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SONSTIGES: HafnerBurgmayr – mimpfmöh, alois oder nichts

Es heißt: „HafnerBurgmayr präsentieren einen Abend voller Lieder und Gedichte, die es gestern noch nicht gab, die aber heute schon Gassenhauer sind: Streichle Blumen, Alois oder nichts, lüzlü no, Friedel der Weps, Ampi ölei, Walzer mit Meer, Brez Brez usw.“.

Kurz:

Es hat etwas von bayerischem Humor: Die beiden nehmen sich nicht ernst. Das mag der Bayer. Sie beginnen den Abend – die Treppe herunter kommend – dementsprechend mit Posaune (Florian Burgmayr) und einem Jodler (Maria Hafner). Der Abend endet auch mit dem Jodler, einem sehr gelungenen, schönen Jodler, der mich an den bekannten „Juchitzer“ von Hubert von Goisern & Zabine erinnerte (HIER), den man kennen muss. Es folgen absurde Musikstücke, absurde Texte oder besser Wortfindungen, Sinnloses, manchmal am Rand des Sinnvollen, sodass man etwa 70 Minuten lang amüsiert zuhören kann. Auch das mag der Bayer. Die lockere Atmosphäre des Vorraumes passt gut dazu!

Florian Burgmayr und Maria Hafner haben auch Spaß daran, merkt man. So hat man einen lockeren, lustigen Abend vor sich, an dem man einfach nicht zu viel nachdenken muss. Mag das nicht auch der Bayer? Besonders Maria Hafner hat dabei mit starker und sicherer Stimme eine schöne Präsenz, oft begleitet sie sich und ihre Stimme mit ihrer Violine, während Florian Burgmayr meist die Ziehharmonika oder das Piano einsetzt. Beide stammen auch aus Bayern. Andererseits: Es ist kein betont bayrischer Abend, die Verbindung liegt nur etwas nahe. Ein Abend mit viel Phantasie, die sich hoffentlich bei beiden fortsetzt.

Die Fotorechte des Beitragsbildes oben werden den beiden gehören.

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THEATER: Christoph Frick und Lothar Kittstein – Land

Es ist ein Abend über die Landwirtschaft, ihre Beziehung zur Natur. Der Abend befasst sich mit ganz speziellen Blicken in die Vergangenheit, mit Blicken auf verschiedene Zeiten, auf „drei Zeitbilder aus Bayern“, heißt es, und nach den doch sehr düsteren Blicken in die Vergangenheit will das Universum am Ende doch für die Zukunft Hoffnung geben. Die Blicke der Menschen gehen ja im Grunde immer nach vorne, es bleibt ja nichts anderes, alles geht eben immer weiter! Glaube – Liebe – Hoffnung!

Das positive „Statement“ des Universums am Ende der Inszenierung steht aber im Grunde völlig im Kontrast zu dem, was im Stück geboten wird: Die Blicke zurück sind sehr düster, die Blicke in die Gegenwart – auch die gibt es – sind kaum angenehmer. Es ist eigentlich geradezu ein Untergangsstück und das hat durchaus Berechtigung! Die Blicke des Stückes richten sich nämlich (am Beispiel einer Bauersfamilie aus Bayern) auf die Entwicklung der Welt hin zum Untergang des Menschen und der Erde. Aber eben mit diesem (fast hilflosen) Schlusssatz des Universums.

Gezeigt wird alles anhand der Leben einer Bauersfamilie im bayerischen Land in drei Epochen: In den Jahren 1815, 1973 und 2024. Es ist – daher der Titel „Land“ – als „Stück über die Abhängigkeit des Menschen von der Natur und den Umgang des Menschen mit der Natur“ gedacht. Regisseur Christoph Frick und Autor Lothar Kittstein hatten sich bereits in der Vergangenheit in verschiedenen Formen mit der Klimakrise und Szenarien für ein nachhaltiges Zusammenleben beschäftigt. Das ist im Grunde auch Thema des Abends, wenn auch als „Land“ etwas verpackt, auf die Landwirtschaft bezogen.

Die drei Zeitebenen, die aufgezeigt werden, werden ständig gewechselt:

  • 1815: Der gigantische Ausbruch des Vulkans Tambora auf Indonesien, der 1816 selbst in Bayern für Kälte und den Ausfall des Sommers sorgte. Es wurde eine Hungerkatastrophe. Auch die Landwirtschaft war am Boden. Aber es ging weiter.
  • 1973: Der Vater der Bauersfamilie schuftet und schuftet für seinen Landwirtschaftsbetrieb. Er muss größer werden, immer mehr Tiere und Subventionen! Immer mehr Schulden. Und seine Kinder möchten den Hof nicht übernehmen! Sie möchten Schluss machen mit der Schufterei! Und die Landwirtschaft schlittert wieder in das Elend: Die Ölkrise, Butterberge, …
  • 2024: die Enkelin des Bauern hat den Hof geerbt. Sie arbeitet für ein startup-Unternehmen, das mittels der Genscheretechnik Lebensmittel produzieren möchte. Nicht mehr auf dem Land, nicht auf dem Boden, in der Natur, sondern in riesigen Hallen, die auf der Hoffläche und benachbarten Hofflächen entstehen sollen, sollen die Lebensmittel entstehen. Schluss mit Landwirtschaft!

Ja, es ist ein etwas einseitiger, aber realistischer Blick auf die Entwicklung der Landwirtschaft, allerdings etwas stark verpackt durch die ständigen Zeitsprünge und durch den Blick auf den Hof in Bayern. Ob auch wirklich die Hungerkatastrophe von 1816/1817 Teil der Entwicklung der Landwirtschaft ist, kann fraglich sein. Vielleicht hätten die anderen beiden Zeitebenen genügt. Es gibt ja mittlerweile – Gott sei Dank – neben der chemischen Ideenvielfalt auch jede Menge Ansätze für eine regionale naturgebundene Produktion der Lebensmittel! Das wiederum geht an dieser Inszenierung vorbei. Vielleicht hätte die Inszenierung noch mehr Vorbereitungszeit und mehr Ruhe benötigt, um die Situationen und die Entwicklung feiner herauszuarbeiten.

Fazit: Das Thema brennt, es gibt viele Ansätze, die Inszenierung verpufft dabei leider ein wenig.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel

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THEATER: Harold Pinter – Der stumme Diener

HIER der Link zur Website des Zentraltheaters.

Winzig, aber sympathisch. Man kann sich im eher dunkel, aber angenehm gestalteten Vorraum des Theaters nicht erwehren, begnügt sich mit Wein, Wasser oder Bier. Mehr gibt es – außer am Premierenabend – nicht. Schöne Mäßigung statt Übersättigung mit allem! (Falls man doch noch etwas möchte: Ich habe einen Tipp für danach, siehe unten!)

Hier, am Zentraltheater, sieht man die schauspielerischen Leistungen mit anderen Augen, nicht aus der Ferne auf die weite Bühne eines der großen Häuser blickend. Die Nähe zur Bühne und damit zu den Schauspielern und zum Stück ist einer der besonderen Vorzüge des Münchner Zentraltheaters. Bei der aktuellen Inszenierung von „Der stumme Diener“ hat dies den schönen Effekt, dass man auf diese Weise zwei Schauspieler erlebt, die man etwa vom Münchner Residenztheater kennt! Bijan Zamani und Götz Schulte. „Der stumme Diener“ ist ein Stück nur für diese beiden Schauspieler.

Es ist ja ein Stück, das ausschließlich durch die Art und Weise, wie es von beiden Schauspielern dargeboten wird, lebt! Die Bühnenbilder – das Stück wird derzeit etwa auch am Schauspielhaus Bochum gebracht – sind meist ähnlich. Schauspielerisch zu überzeugen, das gelingt – sieht man eben aus nächster Nähe – den beiden Schauspielern Bijan Zamani und Götz Schulte wunderbar. Mit ihrer großen Erfahrung kommt Humorvolles genauso wie Ernstes, kommen die Stimmungslagen, die Spannungen zwischen beiden, herrlich zum Tragen. Es sind ja beim etwa einstündigen Stück „Der stumme Diener“ zwei im Grunde ganz verschiedene Charaktere, die seit Jahren als Auftragskiller immer wieder dasselbe miteinander erleben, sie ziehen es immer nach ganz festem Schema durch. Nur diesmal eben nicht. Der Eine der beiden, Ben (Götz Schulte), ist schon etwas länger im Geschäft als der Andere, Gus (Bijan Zamani), der sich immer wieder Gedanken über alles macht.

Der britische Theaterautor und Regisseur Harold Pinter, gestorben 2008, schrieb 1957 dieses kurze Gangsterdrama, das gleichzeitig Krimi und Komödie ist. Es geht darum, wie die Wirklichkeit plötzlich außer Kontrolle geraten kann, wenn es einmal nicht so läuft, wie es doch immer läuft. Und wie zerbrechlich dann menschliche Beziehungen werden können. Die Beiden werden ja überrascht von völlig unverständlichen „Eingriffen“ von außen in ihre gewohnte Welt. Sie werden beide auf ihre Art nervös und am Ende …

Und hier mein Tipp: Danach (das Stück „Der stumme Diener“ ist ja, wie gesagt, relativ kurz) kann man noch gut für einen Drink in die – ebenfalls etwas „versteckte“ – Bar Gabanji gehen! Sie ist vom Zentraltheater zu Fuß 5 Minuten entfernt, am Beethovenplatz 2. Auch sie ist eher klein. HIER der Link zur Bar Gabanji. Betrieben wird die Bar – ein verstecktes Juwel – im Souterrain mit exzellenten Drinks seit Jahren vom ehemaligen Whiskyexperten der Bar Schumanns. Die Bar hatte „vor Corona“ sogar kleine „Hauskonzerte“ etwa einmal pro Monat für Musiker verschiedenster Musikrichtungen gegeben, sie tut es momentan leider nicht mehr. Ich weiß noch nicht, warum.

