç und ein wenig von Annette Paulmann – meines Erachtens Gelegenheit, zu glänzen. Und Sie können glänzen.

Noch dazu war das „Gerede“ des Abends teils ein sehr schnelles Gerede. Und noch dazu werden allerlei Themen angesprochen, Gott und die Welt. Es gab keinen Schwerpunkt. Ob das dem Zeitgeist entspricht, den Virginie Despentes in ihrem so gelobten Roman erfasst? Vielleicht ist es ja so, ich werde es lesen. Gelungen fand ich noch die Videoeinspielungen auf den Leinwänden, auch die Sequenzen in den Videos, in denen Abdoul Kader Traoré spricht.

Gut, ich werde das Buch lesen und mir die Inszenierung noch einmal ansehen. Abschließend werde ich dann genauer darüber schreiben können. Vielleicht relativiert sich dann mein schlechter Eindruck. Am ehesten gilt natürlich wieder: Selber ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

THEATER: Federico Bellini – Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini

Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren nachts auf brutale Art und Weise angeblich von einem Stricherjungen ermordet. Angeblich vom Stricherjungen. Der Stricherjunge – Pino Pelosi – wurde verurteilt. Er widerrief dreißig Jahre später sein Geständnis. Es gibt bis heute Zweifel daran, ob Pasolini tatsächlich so gestorben ist, wie es im anfänglichen Geständnis von Pelosi geschildert wurde. Pelosi ist mittlerweile gestorben, der Mord wird nie richtig aufgeklärt werden.

Und daraus ein Theaterstück? Aus diesem brutalen Mord? Noch dazu in Verbindung mit Dante Alighieri’s „Die göttliche Komödie“?

Gut, die Verbindung mit Dantes „Die göttliche Komödie“ ist noch naheliegend: Dante Alighieri selbst lebte zwar um 1300, aber sein Werk der Weltliteratur „Die göttliche Komödie“ war – so das Programmheft – der „Fixpunkt“ des Werkes von Pasolini, der im Friaul geboren war. Und vielleicht seines Lebens. Sein Hang zum Subproletariat – in Rom dann hauptsächlich – war wie ein Hang zur Hölle. Das schon. Sein Kampf gegen den Neokapitalismus in Italien der damaligen Zeit, der Kampf für das Proletariat! Über 30 Prozesse wurden gegen Pasolini fast durchgehend von staatlicher Seite ausgehend angestrengt.

Ein Vergleich drängt sich erst einmal auf: Im Dezember 2018 war an den Münchner Kammerspielen eine Inszenierung von Milo Rau zu sehen, in der ein vor wenigen Jahren in Belgien verübter Mord an einem homosexuellen Jungen nachvollzogen und auf die Empfindungen nahestehender Personen eingegangen wurde. Es steht auch nur ein Auto auf der Bühne. Der Mord erregte damals viel Aufsehen in Belgien. „Die Wiederholung“ hieß die Inszenierung von Milo Rau. HIER der Link zu meinem damaligen Bericht. Milo Rau geht es ja sehr darum, im Theater die Realität zu zeigen. Pure Realität, auch wenn es dann auf der Bühne eine „Wiederholung“ ist. Es war damals auch wahrlich nicht angenehm, aber es hatte Wirkung. Man konnte überlegen: „Was bedeutet es eigentlich, ins Theater zu gehen?“

Anders war der Abend hier bei „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“. Welche Wirkung hatte der Abend „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“? Der Titel: „EINE göttliche Komödie …“ ist ja fast schon zynisch. Ermordung und Komödie!

Schauspielerisch ist der Abend vor allem für Tim Werths, der Pier Paolo Pasolini spielt, eine Herausforderung. Eine großartige Leistung und von ihm wird hier wirklich viel verlangt! Etwa am Ende bei seinem Schlussmonolog, einer Rede – ein Auszug aus der „Göttlichen Komödie“ – an seine Mutter, die er – längst nackt – in einer Wasserpfütze vor dem Publikum sitzend hält. Er wird auch einmal an seinem Penis von einem anderen Schauspieler über die Bühne gezogen. Auch die anderen Schauspieler – vor allem Franz Pätzold – überzeugen absolut. Die junge Truppe des Residenztheaters steigert sich! (Franz Pätzold verlässt das Residenztheater leider bald zusammen mit Martin Kušej in Richtung Burgtheater Wien.) Trotzdem: Es bleibt ein großes „Aber“!

Nach einer Viertelstunde setzten in der Premiere Buhrufe ein. Später verließen Zuschauer das Theater vorzeitig. Natürlich: So soll es sein! Theater soll kontrovers sein! Es ist ja fast ein gutes Zeichen für das Theater, wenn Zuschauer rufen und das Theater verlassen. Das macht Freude! Und gerade zu Pasolini passt ja das Kontroverse. Er, der – dann doch erfolgreiche – Schriftsteller und Intellektuelle und das von ihm immer wieder aufgesuchte (irgendwie vielleicht „ehrlichere“) Subproletariat. Pasolini war schwul und hatte sich in dieser seiner letzten Nacht wieder einmal einen Stricherjungen organisiert.

Und noch etwas, bevor ich zum „Aber“ komme: Der Abend war in sich durchaus stimmig: Gerade das in allem Extreme dieses Abends entspricht eben genau dem Leben von Pier Paolo Pasolini. Die Minuten seiner Ermordung werden auf der Bühne immer wieder wiederholt. Immer in leicht geänderter Version, verschiedenen Vermutungen zum Hergang folgend. Die einzelnen Abläufe werden dabei vorwärts und rückwärts „abgespult“. Die Schauspieler – alle männlich – agieren vorwärts und rückwärts. Eine komplett leere Bühne bis hinter zur Brandmauer – nur der graue Alfa Romeo von Pasolini steht auf der Bühne – sechs (fast immer identisch gekleidete) junge Personen – manchmal regnet es auf die Bühne herab. Mehr nicht. Später kommt eine Telefonzelle, ok. Es war jedenfalls fast therapeutisch. Als würde Italien immer noch darunter leiden, dass und wie Pasolini ermordet wurde. Und dass es nie richtig aufgeklärt werden wird.

Auch inhaltlich sehr stimmig: Pasolinis „Fixpunkt“ Dante Alighieri, der Übergang Pasolinis in Dante’s Höllenreich bis zum Paradies, aber auch das „Auftreten“ der Mutter, seine einzig „unverzichtbare Liebe“, Worte Pasolinis an seine Mutter. Die ungefragte Liebe der Mutter ist das Paradies. Alles eine Art letzter Einbildung von Pier Paolo Pasolini, am Boden liegend, vom eigenen Auto mehrfach überfahren. Trotzdem noch einmal: Es bleibt ein großes „Aber“.

Zum großen „Aber“: Meines Erachtens ist es ZU SEHR eine gelungene Inszenierung! Zu sehr! Die anfangs vielfach wiederholte Ermordung Pasolinis. Die identisch gekleideten Schauspieler. Die Nacktszenen. Die slow-motion-Sequenzen der Bewegungen der Schauspieler. Das ganze Geschehen auf der Bühne, das immer vor dem sich am Boden krümmenden Pasolini abläuft. Die Zitate aus Dante’s göttlicher Komödie. Das Erscheinen der Mutter von Pier Paolo Pasolini, die für ihn wohl die wichtigste „Figur“ in seinem Leben war. Alles eine Inszenierung.

Das ist genau der Unterschied zu Milo Rau, der bei der Realität bleibt. Bei Bellini wird die schreckliche Tat zu einer Theaterinszenierung. Wird sie damit nicht verherrlicht? Oder verhohnepipelt? Man hat eben „wieder eine schreckliche Ermordung gesehen“! Die Inszenierung ist sehr gelungen, sehr gelungen! Aber warum schaut man es sich an? Sollte man sich nicht fragen, warum man sich etwas ansieht? Bei Milo Rau ist es anders. Er lässt einen Zuschauer zurück, der sich viele Fragen stellt bei all dem grausamen Realismus. Bei Federico Bellini dagegen hatte ich am Ende keine Frage. Es blieb in einer bewegenden und eindringlichen, auch extremen Inszenierung ein fürchterliches Ereignis, das zu keinen weiteren Fragen anregte. Das ist jedenfalls das große „Aber“. So ging es mir jedenfalls. Aber sehen Sie es sich selber an!

Das Stück wird übrigens sehr kontrovers, hauptsächlich sehr kritisch gesehen. Viele negative, sehr negative Stimmen liest man auf http://www.nachtkritik.de. Am Ende des Beitrags auf http://www.nachtkritik.de (HIER) liest man Stimmen aus der Presse und von Zuschauern.

Hier noch ein Bild:

©️ Matthias Horn

HIER der Link zur Programmseite des „Stückes“ auf der Website des Residenztheaters. HIER Aussagen des Regisseurs Antonio Latella zum Stück.

©️ des Beitragsbildes oben: Matthias Horn

THEATER: Coming soon

Es werden in den kommenden Wochen – in München – in recht kurzer Zeitfolge Inszenierungen zu sehen sein, die m. E. durchaus besonders zu erwähnen sind. Warum sie erwähnt werden, wird im folgenden jeweils kurz erklärt. Wen es interessiert: Man muss einfach erkennen, was alles nach München kommt und in München gebracht wird.

