Es hängt alles miteinander zusammen, einfach alles. So hängt etwa Troja mit unserer heutigen Zeit zusammen. Hätte es den Troja-Krieg nicht gegeben, wäre Europa heute nicht so, wie es ist. Daher kommt es vielleicht auch unbewusst immer wieder im Theater vor.
Im Marstalltheater, der schönen Werkstattbühne des Residenztheaters, ist derzeit eine als „Installation“ bezeichnete Produktion mit dem Titel „Athena“ zu sehen. „Inszenierung“ Robert Borgmann. Auch Athena ist Troja. Sie ist Ende der alten und Anfang einer neuen Zeit. Die Inszenierung Athena ist sehr eigenwillig, sehr subjektiv, nicht leicht zu verstehen, symbolhaft, nachdenklich, aber kunstvoll. Athena – ein Wendepunkt im Verhalten der Menschen.
Athena ist die Göttin, zu der Orestes flieht, der wieder einmal von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Athena soll Orestes helfen. Orestes hat ja aus Rache seine eigene Mutter Klytaimnestra getötet, das soll natürlich auch wieder gerächt werden. Klytaimnestra hatte aber zuvor Orestes Vater Agamemnon getötet. Auch aus Rache, weil Agamemnon ja vor dem 10-jährigen Troja-Krieg die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hatte – um günstigen Fahrtwind nach Troja zu bekommen! Schuld und Rache, immer weiter, immer weiter. Über 400 Jahre vor Christus. … Und dann kam Athena.
Aischylos hatte es so schon in seiner Trilogie „Orestie“ geschrieben „Athena“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Bei Aischylos heißt dieser dritte Teil „Eumeniden“. Die Rachegöttinnen Erynnien nennen sich nämlich ab da die Eumeniden, die Wohlwollenden. Der erste Teil der Orestie heißt „Agamemnon“, er wird derzeit auch am Residenztheater gebracht. Von Ulrich Rasche, sehr einhämmernd, mir war es too much. HIER mein damaliger Beitrag. Der zweite Teil der Aischylos-Trilogie heißt „Choephoren“, auch er wird derzeit am Residenztheater als Inszenierung von „Die Fliegen“ von Elsa-Sophie Jach gebracht. Jean-Paul Sartres moderne Fassung dieses Orestieteils.
Athena hat also tatsächlich das ewige System von Rache und Gegenrache beendet. Rache und Gegenrache basierten eigentlich immer auf dem Einfluss der Götter. Und was die Götter befahlen, machte man eben. Athena sagte jetzt aber zum ersten Mal: „Nein, ich werde es nicht weiter entscheiden. Ihr Menschen müsst selber entscheiden!“ Der Wendepunkt im Verhalten der Menschheit! Ein Schritt auf dem Weg zur „attischen Demokratie“, die nicht viel später entstand! In der attischen Demokratie gab es dann erstmals Gerichte, die über Straftaten entschieden! Also hängt Troja mit der Entstehung des Gerichtswesens zusammen! Und somit mit unserer Zeit!
Die Inszenierung von „Athena“ im Marstalltheater hat selber drei Teile. 1. Orestes – 2. Athena – 3. Familie (Klytaimnestra, Agamemnon, Iphigenie, Orestes, seine Schwester Elektra, auch Kassandra). Kassandra war auch Teil der Trojageschichte. Das Münchner Akademietheater zeigte kürzlich das Stück „Kassandra“. Auch darüber schreibe ich noch.
In der sehr symbolhaften Inszenierung „Athena“ sind die gerade genannten Figuren nicht immer klar zu erkennen. Es gibt Doppelrollen. Auch das Bühnengeschehen ist in vielen Einzelheiten nicht unbedingt verständlich. Warum wird schwarzer Wackelpudding gegessen? Warum schwarzes Wasser getrunken? Die Farbe der Rache? Des Systems der Rache? Warum zieht Orestes am Ende einen brennenden Stuhl über die Bühne? Warum der verzweifelte Schrei: „Ich bin ein Mensch!“ Viele viele Einzelheiten, zu denen sich Regisseur viele Gedanken gemacht haben wird, klare Aussagen sehen wird, sie sind aber oft etwas schwer verständlich. Man muss aber auch nicht immer alles verstehen. Man versteht einiges und kann und sollte sich mit einem gewissen Vorwissen über den inhaltlichen Hintergrund zu Einigem etwas denken. Etwa Orestes (Tiemo Strutzenberger) – immer wieder liegend im Gummiboot, das im Wasser treibt, im Wasser, das fast den ganzen Abend lang die Bühne knöcheltief füllt. Wasser, das Element des Menschen? Das Element der Unsicherheit? Des Schicksals, in dem der Mensch watet? Orestes im Boot – der Ankommende? Der Treibende, der Flüchtende, der Flüchtling? Moderne Assoziation? Suchen Flüchtlinge Gerechtigkeit? Man kann sich schöne Dinge überlegen!
Man lässt sich also ein auf eine „musiktheatrale Installation“, die man überdenken muss. Zu der man sich sein Bild machen kann. Vor dem Hintergrund: Athena hat die Welt verändert und alles hängt mit allem zusammen!
Hier noch ein Foto:

HIER der Link zur Seite der Produktion auf der Website des Münchner Residenztheaters.
Copyright der Fotos: Sandra Then

