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BALLETT: Peeping Tom – Triptych

Zunächst: Zu sagen, „Es war grandios“, würde der Sache nicht gerecht werden. Gut, es gab Jubel und Standing Ovations am Ende, die Äußerung klänge aber wie „Es war eine großartige Leistung“ und damit klänge es auch irgendwie herablassend. Als hätte man ja als „ZuschauerIn“ auch einmal das Recht oder den Anspruch auf eine so tolle Leistung, dort im großen edlen Zuschauerraum des Nationaltheaters sitzend. So ist es aber nicht! Es war so: Ich habe so etwas noch nicht gesehen und möchte das so Besondere an diesem Abend anerkennen, respektieren, bewundern. Ich müsste daher eher sagen: „Danke, es war wahrlich ein Gesamtkunstwerk!“. Jede Person, die Bühne, das Licht, die Szenen, die Bewegungen …

Was ist Traum – was ist Wirklichkeit? Was ist bewusst – was ist unbewusst? Das waren die Fragen, die sich am Abend ständig stellten. Es war nicht Ballett wie man es kennt, klassisches Ballett schon garnicht! Es war eine permanente Mischung aus „wortlosem“ Theater und unglaublichem Ballett/Akrobatik. In unglaublichen, ständig teils realen, wirklichen und sofort wieder unwirklichen Szenen. Es war inhaltlich eine tiefe Mischung aus Traum und Wirklichkeit. Diese Mischung auf diesen beiden Ebenen war irritierend, andererseits sprengte sie Grenzen! Und das Sprengen von Grenzen ist immer klasse! Und wenn ich sagen würde „Es war grandios“, denke ich, würde ich mich ja gerade doch in den mir vertrauten Grenzen halten! Das geht hier nicht, das passt nicht. Es geht um etwas anderes.

Ballett und Akrobatik waren dabei ein wesentlicher Teil des Kunstwerkes! Neben allem anderen! Ständig Bewegungen wunderbarer Art, Akrobatik schönster, fast irritierender und oft erstaunlicher Art. Immer wieder gab es Momente der Inszenierung, die nur ein großes Staunen hinterließen. In allen drei Teilen ging es allerdings um sehr, sehr düstere Szenen! Dunkle Atmosphäre. Immer wieder wurden Türen geöffnet, über die man dann doch nicht den doch engen Raum (ein Schiff, ein Hotel) verlassen konnte. Der Tod spielte ständig mit. Als wäre das menschliche Unterbewusstsein immer vom Tod und düstersten Vorstellungen getrieben! Das musste man bei allem hinnehmen.

Es gab nach dem ersten Teil eine zehnminütige Lichtpause für den Umbau hin zum zweiten Teil des Abends. Während dieser Lichtpause blieb man im Zuschauerraum sitzen, die Bühne war nun in aller Tiefe zu sehen. Allein diese 10 Minuten waren wunderbar! Plötzlich war man wieder in voller Realität. Wobei: Auch dort herrschte ein wenig eine Mischung aus Realität und Traum: Einer der Mitwirkenden blieb während der Umbauarbeiten auf dem Platz sitzen, den er zuvor am Ende des ersten Teils eingenommen hatte. Und das Licht blieb düster. So vor der insgesamt riesigen, tiefen Bühne sitzend sah man in dieser Pause auch die anderen – großartigen – Mitwirkenden, dunkle Beleuchtung, ruhige Arbeiten, Gelassenheit – auch die Umbauaktionen waren irgendwie beeindruckend!

Wahrscheinlich könnte man es fünfmal ansehen, wenn man es inhaltlich gut verstehen wollte. So war es leider nur ein irres Einzelerlebnis! Erinnerung, Unbewusstes, Angst, Hoffnung, alles spielte rein. Manchmal muss man sich bedanken bei Menschen, die so etwas erstellen und darstellen können! Nur konsumieren ist da zu wenig.

HIER der Link zur Website von Peeping Tom. Triptych tourt weiter.

Hier ein Trailer:

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THEATER: Hal Ashby/ColinHiggins – Harold und Maude

Harold und Maude ist derzeit – für kurze Zeit noch – am Münchner Zentraltheater als Theaterstück zu sehen. Ich hatte schon kürzlich über das Münchner Zentraltheater in der Paul-Heyse-Straße geschrieben. Die kleine Bühne des Zentraltheaters ermöglicht es, die schauspielerischen Leistungen unmittelbarer zu erleben, als es an den großen Theater je möglich ist. Auch dieses Mal war es wieder ein sehr gelungener Abend.

Das liegt zum einen an der so schöne Geschichte von Harold und Maude. Harold mag das vornehme Leben seiner Familie ja nicht, will sich ständig abgrenzen, sich von seiner Mutter lösen. Er inszeniert Selbstmorde – vor allem, wenn es darum geht, dass er verheiratet werden soll. Er besucht Beerdigungen von Menschen, die er nicht kennt. So trifft er Maude. Er lernt sie mehr und mehr kennen und lieben. Es ist ja so: Harold antwortet auf das Leben, das er nicht mag, mit seinem Hang zum Tod, weiß offenbar keinen anderen Ausweg, Maude hat sicher in ihrem Leben auch gesehen, dass sie das Leben nicht unbedingt immer lieben kann (sie hat eine Nummer aus dem KZ am Arm), sie liebt aber das Leben. Das ist ihre Antwort, indem sie völlig eigen nur „ihr Ding macht“, alles andere nicht so wichtig nimmt. Harold will Maude schließlich sogar heiraten.

Wirklich sehr überzeugend spielen Connor Krause (HIER) Harold und Carla Becker (HIER) Maude. Es wird nicht leicht sein, die Gefühlslagen beider so überzeugend auf die Bühne zu bringen! Die Zuneigung und Liebe, die sie zueinander entwickeln. Die Distanziertheit, die Harold zunächst dem Leben gegenüber aufweist, seine Ratlosigkeit. Die Unbekümmertheit, die Maude gegenüber dem Leben aufweist. Ihre „Verrücktheit“. Yana Robin la Baume dagegen spielt alle weiteren, meist kurz erscheinenden Personen des Stückes: Harolds Mutter, die von der Mutter ausgesuchten Heiratskandidatinnen, einen Pastor, einen Polizisten … Sie hat insoweit nicht die Möglichkeit, mit einer einzigen Rolle zu überzeugen. Sie stürzt schnell immer wieder in eine der anderen Rollen und bringt diese jeweils pointiert (mir zu pointiert) auf die Bühne. Es besteht andererseits auch wiederum eine gewisse Balance zwischen der übertriebenen Pointiertheit der Personen, die um Harold und Maude herum erscheinen und Harold und Maude selbst. Über Harold und Maude selbst heißt es: „ … melancholische Poesie und Zärtlichkeit …“. Das zeigen die anderen Personen des Stückes eben gerade nicht.

Man kann diesen schönen Abend mit tief schürfenden Gedanken über sein Leben verlassen. Harold und Maude – ein leichtes Stück mit Tiefgang.

Hier einer der Songs von Cat Stevens mit Ausschnitten aus dem Kultfilm “Harold und Maude“:

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THEATER: Nora Abdel-Maksoud – Doping

Mein Fazit zur Premiere: Mit immer schnellen, fast stürzenden, gleichtönig lauten, meist kurzen sich ständig produzierenden, fast hektischen Statements, Sätzen, Wörtern, Dialogen, Äußerungen, Wortwechseln hin und her und mit einer bei alledem abstrusen Story wird versucht, den Turbokapitalismus und seine Auswirkungen auf das Gesundheitswesen zu überspitzen. Beispiel FDP und Sylt. Oder es wird versucht, insgesamt unsere Lebensweise, unsere Lebensüberzeugungen darzustellen. Darum soll es wohl gehen. Hm. Hektisches Slapstick für sehr ernste Themen! Sicher, wir leben im Grunde sehr viel falsch im Kapitalismus, geben es nur nicht zu!