  • 22. März: Federico Bellini, Die göttliche Komödie, Pasolini <> Dante, Premiere und Uraufführung am Residenztheater. Hierzu vermute ich nur, dass es sehr interessant wird: Pier Paolo Pasolini wurde im Alter von 53 Jahren in der Nähe von Rom (Ostia) anscheinend von einem 17-jährigem Strichjungen brutal ermordet. Die Inszenierung des Regisseurs Nico Latella rekonstruiert den Mord an dem Filmregisseur und Dramatiker aus verschiedenen Blickwinkeln und verknüpft die privat durchlebte Hölle des Dichters mit dem gleichnamigen Teil aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Ich glaube nicht, dass es ein gewöhnlicher Theaterabend wird. Allein die Mischung von Dantes „Göttlicher Komödie“ und dem Leben und der brutalen Ermordung von Pier Paolo Pasolini finde ich recht außergewöhnlich. HIER der Link zur Seite des Residenztheaters.
  • 28. März: Stefan Pucher, Das Leben des Vernon Subutex, Premiere an den Kammerspielen. Eine Arbeit des Ensembles der Münchner Kammerspiele. „Das Leben des Vernon Subutex“ gilt als der Gesellschaftsroman unserer Zeit, als „Die menschliche Komödie“ (Balzac) des 21. Jahrhunderts. Regisseur Stefan Pucher, der zuletzt an den Kammerspielen „América“ von T.C. Boyle und „Wartesaal“ inszeniert hat, bringt Vernon Subutex und seine Bande auf die Bühne. Mal sehen, Pucher ist manchmal fast zu zahm. “Wartesaal“ etwa, war schön, aber nicht außergewöhnlich. Trotzdem nenne ich es hier. Unbedingt schon das Ensemble der Münchner Kammerspiele ist es wert. Dreizehn Mitglieder des Ensembles werden mitwirken. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele
  • 29. März: Philipp Quesne, Farm Fatale, Premiere und Uraufführung
    an den Kammerspielen. Philipp Quesne schafft besondere Bühnenerlebnisse. Er arbeitet stark visuell. Manchmal fast ohne Text. Zum Beispiel bei „Caspar Western Friedrich“ (HIER mein damaliger Beitrag) oder der „Nacht der Maulwürfe“ (HIER ein Trailer). Zuletzt war er mit „Crash Park“ an den Kammerspielen (HIER mein damaliger Beitrag). Auch er ist also zum wiederholten Mal an den Münchner Kammerspielen. International ist er sehr bekannt. Außergewöhnliche auf jeden Fall. Siehe am besten auf der rechten Seite des Blogs – in der „Sidebar“ – den Link zu bekannten Performancegruppen und auf der dortigen Liste unter Philipp Quesne. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele.
  • 12./13. April: Thom Luz, Girl from the Fogmachine Factory, Gastspiel
    an den Kammerspielen, nur am 12. und 13. April 2019. Thom Luz ist mit diesem Stück zum diesjährigen Theatertreffen im Mai in Berlin eingeladen. Die Münchner Kammerspiele haben es geschafft, dass dieses Stück vorab noch in München gezeigt wird. Auch hier wird es weniger um Text gehen. Es wird um Nebel und Nebelmaschinen gehen. HIER der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Thom Luz war schon im vergangenen Jahr mit seiner damaligen schönen Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen. Mit „Traurige Zauberer“, HIER mein damaliger Bericht. Auch über das neue Stück findet sich etwas über den Link zu den Performancegruppen rechts oben und dort in der Liste über den Link zur Produktionsgesellschaft „Bernetta“.
  • 13./14. April: Monster Truck, Phaedra, Gastspiel an den Kammerspielen, nur am 13. und 14. April 2019. Auch Monster Truck ist eine bekannte Performancegruppe. Auch hierzu findet sich am besten der Link zu Monster Truck über den Link zu den Performancegruppen in der rechten „Sidebar“ des Blogs. HIER wieder der Link zur Seite im Programm der Kammerspiele. Wie es wird, weiß ich nicht. Es ist aber interessant, Monster Truck als Performancegruppe zu sehen. Sie waren auch schon ein/zweimal an den Kammerspielen.
  • Seit vergangener Woche, dem 15. März, läuft von Wim Vanderkeybus und seiner Gruppe Ultima Vez, „Die Bakchen – lasst uns tanzen“, am Residenztheater. Auch dieses Stück gehört zu den derzeit sicherlich bemerkenswerten, außergewöhnlichen Stücken. So, wie all die oben genannten Stücke wahrscheinlich etwas außergewöhnlich sein werden. Ich hatte ja kürzlich über die Premiere des Stückes „Die Bakchen“ geschrieben. Es ist nicht nur Theater, sondern eine Kombination von Theater, Tanz, Malerei, Musik und ein wenig Ekstase. Unter Mitwirkung der interessanten Gruppe von Ultima Vez. Auch sie findet sich in der Liste der Performancegruppen über den Link in der rechten Sidebar des Blogs. HIER mein Beitrag zur Premiere. Und HIER auch der Link zur Seite des Residenztheaters.

Ich werde alle noch kommenden Stücke (mindestens einmal) ansehen und jeweils über Eindrücke und Überlegungen dazu schreiben.



THEATER: Hugo von Hofmannsthal – Elektra

Es gibt „Theateraufführungen“, bei denen man im Grunde vor der Frage steht: Was sieht man sich da an? „Theater“? Nun, Definitionen sind natürlich schnell künstliche Schranken, die versuchen, Phänomene zu erfassen und einzuordnen, die sich aber doch weiterentwickeln.

Definieren sollte man daher auch den Begriff „Theater“ nicht unbedingt, vieles entwickelt sich auch in der Theaterwelt weiter. Definitionen schaffen nur Schubladen. Eine dieser älteren Schubladen war natürlich das „Sprechtheater“. Aber dahingehend hat sich das Theater ja schon sehr weit geöffnet. Was auch schön ist! Aber trotzdem: Manchmal kann man sich fragen: Was ist das, was man sieht? Schauspiel? Performance? Wieder etwas anderes? Ich meine, man geht ja „ins Theater“.

Zwei derartige „Stücke“, die zu solchen Überlegungen Anlass gaben, konnte ich in den letzten Tagen sehen: „Oratorium“ von SheShePop in Augsburg und „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal in München. Über „Oratorium“ schreibe ich gesondert. Hier geht es um „Elektra“.

„Elektra“ läuft seit kurzem am Münchner Residenztheater. Eine Inszenierung von Ulrich Rasche. Wer „Ulrich Rasche“ hört, weiß zumindest seit seiner Inszenierung von „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am Münchner Residenztheater Bescheid. Außerdem „Woyzeck“ von Georg Büchner. Beide Inszenierungen waren in den vergangenen Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Dieses Jahr ist von ihm „Das große Heft“ nach dem Roman von Agota Kristof eingeladen. HIER einen Trailer über „Das große Heft“.

Was Ulrich Rasche macht, sind gigantische Literaturshows! Es ist eben nicht „Theater“, sage ich mal. Es sind auch nicht „Performances“, das große Pendant heutzutage. Wobei das Wort „Literaturshow“ zu banal ist. „Literatur – Opus“ wäre der bessere Begriff für seine Art der Inszenierung. Oder besser: „Zelebrierung klassischer Literatur“.

Genau: Wahrhaft Zelebrierung klassischer Literatur. Auch „Elektra“ ist wieder eine solche Zelebrierung. Ein höchst aufwändiges Herauszerren eines klassischen Literaturtextes aus dem Schatten. Die klassischen Literaturvorlagen, denen sich Ulrich Rasche annimmt, werden auf gigantisch aufwendige („Das große Heft“ ist nicht so aufwendig – Dresden hat sicher nicht die Mittel, das Münchner Residenztheater ist da besonders -, aber nach demselben Modell gebaut), sehr beeindruckende, eindringliche und gleichzeitig geradezu bedrängende Art und Weise dargebracht. Immer begleitet von lauter und leiser Livemusik mit Pauken und Violinen. Wobei auch „Musik“ kann man es kaum nennen. Es ist eine akustische, immer wieder auch bis ins Bedrängende gehende Begleitung und Untermalung des Werkes. Sie führt das ganze noch einmal ins Extreme. Monotonie, Präzision, Perfektion, Lautstärke, Kraft, Akustik, Text, stundenlange Fußmärsche der Akteure. Nur das ist Ulrich Rasche.

Manche sagen zu seinen Inszenierungen „Mensch-Maschinen-Theater“. Den Grund dafür sieht man etwa im obigen Beitragsbild. Oder hier in diesen weiteren Bildern:

©️ Thomas Aurin
©️ Thomas Aurin

Ich finde aber nicht, dass der Begriff „Mensch-Maschinen-Theater“ passt. Es geht nicht um Schauspiel. Es wäre ja bei Ulrich Rasche seit Jahren dasselbe Schauspiel! Es geht um die Rezitation einer klassischen Vorlage. Mehr nicht. Fast wortgetreue bringt Rasche die Texte. Das Wort zählt, nur das Wort. Und nur das Wort muss man hier auch wirklich ernst nehmen! Entsprechend langsam und deutlich und laut sprechen auch die auf der Stahlkonstruktion gehenden „Akteure“. Die Nebeneffekte der gigantischen Textzelebrierung: Bei „Elektra“ gehen alle SchauspielerInnen auf einer sich drehenden Scheibe. Gegenläufig dreht sich ein dünnes Lichtband. Auch übrigens bei „Das große Heft“ geht man auf einer sich drehenden Scheibe , siehe im Trailer. Bei „Die Räuber“ waren es breite, riesige Laufbänder. Bei „Woyzeck“ wieder eine Scheibe.

Angegurtet, immer dunkel (schwarz – manche nur beige) gekleidet, immer die dunkle Bühne, manchmal hochästhetische Lichteffekte, immer die „Musik“. Ein bisschen Nebel. Die Scheibe, die Laufbänder bewegen sich. Drehen sich, kippen. Bei „Elektra“ auch: Die Scheibe (siehe oben) hebt, senkt und verschiebt sich. Hinzukommt diesmal: Der riesige Stahldeckel der Konstruktion, der sich auch bewegt und verschiebt. Ein riesiges Stahlkonstrukt.

Dieser Zelebrierung des Textes kann man meines Erachtens nur folgen – oder sich der Bedrängung durch die Eindrücke widersetzen, wenn man sich mit den Vorlagen, die gebracht werden, auseinandergesetzt hat. So auch bei „Elektra“. Ich hatte während der Vorstellung von Elektra dazu eine Herangehensweise, die ich gleich schildern werde, weiter unten.

Worum geht es nochmal in der klassischen Version von „Elektra“: Die Familientragödie. Der Vater Agamemnon opfert für guten Wind auf seiner Reise nach Troja die Tochter Iphigenie. Die Mutter Klytämnestra nimmt es ihm übel. Agamemnon kommt nach Jahren des Krieges nach Hause. Er wird von Klytämnestra und ihrem Freund Aigistos getötet. Dass Aigisthos dadurch König wird, ist natürlich auch ein schöner Effekt. Elektra wiederum, die Tochter von Agamemnon und Klytämnestra, möchte den Tod ihres Vaters rächen. Sie kann es nicht, versucht, ihre Schwester Chrysotemis zu überreden. Sie tut es auch nicht. Dann kommt ihr totgeglaubter Bruder Orest. Er tut es. Er tötet die Mutter. In der griechischen Urfassung von Elektra geht es Elektra dann gut. In der Fassung von Hugo von Hofmannsthal zerbricht Elektra daran.

Meine Sicht der Dinge an dem Abend war eine andere. Ich habe mir vorgestellt: „Es gab gar keinen Tod. Das mit den Toten war immer nur eine übertriebene Art der Darstellung einer ganz anderen Situation. Alles übertrieben.“

Es gab nur einen kleinen Familienstreit. Er dauerte vielleicht nur 10 Minuten. Und daraus hätten die Griechen – Euripides, Sophokles etc. – dann eben die Tragödie „Elektra“ gemacht. Ein durchaus heftiger Streit war es vielleicht, die Familie sollte eben, würde man heute sagen, einmal eine Therapie besuchen. Ich hatte diesen Gedanken, da Hugo von Hofmannsthal ohnehin eine psychologisierende Herangehensweise hatte.

