Kategorien
Allgemein

THEATER: Thomas Bernhard – Minetti

Zuletzt war – zwei Jahre ist es schon her – in München an den Kammerspielen der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zu sehen. HIER meine damalige Besprechung.

Claus Peymann und Bernhard Minetti – die wohl wichtigsten Personen der Theaterwelt von Thomas Bernhard! Speziell Claus Peymann hatte in seiner Schaffenszeit immer wieder Inszenierungen der Theaterstücke von Thomas Bernhard gebracht, vor allem zu den Zeiten, als er – Peymann – Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart (1975-1979) und am Schauspielhaus Bochum (1980-1985) war, danach auch am Burgtheater Wien und am Berliner Ensemble. Und Bernhard Minetti war immer wieder einer der SchauspielerInnen dieser Theaterstücke. Vor allem natürlich in dem nach ihm selbst benannten Stück „Minetti“.

Claus Peymann war es natürlich auch, der das Stück „Minetti“ schon 1976 in Stuttgart mit Bernhard Minetti zur Uraufführung gebracht hatte. HIER ein kurzes Video dazu mit einem kleinen Ausschnitt von 1976.

Thomas Bernhard wiederum – der Dritte im Bunde – hatte seinerseits für beide – Claus Peymann und Bernhard Minetti – einmal etwas geschrieben: Über Bernhard Minetti hatte er ein Theaterstück geschrieben und über Claus Peymann ein Dramolette. Das Erstere nannte er eben einfach „Minetti“ (eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Stuttgart), das zweite nannte er „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Dieses Trio der Theaterwelt in den Siebzigern/Achtzigern!

Es gibt ein schönes Buch mit extrem viel Enblick in das gesamte Theaterleben von Claus Peymann: „Mord und Totschlag“, mehr als 500 Seiten, erschienen beim Alexander Verlag in Berlin.

Nun also „Minetti“ am Münchner Residenztheater, eine Inszenierung von Claus Peymann. Die jetzige Inszenierung des „Minetti“ ist wahrscheinlich der damaligen Inszenierung sehr ähnlich. Zum einen gibt auch der Text des Theaterstückes von Thomas Bernhard schon sehr genaue Angaben zum Geschehen. Zum anderen hielt und hält sich Claus Peymann sehr genau hieran.

HIER ein Trailer zur Inszenierung des Münchner Residenztheaters.

Das Stück ist im Grunde ein Soloauftritt. Der Soloauftritt des alten Schauspielkünstlers Minetti, der seit 30 Jahren nicht mehr Theater gespielt hat. Er will in einer Hotelhalle den Intendanten des Theaters Flensburg treffen, um mit ihm eine letzte Aufführung von „König Lear“ von William Shakespeare zu besprechen. Der Intendant kommt natürlich nicht. So redet der Schauspieler über das Theater, die Schauspieler, die Zuschauer, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Kunst. Es ist eine Abrechnung mit abstrusen Äußerungen, die man zunächst natürlich kaum verstehen kann. Ich empfehle daher, davor oder danach das Buch „Minetti“ (meistens zusammen mit anderen Theaterstücken von Thomas Bernhard) noch zur Hand zu nehmen.

Wieder einmal wird ein Theaterstück von Thomas Bernhard in dunkler Atmosphäre gezeigt, fast alles ist dunkelgrau oder schwarz. Nur ein Sofa ist knallrot, später noch ein zweites. Und eine sehr bunte Gruppe Feiernder geht mehrfach kurz durch die Bühne. Der Schauspielkünstler Minetti ist schwarz gekleidet. Es ist verwunderlich, ich könnte mir vorstellen, dass die Texte von Thomas Bernhard gerade auch bei „positiverem“ Bühnenbild extrem gut wirken würden. Thomas Bernhard mochte ja auch die Sonne, war öfters auf Mallorca. Das Thomas Bernhard’sche Niedermachen der Verhältnisse käme sicher auch dann gut zur Geltung.

Mathias Zapatka spielt Bernhard Minetti. Im Grunde meistert er den eineinhalbstündigen Abend alleine. Ein Freund schrieb mir vor wenigen Wochen nach der Silvester-Vorstellung des „Minetti“, der Abend sei „grandios“ gewesen, Mathias Zapatka ein wunderbarer Minetti. So kann man es sehen, eine große Leistung! Gut, ich persönlich hatte einen noch älteren Minetti vor Augen, aber Claus Peymann kann das natürlich besser beurteilen. Die Verzweiflung oder Resignation in den Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ verträgt jedenfalls ein sehr hohes Alter, keine Agilität. Sie verträgt den Verfall, daher rührt wohl meine Vorstellung eines noch älteren Minetti. Mathias Zapatka kam mir fast noch zu agil vor.

Und ich konnte mir nicht helfen, aber es ging mir fast zu schnell. Der Text von Thomas Bernhard hätte über zwei Stunden vertragen, dann hätte man vielleicht das „Bernhardeske“ der Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ Stück für Stück noch deutlicher wahrgenommen.

Aber wie will man auch Thomas Bernhard verstehen? Er schreibt in „Minetti“ etwa: Die Gesellschaft ist Stumpfsinn. So könnte man zum Schluss kommen, der Schauspielkünstler Minetti meint damit: Die Klassik – der er sich ja „seit dreißig Jahren verweigert“ hat – sei ebenso Stumpfsinn, weil die Gesellschaft natürlich die Klassik mag! Sie mag sie, obwohl sie sie garnicht versteht! Er wiederum, Minetti, verabscheue die Klassik wohl gerade deswegen. Aber es geht weiter: Die Gesellschaft versteht natürlich auch Shakespeare nicht! Er als Schauspielkünstler dagegen versteht wohl auch Shakespeare, er will aber nicht, dass die stumpfsinnige Gesellschaft Shakespeare falsch versteht! Deswegen hat er sich der Klassik verweigert. Und so weiter.

Schön ist auch der Passus über das Verhältnis des Schauspielers zum Publikum:

Der Schauspieler
ist das Opfer seiner fixen Idee einerseits
andererseits vollkommenes Opfer des Publikums
er zieht das Publikum an
und stößt es ab
in meinem Fall habe ich das Publikum
immer abgestoßen
je größer der Schauspieler
und je höher die Kunst des Schauspielers
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Das Publikum strömt zu dem großen Schauspieler
und ist in Wirklichkeit abgestoßen von seiner Kunst
und je unglaublicher seine Kunst
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Die Leute applaudieren
aber sie sind abgestoßen

Alles schön böse, aber mit einem treffenden Kern, Thomas Bernhard eben.

HIER der Link zur Stückeseite von „Minetti“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Monika Rittershaus

THEATER: Thomas Bernhard – Heldenplatz

Thomas Bernhard würde schreiben:

„Kaum waren die Weihnachtsfeiertage überstanden, ging ich ins Schauspielhaus, obwohl mir doch diese allesamt so verlogenen Schauspielhäuser verhasst sind. Auf diese Weise könne mir aber schnell das normale Leben zurückgegeben werden, das ich (wie immer) über die Weihnachtsfeiertage geradezu verloren hatte. Die Weihnachtstage, dachte ich mir, hatten auch dieses Jahr das normale Leben verdrängt, völlig in die dunkle Vergessenheit gedrängt, in das absolute Nichts hinein.

An den Weihnachtsfeiertagen schwebe ich im Nichts, sage ich mir immer, nur in den anderen Tagen habe ich einen Boden unter den Füßen, weiß ich seit Jahren. Die Weihnachtstage, die wieder so entsetzlich lang waren und die im Grunde, dachte ich mir, nur wieder eine zügellose, geradezu ekelhafte Aneinanderreihung von einer Speise an die nächste waren. Karpfen, Plätzchen, Raclette, Lachs, Wild, Gänsebraten, Blaukraut, Maronen, Mousse au Chocolat, Kartoffelsuppe, Stollen und immer so weiter! Es ging wieder, sagte ich mir, drei ganze Tage lang, ausschließlich um Essen, nicht im geringsten ging es um eine christliche Feier! Was heißt Tage? Es ging im Grunde auch nachts so weiter! Jeder Gang zur Toilette war verbunden mit einem Gang in die Küche! So viel ging es um Essen, dass ich mir auf dem Weg zum Theater noch dachte, Weihnachten war ja dieses Jahr seltsamerweise zwei Wochen lang gewesen! Obwohl es doch nur ein einziges Wochenende war! Das fürchterlichste Wochenende des Jahres! Ich war schon nicht mehr zum Pinkeln, sondern zum hemmungslosen Kotzen auf die Toilette gegangen. Immer wieder und ausgiebig musste ich diese ungesunde aber permanente Nahrungsaufnahme durch Kotzen unterbrechen.

Es sollten also jetzt, drei Tage nach diesen vollkommen sinnenstellten, zu nichts nützlichen und geradezu krankhaften Weihnachtstagen, wieder die Münchner Kammerspiele sein, dieses widerwärtige Theater, dachte ich noch, das mich seit Jahren trotzdem anzieht, obwohl es keinen Grund dazu gibt, mich anzuziehen. Ich lasse mich von nichts anziehen, wusste ich schon längst, schon als Kind hatte ich mich von nichts anziehen lassen! Dieses Theater, das sich noch dazu seit vielen Jahren oder seit Generationen, im Grunde sogar immer schon, naturgemäß ohne jegliche Begründung, zu einem der besten deutschen Theater zählt! Wahrscheinlich hält es sich für das beste Theater Deutschlands, natürlich jedenfalls für ein Theater geradezu von Weltformat, weil es einfach ein deutsches Theater ist! Ein widerwärtiges Welttheater!

Thomas Bernhard, „Heldenplatz“, wird zwischen den Jahren in diesem Welttheater gezeigt, dachte ich mir immer wieder während dieser entsetzlich langen Weihnachtstage! Nach dem Lachs und vor dem Gänsebraten. Thomas Bernhard, „Heldenplatz“! Ein undeutscheres Stück gibt es doch gar nicht, dachte ich mir!

In diesem Stück geht es doch um Wien! Um den Heldenplatz in Wien, den ich seit Jahren meide, es geht doch nur um Österreich, dachte ich noch! Um diesen kleinen Nachbarstaat von Deutschland, in den man am besten zum Skifahren fährt. Vielleicht auch zum Wandern! Nicht um Deutschland selbst geht es, sagte ich mir. Und gleichzeitig sagte ich mir, natürlich wollen die Deutschen über Österreich schimpfen, nicht über sich selbst schimpfen, sie wollen wieder einmal Österreich als die Nazis zeigen, nicht sich selbst als die Nazis zeigen. Denn, wusste ich, im Stück „Heldenplatz“ geht es doch um diesen österreichischen Professor, der Selbstmord begeht, weil er, nachdem er einige Jahre in Oxford verbracht hatte, erinnerte ich mich, dann doch merkte, dass in Österreich immer noch alle Nazis waren, tief im Herzen waren sie alle immer noch Nazis, die Österreicher, sagte sich der Professor – bis zu seinem erbärmlichen Selbstmord. Und da beginnt das Stück!

Und dann saß ich da in Reihe 7 auf einem dieser fast menschenunwürdig schlecht gepolsterten Klappsessel, dieses Mal ohne diese desolaten und mich nur belästigenden Kopfhörer, bei 25 % Auslastung wegen Corona. Ich blickte mich in diesem unsäglich und geradezu abstoßend morbiden Theaterraum der Kammerspiele um! Noch dazu musste ich natürlich wegen Corona eine dieser absolut unwürdigen Gesichtsmasken tragen.

Dann ging es entsprechend los: Videos von österreichischen Naziaufmärschen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hämmerten sofort auf mich ein. Jawohl, diese elenden Österreicher, dachte ich mir. Aber ich wusste: Falk Richter war der Regisseur, er wird das Stück sicher so bringen, dass es sich um Nazis und Antisemiten in Deutschland handelt, nicht in Österreich! Und so war es dann auch! Abstoßende Videos von allen bekannten AfD-Politikern, fürchterliche aktuellere Videos von Naziaufmärschen in Deutschland, verwirrende Bilder vom lächelnden Maaßen, von Andi Scheuer, Texte und Bilder von Franz Josef Strauß, von Friedrich Merz, von allen. Plötzlich auch Bilder vom Sturm auf das Kapitol in Washington, wer weiß warum!

Dann, nach einer völlig stupiden Pause, wurde „Heldenplatz“ gewissermaßen unterbrochen. Es kam ein „Kapitel“ mit eigenen Texten von Falk Richter! Nichts von Thomas Bernhard! Im Grunde war es dann eine grauenhafte Philippika gegen alle Konservativen, die ja alle die Nazis unterstützen würden. Nichts hatte es noch mit Thomas Bernhard zu tun.

Immer wieder fragte ich mich auch, was diese widerliche Bühnengestaltung soll. Die Seitenwände und die Rückwand waren etwa 10 m hoch verhüllt mit einem langen, tiefroten Latexvorhang! Plastik! Es waren sogar zwei Vorhänge hintereinander! Mitten in dieser grauenhafte und so fragwürdigen Vorstellung wurde der vordere Vorhang ganz langsam nach oben gezogen, dahinter kam ein tief schwarzer weiterer Vorhang dieser Art zum Vorschein. Wieder Plastik! Ansonsten standen auf der Bühne wild durcheinander viele kleine Gegenstände, Requisitekisten, Lampen, und alles war ansonsten natürlich vollgestellt mit polierten Schuhen. Ständig wurden die polierten Schuhe geputzt und ständig wurden Hemden des verstorbenen Professors gebügelt! Das war „Heldenplatz“ pur!