Die Hektik des Stückes „Doping“ mag dabei dem Plot geschuldet sein: Es zeigen sich ja plötzlich peinliche gesundheitliche Schwächen beim Vertreter des Wohlstands, dem Spitzenkandidaten der FDP Wenningstedt-Braderup auf Sylt, dem Verfechter der Liberalität, der marktwirtschaftlichen Denke bis in den Körper hinein.

Die Story:

Die FDP und Sylt sind also die Aufhänger der irren Story, ein Krankenfall im Wahlkampfendspurt bringt alles durcheinander. Es folgen: Das angebotene einfache „Weggeben“ von Krankheiten, Krankheit ist Hindernis und Schwäche, alles ist „Geben und Nehmen“,alles ist ein „Marktgut“, es gibt ein U-Boot, Verwirrung, Geld, Magnetismus, Stress, Überarbeitung, ausgemerztes Sozialdenken, Zeitdruck, die Schließung eines Krankenhauses, einen Geldberg, das Thema Privatkliniken/öffentliche Kliniken, Feminismus etc. etc. etc. Es ist schwer, wenn man so viele Themen und Aspekte der realen Welt künstlerisch – nicht politisch – verarbeiten will. „Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen“ ist ja ein Wahlspruch der Münchner Kammerspiele. Hm, so etwa? Nicht leicht: Politisch ernste Themen berühren, aber künstlerisch bleiben.

Den Turbokapitalismus und unsere Lebensweise und Lebensüberzeugungen zu kritisieren ist auf jeden Fall sinnvoll und absolut nötig, aber mit der rasanten Slapsticknummer „Doping“ blieb es mir sehr fraglich! Letztendlich blieb es einfach harmlos, weil nur eine ein klein wenig lustige, eine wilde, verrückte, abstruse Geschichte um die genannten Themen herum gestrickt wurde, mehr konnte ich nicht feststellen. Vielleicht wollte es Nora Abdel-Maksoud so, sie ist ja keine Politikerin!

Und jeder mag es anders sehen. Theater muss ja nicht Systemkritik in klarer Form äußern, aber wenn es sich auf dieses politische Terrain begibt, sollte vielleicht auch etwas Sinnvolles übrig bleiben. Andererseits – Theater ist immer für alles offen – man kann natürlich auch sagen: Es ist eben einfach eine lustige, abstruse Überspitzung mit vielleicht kurzen tiefergehenden Äußerungen!

Überspitzungen, die nur zum Lachen anregen, mag ich allerdings nicht so sehr. Ich liebe Theater, wenn man es schafft (schwer genug) Unsichtbares auf die Bühne zu bringen, eine Entwicklung, eine Gefühlslage, eine Einstellung, einen besonderen Blickwinkel … wenn man im Theater eben Dinge erkennt, die man eigentlich nicht sehen kann, die man vielleicht ständig übersieht oder nicht kennt, die aber auf der Bühne ihren Ausdruck finden, über die man nachdenken kann. Oder so ähnlich … Das ist viel verlangt, bei „Doping“ ist es jedenfalls sicher etwas platter geworden. Mein Gegenbeispiel: Derzeit „Kill Your Darlings“ von René Pollesch, bis Ende Mai in der Mediathek der Berliner Festspiele, ebenfalls systemkritisch.

Hier ist der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele.

https://mediathek.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/2012/kill-your-darlings-streets-of-berladelphia

Es reichte mir bei „Doping“ am Ende jedenfalls allenfalls zum Schmunzeln, nicht zum Grübeln über den Inhalt, über irgendein Thema. Irgendwie aufgewühlt, angeregt, mit einem kleinen Gedanken, einer Überlegung, einer Frage oder einem Gefühl nach Hause geschickt fühlte ich mich nicht! Auch hier: Theater muss nicht immer alles schaffen, es kann auch so genügen, aber manchmal kann es auch sehr wenig werden. Diesmal eben Slapstick, Kabarett in Theaterform.

Der Spitzenkandidat der FDP Braderup-Wenningstedt (zwei Orte in der unmittelbaren Nachbarschaft von Kampen) (Vincent Radetzki), der Schatzmeister des Parteiverbandes (Stefan Merki), seine Tochter als Nummer 2 der Liste (Şafak Şengül), das sind schon drei der fünf Personen des Stückes. Sie stehen für die im Wahlkampf ächzende FDP auf Sylt. Vincent Radetzki und Stefan Merki sind wieder wunderbar überzeugend! (Vincent Radetzki gehört nach den Angaben der Webseite mit der Münchner Kammerspiele nicht mehr zum Ensemble, er wird als „Gast“ geführt.)

Daneben das Arztteam. Wiebke Puls als männlicher Dr. Bob, der ehemalige Chefarzt einer geschlossenen Klinik. Hier stellte sich für mich die Frage: Warum muss diese Rolle von Wiebke Puls belegt werden? Etwa, weil sie an der Nordseeküste (Husum) geboren wurde und im Stück ein paar norddeutsche Sätze oder Wörter sagen muss? Das wäre als Begründung bei ihren oft wunderbaren schauspielerischen Leistungen sicher zu wenig.

Nächste Frage: Warum Eva Bay als Krankenschwester? Auch sie als „Gästin“ der Münchner Kammerspiele . Es ist immer schön, wenn jungen Schauspielern und Schauspielerinnen „von außen“ Gelegenheiten gegeben werden, aufzutreten. Das freut mich! Andererseits gibt es das Ensemble … Hm. Eva Bay ist eine enge Mitarbeiterin von Nora Abdel-Maksoud, liest man, und sie spielt gut, gerne mehr davon. Ist doch gut so! Man kann nicht alles haben!

Also: Viele große Fragezeichen an diesem Abend. Aber es ist etwas für Freunde des „politischen“ Slapstick.

HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Fotos: Judith Buss

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BALLETT: Sol León & Paul Lightfoot – Schmetterling

Mehr als 60 Uraufführungen hatten beide seit 1989 gemeinsam als Choreografenduo am NDT kreiert, immer stehend für zeitgenössisches, nicht klassisch geprägtes Ballett, wie das NDT insgesamt. Sol Leon

und Paul Lightfoot:


Zwei ihrer Produktionen sind Silent Screen und Schmetterling, die ab März vergangenen Jahres mehrfach am Bayerischen Staatsballett gemeinsam gezeigt wurden. Ich schreibe hier im Blog im Grunde immer über Dinge, die der Leser/die Leserin noch sehen kann. Für den Abend „Schmetterling“ (beide oben genannte Produktionen zusammen erscheinen unter diesem Titel) sehe ich leider in dieser Spielzeit keinen weiteren Termin! Aber ich höre, es wird in der kommenden Spielzeit (Januar und Februar 2025) weitere Termine des Abends „Schmetterling“ geben.

Und demnächst – vom 12. bis 20. April – ist ohnehin die Münchner Ballettfestwoche 2024, so kann mein Beitrag auch eine Anregung für eine der dortigen Produktionen geben. Ich etwa werde in der Münchner Ballettfestwoche die sehr expressive, gestalterisch sicher fast extreme Produktion „Triptych“ der belgische Compagnie Peeping Tom sehen, auch das war eine Produktion für das NDT. Erstmals ist die Companie Peeping Tom am Bayerischen Staatsballett.