Und so sah ich es im Einzelenen: Elektra, Orest und Chrysothemis sind nur Teile einer einzigen Person. Auch das war bei mir angeregt durch das wieder sehr interessante Programmheft des Abends. Die gigantische Stahlkonstruktion ist dann der Kopf von Elektra. Alles schmilzt zusammen. Es spielt sich nur kurz in Elektras Kopf ab: Eine Familiensituation war es: Elektra hatte sich – vielleicht schon vor längerer Zeit – mit ihrem Vater gestritten. Der Vater hatte sie irgendwie verletzt, weil er irgendetwas anderes für wichtiger hielt (also Iphigenie, einen Teil von Elektra, „opferte“). Das aber nur nebenbei.

Die Mutter Klytämnestra hat dann – einige Zeit später – einen Freund. Die Mutter wirft es dem Vater auch vor, dass er mit Elektra nicht gut umging, sie verletzte. Der Vater war wegen irgendetwas (der Wind) der Tochter gegenüber egoistisch. Die Ehe scheiterte eben. Wie so oft. Warum auch immer, es wäre die Aufgabe einer Therapie, bei der vielleicht herauskäme, warum sich die Mutter so über den Vater ärgerte. Weil sie sich über ihn ärgerte, hat sie einen Freund. Elektra möchte dann, war meine Vorstellung, der Mutter jedenfalls Vorwürfe machen. Da wurde früher eben geschrieben: Sie möchte die Mutter töten! Weil die Mutter diesen Freund hat (Aigistos). Und das sind die 10 Minuten, um die es nur geht. Elektra schafft es nicht, der Mutter einen schweren Vorwurf zu machen. Sie will mehr, als nur einen kleinen Streit anzetteln. Elektra ist belastet. Sie sagt ja auch: Warum liegt alles so schwer auf mir? Warum zerstört es mich? Psychologie pur.

Elektra redet in meinem ner Vorstellung mit sich selbst (mit Chrysothemis). Sie wartet auf die Kraft in sich (auf „den Bruder Orest“ als Teil von Elektra), ihrer Mutter diesen schweren Vorwurf machen zu können. Und etwa aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, nach heutigem Muster. Sie bekommt dann die Kraft (Orest taucht ja auf), sie macht der Mutter den Vorwurf (Orest „tötet“ ja die Mutter) und im Anschluss daran geht es Elektra gut beziehungsweise schlecht. Im klassischen Text heiratet Elektra später den Pylades. Der ganz „normale“ Fall für eine Familientherapie eben.

Und so wurde der gigantischer Abend in meiner Vorstellung auf ein ganz normales Maß heruntergedampft. Das tat gut. Aber eins ist klar: Dieser Abend ist besonders, er ist absolut zu empfehlen, wenn man sich mit dem Text auseinandersetzt. Nicht einfach ein Schauspiel erwarten!

HIER geht’s zur Programmseite des Residenztheaters zu „Elektra“. HIER ein Filmchen über den Aufbau der Bühne bei „Elektra“.

©️ auch des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER: Herbert Achternbusch – Susn

Niederbayern. Das flache, weite Land – das einfache Leben – Bauernfamilien – kein Schickimicki – die Kirche – jeder kennt jeden – nichts verändert sich … Ein Klischee in den Augen eines Städters? Nun, ich denke, früher war es noch deutlicher so, wahrscheinlich aber ist es immer noch so. Sicher ist es auch in anderen Gegenden Deutschlands so. Und wie kommt man da raus, wenn man da rauskommen will? Heutzutage wird es einfacher sein, dort rauszukommen. Man ist mobil in seinem Leben.

Man kommt heute generell viel schneller aus seinem ganzen Leben heraus! Aus seinem ganzen Leben. Andererseits klebt man eben doch immer an irgendetwas fest. Etwa symbolisch – wie Susn – an Niederbayern und damit doch an einem der Ursprünge der ganzen Entwicklung ihres Lebens.

Darum geht es ja. Herbert Achternbusch hat das Theaterstück „Susn“ schon 1980 geschrieben, vor fast vierzig Jahren! Das Stück wird jetzt schon seit mehreren Jahren in unregelmäßigen Abständen an den Münchner Kammerspielen in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier gezeigt.

Herbert Achternbusch war damals 42 Jahre alt. 1980, das war natürlich noch eine andere Zeit. Es geht um das niederbayerische Mädchen „Susn“, Susanne. Es geht also eigentlich darum, wie Susn aus ihrem Leben (nicht) heraus kommt, nicht etwa nur darum, wie sie „örtlich“ aus Niederbayern herauskommt. Sie strengt sich an – will aus der Kirche austreten – studiert (vielleicht in München) – stellt in Studienzeiten alles mögliche infrage – verzweifelt dann mehr und mehr an ihrem faden Eheleben angesichts ihres Ehemannes, der sich nicht um sie schert – und stirbt schließlich. Sie bleibt immer die Niederbayerin, die rückblickend mit ihrem Leben nicht unbedingt glücklich sein konnte. Und am Anfang und am Ende spielen die Kirche und der Glaube eine gewisse Rolle. Immer wieder die Kirche. Auch das hat sich vielleicht bis heute etwas verändert. Am Anfang in der Beichte, wo sie dem Pfarrer wirre Jugenderfahrungen erzählt, und am Ende, wenn sie sagt, ihr höre eigentlich nur der Herrgott zu, wer denn sonst? Andererseits nimmt sie die Kirche am Ende irgendwie nicht mehr so ernst, so klingt es jedenfalls.

Es ist ein grandioser Abend für Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper mit fast so etwas wie Kultstatus. Nicht inhaltlich, aber irgendwie bezüglich der ganzen Darbietung. Edmund Telgenkemper verfolgt zwar fast durchgehend wortlos (als Pfarrer und später als der Lebensgefährte von Susn), wie Brigitte Hobmeier mehr oder weniger Monologe hält. Aber es sind beide, die die Stimmung des Abends erzeugen. Neben der großflächigen, meterbreiten schwarz-weißen, stummen Videoaufnahme an der Rückseite der Bühne, wo man ganz langsame Sequenzen aus Niederbayern betrachten kann – eine Straße, ein Bauernhof. Und neben dem leichten Leberkäsgeruch im Theater – da Brigitte Hobmeier vor Beginn des Stückes warmen Leberkäs an das Publikum verteilt. Und neben dem einfachen Setting insgesamt. Susn trägt – wie in Achternbuschs Text – weiße Kniestrümpfe und einen weißen kurzen Rock, auch das schon.

Und beide, Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper, legen im Grunde immer wieder ihre Hilflosigkeit an den Tag. Brigitte Hobmeier zeigt als Susn diese Hilflosigkeit vor ihrem gesamten Leben. Edmund Telgenkemper zeigt sie irgendwie als zuhörender Pfarrer, der die Beichte der jungen Susn entgegennimmt, und später als der Ehemann von Susn, der hilflos nur noch seine eigene Schreiberei kennt.

Grandios ist, wie Brigitte Hobmeier Susn spielt. Sie spielt Susn schließlich in vier extrem unterschiedlichen Lebensabschnitten. Als 17-Jährige, als Studentin, als Ehefrau, als alte Frau. Es ist erstaunlich, wie gut sich Brigitte Hobmeier in diese vier verschiedenen Altersphasen hineinversetzt. Das ist der Genuss, den man aus diesem Abend ziehen kann. Besonders vielleicht auch deswegen, weil das Stück an der kleinste der drei Bühnen der Münchner Kammerspiele, der Kammer 3, gebracht wird. Man ist dem Stück damit einfach viel näher. Und weil die Bühne so kahl ist. Ein Tisch für Edmund Telgenkemper und ein Schminktisch für Brigitte Hobmeier. Das war’s dann fast. Es hat fast Werkstattcharakter.

Ansonsten merkt man: Diese Verwurzelung mit Niederbayern ist besonders, und sie war in den achtziger Jahren vielleicht noch deutlicher, als heute. Wahrscheinlich auch für Herbert Achternbusch. Und im Grunde zeigt sich darüber hinaus: Die Verwurzelung mit dem eigenen Leben ist eben immer immens. Niederbayern und das Leben. Aber es muss ja Gottseidank nicht immer so trist enden, wie an diesem Abend.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair, Münchner Kammerspiele

Vielen Dank dem Theater Verlag/Suhrkamp für den Text des Theaterstücks „Susn“ von Herbert Achternbusch!

THEATER: Fritz Kater: Heiner 1 – 4

Heiner Müller sagte: … in erster Linie bin ich Dramatiker und wahrscheinlich ist das meine eigentliche Existenz und der Rest wird dann eben immer mehr Material mit der Zeit“. Um solches Material geht es im Berliner Ensemble im derzeitigen Stück „Heiner 1 – 4“ von Fritz Kater.

Ein Abend über Heiner Müller. Wer war denn Heiner Müller? Darum geht es. Interessant, aber durch die vier sehr verschiedenen Teile auch verwirrend. Heiner Müllers sehr diffizile, sehr besondere Persönlichkeit wird dadurch leider nur unscharf gezeichnet. Weil der Abend am BE ihn irgendwie mit unseren heutigen Methoden „verwischt“. Der Kern von Heiner Müller wird nur gestreift.

Gerade das Berliner Ensemble wird an der Frage nach Heiner Müller interessiert sein, war er doch am Ende seines Lebens (ab 1992) noch Intendant des BE (zusammen mit VIER anderen Intendanten).

Fritz Kater wiederum ist das Pseudonym von Armin Petras. Armin Petras ist (bekanntlich) deutscher Intendant, Theaterregisseur und Autor, der sowohl unter seinem Namen als auch unter dem Pseudonym Fritz Kater Theaterstücke und Adaptionen schreibt. Er ist derzeit Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart.

Eines wird klar: Wenn man versucht, Heiner Müller in irgendwelchen heutigen, also heutzutage annähernd „verständlichen“ Kategorien zu erreichen, muss man eigentlich scheitern. Er war besonders. Er lebte freiwillig in der DDR, war mit dem Zustand des Sozialismus unzufrieden, kritisierte den Stillstand, es müsse weiter gehen, war seine Überzeugung, und er verlor durch die Öffnung der Mauer, den Untergang des Sozialismus und das Verschwinden der Revolution im Grunde seine Existenzgrundlage. Er war ja sogar für den Mauerbau. Schon ein Satz wie: “Er war einer der bedeutendsten Autoren der DDR…“ führt letztendlich in die Irre. So passt es nicht auf ihn. Was soll das schon bedeuten! Damit meint man ja: Aus UNSERER Sicht. „Bedeutend“! In der DDR hatte er jahrelang größte Schwierigkeiten, wurde abgelehnt, nicht aufgeführt.

