THEATER: Thom Luz – Olympiapark in the Dark

Thom Luz kommt aus der Schweiz, Zürich und Basel, und wechselt als Hausregisseur an das Münchner Residenztheater (ist es offenbar auch noch am Theater Basel). Er bringt gerne skurrile, poetische Annäherungen an ganz spezielle Themen. Ein sehr eigenes Gesicht haben seine Produktionen, er selbst hat eine eigene Handschrift, kaum anders zu finden.

Eine solche Themenwelt war bisher etwa: „Dinge, die verschwinden„. Thom Luz sei ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“, heißt es irgendwo. Mit der Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Oder kürzlich „Radio Requiem“, auch das Thema des Verschwindens. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Auch das gab ihm Anlass, seine Poesie des Verschwindens zu entfalten.

Jetzt der Abend „Olympiapark in the Dark“ am Residenztheater (im Marstall). Erstaunlicherweise geht es hier nicht um das Verschwinden, sondern um das Ankommen, das Sich-Annähern an Fremdes, an München nämlich. Und zwar mit Klängen, mit Musik, mit Geräuschen und Dissonanzen. Nicht Harmonisches. Auch immer wieder mit kurz oder lang angespielten (oft bayerischen) Musikstücken oder angerissenen Erzählungen von Dingen, die irgendwie mit München zu tun haben. Karl Valentin, ein Busunglück in Südtirol mit vielen gestorbenen Personen, die nach München wollten, Albert Einstein, sieben Kirchenglocken ….

Werkstattcharakter, natürlich Werkstattcharakter auf der schwarzen Bühne. Und, wie gesagt, viele unfertige Dinge. Erzählungen nur wenige und kurze, ansonsten oft unharmonische Musik, auch Geräusche, etwa das Knistern von Kies beim Gehen. Oder im Eck ein auf dem Kopf stehender kleiner Film über München, den alle fragend betrachten.

Am konkretesten wird es dann gegen Ende, wenn der Olympiapark ins Spiel kommt. Man sieht Videoaufnahmen von der Gruppe der Schauspieler am Olympiaberg. Einer von ihnen läuft immer hinterher, gehört nicht ganz zur Gruppe. Auch das könnte einer der Eindrücke von München sein: Mia san mia. Zwei große schöne Laternen aus dem Olympiagelände werden auf die Bühne getragen.

Und immer wieder Musik. Musik, die aber – wie die Erzählungen – oft unterbrochen wird. Aus der Musik entsteht ein Spiel mit den auf der Bühne verteilten Lautsprechern, man greift herumhängende Mikrophone, spielt auf Streichinstrumenten. Alles immer wieder unterbrochen, wie im richtigen Leben. Eine der Überlegungen von Thom Luz wird in Richtung Musik gehen. Vielleicht: Es ist nicht die harmonische Musik, die uns die Welt zeigt, wie sie ist.

Und ein Gedanke von Thom Luz aus dem Programmheft: „Also man wird auf einem Teppich geboren, rollt dann eine halbe Arschbacke weiter auf diesem Teppich von links nach rechts hört dabei etwas unverständlichen Straßenlärm aus dem Fenster und stirbt kurz darauf, und der Teppich hat sich dabei nicht verändert

Tja, und hört viele Klänge, Versuche von Musik …. Es ist ein „tyischer Thom Luz“, etwas schwerer verdaulich diesmal, etwas weniger Poesie, aber wieder mit Nachwirkung. Die Dinge – mehr als hier angesprochen – wirken ineinander.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheraters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Simon Stone – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Die vierte Premiere der neuen Spielzeit am Münchner Residenztheater. „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, inszeniert von Simon Stone. Das „Stück“ kommt aus Basel, es „lief“ am Theater Basel, wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen als eine der 10 „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des Jahres 2017.

Über dem Stück liegt etwas wie: Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen.

Die Inszenierung wird nun gewissermaßen den Münchner Theasterfreunden vom Residenztheater „geschenkt.“ Es ist ein schönes Geschenk!

Ich hatte die Inszenierung damals in Berlin gesehen. Jetzt hatte ich erneut die Gelegenheit. Mit komplett denselben SchauspielerInnen kann man sie jetzt wieder sehen. Denn zusammen mit dem Intendanten Thomas Beck sind unter anderen genau die SchauspielerInnen, die an dieser schönen Inszenierung immer schon mitwirkten, von Basel nach München, an das Residenztheater, gewechselt. Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.

Es wechselten noch weitere SchauspielerInnen vom Theater Basel an das Münchner Residenztheater, man sieht ein großes neu zusammengestelltes Ensemble.

HIER mein damaliger Bericht über die Inszenierung von „Drei Schwestern“, die am Theatertreffen 2017 in Berlin gezeigt wurde. Damals hatte ich etwa geschrieben:

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss!“

Das ist ein Aspekt: Alltagsgeschehen. Drei Tage verfolgt man, verteilt über einige Monate, in einem Landhaus, das auf der Bühne steht und sich immer wieder langsam dreht. Ein sehr gelungenes Bühnenbild. Das Besondere ist, dass man immer wieder gleichzeitig in verschiedene Zimmer blickt. Weihnachtsvorbereitungen, Gurke schneiden, Musik, die Toilette, das Schlafzimmer, der Weihnachtsbaum … klingt unspannend, aber:

Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Ihren Ehepartnern und ein/zwei Freunden zusammen. Das erste Treffen im Frühling, ein Geburtstag, die Weihnachtsfeier dann im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil.

All das banale Alltagsgeschehen und Gerede zeigt sich vor dem Hintergrund, der im Programmheft gut dargestellt wird und vielleicht Tschechows Intention trifft:

Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. Sie reden, um zu reden. Sie reden, ohne einander zu antworten: aneinander vorbei, jeder mit sich selbst beschäftigt. Sie reden, um zu verschweigen, was sie denken. Sie reden, um sich selbst etwas vorzumachen. Immer wieder entstehen Pausen, weil sie einander nicht verstehen oder nicht zuhören. Tschechow entdeckte die dramatische Bedeutung des Schweigens“. (Siegfried Melchinger in: Süddeutsche Zeitung vom 02.11.1968.)

Und man liest im Programmheft:

„… vielleicht das vollendetste der Tschechow’schen Dramen … die ausschließliche Darstellung einsamer, erinnerungstrunkener, von der Zukunft träumender Menschen.“ (Peter Szondi, Frankfurt am Main 1965.


Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören, rennt irgendwie gegen die Wand. Oder trägt schon länger Unglück mit sich herum. Olga, die älteste der Schwestern (alle sind recht jung), sie ist es, der derallmähliche Verfall auffällt. Sie schreit – wild durch das Ferienhaus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es nicht aufhalten.

Alle SchauspielerInnen spielen hervorragend selbstverständlich ihre Alltagsrollen. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen. Das macht durchgehend Spaß. Man sieht Ihnen allen in diesem Landhaus so gerne zu, das „Stück“ wird den SchauspielerInnen ans Herz gewachsen sein.

Hier ein paar Andeutungen zu den sich anbahnenden Zerstörungen des persönlichen Glücks:

Mascha, die mittlere Schwester, ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht Ehebruch mit Alexander. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder, seine Familie bewohnt das Nachbarhaus, und begeht somit seinerseits Ehebruch. Sie wollen nach Amerika. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. ansehen!
Irina, die jüngste der Schwestern, reagiert zögerlich, als sie von ihrem Freund Nikolai gefragt wird, ob sie ihn denn wirklich liebt. Und Nikolai … ansehen!
Olga, die älteste der Schwestern, zerstört dagegen am wenigsten. Weder ihr Leben noch das Leben anderer.

Andrej wiederum, der Bruder der drei Schwestern, ist drogensüchtig, verspielt alles Geld, hat seinen Job aufgegeben.
Roman, der etwas ältere Freund im Kreis, steckt im Existenzialismus fest, trinkt und … ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister müssen erkennen, dass das Haus, der Familienbesitz, verkauft wurde, von Andrej wegen seiner Schulden. Natascha, die Ex-Frau von Andrej, kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej nebenbei, dass ihr zweites Kind … ansehen.

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.

Thema dieser Inszenierung ist der Verfall. Jeder hat Schwierigkeiten, das zu erreichen, was er/sie sich wohl vorstellt oder wünscht. Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit und ihren Zukunfts-vorstellungen nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Was harmlos beginnt, endet teils tragisch.

Ich dachte mir auch: Wie unterschiedlich die Aspekte sind, die man aus Tschechows „Stück“ „Drei Schwestern“ ziehen kann! So geht es in der derzeit „gegenüber“ an den Münchner Kammerspielen zu sehenden, völlig anderen Inszenierung der Drei Schwestern allein darum, dass die drei Schwestern nie vom Fleck kommen. Von Moskau träumen, aber nie dorthin kommen. HIER meine damalige Besprechung zu dieser auch sehr interessanten, höchst abstrakten Inszenierung von Susanne Kennedy.