Und diese Schauspieler! Es war kaum zu ertragen! Sie haben im Grunde diesen treffenden Text aus dem Stück „Heldenplatz“ zu schnell gesprochen! Es war typisch, Schauspieler haben naturgemäß kein Gespür für das, was sie spielen und wen sie gerade spielen und von wem sie etwas gerade spielen! Schauspieler spielen das Leben, sie sind aber im Grunde Lebensverweigerer! Sie sind geradezu Lebenszerstörer und Lebensvernichter! Sie spielen etwas, aber sie sind es nicht!“

Und so weiter. Das hätte Thomas Bernhard geschrieben! Nun gut, so schlimm war es nicht. Ein paar Eindrücke blieben allerdings:

  • Typisch für Falk Richter ist, dass er in gewisser Weise den Zuschauer überdeutlich auf ein riesiges Problem hinweisen will! Mir persönlich geht es dabei schnell zu sehr um eine Art Belehrung, nicht um eine feinsinnige Auseinandersetzung mit einem Thema. Auch geht manche Verallgemeinerung unter und wird vom Zuschauer schnell unvorsichtig hingenommen.
  • Und in der Tat habe ich mich gefragt, wie der Verlag (oder die Erben) von Thomas Bernhard eine derartige Aufführung, die doch (vor allem durch den Texteinschub von Falk Richter) weit über den Fokus von „Heldenplatz“ hinausreicht, zulassen konnten!
  • Das in gewisser Weise Einzigartige an den Texten von Thomas Bernhard ging so verloren. Natürlich wäre es auch kaum zu vertreten gewesen, das Thema der Nazis etwa auf Österreich zu beschränken! Allein das macht die Herangehensweise von Falk Richter verständlich. Der Herangehensweise von Thomas Bernhard in seinem letzten Werk „Heldenplatz“ entspricht es nicht!

Hier noch Eindrücke:


Copyright der Bilder im Text: Denis Kuhnert

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

LITERATUR: Andreas Maier – Was wir waren

Jetzt kann ich endlich einmal wieder etwas von Andreas Maier bringen! Ich mag ja seine Bücher sehr! Welches habe ich nicht gelesen? Er hat etwas von Thomas Bernhard, in einer gewissen Art der Beobachtung der Dinge und der Art, darüber zu schreiben. Da bin ich nicht der einzige, der das sagt. Das weiß er auch – also, dass es so ist, nicht, dass ich das so sehe. Er hat über Thomas Bernhard promoviert, hieß es irgendwo.

Wunderbar und empfehlenswert sind seine Bücher! Beginnend mit Kirillow, Wäldchestag (!), Klausen (!), Sanssouci, die allesamt eigenartige Erzählungen waren. Skurril, treffend und einfach geschrieben, nie überdrallert. Bis hin zu seiner neueren Reihe über seine Herkunft, sein Leben in der Wetterau. Einfach die Wetterau im Hessischen. Friedberg in der Wetterau. Das Zimmer, Das Haus, Die Straße, Der Ort, Der Kreis, Die Universität. Betrachtungen seines Lebens, immer etwas von außen, rückblickend betrachtet. Es ist „unsere Zeit“, die er damit betrachtet, und er schafft es, mit seiner betont einfachen Sprache anhand einfachster Situationen Wahrheiten dazu zu formulieren. Auch über Großes oder das große Ganze wird nachgedacht. Über „das Fremde“ etwa. Aber auch das schreibt er einfach, wenn auch wunderbar treffend und damit tatsächlich tiefgehend.  Wenn „Fremde“ am Wirtshaus an der offenen Tür vorbeigehen oder gar in das Wirtshaus hineinkommen … Man kann eben Apfelwein trinken oder Apfelwein trinken und sich Gedanken machen oder den Wirt beobachten. Man kann sich auch rückblickend sehen, wie man damals beim Wirt Apfelwein getrunken hatte und man kann sich darüber jetzt Gedanken machen. Etwa darüber Gedanken machen, was der Wirt damals für einen bedeutete!  Wie alles so war in diesem Leben damals!

Generell: Wenn man ein Buch liest, taucht man doch in eine bestimmte Stimmung ein. Jedes (gute) Buch schafft und transportiert doch eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre. Ich lege ein Buch weg und nehme es wieder zur Hand, um weiterzulesen, und dann weiß ich schon, dass ich wieder in eine Stimmung eintauche! Oft ist ja gar nicht das geschilderte Geschehen das, was interessiert, sondern man will nur wieder in diese Stimmung eintauchen. Und am Ende, wenn man das Buch fertig gelesen hat, trägt man vielleicht auch diese Stimmung ein bisschen in sich. Ein Gefühl ist das dann, nicht nur ein Wissen über das Geschehen, das geschildert wurde.

Vielleicht ist es im Grunde schwerer, eine solche Stimmung zu schaffen, wenn in dem Buch „nur“ lauter kleine Kolumnen zusammengefasst sind. So in dem neuen Buch von Andreas Maier, „Was wir waren“. Es ist eine kleine Sammlung von Kolumnen, die Andreas Maier in den vergangenen Jahren für die Wiener Zeitschrift Volltext geschrieben hatte.

Aber auch in diesen kleinen Band wird eine Stimmung transportiert! Das machen die Gegenstände seiner Beobachtungen und seine Sprache. Nichts ist gekünstelt, banalste Dinge werden gesehen. Aber auch oder gerade in den banalsten Dingen ist ja alles drin! Bilder seiner Jugend, die Wetterau, der Wirt, Bornheim, die „Bindernagelsche Buchhandlung“ in Friedberg, die Tochter des Buchhändlers, eine Lesereise nach Freiburg, Friedberg in der Wetterau, Sachsenhausen in der Wetterau (?), die Bierkneipe „Die Dunkel“, Apfelwein, der Mensch, und und und.

Noch schöner fand ich seine ersten Bücher (siehe oben), aber auch die Bücher der letzten Jahre sind allesamt köstlich. Etwa auch der Band über Udo Jürgens nach dessen Tod. Auch dieses hier.

Ganz aktuell also sein kleiner Band Was wir waren“. Zu diesem Buch muss man ihn aber fast schon kennen! Oder es als Einstieg nehmen und ein weiteres lesen. Etwa „Klausen“!

HIER  die Suhrkamp-Seite zum Buch mit Leseprobe!

THEATER, LITERATUR: Claus Peymann

Ein Tipp: SWR Mediathek und ARD Mediathek. Wenn man an die deutsche/deutschsprachige Theaterszene der letzten 50 Jahre denkt, muss man an den großen Theatermacher Klaus Peymann denken. Er wird im Juni  81 Jahre alt. Erst war er Theaterdirektor in Stuttgart, dann Intendant in Bochum, danach viele Jahre Intendant des Wiener Burgtheaters und dann bis Juli 2017 Intendant, künstlerischer Leiter, Geschäftsführer und Alleingesellschafter des BERLINER ENSEMBLES. Er galt ja jahrelang als der umstrittenste Theatermacher.

Die spektakulärste Begegnung seines Lebens sei, sagt er, diejenige mit Thomas Bernhard gewesen. Viele Stücke von Thomas Bernhard hatte er in den vergangenen Jahren uraufgeführt.

Auf SWR war letztens ein eineinhalbstündiges Porträt von Klaus Peymann zu sehen. Man kann es derzeit noch auf der Mediathek ansehen. Sein Lebensweg. Theater ist und war sein Leben. HIER der Link. Noch wenige Tage zu sehen!

Übrigens: Klaus Peymann kommt am 24.April 2018 in die Münchner Kammerspiele! Eine Lesung aus dem in Österreich damals verbotenen Buch „Holzfällen – Eine Erregung“ von Thomas Bernhard!

Copyright des Beitragsbildes: free use

Kategorien
Gelesen und geblättert

LITERATUR zum THEATER: Thomas Bernhard – Am Ziel

Wer beides, das Theater und die Literatur, mag, sollte sich dieses kleine Buch vornehmen. „Am Ziel“ von Thomas Bernhard. Natürlich vor allem dann, wenn man Thomas Bernhard mag. Ich habe es kürzlich aus einem Bücherregal herausgezogen. Es liest sich recht locker an einem schönen Abend. Bissig, komisch, auf die Spitze getrieben, immer wieder wahr, Thomas Bernhard eben. Hier ein kleiner Auszug:

Tochter

Ein so großer Erfolg Mama

Mutter

Das besagt doch nichts
die Leute waren in Laune und machten einen Erfolg
aber es hätte auch das Gegenteil und kein Erfolg sein können
es war bis zuletzt nichts entschieden
nichts gar nichts
dann war Stille
die Leute haben geklatscht