Heiner Müller war ein absolut besonderer Mensch, dessen Denken man eigentlich in seiner Radikalität nur unterschätzen kann. Ein Mann der Utopie! Der revolutionären sozialistischen Utopie. In „Fritz Katers“ Abend hätte noch mehr die Radikalität herauskommen können. Sie hätte mehr Thema werden können oder müssen. So aber blieb es eine Mischung aus (1) Vermutungen über die Privatperson Heiner Müller (die es eigentlich nicht gab), dann doch (2) guten Interviewausschnitten, dann wieder (3) seiner Zeit am BE (eher humoristisch dargestellt) und (4) einer recht verwirrenden Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Es geht hauptsächlich um die Schreibblockade, die Heiner Müller nach Wegfall der Grenzmauer zwischen der DDR und der BRD befiehl. Er konnte angesichts des „Sieges“ des Kapitalismus nichts mehr schreiben! Die sozialistische Utopie, an der er sich immer rieb, war weg! Er sagte ja sogar, dass sein früher Tod, der sich vor 1997 abzeichnete, damit zu tun habe.

Schlichte Bühne, fünf Schauspieler des Ensembles, mehr Vortrag als Spiel, was im Grunde gut passte.

Erstaunlich war der erste Teil: Blicke der SchauspielerInnen auf Fotografien mit Heiner Müller. Sie reden darüber. Es war der Versuch, Vermutungen über Heiner Müller als Privatperson anzustellen. Es gab aber keinen privaten Heiner Müller, scheint mir fast. Im späteren Interview antwortet er niemals wirklich persönlich. Man hört zwar von privat anmutenden Szenen, seiner jungen Frau, seiner späten Tochter. Aber was bringts, wer kannte ihn schon lachend, weinend, wütend, erfreut? Obwohl, es wird gesagt, dass gerade nach dem Wegfall der Mauer Heiner Müller auf sein Privatdasein reduziert wurde.

Auszüge aus Gesprächen mit Heiner Müller bringt der zweite Teil. Das war interessant! Etwa zum Theater:

  • Wie ist das Theater entstanden?
  • Heiner Müller (HM): Also, es gab lange Zeit keinen Regen und da ist eine Göttin rein in eine Höhle und hat Striptease gemacht und das haben die anderen Götter gesehen und mussten anfangen zu lachen, laut lachen, und dann hat es wieder geregnet, ja, so ging das los und dann kam noch ’ne Geschichte dazu irgendwann, damit man sich die Gefühle besser merken kann.
  • Und was ist ihr Antrieb, Theater zu machen?
  • HM: Das Ungenügen an der Welt, das Ungenügen an der Realität ist die Quelle jeder Inspiration und diese Zwänge braucht man, die Dinge, die einen dazu bringen ins Unbekannte, ins Dunkle zu gehen.
  • Und wie sollte es aussehen, das Theater, das sie sich wünschen, ich meine, was soll passieren?
  • HM: Keine Ahnung, da gibt es doch tausend Möglichkeiten (zündet sich eine Zigarre an). Von Rosanow gibt es eine Beschreibung eines Theaterabends: Die Zuschauer applaudieren, die Schauspieler verbeugen sich, die Zuschauer gehen raus, an der Garderobe vorbei, die Garderoben sind leer, die Mäntel weg, sie gehen raus aus dem Theater, in die Stadt und die Stadt ist weg, keine Häuser mehr da.
  • Warum gibt es in ihren Geschichten so viele Engel?
  • HM: Man braucht Engel, wenn es nicht weitergeht, wenn man keine Hoffnung mehr hat.
  • Kunst stört ja auch die Dummheit und die Sicherheit ...
  • HM: Ja, wenn sie neu ist, wenn sie etwas Neues versucht, dann gibt es ja auch Aggression gegen diese Kunst, weil sie verunsichert, wenn es zu wenig Aggression gibt, dann stimmt etwas nicht mit dieser Kunst.

Der dritte Teil dann war für Insider des BE. Mehr slapstickartig und zu aufgesetzt wurden Vorbereitungsszenen aus dem Berliner Ensemble der damaligen Zeit gebracht.

Der vierte Teil, wie gesagt, eine schwer verständliche Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Und hier noch etwas anderes: Aus einem Aufsatz (Janine Ludwig, „Die Wörter verfaulen / Auf dem Papier – Heiner Müllers Schreibkrise nach dem Untergang des Sozialismus“) über die Stellung von Heiner Müller in der ehemaligen DDR:

„Heiner Müller hat immer nach den Kosten des Sozialismus gefragt und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit angemahnt, allerdings, um den Anspruch aufrechtzuerhalten, nicht um ihn zu desavouieren. Damit wurde er zum Problem für die Staatsführung, der er den Spiegel vorhielt und deren Hang zum Beschönigen der Verhältnisse er empfindlich störte. Im Grunde war er zu radikal, revolutionär, auch zu Gewalt-affin für die Regierenden – in seinen Augen Spießbürger, Biedermänner und Ein-bisschen-Wohlstands-Fetischisten, die es sich bald in der Nische namens „Übergangsgesellschaft“ bequem machten. Mit der Wirklichkeit, der „real existierenden“, die Müller Zeit seines Lebens „unmöglich machen“ wollte, arrangierten sie sich stillschweigend.“

Und noch etwas: Heiner Müller und der Engel: Siehe das Beitragsbild oben. Der Engel der Geschichte. Es geht zurück auf ein Gedicht von Walter Benjamin über das Wesen der Geschichte („Über den Begriff der Geschichte“). Dieser Engel der Geschichte, den Heiner Müller dann in einer eigenen Fassung „Der glücklose Engel“ nannte, blickt auf die Trümmer der Vergangenheit, wird fast zugeschüttet, steht versteinert in der Gegenwart und wird von der „gestauten“ – also blockierten – Zukunft bedrängt – bis doch irgendwann einmal wieder der Wind der Zukunft in die Flügel des Engels bläst. Diese Hoffnung hatte er immer.

Zum Fazit noch mal: Mit dem Wegfall des Sozialismus ist ja tatsächlich die letzte Utopie der Menschheit verschwunden. Wir leben nur noch in einer realen Welt. Utopie gibt es nicht mehr. Welche denn schon?

HIER die Onlineseite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

THEATER: Miranda July – Der erste fiese Typ

Ich hatte es schon längst gesehen, jetzt noch einmal. Es ist einfach ein schönes Stück an den Münchner Kammerspielen. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, dessen 10-Stunden-Antikenabend „Dionysos Stadt“ gerade zum Berliner Theatertreffen 2019 im Mai eingeladen wurde. Das Stück „Der erste fiese Typ“ gibt es noch zu sehen.

Auch übrigens den sehenswerten Marathon „Dionysos Stadt“ (je an einem Wochenende pro Monat). Zu meiner damaligen Besprechung von „Der erste fiese Typ“ geht es HIER. Deshalb hier nur kurz.

Getragen wird das Stück schlicht von den beiden Schauspielerinnen Maja Beckmann und Anna Drexler. Es ist ein Theaterabend für die beiden. Sie werden musikalisch begleitet von Brandy Butler. Es geht um Cheryl (Maja Beckmann) , ça. 45 Jahre alt, die die junge, wilde Clee (Anna Drexler), Tochter von Cheryls Chefin, vorübergehend in ihre (ordentliche) Wohnung aufnimmt. Clee hat ein völlig anderes Lebensverständnis. Völlig ungehemmt, ohne viel Respekt, einfach drauf los. Cheryl dagegen ist eine sehr vorsichtige, zweifelnde Person, die eigentlich gar nicht aus ihrer Haut heraus kann. Da prallt einiges aufeinander.

Man sieht in diesem amüsanten und schön gemachten Stück, wie Cheryl nach größten Schwierigkeiten doch mehr und mehr Verständnis für Clee und auch Liebe für sie entwickelt. Liebe, die letztlich dadurch entsteht, dass Clee schwanger wird und ein Kind bekommt, um das sich letztlich zunächst Cheryl kümmert. Clee nennt das Kind – das sie ohnehin zur Adoption freigeben möchte – ganz einfallsreich Jack.

Und am Ende bekommt man noch ein schönes Lebensgefühl mit auf den Weg. Wir gehen alle unseren Weg, alles ist nicht so ernst, jeder ist anders. Ständig prallen Welten aufeinander, sie können zusammen finden. Ein positives Stück. Und Maja Beckmann und Anna Drexler: Top, sie spielen es herrlich in ihrer Unterschiedlichkeit.

Zur Onlineseite des Stückes mit Trailer geht es HIER.

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer

THEATER: Berliner Theatertreffen 2019

Es wurden 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten besucht. 744 Voten gingen ein und die einzelnen Juror*innen haben jeweils zwischen 94 und 121 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 39 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

HIER der Link zur 10er-Auswahl 2019. Die zehn bemerkenswertesten Theaterstücke deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres, die in Berlin im Mai gezeigt werden, stehen fest.

THEATER: Leonie Böhm – Yung Faust nach Johann Wolfgang von Goethe

Yes – ja, wir altern jeden Tag. Und irgendwann merken wir, dass wir nicht mehr jung sind. Schade! Das kommt auch bei Leonie Böhms „Yung Faust“ in den Kammerspielen zum Ausdruck. Es hatte vor wenigen Tagen Premiere in der Kammer 2.

Fausts Wunsch „Augenblick, verweile …“ und Fausts Suche nach der Liebe, die ihm das Leben näher bringen soll, wird in diesem Stück von Leonie Böhm aufgegriffen. Neben den beiden jungen Personen, den SchauspielerInnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler spielt Annette Paulmann, die ja eine Generation älter ist. Man lehnt sich an Goethes „Faust“ (Teil I) an, im Hintergrund schwingt die Geschichte mit, jeder spielt aber jeden. Immer auch mit einer gehörigen Portion erotischer Anziehung gegenüber dem anderen. Annette Paulmann geht dabei anders an das Thema heran: „Weißt du überhaupt, was Liebe ist?“ fragt sie etwa einmal altersweise Julia Riedler. Sie ist nicht alt, aber sie hat Erfahrung. Sie sieht die Dinge eben schon anders.

Und immer dieser Gram, den sie mit sich herum trage, weint sie dann einmal verzweifelt. Morgens Gram – abends Gram. Der Gram über das Leben. Die Last des Lebens. Das ist ja sehr ehrlich – je älter man wird … Ich merke es ja selber. Sie spürt den Gram, die anderen beiden wollen davon nichts wissen. Wann gebe es schon einen einzigen Tag, sagt Annette Paulmann, an dem auch nur einer ihrer Wünsche wirklich in Erfüllung geht! Das Leben ist kein Wunschkonzert, kann man da nur sagen. Auch wenn Faust es gerne gehabt hätte, mit seinem Pakt mit Mephisto, um das Leben wirklich zu verstehen. Und mittendrin bricht Annette Paulmann ihr Stage Diving (Schlittern über die nasse Bühne) ab und sagt nachdenklich: „Ich bin zu alt!