HIER der Link zur Website der Münchner Ballettfestwoche 2024. Es heißt dort zur Produktion „Triptych“: „… unglaublichen Vielfalt an Ausdrucksformen und extrem präzisen Abläufen, die bis hin zur Akrobatik reichen.“

Silent Screen und Schmetterling sind durchaus ältere Produktionen, „Silent Screen“ hatte seine Uraufführung im April 2005, „Schmetterling“ hatte Uraufführung im November 2010. Ein kurzes Fazit: Sehr ausdrucksstarkes, erzählerisches, emotionales Tanztheater, wie so oft beim NDT auf dunkler Bühne, mit teils interessanten Videoeinspielungen im Hintergrund, die teils wiederum den emotionalen Charakter des Abends unterstützen und die „Erzählungen“ untermauern. Erzählerisch ist es allerdings geradezu anstrengend – meinte man doch, man müsse eine „Geschichte“, die „erzählt“ wurde, genau erkennen – was kaum möglich ist. Das erste Stück (Silent Screen) nahm Bezug auf Stummfilme – wie Ballett ohne Worte – das zweite (Schmetterling) bezog sich auf die wundersame Natur des Schmetterlings, auf seine Vergänglichkeit, Zartheit, Schönheit, und auf den Lauf des Lebens. Wie so oft beim NDT auch: Hochklassiges Tanztheater (hier durch Ensemblemitglieder des Bayerischen Staatsballetts), das musikalisch noch dazu durch zwei Größen der Ballettmusik und eben deren – ich möchte sagen – manchmal fast sphärische, rein klangliche Musik (oft Pianoklänge) geprägt wird: Philip Glass und Max Richter, die ja öfters Musik für Ballettproduktionen schreiben.

HIER ist übrigens der Link zur Seite der kommenden Produktion „Triptych“ der Gruppe Peeping Tom auf der Website des Bayerischen Staatsballetts. Auch das wird extrem erzählerisches Tanztheater, in drei Teilen. Siehe den Link.

Und am 24. und 25. April bietet wiederum das Nederlands Dans Theater (NDT) ein weiteres Onlinestreaming. HIER ist der Link zu diesem Streamingangebot auf der Website des NDT. Drei Produktionen kann man an diesen beiden Tagen im Streaming sehen, unter anderem – am zweiten Tag – die Produktion In The Dutch Mountains des auch hier in Deutschland ja sehr bekannten (wenn auch teils unrühmlich bekannten) Choreografen Marco Goecke.

Hier noch zwei Bilder der Produktion „Schmetterling“:

Copyrights: Titelbild © CARLOS QUEZADA, beide Bilder unten: © WILFRIED HÖSL,

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MUSIK: Depeche Mode – Halo

Die Zeitschrift Q nannte Depeche Mode „The most popular electronic band the world has ever known“. Sie sind ja gerade auf Welttournee und waren Anfang März in München. Ich war nicht dabei, aber es war anscheinend erstaunlicherweise trotzdem gut.

Auf jeden Fall kann Depeche Mode auch auf dem Blog erscheinen, um den Aspekt „Musikgeschichte“ nicht aus dem Auge zu verlieren.

Hier ist eine extended version des Songs „Halo“.

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THEATER: Forced Entertainment- Complete Works, Table Top Shakespeare

2017 waren sie mit dem ebenfalls höchst skurrilen, aber auch hintergründigen „Stück“ Real Magic zum Theatertreffen Berlin eingeladen gewesen. Mit „Real Magic“ sind sie damals auch an den Münchner Kammerspielen aufgetreten. Wer sich an diesen Abend erinnert, weiß: Gesagt wurden eigentlich nur etwa drei Sätze, immer wieder … in einer Endlosschleife, die sich ständig leicht veränderte …

Zum 40. Geburtstag der Theatergruppe „Forced Entertainment“ haben sie nun alle 36 Shakespeare-Stücke auf einem Küchentisch nachgestellt. Man kann alle Stücke ansehen, in einer Studio-Version und in einer Live-Version. Es heißt: „Complete Works – Table Top Shakespeare“.

HIER ist der Link zu der Reihe der Shakespeare-Stücke.

Man kennt ja die Inhalte der bekanntesten Shakespeare-Stücke. Dennoch: Die Darstellungen auf dem Küchentisch machen Spaß. Sie erklären alles mit eigenen Worten, fast so, als würden sie einen Autounfall schildern. Die heroische Dramatik wird aufgelöst. Das tut den Schilderungen gut. Dennoch ist es nicht simpel, obwohl die Gegenstände so simpel sind und obwohl die Situation an einem schlichten Holztisch so simpel ist. Ja, der Widerspruch zwischen dem, was man sieht, und dem, was erzählt wird, ist herrlich. Man meint fast, man kommt so Shakespeare ein bisschen näher. Wohl auch durch die eigenen Worte, in denen die „Plots“ erzählt werden. Und: es gelingt, den Alltagsgegenständen durch die Art und Weise, wie sie eingesetzt werden, jeweils das Leben einzuhauchen, das sie repräsentieren. Man spürt mehr und mehr die Figur, die jeweils in diesen ansich nichtssagenden Haushaltsgegenständen steckt. Auch ein wichtiger Teil der Darbietungen, wie man auch dem einführenden Video zu dieser Reihe entnehmen kann. Ich muss mich aber auch noch etwas hineinarbeiten.

Man muss natürlich dem Englischen gut zu hören! Aber man kann ja auch einmal ein wenig „zurückspulen“. Die englische Zeitung The Guardian hatte übrigens geschrieben, man solle mit „Hamlet“ anfangen, hatte ich gelesen. Ja, die Erzählung des Hamlet ist es wert! Fast melancholisch und mit Liebe für die Gegenstände, die sie einsetzt, erzählt Terry O’Connor den „Hamlet“.

Also: William Shakespeare volle Kanne, aber völlig undramatisch aus der Küche erzählt. Sie erklären in Interviews, was sie darin sehen.

HIER der Link zur Website von Forced Entertainment.

Es heißt übrigens auf der Startseite von „Complete Works“: „Please consider making a small donation to Forced Entertainment in support of this work.“

THEATER: PATHOS theater und HochX – Split and Merge

Das HochX steht für freie Szene im Bereich Tanztheater. „The Garden of Falling Sands“ ist wiederum eingeladen zur Freiburger Tanzplattform 2024. HIER das Programm zur Tanzplattform. Das sind erste Eckdaten des Abends.

Es war eine interessante, schöne und überzeugende, sympathische Produktion. Es zeigte wieder einmal, wie wunderbar durch Körperbewegungen Emotionen und Stimmungen produziert werden können! Vier junge, sehr unterschiedliche TänzerInnen aus Mexiko/Kolumbien haben einen Tanz gezeigt, der im Norden Mexikos getanzt wird. Einen Tanz zur lateinamerikanischen Cumbia-Musik, der „Cumbia Colombiana“.

In extrem langsamen Bewegungen beginnen die Vier, ihre Bewegungen werden dann zunehmend getragen von lautem, klarem Rhythmus eingespielter Schlagzeuginstrumente. Die Bewegungen werden deutlicher und steigern sich. Die TänzerInnen wachen geradezu auf, interagieren untereinander, erhalten ganz langsam ihr Selbstbewusstsein. Man kann sich in sie hinein fühlen. Sie werden getragen vom Rhythmus! Sie genießen den starken Rhythmus. Sie werden dann immer freier, wilder auch, beruhigen sich dann zwischendurch wieder. Die Vier wenden sich auch mit Grimassen an das Publikum. Auch das eine Art Selbstbewusstsein. Es ist nicht etwa hochakrobatisch, aber es geschieht alles tänzerisch mit wunderbarem Gefühl für den Rhythmus, immer wieder mit Bewegungen, die man wirklich selten sieht, weil sie eben für diesen Tanz typisch sind.

