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THEATER: A. L. Kennedy – Als lebten wir in einem barmherzigen Land

Theater brauchen Identifikationsfiguren, denke ich. Wiebke Puls ist ohne Frage eine solche für die Münchner Kammerspiele! Seit 2005 ist sie im Ensemble des Theaters! Edmund Telgenkemper wiederum war zunächst von 2006-2015 im Ensemble, wechselte dann nach Zürich und ist nun seit 2020 wieder hier am Haus. Er arbeitet sich gewissermaßen hoch zu einer der Identifikationsfiguren, hatte seit seiner Rückkehr zahlreiche interessante Rollen, mehr Rollen und auch prägendere Rollen, als andere, ist mein Eindruck. Eine „aktuelle Identifikationsfigur“ ist er gewissermaßen.

Weitere Einzelheiten zu allen derzeitigen Schauspielern der Münchner Kammerspiele können HIER nachgelesen werden.

Beide, Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper, verausgaben sich also an diesem Abend bei „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“. Die Inszenierung basiert auf dem neuesten Roman der englischen Schriftstellerin A.L. Kennedy. A. L. Kennedy kannte ich bisher nicht, ich habe mich auf den Abend „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ auch nicht besonders vorbereitet. Den Roman werde ich nachträglich lesen. Neun Romane hat sie bisher geschrieben, neben vielen anderen Werken.

„Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ ist die Geschichte zweier Personen. Die Geschichte der Grundschullehrerin Anna und des früheren Polizeispitzels und späteren Auftragsmörders Buster. In jungen Jahren waren beide schon zusammengetroffen: Anna war damals rebellisch für ein Straßentheater aktiv, Buster wurde Mitglied der Gruppe, spitzelte aber nur für die Polizei. Das hat Anna nie verwunden.

Ab hier wird es im Einzelnen kompliziert, vielleicht, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe. Anna erzählt etwa zu Beginn ausführlich das Märchen vom Rumpelstilzchen und nennt jemanden wie Buster in Anlehnung daran das „Stilzchen“. Schon die Verbindung von Anna und Buster zu diesem Märchen ist mir nicht ganz klar gewesen. Anna möchte Buster stellen, als sie ihn Jahre später wieder trifft. Buster wiederum schildert an diesem Abend recht ausführlich seine früheren Morde. Er sucht aber bei Anna letztlich Vergebung, Barmherzigkeit. Themen kommen zur Sprache: Was mache ich? Wer bin ich? Bin ich nicht doch ein anderer, als derjenige, der etwas macht? Kann man nicht alles vergeben?

Die großen Leistungen von Wiebke Puls und Edmund Telgenkemper hätten es verdient, dass deren Geschichten noch besser verstanden werden. Akustisch wird es manchmal auch dadurch erschwert, dass der Abend durchgehend musikalisch – durchaus passend – von sphärenhafter Synthesizermusik live begleitet wird.

Auch das Bühnenbild erschließt sich nicht leicht. Anna sieht man – vor allem anfangs – öfters wohl behütet sich räkelnd in einem großen Ballen aus Ästen und Zweigen. Buster tritt – auch vor allem anfangs – in einem Glaskubus auf. Später sieht man auch Anna in diesem Glaskubus, Buster im gemütlichen Ballen, alles in einem recht kleinen vorderen Bereich der Bühne.

Ich konnte also die schauspielerischen Leistungen genießen, werde aber über das Stück allerdings noch nachdenken und den Roman lesen. Vielleicht sollte man den Roman davor gelesen haben.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspielen.

Copyright des Beitragsbildes: Maurice Korbel