Hier drei Versionen des Pink Floyd – Klassikers „Comfortably Numb“. Zuerst eine Kombiversion gesungen von David Gilmore und von David Bowie. Sie singen den Titel – begleitet von Richard Wright – in einer sehr speziellen Version, David Bowie singt seinen Part fast wie einen eigenständigen Song – “dramatischer“.
Beide gaben das Konzert vor fast genau 16 Jahren in der Royal Albert Hall. Die insgesamt drei Konzerte in der Royal Albert Hall fanden statt am 29., 30. und 31. Mai 2006. Und unten noch eine andere Version.
Also noch eine andere Version? Von der Cover-Queen Miley Cyrus. Sie singt mit ihrer rauchigen, tiefen und wahrlich guten Stimme mit ihrem typischen Timbre wieder einmal eine Coverversion leider „etwas“ verkürzt. Aus 8 Minuten mach knapp 3 Minuten! Aber gut!
Und HIER der Link zu meinem Beitrag über David Gilmores neue Version des Songs – „Comfortably Numb 2022“ – eine düstere Version. Aber auch gut, vor allem gegen Ende!
Und hier noch eine Version dieses tollen Klassikers. Eine Live Version aus dem Jahre 2016 aus Pompeji:
Wolfram Lotz ist wieder an den Münchner Kammerspielen. Er, immer noch ein „junger Autor“ (Jahrgang 1981), bekannt durch seine frechen und zum Teil zwar durchaus oberflächlichen, aber auch witzigen Werke „Die lächerliche Finsternis“ und „Die Politiker“. An zahlreichen Theatern wurde er bereits inszeniert. „Die Politiker“ etwa wurden in der vergangenen Spielzeit (Juli 2021) auch an den Münchner Kammerspielen inszeniert (HIER der Link zur Stückeseite; HIER meine Besprechung dazu) und sind noch im Repertoire.
Ende April 2022 ist gerade das neueste Buch von Wolfram Lotz erschienen, „HEILIGE SCHRIFT I“. Es sollte erst nicht erscheinen, Lotz selbst hatte es gelöscht, vernichtet. Es waren ja nur banale Tagebücher eines Jahres. Sie erschienen dennoch, es fand sich eine Version. Und an den Münchner Kammerspielen war jetzt schon deren Uraufführung auf deutscher Theaterbühne. Der Hausregisseur Falk Richter hat das Stück wunderbar treffend entwickelt und inszeniert.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele. HIER der link zur Seite des Buches beim Fischer Verlag.
Dafür, dass es sich bei diesem Mammutwerk von über 900 Seiten um die (wiederum mit Humor und Ironie gemischte) Beschreibung aller möglichen Unwichtigkeiten handelt, ist die Inszenierung sehr ideenreich gelungen! Ich empfand sie als ein Theaterereignis, das ich empfehlen kann. Nicht wegen des Inhalts von „HEILIGE SCHRIFT I“, sondern wegen der gelungenen Gesamtgestaltung des Abends.
Inhaltlich: Es ist im Grunde ein Schreibexperiment von Wolfram Lotz gewesen. Daher auch „Heilige Schrift“. „Beschreiben von allem“ als Selbstfindungsversuch. Wie komme ich dem Leben nahe? Wolfram Lotz hat sich im Jahre 2017 ein Jahr lang nach Frankreich (Elsass) zurückgezogen und begonnen, über alles, was er sah und erlebte, zu schreiben. Ohne Ziel einfach zu schreiben. Er meinte damit in der Tat: Dadurch, dass er alles beschreibt und über alles schreibt, ja, dadurch käme er den Dingen und damit wirklich sich selber näher.
Es lassen sich ja die verschiedensten Zugänge zum Leben finden. Man kann auf das Innere schauen (siehe etwa die Inszenierung „Das Neue Leben“ von Christopher Rüping nach Dante Alighieri, HIER) oder man kann auf das Zwischenmenschliche schauen (siehe all die Familientragödien des klassischen Altertums, etwa in Dionysos Stadt, HIER) oder auf seine eigenen Gedanken und Gefühle und Abschweifungen im Anblick des Alltags (etwa im Werk „Ulysses“ von James Joyce, einfach ein Tag in Dublin), oder einfach auf alle möglichen Dinge um einen herum, auf Banalitäten (siehe etwa im Werk „Das Leben – Eine Gebrauchsanweisung“ von George Perec) oder sich abstrakt Gedanken machen … oder oder oder. Wolfram Lotz schaut auf alle Banalitäten seines Jahres 2017 in Frankreich. Von der Toilette bis zum ICE.
Die Gestaltung des Abends: Falk Richter hat einen überzeugenden dreiteiligen Abend gestaltet, einen schönen Zugang zu diesem eigenartigen Buch gefunden. Einen deutlich anderen Zugang, als zu den Werken, die er zuletzt in München inszeniert hatte. All seine letzten Inszenierungen (etwa “Heldenplatz“ – HIER der link zur Stückeseite der Münchner Kammerspiele) waren politisch oder gesellschaftlich ernst, eher überladen. Diese Art gesellschaftskritischer Herangehensweise entfällt hier erfrischenderweise! Ernst geht hier nicht.
Und: Hier wird der Zuschauer/Besucher (-in) hin und her geworfen, er/sie wird gefordert und gleichzeitig kommt das Buch von Wolfram Lotz in seinen Auszügen eben sehr einfallsreich zur Geltung! Eine klasse, spielerisch leichte Umsetzung!
Der erste Teil von „HEILIGE SCHRIFT I“: Der Besucher hört für etwa eine Viertelstunde per Kopfhörer vor den Theaterräumen sitzend/stehend/gehend Auszüge aus dem Buch „HEILIGE SCHRIFT I“. Eine Einstimmung.
Der zweite Teil: Man betritt mehrere kleine Vorräume der Bühne, hat ein Handy mit auf den Weg bekommen, mit dem man QR-Codes scannen kann und überall weitere Texte hören kann. Auch einmal bloß den Wetterbericht eines Tages im Herbst 2017, der auf einem Bildschirm flattert. Es sind simple, zum Teil privat wirkende Räume, dann aber ist es auch ein Raum, in dem eine Sitzreihe eines ICE Zuges zum Hinsetzen einlädt. Oder der Schminkraum eines Theaters. Die SchauspielerInnen sitzen verteilt in den Räumen, reden miteinander, gehen auch umher, zitieren aus dem Buch „HEILIGE SCHRIFT I“, immer mit einem kleinen Tagebüchlein in der Hand, lesen einzelnen Zuschauern Texte aus HEILIGE SCHRIFT I vor. Man kann sich den Theaterraum auch auf Tablets als augmented reality ansehen, sieht Wald, sieht Landschaften am Fenster des ICE-Zuges vorbeiziehen. Vieles mehr. Insgesamt eine anregende und ja “erfreuliche“ Lage, den SchauspielerInnen so nahe zu sein und im Grunde Teil der Inszenierung zu sein. “Immersive Installation“
Der dritte Teil: Wechsel! Man begibt sich auf eine kleine Zuschauertribüne im recht großen Bühnenraum, wird wieder Zuschauer, findet sich in seiner doch so gewohnten passiven Rolle wieder. Schon das gesamte Bühnenbild ist dabei überzeugend! Weiterhin sehr vielfältig, aber auch einfach! Schön fast. Siehe das Beitragsbild. Frank Walter Steinmeier und Peter Maffay treten (vor allem letzterer) verblüffend gut auf!
Klicken Sie auf das Bild, Sie hören den Song!
Akustisch und angesichts der Menge der „Gedanken“ ist im dritten Teil dem Text aus „HEILIGE SCHRIFT I“ nicht immer gut zu folgen, daher empfiehlt sich etwas: „HEILIGE SCHRIFT I – Der Marathon“, eine siebenstündige Lesung des Ensembles, die an den Münchner Kammerspielen am 11.06.2022 zu erleben sein wird! HIER der Link zur Ankündigung dieser Veranstaltung.
Das Buch „HEILIGE SCHRIFT I„ ist kein „Muss“, es hat aber Humor und Ironie. Manchmal ein wenig in Richtung Thomas Bernhard, der ja auch genug Banalitäten kannte (allerdings bösartiger war).
Im Grunde ist es ein Experiment: Kommunikation und Ausdruck bestehen für mich – in Kulturfragen – vorwiegend aus Texten und Worten: Theater … Literatur … Schreiben … Schriftliches. Gut, es gibt die bildende Kunst, „stumme“ Kunst. Aber Ballett – Ausdruck durch Körperbewegung, ohne Worte? Ist das Kommunikation oder “nur“ Eleganz? Selten versuche ich es, umso interessanter ist es! Denn natürlich ist Ballett Kommunikation und Ausdruck, vielleicht sogar eine weit unbegrenztere Möglichkeit des Ausdrucks, denn dem Ausdruck durch Worte sind schließlich sehr schnell Grenzen in der Wortwahl gesetzt.