Fazit: Es war sehr interessant und anregend, auf diese gelungene Art – die mit sehr begeistertem Applaus belohnt wurde! – musikalisch und tänzerisch einen Blick auf ein Lebensgefühl in Mexiko werfen zu können! Ich freue mich auf die nächste, die letzte Veranstaltung der Reihe. HIER ein Link zum Programm.

HIER noch der Link zu einer etwas umfangreichere Pressemitteilung zum Festival Split and Merge.

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THEATER: René Pollesch – Kill your Darlings! Streets of Berladelphia

Die Berliner Festspiele ermöglichen es, noch einmal eine Inszenierung von René Pollesch online zu sehen. Es handelt sich um die Inszenierung „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“, die 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Eine großartige One-Man-Show mit Fabian Hinrichs. Sehenswert! Sie ist bis zum 27. Mai in der Mediathek der Berliner Festspiele zu finden. Ein vermutlich hochpersönliche Produktion von René Pollesch.

Es ist eine Produktion, die René Polleschs Fantasie zeigt, seine Herangehensweise. Das ist Theater. Nicht die Realität ist Theater, nicht (nur) Kritik oder Widerrede: Die Realität, Kritik und Widerrede, sie gehören eher zum Kabarett. Das nicht Verständliche aber, das allenfalls Spürbare, das überall dazwischenliegt, das zu berühren, zumindest zu versuchen es zu berühren auf einer Bühne, es zeigen zu wollen, das ist Theater. Theater ist im guten Fall immer wieder – immer wieder – der Versuch, etwas Unsichtbares zu zeigen. Nicht die Realität, nicht das Blatt auf der Straße, das sich im Wind bewegt. Es gibt so viel Unsichtbares, was unser Leben bestimmt!

Hier ist der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele.

https://mediathek.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/2012/kill-your-darlings-streets-of-berladelphia

HIER ein Abschiedsbrief von Fabian Hinrichs an Rene Pollesch.

Undhier ein schöner Nachruf aus der SZ – geschrieben vom Dramaturgen Carl Hegemann, der jahrelang mit René Pollesch zusammengearbeitet hatte und in dem auch mehrfach das Stück „Kill Your Darlings“ erwähnt wird:

Copyright des Beitragsbildes: Bildausschnitt aus einem kurzen Video der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Bildrechte werden noch genau geklärt und genannt.

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SONSTIGES: HafnerBurgmayr – mimpfmöh, alois oder nichts

Es heißt: „HafnerBurgmayr präsentieren einen Abend voller Lieder und Gedichte, die es gestern noch nicht gab, die aber heute schon Gassenhauer sind: Streichle Blumen, Alois oder nichts, lüzlü no, Friedel der Weps, Ampi ölei, Walzer mit Meer, Brez Brez usw.“.

Kurz:

Es hat etwas von bayerischem Humor: Die beiden nehmen sich nicht ernst. Das mag der Bayer. Sie beginnen den Abend – die Treppe herunter kommend – dementsprechend mit Posaune (Florian Burgmayr) und einem Jodler (Maria Hafner). Der Abend endet auch mit dem Jodler, einem sehr gelungenen, schönen Jodler, der mich an den bekannten „Juchitzer“ von Hubert von Goisern & Zabine erinnerte (HIER), den man kennen muss. Es folgen absurde Musikstücke, absurde Texte oder besser Wortfindungen, Sinnloses, manchmal am Rand des Sinnvollen, sodass man etwa 70 Minuten lang amüsiert zuhören kann. Auch das mag der Bayer. Die lockere Atmosphäre des Vorraumes passt gut dazu!

Florian Burgmayr und Maria Hafner haben auch Spaß daran, merkt man. So hat man einen lockeren, lustigen Abend vor sich, an dem man einfach nicht zu viel nachdenken muss. Mag das nicht auch der Bayer? Besonders Maria Hafner hat dabei mit starker und sicherer Stimme eine schöne Präsenz, oft begleitet sie sich und ihre Stimme mit ihrer Violine, während Florian Burgmayr meist die Ziehharmonika oder das Piano einsetzt. Beide stammen auch aus Bayern. Andererseits: Es ist kein betont bayrischer Abend, die Verbindung liegt nur etwas nahe. Ein Abend mit viel Phantasie, die sich hoffentlich bei beiden fortsetzt.

Die Fotorechte des Beitragsbildes oben werden den beiden gehören.

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THEATER: Christoph Frick und Lothar Kittstein – Land

Es ist ein Abend über die Landwirtschaft, ihre Beziehung zur Natur. Der Abend befasst sich mit ganz speziellen Blicken in die Vergangenheit, mit Blicken auf verschiedene Zeiten, auf „drei Zeitbilder aus Bayern“, heißt es, und nach den doch sehr düsteren Blicken in die Vergangenheit will das Universum am Ende doch für die Zukunft Hoffnung geben. Die Blicke der Menschen gehen ja im Grunde immer nach vorne, es bleibt ja nichts anderes, alles geht eben immer weiter! Glaube – Liebe – Hoffnung!

Das positive „Statement“ des Universums am Ende der Inszenierung steht aber im Grunde völlig im Kontrast zu dem, was im Stück geboten wird: Die Blicke zurück sind sehr düster, die Blicke in die Gegenwart – auch die gibt es – sind kaum angenehmer. Es ist eigentlich geradezu ein Untergangsstück und das hat durchaus Berechtigung! Die Blicke des Stückes richten sich nämlich (am Beispiel einer Bauersfamilie aus Bayern) auf die Entwicklung der Welt hin zum Untergang des Menschen und der Erde. Aber eben mit diesem (fast hilflosen) Schlusssatz des Universums.

Gezeigt wird alles anhand der Leben einer Bauersfamilie im bayerischen Land in drei Epochen: In den Jahren 1815, 1973 und 2024. Es ist – daher der Titel „Land“ – als „Stück über die Abhängigkeit des Menschen von der Natur und den Umgang des Menschen mit der Natur“ gedacht. Regisseur Christoph Frick und Autor Lothar Kittstein hatten sich bereits in der Vergangenheit in verschiedenen Formen mit der Klimakrise und Szenarien für ein nachhaltiges Zusammenleben beschäftigt. Das ist im Grunde auch Thema des Abends, wenn auch als „Land“ etwas verpackt, auf die Landwirtschaft bezogen.

Die drei Zeitebenen, die aufgezeigt werden, werden ständig gewechselt:

  • 1815: Der gigantische Ausbruch des Vulkans Tambora auf Indonesien, der 1816 selbst in Bayern für Kälte und den Ausfall des Sommers sorgte. Es wurde eine Hungerkatastrophe. Auch die Landwirtschaft war am Boden. Aber es ging weiter.
  • 1973: Der Vater der Bauersfamilie schuftet und schuftet für seinen Landwirtschaftsbetrieb. Er muss größer werden, immer mehr Tiere und Subventionen! Immer mehr Schulden. Und seine Kinder möchten den Hof nicht übernehmen! Sie möchten Schluss machen mit der Schufterei! Und die Landwirtschaft schlittert wieder in das Elend: Die Ölkrise, Butterberge, …
  • 2024: die Enkelin des Bauern hat den Hof geerbt. Sie arbeitet für ein startup-Unternehmen, das mittels der Genscheretechnik Lebensmittel produzieren möchte. Nicht mehr auf dem Land, nicht auf dem Boden, in der Natur, sondern in riesigen Hallen, die auf der Hoffläche und benachbarten Hofflächen entstehen sollen, sollen die Lebensmittel entstehen. Schluss mit Landwirtschaft!