Nach dem Zentraltheater jedenfalls auch noch dort hingehen und schon hat man zweifach einen wunderbaren Abend erlebt!

Copyright des Beitragsbildes: Baran Sönmez

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THEATER: A. L. Kennedy – Als lebten wir in einem barmherzigen Land

Theater brauchen Identifikationsfiguren, denke ich. Wiebke Puls ist ohne Frage eine solche für die Münchner Kammerspiele! Seit 2005 ist sie im Ensemble des Theaters! Edmund Telgenkemper wiederum war zunächst von 2006-2015 im Ensemble, wechselte dann nach Zürich und ist nun seit 2020 wieder hier am Haus. Er arbeitet sich gewissermaßen hoch zu einer der Identifikationsfiguren, hatte seit seiner Rückkehr zahlreiche interessante Rollen, mehr Rollen und auch prägendere Rollen, als andere, ist mein Eindruck. Eine „aktuelle Identifikationsfigur“ ist er gewissermaßen.

Weitere Einzelheiten zu allen derzeitigen Schauspielern der Münchner Kammerspiele können HIER nachgelesen werden.

Beide, Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper, verausgaben sich also an diesem Abend bei „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“. Die Inszenierung basiert auf dem neuesten Roman der englischen Schriftstellerin A.L. Kennedy. A. L. Kennedy kannte ich bisher nicht, ich habe mich auf den Abend „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ auch nicht besonders vorbereitet. Den Roman werde ich nachträglich lesen. Neun Romane hat sie bisher geschrieben, neben vielen anderen Werken.

„Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ ist die Geschichte zweier Personen. Die Geschichte der Grundschullehrerin Anna und des früheren Polizeispitzels und späteren Auftragsmörders Buster. In jungen Jahren waren beide schon zusammengetroffen: Anna war damals rebellisch für ein Straßentheater aktiv, Buster wurde Mitglied der Gruppe, spitzelte aber nur für die Polizei. Das hat Anna nie verwunden.

Ab hier wird es im Einzelnen kompliziert, vielleicht, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe. Anna erzählt etwa zu Beginn ausführlich das Märchen vom Rumpelstilzchen und nennt jemanden wie Buster in Anlehnung daran das „Stilzchen“. Schon die Verbindung von Anna und Buster zu diesem Märchen ist mir nicht ganz klar gewesen. Anna möchte Buster stellen, als sie ihn Jahre später wieder trifft. Buster wiederum schildert an diesem Abend recht ausführlich seine früheren Morde. Er sucht aber bei Anna letztlich Vergebung, Barmherzigkeit. Themen kommen zur Sprache: Was mache ich? Wer bin ich? Bin ich nicht doch ein anderer, als derjenige, der etwas macht? Kann man nicht alles vergeben?

Die großen Leistungen von Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper hätten es verdient, dass deren Geschichten noch besser verstanden werden. Akustisch wird es manchmal auch dadurch erschwert, dass der Abend durchgehend musikalisch – durchaus passend – von sphärenhafter Synthesizermusik live begleitet wird.

Auch das Bühnenbild erschließt sich nicht leicht. Anna sieht man – vor allem anfangs – öfters wohl behütet sich räkelnd in einem großen Ballen aus Ästen und Zweigen. Buster tritt – auch vor allem anfangs – in einem Glaskubus auf. Später sieht man auch Anna in diesem Glaskubus, Buster im gemütlichen Ballen, alles in einem recht kleinen vorderen Bereich der Bühne.

Ich konnte also die schauspielerischen Leistungen genießen, werde aber über das Stück allerdings noch nachdenken und den Roman lesen. Vielleicht sollte man den Roman davor gelesen haben.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspielen.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel


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THEATERTREFFEN 2024

690 Inszenierungen wurden gesichtet.

  • 1. Die Vaterlosen, Münchner Kammerspiele, HIER zur Website des Stückes.
  • 2. Riesenhaft in Mittelerde, Schauspielhaus Zürich, HIER zur Website des Stückes.
  • 3. Bucket List, Berliner Schaubühne, HIER zur Website des Stückes.
  • 4. Macbeth, Schauspielhaus Bochum, HIER zur Website des Stückes.
  • 5. Laios, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg, HIER zur Website des Stückes.
  • 6. The Silence, Berliner Schaubühne, HIER zur Website des Stückes.
  • 7. Übergewicht, unwichtig: Unform, Staatstheater Nürnberg, HIER zur Website des Stückes.
  • 8. Extral Life, Ruhrtriennale, HIER ein Trailer
  • 9. Nathan der Weise, Salzburger Festspiele, HIER ein Trailer
  • 10. Die Hundekotattacke, Theaterhaus Jena, HIER zur Website des Stückes.

Und HIER schon der Link zur Website des Theatertreffens mit allen Informationen zu den 10 Stücken.

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THEATER: Thomas Bernhard – Minetti

Zuletzt war – zwei Jahre ist es schon her – in München an den Kammerspielen der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zu sehen. HIER meine damalige Besprechung.

Claus Peymann und Bernhard Minetti – die wohl wichtigsten Personen der Theaterwelt von Thomas Bernhard! Speziell Claus Peymann hatte in seiner Schaffenszeit immer wieder Inszenierungen der Theaterstücke von Thomas Bernhard gebracht, vor allem zu den Zeiten, als er – Peymann – Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart (1975-1979) und am Schauspielhaus Bochum (1980-1985) war, danach auch am Burgtheater Wien und am Berliner Ensemble. Und Bernhard Minetti war immer wieder einer der SchauspielerInnen dieser Theaterstücke. Vor allem natürlich in dem nach ihm selbst benannten Stück „Minetti“.

Claus Peymann war es natürlich auch, der das Stück „Minetti“ schon 1976 in Stuttgart mit Bernhard Minetti zur Uraufführung gebracht hatte. HIER ein kurzes Video dazu mit einem kleinen Ausschnitt von 1976.

Thomas Bernhard wiederum – der Dritte im Bunde – hatte seinerseits für beide – Claus Peymann und Bernhard Minetti – einmal etwas geschrieben: Über Bernhard Minetti hatte er ein Theaterstück geschrieben und über Claus Peymann ein Dramolette. Das Erstere nannte er eben einfach „Minetti“ (eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Stuttgart), das zweite nannte er „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Dieses Trio der Theaterwelt in den Siebzigern/Achtzigern!

Es gibt ein schönes Buch mit extrem viel Enblick in das gesamte Theaterleben von Claus Peymann: „Mord und Totschlag“, mehr als 500 Seiten, erschienen beim Alexander Verlag in Berlin.

Nun also „Minetti“ am Münchner Residenztheater, eine Inszenierung von Claus Peymann. Die jetzige Inszenierung des „Minetti“ ist wahrscheinlich der damaligen Inszenierung sehr ähnlich. Zum einen gibt auch der Text des Theaterstückes von Thomas Bernhard schon sehr genaue Angaben zum Geschehen. Zum anderen hielt und hält sich Claus Peymann sehr genau hieran.

HIER ein Trailer zur Inszenierung des Münchner Residenztheaters.

Das Stück ist im Grunde ein Soloauftritt. Der Soloauftritt des alten Schauspielkünstlers Minetti, der seit 30 Jahren nicht mehr Theater gespielt hat. Er will in einer Hotelhalle den Intendanten des Theaters Flensburg treffen, um mit ihm eine letzte Aufführung von „König Lear“ von William Shakespeare zu besprechen. Der Intendant kommt natürlich nicht. So redet der Schauspieler über das Theater, die Schauspieler, die Zuschauer, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Kunst. Es ist eine Abrechnung mit abstrusen Äußerungen, die man zunächst natürlich kaum verstehen kann. Ich empfehle daher, davor oder danach das Buch „Minetti“ (meistens zusammen mit anderen Theaterstücken von Thomas Bernhard) noch zur Hand zu nehmen.

Wieder einmal wird ein Theaterstück von Thomas Bernhard in dunkler Atmosphäre gezeigt, fast alles ist dunkelgrau oder schwarz. Nur ein Sofa ist knallrot, später noch ein zweites. Und eine sehr bunte Gruppe Feiernder geht mehrfach kurz durch die Bühne. Der Schauspielkünstler Minetti ist schwarz gekleidet. Es ist verwunderlich, ich könnte mir vorstellen, dass die Texte von Thomas Bernhard gerade auch bei „positiverem“ Bühnenbild extrem gut wirken würden. Thomas Bernhard mochte ja auch die Sonne, war öfters auf Mallorca. Das Thomas Bernhard’sche Niedermachen der Verhältnisse käme sicher auch dann gut zur Geltung.