Über John Neumeiers Inszenierung von “Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare eine „Kritik“ oder „Besprechung“ zu schreiben, hat dabei wahrlich nichts mit der Besprechung von etwas „Neuem“ zu tun. Die Inszenierung, die jetzt vom Bayerischen Staatsballett in München nach gut vier Jahren Pause wieder in das Programm aufgenommen worden ist, hatte im Jahre 1977 (!) in Hamburg Premiere! Allein in Hamburg hatte die Inszenierung bis heute deutlich mehr als 300 Aufführungen. Sie wurde im Prinzip weltweit aufgeführt. Ein Ballettklassiker.
Weitere Termine in München – bis zum Sommer – findet man HIER, über den link zur Stückeseite auf der Website des Bayerischen Staatsballetts.
Aber es ist in der Tat wunderbar, diese Inszenierung jetzt – mit minimalen Anpassungen durch John Neumeier im Lauf der vielen Jahre – gesehen zu haben. Während der Coronazeit der letzten beiden Jahre hat John Neumeier zu dieser Inszenierung sogar eine DVD aufgenommen, die seit fast genau einem Jahr im Handel erhältlich ist. So ginge es also auch.
DVD
Tippen Sie auf das Bild der DVD und sie werden verlinkt – auf eine Besprechung zur DVD!
Ehrlich gesagt: Viele Informationen zu John Neumeier und zur Inszenierung „Ein Sommernachtstraum“ habe ich aus dem Programmheft und aus dem Internet. „Programmheft“ ist untertrieben, es ist ein „Programmbuch“! Wobei: John Neumeier ist mir natürlich ein Begriff, er verbrachte einen Großteil seines Lebens in Deutschland, Hamburg vor allem. Er zählt zweifelsohne zu den größten derzeit lebenden Ballettchoreografen der Welt. Die Inszenierung „Ein Sommernachtstraum“ scheint auch gerade all das zu verkörpern, was ihn seit Jahrzehnten auszeichnet! „Ein Sommernachtstraum“ ist eine seiner bekanntesten und irgendwie vielleicht – vermute ich mal – “vollständigsten“ Inszenierungen! „Die Kameliendame“ ist seine wohl bekannteste Choreografie. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist John Neumeier Ballettdirektor und Intendant des Hamburg Ballett. 1963 kam er nach Deutschland, geboren war er in den USA. Auch die Studienzeit verbrachte er in den USA.
Unsere Wege haben sich vor mehreren Jahrzehnten einmal gekreuzt! Ich hatte als junger Student in den achtziger Jahren ein Jahr meines Studiums in Lausanne verbracht. Dort gab und gibt es jährlich den „Prix de Lausanne“ für Nachwuchstalente im Ballett. Ich hatte ihn besucht und wer leitete ihn damals? John Neumeier!
Und wen holte John Neumeier dann als 14-jähriges Talent aus Lausanne in sein Ensemble nach Hamburg? Maria Baranova – sie, die jetzt wiederum hier in München im „Sommernachtstraum“ im Wechsel mit Ksenia Ryzhkova die tragenden Rollen der Hippolyta und der Titania spielt.
Nachfolgend eine Inhaltsangabe von William Shakespeares “Ein Sommernachtstraum“. Kurz gesagt: Während im Altertum der Liebesgott Armor Pfeile verschossen und damit Liebe ausgelöst hatte, geht es im Sommernachtstraum um Tropfen, die aus einer Blume in die Augen Schlafender getröpfelt werden und bei den Beteiligten Wirrungen auslösen. Wobei es sich bei den Wirrungen in der Inszenierung von John Neumeier im Grunde komplett um einen riesigen Traum von Hippolyta kurz vor ihrer Hochzeit handelt.
Es geht John Neumeier dabei (wie immer, wie man liest) nicht um eine „Nacherzählung“ von Shakespeare auf der Ballettbühne. Er will nicht nur erzählerisches Ballett machen, er will die Stimmung transportieren, Charaktere herausarbeiten. Wahrlich beeindruckend sind insoweit viele einzelne Szenen der Inszenierung. Immer getragen von einer immensen Eleganz. Etwa jeweils die Szenen in der Welt der Elfen!
Hier ein Ausschnitt aus einem längeren Text von Iris Bührle über die Inszenierung von John Neumeier. Iris Bührle, die vor wenigen Jahren über die Umwandlung von literarischen Werken in Choreografie promoviert hat, ist freie Journalistin und Autorin z. B. der Tänzerbiografie Robert Tewsley:
Auszug des Beitrags von Julia Bührle „John Neumeiers Ein Sommernachtstraum“ aus dem Programmheft des Bayerischen Staatsballetts zu „Ein Sommernachtstraum“, Spielzeit 2013/14.
Gut, ich bin es gewöhnt und mag es, Theater mit kritischem Blick, mit gewissen skeptischen Anregungen oder persönlichen Überlegungen zu verlassen. Das fällt mir beim Ballett schwerer. Kann Kritik und Skepsis – so gehe ich eher durch die Welt – durch Bewegungen Ausdruck finden? Ich werde es weiter erproben und der Sache näher kommen!
Weitere Links jedenfalls:
HIER ein Video mit Ausschnitten der Inszenierung „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier.
HIER ein Trailer zu “Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier
HIER ein Portrait von John Neumeier, eine schöne interessante 43-minütige Dokumentation!
HIER noch einmal der Artikel „John Neumeiers ‚Ein Sommernachtstraum‘ als Film“ der Deutschen Welle vom 22.6.2021.
The Blaze ist eine französische Band, bestehend aus den beiden Cousins Jonathan und GuillaumeAlric, die beide in Paris leben. 2016 erst erschien ihre erste Single. Die Kombination von Musik und Video sind ihr Kennzeichen.
The Blaze werden daher auch „audiovisuelles Producer-Duo“ genannt. Obwohl ihre Songs für sich genommen schon hörenswert sind, gehören gerade ihre sehr realistischen Musikvideos zum Gesamtbild der Band. Ein dunkler, etwas verzerrter, hallender Gesang gehört auch dazu. Zu ihrem aktuellen Album „Dancehall“ sagen sie:
„Wir wollten mit dem Album ein spezielles Gefühl transportieren, das wir ‚Good Nostalgia‘ nennen. Unser Ziel war: Egal in welcher Situation du gerade bist, wenn du unsere Musik hörst, bekommst du dieses schön nostalgische Gefühl.“
Auch „Places“ ist ein Song dieses aktuellen Albums Dancehall.
Ich bin auf The Blaze gestoßen, weil deren Song „Places“ im Rahmen des Theaterstücks „Das neue Leben“ von Christopher Rüping an einer sehr schönen Stelle zu hören ist. Ich habe gerade darüber geschrieben. HIER meine Besprechung. Und hier der Song „Places“. Ich füge zwei weitere Videos bei:
Es gibt auch eine lange Version, die man gut an einem coolen Abend eine Weile im Hintergrund laufen lassen kann:
Und hier noch eine mehr-als-eine-Stunde-Version von Songs von The Blaze, die hoch oben in den französischen Alpen gespielt wurde. „The Blaze live at Aiguille du Midi in Chamonix“. Das Konzert wurde am 04.06.2020 auf dem Aiguille du Midi, dem „berühmten Aussichtsberg“ mitten im Mont–Blanc–Massiv 2.800 m über Chamonix aufgezeichnet. The Blaze spielen hinein in einen faszinierenden Sonnenuntergang, die elektronischen Klangwelten werden eins mit dem Wolkenmeer über den Alpen, begleitet von Drohnenaufnahmen über dem Gletschergebiet.
Die Inszenierung aus Bochumheißt im Ganzen: „Das neue Leben – Where do we go from here?“. Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears führt uns Christopher Rüping mit dieser Inszenierung durch das Jugendwerk von Dante Alighieri „Vita Nova“, mit Teilen von Dantes „Göttlicher Komödie“ und bis hinein zu moderner Musik. Es ist eine Produktion des Schauspielhauses Bochum, die im Rahmen von „Transfer Bochum/Zürich“ entstanden und zum Theatertreffen 2022 eingeladen war.
Ein Todestag:
2021 jährte sich der Todestag von Dante Alighieri zum 700ten mal. Eine Anmerkung: Ich gebe Nachhilfe in Latein und eine Schülerin sagte mir letztens: „Wenn eine Generation 30 Jahre sind, sind schon 20 Generationen 600 Jahre!“ Ja, das Mittelalter, die Zeit bis dahin zurück ist nichts! Ich persönlich erlebte, erlebe aktuell und werde in meinem Leben allein fünf Generationen erleben: Meine Großeltern – meine Eltern – meine eigene Generation – meine Kinder – und möglicherweise einmal meine Enkelkinder. Was sind da 20 oder auch 50 Generationen? 60 Generationen und wir sind bei den Römern!
Die Links:
HIER der Link zur Stückeseite „Das neue Leben“ auf der Website des Schauspielhauses Bochum.
HIER der Link zur Website des Theatertreffens 2022 mit allen Infos zu allen Stücken und Veranstaltungen und dem weiteren Programm!