Ja, es ist ein etwas einseitiger, aber realistischer Blick auf die Entwicklung der Landwirtschaft, allerdings etwas stark verpackt durch die ständigen Zeitsprünge und durch den Blick auf den Hof in Bayern. Ob auch wirklich die Hungerkatastrophe von 1816/1817 Teil der Entwicklung der Landwirtschaft ist, kann fraglich sein. Vielleicht hätten die anderen beiden Zeitebenen genügt. Es gibt ja mittlerweile – Gott sei Dank – neben der chemischen Ideenvielfalt auch jede Menge Ansätze für eine regionale naturgebundene Produktion der Lebensmittel! Das wiederum geht an dieser Inszenierung vorbei. Vielleicht hätte die Inszenierung noch mehr Vorbereitungszeit und mehr Ruhe benötigt, um die Situationen und die Entwicklung feiner herauszuarbeiten.

Fazit: Das Thema brennt, es gibt viele Ansätze, die Inszenierung verpufft dabei leider ein wenig.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel

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THEATER: Harold Pinter – Der stumme Diener

HIER der Link zur Website des Zentraltheaters.

Winzig, aber sympathisch. Man kann sich im eher dunkel, aber angenehm gestalteten Vorraum des Theaters nicht erwehren, begnügt sich mit Wein, Wasser oder Bier. Mehr gibt es – außer am Premierenabend – nicht. Schöne Mäßigung statt Übersättigung mit allem! (Falls man doch noch etwas möchte: Ich habe einen Tipp für danach, siehe unten!)

Hier, am Zentraltheater, sieht man die schauspielerischen Leistungen mit anderen Augen, nicht aus der Ferne auf die weite Bühne eines der großen Häuser blickend. Die Nähe zur Bühne und damit zu den Schauspielern und zum Stück ist einer der besonderen Vorzüge des Münchner Zentraltheaters. Bei der aktuellen Inszenierung von „Der stumme Diener“ hat dies den schönen Effekt, dass man auf diese Weise zwei Schauspieler erlebt, die man etwa vom Münchner Residenztheater kennt! Bijan Zamani und Götz Schulte. „Der stumme Diener“ ist ein Stück nur für diese beiden Schauspieler.

Es ist ja ein Stück, das ausschließlich durch die Art und Weise, wie es von beiden Schauspielern dargeboten wird, lebt! Die Bühnenbilder – das Stück wird derzeit etwa auch am Schauspielhaus Bochum gebracht – sind meist ähnlich. Schauspielerisch zu überzeugen, das gelingt – sieht man eben aus nächster Nähe – den beiden Schauspielern Bijan Zamani und Götz Schulte wunderbar. Mit ihrer großen Erfahrung kommt Humorvolles genauso wie Ernstes, kommen die Stimmungslagen, die Spannungen zwischen beiden, herrlich zum Tragen. Es sind ja beim etwa einstündigen Stück „Der stumme Diener“ zwei im Grunde ganz verschiedene Charaktere, die seit Jahren als Auftragskiller immer wieder dasselbe miteinander erleben, sie ziehen es immer nach ganz festem Schema durch. Nur diesmal eben nicht. Der Eine der beiden, Ben (Götz Schulte), ist schon etwas länger im Geschäft als der Andere, Gus (Bijan Zamani), der sich immer wieder Gedanken über alles macht.

Der britische Theaterautor und Regisseur Harold Pinter, gestorben 2008, schrieb 1957 dieses kurze Gangsterdrama, das gleichzeitig Krimi und Komödie ist. Es geht darum, wie die Wirklichkeit plötzlich außer Kontrolle geraten kann, wenn es einmal nicht so läuft, wie es doch immer läuft. Und wie zerbrechlich dann menschliche Beziehungen werden können. Die Beiden werden ja überrascht von völlig unverständlichen „Eingriffen“ von außen in ihre gewohnte Welt. Sie werden beide auf ihre Art nervös und am Ende …

Und hier mein Tipp: Danach (das Stück „Der stumme Diener“ ist ja, wie gesagt, relativ kurz) kann man noch gut für einen Drink in die – ebenfalls etwas „versteckte“ – Bar Gabanji gehen! Sie ist vom Zentraltheater zu Fuß 5 Minuten entfernt, am Beethovenplatz 2. Auch sie ist eher klein. HIER der Link zur Bar Gabanji. Betrieben wird die Bar – ein verstecktes Juwel – im Souterrain mit exzellenten Drinks seit Jahren vom ehemaligen Whiskyexperten der Bar Schumanns. Die Bar hatte „vor Corona“ sogar kleine „Hauskonzerte“ etwa einmal pro Monat für Musiker verschiedenster Musikrichtungen gegeben, sie tut es momentan leider nicht mehr. Ich weiß noch nicht, warum.

Nach dem Zentraltheater jedenfalls auch noch dort hingehen und schon hat man zweifach einen wunderbaren Abend erlebt!

Copyright des Beitragsbildes: Baran Sönmez

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THEATER: A. L. Kennedy – Als lebten wir in einem barmherzigen Land

Theater brauchen Identifikationsfiguren, denke ich. Wiebke Puls ist ohne Frage eine solche für die Münchner Kammerspiele! Seit 2005 ist sie im Ensemble des Theaters! Edmund Telgenkemper wiederum war zunächst von 2006-2015 im Ensemble, wechselte dann nach Zürich und ist nun seit 2020 wieder hier am Haus. Er arbeitet sich gewissermaßen hoch zu einer der Identifikationsfiguren, hatte seit seiner Rückkehr zahlreiche interessante Rollen, mehr Rollen und auch prägendere Rollen, als andere, ist mein Eindruck. Eine „aktuelle Identifikationsfigur“ ist er gewissermaßen.

Weitere Einzelheiten zu allen derzeitigen Schauspielern der Münchner Kammerspiele können HIER nachgelesen werden.

Beide, Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper, verausgaben sich also an diesem Abend bei „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“. Die Inszenierung basiert auf dem neuesten Roman der englischen Schriftstellerin A.L. Kennedy. A. L. Kennedy kannte ich bisher nicht, ich habe mich auf den Abend „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ auch nicht besonders vorbereitet. Den Roman werde ich nachträglich lesen. Neun Romane hat sie bisher geschrieben, neben vielen anderen Werken.

„Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ ist die Geschichte zweier Personen. Die Geschichte der Grundschullehrerin Anna und des früheren Polizeispitzels und späteren Auftragsmörders Buster. In jungen Jahren waren beide schon zusammengetroffen: Anna war damals rebellisch für ein Straßentheater aktiv, Buster wurde Mitglied der Gruppe, spitzelte aber nur für die Polizei. Das hat Anna nie verwunden.

Ab hier wird es im Einzelnen kompliziert, vielleicht, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe. Anna erzählt etwa zu Beginn ausführlich das Märchen vom Rumpelstilzchen und nennt jemanden wie Buster in Anlehnung daran das „Stilzchen“. Schon die Verbindung von Anna und Buster zu diesem Märchen ist mir nicht ganz klar gewesen. Anna möchte Buster stellen, als sie ihn Jahre später wieder trifft. Buster wiederum schildert an diesem Abend recht ausführlich seine früheren Morde. Er sucht aber bei Anna letztlich Vergebung, Barmherzigkeit. Themen kommen zur Sprache: Was mache ich? Wer bin ich? Bin ich nicht doch ein anderer, als derjenige, der etwas macht? Kann man nicht alles vergeben?