Vor allem die beiden jungen Schauspielerinnen Benjamin Radjaipour und Julia Riedler – beide 1990 geboren – suchen das „Wunschkonzert“. Yung Faust spielt ja auf “Jung“ an. „Yung“ wird in der Sprache des Hip Hop verwendet für jung, neu etc. Die beiden „jungen“ bringen Hip-Hop Bewegungen, auch wenn es um das Hexeneinmaleins geht, sie mischen sich – auch das faustähnlich – unter das Publikum, nehmen Kontakt auf. Sie wollen genießen, sie wollen die Liebe finden und sie versuchen sogar, Annette Paulmann, die „Bedenkenträgerin“, mitzureißen. Yung steht für ein ziemlich verwegenes Leben. Auf den Filmfestspielen 2018 in München gab es einen Film über verwegenes Leben junger Mädchen mit dem Titel „Yung“. Yung – ein Lebensgefühl. HIER ein paar Worte zum Film. Und HIER ein Trailer. Den muss man sich, glaube ich, anschauen, wenn man wissen will, was „Yung“ bedeutet.

Das Ganze wird spielerisch locker geboten. Es ist eine Spielerei mit Johann Wolfgang von Goethes „Faust“, Teil I, diesem Monumentalwerk der deutschen Literatur. Kein „Goethe-Abend“. Es gibt ja nicht mal ein Bühnenbild (es stehen irgendwo ein paar abstrakte Gegenstände auf der Bühne herum). Es ist eher ein Abend zu Beobachtung der drei SchauspielerInnen. Annette Paulmann und Julia Riedler sind wieder einmal gewohnt gut, besonders fällt aber – auch „wieder einmal“ – finde ich, Benjamin Radjaipour auf. Ein Schauspieler, bei dem man gar nicht merkt, dass ein Schauspieler spielt. Nicht nur durch seinen Gesang fällt er auf – dadurch aber auch.

Es ist also eine Spielerei mit Goethes altem Text, ein Versuch, ihn mit jungen Augen zu verstehen. Auch ein Versuch kann ja anregend sein. Es kann Augen öffnen. Mir ist nur aufgefallen, dass man die Suche nach dem Glück heute irgendwie schon anders sieht. Auch Faust ist eben in die Jahre gekommen. Es geht jungen Menschen heute vielleicht schneller um die Welt insgesamt oder so. Oder ist das nur die Sichtweise meines Alters? Ich bin eben nicht mehr yung.

HIER der link zur Seite der Produktion im Onlineauftritt der Münchner Kammerspiele. Mit den nächsten Terminen.

©️ des Beitragsbildes: Julian Baumann, Münchner Kammerspiele

THEATER: Chris Thorpe – Victory Condition

Es ist ein Stück mit drei Ebenen. Zwei Personen – drei Ebenen. Die beiden Personen haben jeweils eine eigene Story vor Augen, über die sie reden werden. Und es gibt die Ebene des gemeinsamen, aktuellen Geschehens. Aber da spielt sich nicht viel ab.

Sie kommen mit Koffern aus dem Urlaub zurück in ihre äußerst funktional eingerichtete gemeinsame Wohnung. Die Zuschauer stehen (!) nebeneinander um die geschlossene Bühne herum und betrachten das Geschehen auf der Bühne – die Wohnung des Paares – voyeuristisch durch schmale Sichtfenster.

„Mann“ und „Frau“ reden nicht miteinander, sondern führen Monologe. Jeder hat seine Überlegung. Er ist „beruflich“ irgendwo Scharfschütze und monologisiert über eine Frau, die ihm einmal – wahrscheinlich vor dem Urlaub – gefallen hat. Er beobachtete sie in einer Gruppe Protestierender. Und er stand davor, auf sie zu schießen. Allerdings, um sie berühmt zu machen und letztlich damit das System, gegen das sie offenbar ankämpfte, sogar zum Einsturz zu bringen, indem die Gruppe der Protestierenden dadurch nur gewinnt.

Sie dagegen monologisiert in der Wohnung darüber, dass auf der Welt alles gleichzeitig stattfindet, womit sie offenbar kaum zurecht kommt. Sie kam einmal – wahrscheinlich auch vor dem Urlaub – in ihr Büro und spürte besonders, dass alles gleichzeitig passiert. Oder lag sie nach einem Schlaganfall in der U-Bahn Station? Es kommt jetzt oder kam ihr damals jedenfalls so vor.

Ein Stück über die Tatsache, dass wir im Grunde nichts verstehen. Die Welt als ein Fehler. So kann es doch nicht gewollt gewesen sein. Die Menschheit wächst – durch die Globalisierung – immer mehr zusammen, aber sie wird immer träger und hilfloser im Umgang miteinander. Und alles erschüttert uns. Er sah also hilflos eine Frau, die gegen das System ankämpfte. Er musste auf sie schießen. Sie dagegen sah hilflos irgendwie diese Gleichzeitigkeit von Allem. Mann und Frau wirken nicht gerade begeistert von ihren Überlegungen – ihren „Rückblenden“ – nach der Rückkehr aus dem Urlaub. Die Überlegungen verwirren beide mehr und mehr, ihre Handlungen – Wein einschenken, duschen, kochen etc. – geraten zunehmend aus den Fugen.

Ihre gemeinsame Welt? Man könnte sagen: Es geht insoweit darum, dass sich zwei Menschen, obwohl sie zusammen leben (verheiratet sind?), überhaupt nicht austauschen, nicht austauschen können. Kommunikation gleich null. Jeder lebt in seiner Welt und ist letztlich schwer verwirrt. Die „Frau“ scheint nicht daran interessiert zu sein, wie es dem „Mann“ geht und umgekehrt. Er und sie tauschen während der eineinhalbstündigen Vorführung vielleicht zweimal relativ freundliche Blicke miteinander. Zwei oder drei Mal berührt er sie. Ansonsten blicken Sie sich verständnislos an. Erstaunlicherweise umarmen sich beide ganz am Ende … wer weiß warum.

Die Zuschauer sehen also hautnah zu. Ziemlich traurig und desolat, was man so sieht. Man beobachtet es so, als würde man einem Blick in den Alltag werfen. Man beobachtet, wie das geordnete Leben eines Paares mehr und mehr aus den Fugen gerät. Es gerät dadurch aus aus den Fugen, dass jeder seine eigene, nicht beherrschbare „Außenwelt“ hilflos vor sich hat. Er als Scharfschütze, sie als Designerin.

Eine traurige, aber interessante Beobachtung des britischen Autors Chris Thorpe über die heutige Welt. Regie der Münchner Inszenierung führte Sam Brown. Die beiden relativ jungen Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters Nora Buzalka und Till Firit passen wunderbar, spielen es wirklich überzeugend, sehr glaubwürdig – was man ja besonders gut beurteilen kann, da man sie wirklich hautnah erlebt.

Es bleibt in der Umsetzung allenfalls vielleicht etwas zu artifiziell. Eine fürchterliche neutrale Wohnung, das immer schräger werdende Verhalten der beiden, die fürchterliche Nüchternheit untereinander. Die Schwierigkeit ihrer Überlegungen. Aber diese Art der Zuspitzung wird gewollt sein.

Hier der Link zur Seite der Inszenierung auf der Homepage des Münchner Residenzheaters.

Hier ein Link zur Seite des Bühnenbildners Alex Lowde, auf der man das – sehr nüchterne – Bühnenbild dieser Inszenierung sieht.

HIER ein Link zu einer kurzen Erklärung von Chris Thorpe zum Stück Victory Condition. Victory Condition ist ein Begriff aus der Welt des Gamings.

©️ des Beitragsbildes: Armin Simailovic

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Allgemein Sonstiges

SONSTIGES: Ein Augenblick.

Ein nicht so schlechter Text aus Richard Powers‘ „Die Wurzeln des Lebens“. So kann man es auch sehen. Das Beitragsbild oben ist aus „Caspar Western Friedrich“ von Philippe Quesne, das 2017 an den Kammerspielen gezeigt wurde. Das Verhältnis des Menschen zur Natur.

Der Text:

„Stellen wir uns vor, der Planet wird um Mitternacht geboren, unsere Lebensspanne beträgt genau einen Tag.

Zuerst ist da nichts. 2 Stunden vergehen allein mit Lava und Meteoren. Leben zeigt sich erst gegen drei oder vier Uhr morgens. Und auch da sind es nur die einfachsten selbstreplizierenden Bausteine. Von der Morgendämmerung bis zum Vormittag – eine Million Millionen Jahre Verzweigungen – nichts als simple, schlichte Zellen.

Dann ist da alles. Etwas Unglaubliches geschieht, kurz nach Mittag. Eine Variante dieser einfachen Zellen versklavt einige andere. Zellkerne bekommen Membranen. Zellen entwickeln Organellen. Was anfangs ein Zeltplatz für einen war, entwickelt sich nun zur Stadt.

Der Tag ist zu zwei Drittel um, als die Wege von Pflanzen und Tieren sich trennen. Und trotzdem besteht das Leben immer noch nur aus Einzellern. Es wird schon dunkel, als sich die ersten komplexeren Zellgebilde zeigen. Alle größeren Lebensformen sind Spätankömmlinge, stellen sich erst nach Einbruch der Dunkelheit ein. Neun Uhr abends beschert der Welt Quallen und Würmer. Später in derselben Stunde beginnt das Gewimmel – Rückgrat, Knorpelgewebe, eine Explosion der Körperformen. Von einem Augenblick auf den anderen sprießen überall in der sich immer weiter ausbreitenden Krone neue Äste und Zweige und wachsen in rasendem Tempo.

Um kurz vor zehn ziehen die ersten Pflanzen an Land. Dann Insekten, die sich sogleich in die Lüfte erheben. Augenblicke später kommen Landwirbeltiere aus dem Schlamm am Gezeitensaum gekrochen und bringen auf ihrer Haut und in ihrer Eingeweiden ganze Welten aus älteren Geschöpfen mit. Als es elf schlägt, ist die Zeit der Dinosaurier schon vorbei, und sie übergeben das Kommando für eine Stunde an die Säuger und Vögel.
Irgendwo in diesen letzten sechzig Minuten, hoch oben, fast am oberen Rand des stammesgeschichtlichen Blätterdachs, entwickelt das Leben Bewusstsein. Die Geschöpfe fangen an zu spekulieren. Tiere bringen ihren Kindern bei, was Vergangenheit und Zukunft sind. Tiere lernen, wie sie Rituale abhalten.

Der im anatomischen Sinne moderne Mensch taucht vier Sekunden vor Mitternacht auf. Erste Höhlenmalereien gibt es drei Sekunden darauf. Und im Tausendstel eines Klicks des Minutenzeigers löst das Leben das Geheimnis der DNA und macht sich erstmals ein Bild vom Baum des Lebens. Als die Mitternacht kommt, besteht fast der gesamte Erdball aus Monokulturfeldern, zur Erhaltung und Ernährung einer einzigen Spezies. Und das ist der Moment, in dem sich der Baum des Lebens von neuem verwandelt. Der Augenblick, in dem der mächtige Stamm ins Wanken gerät.“

©️ des Fotos: Martin Argyroglo, Münchner Kammerspiele.