Mathias Zapatka spielt Bernhard Minetti. Im Grunde meistert er den eineinhalbstündigen Abend alleine. Ein Freund schrieb mir vor wenigen Wochen nach der Silvester-Vorstellung des „Minetti“, der Abend sei „grandios“ gewesen, Mathias Zapatka ein wunderbarer Minetti. So kann man es sehen, eine große Leistung! Gut, ich persönlich hatte einen noch älteren Minetti vor Augen, aber Claus Peymann kann das natürlich besser beurteilen. Die Verzweiflung oder Resignation in den Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ verträgt jedenfalls ein sehr hohes Alter, keine Agilität. Sie verträgt den Verfall, daher rührt wohl meine Vorstellung eines noch älteren Minetti. Mathias Zapatka kam mir fast noch zu agil vor.

Und ich konnte mir nicht helfen, aber es ging mir fast zu schnell. Der Text von Thomas Bernhard hätte über zwei Stunden vertragen, dann hätte man vielleicht das „Bernhardeske“ der Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ Stück für Stück noch deutlicher wahrgenommen.

Aber wie will man auch Thomas Bernhard verstehen? Er schreibt in „Minetti“ etwa: Die Gesellschaft ist Stumpfsinn. So könnte man zum Schluss kommen, der Schauspielkünstler Minetti meint damit: Die Klassik – der er sich ja „seit dreißig Jahren verweigert“ hat – sei ebenso Stumpfsinn, weil die Gesellschaft natürlich die Klassik mag! Sie mag sie, obwohl sie sie garnicht versteht! Er wiederum, Minetti, verabscheue die Klassik wohl gerade deswegen. Aber es geht weiter: Die Gesellschaft versteht natürlich auch Shakespeare nicht! Er als Schauspielkünstler dagegen versteht wohl auch Shakespeare, er will aber nicht, dass die stumpfsinnige Gesellschaft Shakespeare falsch versteht! Deswegen hat er sich der Klassik verweigert. Und so weiter.

Schön ist auch der Passus über das Verhältnis des Schauspielers zum Publikum:

Der Schauspieler
ist das Opfer seiner fixen Idee einerseits
andererseits vollkommenes Opfer des Publikums
er zieht das Publikum an
und stößt es ab
in meinem Fall habe ich das Publikum
immer abgestoßen
je größer der Schauspieler
und je höher die Kunst des Schauspielers
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Das Publikum strömt zu dem großen Schauspieler
und ist in Wirklichkeit abgestoßen von seiner Kunst
und je unglaublicher seine Kunst
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Die Leute applaudieren
aber sie sind abgestoßen

Alles schön böse, aber mit einem treffenden Kern, Thomas Bernhard eben.

HIER der Link zur Stückeseite von „Minetti“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Monika Rittershaus

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THEATER: Streaming – Rechtsextremer Geheimplan gegen Deutschland

Der Regisseur und Intendant des Volkstheaters Wien Kay Voges bringt die kürzlich veröffentlichte Recherche des investigativen Medienteams Correctiv zum Treffen von AfD-Personen mit staatsfeindlichen Rechtsextremen (Koproduktion des Berliner Ensembles und des Volkstheaters Wien) in Form einer szenischen Lesung auf die Bühne des Berliner Ensembles. Das kostenlose Livestream wird auf www.volkstheater.at, auf nachtkritik.de und auf www.berliner-ensemble.de angeboten. Der Link ist nun auch auf der Website der Münchner Kammerspiele zu finden. HIER.

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LITERATUR: Jon Fosse – „Ich ist ein anderer“ und „Trilogie“

HIER die Besprechung zur Inszenierung von Peer Gynt am Münchner Residenztheater.

Bei beiden Autoren – bei Henrik Ibsen und bei Jon Fosse – geht es im Kern um das Leben des Menschen: Was macht man? Was steht man durch? Was wird werden? Wer ist man? Henrik Ibsen ging es eher Goethe-ähnlich an, Jon Fosse fast religiös.

Bei Ibsens „Peer Gynt“ ging es darum, dass ein einzelner Mensch – Peer Gynt – sich zuerst durch seine Welt phantasiert und später alles Mögliche erreichen will und erreicht, um zu sich selbst zu finden. Er findet sich aber nicht. Von Jon Fosse wiederum stelle ich hier zwei Bücher vor: Den Roman „Ich ist ein anderer“ und den Roman„Trilogie“.

Grundsätzliches:

Jon Fosse ist besonders zu lesen. Beide von mir hier besprochenen Romane sind jeweils EIN EINZIGER Satz! (Man stößt drei/viermal mittendrin auf einen Punkt, das muss aber fast ein Versehen des Verlages sein, meinte ich.) Man bemerkt aber dadurch schnell eine besondere Unmittelbarkeit dessen, was man liest. Im wirklichen Leben und in den Gedanken gibt es eben keine Punkte! Das Leben und die Gedanken sind punktlos und kommen dem Leser/der Leserin eines Textes ohne Punkt damit fast näher! Das Leben als nicht endende Reihenfolge von ständigen Handlungen und ständigen Gedanken, von Geschehen und Erinnerungen. Punkte als Satzzeichen wären künstlich. Alles ist ein Fluss. Πάντα ρεί. – Ob Jon Fosse immer so schreibt, weiß ich (noch) nicht.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“:

Es steht der Maler Asle im Mittelpunkt, den man durch seine Gedankenwelt begleitet. Eine Gedankenwelt, die noch grundsätzlicher ist, als es Henrik Ibsen beschreibt. Es geht in „Ich ist ein anderer“ manchmal geradezu religiös (christlich) um das Leben und den Tod. Von Gott und dem Vaterunser liest man.

Zweite Feststellung dazu: Jon Fosse ist im Roman „Ich ist ein anderer“ durchaus kompliziert. Etwa: Asle, der einsamer Kunstmaler, hört von einem anderen Asle, den er auch kennenlernt. Vielleicht ist es wiederum er selbst – „Ich ist ein anderer“ eben! Er traf ihn schon irgendwann in der Vergangenheit. Der „andere“ Asle ist ihm extrem ähnlich! Asle denkt immer wieder an seine eigene Vergangenheit, an den jungen Asle also. Man muss überhaupt vorsichtig sein beim Lesen. Asle denkt an mehrere Personen, deren Namen auch fast alle mit dem Buchstaben A beginnen. Asles Schwester heißt Alida, Asles Freundin heißt Ales. Sie ist gestorben. Ales‘ Schwester heißt Alise. Ein Freund von Asle heißt Asleik … . Und Asle fährt ins Krankenhaus, will den „anderen“ Asle besuchen, er denkt auch daran, wie er früher seine Großmutter im Krankenhaus täglich besucht hatte und und und. Kompliziert aber gut verständlich, weil so das Leben ist!

Das aktuell von Asle Erlebte einerseits (die „Handlungsebene“) und Asles Gedankenwelt andererseits wechseln ständig. Der Roman ist eine Mischung von „stream of consciousness“ und Erzählung eines Geschehens. Es wechselt ständig allein durch ein „und“ im punktlosen Roman. Der Roman beginnt auch mit einem „Und …“. Die Erinnerungen, die Asle ständig begleiten, sind dabei wichtiger als das Geschehen, denn gerade dadurch erzählt Jon Fosse, gerade dadurch lernt man Asle kennen. Der Mensch ist nun einmal seine eigene Vergangenheit. Asle fährt Auto, wartet im Schneetreiben auf einen Galeristen, kaum mehr. Auch die Zeitebenen springen ständig. Kindheit – Jugend – spätere Zeit. Wahrscheinlich ist alles autobiografisch geprägt.

Ein Thema, das Asle im Roman „Ich ist ein anderer“ besonders beschäftigt, ist das Malen. Ist es damit ein „Künstlerroman“? In vielen Gedanken äußert sich Asle jedenfalls zu seinem Verhältnis zum Malen, zu seinem Verständnis vom Malen, zu seinen Bildern, zu den Ausstellungen. Schon in der ersten Zeile des Romans spricht er von dem „Bild mit den zwei Strichen“.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“ muss man außerdem wissen, dass er Teil einer „Heptalogie“ ist. Deswegen beginnt der Roman auch mit „Und“, er ist der Mittelteil der Reihe. Vor kurzem hat Jon Fosse seine „Heptalogie“ abgeschlossen. Er hat in sieben Teilen – verteilt über drei Bücher – über das Leben und die Vergangenheit dieses einsamen Kunstmalers Asle (und seiner Familie) geschrieben. Die Bücher der Heptalogie lauten insgesamt: „Der andere Name“ (Teile I und II), „Ich ist ein anderer“ (Teile III – V) und „Ein neuer Name“(Teile VI und VII).

Zum Roman „Trilogie“:

Das zweite der beiden Bücher („Trilogie“) ist einerseits ähnlich, andererseits ganz anders: Auch hier jedenfalls – das zur „Ähnlichkeit- schreibt Jon Fosse in einem einzigen Satz! Es ist hier eine Erzählung in drei Teilen. In diesem Roman ist aber die Handlungsebene entscheidend, nicht die Ebene der Erinnerungen. Der Roman „Trilogie“ ist nicht Teil der oben genannten „Heptalogie“.