Tochter

Und wie geklatscht wurde Mama

Mutter

Mir ist es unverständlich
dass sie geklatscht haben

wo es sich doch um ein Stück handelte
in welchem sie alle bloßgestellt worden sind
und auf die gemeinste Weise
zugegeben mit Witz auch
aber mit einem bösartigen Witz
mit Niedertracht sogar
mit absoluter Niedertracht
Und dann klatschten sie auf einmal

Tochter

Es war ein richtiger ein ganz großer Erfolg

Mutter

E i n Erfolg was sagt das
dann gehen die Leute hinaus auf die Straße
und alles ist vergessen
das sagt doch nichts ein Erfolg an einem Abend
Und ob es zu einem Lebenswerk reicht

Tochter

Was heißt Lebenswerk Mama
Die Leute haben geklatscht es hat Ihnen gefallen
die Schauspieler haben Ihnen gefallen
es hat ihnen alles gefallen

Mutter

Die Schauspieler haben gefallen
die Schauspieler waren großartig
aber das Stück

Tochter

Ich finde es ein ganz außerordentliches Stück

Mutter

Als ob du von der dramatischen Literatur
auch nur das geringste verstündest
die Leute verstehen nichts
und Klatschen sich zu Tode
weil sie gerade zum Klatschen aufgelegt sind
aber sie beklatschen auch das Unsinnigste
Sie beklatschen auch ihr eigenes Begräbnis
sie beklatschen jede Ohrfeige
die sie bekommen
sie werden von der Rampe herunter geohrfeigt
und beklatschen das
Es gibt keine größere Perversität
als die Perversität des Theaterpublikums

 

Kategorien
Gesehen und gehört

LITERATUR: Thomas Bernhard, eine Biografie und „Die Auslöschung“ als Theaterstück

Manfred Mittermayer hat eine Biografie zu Thomas Bernhard (vgl. Buchtipp), dem großen „Übertreibungskünstler“, geschrieben. Schon 2006 hatte er eine kürzere Biografie gebracht, jetzt eine umfassende. Eine Besprechung dieser Biografie kam am 07. Februar 2016 im Deutschlandfunk. Erschienen ist die Biografie im Suhrkamp – Verlag.

Hier das Podcast: Thomas Bernhard Biografie

Und HIER  der Link zur Seite des Residenzverlags zur Biografie.

UND: Bernhards Prosawerk „Auslöschung“ wird in Wien als Theaterstück gebracht. Auch dazu eine Besprechung aus dem Deutschlandfunk, vom 26. Februar 2016. Es heißt online beim Deutschlandfunk: Die Uraufführung der kritischen Erzählung vom katholischen Nazistaat Österreich am Theater in der Josefstadt in Wien begeisterte Kritiker und Publikum.

Hier das Podcast: Thomas Bernhard „Auslöschung“

The 70s. retro boom box stock photo

Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard, aufgenommen im Juni 1976. (picture alliance / dpa / Votava)

Kategorien
Gelesen und geblättert

LITERATUR: Thomas Bernhard

Ein Muss in meiner Literaturliste: Thomas Bernhard, am 12. Februar 1989 in Österreich gestorben. Er hat ja unzählig viele kleine und große Werke hinterlassen. Beispielhaft nenne ich eines, das ich köstlich fand: Holzfällen. Es ist natürlich unspektakulär, aber seine Gedankengänge sind einfach wieder einmal köstlich. Nicht lustig oder albern oder gekünstelt, nein, wie immer sehr treffend, bissig. Andreas Maier (siehe Blogbeitrag) hat übrigens über Thomas Bernhard promoviert. Von beiden werde ich weitere Bücher empfehlen.

Holzfällen ist die Geschichte eines »künstlerischen Abendessens« in Wien, in der Gentzgasse. Eine „Erregung“, wie es im Untertitel heißt. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, sitzt auf dem Ohrensessel und beobachtet die Gesellschaft, die auf den Schauspieler des Burgtheaters wartet, der versprochen hatte, gegen halb zwölf zu diesem Essen zu kommen. Ich kann es empfehlen, wenn man seine Schreibart mag oder kennen lernen möchte!

Im Februar 2018 ist sie außerdem erschienen: Die komplette Bernhard-Ausgabe mit Kommentar, herausgegeben von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler. HIER zur Suhrkampseite der Gesamtausgabe!

Education books stock photo

Holzfällen