THEATER: William Shakespeare – Richard III.

Ich hatte mich das ja schon einmal gefragt: Warum tut man sich das an, William Shakespeare! Warum schaut man sich diese verschiedenen unangenehmen Tyrannentypen immer wieder an? Diese „historischen“ Tragödien von Shakespeare sind doch weit weg von der heutigen Welt. Solche Typen gibt es doch wirklich nicht mehr!

Ich würde sogar noch weitergehen: Warum gelten sie eigentlich als so hehres europäisches Kulturgut? Ist das Teil unserer Geschichte? Shakespeare greift ja eigentlich immer wieder auf die Geschichte Großbritanniens zurück, nicht Europas – die Geschichte Schottlands, Englands, Wales, Irlands. Und gerade die Briten fühlen sich ja nicht unbedingt als Europäer. Stichwort Brexit. Ich will auf keinen Fall etwa „deutsches Theater“ – überhaupt nicht – ich bin für absolute Öffnung. Aber Shakespeare gilt bei alledem irgendwie als ein unumstößlicher Monolith im Theaterwesen. Deswegen frage ich mich: Warum?

Ich weiß, mit einer solchen Bemerkungen wische ich mal schnell weltweite Literaturgeschichte beiseite. Shakespeare gilt immerhin als der bedeutendste Autor der Weltliteratur. Was Deutschland angeht, liest man ja sogar bei Wikipedia:

Zu den Besonderheiten der deutschen Shakespeare-Rezeption seit der Romantik gehört die Auffassung, die Deutschen hätten eine besondere Affinität zu Shakespeare, sein Werk stehe der deutschen Seele näher als der englischen. Die Beschäftigung mit Shakespeare und die bis ins Politische reichende Popularisierung seines Werkes fand in der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, die im Jahr 1864 eher von Enthusiasten als von Fachphilologen gegründet wurde, ihre institutionelle Verankerung. Sie ist die älteste Shakespeare-Gesellschaft der Welt und bedeutend älter als die englische.

So mag es sein. Eine ganze Reihe von Shakespeare Tragödien geht aber zurück auf die sogenannten damaligen „Rosenkriege“ in Großbritannien. Kriege zwischen den beiden britischen Herrscherlinien der Zeit des 15. Jahrhunderts, zwischen dem Hause Lancaster und dem Hause York. Shakespeare selbst lebte ja Ende 16. und Anfang 17. Jahrhundert. Er versteckte sich in gewisser Weise vor Angriffen, indem er sich insoweit als „Historiendramatiker“ ausgab. Er konnte und wollte ja nicht direkt das aktuell herrschende Königshaus kritisieren. Da gibt es von William Shakespeare also eine York-Tetralogie und eine Lancaster-Tetralogie. Teil der York-Tetralogie ist die Tragödie „Richard III.“

„Richard III.“ habe ich mir nun am Münchner Residenztheater angesehen. Eine völlig andere Inszenierung von Richard III. kann man übrigens derzeit am Schauspiel Frankfurt sehen. Sie muss sehr interessant sein und erhält geradezu großartige Kritiken. Ich vermute, die Frankfurter Inszenierung (von Jan Bosse) wird zum Theatertreffen 2019 ausgewählt werden. Das stellt sich in wenigen Tagen (am 30. Januar) heraus.

HIER die Seite zur aktuellen Inszenierung von Richard III. am Münchner Residenztheater. Und HIER die Seite des Schauspiels Frankfurt zur aktuellen Inszenierung von Richard III.

Zur Inszenierung am Münchner Residenztheater: Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Michael Thalheimer scheint derzeit auch auf einem Shakespeare-Trip zu sein. In Berlin hatte ich ja kürzlich Shakespeares „Macbeth“ angesehen und auch dort ist es eine Inszenierung von Michael Thalheimer. HIER der Link zu meinem damaligen Beitrag.

Am Münchner Residenztheater sieht man das Stück Richard III. relativ „originalgetreu“. So war es ja auch am Berliner Ensemble, obwohl die dortige Fassung ja VON Heiner Müller und „nur“ NACH William Shakespeare war. Das merkt man dort allerdings nicht besonders deutlich. Recht puristisch, aber originalgetreu. Das ist die Linie von Michael Thalheimer.

Eine solche weitgehend originalgetreue Inszenierung hilft natürlich, wenn man etwa die komplizierte Story von Richard III. verfolgen will. Hier die Zusammenfassung der Story aus dem Programmheft:

Auch hier am Residenztheater war das Bühnenbild – wie in Berlin – äußerst reduziert. Schwarze Holzpaneelen bis hoch unter die Decke rahmen die dunkle Bühne. Wenig Licht. Der Bühnenboden ist bedeckt von massenweise schwarzen Kieselsteinen (Styropor), durch die die Schauspieler waten (siehe Beitragsbild oben). Den ganzen Abend hindurch wummert ganz leise bedrohliche „Musik“ – eigentlich mehr „Töne“ als „Musik“ – im Hintergrund.

Norman Hacker spielt den verkrüppelten Richard III. Und er wird wirklich hässlich gespielt. Fies, machtgeil, mörderisch, arrogant, skrupellos, egomanisch, wahnsinnig. Man verlässt das Theater und hat einem Wahnsinnigen zugesehen! Alle Mitwirkenden spielen in dieser Thalheimer-Inszenierung um den noch dazu hässlichen Richard III. herum. Am besten haben mir die kleineren Rollen gefallen. Die Rolle von Thomas Schmauser: Herzog von Buckingham. Und die von Marcel Heupermann, Catesby, beide waren Richards Helfer.

Stephen Greenblatts Buch „Der Tyrann“ geht übrigens ganz besonders auf Richard III. ein. Sehr interessant. So kann man Richard III. besser verstehen. Greenblatt zeigt zum Beispiel an einzelnen Textstellen in Shakespeares Tragödie „Richard III.“, dass es die in Richards Leben komplett fehlende Liebe – Mutterliebe, Selbstliebe, erotische Liebe – war, die ihn dazu trieb, an die Macht zu stürzen. Genau hier kann man etwas aus der Tragödie „Richard III.“ ziehen, finde ich: Vielleicht bestehen bei Menschen, die nach Macht streben, manchmal – oder sogar oft – verdeckt sehr persönliche Defizite oder Gründe, so zu handeln, wie sie handeln.

Mit einem angenehmen Gefühl kann man Richard III. und das Geschehen um ihn herum jedenfalls kaum betrachten. Die wummernde leise Musik im Hintergrund tut ihr übriges. Man kann sich also durchaus fragen: Warum das? Man sieht die Geschichte des unangenehmen „Prinzen“ Richard, der sich zur Königsfigur hindurchmordet und schließlich doch scheitert. Und dann?

Nun, Steven Greenblatt schreibt in seinem Buch “Der Tyrann“, dass wir Zuschauer immer schon Richard irgendwie verteidigt haben: „Etwas in uns genießt jede Minute seines schrecklichen Aufstiegs zu Macht.“ „Wieder und wieder… sind wir bezaubert.“ Wenn das ein Aspekt ist, kam er in der Inszenierung von Michael Thalheimer sicherlich etwas kurz. Schade. So ein Bezug zu uns Zuschauern heute fehlte mir ein wenig.

HIER der Bühnenaufbau im Zeitraffer.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

Redaktion des Programmheftes: Sebastian Huber

 

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THEATER: Macbeth-Trilogie, Teil IV

Vorweg etwas: Es kommt mir schon ganz komisch vor, dass ich derzeit so viele Posts bringen. Es liegt einfach daran, dass ich – anstatt abends den Fernsehknopf zu drücken – 200 m weiter zu den Kammerspielen, 500 m zum Residenztheater oder mit dem Fahrrad ein Stückchen fahre, um mir ein Theaterstück anzusehen. Oder etwas lese oder so. Ein Blog treibt einen ja auch dazu, die Dinge weiterzuverfolgen. Und wenn ich schreibe, schreibe ich recht schnell. Also keine Angst.

Anfang Dezember hatte ich an den Münchner Kammerspielen schon einmal „Macbeth“ angesehen. HIER mein damaliger kurzer Bericht. Ich hatte damals angekündigt, noch einmal darauf zurückzukommen im Rahmen meiner großen Shakespeare-Tour. Ich habe jetzt in letzter Zeit also gesehen: „Macbeth“ von Heiner Müller am Berliner Ensemble, „Macbeth“ von William Shakespeare am Münchner Residenztheater, jetzt noch einmal „Macbeth“ von Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen und kürzlich „Richard III.“ von William Shakespeare auch am Münchner Residenztheater (auch darüber schreibe ich bei Gelegenheit noch). Zusätzlich hatte ich das Buch „Der Tyrann“ vom großen Shakespeare-Kenner Stephen Greenblatt gelesen, in dem es um die Tyrannengestalten in Shakespeare‘s Dramen geht.

Nun also abschließend zu „Macbeth“ NACH William Shakespeare VON Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen:

Amir Reza Koohestani ist Iraner. Man stelle sich nur vor, ein deutscher Regisseur würde sich einen persischen Klassiker vornehmen und dem persischen Publikum präsentieren. Genau so ist es doch wohl, wenn sich Amir Reza Koohestani dieses europäischen Klassikers von William Shakespeare annimmt. Zwei Welten prallen aufeinander. Diesen Abend nur „Macbeth“ zu nennen, täuscht dann natürlich. Es greift an sich zu kurz. Treffender wäre es – von der ganzen Inszenierung her – sicher gewesen, diesen Abend etwa „Macbeth iranisch/deutsch“ zu nennen. Das ist es ja, was man an diesem Abend sieht: Die Konfrontation des europäischen „Klassikers“ mit dem Versuch, ihn aus persischen Augen zu verstehen. Das ist das Thema des Abends.

Amir Reza Koohestani zieht „Macbeth“ deshalb an diesem Abend zunächst einmal auf eine Metaebene: Er zeigt, wie ein Regisseur, gespielt von Christian Löber (siehe das Foto oben), die Aufführung von Macbeth in letzten Zügen mit einigen Schauspielern vorbereitet. Die von ihm vorgesehene Schauspielerin für Macbeth‘s Ehefrau, Lady Macbeth, fällt kurz von der Premiere aus. Der Regisseur, der auch den Macbeth spielen würde, setzt kurzfristig seine persische Frau für diese Rolle ein, die von der persischen Schauspielerin, Journalistin, Regisseurin, Schriftstellerin Mahin Sadri gespielt wird. Und so beginnen die Probleme. Sie tastet sich natürlich an Shakespeare so heran, dass sie den Text erst einmal auf Farsi liest und spricht. Wie soll sie ihn sonst verstehen. Christian Löber als Regisseur hat schon damit seine Probleme. Aber auch später, wenn Mahin Sadri den Text spricht, hat er damit Probleme. Sie betone falsch.