HIER der link zur Stückeseite des Residenztheaters mit weiteren Bildern, Trailer etc.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


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MUSIK: David Bowie – Heroes

Ich habe kürzlich die Münchner Premiere der wunderbaren Inszenierung von Anton Tschechows „Drei Schwestern“ am Münchner Residenztheater (genauer: Drei Schwestern NACH Anton Tschechow) gesehen. Daher kommt heute die Musik. Eine Inszenierung von Simon Stone. Sie war ja eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017, lief damals am Theater Basel.

Auch in Berlin hatte ich die Inszenierung gesehen, HIER mein damaliger Beitrag. Ich schriebe in Kürze noch einmal darüber, aufbauend auf dem damaligen Bericht. Damals hatte ich an vielen Stellen, um nicht zuviel zu verraten, geraten, das Stück auf 3sat anzusehen, dort lief es kurze Zeit. Jetzt kann man es wieder auf der Bühne sehen – mit derselben Besetzung – am Münchner Residenztheater. Die dort auftretenden SchauspielerInnen sind sämtlich mittlerweile Mitglieder des Ensembles des Münchner Residenztheaters!

Zur Musik:

Ich bringe immer wieder gerne auch Klassiker „meiner Zeit“. Auch hier: In Simon Stones Inszenierung von „Drei Schwestern“ setzt sich einer der Besucher der Drei Schwestern – Theodor, der Ehemann der mittleren Schwester Mascha – einmal an das Klavier im Wohnraum des Landhauses und spielt dieses Stück von David Bowie.

David Bowie starb ja am 10. Januar 2016. Hier ein Livemitschnitt. Es ist eine Aufnahme mit lyrics. Der Text handelt von zwei Liebenden, die sich an der Berliner Mauer küssen, während Grenzsoldaten auf sie schießen. David Bowie lebte eine Zeit lang in Berlin. Hier:

Eine ganz andere Version von “Heroes“: Von Moby, von seinem letzten Album „Reprises:“:

Und noch eine Version: Von Depeche Mode live:

THEATER: Ewald Palmetshofer – Die Verlorenen

Der 400ste Blogbeitrag!!

Zur neuen Intendanz im Residenztheater: Zwei weitere Premieren: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer und „Sommergäste“ von Maxim Gorki. In Kürze folgt „Olympiapark in the Dark“ von Thom Luz und „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, eine Übernahme aus Basel, eine sehr erfolgreiche Inszenierung. Aber auch das ist nicht alles.

Zu „Die Verlorenen“: Der österreichische Autor (und Philosoph) Ewald Palmetshofer hat schon mehrfach für Andreas Beck geschrieben. Auch „Die Verlorenen“ ist eine Auftragsarbeit – jetzt für das Residenztheater. Im Grunde geht es um den Menschen der im Weltall und mit sich selbst und mit anderen immer nur verloren ist. Allein und verloren. So beginnt es auch:

Hallo? Hört uns jemand? – kann uns jemand – ist wer – ist wer da? – wir… – wir sehn wir spürn nicht, ob da …“

Das Bühnenbild ist geordnet, clean. Man wirkt nicht unbedingt verloren darin: Ein dicker weißer Rahmen verkleinert die Bühne, im Hintergrund ist auch die Tiefe des Raumes verkürzt durch eine leicht zurückversetzte große weiße Wand. Helles Licht. Ansonsten eine absolut leere Bühne. Das wiederum gibt Anlass, sich etwas verloren zu fühlen. Die hintere Wand wird sich nach der Pause absenken und nur noch ein schwarzes Nichts dahinter eröffnen. Siehe das Beitragsbild. Das tiefe Schwarz, in das man nach der Pause blickt, verdüstert dann auch die Stimmung.

Man könnte meinen, das Stück ist sehr negativ: Was ist der Mensch? – er wird geboren – er lebt „einen Augenblick“ lang – er führt sich auf – hat seinen Alltag – hat Probleme – kann schlecht kommunizieren – dann ist er wieder tot – was bleibt von ihm? Diese Fragen sind es, die im Stück angesprochen werden. Es gibt natürlich keine Antworten dazu. Die Fragen sind das Stück, allenfalls die Feststellung, dass wir uns durch irgendetwas durchkämpfen müssen ohne Hilfe von außen. Und dann sind wir wieder weg.

Umrahmt von diesen schweren Fragen folgt man einem Alltagsgeschehen: Clara – geschieden – fährt zu ihrem Exmann Harald und seiner Frau Svenja, um Ihnen zu sagen, dass sie den Sohn Florentin die nächsten Wochenenden nicht nehmen könne. Sie ziehe sich zurück. Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht Burn-Out? Im einsamen Haus ihrer Tante lernt sie den jungen Kevin kennen. Kurze Affaire, nichts längeres, nur die eine Nacht, Probleme dann mit Florentin, den Harald und Svenja zu ihr bringen, er ist von der Schule suspendiert worden, auch das nichts Besonderes. Aber es eskaliert. Clara ist ziemlich verloren, gescheitert in vielerlei Hinsicht. Und am Ende – nach Claras Beerdigung – reden alle wieder chormäßig über den Sinn des Lebens, das sinnlose Menschsein. Von oben gebe es keine Rettung. Ein atheistischer Gedanke.

Ein paar Dinge blieben mir etwas fragwürdig, dazu muss man das Stück aber gesehen haben: Warum etwa geht Clara, wenn sie sich zurückziehen will, in eine Diskothek? Mir erschien Clara auch zu wenig gescheitert, zu wenig verloren. Generell wurden auch unnötigerweise immer wieder weitere Themen notwendigerweise nur oberflächlich gestreift, anstatt das Grundthema weiter anzugehen. Und insgesamt empfand ich die Kostümierung der SchauspielerInnen zu gediegen. Allein am Anfang: Alle schön abgestimmt in beigefarbenen Trenchcoats.

Die Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck sind insoweit sicherlich noch steigerungsfähig. Weg vom Gefälligen, wäre mein Geschmack. Andererseits wurde am Ende begeistert gejubelt. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber jeder ist – nach Ewald Palmetshofers Überlegung – letztlich verloren. Und was bleibt schon?

Der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters: HIER

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

THEATER: Spielart Festival

Ich mag die freie Theaterszene. Und schon wieder bietet München ein ganzes Festival, das SPIELART – Festival. Es läuft vom 25. Oktober bis zum 09. November 2019.Es gibt Veranstaltungen mit freiem Eintritt und Veranstaltungen mit Ticketverkauf. Das Programm findet sich HIER.

Ich werde über Einiges schreiben. Besonders freue ich mich auf die drei Projekte von Forced Entertainment, der interessanten britischen Performancetruppe. SPEAK BITTERNESS, 12 AM und zum Schluss AND ON THE THOUSANDTH NIGHT heißen die drei Projekte. Siehe den link zu „Forced Entertainment“ oben rechts über den link zu den Performancegruppen. Ihre Veranstaltungen sind sämtlich mit freiem Eintritt, als Geschenk an den scheidenden Gründer des SPIELART-Festivals Tilmann Broszat..

Thema des Fesivals: Künstler*innen leiten strukturelle Analysen aus persönlichen Erfahrungen ab und überführen sie in politische Kontexte.

THEATER: Antonio Latella – Die drei Musketiere

Es kann Kultstück in München werden. Die Münchner Kammerspiele haben ja seit einiger Zeit das 10 – Stunden – Kultstück „Dionysos Stadt“, am Residenztheater könnte es nun meines Erachtens – unter der neuen Intendanz von Andreas Beck – die Inszenierung „Die drei Musketiere“ werden.

Am Sonntag war Münchner Uraufführung von „Die drei Musketiere“, im Cuvilliéstheater. Die Inszenierung wurde vom Theater Basel übernommen, Andreas Beck wechselte ja vom Theater Basel nach München. Eine Inszenierung des italienischen Regisseurs Antonio Latella, nach dem weltbekannten Roman von Alexandre Dumas. Vier Schauspieler, eine leere Bühne, die Tiefe des Raumes, das Publikum, das reicht.

Die zweite Premiere unter der Intendanz von Andreas am Münchner Residenztheater war es. Die erste Premiere – „Die Verlorenen“ – war am vergangenen Samstag, ich schreibe in Kürze darüber.

Warum Kultstück?