Der Roman „Trilogie“ ist die düstere und schwere Geschichte eines jungen Paares, in der wiederum Handelnde mit den Namen auftauchen, die man in der Heptalogie findet (Asle vor allem). Es geht wieder um einen Asle, um ihn und seine schwangere Freundin, dieses Mal namens Alida. Alida war im oben besprochenen Roman der Heptalogie der Name der Schwester von Ales.

„Trilogie“ sind (wie gesagt) drei Erzählungen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Asle, der zweite Teil ebenfalls, Asle hat sich hier aber den Decknamen „Olav“ gegeben. Warum, erfährt man. Der dritte Teil ist ein Rückblick aus der Sicht von Alise, der Tochter von Alida. Alise ist die Tochter aus Alidas „zweiter Ehe“ oder „zweiter Beziehung“, da Asle hingerichtet wurde. Warum wird Asle hingerichtet? Man liest es im ersten Teil! Aufgrund seiner Taten im ersten Teil hat sich Asle auch den Namen „Olav“ gegeben.

Die zweite Ehe oder zweite Beziehung ist Alida nach Asles Hinrichtung mit dem um 25 Jahre älteren Asleik eingegangen. Auch den Namen Asleik kennt man aus der Heptalogie. Wie alles zusammenpasst, ich habe es nicht ganz hinbekommen. Jon Fosse spielt mit den Namen.

Es ist jedenfalls sehr besondere Literatur. Insgesamt ist es nicht die Handlungsebene, die die von mir gelesenen Romane bestimmt, es ist immer wieder die Ebene der Erinnerungen und der Gedankenwelt – meist von Asle.

HIER der Link zur Verlagsseite von Jon Fosse, auf der seine Bücher zu finden sind

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LITERATUR: Tonio Schachinger – Echtzeitalter

HIER der Link zu einer ersten Besprechung des Romans auf dem Sender 3Sat, damals am Tag der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2023. Und HIER ein etwas längeres Gespräch mit Tonio Schachinger über dessen Roman auf dem „Blauen Sofa“.

Im Roman „Echtzeitalter“ geht es um den an eine elitäre, konservative und natürlich altmodische Schule in Wien eingeschulten Jungen namens Till, den man im Roman bis zum Schulabschluss verfolgt. Die Schule wird im Roman Marianum genannt, angelehnt ist alles an das in Wien real existierende Theresianum, die renommierteste Schule in Wien, auf der Tonio Schachinger selbst war.

Till, in der Schule erst unauffällig, dann gefährdet, gibt sich einem Hobby hin, das an dieser Schule völlig fehl am Platze ist: Dem Onlinespielen. Age of Emperors. Zwei Welten, die nicht zueinander passen und auch in diesem Roman nicht zueinander kommen. Till steigt durch seine oft nächtlichen Aktivitäten zu einem der zehn besten Spieler von Age of Emperors weltweit auf und wird schließlich sogar zu Turnieren zum Beispiel in China eingeladen. Till hat seine Stärken schulisch ohnehin in der Mathematik und den Naturwissenschaften, nicht in den Geisteswissenschaften. Auch das findet im Marianum schon kaum Anklang, macht es ihm schwer. Beide Welten – die Tradition der Schule und seine Onlinewelt – werden aber gerade durch ihre Trennung voneinander sehr prägnant und realistisch dargestellt! Der Roman endet dann mit einer Äußerung von Till mit Rückblick, eine Äußerung, die er kurz nach dem Ende der Schulzeit macht: „Es war die Hölle, du Idiot!“. Was kurz davor gesagt wird, siehe unten.

Es geht aber nicht nur „platt“ um diesen Konflikt zwischen den althergebrachten Strukturen dieses Gymnasiums und Tills Zuneigung zu modernem Onlinespielen. Dieser Grundkonflikt schwelt quasi nur nebenbei mit. Der Roman zeichnet sich im Grunde dadurch aus, dass all die Personen, die auf Tills Schulweg über die Jahre hinweg eine Rolle spielen, immer wieder etwas anders, als man es „gewohnt“ ist, aufgezeigt werden. Sie werden garnicht umständlich beschrieben, sie handeln. Die Lehrer, besonders der oberstrenge Klassenlehrer Dolimar, die engeren oder entfernteren Freunde, die Klassenkameraden, die Freundinnen Fina und Feli, die erste große Liebe, die Eltern, alle haben ihre Welten. Till muss sich durch all das durchlavieren, sehr realistisch, mit vielen gängigen Problemen: Die Scheidung der Eltern, der Tod des Vaters, das Mädchen Feli (die erste Liebe wie gesagt, die sich erst nach Jahren ergibt), der besagte Klassenlehrer Dolimar (ein strenger Tyrann, der auf alte Traditionen und Werte abstellt, nur Literaturklassiker lesen lässt und ständig bei kleinsten Verfehlungen Strafen verteilt), das Rauchereck m Schulhof, die Umgehung von Schulstrafen und und und. „Sgoterfessor“ sagt man, wenn man einem Lehrer im Gang der Schule begegnet. Das waren noch Zeiten!

Schachinger hat dafür einen schönen eigenen Sprachstil. Einerseits beschreibt er vieles – nicht etwa die Personen – in oft komplizierten, verschachtelten Sätzen, die ich teils mehrfach lesen musste. Andererseits aber geht er dadurch ständig wunderbar treffend auf die einzelnen Situationen und auf deren immer wieder vielfältigen Auswirkungen für Till ein. Ich empfehle, das Buch deswegen relativ langsam zu lesen. In jedem Satz steckt sehr viel. Das ist die Kunst von Schachinger! Dann aber kommen auch wieder ganz knappe Schilderungen, wenn es passt. Der Stil ist modern und locker.

Nicht leicht ist es nur, immer die Zeitsprünge der mehrere Jahre dauernden Schulzeit von Till mitzubekommen, das aber ist nur eine kleine Nebensache. Es bleibt wirklich interessant, dass man ständig gleichzeitig durch Till einen Blick auf die alte – strenge – Welt dieser Schule und auf die neue – freie – Welt des Onlinegamings wirft. Und zusätzlich Tills Entwicklung über die Jahre hinweg mit den „gängigen“ Problemen und Freuden der Jugend mitbekommt. So wird es im Grunde zu einer Gesellschaftsschau. Eine Art Kulturclash. Die beide Welten (konservative Eliteschule und Onlinegaming) haben dabei auch heute noch jede für sich ihre eigene Berechtigung, merkt man. Es ist nicht so, dass das Eine das Andere aushebeln würde. Deswegen sagt Palffy etwa, ein ehemaliger Schulkamerad von Till, ebenfalls im Rückblick auf seine Schulzeit im Marianum am Ende des Romans:

Weißt du, im Nachhinein war’s schon cool, was uns der Dolimar beigebracht hat, auch wenn mir vorkommt, dass ich schon alles vergessen hab. Ich vermiss das Marianum sogar ein bissi, weißt du, einfach so in der Schule sitzen und etwas beigebracht bekommen, über, keine Ahnung, Eposse oder Minnelieder. Es war schon super, eigentlich.“

Und Till sagt dann eben:

Spinnst du? Es war die Hölle, du Idiot!

Tja, man kann beides brauchen, muss fast beides im Auge haben, Altes und Neues.

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THEATER: Aischylos – Agamemnon

Die Geschichte von Agamemnon ist bekannt. Er, der Grieche, zog aus Mykene in den Krieg gegen Troja in Kleinasien, der heutigen Türkei, löste den Trojanischen Krieg aus, um die Frau seines Bruders Menelaos, Helena, zu befreien bzw. ihren Raub zu rächen. Ein Trojaner nämlich, der Königssohn Paris, hatte Helena, die hübscheste Frau der damaligen Zeit, geraubt, da sie ihm in einem Schönheitswettbewerb (welche Göttin ist die schönste Göttin?) von der Göttin Aphrodite versprochen worden ist. Das geht natürlich nicht.

Zehn Jahre lang wurde Troja von den Griechen (unter der Anführerschaft von Agamemnon) belagert, bevor es von ihnen – angeblich – zerstört wurde. Agamemnon kehrte dann nach Beendigung des Krieges nach Mykene zurück. Hier beginnt im Grunde das Werk „Agamemnon“ von Aischylos. Agamemnons Frau Klytaimnestra hatte zehn Jahre lang auf ihn gewartet. Er kommt stolz zurück, auch wenn er nicht weiß, wo sein Bruder Menelaos geblieben ist (wahrscheinlich auch umgekommen). Allerdings empfängt Klytaimnestra ihn nur zum Schein sehr freudig. Im Grunde ist sie längst entschlossen, zusammen mit ihrem Geliebten (Aigisthos) Agamemnon aus Rache zu töten. Denn Agamemnon hatte vor seiner Reise nach Troja – wiederum auf göttliches Geheiß hin – die mit Klytaimnestra gezeugte Tochter Iphigenie geopfert, allein um günstige Winde für seine Seefahrt nach Troja zu bekommen. Was für eine Verstrickung insgesamt von Kriegsgeschehen und Rache, Liebe und Hass, Stolz und Ehre, Gott und Mensch!

Aischylos, einer der drei großen griechischen Dichter (Euripides, Sophokles, Aischylos), hatte diese Rückkehr Agamemnons nach Mykene nach dem Trojanischen Krieg schon etwa fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt im ersten Teil seiner Trilogie „Orestie“ beschrieben.