Die großen Leistungen von Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper hätten es verdient, dass deren Geschichten noch besser verstanden werden. Akustisch wird es manchmal auch dadurch erschwert, dass der Abend durchgehend musikalisch – durchaus passend – von sphärenhafter Synthesizermusik live begleitet wird.

Auch das Bühnenbild erschließt sich nicht leicht. Anna sieht man – vor allem anfangs – öfters wohl behütet sich räkelnd in einem großen Ballen aus Ästen und Zweigen. Buster tritt – auch vor allem anfangs – in einem Glaskubus auf. Später sieht man auch Anna in diesem Glaskubus, Buster im gemütlichen Ballen, alles in einem recht kleinen vorderen Bereich der Bühne.

Ich konnte also die schauspielerischen Leistungen genießen, werde aber über das Stück allerdings noch nachdenken und den Roman lesen. Vielleicht sollte man den Roman davor gelesen haben.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspielen.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel


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THEATERTREFFEN 2024

690 Inszenierungen wurden gesichtet.

  • 1. Die Vaterlosen, Münchner Kammerspiele, HIER zur Website des Stückes.
  • 2. Riesenhaft in Mittelerde, Schauspielhaus Zürich, HIER zur Website des Stückes.
  • 3. Bucket List, Berliner Schaubühne, HIER zur Website des Stückes.
  • 4. Macbeth, Schauspielhaus Bochum, HIER zur Website des Stückes.
  • 5. Laios, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg, HIER zur Website des Stückes.
  • 6. The Silence, Berliner Schaubühne, HIER zur Website des Stückes.
  • 7. Übergewicht, unwichtig: Unform, Staatstheater Nürnberg, HIER zur Website des Stückes.
  • 8. Extral Life, Ruhrtriennale, HIER ein Trailer
  • 9. Nathan der Weise, Salzburger Festspiele, HIER ein Trailer
  • 10. Die Hundekotattacke, Theaterhaus Jena, HIER zur Website des Stückes.

Und HIER schon der Link zur Website des Theatertreffens mit allen Informationen zu den 10 Stücken.

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THEATER: Thomas Bernhard – Minetti

Zuletzt war – zwei Jahre ist es schon her – in München an den Kammerspielen der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zu sehen. HIER meine damalige Besprechung.

Claus Peymann und Bernhard Minetti – die wohl wichtigsten Personen der Theaterwelt von Thomas Bernhard! Speziell Claus Peymann hatte in seiner Schaffenszeit immer wieder Inszenierungen der Theaterstücke von Thomas Bernhard gebracht, vor allem zu den Zeiten, als er – Peymann – Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart (1975-1979) und am Schauspielhaus Bochum (1980-1985) war, danach auch am Burgtheater Wien und am Berliner Ensemble. Und Bernhard Minetti war immer wieder einer der SchauspielerInnen dieser Theaterstücke. Vor allem natürlich in dem nach ihm selbst benannten Stück „Minetti“.

Claus Peymann war es natürlich auch, der das Stück „Minetti“ schon 1976 in Stuttgart mit Bernhard Minetti zur Uraufführung gebracht hatte. HIER ein kurzes Video dazu mit einem kleinen Ausschnitt von 1976.

Thomas Bernhard wiederum – der Dritte im Bunde – hatte seinerseits für beide – Claus Peymann und Bernhard Minetti – einmal etwas geschrieben: Über Bernhard Minetti hatte er ein Theaterstück geschrieben und über Claus Peymann ein Dramolette. Das Erstere nannte er eben einfach „Minetti“ (eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Stuttgart), das zweite nannte er „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Dieses Trio der Theaterwelt in den Siebzigern/Achtzigern!

Es gibt ein schönes Buch mit extrem viel Enblick in das gesamte Theaterleben von Claus Peymann: „Mord und Totschlag“, mehr als 500 Seiten, erschienen beim Alexander Verlag in Berlin.

Nun also „Minetti“ am Münchner Residenztheater, eine Inszenierung von Claus Peymann. Die jetzige Inszenierung des „Minetti“ ist wahrscheinlich der damaligen Inszenierung sehr ähnlich. Zum einen gibt auch der Text des Theaterstückes von Thomas Bernhard schon sehr genaue Angaben zum Geschehen. Zum anderen hielt und hält sich Claus Peymann sehr genau hieran.

HIER ein Trailer zur Inszenierung des Münchner Residenztheaters.

Das Stück ist im Grunde ein Soloauftritt. Der Soloauftritt des alten Schauspielkünstlers Minetti, der seit 30 Jahren nicht mehr Theater gespielt hat. Er will in einer Hotelhalle den Intendanten des Theaters Flensburg treffen, um mit ihm eine letzte Aufführung von „König Lear“ von William Shakespeare zu besprechen. Der Intendant kommt natürlich nicht. So redet der Schauspieler über das Theater, die Schauspieler, die Zuschauer, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Kunst. Es ist eine Abrechnung mit abstrusen Äußerungen, die man zunächst natürlich kaum verstehen kann. Ich empfehle daher, davor oder danach das Buch „Minetti“ (meistens zusammen mit anderen Theaterstücken von Thomas Bernhard) noch zur Hand zu nehmen.

Wieder einmal wird ein Theaterstück von Thomas Bernhard in dunkler Atmosphäre gezeigt, fast alles ist dunkelgrau oder schwarz. Nur ein Sofa ist knallrot, später noch ein zweites. Und eine sehr bunte Gruppe Feiernder geht mehrfach kurz durch die Bühne. Der Schauspielkünstler Minetti ist schwarz gekleidet. Es ist verwunderlich, ich könnte mir vorstellen, dass die Texte von Thomas Bernhard gerade auch bei „positiverem“ Bühnenbild extrem gut wirken würden. Thomas Bernhard mochte ja auch die Sonne, war öfters auf Mallorca. Das Thomas Bernhard’sche Niedermachen der Verhältnisse käme sicher auch dann gut zur Geltung.

Mathias Zapatka spielt Bernhard Minetti. Im Grunde meistert er den eineinhalbstündigen Abend alleine. Ein Freund schrieb mir vor wenigen Wochen nach der Silvester-Vorstellung des „Minetti“, der Abend sei „grandios“ gewesen, Mathias Zapatka ein wunderbarer Minetti. So kann man es sehen, eine große Leistung! Gut, ich persönlich hatte einen noch älteren Minetti vor Augen, aber Claus Peymann kann das natürlich besser beurteilen. Die Verzweiflung oder Resignation in den Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ verträgt jedenfalls ein sehr hohes Alter, keine Agilität. Sie verträgt den Verfall, daher rührt wohl meine Vorstellung eines noch älteren Minetti. Mathias Zapatka kam mir fast noch zu agil vor.

Und ich konnte mir nicht helfen, aber es ging mir fast zu schnell. Der Text von Thomas Bernhard hätte über zwei Stunden vertragen, dann hätte man vielleicht das „Bernhardeske“ der Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ Stück für Stück noch deutlicher wahrgenommen.

