Kategorien
Allgemein

THEATER: Opening Ceremony

Am Samstag, den 11. Juli 2020, fand die Abschlussveranstaltung der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen statt. Natürlich vor einer begrenzten Besucherzahl. Ursprünglich waren coronabedingt 200 Gäste genehmigt, einige wurden nachgenehmigt.

Vielleicht waren es am Ende 400 Zuschauer. Der Ort war großzügig gewählt. Am Eingangsbereich standen mehrere Menschen, die ein Schild vor sich hielten: „Karte gesucht!“

Von vornherein konnte man sich wundern: Der Titel der Abschlussveranstaltung: „Opening Ceremony“ – der Ort der Veranstaltung: Das Münchner Olympiastadion – das „Setting“: Etwas, was nichts mit Theater im herkömmlichen Sinne zu tun hat! Umso treffender war es!

Hier Eindrücke vom faszinierenden Münchner Olympiastadion. Etwas verbleichte Handyaufnahmen (mit Ausnahme der letzten beiden:

Die „Konkurrenz“ (besser: „Nachfolgerin“) des Olympiastadions, die Allianz Arena, kam im Laufe der Veranstaltung zur Erwähnung. Nach der Veranstaltung sagte mir eine Dame völlig zu Recht: Die Atmosphäre des Olympiastadions ist einzigartig, ganz besonders:

Die Allianz Arena ist ein Bauwerk, ein architektonischer Koloss, vor dem man fast Angst haben muss. Das Olympiastadion ist Architektur für den Menschen! Das Stadion … die Weite … die Schwingungen der Gebäude … die Blicke … die Offenheit … die Farben … die Hügeligkeit des Geländes … das sagenhafte Olympiadach … die Geschichte des Olympiazentrums! Siehe die Fotos! Die Atmosphäre, das war es an diesem Tag! Bei fantastischem Wetter, vormittags hatte es noch geschüttet.

Das Besondere am Olympiastadion ist vielleicht auch etwas, was während der Veranstaltung von einem der Schauspieler gesagt wurde: Von außen kann man das Innere spüren und von innen das Äußere. Ganz anders als bei der Allianz Arena, auch das wurde erwähnt.

Mein Gefühl auf dem Weg zum Stadion war außerdem: Man besuchte nicht eine „Veranstaltung“, einen „Veranstaltungsort“. Man zog in eine Welt, in die Weite und Leichtigkeit des Olympiageländes. Das Gefühl der weiten Welt. Mit diesem Gefühl, das beim Oympiapark irgendwie besonders mitschwingt, ging ja auch Matthias Lilienthal vor fünf Jahren in die Intendanz der Münchner Kammerspiele.

Insoweit passte der Ort!

Allerdings kam Matthias Lilienthal nicht mit dem Motto: „Wie schön ist alles, lasst uns die Vielfalt der Welt feiern!“ Sondern eher mit dem Gefühl: „Wir wollen hier – es begann 2015 – in München ein bisschen „Weltfeeling“ mit Blicken auf die Schwierigkeiten und auch die Ideen, die auf der Welt bestehen, pflanzen! München aus seiner Verträumtheit holen!

Und in diese Richtung gingen wohl auch die Anfangsüberlegungen von Toshiki Tokada, der diese Abschiedsveranstaltung gestaltete. Er hatte ja mehrfach an den Kammerspielen unter Matthias Lilienthal inszeniert.

Inhaltlich war es natürlich nicht tiefgehend, das war bei der Abschlussveranstaltung auch wahrlich nicht beabsichtigt. Man konnte auch die SchauspielerInnen fast nicht erkennen- obwohl einige ja die Kammerspiele verlassen werden. Das gesamte Ensemble war anwesend, winkend am Schluss. Es war auch nicht so, dass viel passierte – bei zarten Klängen einer E-Gitarre. Auch war es nicht so, dass Matthias Lilienthal sich winkend gezeigt hätte. Das hätte auch nicht zu ihm gepasst.

Sie redeten miteinander und man betrachtete kleine Vorkommnisse. Der grüne Rasen wurde mit Gießkannen gegossen, einzelne SchauspielerInnen gingen über den Rasen, die übrigen standen vor der Haupttribüne, siehe das letzte Foto oben.

Es begann noch imposant – Julia Riedler flog an einem Drahtseil vom Stadiondach zur anderen Stadionseite, eine wehende Fahne hinter sich herschleppend. Dann wurde fantasiert. Thematisch über etwas ganz Großes – wohl die abgesagten Olympischen Spiele in Tokio (das „globale Event“) – auch über Corona ein wenig. Aber man konnte sich auch denken: Sie reden im Grund genausogut über Theater! Es ging um das Aussähen von Samen, Pflege des Rasens, das Wuchern, das Weitertragen des Samens durch Bienen und Vögel. Das Wesen des Theaters, zumindest in den vergangenen fünf Jahren an den Münchner Kammerspielen und vielleicht auch in der Zukunft der Münchner Kammerspiele.

Es war bei alledem (in der von Toshiki Okada bekannten Reduktion des Geschehens) das Feeling, das einen trug. Wehmut kam auf. Im Anschluss sagte der Münchner Kulturreferent Anton Biebl – nach all den Unkenrufen vieler Münchner in den vergangenen Jahren -: „Du hat uns ein Theater geschenkt, das es hier noch nie gegeben hat.

Nun, vielleicht ist eine Saat gesät worden und die Pflanzen werden gepflegt. Dann waren die vergangenen fünf Jahre an den Kammerspielen verkürzt gesagt insgesamt auch so etwas wie eine „Opening Ceremony“ – im Sinne von Matthias Lilienthal! Schade – fünf weitere Jahre wären interessant gewesen. Aber er sagt in einem Interview kürzlich (SPIEGEL), es käme nicht auf die übliche Dekade an. Es käme nur darauf an, was entstanden sei – sinngemäß.

Copyright des Beitragsbildes und der letzten beiden Fotos im Beitrag: Julian Baumann

Kategorien
Sonstiges

THEATER: Kammerspiele – Plakataktion

MünchnerInnen aufgepasst! Auf Litfasssäulen etc.! Ein Teil der Verabschiedung von Matthias Lilienthal als Intendant der Münchner Kammerspiele ist eine seit Freitag, den 26.06.2020, laufende Plakataktion. Eine Art Geschenk an die Münchner.

Thema: Das öffentliche Erleben von Kunst und Kultur ist bekanntlich immer noch auf ein Minimum reduziert. Eine gefährliche Situation, die nicht Bestand haben darf! Die Münchner Kammerspiele haben ausgewählte Künstler*innen nach Entwürfen und Motiven von Plakaten zum Thema „WELT OHNE KUNST“ gefragt. Die Ergebnisse sind nunmehr als Open-Air-Ausstellung vom 26. Juni an bis zum Ende der Spielzeit auf bereits gemieteten Plakatflächen der Kammerspiele in ganz München zu sehen.

Abschließen wird die Intendanz von Matthias Lilienthal übrigens wahrscheinlich – Näheres ist noch nicht bekannt – am 17. Juli mit einer Veranstaltung im Olympiastadion mit Team, Ensemble und Zuschauern!

Meine Lieblingsmotive der Plakataktion sind (eigene Fotos, nicht immer beste Qualität):

undefined Gestaltung Gregor Hildebrandt, Professor für Malerei und Grafik an der Münchner Akademie der Bildenden Künste.

undefined Gestaltung Philippe Quesne, ein Szenenbild seiner 2016er Inszenierung Caspar Western Friedrich, einer meiner Lieblingsinszenierungen der vergangenen fünf Jahre. Der Mensch und die Natur war das Thema, das damals sehr poetisch aufgegriffen wurde.

undefined Gestaltung Milo Rau, der leider in den vergangenen 5 Jahren keine Repertoirearbeit an den Kammerspielen machte. Die Kammerspiele wirkten an Koproduktionen mit und Milo Rau hatte Gastaufführungen.

undefined Gestaltung Henrike Naumann, Künstlerin, geb. in der DDR, international ausgestellt, zuletzt im Münchner Haus der Kunst, Möbel als Ausdruck von Zeitgeist sind ihr Schwerpunkt.

undefined Gestaltung Tobias Rehberger, „Ausgeraucht“, Grenzgänger zwischen Kunst, Design und Architektur, ausgezeichnet 2009 mit dem Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig.

undefined Gestaltung im Einvernehmen mit Elfriede Jelinek, der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin (2004), deren Stück „Wut“ ja in den vergangenen Jahren lief. Es war damals eine Arbeit des Regisseurs Nicolas Stemann.

Copyright des Beitragsbildes oben: Judith Buss

Kategorien
Allgemein

SONSTIGES: Wohnen in der Krise

Ich empfehle eine Diskussion, die meines Erachtens interessant und sehr gelungen ist. Sie konnte gestern, Dienstag, 09.06.2020, live online mitverfolgt werden, ist jetzt aber noch im Video unten zu sehen. Thema: Wohnen in der Krise.

Anlass der Diskussion ist ein Ttiny House, das auf dem Parkhaus gegenüber den Münchner Kammerspielen steht. In diesem selbst gebauten Tiny House, genannt „Penthaus a la Parasit“, wohnt seit vergangener Woche der Aktionskünstler Jakob Wirth. Seine kleine, verspiegelte Hütte steigt als architektonische Intervention regelmäßig weithin sichtbar auf Dächer, um die Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt in Frage zu stellen.

Die gegenwärtige Situation mit Corona verschärft bestehende Ungleichheiten weiter und macht sie offenkundiger. Je nach der eigenen Wohnsituation wurden die Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate unterschiedlich erlebt. Während manche sich komfortabel zurückziehen konnten, entwickelten die Wohnungen vieler den Charakter von Gefängniszellen.

Der Soziologe Stephan Lessenich (LMU) und der Künstler Jakob Wirth (Penthaus à la Parasit) erforschen in der digitalen Kammer 4 der Kammerspiele allerdings nicht nur die Folgen der Coronakrise für das Wohnen, sondern sie sprechen auch über die Auswirkungen der Krise auf Urbanität, auf gesellschaftliche Teilhabe, auf gesellschaftliche Ungleichheiten, auf die globale Situation und reden über die Einordnung der Coronakrise.

HIER der link zur Website http://www.penthaus-a-la-parasit.de mit weiteren Informationen.