Aber es kommen noch weitere Ebenen hinzu. Es ist eine kluge, und insgesamt nicht leicht zu verstehende Inszenierung. Man muss Shakespeare‘s Macbeth gut kennen, nur Stück für Stück wird die Geschichte in bestimmten Einzelheiten weiter erzählt. Im Grunde kommt hinzu, dass auch der Regisseur und Protagonist seines eigenen Stückes „Macbeth“, wie gesagt gespielt von Christian Löber, immer mehr Unverständnis für Shakespeare’s „Macbeth“ zeigt. Er wird völlig verwirrt. Andererseits geht er in seinem Projekt „Macbeth“ auf und hat ständig einzelne Szenen vor Augen. Er schaut in den Spiegel und sieht Macbeth!

Und es kommt hinzu, dass sich auch für ihn die Ebenen – das Private und seine künstlerische Tätigkeit – immer mehr verweben. So wird er einmal von seiner Frau gefragt: „Bist du ein Mann?“ Die Frau meint es als Textstelle von Shakespeare, gesprochen von Lady Macbeth. Der Mann fasst es als private Äußerung auf und reagiert etwas angesäuert zurück. Oder er redet anfangs mit einem Schauspielerkollegen – Stefan Merki – auf dem Pissoir über das Verhältnis von Macbeth zu seinem Freund Banquo, den er schließlich umbringen wird. „Was würdest Du denn machen, Dein bester Freund!“ fragt der Kollege und bedrängt Christian Löber geradezu. Oder er wird einmal fast neben der Bühne, glaube ich verstanden zu haben, ans Telefon gerufen mit dem Hinweis, Macbeth sei am Apparat. Und alles ist ja immer der Versuch des Iraners Amir Reza Koohestani, Shakespeare’s „Macbeth“ zu verstehen.

Die Inszenierung ist klug, teilweise humorvoll, teilweise ernst. Übrigens schön begleitet von dem starken, lauten Gesang einiger Shakespeareworte durch die polnische Musikerin Polly Lapkovskaja. Es zeigen sich insgesamt die immensen Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn ein iranischer Regisseur einen europäischen Klassiker auf die Bühne bringen will. Wie gesagt: Wie wäre es umgekehrt? Man könnte nur Fettnäpfchen erwischen! Aber es lohnt sich doch, sich mit fremden Klassikern – aus iranischer Sicht – auseinanderzusetzen. Auch wenn man an diesem Abend das Theater verlässt und sich sagen kann: Shakespeare verwirrt alle! Und alle scheitern irgendwie an Shakespeare‘s Macbeth.

Was ich übrigens dementsprechend davon halte, Shakespeare immer weiter als europäischen „Klassiker“ zu verstehen, werde ich noch etwas deutlicher, glaube ich, schreiben, wenn ich über „Richard III.“ schreibe.

©️ des Beitragsbildes: Thomas Aurin, Münchner Kammerspiele

THEATER: Ödon von Horvath – Glaube Liebe Hoffnung

Ich würde ja gerne wissen, ob sich Ödon von Horvath über diese Inszenierung seines Stückes „Glaube Liebe Hoffnung“ am Münchner Volkstheater wirklich gefreut hätte. Obwohl das Stück inhaltlich „erzählt“ wurde, wurde meines Erachtens von der Stimmung, die Ödon von Horvath vor Augen haben mochte, vielleicht ja irgendwie zu wenig erwischt.

Vielleicht wird es zu sehr heruntergespielt, nach dem Motto: „Wir müssen etwas bieten!“ Es fehlten ruhige Momente meines Erachtens. Es hätte einfach weniger sein können. Weniger ist oft mehr. Das große Manko unserer Zeit.

Die Geschichte – basierend angeblich auf einer wahren Begebenheit – von „Glaube Liebe Hoffnung“:

Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit der 30er Jahre. Die junge Elisabeth kämpft um ihre Existenz. Als Vertreterin für Damenwäsche versucht sie sich durchzuschlagen, benötigt dafür einen Wandergewerbeschein für 150 Mark. Entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, bietet sie dem Anatomischen Institut ihre Leiche zum Verkauf an. Erfolglos, denn Leichen gibt es zu Hauf in diesen schwierigen Zeiten. Der Präparator leiht ihr 150 Mark, nicht wissend, dass Elisabeth damit ein Bußgeld begleichen muss, weil sie ihr Gewerbe ohne Lizenz ausgeübt hat. Als die Wahrheit ans Licht kommt, wird Elisabeth zu einer Haftstrafe verurteilt. Sie ist dann arbeitslos und vorbestraft. Ohne Arbeitserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit kein eigenes Einkommen, ohne Einkommen keine Chance auf ein rechtschaffenes Leben. Selbst die Liebe zu dem Polizisten Alfons scheitert an Elisabeths Vergangenheit. Am Ende verliert Elisabeth ihren Glauben, ihre Liebe und die Hoffnung in einer Gesellschaft, sie begeht einen Selbstmordversuch. Die Gesellschaft, die den Einzelnen lieber zugrunde gehen sieht, als die Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit in Frage zu stellen

In gewisser Weise war mir die Inszenierung zu erwartungsgerecht: Das Bühnenbild etwa war so, wie man sich an der Schauspielschule ein Bühnenbild wahrscheinlich vorstellt: Links und rechts dünne Wände mit mehreren Türöffnungen nebeneinander – nach hinten erhöht sich die Bühne stark – um einen optischen Effekt zu erzielen, werden die Türen nach hinten immer kleiner – auf der Bühne stehen ein paar Tische, mehr nicht – Trennwände werden manchmal hoch oder runter gefahren. Die Schauspieler wirken oftmals viel zu groß für die klein wirkende Bühne. Nun gut, der Regisseur und Intendant Christian Stückl wird sich etwas dabei gedacht haben. Es sollte sicher extra so sein. Aber heraus kam dann eben etwas eher langweiliges, finde ich. Ich glaube allein schon: Eine so stark angeschrägte Bühne ist einfach out! Das hat man bis vor zehn Jahren ständig gebracht. Schade! Schlichtweg ebenerdig, also waagerecht, wäre doch schön gewesen!

Auch die Kostümierung war meines Erachtens zu einfallslos. Eigentlich trugen alle Schauspieler schwarz-weiß. Das wiederum erinnerte eher an Franz Kafka, aber nicht Ödon von Horvath. Alle Schauspieler trugen noch dazu durchgehend schwarze Zylinder oder andere schwarze Hüte. Meines Erachtens viel zu ideenlos von Stefan Hageneier, der verantwortlich war für Bühne und Kostüme.

Schauspielerisch konnte meines Erachtens nur Nina Steils überzeugen. HIER ihre Seiten auf der Website des Volkstheaters. Sie wird in der Tat auch für ihre Leistungen an der Volksbühne, auch in „Glaube, Liebe, Hoffnung“, in der Presse gelobt. Erst seit dieser Spielzeit ist sie am Volkstheater. Sie spielt in Glaube Liebe Hoffnung so, als würde sie sich wirklich etwas zurückziehen und das ein oder andere Mal zurecht fast über die übertriebene und hektische Spielart um sie herum wundern. Sie ist die einzige, die ruhige Momente in diesem Stück hat. Und genau die sind gut! Besonders der Präparator – Schauspieler Oleg Tikhomirov – spielt dagegen durchgehend übertrieben nervös, hektisch, unruhig und laut. Aber nicht nur er. Christian Stückl wird sich aber auch hier sicher etwas gedacht haben.

Christian Stückl zeigt eine laute und nervöse, aber eigentlich auch sehr verängstigte Männerwelt um die zarte Elisabeth herum. Männerwelt, Frauenwelt, ein Thema für Horvath. Mir schien es aber irgendwie nicht ganz stimmig! „Bellende Hunde beißen nicht“, heißt es doch. Dann wären doch all die Herren um Elisabeth herum ziemlich bisslos! Ödön von Horvath zeigt aber, dass Elisabeth tatsächlich zu Grunde geht in der damaligen Männerwelt. Nicht nur an den Männern, sie wird von der Justiz und der Armut und den Männern in die Enge getrieben. Vielleicht sollten Sie also doch lieber etwas weniger „bellen“, die Männer in dieser Inszenierung.

HIER die Seite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Gabriela Neeb

THEATER: Samuel Beckett – Endspiel

Ein Theaterstück kann ja auch einmal zu ungelegener Zeit kommen! Endspiel von Samuel Beckett am Münchner Residenztheater. Ich hatte gerade ein sehr einnehmendes Buch gelesen, über das ich in Kürze berichten werde. Und jetzt plötzlich dieses Theaterstück!

Im Buch, das ich gerade gelesen hatte – der Roman „Die Wurzeln des Lebens“ von Richard Powers -, geht es hoch eindringlich um die Natur, die der Ausbeutung durch den Menschen ausgeliefert ist, während es bei Samuel Becketts Endspiel ja existenzialistisch um den Menschen geht.

Nun gut, zum Theaterabend Folgendes:

„Warten auf Godot“ und „Endspiel“, das sind die beiden Stücke die einem natürlich bei Samuel Beckett einfallen. Samuel Beckett ist 1906 in Irland zur Welt gekommen und im Jahre 1989 in Paris gestorben. „Endspiel“ hatte er als eine seiner ersten Theaterstücke 1957 fertiggeschrieben. „Warten auf Godot“ hatte er sogar schon 1952 geschrieben.

Interpretieren oder verstehen kann man „Endspiel“ ja nicht so schnell: Zwei Menschen, die offenbar als Einzige auf der Welt üblich geblieben sind, reden miteinander. Die Eltern des einen – Hamm – tauchen auch auf. Alles sei zu Ende. Man sagt ja, Hamm würde für Hammer oder englisch hammer stehen, während Clov, Nagg und Nell für Nägel (NAGel, oder nail oder Clou) steht. Ein Hammer, drei Nägel. Samuel Beckett hat das angeblich nicht verneint. Warum auch immer. In der Inszenierung am Residenztheater heißt allerdings ausgerechnet der Schauspieler des Hamm Oliver Nägele!

Das Gute ist in diesem Fall einmal: Die Inszenierung von Anne Lenk versucht keine Interpretation. Man sieht das Stück und kann den identischen Text im Buch nachlesen. Wortidentisch. Vielleicht ist das auch eine Auflage von Samuel Beckett. Man würde den Text ohnehin nur verfälschen. Ich werde das Stück sicherlich auch noch das ein oder andere Mal lesen und versuchen, mich ein wenig zu orientieren. Diesen Blogbeitrag werde ich entsprechend anpassen.

Anne Lenk reduziert die Inszenierung fast auf das äußerst Mögliche. Hamm sitzt auf einem Stuhl, sonst ist nichts. Kein weiterer Gegenstand, kein Raum. Alles weitere – Fenster, eine Leiter, ein Hund, eine Tür – werden von Clov pantomimisch dargestellt. Nur er kann sich ja bewegen, Hamm sitzt im Rollstuhl – ohne Rollen. So sieht es aus:

Franz Pätzold spielt Clov, der eine Art Diener von Hamm ist. Oliver Nägele spielt, wie gesagt, Hamm. Hamm ist der Welt irgendwie schon um einiges mehr entrückt. Clov ist dagegen noch viel eher abhängig von Hamm’s Verhalten. Clov wundert sich eher über das, was Hamm so äußert. Jedenfalls spielen Pätzold und Nägele ihre Rollen so. Wobei mich Clov, also Frank Pätzold, mehr überzeugte. Oliver Nägele spielt irgendwie ein bisschen zu sehr wie eine Figur von Thomas Bernhard. Die zwar verzweifelt oder desillusioniert ist, aber vom Untergang doch noch recht weit entfernt ist. Vielleicht allein wegen des Bademantels, den er trägt. Das hat etwas doch Behagliches, nach dem Motto: Es geht ja weiter! Die Eltern von Hamm tauchen im Stück nur kurz auf. Ohne Beine, halb aus dem Bühnenboden. Sie sind auch im Buch ohne Beine.

Ansehen und nachlesen, mehr kann ich kaum empfehlen. Die Inszenierung hat mich nicht umgehauen, aber sie kann eine gute Basis dafür sein, sich damit zu befassen. Natürlich könnte man meinen, es geht um die letzten beiden Menschen auf der Welt, das Ende der Welt. Das Ende naht. Aber das greift irgendwie zu kurz. Es geht eher vielleicht um das generelle Nirvana, in dem man sich als Mensch befindet. Ich werde es noch einmal lesen. Nur in das Stück gehen und sagen: „Jetzt habe ich es verstanden!“, kann – glaube ich – kaum gelingen. Das ist sicherlich auch nicht die Absicht von Anne Lenk.

HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website des Residenztheaters.

Und HIER ein Trailer zum Stück.

©️ der Fotografie der Inszenierung: Thomas Aurin

THEATER: Moliere – Don Juan

Don Juan von Moliére im Residenztheater. Eine Inszenierung von Frank Castorf, das Bühnenbild wieder von Aleksandar Denic.

HIER der Link zur Programmseite des Residenztheaters zur Inszenierung.

Ich kann hier nur über meine banalen Eindrücke schreiben, ich bin kein Moliére – Spezialist!

1. Wieder ein Frank Castorf. „Don Juan“ ist nach „Kasimir und Karoline“ 2011, „Reise ans Ende der Nacht“ 2013, „Baal“ 2015 und „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“ 2016 die fünfte Inszenierung von Frank Castorf am Residenztheater. Wer noch keine Inszenierung von Frank Castorf  gesehen haben sollte, kann sich gut die Inszenierung von Don Juan ansehen! Es ist keine Mammutveranstaltung, was ja bei Frank Castorf sonst öfters vorkommt. Inhaltlich nicht unbedingt weiterführend, aber ein Fest der Sinne! Die Inszenierung hatte erst Ende Juni 2018 Premiere, wird also sicherlich noch des Öfteren gebracht werden.

Es ist Theater pur, aber mit einem „Aber“: Es ist Theater pur in einer vielleicht schon etwas veralteten Form. Modernes Theater sieht etwas anders aus. Wie provozierend ist etwa ein Milo Rau! Aber andererseits: Es muss ja nicht immer gleich modernes Theater sein.

2. Ich finde jedenfalls bei allem Wohlwollen: Frank Castorf klemmt fest. Etwas muss anders werden, wenn er – hoffentlich noch viele Jahre – inszeniert! Seine – wieder einmal – irgendwie besondere Inszenierung könnte durchaus noch durch ein wenig überraschende Momente belebt werden. Nicht nur durch die Länge seiner Inszenierungen, wie es bei ihm ja oft zu erleben ist! Anders könnte oder sollte es einmal belebt werden! Wobei diesmal vier Stunden übrigens geradezu zahm waren. Mit Pause sogar! Oder ist es Lehrheater? Das würde ja (nach Bertolt Brecht) bedeuten, dass die Schauspieler beim Aufführung des Stückes etwas lernen würden! Ich hatte jedenfalls nach der Vorstellung eigenartige Wünsche oder Vorstellungen: Belebende Elemente würden den Zuschauer aus der musealen Betrachterrolle herausholen. Es könnten etwa sein:

– Die Frontalansicht, der man – wie fast immer im Theater – auch bei ihm ausgesetzt ist. Schade fast bei seinen Stücken! Wie interessant wäre eine seiner Inszenierungen, wenn man als Zuschauer seine Bühnenbilder und die Leistungen der (sich meist wirklich verausgabenden) Schauspieler ohne Frontalansicht erleben würde – vielleicht im Marstalltheater, der früheren Probebühne des Residenztheaters. Dort kann man am ehesten um die Bühne herum sitzen. Das gäbe Eindrücke! Aber dort wird die Bühne schnell zu klein sein!

– Oder die Musik: Verschiedenste Stücke aus der Welt der Musik begleiten auch bei Don Juan die Inszenierung. HIER die Playlist, für die Inszenierung von Don Juan zusammengestellt von William Minke). Es fällt ja auf, dass man bei Castorfs Inszenierungen selten wirklich moderne Musik hört. Wie interessant wäre es, wenn man ganz moderne Musiktitel hören würde! Das könnte Kontraste geben! Kontraste und Überraschungen sind immer gut, regen an.

– Obwohl: Kleine derartige Elemente, die ein wenig von Castorfs „Muster“ abweichen, findet man bei der Inszenierung des Don Juan sogar: Zum Einen, wenn die Schauspieler vor ein riesiges Tuch treten, das von der Bühnendecke heruntergelassen wird und auf welches schlichtweg ein riesiges Naturbild projiziert wird. Ein Wald, ein Flusslauf. Man fühlt sich plötzlich aus allen Zeiten herausgerissen. Und geradezu aus dem Stück herausgerissen. Zum Anderen, wenn man am Ende Videoaufnahmen sieht, in denen Don Juan (und sein „zweiter Part“) über die Maximilianstraße gehen und in teure Schaufenster blicken. Sie lesen etwa bei Gucci: „Liberté – Egalité – Sexualité“. Gegenwartsbezug vielleicht mit einem kleinen mahnenden Hinweis.

3. Ein weiterer Eindruck, der vorherrschende Eindruck: Es war wahrlich ein Fest der Eindrücke, des Bühnenbildes, der Kostümierung, der Ausstattung insgesamt! Wieder die etwas düstere Stimmung, wieder das seltsame mehrstöckige Gebäude, die Drehbühne, der Neonschriftzug, siehe das Beitragsbild oben, die Videoeinspielungen auf der Leinwand, die ab und an heruntergefahren wurde. Auch wieder mit einer Schwarz-weiß-Einspielung eines alten Filmklassikers mit Marcello Mastroianni. Bekannte Castorf-Elemente, die aber für die Inszenierung von Don Juan meines Erachtens besonders gelungen sind! Vor allem die ausufernde Kostümierung! Ein Fest und ein Genuss! Wunderbare Bilder immer wieder. Aber all das darf bitte nicht zur musealen Betrachtung seiner Inszenierungen führen!

4. Schauspielerisch geht es bei Frank Castorf durchaus oftmals um Einiges exzessiver zu, ich denke etwa an die legendäre „Faust“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne. Das ist aber bei der Inszenierung von Don Juan geradezu ein Vorteil! Die schauspielerische Leistung tritt etwas mehr in den Vordergrund. Wunderbar sind dabei besonders die Leistungen von Nora Buzalka (besonders), Marcel Heupermann und Franz Pätzold als Don Juan. Buzalka, Heupermann und Pätzold sind wahre Castorf-Typen, auch wenn sie in dieser Inszenierung sogar ein wenig – ein wenig – zurückhaltender spielen.

5. Zum Inhalt des „Don Juan“ von Moliére: Ich habe nicht Theaterwissenschaften studiert, dann könnte und sollte ich wahrscheinlich mehr dazu sagen. Don Juan, der südländische Faust. Er folgt ausschließlich dem Vergnügen, der Erotik, den Ausschweifungen, der Grenzenlosigkeit. Das wiederum führt ihn letztlich in sein persönliches Verderben. HIER eine Inhaltsangabe, auch ein Trailer zur Inszenierung ist über diesen Link zu finden.

6.  Das Programmheft ist übrigens wieder einmal sehr interessant und gibt in einer Art „Diskussionsrunde“ viele Aussagen von Schriftstellern, Philosophen etc. zum Mythos „Don Juan“. Die Themen sind: I. Der Verführer, II. Moliére und Ludwig XIV. III. Der Aristokrat. IV. Loop der Leere. V. Gott + Sex + Tod. VI. Kunst + Freiheit. VII. Ich + ich. VIII. Die Frauen. IX. Höllenfahrt.

Man sollte sich dieses Programmheft am besten VOR der Aufführung durchgelesen haben!

Also, diesmal waren es sehr allgemeine Ausführungen. Vielleicht liest Frank Castorf ja diesen Text. Und vielleicht geben ihm meine bescheidenen Eindrücke dennoch  irgendeine Inspiration. Dann werde ich bei seiner nächsten Inszenierung ganz belebt im Marstalltheater sitzen, zusehen, moderne Musik hören und mich über das ein oder andere wundern!

Hier noch eine Aufnahme aus der Inszenierung:

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©️  des Beitragsbildes und des zweiten Bildes: Matthias Horn, Residenztheater

MUSIK: Martin Roth – An Analog Guy

Eine kleine Theaterpause bis nächste Woche. Zweimal bringe ich in der Zwischenzeit noch ruhige Musik: Zum Einen – heute – Martin Roth mit „An Analog Guy In A Digital World“. Ich meine damit nicht die Person, die ich 2017 als Bundespräsidenten vorgeschlagen hatte. HIER mein damaliger Beitrag. Er hieß auch Martin Roth, war ein interessanter Museumsdirektor, Kulturmanager, Kulturwissenschaftler. Er starb leider in 2018!

Martin Roth dagegen, der dieses Lied komponiert – oder „erstellt“ – hat, ist in Frankfurt geboren, DJ, lebt in Berlin. Er hatte erste große Erfolge in den Jahren 2008 und 2009. Wie es heute um ihn steht, weiß ich nicht genau. „NuStyle Production“ heißt sein Label. Es dürfte sein Label sein, seine „Musikwerkstatt“. „Nu“ steht in der Musikszene für „New“. Man liest:

NuStyle describes a combination of multiple influences throughout trance, Progressive, Tech & Electro – creating a fresh sound ideal for the Dancefloor & Radio / DJ Play across the barriers, with names such as Chicane, AvB & PvD or German Chart-Toppers Ich&Ich or Rosenstolz all personally requesting the MR-Remix Treatment.

HIER wieder zum Schmökern der Link auf seine Website. Und HIER sein Facebook-account.