  • Zum Einen: Es wird auf wunderbare Art und Weise so viel geboten, die Schauspieler – Michael Wächter, Max Rothbart (oder Elias Eilinghoff), Vincent Glander und Nicola Mastroberardino – verausgaben sich, man verlässt das Theater einfach gut gestimmt. Es geht nicht anders. Es ist kein schweres Stück, kein mit tiefgehendem Inhalt überladenes Stück. Man geht hin und wird – im Sinne der alten commedia dell‘ arte – köstlich unterhalten. Es geht nicht darum, die allen irgendwie grob bekannte Geschichte der drei Musketiere auf die Bühne zu bringen. Es sind auch nicht drei Musketiere, es sind vier. Vier Schauspieler auf der leeren Bühne.
  • Es gibt keine Dialoge zwischen den Schauspielern. Es entwickeln sich nicht Beziehungen untereinander, nicht Charaktere. Darum geht es nicht. Sie sprechen als Diener, sie sprechen als die Pferde der Musketiere. Mit Witz, Ironie und Verausgabung.
  • Das große Thema ist das hehre Wort „Einer für alle, alle für einen“. Ein völlig veralteter Spruch, könnte man sagen. Die Musketiere eben. Die Schauspieler agieren mal jeder für sich, mal alle zusammen. Ein ständiges Spiel mit der Gemeinschaft. Sie lösen sich voneinander, stehen nebeneinander, wechseln die Position, treten hervor, rennen hervor, kämpfen gegeneinander, singen zusammen, singen einzeln. Schon wie sie die Bühne betreten … und verlassen.
  • Passend zu München ist auch: Die Inszenierung hat bei alledem eine schöne ganz leichte Beimischung von Südländischem, Österreichischem, Schweizerischem und Italienischem.

Und bei alledem der thematische Grundgedanke: „Einer für alle, alle für einen“: Man schaut sich nicht Quatsch an. Der Grundgedanke ist doch aktuell, durch sein Verschwinden! Er trifft unsere Zeit, scheint nicht mehr zu gelten. Heute gibt es etwa überall sogenannte „Doppelspitzen“. „Einer“ allein kann nicht mehr „alle“ repräsentieren. Oder das Thema Europa: „Alle für einen?“ Für einen Gedanken? Heute nicht mehr. Individualismus, Nationalismus steht heute auf dem Programm. Im Programmheft spricht Antonio Latella diese Entwicklung der modernen Zeit an.

„Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas repräsentierten noch den Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir folgen einer Idee, wir stehen zueinander, wir setzen uns ein dafür“. Es war noch die Zeit, in der man sogar für Kleinigkeiten sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Vieles wird in dieser Inszenierung mit leichter Ironie angesprochen, spielerisch, aber mit dem Touch in die Gegenwart. Es werden aber nicht irgendwelche Lösungen präsentiert. Auch darum geht es nicht. Es geht um die Gemeinschaft, das Ausgrenzende, das Verbindende. Und es steigert sich zu einem furiosen Finale, die „Schlusssvorhänge“ – jedenfalls am Premierenabend, aber ich vermute, dass es immer so sein wird. Dafür spricht schon der Bezug zur lockeren commedia dell arte.

Durch die Leichtigkeit im Umgang mit dem großen Gedanken kann es Kult werden, das Stück. Man muss ja nicht immer alles bitterernst sehen.

HIER der link zur Seite des Stückes auf dem Portal des Residenztheaters

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Anta Helena Recke – Die Kränkungen der Menschheit

Neue Gedanken. Etwa diese Aussage von Sigmund Freud – für mich war sie neu: Er hatte einmal in seinem Text „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ geschrieben, es gebe für die Menschheit „drei Kränkungen“:

Kränkung 1: Die Erde kreist um die Sonne, nicht die Sonne um die Erde!
Kränkung 2: Die Menschheit stammt vom Affen ab!
Kränkung 3: Der Mensch hat ein Unbewusstes – Freuds Thema – das er nicht steuern kann!

Ich würde den Abend eine „Perspektive“ – oder meinetwegen Performance – nennen. Er kreist nämlich ganz konkret um eine weitere Frage – ausgehend von diesen drei Kränkungen, die das Menschheitsbild schwächen: Von welcher „Menschheit“ ging Freud denn dabei aus? Kann man überhaupt von einer „Menschheit“ ausgehen?

Ich mag Abende, in denen nicht viel, sondern eher wenig auf den Punkt gebracht wird. Ich mochte daher etwa den Abend „Die Kränkungen der Menschheit“ lieber als zwei Tage später das Stück „König Lear“. Dazu aber gesondert einmal mehr.

Anta Helena Recke ist mittlerweile ein bekannter Name an den Kammerspielen. Sie hatte 2017 das Stück „Mittelreich“ in einer Version gebracht, in der die Personen dieser bayerischen Familiensaga von dunkelhäutigen Schauspielern gespielt wurden. Appropriation Art. Die Inszenierung wurde damals nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen.

Zurück zum Stück: Die „Menschheit“ muss also nach Freud – könnte man sagen – Wohl oder Übel erkennen, dass sie – ätsch – nicht so toll ist, wie sie vielleicht meint. Sie meint es und fühlt sich „gekränkt“ von diesen naturgegebenen drei „Einschränkungen“. Nach dem Motto: „Das musste aber wirklich nicht sein!“

Das Thema „dunkelhäutig“ – „weißhäutig“ (sagt man so?) spielt bei Anta Helena Recke jetzt auch wieder eine Rolle. Da setzt sie mit dem „Stück“ „Die Kränkungen der Menschheit“ an. An den Münchner Kammerspielen war es die erste Premiere der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020, der letzten Spielzeit in der Intendanz Matthias Lilienthal.

Anta Helena Recke sagt uns zur Frage der „Menschheit“ in diesem Zusammenhang: Es gibt eine „vierte Kränkung der Menschheit“. Diese vierte Kränkung der Menschheit sei die „Illusion einer weißen männlichen Menschheit im weißen Körper“. Es gebe diese „Menschheit“ so aber nicht – nochmal ätsch. Das sei eine Illusion. Und dass dieser Gedanke nur eine Illusion sei, sei eine Kränkung.

Was macht Anta Helena Recke mit dieser Überlegung? Leere Bühne, ein begehbarer, innen beleuchteter Quader steht rum, einsehbar von allen Seiten, ein Holzsockel darin. Sonst nichts.

Dann zunächst Affen: Sieben Schauspieler kommen auf die Bühne und verhalten sich – hoch überzeugend! – als Affen. Nehmen den Raum ein, tummeln sich später auch zwischen den anderen Mitwirkenden.

Dann kommt die Trennung, die eigentlich zum Thema des Abends wird: Zunächst erscheint eine Besuchergruppe in einem fiktiven Museum: Sie betrachtet und spricht über nicht vorhandene Gemälde. Alle sind europäischer Herkunft, „weißhäutig“. Sie ergötzen sich in schlauen Kommentaren und Unterhaltungen zur ausgestellten Kunst, die sie betrachten. Sie meinen natürlich, die Kultur ist doch für sie geschaffen. Ich dachte mir: Naja, auch das ist irgendwie affenartig.

Dann – in einem „dritten Teil“ – kommen aber viele bunt und fröhlich in Gruppen durch den Raum gehende „dunkelhäutige“ Menschen – nur Frauen übrigens. Alle jung, jede für sich das Gegenteil des „alten weißen Mannes“. An der Kunst haben sie kein besonderes Interesse, reden und lachen miteinander, schauen immer nur kurz zum Quader, in dem die Besuchergruppe stand.

Man merkt also vielleicht: Mensch, so wichtig müssen sich die Personen in der Besuchergruppe in diesem Museum nicht nehmen, es gibt auch andere. Und auch die Kunstwerke müssen sie nicht so wichtig nehmen. Der ganze Quader ist nicht wichtig. Andere – die Vorbeigehenden – nehmen es auch nicht wichtig. Und das sind viele auf der Bühne.

Aber ich denke da wahrscheinlich zu kurz, wenn ich es auf diesen Gedanken reduziere, man müsse sich nicht so ernst nehmen. Überall gibt es ja Kultur und jeder nimmt eben seine Kultur ernst und wichtig. Hat ja seine Berechtigung. Nicht nur „weißhäutige“ Menschen nehmen die ihnen nahestehende Kultur ernst. Insoweit habe ich das „Stück“ wahrscheinlich nicht ganz verstanden. Aber ich mochte es lieber als „König Lear“, weil es nicht überladen war.

Copyright des Beitragsbildes: Gabriela Naab

THEATER: Theater der Zeit, September 2019

Wer einen recht schönen Überblick über viele der anstehenden Premieren der Spielzeit 2019/2020 auf den deutschsprachigen Bühnen haben möchte, kommt der Sache näher, wenn er die Septemberausgabe der Zeitschrift Theater der Zeit durchblättert:

Viele viele deutschsprachige Theater haben dort in – kleinen oder großen – Anzeigen ihre anstehenden Premieren der Spielzeit 2019/2020 zusammengestellt.