THEATER: Streaming der Münchner Kammerspiele

Auch die Münchner Kammerspiele bieten jetzt Theater Online! Sie stellen jeden Tag den internen Mitschnitt einer Inszenierung aus dem Spielplan online. 24 Stunden lang! Ein wunderbares Angebot!

Es beginnt mit „No Sex“ von Toshiki Okada.

Es folgen:

HIER der link zur Website der Münchner Kammerspiele.

THEATER: René Pollesch – It’s so easy, was schwer zu machen ist.

René Pollesch hatte an den Münchner Kammerspielen mit seiner neuesten Inszenierung „Passing – its so easy, was schwer zu machen ist“ Uraufführung. Eine riesige Spinne auf der Bühne, um sie dreht sich alles. Es ist ein Theoriewulst ohne eine bestimmte Handlung – nicht ganz zeitgemäß, aber irgendwie gewinnendes Theater.

An Drahtseilen auf- und abfahrend, nicht bedrohlich, nicht ekelhaft – wie einst Tarantula, die im Hintergrund in Filmausschnitten längere Zeit zu sehen ist – ,ihr Inneres kann bestiegen werden, sie sitzen teils im Inneren.

Auf www.nachtkritik.de ist die Spinne beschrieben als „Porsche Cayenne-gleiche Spinne“. In der Tat, nicht schwarz, nicht behaart, fast schick, modern, wie das Interieur eines hochklassigen PKW – orangefarben, schwarz, silberne Metallzusätze. Auf dem Weg zu Künstlicher Intelligenz.

Nicht nur mit der Spinne greift René Pollesch im Grunde zunächst einmal in eine Zeit zurück, die nicht mehr existiert. Blicke in die Zeit der 70er-Jahre sind es. Auch die SchauspielerInnen sind – in amerikanischem Style – in dieser Zeit – der Zeit der Tarantulafilme, der B-Movies – gekleidet. Und Filmausschnitte alter Streifen eben – schwarzweiß – sieht man. Auch Tarantula. Andererseits die „moderne“ Spinne auf der Bühne, das ist der Widerspruch an diesem Abend, mit dem man umgehen muss.

Verbunden sind beide „Zeiten“ durch zeitlose Themen, über die alle – ohne erkennbare Orientierung – reden. Inhaltlich kann man den Abend kaum genauer beschreiben, geschweige denn zusammenfassen. Man beobachtet eine Gruppe von Menschen (sechs Personen), wie sie sich letztlich Gedanken macht zu diesen Themen – Text, Theorie, Sprache, René Pollesch eben, ein wenig Kapitalismuskritik, Bertolt Brecht, das Theater ( … das Theater müsste ein Flugblatt sein, dann könnten es auch die sehen, die am Boden liegen …), das Leben.

Es hat mit Themen zu tun, die wohl nach René Polleschs Ansicht zeitlos und auch jetzt zeitgemäß sind. „Passing“ heiße „… durchgehen als …„, eines der Themen, über die geredet wird. Sinngemäß: „Wir wollen nicht sein, was wir sind – das können wir garnicht -, wir wollen „durchgehen als …„“. Passing eben. Wie Schauspieler. Oder sinngemäß: „Im Grunde wollen wir, dass immer nur etwas „nebenan“ geschehe, nicht unmittelbar mit uns„: Und alle sagen etwas dazu.

Handlung? Ein Film wurde gedreht. Im Abspann heißt es aber nicht „Ende“, sondern „Fertig!“. Der Regisseur – Thomas Schmauser – regt sich auf, versteht es nicht. Auch die Anderen – Kathrin Angerer, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz – überlegen, sind verwirrt. Und schon ist man im ersten Thema: Was ist schon jemals „zu Ende“? Und „Fertig“: „Fertig“ als abgeschlossen, „fertig“ als erschöpft, am Ende, oder was? Und sie reden.

Was überzeugt und Spaß macht, sind die SchauspielerInnen: Kathrin Angerer – die herrlich Harmlose, Unbedarfte. Benjamin Radjaipour – der junge Schlaue, Thomas Schmauser – der aufgeregte Regisseur/Filmproduzent. Diese Drei spielen wunderbar! Sie machen den Abend zu einem doch noch gelungenen Abend! Damian Rebgetz – amerikanischer Cop der 70er Jahre – ist als Einziger nicht genau einzuordnen, hatte vielleicht auch am ehesten Schwierigkeiten damit. Und Kinan Hmeidan und Kamel Najma – meist in ihrer Muttersprache redend.

Realitäten und Gedanken ändern sich. Entsprechend ändern sich Blicke. Man merkt es ja immer wieder am Theater. Und wie ist es bei René Pollesch, Ikone der Theaterwelt der letzten 30 Jahre? Ganz zeitgemäß sind seine Themen in „Passing“ nicht, fand ich, es gibt Brennenderes. Gut, Theater muss nicht „zeitgemäß“ sein, muss nicht immer die Finger in die Wunde legen! Aber wenn man René Polleschs Herangehensweise etwa mit Milo Rau, Forced Entertainment, vielen anderen vergleicht: René Polleschs Abend hatte dann etwas Altbackenes, etwas die zurzeit brennende Welt Verharmlosendes. Muss auch mal sein, könnte man sagen!

Kleine „Abschweifungen“ zur Realität noch: Wir stecken in ihr fest, so ist es! Darum geht es! Noch dazu ist es ja so: Der Mensch findet keine guten Lösungen für die Realität! Er bemüht sich, aber meist geht es schief. Unfähig sind wir! Man sieht es weltweit! Hier und da gibt es eine gute Lösung, aber im Grunde: „Fehlanzeige“!

Es geht daher darum, Alternativen zur Realität zu erkennen, das ist unsere einzige Chance! Und gerade die Kunst – dazu gehört die Theaterkunst – ermöglicht es, solche Alternativen zur Realität aufzuzeigen, aufzuspüren! Und die Realität zu kritisieren! Zu zeigen, wie man die Dinge auch sehen kann, wie man sich in ihr verhalten könnte, sie verändern könnte, sie sich wünschen kann …. jede Kunst schafft subjektive Möglichkeiten, uns von der Fessel der Realität zu lösen … was immer dringend nötig ist, immer gut tut.

Nur den Blick auf die letztlich in die Irre führende Realität gerichtet, verlören wir unser Kritikbewusstsein, bekämen einen Tunnelblick, würden Alternativen nicht erkennen, würden Toleranz verlieren, würden uns und die Realität für das Wahre halten, würden an der Realität scheitern, verzweifeln! Wir würden übersehen, auf welch verschiedene Arten wir die Realität sehen und gestalten könnten. Wir würden uns und die Realität mehr und mehr verkennen! Man stelle sich vor, es gäbe nur die Realität – was auch immer die Realität ist, jeder hat ja seine eigene Realität.

Fazit: Ein recht amüsanter Theaterabend, nicht aufregend, etwas weltfremd. HIER der link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER: Bertolt Brecht – Im Dickicht der Städte

Kämpfen war in den letzten Wochen – mit verschiedenen Schwerpunkten – das Motto an den Münchner Kammerspielen: Es geht uns ja eigentlich täglich um einen Kampf – den Kampf gegen große und kleine Widrigkeiten, den täglichen Kampf der Selbstbehauptung.

Es begann mit dem kleinen Festival „Friendly Confrontations“, vor etwa zwei Wochen. Man konnte unter anderem einen dokumentarischen Film sehen, in dem gezeigt wurde, wie Boxsportler des TSV 1860 München in ein Trainingslager nach Ghana fuhren. Danach konnte man einen Abend lang Boxduelle verschiedener Gewichtsklassen zwischen Boxsportlern des TSV 1860 München und denjenigen einer ghanaischen Auswahl – wohl der Nationalmannschaft – ansehen. Richtige Boxkämpfe – im Theater, in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele.

Dahinter stand sportliche Freundschaft zwischen Boxern verschiedener Nationen. Kampf und Freundschaft. Kampf muss nicht immer gehässig sein. Hier ein eigenhändig geschossenes Bild:

Kurze Zeit später das Bochumer Gastspiel der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des Klassikers von Johan Simons. HIER mein Bericht dazu. Auch dort ging es um Kampf. Penthesilea muss Achill besiegen, sie liebt ihn. Und Achill liebt Penthesilea. Kampf und Liebe.

Und jetzt Premiere von Bertolt Brechts sehr frühem Stück „Im Dickicht der Städte“. Eine Inszenierung von Christopher Rüping, der mittlerweile – er war ja mehrere Jahre lang an den Münchner Kammerspielen – Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich ist.

Noch früher hatte Bertolt Brecht „Trommeln in der Nacht“ geschrieben, das Christopher Rüping ebenfalls inszeniert hatte. Und auch jetzt wieder geht es ums Kämpfen. Man hörte immer wieder auch bei dieser Inszenierung den Gong für die Einleitung einer weiteren „Runde“. Bertolt Brecht schildert einen „Kampf“ zwischen einem Holzhändler (Shlink) und einem kleinen Angestellten einer Buchhandlung (Garga). Der Holzhändler fordert den Kampf – man weiß gar nicht warum. Des Kämpfens willen? Der Selbstbehauptung willen? Er gibt alles auf, schenkt es Garga. Alles kommt ins Wanken. Schwer zu verstehen, was Bertolt Brecht dabei dachte. Kampf und Soziales sicher auch. Auch Kampf gegen Einsamkeit, Kampf gegen Aussichtslosigkeit. Kampf jedes/r einzelnen.

Bertolt Brecht Stück ist insgesamt äußerst schwer verständlich. Ich könnte es dreimal lesen, würde es nur bruchstückhaft verstehen. Hieraus eine Inszenierung zu machen, ist erstaunlich. Christopher Rüpings Inszenierung folgt zwar dem Verlauf des von Bertolt Brecht geschriebenen Stückes. Vor allem viele soziale Aspekte aber, die Bertolt Brecht in seinem Stück brachte und die ihm wahrscheinlich wichtig waren, verschwinden bei der Inszenierung von Christopher Rüping. Rüping holt Bertolt Brecht Stück in die mittlerweile völlig veränderte Gegenwart, legt den Schwerpunkt eher auf die Isolierung jedes einzelnen Menschen.

Beginnend schon vor der Aufführung, wenn sich im Foyer des Theaters Schauspieler/innen in einer riesigen durchsichtigen Plastikkugel aufhalten und nur auf ihr Handy starren. Sie hören nichts, sehen niemanden an. Die chaotische Bühne ist nur mit Rollkisten für Requisiten vollgestellt. Das Ensemble leistet durchgehend wieder Erstaunliches in dieser sehr freien Inszenierung. Jede/r spielt jede/n, es werden verschiedene Sprachen gesprochen. Das Dickicht von Großstädten, auch so holt Christopher Rüping das Stück in die Gegenwart.

Und jeder kämpft irgendwie um Liebe, ohne zum Ziel zu gelangen, ohne auch zur Liebe fähig zu sein, ohne auf Gegenliebe zu stoßen … Schwerpunkt dieser Inszenierung: Liebe und Anerkennung, nicht – wie eher bei Brecht – Soziales. Ich habe das Stück erst im Nachhinein gelesen und werde mir die Aufführung ein weiteres Mal ansehen. Erst dann, glaube ich, kann ich mehr beurteilen. Erst dann werde ich mehr darüber schreiben können.

Es wird sich empfehlen, Bertolt Brechts Stück „Im Dickicht der Städte „ vorab gelesen zu haben, auch wenn Brecht einen wohl anderen Schwerpunkt im Auge hatte. Und auch, wenn es schwer fallen wird, Brechts Originalstück zu verstehen.

Sehen kann man diese Inszenierung im März an vier Terminen. Ein Theaterabend fürs irgendwie freie Theater, nicht klassisch, nicht umwerfend. Vielleicht auch an Bertolt Brechts Original vorbei. Aber es heißt ja auch: „Im Dickicht der Städte“ NACH Bertolt Brecht. Es hätte auch heißen können: „Im Dickicht der Städte HEUTE“

HIER der link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

THEATER: Heinrich von Kleist – Penthesilea

Von ganz oben hängen hinten an der Rückwand der Bühne und an den Seitenwänden tiefschwarze Vorhänge herab. Vorne ist der Bühnenboden – vielleicht in einem Meter Breite – grell von unten beleuchtet, ein Plexiglasboden vielleicht. Ein grelles dünnes Lichtband. Und zwei Personen: Penthesilea und Achill. Mehr nicht.

Ein Gastspiel des Schauspielhauses Bochum. Inszenierung von Johann Simons. Klingt ja interessant. Schauspieler sind noch dazu die renommierten Sandra Hüller (als Penthesilea ) und Jens Harzer (als Achill). Starbesetzung. „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist, Textfassung von Vasko Boenisch.

Ein alter Stoff? Nun: Es ist doch immer wieder erstaunlich, was die „alten“ Griechen schon an Konflikten in ihren Mythen, Erzählungen, Dramen etc. kreiert oder beschrieben hatten. Erwähnt wird Penthesilea etwa in der Aithiops, einem Epos, das einem gewissen Arktinos von Milet um 750 v. Chr. zugeschriebenen wird. Und um 20 v. Chr. wird sie kurz in der Aeneis von Vergil erwähnt. Heinrich von Kleist hat in seinem Drama „Penthesilea“ den Mythos um Penthesilea allerdings stark verändert. Dennoch, der geschilderte, behandelte Konflikt um Penthesilea bleibt: Liebe und Kampf.

Die Zeit des griechischen Altertums, sie ist andererseits nicht lange her: Meine beiden Großväter etwa, die ich noch persönlich kannte, waren Ende des 19. Jahrhunderts geboren! Ich kannte sie. 1899 war der eine von ihnen geboren, 1883 der andere. Heinrich von Kleist starb auch im 19. Jahrhundert, wenige Jahre davor. Er brachte ja seine Freundin und dann sich selbst im Jahre 1811 um. Heute leben wir im 21. Jahrhundert. So schnell vergeht die Zeit.

Und etwas weiter zurückgeblickt ins Mittelalter und ins Altertum sind es dann auch nur nur wenige Generationen. Wenige Generationen! Noch im Mittelalter „überlegte“ man etwa, ob nicht Latein, das „alte“ Latein, die große europäische Sprache werden könnte oder müsste. Es wurde Englisch, aber man sieht: Es liegt alles nah beieinander!

Und Henrich von Kleist – auch die Griechen – werden im Grunde ihres Herzens oft auch so gefühlt haben, wie wir es heute tun. Der Mensch hat sich ja nicht völlig verändert. Er und seine Gefühlswelt jedenfalls. Die Lebensweise schon. Heinrich von Kleist hatte eben die Gabe, diese Gefühlswelten in seinen Werken darzustellen.

Zum Abend an den Kammerspielen: Zwei Aufführungen von „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist gab es an den Kammerspielen. Das Stück läuft weiterhin im Schauspielhaus Bochum. Der Spielplan des Schauspielhauses Bochum ist ja im Blog rechts oben in der Rubrik „Websites und Spielpläne von Theatern“ leicht zu finden. Sandra Hüller spielt derzeit übrigens in Bochum auch in der zum Berliner Theatertreffen 2020 eingeladenen (!) Inszenierung von Shakespeares Hamlet von Johan Simons. Sie spielt die Rolle des Hamlet.

Und: Am Schauspielhaus Bochum gibt es die Reihe „Johans Happy Hour“. Johan Simons im Gespräch mit SchauspielerInnen/RegisseurInnen der Produktionen. Am 17.2.2020 führt er dort ein Gespräch mit Sandra Hüller.

Und noch etwas: In der neuen Ausgabe von DIE DEUTSCHE BÜHNE gibt es ein Interview mit Sandra Hüller. Sie ist also in aller Munde – nicht erst seit dem großen Filmerfolg „Toni Erdmann“.

„Penthesilea“ von Heinrich von Kleist, die Amazonenkönigin, die sich vor Trojas Toren Achill als Liebschaft auserwählt. Die Amazonen wählten ja immer wieder Männer aus, um mit ihnen lustvoll auf dem so genannten Rosenfest Nachkommen zur Erhaltung des Geschlechtes der Amazonen zu zeugen. Auch Achill liebt Penthesilea. Es ist der Wahnsinn zwischen Liebe und Kampf, sowohl auf Seiten von Penthesilea, als auch auf Seiten von Achill. Heinrich von Kleist verdeutlichte dieses Duo „Liebe und Kampf“ noch.

Steckt hinter diesem „Duo“ nicht sogar der Gedanke: Liebe hat immer etwas mit Kampf zu tun! Liebe ist Kampf, wenn auch ganz versteckt. Eine Überlegung für Sigmund Freud. Mit Liebe wird der Geliebte oder die Geliebte irgendwie niedergerungen, könnte man sagen! Ein weites Feld! Kämpft nicht jeder Mensch gegen sein Gegenüber? Vor allem in der Liebe? Er oder sie ist es ja, die „Recht haben“ will. Genau so lässt sich jedenfalls Penthesileas Geschichte von Heinrich von Kleist komplett lesen.

Die Inszenierung von Johann Simons wagt sich allerdings nicht an solche Überlegungen heran. Auch nicht die Textfassung von Vasko Boenisch. Leider. Man verfolgt bei dieser Inszenierung eher das äußere Geschehen um Penthesilea und Achill. Das ist schade. Dem wunderbaren Text von Heinrich von Kleist wird so meines Erachtens zuviel Sensibilität genommen. Auch Sandra Hüller und Jens Harzer können dem nichts entgegensetzen. So großartig ihre Arbeit am Text ist – es fehlte meines Erachtens – jedenfalls an diesem Abend – eine irgendwie erregende Sensibilität. Es fehlte vielleicht das eigentliche Thema von Heinrich von Kleists „Penthesilea“. Das Zusammenwirken von Sandra Hüller und Jens Harzer – Träger des berüchtigten Iffland-Ringes – auf der Bühne strahlte meines Erachtens zu wenig den Aspekt der Liebe aus. Vielleicht war alles auch nur zu textlastig.

Insoweit war der begeisterte Applaus eher der großen Textleistung von Sandra Hüller und Jens Harzer geschuldet – oder allein ihren Namen. Mit Hamlet scheint Sandra Hüller derzeit am Schauspielhaus Bochum mehr zu überzeugen.

HIER der link zur Stückeseite. Und HIER ein Trailer zu „Penthesilea“.

Copyright des Beitragsbildes: Monika Rittershaus

THEATER: Christopher Rüping – Dionysos Stadt

Es kommt nicht oft vor, dass man sich im Theater ein Stück dreimal ansieht. Es kommt aber auch nicht oft vor, dass das Stück selbst dann fast 10 Stunden dauert. So ist es aber bei der Inszenierung „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping. Dreimal, jeweils fast 10 Stunden! Das dritte Mal habe ich es jetzt – es läuft in den Münchner Kammerspielen – mit Familie zwischen den Jahren gesehen.

HIER ein Trailer zur Inszenierung. Und HIER der link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Ich meine: Wenn man zum Einen irgendwie einen Bezug zu Antike finden will, sollte man es sich ansehen. Es geht andererseits natürlich nicht nur darum, etwas zu lernen, nein. Man kann eher sagen: Es ist einfach ein vollkommen gelungenes Theaterprojekt.

In vier völlig unterschiedlichen Darstellungsformen erlebt man wesentliches Geschehen der Antike. Mythologie und Familientragödie. Es kommt derzeit weiterhin monatlich an jeweils einem Wochenende, Samstags und Sonntags. Auch Anfang Januar wieder.

Über die Premiere hatte ich ja bereits berichtet. HIER mein damaliger Beitrag.

Es ist jedes Mal dasselbe: Keine einzelne Sekunde ist langweilig oder schleppt sich hin. Aufgebaut ist die Inszenierung wie auf den antiken dionysischen Feiern: Drei „ernsten“ Teilen folgt zum Abschluss ein vierter, „heiterer“ Teil. Jeder Teil ist eine völlig eigenständige Inszenierung, nichts wiederholt sich, nichts zieht sich.

Teil 1:

Die Entstehung der menschlichen Zivilisation. Prometheus, der Menschenfreund, schafft es, den Menschen im Streit mit Zeus das Feuer zu geben. Die Vorgeschichte, die im Stück garnicht vorkommt, sieht so aus: Zeus war ziemlich sauer. Prometheus wollte ihn austricksen. Und Zeus sagte sich dann: Feuer kriegen die Menschen nicht! Die Menschen lebten in Höhlen.