Ich persönlich sage meinen Nachhilfeschülern in solchen Momenten gerne: „Ihr müsst wissen, ein Herr Aischylos ist damals tatsächlich durch die Straßen gelaufen. Es gab ihn, er hat es geschrieben!“ Und vielleicht gab es auch den Herrn Agamemnon und Troja. Unglaublich!

Allerdings war damals noch eine Zeit, in der der Mensch das Göttliche und das Menschliche einfach nicht voneinander trennen konnte. Die Götter mischten überall mit. Orakel führten die Schicksalswege der Menschen. Auch der Raub der Helena und dann der Trojanische Krieg schließlich gehen aus ihrer Sicht auf das göttliche Mitwirken von Aphrodite zurück, siehe oben. Auch in das Kriegsgeschehen selbst griff die Götterwelt immer wieder ein. Jedenfalls glaubten die Menschen damals, von Göttern geführt zu sein. Was für eine Zeit!

Nun hat sich am Münchner Residenztheater der Regisseur Ulrich Rasche des Werkes „Agamemnon“ von Aischylos in der Übersetzung von Walter Jens angenommen. Wer Ulrich Rasches Arbeiten kennt, erahnt sofort, was ihn erwartet. Wer ihn nicht kennt, muss es sich schon der Darbietungsform wegen ansehen! Was Ulrich Rasche immer wieder auf die Bühne bringt, ist nicht Theater im „herkömmlichen“ Sinne, es ist eine – fast immer düster wirkende – Literaturshow besonderer Art, manchmal bedrängend, manchmal großartig, mit ganz festen Prinzipien der jeweiligen Darbringung, absolut textlastig. Hier zwei Eindrücke:

Auch dieses Mal ist es in jeder Beziehung düster, martialisch, dunkel, bedrängend, fast schwer verkraftbar. Mit – typisch Ulrich Rasche – wieder extrem pompöser Bühnentechnik könnte alles eine auf die Personen reduzierte Optik erhalten, akustisch durch rhythmisches Trommeln unterstützt, die Personen permanent nur langsam und etwas unnatürlich auf einer Drehscheibe „voranschreitend“, dem Schicksal entgegen gehend. In diesem Fall scheint es aber auf die Spitze getrieben zu sein.

Nicht nur das oft laute Trommeln (oder manch andere schiefe Geräusche), nicht nur die Dunkelheit, nicht nur die schwarze Kleidung, das Thema „Trojakrieg“, das langsame Dahinschreiten der Personen, nicht nur die manchmal sich ergebende Spiegelung der Bühne von weit oben, die Lichteffekte, alles in Nebel getränkt, das extrem deutliche und laute Sprechen, das Chorische immer wieder, nein, alles zusammen. Alles zusammen erreicht ein inszenatorisches Ausmaß, das den Inhalt fast vergessen lässt. Es war in diesem Fall vielleicht zu viel von Ulrich Rasche!

Denn warum tötet ein Vater seine Tochter? Löst einen Krieg aus? Die Tötung der eigenen Tochter, zehn Jahre Krieg und schließlich die Zerstörung einer ganzen Stadt – alles wegen der Entführung der schönen Frau des Bruders. Ist es absolute Egomanie? Es heißt einmal mit der Stimme des Chores zu Agamemnon: „Töricht schienst du mir zu sein: Ein König, der den Sinn nicht steuern kann, nicht die Gedanken, nicht sein Herz.“ Ja, es schien eine völlig übertriebene Reaktion zu sein, die natürlich unfassbaren Gram und Wut bei den zurückgebliebenen hervorrief, nicht nur bei den leidenden Frauen der kämpfenden und gestorbenen Soldaten, sondern vor allem auch bei Agamemnons Frau, Klytaimnestra. Auf eine üble Tat folgt dann auch immer die nächste üble Tat. Rache, Rache, Rache, nur das kann der Mensch wohl, scheint Aischylos und die alte Welt schon gesehen zu haben. Man hat es damals auf einen Fluch und auf Rachegötter zurückgeführt, aber im Grunde ist es heute immer noch so, siehe Israel/Palästina. Auch dort folgt zum x-ten Mal Rache auf Rache. Aischylos hat den Menschen beschrieben.

Am Ende stehen lange Zeit Klytämnestra (Pia Händler) und schließlich auch Aigisthos (Lukas Rüppel) splitternackt vor dem Publikum und bringen die letzten Sätze. Kann ihre Nacktheit – sie sind den Personen Klytämnestra und Aigisthos entschlüpft – zeigen, dass es nicht nur um die beiden, um Klytämnestra und Aigisthos, geht, sondern um alle Menschen? Das kann es.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Nächste Termine sind am 22. Dezember, 28. Dezember und 29. Dezember.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld


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THEATER: Thomas Mann – Buddenbrooks

Der Vorteil: Bastian Kraft erzählt in seiner „Kurzversion“ des Romans vom Verfall der Lübecker Familie Buddenbrook, die sich auch über fast 3 Stunden erstreckt, so, dass man sehr linear eine Zusammenfassung des sehr umfassenden und berühmten ersten großen Romans von Thomas Mann erhält. Man muss den großen Roman des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann also nicht unbedingt noch lesen – man hat ihn ja wahrscheinlich schon irgendwann einmal gelesen. Vielleicht aber wird man durch die Inszenierung dazu angeregt, sich den Roman (noch einmal) zu greifen.

Es ist wahrlich eine „Erzählung“, hier auf der etwas kleineren Bühne des Cuvilléstheaters. Von Hanno Buddenbrook, dem jüngsten Spross der verfallenden Familie, wird man durch den Roman der Familiengeschichte geführt. Hanno beobachtet alle Szenen rückblickend und führt den Zuschauer durch die Generationen. Dementsprechend ist das Bühnenbild: Bilderrahmen (meist in „Mannsgröße“) zeigen im Hintergrund, andererseits doch sehr zentral, die tragenden Personen der verschiedenen Generationen der Familie Buddenbrook. Die Bilderrahmen sind auch Spielfläche für die SchauspielerInnen und Projektionsfläche für Bildeinspielungen. Zentral sind die Bilderrahmen für die Inszenierung, da das Bühnenbild aus nichts anderem besteht. Man folgt dabei also bekanntlich dem Verfall der Familie. Hannos Vater, Thomas, bleibt der Einzige, der das (wirtschaftliche) Erbe der Familie über die Generationen retten will, der immer pflichtbewusst den Bestand der Familie Buddenbrooks im Blick hat als seine Lebensaufgabe, der aber letztlich auch nur hilflos zusehen kann, wie doch alles zu Grunde gelegt – auch durch sein Zutun.

Die Erzählung ist bei alledem nicht emotional aufgebaut, eher nüchtern. Nur kurz flackert etwa die riesige Hilflosigkeit (oder auch das Schuldgefühl?) in Thomas auf, wenn er seinen Bruder Christian anbrüllt. Das Aufeinanderprallen oder Aufbrechen von Emotionen hätte hier durchaus noch mehr Platz verdient gehabt, Bastian Kraft entschied sich aber eher für eine recht nüchterne Schilderung des Verfalls der Familie – „Verfall“ nach damaligen Maßstäben einer wohlhabenden Familie. So kann man sich als Zuschauer selber das Tragische der Entwicklung der Familie Buddenbrook dazudenken beziehungsweise es erkennen. Man kann es erkennen, man kann auch die emotionale Seiten in vielen Szenen erkennen, sie gehen aber insgesamt etwas unter.

Dabei muss man sich sicherlich in die Entstehenszeit des Romans versetzen. Thomas Mann hatte den Roman im Jahre 1900 abgeschlossen. Was für eine andere Zeit! Tradition, das wirtschaftliches Wohlergehen, Familiendünkel, feste Strukturen, feste Lebensentwürfe, all das zählte damals sicherlich um einiges mehr als heute. Andererseits sind es zeitlose Elemente, der eine oder andere mag sich auch heute noch gerade von diesen Elementen angetrieben sehen. Im Grunde aber könnte man heute eher feststellen: Es zählt heute eher die Welt, ihr Zustand, nicht der Zustand einer Familie – deren “Glied“ man damals (in guten Kreisen) noch viel eher war. Man könnte andererseits auch sagen: Heute zählt jede einzelne Person individuell mehr, nicht mehr die Familienhistorie!

Der Abend macht bei alledem Spaß, regt an, weil man hinter all den Namen des Romans „Buddenbrooks“ hier Personen auf der Bühne sieht. Man gewinnt zwar nicht große Nähe zu allen oder einzelnen von ihnen, aber man kann sich ihre jeweiligen Positionen überdenken. Schauspielerisch ist es wieder gut von allen, ich sprach danach mit einem jungen Zuschauer, er war von ihren Leistungen begeistert. Auch wenn meines Erachtens eben den Schauspielern und Schauspielerinnen nicht gerade viel Raum für Emotionen gegeben wurde. Hanno erzählt eben alles.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

HIER ein Trailer zur Inszenierung.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

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MUSIK: Ian Storm, John Laurant, Carl Clark’s – Losing My Religion

HIER lese ich auf einem Musikportal:

Der Song hier – Losing My Religion – ist ja ursprünglich von R.E.M., aber eben rhythmischer, etwas langsamer, tanzbar gemacht, bassunterstützt und so weiter. Es kommt bei Deep House – entstanden um die Jahrtausendwende – auch auf den Einsatz der Instrumente an.