Insgesamt zum Abend:
Er konnte dieses Jahr im Rahmen der Eröffnung des Theatertreffens 2022 online im Livestream verfolgt werden. In Bochum ist es Mitte Juni zweimal zu sehen. Ein Fazit: Dieser Abend schaffte es, das Leben ganz groß und gleichzeitig ganz klein zu machen. Ja, das geht! Das Leben ist sehr groß, wenn es auf wahre Liebe trifft – und das Leben ist sehr klein, wenn es auf das Alter trifft. Um beide Aspekte geht es. Und so kann ich mein Gefühl nach diesem Theaterabend beschreiben, so hat man an diesem Abend einen sehr grundsätzlichen Blick auf das Leben werfen können. Aktuelle Frage: Könnte denn etwa ein Mensch wie Wladimir Putin mit solchen Gedanken zum Leben irgendetwas anfangen? Gibt es Liebe in seinem Leben? Das kann nicht sein!
Der Abend endet mit den schönen Worten, an das Publikum gerichtet: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte: Wir werden alle zu Asche vergehen … Und jetzt die Gute: Es bleibt noch Zeit für dich und mich!“ Insoweit ist der Abend eine Eloge an die tief empfundene Liebe, bei aller Vergänglichkeit.
Zu ein paar Einzelheiten des Abends:
Die SchauspielerInnen:
Sie wirken bei Christopher Rüping immer wie „auf die Bühne geworfen“. So auch hier. Das wirkt immer entspannt. Sie sollen, meint man, ein Stück entwickeln auf einer bei Christopher Rüping meist weitgehend freien Bühne. Sie sitzen hier zunächst ganz hinten am Ende der riesigen Bühne nebeneinander auf einem bankähnlichen Wandvorsprung, bevor es losgeht, blicken still auf ihre große, fast leere Bühne. (Eine große Ausnahme von diesem “Prinzip“ bildete insoweit der sagenhafte 10-Stunden-Theaterabend „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen von vor etwa drei Jahren. Dort war die Bühne meist umfassender gestaltet.)
Die vier SchauspielerInnen (am Ende sind es fünf) haben alle eine wunderbare Präsenz auf der Bühne! Damian Rebgetz und William Cooper besonders. Sie beide sind herrlich unterschiedlich, was erfrischend wirkt! Alle vier reden miteinander, sind aber immer Teil einer Person: Dante Alighieri, in seinen Überlegungen über seine einzige Geliebte Beatrice! Am unklarsten einordnen kann man, dachte ich mir, Anna Drexler. Sie spielt oft einen sehr zweifelnden und unsicheren Part, den ich – gerade in Abgrenzung von den anderen Charakteren – schwer einordnen konnte! Ich dachte mir manchmal fast: Sie strahlt irgendwie eine Persönlichkeit aus, die ihrem Part auf der Bühne eigentlich nicht entspricht!
Die Entwicklung des Stückes:
Es geht darum, dass Dante Alighieri im Alter von neun Jahren seine große, große Liebe Beatrice erblickt, fortan die “Herrin seines Herzens“. Und diese Liebe ist für ihn so groß, dass er sie niemandem kundtun will. Jahrelang behält er sie für sich. Wenn er sie kundtun würde, seine Liebe, denkt er, wäre sie in der Welt, wäre banal. Für ihn ist die Liebe gerade in ihrer stummen Abstraktheit unfassbar groß. Auch Beatrice wird nie davon erfahren. Die Liebe, er schreibt Sonetten für Beatrice, man hört sie, es wird der Bogen in unsere Zeiten gespannt, man hört Meat Loaf etc. (I would do everything for love). Die Spanne reicht von Musikklängen des Mittelalters bis zu modernsten Beatklängen.
Es kommt der Tod ins Spiel: Eine Freundin von Beatrice stirbt. Der Vater von Beatrice stirbt. Schließlich stirbt Beatrice selbst sehr früh! Und Dante Alighieri hat seine Liebe zu Beatrice nie geäußert! Auf der Bühne überlegen sie gemeinsam: Was ist Liebe? Ist Liebe in Gedanken schon ausreichend?
Dann geht es im „zweiten Teil“ des Abends um das Leben und den Tod insgesamt. Von einem dünnen Stahlarm, der von der hohen Bühnendecke herabragt, wird ein halb abgeblendeter heller Strahler auf die dunkle Bühne gelassen. Er wird leicht über dem Boden gehalten, dreht ganz langsam Kreise. Siehe das Beitragsbild oben! Langsam immer größer werdende Kreise im leichten Nebel: Der halb verdunkelte Kreisel könnte das Leben sein – hell und dunkel – oder gar das Leben und der Tod – immer im Kreis, Leben und Tod sind immer nah beieinander. „Alles fließt“. In mehreren stillen Minuten kann man den Kreisel so beobachten.
Dazu einer der schönsten Momente des Abends: William Cooper tanzt auf der dunklen großen Bühne, leichter Nebel wabert, der Kreisel zieht seine inzwischen größer gewordenen Kreise um ihn herum. William Cooper zeigt uns, was im Leben nur möglich ist: Tanzen. Das Leben leben. Diese Momente sind prägend für die Inszenierung, vielleicht prägend insgesamt für Inszenierungen von Christopher Rüping: An irgendeiner Stelle mischt sich bei ihm gerne „Theater“ mit „Performance“. Die Grenzen verschwimmen fast unmerklich! Hier zwei Fotos dieser Momente:
Im „letzten Teil“ des Abends dann tritt Viviane De Muynck als gealterte Beatrice auf. Was hat das noch mit Liebe zu tun? Nun, sie überlegen gemeinsam, ob dann noch, im Alter, Liebe im Spiel sein kann. Oder ist Liebe nur etwas in jungen Jahren? Viviane De Muynck sagt etwas, was vielleicht für sie rückblickend ihr vergangenes Leben war: Sie sagt, es sei ein Moment der Wachheit gewesen, dann sei sie wieder eingeschlafen.
Hier kommt noch einmal der Gedanke zur Sprache, warum Dante Alighieri gegenüber Beatrice nie äußert hatte, dass er sie liebte! Viviane De Muynck alias Beatrice sagt nur: “Es ist wie es ist! Wir stünden nicht hier, wenn es anders gelaufen wäre!“ „Du hättest nicht über mich geschrieben, es gäbe diese Geschichte nicht“, usw.
Insgesamt:
Der Abend gewinnt in seiner zweiten Hälfte ganz entscheidend. Bis zur „Mitte“ hin ist alles teilweise langsam und mit wenig Entwicklung. Dantes „Vita nova“ wird entblättert. Das Grundsätzliche, das hinter allem steckt, öffnet sich in der zweiten Hälfte, aber umso schöner! Der Abend wird plötzlich sehr rund und verständlich! Er wird auch modern (auch durch die coole Musik bei William Coopers Tanz), er enthebt sich wunderbar aus der Geschichte von “Vita nova“. Ein Kritikpunkt vielleicht: Es überlappen sich zuletzt viele Gedanken: Die Liebe, der Tod, das Altern, die Kürze des Lebens, die Reue, etwas nicht getan zu haben … Fast zuviel.
Vor längerer Zeit hatte ich den Song „Fade into You“von Mazzy Star im Blog gebracht. HIER! Jetzt habe ich eine andere Version des Songs gefunden, eine Version von Miley Cyrus, der alten Cover Queen. Eine Version, die ich auch hier “festhalten“ möchte. Ich habe sie jetzt auch in den “alten“ Beitrag eingebunden. Sie kann also dort auch gehört werden. Und hier unten ist sie solo.
Die Version von Miley Cyrus besticht durch die Schlichtheit des Auftritts. Denn:
Eine schwarze weite Bühne – alles ist dunkel – nur Licht auf Miley Cyrus – sie bis zu den Schuhen schwarz gekleidet, trägt ein schwarzes T-Shirt (oder besser: Body), einen schwarzen Blaser, – ist wahrlich knapp gekleidet – hat schwarzen Nagellack auf den Fingernägeln – schwarze Stilettos an den Füßen, am Ende ihrer langen Beine – steht vor einem schwarzen Mikrophonständer – singt in ein schwarzes Mikrophon mit schwarzem Kabel – von Miley Cyrus ist im Grunde nichts zu sehen außer ein paar Hautpartien: das Gesicht und ihre langen Beine – die einzigen Farbkleckse: Ihre glitzernden hellblauen Lidschatten! – naja, man sieht Miley schon – sie steht auf schwarzem Bühnenboden – neben Miley Cyrus spielt (- natürlich auch im Dunkel -) eine unverstärkte Gitarre in der Hand – der Gitarrist – mit dunkler Kappe – auch er schwarz gekleidet – ihn sieht man noch weniger – spielt seine dunkle Gitarre – trägt ein schwarzes Hemd – schwarze Hose – steht neben Miley Cyrus in einem schwachen, dünnen Lichtkegel – neben beiden jeweils ein schwarzer Barhocker – unbenutzt – zusätzlich zum Sound der Gitarre kein weiterer Begleitsound – nur die Stimme von Miley Cyrus und die Gitarre – mehr nicht! Schade nur: Der Song ist kurz, kürzer als das Original! Aber nicht schlecht! Dennoch: Die Ursprungsversion von Mazzy Star ist noch besser! Gefühlvoller, trauriger!