Aber Prometheus schnappte sich ein bisschen Glut und brachte sie – in einer Riesenfenchel – den Menschen. Und mit dem Feuer begann alles. Menschliche Zivilisation konnte sich entwickeln. Auch wenn Zeus – das war Teil der Inszenierung – immer wieder fragte: „Warum? Why? Sie werden Bomben bauen!“ Prometheus glaubte aber an die Menschen.

Kombiniert wird diese mythologische Geschichte der Entstehung der menschlichen Zivilisation dann mit einer der zahlreichen Liebesaffären von Zeus. Zeus liebte Io, allerdings bemerkte es Hera, die Ehefrau des Zeus, und griff immer wieder ein. Zeus verwandelt Io zunächst – nichts einfacher als das – in eine Kuh, um die Affäre zu vertuschen. Zuletzt musste Io aber in Gestalt dieser Kuh über das Meer fliehen. Daher das Ionische Meer und der Bosporus (bos heißt griechisch Rind). Denn Hera schickte ständig eine lästige und schmerzhafte Stechmücke, eine Rinderdassel, hinter ihr her.

HIER ein kleines Schaubild über die Zusammenhänge aus Teil 1. Gut sehen kann man alles nur, wenn man Word auf dem Gerät hat.

Teil 2:

Teil 2 der Inszenierung ist der zehnjährige Krieg um Troja, den die Götter kräftig mitbeeinflusst haben. Die Armada der griechischen Schiffe, die Kämpfe zwischen Hektor und Achill, die Troerinnen, die Eingriffe der Götter in die Kämpfe, die Zerstörung Trojas (siehe dazu das obige Beitragsbild). Begleitet war es von Schlagzeugeinsätzen von Matze Pröllochs. Andromache, die Frau des Trojaners Hector, musste am Ende ihr Kind, ein Säugling, Astyanax, den Griechen geben, die es dann von der Stadtmauer – oder einem Turm – herunterfallen ließen, damit kein Trojaner je Troja wieder aufbaut. Hat ja gewirkt.

Teil 3:

Agamemnon kommt nach den zehn Jahren des trojanischen Krieges zu Klytaimnestra zurück, seiner Frau, und die Familientragödien beginnen. Ich kann dazu nicht alle Einzelheiten erzählen. Die – von den Göttern erstmals weitestgehend unbeeinflusste – Familientragödie um Orest und Elektra ist es, die „Orestie“. Orest und Elektra, die beiden Kinder des Agamemnon.

HIER ein Schaubild über die Zusammenhänge aus Teil 2 und Teil 3. Auch hier gilt: Gut sehen kann man auf diesem Schaubild alles nur, wenn man Word auf dem Gerät hat. Das Schaubild sieht schon etwas komplizierter aus, man sollte sich ein bisschen auskennen. Ich habe es in ähnlicher Form einmal beim Lesen des absolut empfehlenswerten Romans „Kassandra“ von Christa Wolf entworfen.

Teil 4:

Fußball und Zinedine Zidane. Ein lockerer Ausklang, in dem man immer wieder Momente findet, in denen etwas Göttliches in der Luft zu liegen scheint. Wenn etwa einzelne SchauspielerInnen plötzlich einfach stehen bleiben und in den Himmel schauen. Oder wenn es um Zinedine Zidane geht.

Nun, dass es mir auch beim dritten Mal sehr gefallen hat, brauche ich wahrscheinlich nicht zu sagen.

Ich wünsche allen Lesern ein gutes neues Jahr!

THEATER: Thom Luz – Leonce und Lena (nach Georg Büchner)

Es ist höchste Toleranz gefragt und dann ist es einfach schön! Höchste Toleranz! Genau das zeichnet für mich Theaterbesuche aus. Tolerant sein, offen sein, nicht etwas Bestimmtes erwarten, nicht alles an herkömmlichen Maßstäben messen.

So funktioniert auch Thom Luz. Thom Luz bietet jetzt am Münchner Residenztheater mit „Leonce und Lena“ einen Abend, an dem wieder genau diese Toleranz und Offenheit hilft. Am Sonntag gab es die Münchner Premiere des Stückes, das zuvor schon unter Andreas Beck am Theater Basel lief. HIER ein kurzes Video dazu.

Man mag gerade bei einem Titel wie „Leonce und Lena“ von Georg Büchner eine klassische Inszenierung erwarten. Noch dazu auf der großen Bühne des Residenztheaters. Doch genau das gibt es an diesem Abend nicht. Andreas Beck hat sich damit eindeutig – und durchaus mutig! – dafür entschieden, die Münchner zu überraschen. Thom Luz auf der großen Bühne! Und ich finde, genau das tut gut, jedem Theatergänger tut es hoffentlich gut, grenzenlos offen zu sein. So sollte man auch zu dieser Aufführung gehen.

Es wird natürlich auch Theaterfreunde geben, die nur (oder vorwiegend) klassische Inszenierungen gut finden. Es mögen solche Zuschauer gewesen sein, die nach der Vorstellung dem Beifall Buhrufe beistreuten. Auch das hat natürlich seine Berechtigung. Aber es gibt doch keinen Grund, bei einem Theaterbesuch weniger offen zu sein, als beim gewollten Anblick eines Kunstwerkes.

Thom Luz jedenfalls wählt immer schon sehr eigenwillige Themen, sehr eigenwillige, poetische Gestaltungen. Auch seine Inszenierung „Olympiapark in the Dark“, die ja derzeit im Marstall zu sehen ist, ist entsprechend eigenwillig. Eine eher akustische Annäherung an München. Seine bisherigen Stücke waren allesamt eigenwillig, haben immer etwas Poetisches, keinen Handlungsstrang. Ich kenne „Traurige Zauberer“, „Girl From the Fog Machine Factory“, „Olympiapark in the Dark“ und jetzt „Leonce und Lena“. Er hat sehr viel mehr gemacht, zuletzt in Basel „Radio Requiem“. HIER ein Überblick seiner Produktionen.

Maurice Maeterlink wird im Programmheft so schön zitiert, wenn er mit seinen Augen über das Theater schreibt:

Eine Hand, die nicht uns gehört, klopft … manchmal an die geheimen Pforten des Instinkts – oft könnte man beinahe sagen, des Schicksals, so groß ist die Ähnlichkeit. – Man kann sie nicht öffnen, doch sollte man aufmerksam zuhören.“

Es hätte auch Thom Luz sagen können.

Und gerade mit dieser Toleranz ausgestattet kann man wunderbare Dinge auch an „Leonce und Lena“ – diesem inhaltlich ja sehr überschaubaren Drama von Georg Büchner – entdecken. Mit dieser Toleranz fallen Details auf: Allein die Bewegungen der SchauspielerInnen! Immer wieder auch ihre die Positionierungen auf der Bühne. Die Verschiebung der SchauspielerInnen, das Bühnengeschehen! Besonders Lisa Stiegler in der Rolle der Lena! Es fällt fast deutlich auf: Sie scheint sich vollkommen wohl gefühlt zu haben in dieser Inszenierung und spielte wunderbar! Oder die Sequenz, in der minutenlang in völliger Dunkelheit gespielt, geredet wird (auch die an sich immer grün leuchtenden Notausgangsschilder im Zuschauerraum werden in dieser Zeit verdeckt). Die totale Reduktion auf den Text, auf das gesprochene Wort. Die Dunkelheit zeigte: Auf den Inhalt der „Geschichte“ von Leonce und Lena kommt es hier nicht an. Schon der leichte Nebel, der vor Beginn der Aufführung durch das ganze Theater zog, deutete eher an: Es kommt ein Abend von Thom Luz!

Zur „Geschichte“ von Leonce und Lena:

Sie ist, so Thom Luz, „scheinbar schnell erzählt: Ein Prinz und eine Prinzessin aus benachbarten Königreichen flüchten vor einer arrangierten Ehe, verlieben sich inkognito ineinander und versuchen, mit einer List ihren Lebensweg selbst zu bestimmen – nur um am Schluss festzustellen, dass sie ihrem vorbestimmten Schicksal in die Arme geflüchtet sind.“

Vor dem Hintergrund dieser „Geschichte“ geht es Georg Büchner aber wohl eher um verschiedene Weltsichten. Liebe und Tod, Melancholie und Sehnsucht, das Ich und die Gesellschaft. Es sind auch im „Originaltext“ fast nur Betrachtungen.

Thom Luz greift für seine wieder poetische (und natürlich nicht klar verständliche) Inszenierung dementsprechend verschiedene Einzelkomponenten des „Romans“ auf. Und dem folgend enthält das Programmheft ein alphabetisch geordnetes kleines Kaleidoskop der prägenden Begriffe des Stückes. Von Automat bis Zitate. Und dazu – auf der Bühne – Bewegungen und Musik.

Auffallend ist im Übrigen auch, so mein Eindruck, dass die Textpassagen des Romans, die gesprochen werden, mitunter in dieser Thom’schen Szenerie eine andere Bedeutung erhalten, als im Originaltext. Sie tauchen aus einer Versenkung auf.

Das Bühnenbild ist, wie von Tom Lutz gerne gestaltet, ein nicht näher definierbarer Raum. Es könnte eine Werkstatt sein, man sieht eben Gegenstände herumstehen, die zum Einsatz kommen. Gut, es gab auch Szenen, die etwas albern, vordergründiger waren. Die Violine unter der Schuhputzmaschine etwa. Trotzdem! All das hat bei Thom Luz gerne Wirkung und Bedeutung, hier mit Bezug zu „Leonce und Lena“. Es geht ja bei Leonce und Lena auch um Automaten.

Also: Hingehen, offen sein, hinsehen und hinhören!

HIER ein Gespräch mit Thom Luz über die Inszenierung, Auf Französich allerdings.

Und HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Ewald Palmetshofer – Vor Sonnenaufgang (nach Gerhart Hauptmann)

Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ in der Fassung von Ewald Palmetshofer wird derzeit nicht nur am Münchner Residenztheater gebracht. Es wird auch am Theater Bonn (HIER ein Video) gebracht und ist – noch – am Theater Rudolstadt zu sehen (HIER auch ein Video). Zuletzt wurde es außerdem am Theater Regensburg gezeigt (HIER noch ein Video) und am Schauspiel Frankfurt (auch HIER ein Video). Und HIER das Video des Münchner Residenztheaters.