Ankündigungen der folgenden Theater finden sich dort (wobei ich vielleicht sogar das ein oder andere übersehen habe):

  • Schauspielhaus Zürich
  • Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Schauspielhaus Leipzig
  • Nationaltheater Mannheim
  • Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin
  • Theater Magdeburg
  • Schauspiel Stuttgart
  • Theater Hanse
  • Landesbühnen Sachsen
  • Theater Junge Generation
  • Theater an der Ruhr
  • Landestheater Detmold
  • Schauspiel Graz
  • Theater Heilbronn
  • Deutsches Theater Berlin
  • Theater Rudolstadt
  • Theater Bremen
  • Staatstheater Nürnberg
  • Theater Aachen
  • Volkstheater Rostock
  • Hans Otto Theater
  • Berliner Festspielhaus
  • Theater Senftenberg
  • Staatstheater Cottbus
  • Landestheater Schwaben
  • Theater Bamberg
  • Theater Biel Solothurn
  • Theater St. Gallen
  • Theater Gütersloh
  • Burghofbühne Dinslaken
  • Deutsches Theater Göttingen
  • Stadttheater Gießen
  • Saarländisches Staatstheater
  • Staatstheater Mainz
  • Luzerner Theater
  • Vorarlberger Landestheater
  • Theater Hof
  • Mainfrankentheater Würzburg
  • Theatre National du Luxembourg
  • Theater Ulm
  • Theater Plauen Zwickau
  • Nationaltheater Weimar
  • Theater Münster
  • Theater Paderborn
  • Württembergischen Landesbühne Esslingen
  • Staatstheater Augsburg
  • Für die größeren Häuser empfiehlt sich außerdem natürlich der Blick in meinen Blog: Rechts oben auf das Feld „Websites und Spielpläne von Theatern“ klicken und schon findet man alles.

Die Ausgabe September 2019 der Zeitschrift Theater der Zeit beschäftigt sich im Übrigen schwerpunktmäßig mit Österreich, Martin Kuśej ist am Burgtheater ja der neue Intendant – in einer politisch heiklen Landschaft. Wie er es sieht und mehr kann man dazu lesen.

Des Weiteren finden sich in der Septemberausgabe zwei Artikel über den besten nationalen Beitrag der Biennale Venedig 2019, über den ich ja auch gerade geschrieben habe (HIER).

Außerdem liest man unter anderem ein Portrait der Regisseurin Anne Lenk. Inszenierungen von Anne Lenk waren ja in den vergangenen Jahren auch am Münchner Residenztheater zu sehen. In der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020 wird sie unter anderem am Burgtheater in Wien und am Staatstheater Hannover inszenieren. Gerade war ihre Premiere in Wien, „The Party“ von Sally Potter. HIER die Besprechung dazu in http://www.nachtkritik.de.

Ich mag es gerne kritisch, aufrüttelnd und anstoßend. Das ist Theater! Mir ist bisher Anne Lenk in ihren Inszenierungen zu brav gewesen. Auch in der oben verlinkten Kritik zu ihrer Burgtheaterpremiere heißt es: „… alles an diesem Abend bleibt fahl …“: Sie ist m. E. nicht deutlich genug. Auch das Portrait in Theater der Zeit finde ich insoweit zu harmlos, zu gut.

Es gibt aber in der Septemberausgabe noch mehr zu lesen, es geht nicht nur um Österreich!

HIER der link zur Website des Verlages von „THEATER DER ZEIT“.

Copyright des Beitragsbildes: Christopher Mavrc

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Sonstiges

SONSTIGES: Goldener Löwe für den besten nationalen Beitrag auf der Biennale 2019 in Venedig

Der Gewinner des Goldenen Löwen 2019 für den besten nationalen Beitrag auf der Biennale 2019 in Venedig ist seit Mai bekannt. Es ist der Beitrag für Litauen. Da der Beitrag eher eine Performance, kein „stehendes“ Kunstwerk, ist, bringe ich hier in einen kleinen Beitrag.

Er heißt Sun & Sea (Marina) vom Künstlerinnentrio Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė. … Gesundheit …

Worum es geht? Es heißt:

Die Opernperformance „Sun & Sea (Marina)“ auf einem künstlichen Strand übt Kritik am Lebensstil des vielen Reisens, Konsums und Arbeitens.

Nach dem Motto: Wir leben völlig falsch, aber wir machen weiter so. Dem Untergang entgegen, aber wir legen uns in die Sonne! Die Leiterin der Jury, die Direktorin des Berliner Martin-Gropius-Baus Stephanie Rosenthal, sagte:

„Das Libretto war wirklich hervorragend. Es zeigt uns, wo wir im Moment als Gesellschaft stehen: Das geht vom Workaholic zu den Zwillingen, wo einer im 3D-Drucker entstanden ist, bis zu ganz wesentlichen Passagen über Klimawandel. Und das alles verpackt in so einer grotesken Opernsituation, die man von oben sieht, wo man weiße Körper sich in der Sonne aalen sieht auf künstlichem Sand.“ Es handle sich hierbei um „groteskes Theater“, das den momentanen Zustand der Gesellschaft sehr gut zeige.

Das Libretto ist HIER. Man muss es sich ansehen, unbedingt reinlesen, um die Performance zu verstehen.

Hier der weitere Blick in den „Ausstellungsraum“:

Hier ein Video zum Ganzen:

Und HIER die Website zur Performance.

LITERATUR: Inger Maria Mahlke: Archipel

Das Buch ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert. Inger Maria Mahlke hat mit ihrem Roman „Archipel“ den Deutschen Buchpreis 2018 erhalten. Der Preis wird jährlich zur Frankfurter Buchmesse vom Börsenverein des Buchhandels vergeben. HIER die damalige Begründung der Jury.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Für den Deutschen Buchpreis 2019 gibt es bereits die Longlist. Am 17. September wird die Shortlist bekannt gegeben. Die Preisverleihung 2019 findet dann am 14. Oktober statt. HIER ist die Seite zum Deutschen Buchpreis mit allen Informationen, auch zur Longlist, und mit einem Archiv.

Meine Eindrücke zusammengefasst: Ein sehr interessanter, eigener Schreibstil – wunderbare Beschreibungen einfacher Szenen – langsam Lesen! – schwieriges Thema im Hintergrund, wer kennt schon die Geschichte Spaniens und speziell Teneriffas gut? Darum geht es aber. Folgendes:

Erstens: Alltagsszenen werden geschildert, immer wieder einfache Alltagsszenen, wie wir nun einmal leben. Aus Teneriffa, von heute zurück bis 1919. In kleinen Kapiteln werden immer wieder Blicke auf die Beteiligten Personen und ihre Zustände geworfen. Keine außergewöhnlichen Handlungen, es ist normales Leben, aber wirklich sehr schön erzählt, sehr eigen. Die Wortwahl, der Satzbau, alles etwas besonders. Deswegen: Langsam Lesen! Ein kleiner „Nachteil“: Man hat viele viele Einzelszenen schön beschriebene vor sich, aber nicht einen abgeschlossenen Handlungsstrang. Das macht es etwas schwieriger, dem Buch zu folgen. Ich habe es zweimal gelesen.

Zweitens: Bei diesen Alltagsszenen schwingt alles mit. Und genau so erzählt Inger Maria Mahlke: Inger Maria Mahlke verbindet verschiedene nicht oft zu findende Eigenheiten im Schreib- und Erzählstil. Diese Verbindung schafft – finde ich – einen literarisch gelungenen Roman: Man spürt alle Entwicklungen im Grunde nur hinter den Alltagsszenen, zwischen den Zeilen, in Andeutungen. Das Persönliche und das Politische, ebenso andere Details der Erzählung.

Ein Beispiel bringe ich: Ein Quietschen wird erwähnt und im Grunde zeigen sich darin viele Geschichten:

Erst als Eliseo den Laut hört, ein langgezogenes Quietschen, wird ihm bewusst, dass er es bereits eine Weile kennt. Die Angeln des Gartentors, jedes Mal, wenn er in den Club geht, zu Mittag wieder nach Hause kommt, abends zu seinem Spaziergang aufbricht, das Tor im Dunkeln hinter sich zuzieht. Jedes Mal, wenn Merche, nein, Eulalia, mit Strickjacke und vor der Brust verschränkten Armen Brot holen geht, der Postbote die Post bringt, ein langgezogenes Quietschen, und doch ist Eliseo sicher, es vorher nicht bewusst wahrgenommen zu haben.

Drittens: Man verfolgt viele Jahre eines Familienstammes zurück, ausgehend von Ana und Felipe mit der Tochter Rosa, zurück auf deren Eltern, zurück zum Teil wiederum auf deren Eltern, auch auf ein paar andere Personen in deren Umfeld. Teils ist es nicht leicht, sicher ein Bild von den Personen zu machen, weil man manchmal fast durcheinander kommt. Vergangenheit, Entwicklungen, Erinnerungen, Aktuelles, usw., alles spielt rein. 

Viertens: Es geht – auch das meist nur angedeutet – speziell um die Geschichte Spaniens und Teneriffas. Es wird Sinn machen, sich davor oder daneben einen kurzen Überblick darüber zu verschaffen. Etwa HIER. Es geht um Teneriffa im 20. Jahrhundert. Ich lese auf Wikipedia das, was im Buch zum Tragen kommt: 

„Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt von einer fortschreitenden politischen Radikalisierung. 1936 startete der General Franco von Teneriffa aus seinen Putsch gegen die Republik.Der Spanische Bürgerkrieg erreichte Teneriffa nicht; die wirtschaftliche Isolierung unter der Diktatur wirkte sich aber aus. Das einzige Exportgut waren seinerzeit Bananen für das Festland.“

Besonders, wie gesagt, finde ich die Verbindung der Alltagsszenen mit den Eindrücken, um die es eigentlich geht. Mir hat das Langsam Lesen geholfen, das mir auch den immer wieder so schön eigenen Schreibstl deutlich machte. 

HIER ein chart über die familiären Beziehungen der beteiligten Personen untereinander, wie ich es oft mache (lässt sich auf meinem IPad nicht gut öffnen, wohl weil es eine Word-Datei ist). Es lohnt sich, das Chart daneben zu legen:

Einige Rezensionen zu dem Roman liest man im Übrigen auf http://www.perlentaucher.de, HIER.

HIER der Link zur Website des Rowohlt Verlages zum Buch.

THEATER: Theater des Jahres 2019

Über vierzig Kritiker und Kritkerinnen haben für die Zeitschrift THEATER HEUTE gewählt: 44 genau genommen. Das Theater des Jahres 2019 sind die Münchner Kammerspiele. Gewählt wurde auch in anderen Kategorien (Inszenierung, SchauspielerInnen Nonen, Nachwuchs, etc.). Großer Gewinner: Die Münchner Kammerspiele. Mehr dazu evtl. in Kürze, bin im Urlaub.

Die Erfolge der Münchner Kammerspiele:

NILS KAHNWALD wurde für seine Leistung in „Dionysos Stadt“ zum Schauspieler des Jahres gewählt (HIER). Er wechselt ja zur neuen Spielzeit zum Schauspielhaus Zürich.

Die Wahl der Nachwuchsschauspielerin des Jahres fiel auf GRO SWANTJE KOHLHOF (HIER).

BENJAMIN RADJAIPOUR (HIER) erhielt die meisten Stimmen als Nachwuchs-Künstler.

LENA NEWTON hat für Susanne Kennedys „Drei Schwestern“ das Bühnenbild des Jahres in der Kammer 1 entworfen (HIER).

Alle Abstimmungsergebnisse von allen Kritikern, die namentlich genannt sind, HIER.

Mal sehen, es wäre ja mal etwas, wenn es den Kammerspielen gelänge, auch das Theater des Jahres 2020 zu werden. Das Zeug dazu haben sie! Es würde auch zeigen, wie wenig die CSU von Kunst wissen will, sie hat schließlich bewirkt, dass Matthias Lilienthal als Intendant nach 2020 ausscheiden wird. Aber die SZ – die Kritikerin Susanne Dössel – war auch nicht unschuldig!

LITERATUR: Andreas Maier – Die Familie

Andreas Maier hat den siebten Teil seiner auf elf Teile angelegten Familiensaga herausgebracht. Es geht um Autobiografisches, er ist aufgewachsen im Hessischen, in der Wetterau, in Friedberg. Ich hatte bereits das ein oder andere Mal von ihm geschrieben.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚📚(6)

Bisher waren es in der Familiensaga die Titel: „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“, „Der Kreis“ und „Die Universität“. Jetzt ist der Romanteil „Die Familie“ erschienen. Es sollen noch die Teile „Die Städte“, „Die Heimat“, „Der Teufel“ und „Der liebe Gott“ folgen.

Im Grunde habe ich alles von Andreas Maier gelesen. Er schreibt einfach, mit leichter Anlehnung an Thomas Bernhard (er hat über Thomas Bernhard promoviert), schildert unspektakuläre Dinge, fein beobachtend, teils sarkastisch, trocken, bitter, aber auch humorvoll. Früher nicht autobiografisch, seit einiger Zeit autobiografisch. Ich sage es immer wieder: Lesenswert sind besonders, finde ich, seine ersten Werke: Wäldchestag, Klausen, Kirillow, Sanssouci etc. Jedes für sich schildert köstliche Begebenheiten („Klausen“ etwa: Der Bau der Brücke der Brennerautobahn über Klausen hinweg) und Personen mit einfachen und umso treffenderen Worten. Doch auch alle seine späteren Werke habe ich genossen. Da ist der jetzige Roman „Die Familie“ fast ein wenig eine Ausnahme: In diesem erstaunlich knappen Buch wird so viel geschildert, wofür sich Andreas Maier eigentlich, meine ich, mehr Raum gibt. Das Buch „Die Familie“ enttäuscht insoweit fast ein wenig, wenn man Andreas Maier’s trockenen und bissigen, immer auch humorvollen Schreibstil sucht. Daher nur sechs Punkte.

HIER die Seite zu Andreas Maier beim Suhrkamp Verlag. Und HIER zehn Seiten aus dem Roman „Die Familie“, gelesen von Andreas Maier.

Zum Inhalt: Im Folgenden zeichne ich ein wenig deutlicher, als sonst, den Verlauf des Romans nach – Achtung! Es geht wieder um die kleine Welt in Friedberg und letztlich um den Konflikt mit der „großen weiten Welt“, die immer wieder Bedeutung erlangt. Natürlich bleibt das lokale kleine Idyll in Friedberg nicht für immer das Idyll. Am Anfang war für ihn, für Andreas Maier, zwar noch alles schön begrenzt: Der große Garten, die (unter anderem) immer wieder waschende und kochende Mutter, der arbeitende Vater, CDU-Mitglied, die vom Vater ausgehobene Grube im Garten, das Zelt. Eine verfallene Mühle auf einem Teil des riesigen Grundstücks. Allenfalls der Blick des kleinen Andreas in die Sterne brachte eine erste Ahnung von Größerem.

Dann, in den ersten Jugendjahren, kam – der damaligen Zeit entsprechend – linkes Gedankengut im „Kinderplanet“ auf, es war von den Eltern nicht gerne gesehen, dass Andreas immer wieder dorthin ging. Ebenso war der Eingriff der Schule in die Erziehung der Kinder nicht gerne gesehen, „funktionale Miterzieher“ nannte die Mutter die Lehrer. Dann liest man vom amerikanischen Freund und spätere Ehemann von Andreas’ immer komplizierter werdender Schwester (es gibt doch einen älteren Bruder), von ihren meist unverständlichen USA-Reisen und Umzügen dorthin mit ihrem Mann und ihren Kindern, von ihren Aufenthalten dort und ihren Aufenthalten in anderen Ländern.

Die Mutter sagte nur: Was haben wir bloß falsch gemacht?

Dann liest man von „Türken“, die angeblich kurz in der Mühle gewohnt hatten (neben dem Haus, in dem Andreas aufwuchs), von „Rumänen“, die gegenüber wohnten, von Bülent, dem türkischen Freund von Andreas, von Dörte, der dänischen Ehefrau von Onkel Heinz, die offenbar Heinz sehr zu seinem Nachteil – finden die Eltern – verändert hat. Alles Dinge und Personen, die das „verwunschene“ Familienidyll in Friedberg nach Ansicht der Eltern störten. Friedberg und die Einflüsse der großen weiten Welt …. Schön wiederum, so war es doch bei vielen von uns! Und ich kann mich auch erinnern: Für Eltern war es damals alles viel suspekter, als es heute erscheint.

Und am Ende holt ihn, Andreas Maier, die vergangene Welt komplett ein: Die Nazivergangenheit der Familie. Das Idyll, das Andreas Maier in allen bisherigen Teilen seiner elfteiligen autobiografischen Familiensaga beschreibt, bricht zusammen. Alles, das ganze bisherige Leben der Familie, sei ja dann nur eine „Form des Schweigens“ gewesen. Da wird Andreas Maier fast etwas ernster, als es gewohnt ist. Wer Andreas Maier kennt, müsste sich eigentlich sagen: Auch das müsste irgendwie eine gewisse Leichtigkeit behalten. Das fällt fast schwer. In diesem Fall kann man das Buch nämlich auch so sehen, dass durchgehend etwas Schweres mitschwingt: Die Grube wie ein Grab, die Judenverfolgung, Friedberg wird „judenfrei“, ein Friedhof, etc. Andererseits: So ging es ja irgendwie fast allen deutschen Familien. Es war eben so.

Und dann folgt noch ein Epilog: Das Motto: Alles löst sich ohnehin auf. Alles wird letztlich gut, könnte man meinen, es lässt sich ohnehin nicht mehr so richtig nachvollziehen. Es bleibe nur „Schwarzweißaufnahmen“. Diese Feststellungen beziehen sich konkret auf ein Gerichtsverfahren, das sich durch den Roman zieht, sie könnten sich aber auch auf das Thema der Nazizeit beziehen.

Zum Schreibstil: Einiges habe ich oben ja schon erwähnt. Auffallend ist diesmal der ständige Wechsel zwischen Präsens und Vergangenheitsform in der Erzählung der Gegebenheiten. Das liest sich aber gut!

Mein Fazit: Es ist nicht eines der besten Bücher von Andreas Maier.

MUSIK: Bloum – La Douce

Sommermusik, gute Laune, Partystimmung, das sollte doch auch mal sein. Mit der vor 9 Jahren gegründeten französischen Gruppe Bloum, deren Mitglieder sich als „DJ, Musiker, Videasten und geistige Erben von Nicolas Jaar und Burial“ verstehen.

THEATER und LITERATUR: Viginie Despentes – Vernon Subutex

Ich hatte schon einmal darüber geschrieben: Über die Premiere von „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, an den Münchner Kammerspielen. HIER mein damaliger Bericht. Ich fand es damals nicht überzeugend, hatte allerdings das Buch dazu noch nicht gelesen. Das habe ich jetzt nachgeholt und habe mir das Stück in den Kammerspielen wieder angeschaut. Heute geht es um Beides.

Meine Bewertung der Bücher (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Es sind drei Bücher. Subutex 1 – 3. Geschrieben von der Französin Virginie Despentes, die früher unter anderem in Peepshows arbeitete. Sie erhält viele Auszeichnungen für Ihre Werke. Sie schreibt unverblümt und verdammt ehrlich, in klarer und derber Sprache, Umgangston in den Gesprächen. Den Milieus entsprechend, über die sie schreibt. Und nichts wirkt gekünstelt. Das mag ich, daher die neun Bewertungspunkte. HIER der Link zu ihrer Seite bei Wikipedia. 1200 Seiten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal zurecht etwas wie: „Man will jede Seite lesen“.

Ich habe es gewagt, die drei Bücher auf Französisch zu lesen. Französisch hatte ich vor vielen Jahren in einem Studiumsjahr in Lausanne gelernt. Es wurde immer besser: Für Buch 1 hatte ich noch die deutsche Ausgabe daneben liegen. Für Buch 2 hatte ich die Seite des Onlinewörterbuchs http://www.leo.org parat. Buch 3 konnte ich schon fast wie die deutsche Ausgabe lesen. Nachzuschauen waren allerdings immer wieder die derben Wörter der Umgangssprache.

Ein deutliche Eindruck, den ich vor allem beim Vergleich der deutschen und der französischen Ausgabe von Band 1 gewonnen hatte: Seltsamerweise liest sich die deutsche Übersetzung rüder, uncharmanter, derber, fieser. Das ganze ist natürlich inhaltlich und vom Schreibstil her rüde, uncharmant und derb. So soll es aber auch sein, das ist es, was man erlebt und liest, wenn man den „Vernon Subutex“ liest. Aber in der französischen Originalausgabe hat alles eine gewisse Eleganz. Es wirkt in keinem Satz irgendwie plump. Im Deutschen wirkt es einfach plump. Ein Beispiel? Das deutsche „ficken“ heißt „baiser“ auf französisch. Ist doch irgendwie galanter, finde ich. Also: Wer kann, sollte es unbedingt auf Französisch lesen!!

INHALTLICH: Vernon Subutex, seines Zeichens Plattenhändler aus Paris, ist ohne Dach über dem Kopf. Sein Plattenladen hat Bankrott gemacht. Er kommt zunächst bei FreundInnen unter, bevor er auf Parkbänken landet. Bei einer Freundin stößt er auf brisante Tonbandaufnahmen/Videos des gestorbenen Musikers Alex Bleach. Bleach erklärt, dass es der Produzent Dopalet war, der den Tod der Ex-Pornodarstellerin Vodka Santana verursacht hatte. Dopalet will an die Aufnahmen kommen, sie aus dem Verkehr ziehen. Die Tochter von Vodka Santana, Aïcha, rächt sich kurios an Dopalet. Und so weiter. Bei alledem entsteht ein Kult um Vernon Subutex, der immer noch als begnadeter DJ wirkt. Es eskaliert.

Also: Ein erfolgloser Drehbuchautor mit Amok-Phantasien (Xavier). Eine ehemalige Drogendealerin, die zum Internet-Troll umgeschult hat (La Hyäne). Eine Professorentochter, die zum Islam konvertiert (Aïcha) und ihr darüber verzweifelnder Vater (Selim). Ein drogensüchtiger Popstar (Alex Bleach) und sein Manager (Max). Ein koksender Trader (Kiko), eine obdachlose Hundeliebhaberin (Olga) mit großem Gerechtigkeitssinn und eine ehemalige Pornodarstellerin (Pamela Kant). Ein rechtsradikaler H&M-Verkäufer (Noël) und sein Kumpel (Loïc), eine einsame Staatsbeamtin (Emilie), ein krankhafter Frauenschläger (Patrice) und eine Kellnerin mit Talent zum Tätowieren (Celeste). Sie alle und mehr bevölkern das Leben des Vernon Subutex. Sie alle träumen von einem anderen besseren Leben, auf ganz unterschiedliche Weise. 

SCHREIBSTIL: Einfach und einfach gut. Der Schreibstil und der Ton der Gespräche passen exakt zum Milieu, in dem alles spielt. Bei alledem erwischt man sich etwa auf jeder zehnten Seite dabei, von einem Thema zu lesen, das einen selber betrifft, eine Meinung zu hören, zu der man im Grunde auch etwas sagen kann, weil man sie kennt. Das liegt daran, dass Virginie Despentes viele Facetten unseres modernen Lebens schildert. Aus der Sicht von „unten“ – das Milieu des Buches – und immer wieder auch politisch. Lesen!

DAS THEATERSTÜCK: Wie gesagt, ich hatte schon darüber geschrieben. Damals dachte ich: „Das kann es doch nicht gewesen sein.“ Daher habe ich es gelesen und dann noch einmal angesehen. Und ich muss sagen: Die Inszenierung geht am Milieu vorbei, ist viel zahmer als das Buch, viel zu zahm. Aber es war eben eine Inszenierung von Stefan Pucher. Und Stefan Pucher bringt selten extrem Aufwühlendes. Er glättet mehr. So auch hier.

Gut, er versucht, den Ablauf der langen Geschichte um Vernon Subutex in dreieinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen. Doch das Milieu und das Kulthafte der Erzählung gehen dabei meines Erachtens leider verloren. Auch die vielen sehr gelungenen Videoeinspielungen zeigen irgendwie ein anderes Milieu, als dasjenige, das Virginie Despentes schildert.

Hier eine Aufnahme der Inszenierung:

©️ Arno Declair

Und hier noch eine:

Arno Declair

Schön ist wie immer der professionelle und coole Gesang von Jelena Kuliç, die Vernon Subutex spielt. Und schön kann es sein – wer darauf Wert legt – fast alle Ensemblemitglieder der Kammerspiele auf der Bühne zu sehen. Zur Bühne noch: Sie erschien mir bei dieser Inszenierung unpassend eng und klein. Warum nicht so groß, wie die Ideen der Personen im Buch, so groß wie Paris, so groß wie die Themen, über die geredet wird, warum so eng?

Die Inszenierung wird auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein. HIER der Link zur Seite des Stückes auf der Website der Kammerspiele. Mit einem Video zur Inszenierung.

Auf Spotify gibt es eine Playlist mit allen Songs, die von Virginie Despentes in den Büchern erwähnt werden. HIER der Link.

LITERATUR: Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚(5)

Es wurde mir sehr empfohlen, dieses Buch. Manche scheinen es besser zu finden, als ich. Mein Eindruck:

INHALT: Es geht im wesentlichen um das Leben des Ich-Erzählers Jules. Aber auch um das Leben seiner beiden Geschwister Liz und Marty, obwohl die Geschwister nach dem Tod der Eltern Jahre lang sehr getrennt voneinander leben. Sie verlieren früh in der Kindheit durch einen Unfall beide Eltern. Jules und seine Geschwister kommen ins Internat. Man verfolgt im Grunde das Leben des Ich-Erzählers bis zum frühen Tod seiner Frau Alva. Alva, die Jules schon im Internat kennen lernte. Immer wieder blendet Jules zurück in seine Vergangenheit. Zu verschiedenen Momenten, die ihn immer noch beschäftigen. Eingerahmt ist das Ganze von einem Motorradunfall von Jules, der bereits am Anfang der Geschichte erwähnt wird. Seine Geschwister fragen sich und ihn, ob es sogar ein Selbstmordversuch war, was Jules verneint.