HIER noch einmal der Link zur damaligen Songseite, jetzt mit der Ergänzung.
Die lyrics:
I want to hold the hand inside you I want to take a breath that’s true I look to you and I see nothing I look to you to see the truth You live your life, you go in shadows You’ll come apart and you’ll go blind Some kind of night into your darkness Colors your your eyes with what’s not there
Fade into you Strange you never knew Fade into you I think it’s strange you never knew
A stranger’s light comes on slowly A stranger’s heart without a home You put your hands into your head And then its smiles cover your heart
Fade into you Strange you never knew Fade into you I think it’s strange you never knew Fade into you Strange you never knew Fade into you I think it’s strange you never knew I think it’s strange you never knew
Am Ende des zweiten Teils des Ballettabends “Passagen“ – dem Teil zu Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ – sieht man im Hintergrund am riesigen Multimediascreen die Nationalfarben der Ukraine, gelb und blau. Modest Mussorgski war bekanntlich Russe. Und am Ende der dreiteiligen Vorstellung steht Antonio Casalinho am vorderen Rand der dunklen Bühne und hält eine weiße Taube zum Publikum – siehe das Beitragsbild oben.
„Passagen“ ist ein Abend des Bayerischen Staatsballetts, der kürzlich Premiere hatte. Es sind drei Teile – von drei Choreographen – und es ist ein Thema: Mit „Passagen“ sind Übergänge gemeint, Übergänge von einem Zustand in den nächsten. παντα ρει – panta rei – alles fließt. Alles ändert sich immer!
Auch innerhalb ein und derselben Person ändert sich alles immer: Drei verschiedene Ansätze werden gezeigt: Teil eins (Choreografie von David Dawson) „Affairs of Heart“ greift tänzerisch den Wandel seelischer Zustände des Herzens auf. Teil zwei (Choreografie von Alexej Ratmanski) „Bilder einer Ausstellung“ greift tänzerisch auch einen Übergang auf, den seelischen, athmosphärischen Übergang beim Gang durch eine Ausstellung, von Bild zu Bild. Teil drei (Choreografie von Marco Goecke) „Sweet Bones’ Melody“ wiederum setzt mehr auf schnelle Gestik mit Händen und Füßen, weniger auf schönen Tanz.
All das kann man natürlich als “Laie“ nicht irgendwie deutlich erkennen. Ballett ist eine völlig eigene Welt des Ausdrucks! Als Zuschauer kann man und muss man natürlich auch nichts Spezielles erkennen. Jeder hat einfach seine eigenen Assoziationen. Es lässt sich ohnehin nur feststellen: Man – ich jedenfalls – versucht als Zuschauer eigentlich, das im Grunde tiefer nicht nachvollziehbare Bühnengeschehen ständig wenigstens zum Teil mit „herkömmlichen“ Begriffen und Erlebnissen zu interpretieren. Man sucht geradezu Dinge, Aspekte auf der Bühne, mit denen man „umgehen“ kann. Choreographisches, Freude, Leid, irgendetwas, das man irgendwie fassen und „bezeichnen“ kann. Die tänzerischen Leistungen sind ja ohnehin großartig! Andererseits muss man erkennen: Der Körper gibt Ausdruck in einer vollkommen anderen Dimension! Das spüren und erleben natürlich ganz genau die Tänzer und Tänzerinnen für sich! Auf diese Diskrepanz muss man sich unbedingt einlassen! Und das, was sich zwischen dem Geschehen auf der Bühne einerseits und dem Zuschauer andererseits ergibt, ist ja wiederum ein „Übergang“, könnte man sagen – ein Übergang nicht „innerhalb“ einer Person (das Thema dieses Abends), sondern ein Übergang zwischen Personen, ein Übergang der Kommunikation.
Man erlebt dabei drei sehr unterschiedliche Teile: Der erste Teil ist weiche, warme, abgerundete, eher klassische Ballettkunst! Auch die Musik: Warm, zart, langsam, leicht. Der zweite Teil ist schon „härter“, belebter, mehr Choreografie, immer noch eher klassisch, mehr Positionswechsel auf der Bühne. Auch die Musik: Schwer, wechselhafter, eben „Bilder einer Ausstellung“! Der dritte Teil ist hart, abgehakt, extrem schnell, besonders, dadurch sehr beeindruckend, kein klassischer Tanz. Auch den ersten Teil fand ich sehr beeindruckend!
Teils standing ovations am Ende.
Klicken Sie auf die Bilder zur Verlinkung auf die jeweiligen Choreografen:
Affairs of the Heart:
Copyright: W. Hösl
Bilder einer Ausstellung:
Copyright: W. Hösl
Sweet Bones‘ Dance:
Copyright: C. Quezada
HIER eine sehr ausführliche Besprechung des Abends „Passagen“ vom 27.3.2022 aus der Zeitschrift „Ballett Journal“. Der Artikel lautet: „Tänzchen mit Täubchen“, mit dem Untertitel: „Passagen vereint beim bayerischen Staatsballett ein tolles neues Stück von David Dawson, einen peinlich inszeniert den Auftritt von Alexei Ratmansky und das übliche gezappelt von Marco Goecke.“
Klicken Sie nun noch auf das erste Bild unten: Sie werden auf ein schönes Video verlinkt, das Vorbereitungen des Abends „Passagen“ darstellt. Klicken Sie auf das zweite Bild unten: Sie werden auf die Stückeseite zu „Passagen“ auf der Website des Bayerischen Staatsballetts verlinkt. Klicken Sie auf das dritte Bild unten: Sie werden auf Bilder der Ensemblemitglieder des bayerischen Staatsballetts verlinkt.
Einem breiten Publikum bekannt wurde Jonathan Franzen mit seinem 2001 erschienenen dritten Roman „Die Korrekturen“, der den National Book Award gewann, Finalist für den Pulitzer Preis war und sich weltweit über 2,8 Millionen mal verkaufte. Sein neuester Roman: „Crossroads“ erschien im Oktober 2021.
Crossroads ist – wie „Die Korrekturen“ – ein Familienroman, der erste Teil der Trilogie „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“. Ein Familienroman, der sich mit allen möglichen Rückblicken und aus verschiedenen Blickwinkeln um Weihnachten 1971 in einer kleineren Vorstadtgemeinde im Mittleren Westen der USA abspielt. Die Mitglieder der Familie Hildebrandt: Vater Russ, Mutter Marion, die Söhne Perry, Clem und Jason und die Tochter Becky.
Es geht darum: Wie eine Familie im Grunde mehr und mehr genau dadurch auseinander bricht, dass jedes Familienmitglied natürlich seinen ganz eigenen Weg geht. Eine Entwicklung fast jeder Familie! Jonathan Franzen gelingt es dabei wunderbar, nicht nur die Wege der einzelnen Personen aufzuzeigen, sondern immer wieder zu schildern, zu zeigen, wie diese eigenen Wege der einzelnen Familienmitglieder auf die anderen Familienmitglieder und auf das gesamte Familiengefüge einwirken. Wer sich über was ärgert, wer mit wem oder was eher gut oder eher schlecht zurecht kommt. Vater Russ, Pfarrer einer christlichen Gemeinde, verliebt sich in eine jüngere Frau, Frances Cortrell … Mutter Marion – schon lange mit Russ verheiratet – verliebt sich (auch oder vor allem sexuell getrieben) auch in einen Mann, Bradley … Tochter Becky verliebt sich in einen jungen Musiker, Tanner … Sohn Perry nimmt Drogen und verkauft Drogen an Mitschüler … Sohn Clem verlässt die Uni, verschwindet nach New Orleans, später nach Mexiko, möchte aus bestimmten ideellen Überlegungen heraus für den Vietnamkrieg eingezogen werden … über den jüngsten Sohn Jason erfährt man am wenigsten.
Crossroads ist vor diesem Hintergrund eine bei den Jugendlichen des Ortes sehr beliebte Gemeinde-Jugendgruppe, die geleitet wird von einem jüngeren neuen Mitwirkenden der christlichen Gemeinde, Rick Ambrose. Russ verliert dadurch den Anschluss an die Jugendlichen des Ortes – sofern er ihn überhaupt jemals hatte. Es ist eine große persönliche Niederlage für Russ.
Das Buch ist in zahlreiche Kapitel eingeteilt, die sich schwerpunktmäßig jeweils mit dem einen oder anderen Familienmitglied befassen.
Erstaunlich, wie sich Jonathan Franzen in jede Person hineinversetzen kann. Er kann wahrlich extrem gut schreiben! Deswegen war ja wohl auch „Die Korrekturen“ so erfolgreich: Das Magazin Time hat „Die Korrekturen“ zu den besten 100 englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden, gezählt. 2015 wurde dieser Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt.
Man hat den Stil von Jonathan Franzen, lese ich, in Kritiken mit dem von Dostojewski verglichen. Er beschreibt nicht nur irgendwelche Vorgänge, sondern im Grunde beschreibt er parallel ständig die Gefühlslagen, die Überlegungen der Betroffenen, deren Gedanken, deren emotionale Situation. Das bringt einem die Personen nahe. Hier eine Leseprobe, die den Stil schön darstellt.
Für eine weitere Leseprobe – von der Website bei http://www.rowohlt.de – bitte das Bild anklicken!
Der so überzeugend geschriebene Roman hat meines Erachtens allerdings eine Bruchstelle, an der ein völlig neuer Aspekt auftritt, der mich fast dazu brachte, das Buch zu beenden: Die Jugendgruppe „Crossroads“ reist auf einer der jährlichen Ausflüge zusammen mit Rick und Russ zu den Navajos, um ihnen gemäß eines staatlichen Auftrages bei Arbeiten zu helfen. Es entstehen dort völlig neue Probleme.
Die Navajos sind Indianer. Sie möchten in Ruhe gelassen werden. Das Navajo Nation Reservation ist übrigens mit 67.339 km² das größte Indianerreservat in den Vereinigen Staaten und erreicht die Größenordnung des Bundeslandes Bayern.
Unabhängig davon: Der 800-Seiten-Roman ist (trotz der gefühlten Länge im „Navajo-Teil“) lesenswert, ist meine Auffassung. Es passiert nichts besonders Aufregendes, man folgt den Personen und dem Auseinanderfallen der Familie.
HIER der link zum Twitter-Account des Rowohlt Verlages.
HIER der link zum Instagram-Account des Rowohlt Verlages.
„Resi für alle“ hat mit 17 jungen Schülerinnen das Stück „Ist mein Mikro an?“ erarbeitet. „Resi für alle“ ist ein breit angelegtes Programm des Münchner Residenztheaters für alle möglichen kreativen Aktivitäten von Menschen – theaterinteressierten Laien – jeden Alters.
HIER der link zur generellen Seite “Resi für alle“ mit Unterrubriken.
In dem Stück „Ist mein Mikro an?“ treten im Marstalltheater, der Werkstattbühne des Residenztheaters, 17 junge Schülerinnen auf und stürzen auf eindringliche Art und Weise auf den Zuschauer ein: Die bevorstehende Klimakatastrophe! Eigentlich kann jeder Zuschauer nur betroffen sein! Jeder sollte es sich anschauen! Das größte Menschheitsproblem! Natürlich haben Sie recht, die jungen Mädchen! Sie klagen hemmungslos an! Ihre Sorgen, ihre Meinungen … Es ist ein Stück, das eigentlich im Fernsehen gezeigt werden müsste. Nicht, etwa weil es künstlerisch so wertvoll wäre. Nein, es ist die Art, der Inhalt, ihre Vorwürfe. Es sind bekannte Argumente, Fridays for Future, Greta Thunberg! Der Autor des Stückes, Jordan Tannahill, hat sich für das Stück «Ist mein Mikro an?» von den Reden Greta Thunbergs inspirieren lassen. Dementsprechend krass, deutlich, eindeutig werden die Sorgen der jungen Generation und deren Kritik der älteren Generationen dargestellt.
Mehr kann ich momentan nicht über das Stück schreiben. Ansehen – das Thema ist wichtig genug! Sie machen es gut und sehr eindringlich, die jungen Mädchen! Dauer: 1 Stunde.
Hier ein Trailer:
Hier noch ein Bild. Man kann das Bild anklicken und wird zur Stückeseite geleitet!
Copyright der Bilder: Adrienne Meister
Auch HIER geht’s zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
Das Berliner Theatertreffen 2022 nähert sich! Es beginnt am 6. Mai. Es gibt in Kürze wunderbare Streams dazu: Stream 1: Christopher Rüpings Inszenierung „Das neue Leben“, eine Produktion des Schauspielhaus Bochum, wird am 6. Mai im Rahmen des Eröffnungsabends im Livestream einmalig in Echtzeit in der neuen Mediathek der Berliner Festspiele zu sehen sein.
Zum Stück „Das neue Leben“ kurz: Christopher Rüping begibt sich mit dem entspannten Ensemble auf eine Erkundungsreise durch Dantes Liebeswelt – Dantes 1293 erschienenes Jugendwerk ‚Vita Nova‘ – und die seiner popkulturellen Erb*innen, von Britney Spears bis Meat Loaf.
HIER die Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus Bochum – mit Audioeinführung. HIER der link zu einem Trailer. Hier noch ein Foto, für die Verlinkung zur Stückeseite kann man auch das Foto anklicken.
Copyright Jörg Brüggemann/Ostkreuz
Stream 2-4: 3sat bringt auch dieses Jahr wieder drei der 10 für das diesjährige Theatertreffen ausgewählten Inszenierungen im Rahmen der seit Jahren laufenden Reihe „Starke Stücke“. Und zwar:
„humanistää! – eine abschaffung der sparten“ vom Volkstheater Wien am Samstag, 21. Mai 2022, 20.15 Uhr
HIER die Stückeseite. HIER der link zu einem Trailer. Hier ein Foto. Auch hier: Für die Verlinkung zur Stückeseite einfach anklicken.
Copyright Nikolaus Ostermann / Volkstheater Wien
„Ein Mann seiner Klasse“ vom Staatstheater Hannover am Samstag, 7. Mai 2022, 20.15 Uhr
HIER die Stückeseite. HIER der link zu einem Trailer. Hier ein Foto (Auch hier: Für die Verlinkung zur Stückeseite einfach anklicken!):
Copyright Katrin Ribbe
und „Die Jungfrau von Orleans“ vom Nationaltheater Mannheim am Samstag, 14. Mai 2022, 20.15 Uhr. HIER die Stückeseite. HIER der Link zu einem Trailer. Hier ein Foto (anklicken!):
Copyright: Christian Kleiner
Aber: Alle drei „Starken Stücke“ stehen dann ab Freitag, 6. Mai 2022 ohnehin weiterhin in der 3satMediathek für 120 Tage zum Abruf bereit!
Eine unglaubliche Schandtat! Ein Skandal, an dem man heute kaum mehr denkt. Unglaublich, zu was der Mensch alles fähig war und immer wieder fähig ist. Man sieht es ja derzeit in der Ukraine, an Wladimir Putin. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden weltweit Millionen Kinder verschleppt. Das ist das große Thema von “In the Name of“, das am Dienstag, 29. März, an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte. Es wird auf der kleinsten Bühne, im Werkraum, gezeigt.
Es ist eine Arbeit von Liat Fassberg. Sie ist geboren 1985 in Jerusalem und beschäftigt sich mit Fragen der Repräsentation, der Geschichtsschreibung, der Menschenrechte. 2021 wurde sie im Rahmen des Schwerpunkts „Neue Zeit, neue Dramatik“ für „In the Name of“ an den Kammerspielen mit dem Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik ausgezeichnet. Zwei Uraufführungen über zwei Spielzeiten an den Kammerspielen gehen damit einher.
Es ist ein pur ernster und insoweit wahrlich anstrengender Abend. USA: ca. 250.000 verschleppte Kinder, United Kingdom: ca. 100.000 Kinder, Spanien: ca. 300.000 Kinder, Australien: ca. 100.000 Kinder. DDR, Belgien, Israel, Kanada und so weiter. Die Zahlen von Deutschland habe ich nicht vernommen. Aber die Deutschen haben ja genug Schandtaten begangen! Es wird ohnehin eine große Dunkelziffer geben.
„Theaterabend“ kann man den etwa 90-minütigen Abend nicht nennen. Es ist eine Mischung aus Informationsabend und Performance. Vor der Veranstaltung kann man sich eine Installation ansehen, die aus zahllosen schriftlichen Dokumenten und Auszügen über die damaligen Schandtaten besteht. Es liegen außerdem Mappen mit weiteren Informationen zu diesem Thema für die Zuschauer bereit. Gedrängte Informationen.
Insoweit lohnt sich der Besuch für den, der sich informieren und mit dem Thema auseinandersetzen möchte! Erinnerung und ernsthafte Aufarbeitung ist immer gut! Obwohl man letztlich nur mit Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit aus dem Theater geht.
Der Abend bietet künstlerisch eine sehr „sparsame“ Aufarbeitung. „Künstlerisch zu wenig“, war mein Eindruck, für dieses große Thema. Es geht im Schwerpunkt um Information. Auf der in große rote Tücher gehüllten Bühne (die ansonsten nur mit zahllosen Fetzen von Teppichauslegware belegt ist) werden die Emotionen Betroffener wiedergegeben, Kinder, Zwillingsgeschwister, Eltern, Pflegeeltern, Kirchenvertreter, Organisatoren. Mehr nicht, kann man sagen. Das Beitragsbild oben zeigt nicht das Bühnenbild.
Auch schauspielerisch bleibt es langweilig. So stellte sich für mich eine ganz andere Frage: Wo sind eigentlich die “alten Hasen“ des Ensembles der Münchner Kammerspiele? Es sind ja nicht wenige, die man seit Jahren kannte und immer gerne sah: Wiebke Puls! Gro Swantje Kohlhof! Annette Paulmann! Christian Löber! Zeynep Bosbay! Jochen Noch! Thomas Hauser! Walter Hess! Jelena Kuljic! Stefan Merki! Thomas Schmauser! Das Ensemble der Münchner Kammerspiele ist groß. Nichts gegen all die (meist jüngeren) neuen Mitglieder des Ensembles, aber eine geballte Ladung der „alten Crew“ in einer großen Inszenierung wäre auch einmal wieder etwas! Es gab annähernd Derartiges, richtig: „Effingers“ (HIER) und “Der Sprung vom Elfenbeinturm“ (HIER). Trotzdem.
