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THEATER: William Shakespeare – Richard II., eine Inszenierung von Claus Peymann

HIER der Link. Es ist eine gerade gegen das Ende hin großartige Inszenierung! Schauspielerisch ganz wunderbar!

Die Aufführung ist ZUM EINEN für jeden/jede, der/die eindrucksvolle schauspielerische Leistung erleben will, ein wahrer Genuss! Michael Maertens spielt den englischen König Richard II. schlicht großartig, es ist fast einer Soloaufführung! Aber auch die anderen SchauspielerInnen: Wunderbar, auch durch die ständigen Nahaufnahmen der Aufzeichnung. Michael Maertens ist heute übrigens („aktuell“) im Ensemble des Wiener Burgtheaters, vor wenigen Jahren spielte er den Jedermann bei den Salzburger Festspielen, die ja gerade wieder (auch „aktuell“) stattfinden.

Wenn allerdings der Regisseur einer Inszenierung auch für die schauspielerische Leistungen an sich ausschlaggebend ist oder sein kann, dann ist diese Inszenierung wohl nicht nur ein großes Werk von Michael Maertens, sondern auch ein großes Werk des kürzlich (auch „aktuell“) verstorbenen Claus Peymann!

ZUM ANDEREN: Dieses Stück von William Shakespeare, das selten auf der Bühne zu sehen ist, hat sogar eine gewisse inhaltliche Aktualität: Ich hatte im Blog einmal über das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt geschrieben, ein Buch über William Shakespeares „Machtkunde“, HIER der Link. Dort heißt es auf Seite 10 – und man denkt an das heutige Amerika:

“Wie kann es sein, so fragte er (Shakespeare), dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung hat, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht die Wahrheit schert? Unter welchen Umständen würden Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstoßend, sondern attraktiv, ja erregen sogar glühende Bewunderung? Warum geben sonst stolze Menschen ihre Selbstachtung auf und unterwerfen sich der Unverfrorenheit des Tyrannen, seiner Überzeugung, ungestraft sagen und tun zu können, was er will, seiner spektakulären Schamlosigkeit?

Es passt nicht eins zu eins auf Donald Trump (auch „aktuell“), aber annähernd. Und auch in „Richard II“ greift Shakespeare diese Fragen auf. Für Shakespeare drohte vor allem eine tiefe Spaltung oder Teilung Englands bei einer Machtübernahme nach Richard II. durch Bolingbroke, später Heinrich IV.. Bolingbroke wäre hier Donald Trump, der allerdings sogar gewählt wurde. Eine Folge, wie sie Shakespeare anspricht (Spaltung des Landes), zeigt sich allerdings in den USA noch nicht.

Zu William Shakespeare muss man immer wissen: Er wählte „Historiendramen“, da er nicht direkt in die aktuellen politischen Diskussionen der Zeit um 1590 eingreifen durfte. Bloß nichts Aktuelles, der todbringende Vorwurf des Hochverrates lag damals schnell nahe! Die Zeiten von Shakespeare waren in England hochriskant und hochkontrovers. Der immer schwelende Konflikt von Protestantismus (Königin Elisabeth) gegenüber Katholizismus (Königin Maria) rüttelte lange Zeit heftig an England, die heutige Teilung Irlands ist ja immer noch ein Zeichen davon. Auch gegen die protestantische Königin Elisabeth gab es zu Shakespeares Zeiten natürlich Putschversuche. Königin Elisabeth und Königin Maria (katholisch) waren ja Töchter von Heinrich VIII.

Zu Richard II. sollte man wissen: Er war König von England von 1377 bis 1399, Stichwort „Historiendrama“, wurde dann abgesetzt und ermordet. Darum geht es in Shakespeares „Richard II.“. Nach ihm kamen u.a. Heinrich IV.-VI. und Eduard IV. und V., 1483 kam Richard III. Und so weiter.

Die Inszenierung von Claus Peymann fällt ansonsten noch auf durch ihre klare Sprache, durch das klares so schlichte Bühnenbild und ganz vereinzelt durch eine seltene ganz kurze plötzlicheWendung in einen heutigen Gesprächston hinein, nur einzelne Wörter lang. Sehenswert.

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THEATER: Thomas Bernhard – Minetti

Zuletzt war – zwei Jahre ist es schon her – in München an den Kammerspielen der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zu sehen. HIER meine damalige Besprechung.

Claus Peymann und Bernhard Minetti – die wohl wichtigsten Personen der Theaterwelt von Thomas Bernhard! Speziell Claus Peymann hatte in seiner Schaffenszeit immer wieder Inszenierungen der Theaterstücke von Thomas Bernhard gebracht, vor allem zu den Zeiten, als er – Peymann – Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart (1975-1979) und am Schauspielhaus Bochum (1980-1985) war, danach auch am Burgtheater Wien und am Berliner Ensemble. Und Bernhard Minetti war immer wieder einer der SchauspielerInnen dieser Theaterstücke. Vor allem natürlich in dem nach ihm selbst benannten Stück „Minetti“.

Claus Peymann war es natürlich auch, der das Stück „Minetti“ schon 1976 in Stuttgart mit Bernhard Minetti zur Uraufführung gebracht hatte. HIER ein kurzes Video dazu mit einem kleinen Ausschnitt von 1976.