STIL: Er hat mir nicht so gefallen. Die Geschichte ist interessant, man will weiterlesen, man will wissen, was mit wem passiert. Keine Frage. Insoweit ist es eine interessante Sommerlektüre. Für den Urlaub. Es gleitet nur immer wieder meines Erachtens in etwas zu gekünstelte Aussagen oder Gespräche an den entscheidenden Stellen. Das kann man dann natürlich „literarisch“ nennen. Ich lese aber ungern solch etwas gekünstelte Texte.

Es mischen sich die durchgehend sehr realistischen – vielleicht autobiografischen – Vorgänge in Jules Leben leider immer wieder mit etwas zu gekünstelter Sprache, fand ich. Und sofern es nicht etwas zu gekünstelt ist, ist es meines Erachtens sprachlich nicht gerade galant. Spannend, aber nicht galant oder im Stil aufregend geschrieben.

Also „Lesegenuss“ würde ich es nicht nennen. Eine interessante gute Urlaubslektüre. Man will zu Ende lesen.

HIER ein Link zur Besprechung des Buches auf der erstaunlich umfangreichen Website von Dieter Wunderlich.

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Allgemein

THEATER: Luk Perceval

Es gibt wenige große Theaterzeitschrift. Eine davon: „Theater der Zeit“. Über eine andere hatte ich bereits berichtet (HIER der Link zum Beitrag). Aktuell: Der Verlag von „Theater der Zeit“ bringt seit Jahren neben den zehn Monatsausgaben jeweils als Doppelausgabe 7 und 8 ein „Arbeitsbuch“ zu einer Persönlichkeit oder einem Thema der Theaterwelt heraus. Das Arbeitsbuch Nr. 28 erschien nun kürzlich zum flämischen Regisseur Luk Perceval.

HIER der Link zur Website von „Theater der Zeit“. HIER der Link zum Arbeitsbuch über Luk Perceval mit der Möglichkeit, reinzublättern und zu bestellen.

Thematisiert werden im (etwa 180-seitigen) Arbeitsbuch neben einigen Inszenierungen von Luk Perceval seine Sicht auf den derzeitigen „Zustand“ des Theaters vor allem in Deutschland – er arbeitete die letzten Jahrzehnte hauptsächlich in Deutschland – und seine interessanten Vorhaben in der näheren Zukunft – er wechselt nach Belgien. In deutscher Version und wortgleich in englischer Übersetzung – das macht (neben einiger Werbung deutscher Theater) leider auch den Umfang des Arbeitsbuches aus – liest man etwa ein Gespräch mit Luk Perceval, dann ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Dramatiker Jon Fosse, außerdem ein gemeinsames Interview mit Luc Perceval zum Einen und – aus gegebenem Anlass – Milo Rau zum Anderen sowie Gespräche und Texte einiger seiner langjährigen Mitstreiter (die Bühnenbildnerin Annette Kurz, der Schauspieler Thomas Thieme, die Dramaturgin Marion Tiedtke, der Musiker Jens Thomas, der künstlerische Leiter Steven Heene, jetzt auch am NTGent, und weitere). Angereichert ist all das durch großformatige Bilder von einigen Inszenierungen von Luk Perceval.

Hier etwa eine Fotoaufnahme der Probe zu „Macbeth“ in Sankt Petersburg aus dem Jahre 2014 (auch zu seinen russischen Gastspielen sind zwei Texte zu lesen):

©️ Annette Kurz

2018 war Luk Perceval übrigens mit einer wohl sehr persönlichen Interpretation von „Romeo und Julia“ von William Shakespeare wiederum in Russland. Auch dazu einen Artikel.

Das Beitragsbild oben wiederum zeigt die Bühne der Inszenierung von „Frost“ am Thalia Theater in Hamburg, auch von 2014.

Luk Perceval ist fländrischer Herkunft. Er ging, wie gesagt, nun vor Kurzem einen interessanten Schritt: Er verließ Deutschland und wechselte an das NTGent in Belgien, dessen Intendant bekanntlich Milo Rau ist. Ein spannender Ort. HIER der Link zur Website des NTGent. Er ist dort für drei Jahre Artist in Residence. Auf der Suche nach den Möglichkeiten eines internationalen Theaters für das 21. Jahrhundert.

Am NTGent bringt Luk Perceval eine Trilogie über Belgiens Geschichte heraus. Jedes Jahr wird ein Teil der Trilogie gezeigt werden. Die Trilogie heißt insgesamt „The Sorrows of Belgium“. Der erste Teil dieser Trilogie, die sich mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit Belgiens (etwa Kongo) auseinandersetzt, hat den Titel „Black“. Dieser erste Teil läuft bereits seit März – bis Anfang kommenden Jahres. Die folgenden Teile werden – den Nationalfarben Belgiens entsprechend – die Titel „Yellow“ und „Red“ haben.

HIER der Link zur Seite des Stückes „Black“ auf der Website des NTGent. HIER ein Video mit kurzen Ausschnitten aus „Black“. Und HIER noch eines dazu.

Luk Perceval und Milo Rau sprechen im gemeinsamen Interview im Arbeitsbuch über Fragen eines modernen internationalen Theaters, die ja besonders Milo Rau am NTGent in den Vordergrund stellt und praktiziert. Das und die Entwicklung des deutschen Stadttheaters sowie die Arbeit des heutigen Schauspielers und der Schauspielerin sind ganz offenbar die Themen, die Luc Perceval umtreiben. Er beklagt die harten riesigen und zementierten Strukturen des deutschen Stadttheaters und die daneben teilweise wackeligen, vor allem oft schlechten finanziellen Bedingungen der SchauspielerInnen.

Außerdem wäre in seiner Idealsicht

„… auch die Öffentlichkeitsarbeit auf der Probe dabei und würde mit Beteiligten Gespräche führen, Filmen, Podcasts machen und so weiter. Damit das Theater sich viel mehr öffnet. Damit ein Diskurs entsteht, eine Auseinandersetzung, ein Raum, mit dem man sich emotional und intellektuell identifizieren kann; damit man die Leute, die Stadt einlädt, mitzudenken und sich auch mit uns auseinander zu setzen.

Und so weiter. Ein Wermutstropfen beim Lesen (wie leider oft, wenn es um Kritiken zur Aufführungen geht): Um das Arbeitsbuch umfassend genießen zu können, sollte man möglichst viele der angesprochenen Inszenierungen von Luc Perceval gesehen haben. Inszenierungen, die ihn, wie gesagt, auch mehrfach nach Russland führten (wobei man diese Inszenierungen wahrscheinlich kaum gesehen haben wird). Viele der von den Mitstreitern geschilderten Eindrücke beziehen sich detailreich auf diese Inszenierungen. Schade, von diesen Eindrücken zu lesen, wenn man sie nicht nachvollziehen kann. Das nimmt etwas Freude am Gelesenen, doch auch das ist immer wieder gemischt mit Darstellungen der handelnden Personen, die einen guten Gesamteindruck schaffen, soweit das möglich ist. Aber wann hat man schon einen „Gesamteindruck“?

©️ des Beitragsbildes oben: Auch Annette Kurz

THEATER: Lars von Trier – Melancholia

Man sollte wissen, auf was man sich einlässt, wenn man sich dieses Theaterstück ansieht. Es hatte am vergangenen Samstag, dem 15. Juni 2019, Premiere an den Münchner Kammerspielen. „Melancholia“ von Lars von Trier. Eine Inszenierung von Felix Rothenhäusler.

Das Fazit vorweg: Felix Rothenhäusler blieb fast nichts anderes übrig, als es so zu machen, wie es geworden ist. Denn da ist zum Einen der eigenwillige, fast mystische Film „Melancholia“ von Lars von Trier und da ist zum Anderen Felix Rothenhäusler, der zu puristischer Darstellungsform neigt. So war es auch – irres Thema, schlicht und anstrengend! Vielleicht ging durch die Kombination von Lars von Trier und Felix Rothenhäusler bei der Bühnenfassung etwas an Prägnanz verloren.

Ein Film auf der Bühne, das allein heißt schon: Man sollte sich, wenn möglich, ein wenig mit dem Film auseinandersetzen! Vorher oder nachher. Man geht wahrlich nicht in eine „Komödie“ und man schaut sich nicht einfach „irgendein Theaterstück“ oder einen „Klassiker“ an, am besten mit dem Ziel der Unterhaltung. Man sieht diesen irren Film auf der Bühne!

„Melancholia“ ist ein Film des dänischen Filmemachers Lars von Trier. Lars von Trier, keine ganz harmlose Gestalt. Der Film erschien 2011 und wurde mehrfach prämiert.

(Ich finde ja, dass das Marketing vieler Theater manchmal mehr bringen könnte. Man wird nicht immer gerade gut darauf vorbereitet, was man sich anschaut! Da könnte es manches Mal viel interessanter sein, besser vorbereitet zu sein. Jedenfalls eine Ahnung davon zu haben, WAS man sich ansieht, Zusammenhänge zu erkennen etc. Mehr Infos neben der Programmankündigung, vielleicht einmal ein Interview oder so.)