Man sieht sie, die „alten Hasen“ des Ensembles, jedenfalls derzeit fast nur einzeln. Annette Paulmann und Thomas Hauser in “Heldenplatz“, Stefan Merki in “Jeeps“ etwa. Auch Edmund Telgenkämper gehört zu den “alten Hasen“. Ihn sieht man jetzt in „In the Name of“. Gut: Es muss ja „nach“ Corona alles erst wieder wachsen und entstehen. Wir werden sehen!
Es bleibt nach dem Abend die Frage: Wie kann der Mensch nur endlich einmal etwas lernen! Es geht sicherlich nur durch Konfrontation mit derartigen Themen! Eine etwas künstlerischere Annäherung an das Thema wäre aber vielleicht auch schön gewesen!
HIER die Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Wenn ich der Darstellungsform dieses „Abends“ (7 Stunden!) entsprechen will, müsste ich so schreiben: Ich überlege, wie ich meine Besprechung beginne. Ich habe die Doppelvorstellung am Samstag gesehen. Mir fällt der erste Satz nicht ein. Es könnte beginnen mit …
Da kommt Egbert Tholl um die Ecke, der recht bekannte Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung. Er streichelt seinen Bart über seinem breiten fachkundigen Gesicht und sagt mir: Fange nicht mit dem Titel des Stückes an!
Gut, denke ich, ich beginne dann also meine Besprechung so: In der „großen Pause“ des Stückes. Wir sitzen vor dem Residenztheater, in der Sonne. (Alles zusammen dauert die Inszenierung – eigentlich sind es zwei Abende – wie gesagt, 7 Stunden; es sind am Samstag beide Vorstellungen hintereinander) Da erzählt mir eine Frau, sie habe ihre zwei schwulen besten Freunde noch gefragt, ob sie nicht mitgehen möchten zum Theater. Dem Münchner Residenztheater. Sie kam aus Niederbayern. Beide hätten ihr geantwortet, sie könnten einfach nicht mitgehen. Sie fürchteten, wieder an die schlimme Zeit erinnert zu werden. Das würden sie vielleicht nicht verkraften.
Gut! Aber wie geht es weiter? fragt Egbert Tholl. Schreibe doch jetzt etwas über das Thema des Abends, sagt er noch.
Also schreibe ich: Es geht um AIDS, die fürchterliche AIDS – Welle in den achtziger Jahren in New York. Die schlimmen Jahre, in denen Hunderttausende junger Menschen an AIDS gestorben sind! Wie war das damals, wie ist es heute? Seit Beginn der Epidemie sind 35 Millionen Menschen an AIDS gestorben. Im Mittelpunkt des Stückes stehen die schwulen Eric, Tobi und Leo.
Dann sagt Eric, die zentrale Figur des Abends, zu mir: Es geht nicht nur um AIDS, das weißt Du doch!
Ja klar, sage ich, es geht um Liebe, Zuneigung, Abneigung, Sex, um das Lebensgefühl der Schwulen generell, um deren Sorgen, deren Verhältnis zur Gesellschaft, ihr Verhältnis zur Liebe. Und das alles in den Jahren 1995/1996! Die schlimme AIDS – Welle der Achtziger ist in gewisser Weise das schlimme Vermächtnis.
Es gibt aber noch ein anderes Vermächtnis! sagt Henry, einer der weiteren Protagonisten, in die Runde. Er muss es ja wissen, erfährt man im Laufe des Stückes.
Und Leo fragt mich dann: Wie fandest du uns?
Ich sage ihm: Ich fand vor allem Dich, gespielt von Vincent zur Linden, ich fand Eric, gespielt von Thiemo Strutzenberger, und ich fand Toby, gespielt von Moritz Treuenfels, wirklich phantastisch! Eine tolle Leistung!
Ja, sagt dann Vincent zur Linden in sich versunken zu sich selbst als Leo, es gab standing ovations am Ende der Vorstellung! Habe ich auch noch nicht so oft erlebt, ich bin der Jüngste!
Und, ergänze ich, Matthew Lopez, der Autor des Stückes „Das Vermächtnis“, war persönlich anwesend.
Halt, sagt dann Thiemo Strutzenberger, Eric liebte Toby. Darum geht es. Was ist Liebe?
Ja, sagt er dann als Eric zu Toby, ich liebte Dich, Toby, sieben Jahre lang, wir wollten heiraten! Das prägt den Verlauf der Geschichte. Ich möchte, sagt Eric weiter, Toby immer noch ficken, das sage ich ja auch oft genug auf der Bühne! Aber du hast ja dann in diesem Stück ein anderes Schicksal, Toby …
Aber, erwiderte Toby, ich liebte eben ohnehin irgendwann Adam, mit dem ich mein eigenes Stück auf den Broadway gebracht habe.
Das stimmt, sagte Vincent zur Linden, das kann ich beurteilen, ich spiele ja Leo und Adam.
Aber im Grunde prägen die vielen vielen AIDS – Toten von damals den Verlauf des Stückes, fuhr Michael Goldberg dazwischen, der Walter spielt. Walter, dann gestorben, war ein guter Freund von Eric gewesen.
Stimmt schon, sagt dann wieder Egbert Tholl beschwichtigend. Aber schreib doch erst einmal etwas über die Inszenierung!
Genau, sagt Matthew Lopez. Das Stück wurde nämlich, fährt Matthew Lopez fort, im Jahre 2018 erstmals in London aufgeführt. Die damalige Inszenierung wechselte dann, 2019, innerhalb Londons das Theater, bevor sie – dieselbe Inszenierung, textlich leicht überarbeitet – nach New York ging. Die jetzige Inszenierung am Münchner Residenztheater von Philipp Stölzl ist die erste Inszenierung des Stückes im deutschsprachigen Raum. Es folgt aber schon demnächst, am 22. April, eine weitere Inszenierung meines Stückes in Deutschland, am Staatsschauspiel Hannover!
Und was ist mit dem alten Haus auf dem Land vor New York, das Walter mehr als zweihundert AIDS – Kranken als letzten Rückzugsort vor ihrem so grausamen Ableben zur Verfügung gestellt hatte? fragt Henry wieder in die Runde, der Freund von Walter.
Stop, ich kann jetzt hier nicht die ganze Geschichte erzählen! sage ich mir. Natürlich geht es auch wesentlich um das Haus.
Also ich ziehe mich jetzt zurück, sagt Egbert, ich muss jetzt zu einer anderen Theatervorführung. Macht ihr mal und schreibe Du Deine Besprechung weiter, sagt er mir und geht.
One more thing! sagt Matthew Lopez. The different levels of my narration – the aereas of time, the group of young people, the discussions how to develop the details of the story, the way to tell them etc. – are building a kind of basic element of my narration itself, they are not especially an element of the Munich production.
Sure, sage ich. Aber die Münchner Produktion fällt auf durch ihre Klarheit, nichts ist überdrallert, nichts wird hinzugefügt, nichts wird überspitzt dargestellt, interpretiert, es ist eine sehr sehr realistische Darstellung, denke ich mir mit Blick auf Egbert Tholl, der schon etwas weiter weg ist. But your very impressive narration becomes alive through this clear production. So erkläre ich dann Matthew Lopez, was ich denke.
Dann fahre ich mit der Besprechung fort: Die Vielfältigkeit der Erzählweise! Im Grunde sieht man zu, wie ein Stück entwickelt wird! Und erlebt dieses Stück sofort! Aber es ist das Ergebnis dieser Inszenierung, dass es zugleich schwer und brutal offen und manchmal auch humorvoll und lustig ist. Es endet nur etwas zu abgerundet für meinen Geschmack. Trotzdem: Sehr gelungen! Es könnte sogar sein, dass es besonders beeindruckend ist, dieses Stück, das eigentlich auf zwei Abende verteilt ist, an einem der Tage zu sehen, an denen beide Stücke hintereinander gebracht werden.
Hier noch ein Bild:
HIER ein Trailer. HIER der link zur Stückeseite des Residenztheaters.
Er mag es vielleicht oft düster. Der in der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan geborene RegisseurEvgeny Titov – ehemalige Sowjetrepublik wie die Ukraine! Wahrscheinlich ist das riesige Kasachstan ein unglaublich schönes weites Land, zwischen Russland und China gelegen.
Man sieht Evgeny Titovs gewissen Hang zum Düsteren auch auf seiner schwarz gehaltenen Website – HIER. Das Ganze macht er aber sicherlich nicht einfach so. Er inszeniert wohl oft so, dass die Stücke generell zu Gesellschaftskritiken in verschiedenen Aspekten dienen können, und dazu hilft ihm manches Mal auch die Düsternis. Er mag es wohl, Stücke irgendwie aus ihrem „helleren Rahmen“ herauszuholen und zu genereller Gesellschaftskritik zu erheben. Nicht sehr offensichtlich, sondern fast nur durch Akzente, aber doch erkennbar. Das scheint sein Ansatz zu sein – was natürlich im Theater nicht etwas völlig Ungewohntes ist.