Thomas Bernhard wiederum – der Dritte im Bunde – hatte seinerseits für beide – Claus Peymann und Bernhard Minetti – einmal etwas geschrieben: Über Bernhard Minetti hatte er ein Theaterstück geschrieben und über Claus Peymann ein Dramolette. Das Erstere nannte er eben einfach „Minetti“ (eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Stuttgart), das zweite nannte er „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Dieses Trio der Theaterwelt in den Siebzigern/Achtzigern!

Es gibt ein schönes Buch mit extrem viel Enblick in das gesamte Theaterleben von Claus Peymann: „Mord und Totschlag“, mehr als 500 Seiten, erschienen beim Alexander Verlag in Berlin.

Nun also „Minetti“ am Münchner Residenztheater, eine Inszenierung von Claus Peymann. Die jetzige Inszenierung des „Minetti“ ist wahrscheinlich der damaligen Inszenierung sehr ähnlich. Zum einen gibt auch der Text des Theaterstückes von Thomas Bernhard schon sehr genaue Angaben zum Geschehen. Zum anderen hielt und hält sich Claus Peymann sehr genau hieran.

HIER ein Trailer zur Inszenierung des Münchner Residenztheaters.

Das Stück ist im Grunde ein Soloauftritt. Der Soloauftritt des alten Schauspielkünstlers Minetti, der seit 30 Jahren nicht mehr Theater gespielt hat. Er will in einer Hotelhalle den Intendanten des Theaters Flensburg treffen, um mit ihm eine letzte Aufführung von „König Lear“ von William Shakespeare zu besprechen. Der Intendant kommt natürlich nicht. So redet der Schauspieler über das Theater, die Schauspieler, die Zuschauer, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Kunst. Es ist eine Abrechnung mit abstrusen Äußerungen, die man zunächst natürlich kaum verstehen kann. Ich empfehle daher, davor oder danach das Buch „Minetti“ (meistens zusammen mit anderen Theaterstücken von Thomas Bernhard) noch zur Hand zu nehmen.

Wieder einmal wird ein Theaterstück von Thomas Bernhard in dunkler Atmosphäre gezeigt, fast alles ist dunkelgrau oder schwarz. Nur ein Sofa ist knallrot, später noch ein zweites. Und eine sehr bunte Gruppe Feiernder geht mehrfach kurz durch die Bühne. Der Schauspielkünstler Minetti ist schwarz gekleidet. Es ist verwunderlich, ich könnte mir vorstellen, dass die Texte von Thomas Bernhard gerade auch bei „positiverem“ Bühnenbild extrem gut wirken würden. Thomas Bernhard mochte ja auch die Sonne, war öfters auf Mallorca. Das Thomas Bernhard’sche Niedermachen der Verhältnisse käme sicher auch dann gut zur Geltung.

Mathias Zapatka spielt Bernhard Minetti. Im Grunde meistert er den eineinhalbstündigen Abend alleine. Ein Freund schrieb mir vor wenigen Wochen nach der Silvester-Vorstellung des „Minetti“, der Abend sei „grandios“ gewesen, Mathias Zapatka ein wunderbarer Minetti. So kann man es sehen, eine große Leistung! Gut, ich persönlich hatte einen noch älteren Minetti vor Augen, aber Claus Peymann kann das natürlich besser beurteilen. Die Verzweiflung oder Resignation in den Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ verträgt jedenfalls ein sehr hohes Alter, keine Agilität. Sie verträgt den Verfall, daher rührt wohl meine Vorstellung eines noch älteren Minetti. Mathias Zapatka kam mir fast noch zu agil vor.

Und ich konnte mir nicht helfen, aber es ging mir fast zu schnell. Der Text von Thomas Bernhard hätte über zwei Stunden vertragen, dann hätte man vielleicht das „Bernhardeske“ der Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ Stück für Stück noch deutlicher wahrgenommen.

Aber wie will man auch Thomas Bernhard verstehen? Er schreibt in „Minetti“ etwa: Die Gesellschaft ist Stumpfsinn. So könnte man zum Schluss kommen, der Schauspielkünstler Minetti meint damit: Die Klassik – der er sich ja „seit dreißig Jahren verweigert“ hat – sei ebenso Stumpfsinn, weil die Gesellschaft natürlich die Klassik mag! Sie mag sie, obwohl sie sie garnicht versteht! Er wiederum, Minetti, verabscheue die Klassik wohl gerade deswegen. Aber es geht weiter: Die Gesellschaft versteht natürlich auch Shakespeare nicht! Er als Schauspielkünstler dagegen versteht wohl auch Shakespeare, er will aber nicht, dass die stumpfsinnige Gesellschaft Shakespeare falsch versteht! Deswegen hat er sich der Klassik verweigert. Und so weiter.

Schön ist auch der Passus über das Verhältnis des Schauspielers zum Publikum:

Der Schauspieler
ist das Opfer seiner fixen Idee einerseits
andererseits vollkommenes Opfer des Publikums
er zieht das Publikum an
und stößt es ab
in meinem Fall habe ich das Publikum
immer abgestoßen
je größer der Schauspieler
und je höher die Kunst des Schauspielers
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Das Publikum strömt zu dem großen Schauspieler
und ist in Wirklichkeit abgestoßen von seiner Kunst
und je unglaublicher seine Kunst
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Die Leute applaudieren
aber sie sind abgestoßen

Alles schön böse, aber mit einem treffenden Kern, Thomas Bernhard eben.

HIER der Link zur Stückeseite von „Minetti“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Monika Rittershaus