Die jeweiligen Inszenierungen dieser Fassung sind natürlich – siehe die Videos – sehr unterschiedlich! Die aktuelle Fassung am Münchner Residenztheater – eine Übernahme vom Theater Basel – ist von der jetzigen Hausregisseurin am Münchner Residenztheater, Nora Schlocker, inszeniert.

Nora Schlocker lässt auf der Bühne gerne Schlichtheit walten. So geht sie auch an ihre Inszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ am Residenztheater heran. Und so hat sie kürzlich „Die Verlorenen“ inszeniert, derzeit auch am Münchner Residenztheater zu sehen. Auch das ein Stück von Ewald Palmetshofer. Mein Beitrag dazu ist HIER. Sie gibt damit Platz für Inhalt, Text und Schauspieler.

Alles spielt sich schlicht vor einer kahlen Wand (in schönen Farben, vor allem zu Beginn!) ab, ein – zwei Türen (das sind die Szenen IM Haus), und ab und an vor einer zusätzlich davor herabgelassenen Wand mit Vorhang und Zugang ins Haus (das sind die Szenen VOR dem Haus).

Ewald Palmetshofer und Nora Schlocker kommt es sehr auf den Text an. Palmetshofers Textfassungen haben sprachliche Besonderheiten. Die Texte zeichnen sich dadurch aus, dass es selten Sätze sind, oft nur Bemerkungen, Wörter, Sätze werden nicht zu Ende gesprochen, Worte werden gesagt. Von „Wortmusikalität“ habe ich gelesen. Von 2012 bis 2015 unterrichtete er am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. Das ist interessant, statt umständlichen Formulierungen folgt man schnellen Worten, Assoziationen in seinen Texten. Man merkt oft nicht, dass es keine abgeschlossenen Sätze sind, man hat schon verstanden., Andeutungen genügen.

So auch in der Fassung von „Vor Sonnenaufgang“ am Münchner Residenztheater. In der Tat wird dem Text durch die Inszenierung viel Raum gegeben. Gerade dem Text. An den Stellen, an denen fast monologartig gesprochen wird, wird es deutlich. Thiemo Sturzenberger etwa als der Arzt Dr. Peter Schimmelpfennig (er besucht die hochschwangere Martha) bekam nach seinem Monolog Szenenapplaus.

Auch das Schauspielerische hat viel Platz, der Zuschauer wird nicht abgelenkt. Die Schauspieler hätten vielleicht sogar noch mehr aus sich heraus gehen können, das mag ich. Vor allem die beiden zentralen Figuren, gespielt von Michael Waechter und Simon Zagermann, spielen fast betont zurückhaltend. Aber gut, der Text!

Worum es in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ geht:

Ein Tag, eine Nacht. Der Journalist Alfred Loth (Simon Zagermann) kommt überraschend aufs Land zu seinem wohlhabend verheirateten ehemaligen alten Freund Thomas Hoffmann (Michael Wächter). Alfred Loth will – sagt er irgendwann – feststellen, warum „wir alle immer weiter auseinander driften“. Er greift Thomas Hoffmann aber auch an. Loth der Idealist, Hoffmann der Materialist – der sich plötzlich politisch engagiert. Loth sieht es so, dass Hoffmann die Fleißstory erzählt. Der übersieht, dass andere ihm alles ermöglicht haben. Hoffmann sagt, er muss es so erzählen, damit es die anderen verstehen. Es geht um eine gewisse Verlogenheit Hoffmann´s. Der Konflikt zwischen Hoffmann und Loth bahnt sich etwas langatmig an, hätte im Text noch mehr Platz bekommen können.

Drum herum erlebt man weiteres Geschehen, das ich hier nicht ausufernd schildere. Es „füllt“ das Stück eher. Die schwangere Martha, Thomas Hoffmanns Frau; die alleinstehende Helene, Marthas Schwester; kurze erotische Übergriffe und Zuneigungen; Egon, der trinkende Vater der beiden Frauen; Annemarie, die resolute zweite Frau des Vaters; Dr. Schimmelpfewnnig, der Arzt für Helene. Palmetshofers Text gibt – auf diese Personen gestützt – immer wieder interessante Ansätze her, andeutungsweise. Im Zentrum der große Konflikt Hoffmann – Loth, siehe das Beitragsbild. Gerade dieser große Konflikt hätte im Text – finde ich – durchaus noch mehr Raum verdient. Es zieht ja in unseren Zeiten ohnehin so Vieles so schnell an uns vorbei.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Lot Vekemans – Schwester von

Ismene! Wie verhält man sich eigentlich, wenn um einen herum das totale Desaster der Zerstörung stattfindet? Es ist ja wie im heutigen Leben und wie es schon immer war: Der Mensch ist einfach nicht fähig, das globale Desaster zu verhindern. Wir steuern darauf zu. Als hätte es der Mensch in den Genen, er kann nur zerstörerische Lösungen entwickeln.

In der Antike gab es ähnliche Konstellationen: Ismene! Mit einem Unterschied zu heute: Damals hat man solche „Desasterkonstellationen“ einzelnen Helden oder Göttern zugeschrieben, nicht gleich allen Menschen, nicht der ganzen Menschheit. Aber über das Götterdenken und Heldendenken sind wir nun einmal hinweg.

Aber auch damals war bei alledem die Frage angebracht: Wie verhält man sich eigentlich, wenn um einen herum das totale Desaster der Zerstörung stattfindet?

Dazu das Stück „Schwester von“, das ich jetzt im Metropoltheater in München/Freimann gesehen habe. Ismene! Wie hat Ismene alles erlebt? Um sie herum fand dass totale Desaster statt:

  • Erste Stufe: Ismenes Vater, Ödipus, brachte unwissend seinen eigenen Vater um und heiratete seine eigene Mutter, Iokaste.
  • Nächste Stufe: Ödipus sticht sich daraufhin die Augen aus und Iokaste erhängt sich, als es Ödipus offenbart wurde.
  • Nächste Stufe: Die beiden Brüder von Ismene, Eteokles und Polyneikes, die Söhne des Ödipus, kämpfen um die Nachfolge der Herrschaft über Theben. Sie sterben beide.
  • Weitere Stufe: Ismenes Schwester, Antigone, erhängt sich, weil sie ihren Bruder Polyneikes beerdigt hat und dafür bestraft wird.
  • Und und und.

Das alles erzählt Ismene im Stück „Schwester von“ von Lot Vekemans. Lot Vekemans beschäftgt sich gerne mit einer einzigen antiken Figur. So läuft seit Jahren an den Münchner Kammerspielen eine Inszenierung ihres Textes „Judas“, inszeniert von Johan Simons. HIER der Link zur Stückeseite. Es läuft Mitte Januar 2020 wieder an den Kammerspielen.

Was macht Ismene? Sie wundert sich, freut sich, Beachtung zu finden und blickt zurück auf das, was geschah. Ismene trat immerhin tausende von Jahren im Grunde nicht in Erscheinung, hat aber alles mit angesehen.

Es ist eine Inszenierung von Domagoj Maslov. Gespielt wird nicht auf der Bühne des Monopoltheaters, sondern Ismenes Monolog wird in einem Eck des Cafés des Theaters gebracht. Ein Monolog. Meine Eindrücke dazu:

  • Ismenes Verhalten: Ismene erzählt in dieser Inszenierung alles so, als würde sie selber am Rande des Wahnsinns stehen. Jetzt, im Blick zurück. So wird sie von Sophie Rogall gespielt. Sicher eine Entscheidung der Regie. Gut: Ismene zeichnete sich trotzdem dadurch aus, dass sie immer gegenüber allen Übeln oder Morden oder gegenüber dem eigenen Tod als Lösung standhaft blieb. Auch Rache war nicht ihr Ding, hat sie immer abgelehnt. Sie stand auf Versöhnung. Insoweit schien mir Ismene etwas zu wahnsinnig in dieser Inszenierung. Etwas zu durchgängig wahnsinnig war mir Ismene. Ismene erzählte in dieser Inszenierung nichts zart oder sanft oder einfühlsam, nicht zweifelnd, sondern eben eher fast wahnsinnig. Aber gut, bei dem Desaster um sie herum!
  • Die Nähe: Man war Sophie Rogall als Ismene sehr nahe, wenige Meter von einem entfernt spielte sie – im Jugendstilambiente des Cafés des Metropoltheaters. Das ist besonders und verstärkt die Eindrücke. Und wird auch für Sophie Rogall nicht einfach gewesen sein. Aber genau das war ein schönes Erlebnis! Und man sah nicht Sophie Rogall, man sah Ismene, das machte Spaß und ist sicher etwas, was das Metropoltheater auszeichnet. Die Nähe, auch auf der großen Bühne wohl.
  • „Mensch und Tier„: Am Anfang und am Ende spricht Ismene von Hunden. Ist das – so war mein Eindruck – ein Gedanke des Stückes von Lot Vekemans? Hunde – Tiere insgesamt – haben nicht die menschliche Gefühlswelt. Essen, schlafen und satt sein, das genügt den Tieren. Aber genau das gilt für den Menschen eben nicht. Deswegen zerstört der Mensch alles, weil er immer nach etwas strebt, immer, und dieses Streben immer ins Desaster führt.

HIER der link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater

THEATER: Roland Schimmelpfennig – Der Riss durch die Welt

Das Thema ist nicht neu: Wohlhabende und immer erfolgreiche Menschen und Personen, denen es nicht so gut geht, die die heile Welt in Frage stellen und erschüttern. Oder: Personen, die zumindest anders denken und anders leben. Es geht aber auch schnell um „Reich und Arm“.

Mittlerweile geht es nicht mehr nur um das soziale Thema, sondern auch um die ökologische Frage. Das Soziale und das Ökologische, unzweifelhaft die zwei großen Themen unserer Zeit – in unserer Welt. In beiden Bereichen zerstören wir – in den westlichen Ländern allemal – immer mehr die Welt!

Speziell das Thema „Reich und arm“ wird momentan auch in dem zurzeit von Fachleuten unglaublich gelobten Film „Parasite“ aufgegriffen! Es ist für viele der „beste Film des Jahres“! Ein asiatischer Film, eine arme Familie dringt über Jobs mehr und mehr in das Leben einer reichen Familie ein. HIER der Trailer des Films.