Am Münchner Residenztheater hat Evgeny Titov jetzt „Gier unter Ulmen“ von Eugene O’Neall inszeniert, ein amerikanisches Stück. Es ist ohnehin ein düsteres Stück, ein Stück über gierigen Materialismus und über die Zerstörung der Gefühlswelt. Evgeny Titov treibt aber auch hier die Düsternis des Stückes etwas weiter. Er verändert das Stück nicht grundsätzlich, um zu dieser Düsternis zu gelangen. Nein, “Gier unter Ulmen“ etwa wird nicht “Gier unter Ulmen NACH Eugene O‘Neill“, sondern es bleibt ganz klar ein “Gier unter Ulmen VON Eugene O‘Neill“. Im Wesentlichen wortgetreu wird das Stück wiedergegeben.
Bei „Gier unter Ulmen“ am Münchner Residenztheater ist es die Darstellung insgesamt, mit der Evgeny Titov das Stück zu Grundsätzlichem „erhebt“. Vor allem ist es das Bühnenbild, das dem Stück diesen Rahmen gibt. Das Stück des ersten amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill spielt ja eigentlich auf einer Farm, in verschiedenen Zimmern. Die Farm – erst recht die Ulmen! – verschwindet bei der Inszenierung von Evgeny Titov. Man sieht nur Felshügel, umgeben von alten Gemäuerresten. Dunkle Bühne. Meines Erachtens eine etwas zu ideenlose Bühnegestaltung. Sie macht das Geschehen allerdings zeitlos. Alles spielt sich vor desolatem Zustand ab! Völlig heruntergekommen, es beginnt mit einem Lagerfeuer und zerlumpten Klamotten der beiden anderen Söhne des Patriarchen. Vorsintflutaritge Zeiten fast.
Die zwei älteren Söhne zieht es dann nach Kalifornien, der Goldrausch! Das amerikanische Thema! Nur der Jüngste, Eben, bleibt. Er sieht sich als künftigen Erben der Farm. Vor allem die dritte Ehefrau des bisherigen Farmbesitzers ist bei “Gier unter Ulmen“ aber auch gierig nach der Farm. Hat ja schließlich deswegen den Patriarchen geheiratet! Sie, der jüngste Sohn des Patriarchen und der Patriarch selbst, sie alle gieren nach der Farm. Ein Abend für dieses Dreiergespann: Oliver Stokowski (der Patriarch Ephraim Cabot), Noah Saavedra (der Sohn Eben) und Pia Händler. (Abbie). Abbie bringt am meisten „Präsenz“ auf die Bühne, steht ja auch gefühlsmäßig im Mittelpunkt des Stückes. Aus Eben und Abbie bricht bei aller Gier im Laufe des Stückes die große Liebe heraus. Allerdings ist die Handlung des Stückes, denke ich mir, etwas eigenartig, auch banal: Abbie zeugt mit Eben ein Kind, aber sie tut so, als sei es das Kind von Ephraim. Um aber die echte Liebe zu Eben zu beweisen, tötet sie dann sogar ihr eigenes Kind! Auch hier eine Zuspitzung auf der Bühne: Sie erschlägt ihr Kind brutal! Eben wiederum bekennt sich dann aus seiner Liebe zu Abbie heraus auch selbst als schuldig.
Nun gut, man kann sich denken: „Das Materielle hat die Gefühlswelt völlig zerstört!“ Dieses Thema ist auch nicht nur ein amerikanisches Thema, es betrifft uns alle, auch heute noch! Immer mehr sogar. Wir müssen uns dessen nur bewusst werden! Eugene O‘Neill sprach vom „bösartigen Materialismus“, so das Programmheft. Mir blieb der Abend aber angesichts dieses doch schwerwiegenden Themas zu bieder.
Hier noch ein Bild:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
HIER ein Kurzporträt von Evgeny Titov auf der Website des Residenztheaters.
Copyright der Beitragsbilder: Birgit Hupfeld, Münchner Residenztheater
Ich habe jetzt auch noch das Buch gelesen: „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux. Die deutsche Version und daneben die schöne französische Version. Zum Buch ist derzeit im Münchner Marstalltheater ein „Theaterstück“- oder besser: eine „Performance“ – zu sehen. Über den Abend im Marstalltheater hatte ich kürzlich auch geschrieben (HIER). Der letzte Satz des Abends hatte – fand ich damals gut – etwas mit „Hoffnung“ zu tun, ich wusste aber nicht mehr genau den Wortlaut.
Wo der Satz steht, habe ich jetzt gesehen: Mitten im Buch, auf Seite 94. In der französischen Version auf Seite 88. Annie Ernaux überlegt dort, was sie antreibt, die Vergangenheit wieder heranzuholen. Der Satz lautet: „Was, wenn nicht die Hoffnung, dass es zumindest eine Spur von Ähnlichkeit gibt zwischen diesem Mädchen, Annie D, und irgend wem anders.“
Ich finde das Buch besonders, es ist lesenswert. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux führt zu einer Frage, die wirklich interessant ist: Was hat man früher eigentlich wie erlebt? Man kannte die Zukunft ja noch nicht. Sie geht in ihrem Buch dieser Frage anhand eines kurzen Zeitraumes ihres eigenen Lebens nach.
Annie Ernaux kommt im Alter von heute über 80 Jahren tatsächlich nicht umhin, über diesen kurzen Zeitraum im Sommer 1958 – und etwa ein/zwei Jahre danach – zu schreiben. Es waren sehr entscheidende Jahre für sie. Alles kam wahrscheinlich in ihrem Leben danach erst einmal anders, als gedacht.
Wichtig ist: Es geht ihr beim Schreiben über diese Zeit nicht etwa darum, eine „Erzählung“ zu schreiben, ein Geschehen zu beschreiben, sondern darum, nachzuforschen, wie sie sich selbst in dieser Zeitspanne, als sie gerade 18 Jahre alt war, gefühlt hat. Kann man das überhaupt noch herausfinden, ohne es mit nachträglichen Erfahrungen zu vermischen?
Man könnte ja sagen, soll sie doch zum Psychiater gehen. Aber es ist ein Unterschied: Ein Psychiater würde eben aus heutiger Sicht überlegen: „Wie kann Frau Ernaux damit umgehen?“ Sie aber möchte in diesem Buch wissen: „Wie war ich damals?“ Sie möchte sich in der damaligen Zeit näher kommen, sich wiedererkennen, sich kennen lernen. Und ihre Technik dazu ist folgende: Sie möchte Gegenstände sehen – Erinnerung durch Gegenstände, sie sieht sich alte Fotos an, sie liest alte Briefe, sie definiert Gegenstände von damals.
Darum geht es:
Annie Ernaux hat damals Dinge erlebt, die – ohne es damals zu wissen – ihr künftiges Leben prägten: Annie Ernaux war in einfachen und geradezu ängstlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sie sollte es nach dem Wunsch ihrer Eltern „einmal besser haben“. Ihre Eltern behüten sie extrem. Sie geht auf eine katholische Schule. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag konnte Annie erstmals in ihrem Leben quasi dieser Enklave der Umsorgung und des Schutzes entkommen, etwas alleine unternehmen. Sie konnte als jüngste Betreuerin in einem Ferienlager für junge Schulkinder arbeiten. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Für sie war es zum ersten Mal in ihrem Leben der Sprung ins Leben. Sie war hoch ambitioniert. Sie wollte feiern, endlich junge Menschen kennen lernen, das Leben kennen lernen, sich kennen lernen. Es ging schief. Auf einer Party der Betreuer und Betreuerinnen des Schullandheims machte sich dann sehr bald der Leiter des BetreuerInnenteams – H – an sie ran. Er verführte sie, sie verbrachten die Nacht miteinander. Annie nahm es hin, fand es spannend, schämte sich nicht. Danach zog sich H aber komplett von ihr zurück. Offensichtlich hatten auch die anderen Betreuer und Betreuerinnen mitbekommen, dass sie die Nacht mit dem „Chef“ verbracht hatte. Sie wurde ab dieser Nacht quasi verpönt. Kurze Zeit später geschah Ähnliches. Annie verbrachte eine weitere Nacht mit einem der Betreuer. Für sie war es immer noch hoch spannend! Sie schämte sich wieder nicht, es war Freiheit und ein Drang nach Sex, Freiheit, Grenzenlosigkeit. Sie war völlig orientierungslos und ohne jede Erfahrung. Sie ließ sie es gefühllos geschehen. Man sprach von ihr schnell als „kleine Nutte“. Mehr und mehr merkte sie andererseits, dass sie den Betreuerchef H abgöttisch liebte – oder bildete es sich ein. Vielleicht, weil sie bis dahin dachte: „Wenn ich zum allerersten Mal mit jemandem schlafe, das muss doch wahre Liebe sein!“ Es kam noch zu einer weiteren Nacht mit H. Er zog sich aber auch dann wieder sofort von ihr zurück. Sie hat ihn nie mehr in ihrem Leben gesehen. Annie dagegen meinte, sie seien doch jetzt ein Liebespaar. Ihre Orientierungslosigkeit. Die Demütigungen.
Auch nach Ende des Schullandheims waren ihre nächsten Jahre geprägt von ihrer Liebe H. Sie hat immer wieder H vor Augen, wusste, dass er in Rouen lebte, wo sie eine Ausbildung machte, wollte ihn aber nur „zufällig“ treffen. Sie bereitet sich vor auf ihn, lernte Dinge, nahm ab, bildete sich etc. Aber sie wurde im Folgejahr nicht mehr im Schullandheim angenommen! Sie sah H dann nie wieder. Sie entwickelte eine Essstörung, Bulimie.
Sie machte eine Ausbildung zur Grundschullehrerin, H war schließlich Grundschullehrer gewesen! Sie brach die Ausbildung aber ab, man sagte ihr, sie sei ungeeignet. Sie verbrachte als Au-Pair Mädchen eine Zeit in London. Auch dort eigenartige Erlebnisse. Danach begann sie mit einem Literaturstudium. Das war ihr neuer Weg, ein Weg, der ihr wohl entsprach. Vielleicht kann man sagen, sie hat die Kurve gekriegt. Annie Ernaux.
Die Zeiten der abrupten Freiheitsgier, der absoluten Orientierungslosigkeit und der Demütigungen – auch sozial. Es saß wohl das Leben lang in Annie Ernaux.
Vielleicht war Winter, ich blickte in meinem Zimmer aus dem großen Fenster in den verschneiten Garten, vielleicht war es auf einer Party im Frühling, in abgedunkelten Partyräumen, vielleicht in meiner Ente – 2CV – im Sommer – unterwegs an die Nordsee, das Verdeck nach hinten gerollt. Ja, da sehe ich mich in meinen Jugendjahren.
Das Lied fand ich früher cool. „Here I am, on the road again.“ Auch einige der anderen Songs von Bob Seger. Er sang Songs „für den kleinen Mann mit Gegenwind“ („Against The Wind“), das hatte mir gefallen.
Auf dem ersten Video unten von “Turn The Page“ sieht man: Auch Bob Seger ist natürlich nicht jünger geworden. Aber ist es nicht beeindruckend, wie beseelt Bob Seger diesen Song mit Jason Aldean singt? Wie er fast tanzt, im Rhythmus mitschwingt, weil er so beseelt scheint. Obwohl er im Grunde schon immer, lese ich, auf der Bühne stand. Er hat nie aufgehört. Seine Stimme hat sich auch nie wirklich verändert! Dieses Lied scheint ihm auch Einiges zu bedeuten. Was muss das für ein Gefühl sein? Auch Jason Aldean übrigens, mit dem er hier den Song bringt – es wird vor einigen Jahren gewesen sein -, ist eine „coole Socke“, gut passend zu diesem Song.
Bob Seger – Weltstar – ist im Mai 1945 geboren, ist heute also fast 78 Jahre alt! 2017 tourte er noch durch Kanada, 2019 durch die USA! Dreimal war er verheiratet. Er hatte eine schwere Kindheit, der Vater Trinker, verlässt früh die Familie, arme Verhältnisse.
Silvia Costa und Annie Ernaux – die Namen zweier Frauen, denen man jedenfalls in Münchens Theaterszene bislang nicht begegnet ist. Interessant, diese beiden Personen jetzt in Form der Inszenierung „Erinnerung eines Mädchens“ am Münchner Residenztheater (Werkraum) zu „erleben“.
Annie Ernaux wird genannt als eine der „bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart“. Sie ist mittlerweile über 82 Jahre alt und schreibt/schrieb sehr autobiografisch. Man hört ihren Namen in einer Reihe mit dem französischen Philosophen Didier Eribon, auch mit Edouard Louis, die ja beide aus französischer Sicht sehr sozialkritisch und gesellschaftskritisch unterwegs sind. In mehrfach preisgekrönte Werken näherte sich Annie Ernaux etwa ihrem Vater („La Place“, Der Platz, 2019) und ihrer Mutter („Une femme“, Eine Frau, 2019). Sehr autobiografisch und immer auch gesellschaftskritisch. Das Ehepaar, ihre Eltern, aus einfachen Verhältnissen der damaligen Zeit. Auch häusliche Gewalt und soziale Scham sind Themen ihrer Werke.
Ganz anders Silvia Costa. Sie ist Italienerin, gerade einmal 39 Jahre alt. Als Regisseurin Bühnenbildnerin und Darstellerin ist sie schon an vielen europäischen Orten tätig gewesen. Theater, Oper, Performance, Installationen, Videoarbeiten, das sind ihre Bereiche. Eine ganz andere Generation als die Generation von Annie Ernaux. Silvia Costa ist jetzt für “Inszenierung und Bühne“ von „Erinnerung eines Mädchens“ an das Münchener Residenztheater gekommen.
Es ist ein Abend im Werkraumtheater. Die kleine Bühne des Werkraum ist schlicht gehalten und strahlt Klarheit, fast Eleganz aus. So auch der Abend. Der erste Bühneneindruck passt zur Inszenierung von Silvia Costa. Eine dunkelblau gehaltene Wand im Hintergrund, darin links neben einer Tür eine sehr lang gezogene recht schmale Wandöffnung auf Brusthöhe, zwei Türen, alles schlicht gehalten, dünn gerahmt, zwei Lampen am Boden, eine alte Stereoanlage, sonst im Grunde nichts.
Langsame Bewegungen, relativ langsame Sprache, nicht viel Aktion auf der Bühne, einzelne Gegenstände werden herangezogen. So erlebt man diesen Abend. Drei Frauen, die gleichzeitig im Zusammenspiel miteinander Annie Ernaux repräsentieren. Sybille Canonica, Juliane Köhler, Charlotte Schwab, alle drei meist sehr ähnlich gekleidet. Annie Ernaux erzählt an diesem Abend von einer Erinnerung, die sie ihr Leben lang nicht losließ. Erlebnisse von ihr als jungem Mädchen. Sie nennt das Mädchen „Mädchen von 58“. Es war 1958.
Ja, es geht auch um einzelne Gegenstände. Einen Schal, Sommersandalen, einen Rock, andere Kleidungsstücke, eine Art Badetuch und und und. Es ist in der Tat Annie Ernauxs Technik, sich der Vergangenheit zu nähern: Gegenstände zu nehmen, aus denen sie ihre Erinnerung entwickelt. Nicht um etwas zu erfinden, sondern um sich selber zu finden. Sich als das „Mädchen von 58“ zu finden, sich ihm anzunähern.
Und nicht nur, um eine Geschichte zu erzählen. Es geht nicht nur um ein Erlebnis: Es geht in der feinen Sprache von Annie Ernaux, in der feinen und ruhigen, sehr konzentrierten Wortwahl des Abends im Kern der Erzählungen immer um Folgendes: „Wer bin ich? Wer war ich? Hat meine heutige Erinnerung und meine heutige Person noch etwas mit der damaligen Person zu tun? Hat die damalige Person, an die ich mich erinnere, heute noch etwas mit mir zu tun? Kann ich mich überhaupt wirklich erinnern? Ist das „Mädchen von 58“ wirklich ich? Was bedeutet die Erinnerung? Ich habe die Dinge ja damals schlicht erlebt.
Man sitzt in den Zuschauerreihen und kann kaum umhin, an seine eigene Vergangenheit zu denken. Wer war man? Wie hat man die Dinge damals erlebt? Was ist noch heute Teil des eigenen Lebens?
Annie Ernaux erzählt von ihrer ersten sexuellen Begegnung – von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausheilte. Annie Duchesne wurde 18 Jahre alt, arbeitete im Sommer 1958 als Betreuerin in einer Ferienkolonie, fand in eine Clique, sie genossen ihre Jugend, sie war in H. verliebt, mit ihm hatte sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutete. Auch weil H. sie fortan ignorierte, weiß sie nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell war sie verfemt. Was folgte, waren Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham. Und Schweigen. Über 55 Jahre brauchte Annie Ernaux, um sich dieser »Erinnerung der Scham« stellen zu können. Diese Erinnerung war immer Teil ihres Lebens!
Es ist ein ruhiger, schöner, in keiner Weise wilder oder aufrührender Abend. Man denkt an seine eigene Vergangenheit. Der Abend endet mit einem Satz, in dem es – auch schön – um Hoffnung geht. Etwa: Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Person, an die ich mich erinnere, wirklich etwas zu tun hat mit mir. Oder so ähnlich. Ich kann ihn leider nicht mehr zitieren, Der Satz war etwas anders. Ich werde das Buch lesen und vielleicht wieder auf den Satz stoßen. Dann korrigiere ich ihn hier.
Der Abend ist fast eher eine Performance, als ein Theaterstück. Jedenfalls schafft es Silvia Costa, die Gedanken von Annie Ernaux aus dem Buch “Erinnerung eines Mädchens“ schlicht und fein auf die Bühne zu bringen. Es passt und regt zum Denken an.