Aber wie will man auch Thomas Bernhard verstehen? Er schreibt in „Minetti“ etwa: Die Gesellschaft ist Stumpfsinn. So könnte man zum Schluss kommen, der Schauspielkünstler Minetti meint damit: Die Klassik – der er sich ja „seit dreißig Jahren verweigert“ hat – sei ebenso Stumpfsinn, weil die Gesellschaft natürlich die Klassik mag! Sie mag sie, obwohl sie sie garnicht versteht! Er wiederum, Minetti, verabscheue die Klassik wohl gerade deswegen. Aber es geht weiter: Die Gesellschaft versteht natürlich auch Shakespeare nicht! Er als Schauspielkünstler dagegen versteht wohl auch Shakespeare, er will aber nicht, dass die stumpfsinnige Gesellschaft Shakespeare falsch versteht! Deswegen hat er sich der Klassik verweigert. Und so weiter.

Schön ist auch der Passus über das Verhältnis des Schauspielers zum Publikum:

Der Schauspieler
ist das Opfer seiner fixen Idee einerseits
andererseits vollkommenes Opfer des Publikums
er zieht das Publikum an
und stößt es ab
in meinem Fall habe ich das Publikum
immer abgestoßen
je größer der Schauspieler
und je höher die Kunst des Schauspielers
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Das Publikum strömt zu dem großen Schauspieler
und ist in Wirklichkeit abgestoßen von seiner Kunst
und je unglaublicher seine Kunst
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Die Leute applaudieren
aber sie sind abgestoßen

Alles schön böse, aber mit einem treffenden Kern, Thomas Bernhard eben.

HIER der Link zur Stückeseite von „Minetti“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Monika Rittershaus

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THEATER: Streaming – Rechtsextremer Geheimplan gegen Deutschland

Der Regisseur und Intendant des Volkstheaters Wien Kay Voges bringt die kürzlich veröffentlichte Recherche des investigativen Medienteams Correctiv zum Treffen von AfD-Personen mit staatsfeindlichen Rechtsextremen (Koproduktion des Berliner Ensembles und des Volkstheaters Wien) in Form einer szenischen Lesung auf die Bühne des Berliner Ensembles. Das kostenlose Livestream wird auf www.volkstheater.at, auf nachtkritik.de und auf www.berliner-ensemble.de angeboten. Der Link ist nun auch auf der Website der Münchner Kammerspiele zu finden. HIER.

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LITERATUR: Jon Fosse – „Ich ist ein anderer“ und „Trilogie“

HIER die Besprechung zur Inszenierung von Peer Gynt am Münchner Residenztheater.

Bei beiden Autoren – bei Henrik Ibsen und bei Jon Fosse – geht es im Kern um das Leben des Menschen: Was macht man? Was steht man durch? Was wird werden? Wer ist man? Henrik Ibsen ging es eher Goethe-ähnlich an, Jon Fosse fast religiös.

Bei Ibsens „Peer Gynt“ ging es darum, dass ein einzelner Mensch – Peer Gynt – sich zuerst durch seine Welt phantasiert und später alles Mögliche erreichen will und erreicht, um zu sich selbst zu finden. Er findet sich aber nicht. Von Jon Fosse wiederum stelle ich hier zwei Bücher vor: Den Roman „Ich ist ein anderer“ und den Roman„Trilogie“.

Grundsätzliches:

Jon Fosse ist besonders zu lesen. Beide von mir hier besprochenen Romane sind jeweils EIN EINZIGER Satz! (Man stößt drei/viermal mittendrin auf einen Punkt, das muss aber fast ein Versehen des Verlages sein, meinte ich.) Man bemerkt aber dadurch schnell eine besondere Unmittelbarkeit dessen, was man liest. Im wirklichen Leben und in den Gedanken gibt es eben keine Punkte! Das Leben und die Gedanken sind punktlos und kommen dem Leser/der Leserin eines Textes ohne Punkt damit fast näher! Das Leben als nicht endende Reihenfolge von ständigen Handlungen und ständigen Gedanken, von Geschehen und Erinnerungen. Punkte als Satzzeichen wären künstlich. Alles ist ein Fluss. Πάντα ρεί. – Ob Jon Fosse immer so schreibt, weiß ich (noch) nicht.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“:

Es steht der Maler Asle im Mittelpunkt, den man durch seine Gedankenwelt begleitet. Eine Gedankenwelt, die noch grundsätzlicher ist, als es Henrik Ibsen beschreibt. Es geht in „Ich ist ein anderer“ manchmal geradezu religiös (christlich) um das Leben und den Tod. Von Gott und dem Vaterunser liest man.

Zweite Feststellung dazu: Jon Fosse ist im Roman „Ich ist ein anderer“ durchaus kompliziert. Etwa: Asle, der einsamer Kunstmaler, hört von einem anderen Asle, den er auch kennenlernt. Vielleicht ist es wiederum er selbst – „Ich ist ein anderer“ eben! Er traf ihn schon irgendwann in der Vergangenheit. Der „andere“ Asle ist ihm extrem ähnlich! Asle denkt immer wieder an seine eigene Vergangenheit, an den jungen Asle also. Man muss überhaupt vorsichtig sein beim Lesen. Asle denkt an mehrere Personen, deren Namen auch fast alle mit dem Buchstaben A beginnen. Asles Schwester heißt Alida, Asles Freundin heißt Ales. Sie ist gestorben. Ales‘ Schwester heißt Alise. Ein Freund von Asle heißt Asleik … . Und Asle fährt ins Krankenhaus, will den „anderen“ Asle besuchen, er denkt auch daran, wie er früher seine Großmutter im Krankenhaus täglich besucht hatte und und und. Kompliziert aber gut verständlich, weil so das Leben ist!

Das aktuell von Asle Erlebte einerseits (die „Handlungsebene“) und Asles Gedankenwelt andererseits wechseln ständig. Der Roman ist eine Mischung von „stream of consciousness“ und Erzählung eines Geschehens. Es wechselt ständig allein durch ein „und“ im punktlosen Roman. Der Roman beginnt auch mit einem „Und …“. Die Erinnerungen, die Asle ständig begleiten, sind dabei wichtiger als das Geschehen, denn gerade dadurch erzählt Jon Fosse, gerade dadurch lernt man Asle kennen. Der Mensch ist nun einmal seine eigene Vergangenheit. Asle fährt Auto, wartet im Schneetreiben auf einen Galeristen, kaum mehr. Auch die Zeitebenen springen ständig. Kindheit – Jugend – spätere Zeit. Wahrscheinlich ist alles autobiografisch geprägt.

Ein Thema, das Asle im Roman „Ich ist ein anderer“ besonders beschäftigt, ist das Malen. Ist es damit ein „Künstlerroman“? In vielen Gedanken äußert sich Asle jedenfalls zu seinem Verhältnis zum Malen, zu seinem Verständnis vom Malen, zu seinen Bildern, zu den Ausstellungen. Schon in der ersten Zeile des Romans spricht er von dem „Bild mit den zwei Strichen“.

Zum Roman „Ich ist ein anderer“ muss man außerdem wissen, dass er Teil einer „Heptalogie“ ist. Deswegen beginnt der Roman auch mit „Und“, er ist der Mittelteil der Reihe. Vor kurzem hat Jon Fosse seine „Heptalogie“ abgeschlossen. Er hat in sieben Teilen – verteilt über drei Bücher – über das Leben und die Vergangenheit dieses einsamen Kunstmalers Asle (und seiner Familie) geschrieben. Die Bücher der Heptalogie lauten insgesamt: „Der andere Name“ (Teile I und II), „Ich ist ein anderer“ (Teile III – V) und „Ein neuer Name“(Teile VI und VII).