So, nun zur Inszenierung im Residenztheater:

Sie reden über einen Abend, die Szenen kommen immer wieder hoch, wiederholen sich, es kommt nicht auf Chronologie an. Sie reden und zeigen, wie es war. Ansich ein schöner Ansatz. Eine Inszenierung von Tilmann Köhler. „170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung“ heißt der Untertitel des Stückes am Residenztheater. Mein Kommentar aber:

Das war nichts! Angesichts des großen Themas des Stückes – aufgeladen noch dazu mit biblischen Themen! – hat mir diese Inszenierung überhaupt nicht gefallen! Ich schreibe heute eine sehr deutliche Kritik! Aber hingehen und ansehen und selber urteilen!

Es war rundum nicht genug, finde ich! Es passte hinten und vorne nicht! Es geht los bei der vielleicht falschen Besetzung, dann das fragwürdige Bühnenbild, dann die nicht bestehende Kostümierung, der Inhalt des Stückes, die Inszenierung ansich. Alles war – vor allem in der Gesamtheit – meines Erachtens eine Themaverfehlung. „Setzen, Sechs“, würde ich, wäre ich Lehrer, sagen, „dieses Thema hat mehr verdient!“ Hier all das, was mir auffiel:

Der Inhalt:

Roland Schimmelpfennig hat das oben genannte Thema eines ökologischen und sozialen Konfliktes für das Münchner Residenztheater in einem Auftragsstück mit dem Titel „Der Riss durch die Welt“ aufgegriffen.

Das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Paare: Eine Künstlerin und Jared, ihr Assistent, und ein wohlhabendes Millionärsehepaar, das die beiden empfängt, um über die Finanzierung des Projektes der Künstlerin „Riss durch die Welt“ zu reden. Roland Schimmelpfennig ist erfahren, etwas über 50 Jahre alt, hat schon viele Erfolge gehabt.

Roland Schimmelpfennig bringt noch dazu in seinem Stück einen Zusammenhang mit den zehn „biblischen Plagen“ aufs Tableau. Das sollte wohl die aufkommende ökologische Katastrophe verdeutlichen. Auch der „Riss durch die Welt“, ein Blutstrom, der alles mitreißt, als Kunstprojekt irgendwie, soll natürlich auf das ökologische Desaster hinweisen. Mit der biblischen Anleihe vor allem wurde aber jede ökologische oder soziale Frage fast auf eine mythische Ebene gehoben. Und damit irgendwie unantastbar. Man kann den Ansatz ja grob verstehen, aber dem Thema half es nicht!

Der Gesamteindruck:

Das Stück, dieses Auftragswerk für das Residenztheater, hätte meines Erachtens vielleicht – vielleicht – funktioniert, wenn es wirklich auf die Spitze getrieben worden wäre von Tilmann Köhler. Das hat er aber nicht gemacht. In keinem Detail. Nichts davon war irgendwie „erschreckend deutlich“ oder verstörend oder aufrüttelnd. Das Stück hätte vielleicht drastische Videobilder, drastische Musik, drastische Schauspieler, drastische Szenen etc. gebraucht. Dann hätte es vielleicht funktioniert. Dann wären die wenigen guten Ansätze des Stückes vielleicht auch deutlich geworden.

Das Einzige, was an diesem Abend „auf die Spitze getrieben“ wurde, war, dass Jared – der Assistent der Künstlerin – sechs- oder siebenmal (es mag im Grunde immer wieder derselbe Wurf gewesen sein, dieser eine Moment wurde eben mehrfach wiederholt) ein Glas Champagner gegen eine riesige Metallwand wirft. Das gefällt doch: Ein Glas Champagner gegen die Wand. Und alles geht weiter. Und dass das Millionärspaar teils mit irgendwelche Ansichten angeschrieen wurde. Auch erotische Annäherungen sind dann plötzlich noch im Spiel.

Die Besetzung von Jared, dem Assistenten der Künstlerin:

Musste das wirklich sein? Der Assistent, der die Welt des reichen Ehepaares am meisten kritisiert, ist dunkelhäutig! Benito Bause. Man wird als Zuschauer also sofort in das Klischee „Weiße und Dunkelhäutige“ gestoßen! Fürchterlich unnötig und völlig unpassend. Was für eine abgeschmackte Idee!

Die Besetzung der anderen Personen:

Sie spielen es im Grunde alle mit wenig Überzeugung, war mein Eindruck. Auch das hat das Thema nicht verdient. Aber was sollen sie machen, die Personen sind wohl vom Autor nicht anders gezeichnet. Vielleicht waren für diese Inszenierung aber einfach auch die falschen SchauspielerInnen ausgewählt.

Oliver Stokowski als millionenschwerer Sattelitenhändler: Nicht überzeugend, er hätte auch Arzt sein können. Carolin Conrad als seine Frau: Sie geht im Stück völlig unter. Lisa Stiegler, die junge Künstlerin: Sie war noch am ehesten überzeugend. Der fast beste Moment des Abends war der, als sie sang. Benito Bause: Auch nicht überzeugend, er hätte sagen müssen: Das spiele ich nicht! Er spielte auch zu „schauspielerhaft“, fand ich. Er wird besser spielen können. Und im Hintergrund als Dienstmädchen Maria Cathrin Störmer: Diese ansich schöne Rolle der Beobachterin ist auch nicht scharf genug geworden, funktionierte auch nicht, dachte ich.

Die Kostümierung:

Alle vier Schauspieler sind offenbar an der Kostümabteilung vorbeigelaufen. Die Alltagskleidung, in der sie auf der Bühne erscheinen, war – mein Eindruck – für dieses Thema viel zu läppisch. Wo war da die Idee? Und das Dienstmädchen in typischer Rüschenbluse …

Das Bühnenbild:

Eine leere Bühne, eine riesige dunkle hohe Metallwand, die sich manchmal im Kreise drehte. Mehr nicht. Wie bei „Amphitryon“, das derzeit auch am Residenztheater läuft. Vorne am Bühnenrand standen zudem meistens vier Stühle, auf denen die SchauspielerInnen immer wieder saßen und über den Abend redeten.

Die Inszenierung:

Mein Eindruck, wie gesagt: Das Stück hätte vielleicht funktioniert, wenn alles auf die Spitze getrieben worden wäre. Ich hatte eine Inszenierung mit vielen, vielen wilden Videoeinspielungen, mit Musik, mit Ideen vor Augen, einem krassen Bühnenbild. Nichts davon war gegeben. Seltsam, Regisseur Tilmann Köhler gehört doch eigentlich zur wachen jüngeren Generation. Er ist gerade 40 Jahre alt. Aber so?

Ich habe jedenfalls das Cuvillestheater verlassen und fühlte mich betäubt von einer letztlich nicht einmal im Ansatz wirklich irgendwie empathischen, berührenden, sondern einer eher beliebig arrangierten Vorstellung. Angereichert mit biblischen Bildern, die in ihrer Zusammenhanglosigkeit alles im Nichts auflösten. So möchte ich nicht oft das Theater verlassen.

HIER die Stückeseite der Inszenierung auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then









Von meinem iPad gesendet Blog: www.qooz.de

THEATER: Leonie Böhm – Die Räuberinnen

„Die Räuberinnen“ nach Friedrich Schiller von Leonie Böhm, gestern war Premiere an den Münchner Kammerspielen. Ich muss es mir noch einmal ansehen, Einzelheiten würden mich genauer interessieren, bevor ich etwas Detaillierteres dazu schreiben könnte. Hier zunächst ein paar ganz grundsätzliche Überlegungen:

Ich finde, man kann sich dessen bewusst sein, dass man wieder einmal an den Münchner Kammerspielen Stücke sieht, die besonders auffallen. Auffallen, weil man aus den üblichen Theatergewohnheiten herausgerissen ist. Das ist an den Münchner Kammerspielen in den letzten Jahren immer wieder der Fall gewesen, dennoch fällt es jetzt wieder auf:

„Die Räuberinnen“ und ein anderes Stück, das derzeit dort zu sehen ist: „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz, Erinnerungen an das letzte je gegebene Konzert von Nirvana vor dem Selbstmord von Curt Cobain. Diese beiden Veranstaltungen zeigen, welche Wege die Münchner Kammerspiele der Theaterkunst eröffnen. Und nicht etwa hinten in den kleineren Kammern 2 oder 3. Nein, vorne in Kammer 1!

„Die Räuberinnen“ sieht man in einer einfach abgefahrenen Inszenierung! Es „Inszenierung“ zu nennen, ist schon zuviel gesagt. Performance vielleicht eher. Es fällt mir fast schwer, es einfach zu „besprechen“. Es ist irgendwie abgefahren und berührt einen selbst thematisch durch die Leistungen der vier Schauspielerinnen. Eva Löbau, Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhoff und Sophie Krauss.

Die SchauspielerInnen haben sicherlich intensiv an der Entstehung des Abends mitgewirkt und werden das Stück im Lauf der nächsten Monate sicherlich – hört man, ahnt man, weiß man – auch weiter entwickeln. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, dass Leonie Böhm den Schauspielerinnen gesagt hätte: „Und jetzt zieht euch bitte aus!“ und die Schauspielerinnen gesagt hatten: „Ok, machen wir!“ Nicht bei dieser Inszenierung, es wird viel individueller – aber in der Gemeinschaft der vier – gelaufen sein.

Man sieht eben nicht die Leistung eines Regisseurs, der ein „Stück“ auf die Bühne bringt, man sieht – mehr als sonst – künstlerische und sehr ins Persönliche gehende Leistungen der mitwirkenden Schauspielerinnen. Und zwar so offen, dass Eva Löbau zu Beginn des Abends zurecht darauf hinweist, dass keine Fotoaufnahmen gemacht werden sollen. Sie offenbaren sich, sie entblößen sich, entäußern sich. Trotzdem passend, nicht überambitioniert, nicht gewollt, nicht reißerisch.

Ähnlich – nicht etwa extrem allerdings – bei „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz – meines Erachtens ein Kandidat für das Theatertreffen 2020 in Berlin. Die dortigen SchauspielerInnen (teils mit weiteren MusikerInnen) singen komplett das letzte je gegebene Konzert von Nirvana nach. Auch das ist nicht ein „Stück“, es ist mehr persönliche Leistung der SchauspielerInnen. Sie singen die Songs in völlig andere Art und Weise. Mit Sehgewohnheiten alter „Theaterhasen“ hat das nichts zu tun. Für junge Menschen ist es schon eher!