Man sagt ja, es ist ein „Endzeitfilm“. Kurz gesagt: Melancholia erzählt tatsächlich von einer (depressiven) jungen Frau, Justine, die das Ende der Welt (durch die Kollision mit einem anderen Planeten – Melancholia, der im „Todestanz“ um die Erde kreist) vorhersieht. Sie feiert mit Familie und Freunden in edler Atmosphäre ihre Hochzeit und rutscht immer mehr in ihre „Depression“ hinein, distanziert sich vom opulenten Geschehen. Wobei: Es ist vielleicht gar keine Depression. Sie selber scheint immer weniger aufgeregt zu sein, als (in den Folgetagen) ihre Schwester Claire und ihr Mann, der sich sogar umbringt.

Links? Bitte sehr, hier sind erst einmal einige interessante links:

HIER ein offizieller Trailer des Films. Eine etwas längere, recht kenntnisreiche Besprechung des Filmes gibt es dann HIER. HIER ist einer Besprechung des Films, die im Deutschlandfunk erschien. HIER findet sich wiederum eine Besprechung des Films auf Spiegel online. Zum Film gibt es übrigens eine offizielle Website: HIER. Und HIER findet sich die Seite der Kammerspiele zur jetzigen Inszenierung. Von anderen Inszenierungen lese ich übrigens wenig. Es gab eine „Uraufführung“ am Bochumer Schauspielhaus im März 2018. HIER einen Trailer dazu auf YouTube.

Das meiste oben bezieht sich auf den Film. Ich habe mir den Film auch erst einmal ansehen müssen. Auf http://www.kinox.to konnte ich ihn sehen (hoffentlich ist das hier keine illegale Empfehlung. Ich werde es prüfen und gegebenenfalls wieder löschen).

Zur jetzigen Inszenierung an den Münchner Kammerspielen hier noch eine Aufnahme:

©️ Armin Smailovic

Und dann Folgendes:

  • Felix Rothenhäusler hat also inszeniert. Er experimentiert ja gerne auf nicht ganz einfachen Niveau. Allein wenn man sich das Programmheft der Inszenierung von „Melancholia“ durchliest, bekommt man eine Ahnung davon. Wenn man den äußerst schwierigen Text zum Stück überhaupt versteht.
  • Es passt sehr gut: Schwarze große Bühne – zwölf Lichtstrahler hängen von der Decke – fünf SchauspielerInnen kommen und gehen über die Bühne – keine Gegenstände – schwarzer Boden, etwas erhöht auf Glasflächen – keine Opulenz – nichts. Siehe das obige Beitragsbild. Ein drohender grummelnder Ton schwirrt über allem – im Film ist es die Ouvertüre von „Tristan und Isolde“.
  • Die SchauspielerInnen und die leere Bühne hängen gewissermaßen im All. Darum geht es ja auch bei „Melancholia“, zumindest vordergründig: Das All, die Erde als Planet mit der großen Frage: „Was soll das alles. Das kann und wird doch alles zu Ende gehen“. Und es kam dadurch nur auf das Verhältnis der Personen zueinander an.
  • Felix Rothenhäusler lässt die SchauspielerInnen das Geschehen schlicht „erzählen“, direkte Rede und Erzählung. Jeder hat aber seine Rolle. Das mag er. Er spielt gerne mit den Worten. Auch in seiner „kleineren“ Inszenierung „Trüffel Trüffel Trüffel“, die auch an den Kammerspielen „läuft/lief“, stehen die SchauspielerInnen nebeneinander auf der Bühne und reden. Wie gegen Ende von „Melancholia“. Mehr „Experiment à la Rothenhäusler“ war dagegen ja geboten in seine Inszenierung „Re:search“. In „Melancholia“ kommt sein „Experimentierdrang“ nicht so zur Geltung. Gottseidank. Das Thema von „Melancholia“ ist auch an sich schon intensiv genug! Das auch noch mit Experimentiergedanken zu „Wort und Geste“ (oder ähnlich) zu verbinden, hätte wahrscheinlich völlig überfordert. Es hätte ein falsches Thema draufgesetzt.
  • „Melancholia“ ist aber gerade wegen der ausschließlichen Wortlastigkeit durchaus anstrengend. Ohne Video, ohne Musik, ohne Lichteffekte oder andere Effekte, ohne Brimborium. Wenigstens schlicht und nicht so bedrängend wie Ulrich Rasche (siehe meine wunderbaren Rasche-Besprechungen über das Suchfeld oben). Dennoch soll natürlich Atmosphäre rüberkommen. Gut, bei „Trüffel Trüffel Trüffel“ und “Re:search“ war die Atmosphäre aufgrund der Stücke nicht so wichtig. Bei „Melancholia“ ist sie dagegen durchaus wichtig, denke ich. Aber auch da verzichtet Rothenhäusler auf Andeutungen. SchauspielerInnen und Text. Das ist alles.
  • Die Atmosphäre konnte hier also nur über die SchauspielerInnen rüberkommen, durch ihre Mimik fast nur. Julia Riedler als Justine: Sie wirkte für mich fast etwas ZU depressiv, zu verzweifelt, letztlich ist sie es doch, die im Film Ruhe ausstrahlt, Ruhe vor dem Untergang. Thomas Hauser als der „glückliche Ehemann“, es geht hier ja um eine Hochzeit: Für mich war er sogar – obwohl eher eine kleinere Rolle innehat – am überzeugendsten. Eva Löbau als die Schwester Claire von Justine: Resolut, aber meines Erachtens wiederum ZU WENIG verstört und hilflos angesichts der drohenden Katastrophe. Sie hat eine unglaublich klare Bühnesprache. Majid Feddah der irgendwie „üble“ vermögende Ehemann von Claire: Auch diese Rolle kann er gut spielen! Gro Swantje Kohlhof als Sohn Leo lief etwas nebenbei.

Alles in allem haben mich die Interpretationen der Personen auf der Bühne etwas verwirrt. Die einzelnen Positionen der Personen und ihre Abgrenzungen voneinander gingen mir durch das ständige Weitererzählen der Story (oft auch von eher unwichtigen Einzelheiten) etwas verloren. Vor allem leider bei den beiden Hauptfiguren Justine und Claire.

Mein Eindruck ist auch: Man könnte sich vielleicht auch sagen, Justine denkt an den Tod, nicht an den Weltuntergang. Ein Stück um Leben und Tod wäre es dann. Wir alle haben ihn ja vor uns. Justine sieht deswegen die Sinnlosigkeit von allem. Das führt in der Tat leicht in die Depressivität. So können wir ja nicht leben! Das ist ja vielleicht auch das Thema von Melancholia: Wir haben ein Ende vor uns, können deswegen aber nicht in Trauer verfallen. Habe Spaß! Das hört man mehrfach. Die eigene Hochzeitsfeier ist so gesehen in „Melancholia“ das Extrembeispiel der Sinnlosigkeit! Justine geht ja auch gleich in der Hochzeitsnacht fremd.

Andere, ihre Schwester Claire vor allem, sehen dann auch mehr und mehr das drohende Ende. Sie sehen auch, dass sie das Ende ja nicht verhindern können. Sie gehen aber anders daran heran, „weltlicher“. Sie haben nicht die Ruhe, die Justine hat, die fast die Erlösung sieht. Justine sieht die Unausweichlichkeit. Claire dagegen wird nervös, hektisch, will etwas tun. Sie will hilflos irgendwohin fahren, wo man mehr weiß, sie möchte dann einen „schönen“ Abschied auf der Terrasse bei Rotwein und Gesang. Ihr Mann macht schon einmal Besorgungen für den „Notfall“, etc. Alles völlig hilflose Bemühungen angesichts des nahenden Endes.

Tja, wie wir eben bei alledem das Ende, diese verdammte Vergänglichkeit, nicht wahrhaben wollen. „Melancholia wird an der Erde vorbeiziehen, sagen die Wissenschaftler“, will der Schwager von Justness mehrfach beruhigen, bis er das Gegenteil erkennt. „Das wird das Schönste, was wir je erleben werden!“. Eben nicht!

Und: Es ist ganz anders, als das Stück „Drei Schwestern“ von Susanne Kennedy nach Anton Tschechow, das derzeit ebenfalls an den Kammerspielen gezeigt wird. Dort geht es um den Gedanken: Es gibt kein Ende, es wiederholt sich alles immer wieder, immer wieder. Es hört nicht auf. Es ist ein endloser Loop. Stell dir vor, du musst alles noch einmal leben, etc.

Ich finde, man sollte sich bei Melancholia beides ansehen, wenn man es noch nicht kennt, Film und Bühnenfassung!

©️ des Beitragsbildes: Armin Smailovic