HIER die Website von Ian Storm.

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THEATER: Henrik Ibsen – Peer Gynt

In den abstrusesten Dingen, die meistens gar nicht zu mir passten. Garniert mit Erzählungen vom „damaligen dramatischen Halbfinale“, vom „unfairen Gegner im Finale“, vom „Halbfinale in Aschaffenburg“ oder Ähnlichem … Es waren spannende Schilderungen. Geschichten. So war ich Bayerischer Jugendmeister vielleicht im „Backen von Topfenpalatschinken“, bayerische Jugendmeister im „Fensterputzen“, bayrischer Jugendmeister im … . Nur im „Aufräumen von Kinderzimmern“ bin ich sicher in der Vorrunde ausgeschieden!

Soviel zu mir. Peer Gynt im Münchner Residenztheater. Peer Gynt wird in Henrik Ibsen Dichtung in jungen Jahren Lügner genannt, größenwahnsinnig, Schwadroneur. Doch während ich es meinen Kindern gegenüber natürlich genau darauf angelegt hatte, sofort als Lügner angesehen zu werden, geht es Peer Gynt anders. Er hat zunächst Jugendfantasien, wird nicht ernst genommen, eher abgewiesen, er will aber später die Welt erobern, um sich zwiebelähnlich aufzublättern, zu finden. Eine Faust-ähnliche Lebensgeschichte. Die Dichtung von Henrik Ibsen ist dabei – man kennt sie wenig – im Grunde zweigeteilt: Der erste Teil zeigt Peer Gynts Leben bis zum Tod seiner Mutter, der zweite Teil zeigt sein Leben nach dem Tod seiner Mutter.

Im ersten Teil erlebt man, wie Peer Gynt den Frauen „nachgeht“, Ingrid, Solveig, die Grüngekleidete (Tochter des Trollkönigs), drei Sennerinnen. Ihm bleibt Solveig. Im zweiten Teil – er muss ja weiterziehen – will Peer Gynt dann (narzisstisch) nur noch „sich selbst“ nachgehen. Erst ganz am Ende, trifft er wieder auf Solveig, die immer auf ihn gewartet hatte. Im Originaltext zeigt sich: Solveig wird dabei seine Mutter und seine Geliebte/Gattin zugleich! Und es zeigt sich: Peer Gynt hat sich selber nicht gefunden, er lebte eher in Solveigs Hoffnung und Liebe.

Was diese Dichtung von Henrk Ibsen aus dem Jahre 1867 mit unserer Welt zu tun hat? Eigentlich sehr viel. Der Trollenkönig sagt zu Peer Gynt schon im ersten Teil, er solle „sich selbst genug“ sein. Damit kann Peer Gynt aber nichts anfangen. Peer Gynt reist um die Welt, wird reich, betreibt Sklavenhandel, will Prophet sein, will König sein, kommt nach Ägypten und und und. Er meint damit, sich selbst nahe zu kommen, nur sich selbst. So, wie es heute auch noch ist: Wir treiben uns zur immer neuen Ufern, können uns nicht genug sein – wäre einer von vielen Gedanken dazu. Henrik Ibsen war damit im Grunde sehr modern. Im Grunde ist es das Grundübel des Menschen. Gerade der Kapitalismus, in dem wir leben, fördert – nicht zuletzt durch die mittlerweile eingetretene Globalisierung – diese Grundeinstellung: Immer mehr, immer weiter. Gerade heute vormittag habe ich gelesen: Norwegen – Peer Gynt war Norweger – will jetzt großflächig auch noch den Meeresboden wegen der Menge an dortigen Bodenschätzen explorieren. Natürlich! Auch der Meeresboden muss dran glauben! Man sei ja sonst von China abhängig!

Es ist eine ausufernde Erzählung von Henrik Ibsen, die schwer zu interpretieren ist, siehe Solveigs Auftreten am Ende, insoweit ist es erstaunlich, diese Erzählung auf die Bühne zu bringen. Es gelingt hier – bei der (mit Pause fast dreistündigen) Inszenierung von Peer Gynt von Sebastian Baumgarten am Münchner Residenztheater – zum Einen durch eine immer wieder auf Großleinwand (Vorhang vor der Bühne) eingespielte „psychologische Deutung“ von Peer Gynt. Zum Anderen gelingt es dadurch, dass nicht die gängige Übersetzung gemäß Urfassung, sondern die sprachlich etwas verständlichere Übertragung des Gedichts von Angelika Gundlach herangezogen wird. So bleibt alles für den Zuschauer weitgehend verständlich. Es ist viel, zu viel eigentlich, aber der schnelle Verlauf der Handlung bleibt verständlich.

Im ersten Teil wird der junge Peer Gynt gespielt von Max Rotbarth, siehe Beitragsbild oben, im zweiten Teil wird der ältere Peer Gynt von Florian von Manteuffel gespielt. Für mich war vor allem der junge Peer Gynt höchst überzeugend! Max Rotbarth erschien mir als außergewöhnlich passende, wunderbare Besetzung für den jungen Peer Gynt. Sein jugendliches Wesen, seine Orientierungslosigkeit, viel berechneter kommt dann – zurecht – Florian von Manteuffel als der ältere Peer Gynt rüber.

Fazit: Ein Theaterabend für eine lange Erzählung mit viel Tempo, mit viel Geschehen, sogar mit Livemusik – eine Erzählung, hinter der auch heute noch erstaunlich viel steckt! Motto etwa: Der Mensch wird nie zu etwas durch das, was er macht, sondern durch die Liebe, die er in anderen entfacht.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier ein Trailer:

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

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THEATER: Jean Genet – Die Zofen

Es ist momentan beeindruckend zu sehen, dass die Vorstellungen im Münchner Volkstheater doch immer wieder weitgehend ausverkauft sind. Und das in den sehr groß angelegten beiden Theaterräumen des noch neuen Theaterbaus. So auch bei der Aufführung von Jean Genet‘s „Die Zofen“.

Aus momentanem Zeitmangel heraus halte ich hier nur ein paar kurze Eindrücke zu „Die Zofen“ fest. (Entschuldigung für die Unordnung des folgenden Textes).

  • Das Bühnenbild hebt alles in eine starke Abstraktheit. Verspiegelung ist das alles beherrschende Thema des Bühnenbilds. Alles ist verspiegelt, selbst der Bühnenboden. Geprägt wird die Bühne von einem Karussell mit Pferden, das in der Mitte steht, sich manchmal dreht. Alles verspiegelt. Auch die beiden Treppen, die links und rechts am Bühnenrand stehen und in die Höhe führen: Verspiegelt. Weiter: Die linke Hälfte der Bühne ist insgesamt spiegelgleich der rechten Hälfte der Bühne. Sogar die beiden Einstiegsklappen zum Untergrund, die den beiden Zofen den Weg in ihre Küchenwelt ermöglichen, sind identisch angelegt. Auch das Karussell selbst hat zwei spiegelgleiche Hälften. Als wäre in der Mitte der Bühne ein Strich gezogen und alles gespiegelt. Es geht ja inhaltlich in gewisser Weise auch um Spiegelungen. So passt es also. Die Zofen versuchen, die Madame zu „spiegeln“, sie spielen mit der Spiegelung, um mit den bestehenden Verhältnissen des „oben und unten“ umgehen zu können. Sie wollen die gnädige Frau ja mit vergiftetem Lindenblütentee umbringen. Letztlich stirbt allerdings eine der beiden Zofen. Ich blickte allerdings nicht unbedingt gerne auf diese gewaltig verspiegelte Bühne mit meterhohem grauem Vorhang im Hintergrund. Es wirkte auf mich irgendwie unangenehm.
  • Es spielt sich vor diesem Hintergrund noch dazu alles weitgehend in einer schwarz/weiß- oder grau-Stimmung ab. Nur die Kostümierung der gnädigen Frau bringt immer wieder deutlich Farbe. Auch das passt allerdings in gewisser Weise gut zum Inhalt von „Die Zofen“. Noch deutlicher in „schwarz-weiß“ gehalten war ja die – ebenfalls völlig abstrakt gestaltete – Inszenierung von „Die Zofen“ an den Münchner Kammerspielen aus 2014. HIER ein Trailer zur damaligen Inszenierung.
  • Manchmal wird Musik eingespielt. Hier hätte mir eine Art musikalischer „Zugriff“ auf den Inhalt von „Die Zofen“ gut getan, der dem Ganzen etwas an Prägung gegeben hätte. Die Musik war zwar „ausgewählt“, hat aber nicht irgendeine spezielle Stimmung zum Stück besonders transportiert. So blieb der Eindruck: Das Geschehen von „Die Zofen“ wurde in all seiner Vielschichtigkeit von den drei Schauspielern wirklich klasse dargeboten, es wurden aber keine Schwerpunkte gesetzt. Eben auch nicht durch Musik. Ich hätte einen solchen Schwerpunkt gerne erkannt.
  • Regie hat die Münchnerin Lucia Bihler. Die beiden Zofen und Madame werden von drei jungen Schauspielern – nicht Schauspielerinnen – gespielt. Silas Breiding (Madame), Jakob Immervoll (eine Zofe) und Lukas Darnstädt (die zweite Zofe). Das mag schon Jean Genet so vorgesehen haben. Es ist jedenfalls keine ganz neue Idee für „Die Zofen“. Ich fand es aber für „heute“ eher unnötig, man kennt den Geschlechterwechsel im Theater zu gut. Dass es sich beim Inhalt von „Die Zofen“ nicht um ein reines Frauenthema handelt, ist klar. Die weite Bedeutung des Themas von „Die Zofen“ muss aber meines Erachtens nicht mehr dadurch gezeigt werden, dass männliche Schauspieler gewählt werden. Es hat mich fast ein wenig gestört, fiel fast schon wieder etwas aus der Zeit.
  • Die Frage war generell: Was macht man heutzutage mit dem Thema von „Die Zofen“? Ist es noch ein Thema? Jean Genet hatte das Stück 1947 geschrieben. Klassenunterschiede waren damals ein größeres Thema als heute. Wir haben uns an Klassenunterschiede gewöhnt. Die ewige gewollte und ungewollte Festschreibung der Klassenunterschiede sind heute vielleicht das Thema. Ein solcher Schwerpunkt begegnete mir an diesem Abend aber nicht. So blieb die Inszenierung beim gleichwertigen Aufzeigen zu vieler Aspekte, dem Originaltext geschuldet: Bewunderung, Hass, Liebe, Abhängigkeit, Gehorsam, Rituale und und und. Es sind eben sehr viele Aspekte, denen sich der Originaltext widmet.