Und das ist schön! Kunst ändert sich! Es mag beim Theater die Tendenz geben, dass man eben immer wieder „Theater“ sehen will, gelungene „Inszenierungen“, „Klassiker“ auch. Man verfällt Gewohnheiten. Mehr wahrscheinlich, als wenn man in eine Ausstellung geht. Gut, „Die Räuberinnen“ von Leonie Böhm basiert auf einem Klassiker: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Aber die Handlung des Klassikers verschwindet hier vollkommen. Der Grundgedanke, der aus „Die Räuber“ herausdestilliert wird, ist etwa: Was hält uns davon ab, nach eigenen Konzepten und Entwürfen zu leben, anstatt nach vorgegebenen Konditionen, nach gesellschaftlichen Vorgaben? Und: Wie können wir in diesem einen Leben frei sein? Es geht vor allem auch nicht nur um Individualismus, sondern Gott sei Dank um Gemeinschaft! Aber das sagt alles noch viel zu wenig. Mehr dazu versuche ich in Bälde.

Hier ein paar Links, in denen schon mehr über den Inhalt des Abends gesagt wird:

HIER der link zur außergewöhnlich gut gelungenen – mein subjektiver Eindruck – Besprechung auf http://www.nachtkritik.de (mit weiteren Fotos).

HIER der link zu einer ebenfalls guten – finde ich – kürzeren Besprechung im Deutschlandfunk Kultur.

HIER ein Gespräch mit Leonie Böhm in der Abendzeitung.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Münchner Kammerspiele

© des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Heinrich von Kleist – Amphitryon

Es war die „Münchner Premiere“ von Julia Hölschers Inszenierung von Heinrich von Kleists „Amphitryon“ am Münchner Residenztheater. Julia Hölscher war zuletzt Hausregisseurin am Theater Basel. Sie wechselte mit dieser Spielzeit nach München. Auch ihre Inszenierung des „Amphitryon“ wurde aus Basel übernommen. Das Stück „lief“ seit Januar 2018 am Theater Basel.

Ihre Inszenierung des „Amphitryon“ ist keine freie Interpretation von Heinrich von Kleists Lustspiel. Es ist eine sich nahe am Original orientierende Inszenierung – versehen natürlich mit vorsichtig eingestreuten, fast unumgänglichen Modernisierungen. Mehr an Modernisierung aber nicht.

Der Text etwa ist natürlich nicht wortgetreu, sondern für die Bühnenfassung etwas erleichtert. Die Spielweise der SchauspielerInnen ist zeitlos, nicht etwa veraltet. Auffallend ist besonders das Bühnenbild von Paul Zoller. Eine „Sensation“ schreibt die SZ (Egbert Tholl). Naja.

Gerade das Bühnenbild versucht jedenfalls, das Thema von Amphitryon deutlich aufzugreifen: Spiegelung, Verdoppelung. Und das gelingt auch wirklich gut!

Amphitryon und sein Diener Sosias kehren ja nach Theben zurück – nach Beendigung des Krieges gegen Athen – und müssen erfahren, dass sie schon da sind! Jupiter und Merkur haben sich in gleicher Gestalt schon eingefunden. Das ist das Thema.

Schon vor Beginn der Aufführung etwa sitzen die Zuschauer dementsprechend vor einer riesigen Spiegelwand, der die große Bühne des Residenztheaters verschließt. Sie sehen den ganzen Zuschauerraum. Manch Zuschauer*in fotografiert es, manche*r winkt dem eigenen Spiegelbild zu, jede*r wird sich automatisch selber gesucht haben. Der riesige Spiegel hebt sich zu Beginn der Aufführung und wird immer wieder Blicke auf die Bühne von oben ermöglichen. Hier noch ein Foto, man sieht die Bühne doppelt – einmal von vorne und einmal von oben:

Copyright: Sandra Then

Jeder steht eben immer wieder seinem Spiegelbild gegenüber und ist mehr oder weniger zufrieden damit. Und jede*r andere sieht einen immer anders. Das kann an die Substanz gehen. Ein generelles Thema, wir kennen es alle.

Schauspielerisch fiel auf, dass besonders Florian von Manteuffel als Amphitryon seiner Rolle viel Komik beigab. Anders als Pia Händler in der Rolle von Alkmene. Es blieb daher auch bei Julia Hölschers Inszenierung eine nicht ganz klare Mischung aus Komik und Tragik. Aber Florian von Manteuffel spielt ja gerne mit einer gewissen Komik, so ja auch in „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“, das in Basel lief und demnächst auch am Residenztheater kommt.

Schön ist insgesamt – seit ein paar Wochen zu sehen – das fast komplett neue Ensemble des Residenztheaters! Viele junge, sehr engagierte SchauspielerInnen, die den Inszenierungen frischen Wind geben. Gute Typen* innen.

Zu Heinrich von Kleist:

Heinrich von Kleist war jung, als er Amphitryon schrieb. 1807 war er gerade einmal 30 Jahre alt. Er wurde auch nur 34 Jahre alt, beging Selbstmord. Sein Todestag jährte sich gerade, er nahm sich und seiner Freundin Henriette Vogel am 21. November 1811 das Leben.

Amphitryon war noch dazu eines seiner eher frühen Stücke. Erst in den Folgejahren wurde er richtig produktiv.

Amphitryon ist ein „Lustspiel nach Moliere“, so schon immer der Untertitel. Es sollte eine Übersetzung werden, Kleist hat der Übersetzung dann aber doch tragische Komponenten beigefügt. Es gab also auch schon damals Stücke, die – wie ja auch heute oft im Theater – „NACH“ einem anderen Stück inszeniert werden. Eine weitere Verdoppelung wäre es gewesen, wenn Julia Hölscher eine Amphitryon-Inszenierung NACH Heinrich von Kleist NACH Moliére gebracht hätte. Es hätte gepasst.

Inhaltlich:

Auf den ersten Blick ist Amphitryon wie Bauerntheater: Eine Verwechslungskomödie. Ich frage mich, warum Kleist in jungen Jahren schon daran interessiert war. Aber er lebte wohl sehr intensiv. Von einer möglichen Antwort liest man: Heinrich von Kleist war am Thema: „Subjektives und Objektives“, besonders am „Subjektiven“ interessiert.

Und so kommt man zu diesem Stück. Alkmene – Amphitryons Ehefrau – weiß nicht mehr, was objektiv richtig ist. Wer ist der richtige Amphitryon? Und andererseits verlieren Amphitryon und Sosias ihre Subjektivität, werden darin erschüttert, geben sie auf! Viel mehr wird allerdings bei Kleist nicht aus diesem Gedanken gemacht.

Forced Entertainment:

Kürzlich sah ich im Rahmen des SPIELART-Festivals die köstliche durational performance „12 am:Awake and looking down“ von Forced Entertainment – HIER mein Bericht – und kann feststellen: Aus Sicht von Alkmene wurde auch dort dasselbe Thema behandelt: Wir sehen jemanden als etwas an, weil er sich so nennt oder genannt wird – oder so erscheint. Und sofort stellen sich Gefühle ein. Beim Betrachter und bei der irgendwie erscheinenden Person. Forced Entertainment forderte all das auf seine Art stundenlang vom Zuschauer. Eine schöne „Parallele“. HIER ein Bild:

Copyright: Hugo Glendenning

HIER der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: SPIELART Festival – Resumee

Abstraktes oder Persönliches. Als Zuschauer eines Theaterstückes oder einer Performance gibt man sich doch meist Themen hin, die nicht „höchstpersönlich“ sind, sondern eher „abstrakte“ Überlegungen aufgreifen, man sieht dazu erdachte Szenarien bzw. Geschehen. Man kann sich dann überlegen: „Wie sehe ich das eigentlich?“ Irgendein Thema. „Wie stehe ich zu diesem Thema?

Und manchmal, denke ich, ist es anders: Wenn das „Stück“ auf der Bühne sehr persönlich ist. Dann ist das Erlebnis anders: Man stellt sich nicht (bewusst oder unbewusst) eine theoretische Frage wie: „Wie sehe ich das?“. Man hat Persönliches gesehen, Erlebtes, Privates: Man kann es im Grunde nur irgendwie verdauen. Beeindruckt oder nicht beeindruckt. So könnte man unterscheiden. Aber das trifft natürlich nicht immer zu. So schlau kategorisieren kann ich nicht, es ist hier nur eine Feststellung zum SPIELART-Festival.

Das SPIELART-Festival ist vor kurzem in München zu Ende gegangen. Es bot Beides. Eine – international zusammengesetzte – Mischung aus solchen „abstrakten“ Veranstaltungen und „persönlichen“ Veranstaltungen. Einiges habe ich gesehen. Längst nicht Alles, es war ein umfassendes Programm über zwei Wochen hinweg, ich habe viel Zeit investiert.

Das Festival findet alle zwei Jahre statt, das nächste Mal also 2021! Ich schreibe hier ausnahmsweise darüber, obwohl es niemand mehr besuchen kann, das SPIELART-Festival 2019.

Innerhalb des SPIELART-Festivals fand vor allem noch ein weiteres Festival statt, ein „Festival im Festival“: „New Frequencies“ für neue Stimmen der internationalen Theaterlandschaft.

Die Mischung machte es. Wann kann man schon so viele so persönliche Sichtweisen aus vielen Teilen der Welt sehen. Südafrika, Kenia, Palästina, Indonesien und und. Meine Auswahl zeigt die angesprochene „Mischung“ deutlich. Gesehen habe ich:

PERSÖNLICHES:

  • Erinnerungen an das Erwachsenwerden: Man konnte ungefähr einhundert Personen dabei zuhören, wie sie ihre Erinnerungen an ihr 21. Lebensjahr schilderten. Während man es hörte, saß man den einzelnen Personen an Bildschirmen gegenüber und sah, wie sie sich selbst noch einmal anhörten. Gut arrangiert.
  • Bild 1: undefined
  • Cultural Exchange Rate: Siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 2:
  • On Thin Ice: Lesung von Tagebuchaufzeichnungen eines Kenianers, der nach Amsterdam kommt. Gut gelesen!
  • Bild 3: undefined
  • A Song To Hear You Arriving: Ein Klangteppich, der an einen Verstorbenen gerichtet ist.
  • Bild 4:
  • Congo: Eine wütende Suada eines Kongolesen gegen die Verbrechen Europas bei Gründung des Kongo. Die absurde Berliner Kongokonferenz 1884 wird geschildert. Nach dem Buch Kongo von Eric Vuillard.
  • Bild 5: undefined

ABSTRAKTES:

  • Pleasant Island: Zwei Jugendliche berichten über ihren Besuch von Nauru, einem kleinen Inselstaat im Pazifik. Von englischen Walfängern einst „Pleasant Island“ genannt. Das nach extremer Ausbeutung zerstörte Ökosystem Naurus – früher einmal das reichste Land der Welt – ist ein Vorbote für eine drohende weltweite Umweltkatastrophe. Dokumentarisch wichtig, umso enttäuschender, nicht überzeugend.
  • Bild 6: undefined
  • Speak Bitterness: Eine durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 7:
  • 12 am: Awake and looking down: Eine weitere durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 8: undefined
  • And On The Thousandth Night: Auch eine durational performance von Forced Entertaiment, leider verpasst.
  • Bild 9: undefined
  • Orest in Mossul: Von Milo Rau, Intendant am NT Gent. Die Orestie im zerbombten Mossul. Ansich der prominenteste Beitrag, aber umso enttäuschender. Eindrücke einer zerstörten Stadt – wie einst Troja – aber warum die Orestie? Ich fühlte mich etwas über den Tisch gezogen, brutale Erschießungen wurden nachgestellt etc. HIER der link zur Seite beim NT Gent mit mehreren Videos dazu.
  • Bild 10: undefined

Und innerhalb des Festivals „New Frequencies“ war es wiederum:

PERSÖNLICHES:

  • Tubuhdang Tubuhdut: Die Flucht aus dem Alltag durch einen indonesischen Tanz, Blick auf die in Indonesien ebenso tanzenden Männer im Publikum, die mit ihren Bewegungen auch Berufliches und Typisches zeigen.
  • Bild 11: undefined
  • Steps: Ein tunesischer Tanz jenseits der Geschlechterbarrieren.
  • Bild 12: undefined
  • Baba, Come to me: Eine Performance zum Verhältnis Vater-Tochter aus Palästina.
  • Bild 13: undefined
  • Nonna doesn’t live here anymore: Ein Film zum Verhältnios Mutter-Tochter aus Ägypten.
  • Bild 14: undefined

ABSTRAKTES:

  • Commission Continua: Südafrikas Ringen mit Vergangenheit, Veränderung und Versöhnung.
  • Bild 15: undefined

HIER der Link zur interessanten Website des Festivals mit allen weiteren Angaben zu den Veranstaltungen, teils mit Trailern.

Jetzt habe ich alles aufgeführt, im Grunde nur mir zuliebe, nämlich um alles vollständig zu halten. Ich bringe hier auch keine Einzelbesprechungen zu den genannten Veranstaltungen, die Beiträge des Festivals können ja – mit Ausnahme wohl nur des „Orest in Mossul“ – nicht mehr gesehen werden.

Copyrights:

  • Beitragsbild: Milo Rau
  • Bild 1: Max Kuhlmann
  • 2: Judith Buss
  • 3: Ogutu Muraya
  • 4: Thomas Lenden
  • 5: Agathe Poupeney
  • 6: Indra Struyen
  • 7: Hugo Glendinning
  • 8: Hugo Glendinning
  • 9: Hugo Glendinning
  • 10: Stefan Bläske
  • 11: Widhi Cahya
  • 12: Mawjoudin Queer Film Festival
  • 13: Farah Barqawi
  • 14: Sama Waly
  • 15: Zivanai Matangi





THEATER: Forced Entertainment

Ein „Muss“ auf dem gerade zu Ende gegangenen SPIELART-Festival, das alle zwei Jahre in München stattfindet, waren für mich die drei Auftritte der englischen Performancegruppe Forced Entertainment. Drei ihrer „durational performances“ – stundenlang ohne Ende, den ganzen Abend durch – man kommt und geht.

Zwei davon habe ich gesehen, Speak Bitterness und 12 am:Awake and looking down. Die dritte, And On The Thousandth Night, habe ich verpasst! Ärgerlich! Sie haben drei ihrer „Klassiker“ ausgepackt, als Abschiedsgeschenk an den Gründer von SPIELART.

Forced Entertainment ist eine Performancegruppe aus Sheffield im Norden Englands. Der Link zu Ihnen findet sich im Blog oben über den Link „Websites und Termine von Performancegruppen“. Oder HIER. Sie touren auch oft durch Europa, demnächst nach Berlin, Zürich, Brüssel, Paris. Berlin am 22. November im HAU. Eine weitere bizarre „durational performance“, Quizoola in seiner 6-Stunden-Variante.

Sie machen seit 30 Jahren Performances, die den Zuschauer im Grunde immer wieder – soweit ich sie kenne – zu der Ansicht bringen: Ja, so ist es! Und auch immer mit einem herrlichen Schuss Komik dabei! Vor allem dann, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt. Hinter ihrer Komik stecken oft böse Blicke auf unsere Gewohnheiten, auf unsere Lebensumstände, auf Missstände.

Mit der Performance Real Magic waren sie vor zwei Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch so eine lustige und gleichzeitig auch ernste Performance! HIER mein damaliger Beitrag dazu.

Zu 12 am:Awake and looking down:

HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Mit einem Video dazu. Auf der Website des SPIELART-Festivals hieß es dazu:

12AM: AWAKE & LOOKING DOWN entstand 1996 … ein Dauer-Stück von damals zwölf Stunden … Verhältnis von Persönlichkeiten und den Labels, mit denen sie versehen werden … Second-Hand-Kleidung und Pappschilder … Kaleidoskop an Rollenbildern … körperliche Anstrengung … Figuren, die wir alle kennen und unzählige Male gesehen haben: in Filmen, trashigen Fernsehsendungen, im Supermarkt, auf der Straße … beim Blick in den Spiegel …. Verfall und Vergänglichkeit.

Ein kurzes Hineinschlüpfen in eine Rolle, dann die nächste. Was wir sein wollen, nicht sind, sein könnten, nicht sein können, Rollen und und und.

Und Speak Bitterness:

Auch HIERZU der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Auch mit Video. Wenn man auf das Video klickt, kommen sogar weitere Videos. Auf der Website des SPIELART-Festivals hieß es dazu:

Schuldbekenntnisse … in Talkshows, in Kirchen, vor Gericht …von Angesicht zu Angesicht … nicht enden wollende Folge verschiedenster Beichten … davon, den Hund nicht spazieren geführt zu haben … heimlich in fremden Tagebüchern zu lesen … gigantische Betrügereien … schwere Verbrechen … Massenmord … mit sanfter Stimme … liefern sich dem Blick der Zuschauer*innen ganz bewusst aus und überlassen ihnen das Urteil über Schuld, Unschuld und alles, was dazwischen liegt.

Tja, was ist für wen Grund, ein Schuldgefühl zu bekommen?

Und der Vollständigkeit halber And On The Thousandth Night:

Auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Wieder mit Videos. Wenn man auf das Video klickt, kommen wieder weitere Videos.

Jedenfalls beachten, wenn Forced Entertainment in die Gegend kommt!


THEATER: Thom Luz – Olympiapark in the Dark

Thom Luz kommt aus der Schweiz, Zürich und Basel, und wechselt als Hausregisseur an das Münchner Residenztheater (ist es offenbar auch noch am Theater Basel). Er bringt gerne skurrile, poetische Annäherungen an ganz spezielle Themen. Ein sehr eigenes Gesicht haben seine Produktionen, er selbst hat eine eigene Handschrift, kaum anders zu finden.

Eine solche Themenwelt war bisher etwa: „Dinge, die verschwinden„. Thom Luz sei ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“, heißt es irgendwo. Mit der Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Oder kürzlich „Radio Requiem“, auch das Thema des Verschwindens. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Auch das gab ihm Anlass, seine Poesie des Verschwindens zu entfalten.

Jetzt der Abend „Olympiapark in the Dark“ am Residenztheater (im Marstall). Erstaunlicherweise geht es hier nicht um das Verschwinden, sondern um das Ankommen, das Sich-Annähern an Fremdes, an München nämlich. Und zwar mit Klängen, mit Musik, mit Geräuschen und Dissonanzen. Nicht Harmonisches. Auch immer wieder mit kurz oder lang angespielten (oft bayerischen) Musikstücken oder angerissenen Erzählungen von Dingen, die irgendwie mit München zu tun haben. Karl Valentin, ein Busunglück in Südtirol mit vielen gestorbenen Personen, die nach München wollten, Albert Einstein, sieben Kirchenglocken ….

Werkstattcharakter, natürlich Werkstattcharakter auf der schwarzen Bühne. Und, wie gesagt, viele unfertige Dinge. Erzählungen nur wenige und kurze, ansonsten oft unharmonische Musik, auch Geräusche, etwa das Knistern von Kies beim Gehen. Oder im Eck ein auf dem Kopf stehender kleiner Film über München, den alle fragend betrachten.

Am konkretesten wird es dann gegen Ende, wenn der Olympiapark ins Spiel kommt. Man sieht Videoaufnahmen von der Gruppe der Schauspieler am Olympiaberg. Einer von ihnen läuft immer hinterher, gehört nicht ganz zur Gruppe. Auch das könnte einer der Eindrücke von München sein: Mia san mia. Zwei große schöne Laternen aus dem Olympiagelände werden auf die Bühne getragen.

Und immer wieder Musik. Musik, die aber – wie die Erzählungen – oft unterbrochen wird. Aus der Musik entsteht ein Spiel mit den auf der Bühne verteilten Lautsprechern, man greift herumhängende Mikrophone, spielt auf Streichinstrumenten. Alles immer wieder unterbrochen, wie im richtigen Leben. Eine der Überlegungen von Thom Luz wird in Richtung Musik gehen. Vielleicht: Es ist nicht die harmonische Musik, die uns die Welt zeigt, wie sie ist.

Und ein Gedanke von Thom Luz aus dem Programmheft: „Also man wird auf einem Teppich geboren, rollt dann eine halbe Arschbacke weiter auf diesem Teppich von links nach rechts hört dabei etwas unverständlichen Straßenlärm aus dem Fenster und stirbt kurz darauf, und der Teppich hat sich dabei nicht verändert

Tja, und hört viele Klänge, Versuche von Musik …. Es ist ein „tyischer Thom Luz“, etwas schwerer verdaulich diesmal, etwas weniger Poesie, aber wieder mit Nachwirkung. Die Dinge – mehr als hier angesprochen – wirken ineinander.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheraters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then