Zum Roman „Trilogie“:

Das zweite der beiden Bücher („Trilogie“) ist einerseits ähnlich, andererseits ganz anders: Auch hier jedenfalls – das zur „Ähnlichkeit- schreibt Jon Fosse in einem einzigen Satz! Es ist hier eine Erzählung in drei Teilen. In diesem Roman ist aber die Handlungsebene entscheidend, nicht die Ebene der Erinnerungen. Der Roman „Trilogie“ ist nicht Teil der oben genannten „Heptalogie“.

Der Roman „Trilogie“ ist die düstere und schwere Geschichte eines jungen Paares, in der wiederum Handelnde mit den Namen auftauchen, die man in der Heptalogie findet (Asle vor allem). Es geht wieder um einen Asle, um ihn und seine schwangere Freundin, dieses Mal namens Alida. Alida war im oben besprochenen Roman der Heptalogie der Name der Schwester von Ales.

„Trilogie“ sind (wie gesagt) drei Erzählungen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Asle, der zweite Teil ebenfalls, Asle hat sich hier aber den Decknamen „Olav“ gegeben. Warum, erfährt man. Der dritte Teil ist ein Rückblick aus der Sicht von Alise, der Tochter von Alida. Alise ist die Tochter aus Alidas „zweiter Ehe“ oder „zweiter Beziehung“, da Asle hingerichtet wurde. Warum wird Asle hingerichtet? Man liest es im ersten Teil! Aufgrund seiner Taten im ersten Teil hat sich Asle auch den Namen „Olav“ gegeben.

Die zweite Ehe oder zweite Beziehung ist Alida nach Asles Hinrichtung mit dem um 25 Jahre älteren Asleik eingegangen. Auch den Namen Asleik kennt man aus der Heptalogie. Wie alles zusammenpasst, ich habe es nicht ganz hinbekommen. Jon Fosse spielt mit den Namen.

Es ist jedenfalls sehr besondere Literatur. Insgesamt ist es nicht die Handlungsebene, die die von mir gelesenen Romane bestimmt, es ist immer wieder die Ebene der Erinnerungen und der Gedankenwelt – meist von Asle.

HIER der Link zur Verlagsseite von Jon Fosse, auf der seine Bücher zu finden sind

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LITERATUR: Tonio Schachinger – Echtzeitalter

HIER der Link zu einer ersten Besprechung des Romans auf dem Sender 3Sat, damals am Tag der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2023. Und HIER ein etwas längeres Gespräch mit Tonio Schachinger über dessen Roman auf dem „Blauen Sofa“.

Im Roman „Echtzeitalter“ geht es um den an eine elitäre, konservative und natürlich altmodische Schule in Wien eingeschulten Jungen namens Till, den man im Roman bis zum Schulabschluss verfolgt. Die Schule wird im Roman Marianum genannt, angelehnt ist alles an das in Wien real existierende Theresianum, die renommierteste Schule in Wien, auf der Tonio Schachinger selbst war.

Till, in der Schule erst unauffällig, dann gefährdet, gibt sich einem Hobby hin, das an dieser Schule völlig fehl am Platze ist: Dem Onlinespielen. Age of Emperors. Zwei Welten, die nicht zueinander passen und auch in diesem Roman nicht zueinander kommen. Till steigt durch seine oft nächtlichen Aktivitäten zu einem der zehn besten Spieler von Age of Emperors weltweit auf und wird schließlich sogar zu Turnieren zum Beispiel in China eingeladen. Till hat seine Stärken schulisch ohnehin in der Mathematik und den Naturwissenschaften, nicht in den Geisteswissenschaften. Auch das findet im Marianum schon kaum Anklang, macht es ihm schwer. Beide Welten – die Tradition der Schule und seine Onlinewelt – werden aber gerade durch ihre Trennung voneinander sehr prägnant und realistisch dargestellt! Der Roman endet dann mit einer Äußerung von Till mit Rückblick, eine Äußerung, die er kurz nach dem Ende der Schulzeit macht: „Es war die Hölle, du Idiot!“. Was kurz davor gesagt wird, siehe unten.

Es geht aber nicht nur „platt“ um diesen Konflikt zwischen den althergebrachten Strukturen dieses Gymnasiums und Tills Zuneigung zu modernem Onlinespielen. Dieser Grundkonflikt schwelt quasi nur nebenbei mit. Der Roman zeichnet sich im Grunde dadurch aus, dass all die Personen, die auf Tills Schulweg über die Jahre hinweg eine Rolle spielen, immer wieder etwas anders, als man es „gewohnt“ ist, aufgezeigt werden. Sie werden garnicht umständlich beschrieben, sie handeln. Die Lehrer, besonders der oberstrenge Klassenlehrer Dolimar, die engeren oder entfernteren Freunde, die Klassenkameraden, die Freundinnen Fina und Feli, die erste große Liebe, die Eltern, alle haben ihre Welten. Till muss sich durch all das durchlavieren, sehr realistisch, mit vielen gängigen Problemen: Die Scheidung der Eltern, der Tod des Vaters, das Mädchen Feli (die erste Liebe wie gesagt, die sich erst nach Jahren ergibt), der besagte Klassenlehrer Dolimar (ein strenger Tyrann, der auf alte Traditionen und Werte abstellt, nur Literaturklassiker lesen lässt und ständig bei kleinsten Verfehlungen Strafen verteilt), das Rauchereck m Schulhof, die Umgehung von Schulstrafen und und und. „Sgoterfessor“ sagt man, wenn man einem Lehrer im Gang der Schule begegnet. Das waren noch Zeiten!

Schachinger hat dafür einen schönen eigenen Sprachstil. Einerseits beschreibt er vieles – nicht etwa die Personen – in oft komplizierten, verschachtelten Sätzen, die ich teils mehrfach lesen musste. Andererseits aber geht er dadurch ständig wunderbar treffend auf die einzelnen Situationen und auf deren immer wieder vielfältigen Auswirkungen für Till ein. Ich empfehle, das Buch deswegen relativ langsam zu lesen. In jedem Satz steckt sehr viel. Das ist die Kunst von Schachinger! Dann aber kommen auch wieder ganz knappe Schilderungen, wenn es passt. Der Stil ist modern und locker.

Nicht leicht ist es nur, immer die Zeitsprünge der mehrere Jahre dauernden Schulzeit von Till mitzubekommen, das aber ist nur eine kleine Nebensache. Es bleibt wirklich interessant, dass man ständig gleichzeitig durch Till einen Blick auf die alte – strenge – Welt dieser Schule und auf die neue – freie – Welt des Onlinegamings wirft. Und zusätzlich Tills Entwicklung über die Jahre hinweg mit den „gängigen“ Problemen und Freuden der Jugend mitbekommt. So wird es im Grunde zu einer Gesellschaftsschau. Eine Art Kulturclash. Die beide Welten (konservative Eliteschule und Onlinegaming) haben dabei auch heute noch jede für sich ihre eigene Berechtigung, merkt man. Es ist nicht so, dass das Eine das Andere aushebeln würde. Deswegen sagt Palffy etwa, ein ehemaliger Schulkamerad von Till, ebenfalls im Rückblick auf seine Schulzeit im Marianum am Ende des Romans:

„ Weißt du, im Nachhinein war’s schon cool, was uns der Dolimar beigebracht hat, auch wenn mir vorkommt, dass ich schon alles vergessen hab. Ich vermiss das Marianum sogar ein bissi, weißt du, einfach so in der Schule sitzen und etwas beigebracht bekommen, über, keine Ahnung, Eposse oder Minnelieder. Es war schon super, eigentlich.“

Und Till sagt dann eben:

„Spinnst du? Es war die Hölle, du Idiot!“

Tja, man kann beides brauchen, muss fast beides im Auge haben, Altes und Neues.