Mein Fazit daher: Ich habe „Die Zofen“ gesehen, es hat mich aber nicht aufgerüttelt, bewegt, angeregt oder ähnlich. Es ging an mir etwas vorbei. Andere haben es anders gesehen, der Applaus war stark.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters.

HIER ein Trailer:

Copyright des Beitragsbildes: Christoph Arlt

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Der Titel QOOZ

Manchmal werde ich gefragt, wie man den Titel „qooz“ ausspricht und was er bedeutet. Es gibt in der Tat dazu kleine Überlegungen:

Die Aussprache des Titels ist englisch: qooz spricht sich wie „kuhs“ aus. Nicht etwa deshalb kam ich auf qooz, weil ich – in der Aussprache ähnlich beginnend – Kuhlmann heiße (obwohl auch das eine kleine Erklärung wäre). Nein, sondern

Folgendes: Die deutschen Fragewörter, sie beginnen mit dem Buchstaben „w“: Wer, was, wann, wo, wie oft, wie, wohin … . Es sind die Fragen, die hinter dem Blog stehen: Ich schreibe gerne über bestimmte Ereignisse (oder Bücher) und der Leser – die Leserin – kann sehen, wer was wann wo macht oder gemacht hat, wie es für mich war und so weiter … . Und auch kann er/sie dann überlegen, ob und wann er/sie sich ebenfalls etwas davon ansehen möchte. Ich schreibe prinzipiell über Dinge, die meine LeserInnen sich ebenfalls noch ansehen könnten. Ganz selten schreibe ich über etwas, was nicht mehr zu sehen ist. Zum Beispiel manchmal über die skurrilen Musik- oder besser: Soundveranstaltungen der Reihe TUNE im Haus der Kunst. Aber auch da: TUNE ist eine Reihe von Veranstaltungen, es kommen monatlich Folgeveranstaltungen.

So, und im Lateinischen beginnen die Fragewörter – nicht immer, aber sehr oft – mit dem Buchstaben „q“: Quis, quid, quando, quomodo, quo. Auch die Relativpronomen qui, quae, quod sehe ich dabei. Es sind hier also … lauter „q‘s“, … kuuhs – so sind wir beim Titel des Blogs qooz.

Warum die Verbindung zum Lateinischen? Ich bin Latein-affin, ich mag die alten Sprachen. Ich hatte am humanistischen Gymnasium Latein und Altgriechisch bis zum Abitur gelernt und es gelang mir gut. Heute gebe ich Nachhilfe in beiden Sprachen, in Latein und in Altgriechisch. Das ist meine persönliche Verbindung zu den lateinischen Fragewörtern mit „q“, die zum Titel des Blogs führten

Und zu dem Hintergrundfoto des laufenden Mann hinter dem Titel des Blogs: Es ist ein Ausschnitt aus einem wunderbaren Foto, das mein Sohn vor Jahren in Tel Aviv vom Hotelfenster aus gemacht hatte! Siehe oben das Beitragsbild. Das Foto zeigt einen Mann, der durch eine große Menge von Verkehrszeichen, Fußgängerüberwegen, Ampeln, Hindernissen und so weiter seinen Jogginglauf macht. Man sieht auf dem Bild fast keinen anderen Menschen. Nur ihn und das weite Chaos von Hinweisen etc. Für mich ist es der Mensch und sein Lauf durch die Welt.

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LITERATUR: Kohei Saito – Systemsturz

Was haben Bundespräsident Frank-Walter unser aller Steinmeier und der japanische Philosoph Kohei Saito gemeinsam? Ganz wenig, aber dennoch: Es sind – bei Steinmeier: „vielleicht“ und bei Kohei Saito: „sicher“ – Bedenken beim Gedanken an die ewige Gewinnmaximierung zu Gunsten von Anteilseignern. Also Bedenken gegenüber dem blanken Kapitalismus, den wir alle leben.

Der japanische Philosoph Kohei Saito einerseits: Er würde grundsätzlich sagen: Weg vom Kapitalismus! In seinem „radikalen“ Buch „Systemsturz“. Der „Gebrauchswert“ muss es sein, nicht der kapitalistische „Marktwert“! Der bloße Marktwert ist Kapitalismus, in dem wir (noch) leben. Der Gebrauchswert ist für die Rettung der Welt entscheidend, nicht der „Marktwert“. Der bloße Marktwert interessiert vor allem den Anteilseigner, der einfach verdienen will, egal bei welchem Produkt. Dem Marktwert ist der eigentliche Gebrauchswert eines Produktes völlig egal, auch wenn alles – die Welt – kaputt geht. Kohei Saito untersucht vor diesem Hintergrund in seinem Buch „Systemsturz“ ganz grundsätzlich den „Kampf“ zwischen Kapitalismus und Naturerhaltung – den die Natur verlieren wird.

Frank-Walter unser aller Steinmeier andererseits: Er, den ich hier einmal kurz daneben stelle, spricht über eine „kleine Münze“ INNERHALB DES Kapitalismus, ein Mosaiksteinchen: Bei Frank-Walter unserem Steinmeier war es eine kleine Rede, eine Rede über eine evtl. neue Rechtsform, die sogenannte „Verantwortungsgesellschaft“, die „GmbH-VE“. Ein kleines Pflänzchen, bei dem man merken kann, dass vielleicht ein gewisses Unwohlsein gegenüber dem brutalen Kapitalismus mitschwingt. Siftungsähnlich, ohne Gewinnausschüttungen. Immerhin. Etwas mehr an Verantwortung (des Unternehmens) könne ja ruhig sein – wenn auch nicht nur für die Natur. HIER die Rede von Frank-Walter.

Steinmeiers Ansatz wäre für Kohei Saito völlig irrelevant. Eine neue Rechtsform und dann weiter so! Kohei Saito hat ein Buch geschrieben, mit dem er fundamental Systemkritik am Kapitalismus übt. Er steht AUSSERHALB DES Kapitalismus. Das ist eine andere Dimension. Wertvolle Überlegungen, alles muss bedacht werden!

Schon ist man jedenfalls mitten im Kern des Buches von Kohei Saito: Kapitalismus und unsere Welt! Kann man durch – kleinere oder auch größere – Änderungen des Kapitalismus die Welt noch retten? Oder ist grundsätzlich der Kapitalismus – der Gedanke des ewigen Wachstums – die Ursache für die Zerstörung der Welt? So sieht es Kohei Saito mit seiner eigenen, nicht immer leichten, aber guten Argumentation in seinem Buch „Systemsturz“.

Kohei Saito hat also über den elementaren Widerspruch, den er zwischen Kapitalismus (also ewigem Gewinnstreben) und der Erhaltung der Welt sieht, das Buch mit dem deutschen Titel „Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ geschrieben. Das Buch ist kürzlich (im August) in Deutschland erschienen. In Japan war es schon ein rasanter Erfolg: Schnell waren 500.000 Exemplare verkauft.

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima, März 2011, hatte Kohei Saito auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das überdeutlich im Raum stand, wie ein Elefant im Raum. Wie kommt es, so fragte er sich – damals 24 Jahre alt, Student der Philosophie in Berlin – wie kommt es, dass kaum jemand auf die direkte Verbindung zwischen den immer brutaler zutage tretenden Problemen der Ökologie – Klimawandel, rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen, Ozeane voller Müll – und der Ursache dieser Erscheinungen, nämlich dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, hinweist?

In Berlin war Kohei Saito auf die Aufzeichnungen, Notizen, Briefe, Entwürfe etc. von Karl Marx gestoßen, war tief eingetaucht in die Forschung. Er arbeitet mit im Herausgebergremium der großen Marx-Engels-Gesamtausgabe.

Kohei Saito geht im Buch „Systemsturz“ immer wieder darauf ein, dass der spätere Karl Marx nichts zu tun hat mit dem gescheiterten kommunistischen System der Sowjetunion. Karl Marx hat im Laufe seines Lebens gravierende Änderungen an seinen Theorien erlebt. Während er etwa ursprünglich dachte, der Kapitalismus, der „Produktivismus“, müsse sich austoben, um dann zum Kommunismus zu führen, hat er von der Idee des Austobens des Kapitalismus später Abstand genommen. Vor allem die späten Lebensjahre von Karl Marx zeigen Saito, dass Karl Marx sich immer mehr Gedanken machte über den Riss zwischen Mensch und Natur. Man muss beim Lesen dieses Buches die Offenheit mitbringen, diesen „ökologischeren“ Karl Marx anzuerkennen. Der Gedanke an Karl Marx, der sich durch das Buch zieht, stört fast ein wenig, man denkt ja an den Kommunismus der Sowjetunion. Doch davon muss man sich lösen, dann sieht man: Im Ergebnis wird Kohei Saito recht haben: Der Kapitalismus mit seinem Grundgedanken des ewigen Wachstums wird unweigerlich dazu führen, dass die Natur immer weiter ausgebeutet wird.

Auch ein „ökologischer Kapitalismus“ oder „ökologischer Keynesianismus“ würde daran nichts ändern. „Greenwashing“ als Schönrednerei ohnehin nicht. Und dann gibt es noch Überlegungen zur „Abschwächung“ des Wachstums im Kapitalismus: Selbst dieser „Degrowth im Kapitalismus“ würde aber letztlich nach Kohei Saito nichts ändern. Kohei Saito legt vielmehr dar, dass das kapitalistisches System ganz grundsätzlich verlassen werden muss! Als einzig denkbare Lösung! Durch „Degrowth im Kommunismus“. Nicht aber im Sinne des bisher bekannten kommunistischen Systems, das immer diktatorisch ist und war. Sondern im Sinne gemeinsamer Verantwortung.

Kohei Saito weiß sehr wohl, dass wir wahrscheinlich nicht imstande sind, das kapitalistische System aufzugeben. Seine Idee ist zu „global“. Was er aber empfiehlt: Lokal beginnen, im kleinen beginnen, Netzwerke schaffen. Er bringt Beispiele, die in diese Richtung gehen. Er nennt ein sogenanntes „Netzwerk der Fearless Cities“, dem mittlerweile 77 Städte weltweit beigetreten sind, auch in Afrika, Südamerika und Asien. In Europa verweist er auf Amsterdam, Paris und vor allem Barcelona. Kleine Selbstverwaltungen vor allem, um das System kapitalistische Ausbeutung abwerfen zu können. Durch die gemeinsame Verwaltung und Verantwortung für sogenannte „commons“, also Güter, die jedem Menschen unbegrenzt zur Verfügung stehen sollten.

Wie gesagt: Der Blick darf sich nicht weiter nur auf den „Marktwert“ eines Produktes richten. Für den Marktwert ist der gesellschaftliche Nutzen eines Produktes völlig unwichtig. Hauptsache „Marktwert“. Entscheidend sei der „Gebrauchswert“, der den gesellschaftlichen Nutzen widerspiegelt. Dieser Gebrauchswert muss in den Mittelpunkt rücken. Nur so können auch die Natur vor endlose Ausbeutung geschützt werden.

Das Buch „Systemsturz“ liest sich nicht immer schön, man braucht Geduld, auch Zeit, man stolpert manchmal gedanklich kurz wegen Ungenauigkeiten, es setzt sich aber in vielen vielen Details mit einer ganz entscheidenden Frage auseinander: Können wir mit dem Kapitalismus so weitermachen? NEIN, ist Kohei Saitos Meinung – die ich gut verstehe.

HIER eine Besprechung des Buches auf SWR.

Auch die Volkshochschule München kümmert sich übrigens momentan um dieses Thema: Veranstaltungen am 13.11. (HIER) und am 01. 12. (HIER) über die Gedanken „Wirtschaft ohne Wachstum“ und „Degrowth“. Vielleicht wächst die Idee, das Interesse an solchen Überlegungen und Initiativen. Kohei Saitos Gedankenspiel ist jedenfalls wahrscheinlich richtig, aber unglaublich radikal. Er selbst sieht aber – wie gesagt – in globalen Netzwerken der kleinen entstehenden Anstrengungen eine Chance.

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THEATER: Annette Paulmann – Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst

Es erinnerte ein wenig an ein Stück, das viele Jahre lang fast ein Klassiker der Münchner Kammerspiele war: „Susn“ von Herbert Achternbusch. Auch „Susn“ wurde bis vor wenigen Jahren immer auf der kleinsten Bühne der Münchner Kammerspiele gespielt, dem „Werkraum“ im dritten Stock über dem Restaurant Conviva im Blauen Haus. Jetzt also „5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“.

„5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“ ist ein Abend allein von und für Annette Paulmann, sie ist die Regisseurin und die einzige Darstellerin. Schön, sie, die seit vielen vielen Jahren Mitglied des Ensembles der Kammerspiele ist, so in aller Vertrautheit der kleinen Bühne des Werkraum erleben zu können. „Susn“ war ja ein Stück für zwei Personen, aber auch dort war man erfreut, dass man die beiden damals so bekannten Gesichter der Kammerspiele Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper so nah brillieren sehen konnte. Wie jetzt im Falle von Annette Paulmann!

Es reicht/reichte in beiden Fällen eine schlichte Bühnenausstattung. Tisch, Stuhl, jetzt ein Bett, wenige Alltagsgegenstände. Beide Produktionen zeichnen sich durch eine große Schlichtheit und Klarheit in der Darstellung aus. Auch durch große Sachlichkeit. Kein Tamtam, es ist/war in beiden Fällen eine Erzählung. Die Erzählung eines Frauenschicksals jeweils. In beiden Stücken geht es dabei um alle Altersstufen dieser Frauen. In „ 5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“ geht es um Lena Christ, die ihr recht kurzes Leben in ihrem Buch „Erinnerungen einer Überflüssigen“ erzählte. Annette Paulmann erzählt aus diesem tragischen Leben.

Natürlich kann man sich aktuell sagen: „Die Welt gerät völlig aus der Fugen und ich schaue mir das Schicksal einer einzelnen Person an! Passt das?“ Die Frage scheint berechtigt. Andererseits: Die Welt geriet schon oft aus den Fugen, stand am Abgrund, und trotzdem bleibt immer auch der Blick auf das Einzelschicksal. Gerade in Literatur und Theater. Das Leben ist klein, die Welt ist groß, die Welt kann offenbar nicht kontrolliert werden.

Ein Einschub aus aktuellem Anlass: Meine Idee wäre ja, dass Israel – bevor man mit Bodentruppen in Palästina eindringt – einen Grenzzugang zu Palästina öffnet und all die fürchterlich betroffenen, leidenden Menschen – vor allem alle Frauen und Kinder – in einen abgegrenzten Bereich auf israelischem Boden ausreisen lässt. Ein abgegrenzter Bereich natürlich, damit sich nicht Terroristen in Israel einschleusen. Und dieser abgegrenzte Bereich kann auch humanitär gut versorgt werden. Und Israel würde damit Menschlichkeit zeigen!

Lena Christ hatte eine fürchterliche Kindheit und Jugend. Sie wurde vor allem von ihrer Mutter, die in München lebte und dort eine Gastwirtschaft führte, permanent grausam geschlagen, erniedrigt. Die ersten sieben Jahre von Lena Christ, die sie in Glonn bei ihrer Großmutter verbrachte, waren noch glücklich, dann wurde sie von ihrer Mutter nach München geholt, um in der Gastwirtschaft zu helfen.

Annette Paulmann verwebt die Erzählung des Lebens von Lena Christ mit Erzählungen über das Leben einer anderen Frau. Nicht ganz klar bleibt dabei, ob es sich hier um Annette Paulmann autobiographisch oder um eine andere Person handelt. Prägend für den Abend bleibt ohnehin die Erzählung des Lebens von Lena Christ. Man folgt der Geschichte und kann sich nur denken: „Wie kann eine Mutter nur so brutal, so missachtend und seelenlos mit ihrer eigenen Tochter umgehen?“ Das wiederum ist allerdings eine Frage, die an diesem Abend nicht gelöst wird. Der Abend erzählt die Gegebenheiten, er forscht nicht weiter nach, er stellt keine Fragen in den Raum und keine Antworten. Annette Paulmann zeigt bei all diesen düsteren Erzählungen und düsterem Ausdruck sogar immer wieder auch geradezu ein leicht verschmitztes Lächeln – vielleicht dem Tonfall im Buch von Lena Christ folgend.

Das lässt mich aber ein wenig ratlos zurück. Auch das Ende der Erzählung, wonach die Mutter zur Tochter sagt: „Und? Hat es Dir geschadet?“, bleibt in der Luft hängen. Was für eine Frage! Lena Christ hat sich im Juni 1920 letztendlich im Alter von 39 Jahren das Leben genommen, verarmt, heruntergekommen. Es hat also durchaus geschadet! Annette Paulmann wiederum tanzt kurz vor dem Ende des Abends ausgelassen über die Bühne. Wie nach dem Motto: Das Leben hat letztendlich schöne Seiten! Schöne Seiten sieht man an diesem Abend aber nicht. Auch wenn mehrfach deutlich wird, dass die Tochter trotz allem nie von ihrer Liebe zur eigenen Mutter loslassen kann. Man sieht aber jedenfalls endlich einmal Annette Paulmann näher!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss