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OPER: Haus der Kunst – Hanjo

Die einaktige Oper Hanjo ist Teil des Ja, Mai Festivals 2023 der Bayerischen Staatsoper. Ein „Festival für frühes und zeitgenössisches Musiktheater“. Die zweite Ausgabe des Ja, Mai Festivals nimmt Synergien zwischen Musiktheater, Tanz und bildender Kunst in den Blick. „Warum brauchen wir Theater“, ist zusätzlich eine der Fragen, die über dem Festival stehen.

Es gibt zwei Produktionen. Zum Einen die Opernproduktion Hanjo, die im Haus der Kunst mit Tanz gezeigt wird. Und als Zweites eine direkte Konfrontation von Oper und Theater auf der Bühne in Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens.

Thematisch kreist das Festival in diesem Jahr speziell um den Themenkomplex „Erwartung“ und setzt sich mit Motiven wie dem Warten, dem Vergehen von Zeit, der Frage nach dem Loslassen oder Festhalten auseinander.

Das Festival läuft noch bis Ende Mai, HIER der Link zur sehr umfangreichen Festivalseite auf der Website der Bayerischen Staatsoper.

Eine der beiden Produktionen des Festivals ist also die Oper Hanjo, die im lang gestreckten hohen Raum des Westflügels im Haus der Kunst gezeigt wird. HIER der Link zu einem Video „Behind the scenes“, einer sehr aufschlussreichen Erläuterung des Regisseurs Sidi Larbi Cherkaoui. Im Video werden auch (eher gegen Ende) Szenen der Aufführung gezeigt. Das Publikum ist geteilt, sitzt an den beiden Längsseiten des großen hohen Raumes.

HIER der Link zur Produktionsseite von Hanjo.

Es ist eine sehr internationale Produktion. Der Komponist der Oper: Der Japaner Toshio Hosokawa. Gestaltung des Bühnenraumes: Rirkrit Tiravanija, geboren in Kanada. Er lebt und arbeitet in Bangkok, Berlin und New York. Von ihm sind derzeit im Haus der Kunst auch mehrere seiner Aktionen und Produktionen zu sehen. HIER der Link. Regie: Sidi Larbi Cherkaoui, geboren in Antwerpen, flämisch-marokkanischer Abstammung. Tanz: Die Eastman Dance Company aus Antwerpen, auch HIER der Link, eine von Cherkaoui gegründete Tanzgruppe. Eine Produktion nach dem gleichnamigen japanischen Nō-Theaterstück von Yukio Mishima. Übersetzung des Libretto ins Englische von Donald Keene.

Der Komponist Toshio Hosokawa fand den Stoff zu seiner zweiten Oper Hanjo in einem Stück des japanischen Dichters Yukio Mishima aus den 1950er Jahren, in Form des No-Theaters geschrieben, das seinerseits auf eine Vorlage aus dem 14. Jahrhundert zurückgeht: Hanako, ein Mädchen (eine Geisha), das jahrelang am Bahnhof auf einen Mann (Yoshio) wartet, lebt im Hause einer Malerin, die sie liebt. Als Yoshio eines Tages wieder bei Hanako erscheint, kommt es zur Entscheidung. 

Das Warten, das Nichtstun, das ist Hanakos Leben geworden. Durch das Warten ist sie sich selbst offenbar näher gekommen. Das Warten macht sie schön, sagt die Künstlerin, die die Liebhaberin von Hanako ist. Die Gesichter aller Menschen sind dagegen tot, sagt Hanako selbst. Soll es damit etwa auch heißen: Wir machen uns alle verrückt im Aktivismus? Im Prinzip geht es um die Vereinsamung von Hanako. Hanako lebt nur durch ihr Warten. Hanako wird einmal von der Künstlerin gefragt: Was ist eigentlich, wenn der, auf den Du wartest, auch wartet?

Die Wirklichkeit verändert sich für Hanako durch ihr Warten. Traum wird ihre Wirklichkeit. So sagt Hanako dann auch, als Yoshio zurückkommt, er sei nicht der, auf den sie gewartet habe. Sie wartet weiter. Kommt der Mensch ohne Handeln aus? Findet er gerade dabei zu sich? Das Stück ist inhaltlich vielschichtig. Die Künstlerin wiederum liebt ja Hanako und und und.

Die Inszenierung wirkte für mich allerdings sehr „inszeniert“. Ich mag es lockerer, ungezwungener. Die „Bühne auf der Bühne“, ein Konstrukt aus Plexiglas, auf dem meist gesungen wurde, wurde immer wieder herumgedreht und bewegt. Auch andere Gegenstände – alle aus Plexiglas – wurden immer wieder bewegt. Eine Bank, Stufen.

Die Choreografie von Musik, Tanz und Gesang mag dabei sehr gut zueinander passen. Viel darüber liest man im umfangreichen Angebot auf der Website zur Produktion und im Programmbuch. Ich hatte allerdings japanische, „sanftere“ Musik erwartet. Mir erschien die Musik eher hart. Auch der Tanz, der ja die Gefühlswelt darstellen sollte: Um die etwas erhobene Bühne herum tanzen die Mitglieder der Eastman Dance Company meisterlich, aber eben komplizierter, als ich es für diese Produktion erwartet hatte. Fast alle mit Bart übrigens, passend zu dem erwarteten Yoshio, der ja auch Bart trägt.

Mein Fazit: Eine dramatische Geschichte, die für mich etwas überinszeniert war. Man darf eben keine Erwartungen haben …

Copyright des Beitragsbildes: Wilfried Hösl

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THEATER: Festival Radikal jung – Odyssee

Es ist eine Produktion des Schauspielhaus Düsseldorf, eine Produktion, die zum Festival Radikal jung eingeladen wurde, das morgen, am 05.05.2023, endet. Eine Produktion des ukrainischen Dramatikers Pavlo Arie frei nach Homer. Auch der Regisseur der Produktion ist Ukrainer: Stas Zhyrkow.

Selbst das Schauspielhaus Düsseldorf schreibt dazu: Die Neudichtung des ukrainischen Dramatikers Pavlo Arie müsste eigentlich »Penelope« heißen. Ja, es geht um die ukrainischen Frauen und deren – wahre – Erlebnisse seit Kriegsbeginn. Um Penelope’s Situation, nicht um Odysseus‘ Erlebnisse. Berührend, zugleich künstlerisch gut gemacht, eindrucksvoll! Standing Ovations des bewegten Publikums am Ende im vollbesetzten Münchner Volkstheater.

HIER die Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus ist Düsseldorf. Man findet dort interessante Links zu weiteren Gesprächen und und und.

Die Ängste und Hoffnungen und die traurigen oder grausamen Erlebnisse der Frauen im Ukrainekrieg – Frauen, die in Düsseldorf landeten – mit ihren Kindern meist – ohne ihre Ehemänner oder andere Familienmitglieder – ihre Sehnsüchte und Ungewissheiten – ihr Warten. Sehr eindringlich, sehr direkt, das Publikum sehr direkt adressierend und künstlerisch interessant, so erfährt man davon!

Die Erzählung mit sieben Frauen und zwei Jungen aus der Ukraine und sieben Düsseldorferinnen verwebt – nicht äußerst tiefgründig, aber als Motiv – Homers Odyssee mit den wahren Geschichten der Spieler*innen. Eingeblendet werden im Laufe des Abends auf einem Laufband die Kapitel:

  • 1 // WARTEN
  • 2 // 24. FEBRUAR 2022 – Fortgehen oder bleiben
  • 3 // DIE EIFERSUCHT DER PENELOPE
  • 4 // ODYSSEE INS EXIL Teil 1 – DAS WOHLERGEHEN DER KINDER
  • 5 // TELEMACHIE I – Penelope ist verliebt
  • 6 // DIE ZWEIFEL DER PENELOPE
  • 8 // ODYSSEE INS EXIL TEIL 2 – Zwischen Skylla und Charybdis
  • 9 // DIE ANKLAGE DER PENELOPE
  • 10 // PENELOPE IM KRIEG
  • 11 // TELEMACHIE II – Penelope hat Liebeskummer
  • 12 // PENELOPE WARTET 10 JAHRE
  • 13 // ODYSSEE INS EXIL TEIL 3 – Die Ängste der Kinder
  • 14 // DAS VERSTUMMEN DER FRAUEN
  • SZENE 14.1. FRAUEN ALS OPFER DES KRIEGES
  • 15 // TELEMACHIE III – Penelope wird verlassen
  • 16 // PENELOPE WARTET 20 JAHRE
  • 17 // DIE SUCHE DER PENELOPE
  • 18 // PENELOPE AM ENDE DES WARTENS
  • 19 // DREI ABSCHIEDE DER PENELOPE

Es ist ein vielleicht noch direkterer Angang an das aktuelle Thema der aus der Ukraine flüchtenden Frauen, als es vor kurzem an den Münchner Kammerspielen in Green Corridors zu sehen war (HIER mein damaliger Beitrag). Beides war interessant und hilfreich! In Green Corridors kam (auch wichtig) das Nationalgefühl der UkrainerInnen noch hinzu. Bei Odyssee geht es mehr um Einzelschicksale, daneben auch in einem zweiten „Strang“ um das Thema „Erste Liebe“ der jungen Generation, den Weg in die Zukunft zeigend.

Das Warten und die Ungewissheit der Penélope werden ja auch Gegenstand des Stückes Il ritorno/Das Jahr magischen Denkens sein, das ich gegen Ende Mai an der Bayerischen Staatsoper (Cuvillestheater) sehen werden. Als Teil des kleinen Festivals Ja, Mai der bayerischen Staatsoper zum Thema „Erwartung“.

Il Ritorno ist eine der ersten Opern, von Monteverdi. Theater und Oper werden sich auf der Bühne direkt gegenüberstehen. Auch das wahrscheinlich ein interessanter – wieder ein anderer – Blick auf dieses Thema, zumal es gekoppelt ist mit dem Buch „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion, die darüber schrieb, dass sie nach dem Tod ihres Mannes im Grunde nicht davon loskam, seine Rückkehr erwartete.

Das Stück Odyssee ist demnächst noch mehrfach in Düsseldorf zu sehen. HIER ein Trailer.

Hier noch zwei Aufnahmen aus der Produktion:

  1. Musikalisch geradezu beeindruckend waren sie:

2. Und:

Copyright der Aufnahmen: Sandra Then

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THEATER: Residenztheater – Antigone von Sophokles

Ich habe über diese Inszenierung viel nachdenken müssen. Der Stoff der „Antigone“ von Sophokles ist ja hinlänglich bekannt: Es gibt die Anordnung von Antigones‘ Onkels, dem neuen König von Theben, Kreon, Antigones vor den Toren der Stadt verstorbenen Bruder Polyneikes unehrenhaft ohne Beerdigung liegen zu lassen. Er habe ja die Stadt angegriffen, habe es nicht verdient, nach dem Götterwillen in den Hades zu gelangen. Für Antigone aber steht ihr Gewissen und der Götterwille über der Anordnung des Königs, sie beerdigt ihren Bruder. Dann kommt Unheil über Kreon, wie es der Seher Teiresias vorhergesagt hatte, Kreons Sohn Haimon und seine Ehefrau sterben durch Selbstmord. Das ist der inhaltliche Kern des antiken Stoffes.

Wir haben hier am Residenztheater eine recht besondere Bearbeitung des Stoffes der Antigone von Sophokles, eine Inszenierung der Slowenin Mateja Koleznik. Mateja Koleznik hat zuletzt Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ inszeniert, das ich kürzlich in Bochum sehen konnte (HIER mein Bericht) und das gerade zum in wenigen Tagen beginnenden Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist.

Das Besondere ist: Das Stück wird zweimal absolut identisch aufgeführt, unterbrochen durch eine Pause. Man verfolgt es jeweils aus dem Blickwinkel eines von zwei nebeneinanderliegenden Räumen, Flur und Konferenzraum. Den jeweils anderen Raum kann man durch eine Tür immer wieder kurz erkennen. Die Beteiligten wechseln oft die Räume und reden über das Geschehen. Beide Blickwinkel zusammen ergeben das Stück.

Zunächst: Ich habe darüber nachdenken müssen: Warum Antigone in dieser Situation? Man sieht sich als Zuschauer einer fast unangenehmen Situation gegenüber: Die beiden Räume sind Kellerräume ohne Fenster – unter einem Königspalast. Im ersten Teil sieht man den kahlen grauen Flur, Türen, Neonlicht. Der Flur liegt vor dem zweiten Raum, einem holzvertäfelten Besprechungsraum. Unweigerlich denkt man an Hitlers Führerbunker. Unweigerlich fragte ich mich: Warum wird diese Situation gewählt? Es ist ja als moderne Zeit angelegt, man sieht die Beteiligten teilweise mit Chipkarten andere Türen öffnen, man sieht sie Codes zur Öffnung einer anderen Tür eingeben. Die beteiligten SchauspielerInnen sind meist dunkel gekleidet, meist mit Sakko, die Frauen grau, einer der Beteiligten in einem langen Ledermantel.

Erschreckend ist im Grunde auch das Verhalten der Beteiligten, die um den König Kreon herumwimmeln und diskutieren: Sie wirken dem König Kreon gegenüber ergeben, hörig, machtlos, in nichts attraktiv, strahlen eine übertriebene Wichtigkeit aus, reagieren zum Großteil in gewisser Weise gleichförmig, schnell, zackig. Der Führerbunker in unserer Zeit – darauf habe ich noch keine Antwort. Allein Thomas Sturzenberger zeigt den Demokraten, der an andere Führungssysteme denkt. Er ist auch – abgesehen von Antigone und Ismene „auf der anderen Seite“ der Thematik – der einzige, der etwas legerer gekleidet ist.

Hier ein Bild aus dem Besprechungsraum (oben der Flur):

Zum Inhalt:

Das Thema der Antigone von Sophokles ist ja altbekannt: Kreon, König von Theben, verweigert dem im Kampf gestorbenen Polyneikes die Beerdigung, da dieser gegen die Stadt Theben gekämpft hatte. Antigone widersetzt sich der Entscheidung ihres Onkels Kreon und bestattet ihren vor den Toren der Stadt tot liegenden Bruder Polyneikes. Der blinde Seher Theresias kündigt Kreon Unheil in der Familie an, wenn Kreon Antigone deswegen mit dem Tode bestraft. Tatsächlich sterben Kreons Sohn Haimon und seine Frau durch Selbstmord. Auch Antigone bringt sich um.

Antigones Streben, den Bruder ehrenhaft dem Wunsch der Götter gemäß zu beerdigen, und Kreons Reaktion werden vor allem im Besprechungsraum diskutiert. Auf dem Flur, also im ersten Teil, sieht man eher Antigone und Ismene, ihre Schwester. Im Besprechungsraum diskutieren die anwesenden Personen, die Mitglieder des Chors in Sophokles‘ Stück. Hier fließen Gedanken des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek ein, die er in seinem Buch „Die drei Leben der Antigone“ verfasst hat. Antigone wird ausdrücklich „unter Verwendung“ dieses Werkes gebracht.

Die Inszenierung ist im Grunde thematisch aus einer vergangenen Zeit. Denn behandelt werden die Themen so, wie wir es vielleicht mittlerweile überstanden haben. Seit Jahrzehnten diskutieren wir: Es geht um Herrschaft, um das Verhältnis Mann – Frau (Kreon/Antigone), um Emanzipation (Antigone), um das Verhältnis Mann – Sohn (Kreon/Haimon), um den Glauben an die Macht, um Egoismus, Gehorsam, Respekt und und und. Und hier wird alles noch dazu in dieser „Bunkersituation“ diskutiert. Düstere Vergangenheit?

Die Inszenierung ist aber andererseits, wie gesagt, bewusst modern angelegt. Die behandelten Themen sind immer aktuell, auch mit diesem „alten“ Stoff. Wir sind sicher weitergekommen, diskutieren auch nicht mehr in derartigen führerbezogenen Situationen, aber die Themen bleiben Themen!

Fast auffallend ist auch: Alle SchauspielerInnen spielen sehr überzeugend, können offenbar mit der Situation im „Bunker“ allesamt gut umgehen! Schön anzusehen einerseits, es lohnt sich auch deswegen, ist aber auch irgendwie erschreckend!

Insgesamt ist es einen Besuch wert vor allem wegen der interessant gestalteten „Dopplung“ oder „Aufspaltung“ des Geschehens und wegen des überzeugenden Ensembles. Man muss aber darüber nachdenken.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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MUSIK: Nina Simone – Stars

Es ist kaum zu glauben: Die Aufnahme ist bald 50 Jahre her, 47 Jahre alt genau genommen. Sie entstand 1976 in Montreux. Geboren ist Nina Simone am 21. Februar 1933, beim Montreux-Konzert war sie also 43 Jahre alt. Nina Simone ist am 21. April 2003, also im Alter von 70 Jahren, vor fast genau 20 Jahren, gestorben.

Sie nannte sich übrigens mit Nachnamen „Simone“, da sie ein Fan der Schauspielerin Simone Signoret war. 

Diese Aufnahme hier (der Song „Stars“) erscheint mir als besonders. Es gibt auch eine längere interessante Videoversion dazu auf YouTube, hier aber die kürzere. Und ACHTUNG:

Das Konzert von Nina Simone vom Jazz-Festival Montreux 1976 ist noch bis zum 30. Mai 2023 auf ARTE.tv in voller Länge zu sehen! HIER der Link!

Zwei große Themen prägten vielleicht das Leben von Nina Simone: Sie war zum Einen eine prägende Figur der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 70er-Jahren. Und sie war vielleicht insgesamt eine eher komplizierte Person, hatte ein schwieriges Leben, viele Krisen, war mehrfach verheiratet und und und. Zuletzt lebte sie in Südfrankreich.

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„Il Ritorno“, „NDT“, „Radikal jung“, Theatertreffen und und und im Mai

Der Mai wird interessante Dinge bringen. Hier ein Überblick über die Dinge, die ich sehen werde – als Anregung für die Leser. Wahrscheinlich sollte man sich frühzeitig um Karten kümmern, da die meisten Dinge nur für kurze Zeit oder gar nur ein Mal zu sehen sind.

Ich stelle hier vor allem die jeweiligen Links ein:

Zuerst wird im Residenztheater am 02. Mai die Inszenierung „Antigone“ gebracht.

Es könnte interessant werden. Es ist eine Inszenierung von „Antigone“ von Sophokles – der altbekannte Stoff – unter Verwendung von «Die drei Leben der Antigone» des slowakischen Philosophen Slavoj Žižek. Mal sehen. Das Setting ist eine Zusammenkunft in einem unterirdischen Konferenzraum und (vor der Pause) der Flur davor!

HIER die Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Dann: Am Münchner Volkstheater findet noch bis zum 05. Mai das Festival „Radikal für jung“ statt – unter anderem mit den Stücken „Dschinns“ und „Odyssee“, die ich sehen werde.

HIER die Stückeseite von Dschinns und HIER die Stückeseite von Odyssee.

HIER die Website des Fesivals der jungen Regie.

Dann gibt es – das könnte besonders werden – in einer Kooperation der Bay. Staatsoper und dem Haus der Kunst ab dem 05. Mai die Oper „Hanjo“ zu sehen.

Im Mai veranstaltet die bayerische Staatsoper nämlich das Festival Ja, Mai, ein Festival für frühes und zeitgenössisches Musiktheater. HIER geht es zur Festivalseite auf der Website der Bayerischen Staatsoper.

In diesem Zusammenhang werden zwei interessante Aufführungen gezeigt: HANJO ist die erste. HIER ist die Stückeseite von Hanjo. Es wird vielleicht interessant, weil es eben eine Kooperation der Bayerischen Staatsoper mit dem Haus der Kunst ist, die Aufführungen finden im Haus der Kunst statt! Der Bühnenraum der vom No-Theater inspirierten Oper des zeitgenössischen Komponisten Toshio Hosokawa wird von Rirkrit Tiravanija gestaltet, einem bildenden Künstler.

Dann gibt es – vielleicht wird das sehr besonders – von der Bay. Staatsoper im Cuvillestheater ab dem 07. Mai die Inszenierung „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“.

Es ist die zweite Aufführung im Rahmen des Festivals Ja, Mai. HIER geht es zur Stückeseite.

Die Inszenierung könnte ein Highlight des Monats Mai werden. Ich war auf einer Vorbesprechung. Die Produktion beschäftigt sich mit einer der frühesten Opern überhaupt: Claudio Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria. Zusätzlich wird das Schauspiel von der (2021 verstorbenen) US-amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion – basierend auf ihren Memoiren – aufgeführt. Verantwortlich für die szenische Umsetzung von Il ritorno/Das Jahr des magischen Denkens ist der Theaterregisseur Christopher Rüping. Christopher Rüping hatte in München schon unter anderem mit seiner zehnstündigen Produktion „Dionysos Stadt“ für Furore gesorgt, er ist jetzt erstmals Regisseur einer Oper. Es geht aber nicht einfach um die Oper. Auf der Bühne wird man eine Gegenüberstellung sehen von Oper und Theater. Zum Thema „Erwartung“, dem Thema von Ja, Mai.

Zu beachten ist auch: Zum Theatertreffen in Berlin stehen vom 12. Mai bis zum 8. September 2023 wieder drei der 10 ausgewählten Inszenierungen in der Mediathek zur Verfügung.

Die Inszenierungen „Die Eingeborenen von Maria Blut“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Kinder der Sonne“, sind dieses Jahr von 3sat im Rahmen der Reihe „Starke Stücke“ zu sehen – in der 3sat Mediathek und in der Mediathek der Berliner Festspiele. Zusätzlich kann man weitere ausgewählte Veranstaltungen sowie Texte und Archivmaterial ansehen.

HIER der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele, der Veranstalterin des Theatertreffens.

In der Zeitschrift „Theater heute“ (HIER der Link zur Website), Ausgabe April, ist ein Gespräch zwischen Burgtheater-Dramaturg Alexander Kerlin und der Historikerin Lucile Dreidemy zu den historischen Hintergründen von Maria Lazars Roman «Die Eingeborenen von Maria Blut» (der vollständige Abdruck der Bühnenfassung liegt dem Heft übrigens bei). HIER der Link zu diesem frei verfügbaren Text des Gesprächs.

Auch interessant kann sein am 11. und 13. Mai ein Live-Streaming von „Raw are the roots“ des Nederlands Dans Theater.

Das NDT bietet interessante Tanzdarbietungen: Zu „Raw are the roots“ heißt es auf der Website des NDT: „NDT 1 performs two very different approaches to dance. In this double bill, you will see two world premieres by Felix Landerer and choreographer duo Sharon Eyal & Gai Behar. On Thursday May 11 or Saturday May 13, we offer the opportunity to watch Raw are the rootslive from the comfort of your own sofa. Buy your ticket now for €15!

HIER die Stückeseite auf der Website des NDT.

Etwas außergewöhnlich ist auch an den Münchner Kammerspielen am 30. Mai die Möglichkeit, an der „offenen Probe“ des Stückes „Die Vaterlosen“ teilnehmen zu können.

Kurz vor der Premiere (sie ist am 02.06.) kann man eine offene Probe das Stückes „Die Vaterlosen“ nach Anton Tschechows „Der Vater“ besuchen. Sicher interessant, ist ja nicht üblich.

HIER der Link auf der Website der Münchner Kammerspiele zur Ankündigung der offenen Probe.

Also: Ich freue mich auf den Mai!

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THEATER: Peter Handke – Zwiegespräch

Die gesamte Münchner – oder gar über München hinaus – Theaterszene schien anwesend zu sein. Der Intendant des Münchner Residenztheaters Andreas Beck – seine Stellvertreterin Ingrid Trobitz – bekannte aktuelle und ehemalige Gesichter der Münchner Kammerspiele – bekannte Gesichter der Kritikerszene – bekannte zuschauende Dauerfreunde der Münchner Theaterwelt und und und.

Der riesige Zuschauerraum von Bühne 1 des Münchner Volkstheaters war fast ausverkauft, wie Christian Stückl bei seinen einführenden Worten zur Eröffnung des Festivals „Radikal jung“ 2023 in „seinem“ Theaterhaus erklärte. Hier:

Es war wie ein zweites Theatertreffen. Ob dies dem gerade im 5. Jahr eröffneten Festival „Radikal jung“ galt oder speziell der Darbietung der Inszenierung von „Zwiegespräch“, kann ich nicht beurteilen. Die Inszenierung von „Zwiegespräch“, dem aktuellen kleinen Gesprächsroman von Peter Handke, sie mag ein besonderer Lockvogel gewesen sein. Es ist die am Burgtheater Wien zu sehende Inszenierung der jungen Regisseurin Rieke Suesskow, die als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des letzten Jahres zum Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist. Eine seltene Gelegenheit, die Inszenierung in München zu sehen. Rieke Suesskow hier:

Es war/ist die erste Arbeit der 33jährigen Regisseurin am Burgtheater Wien.

Das gibt auch eine Antwort auf die Frage, warum das Stück „Zwiegespräch“ gar Teil des Festivals „Radikal jung“ geworden ist. In Peter Handkes aktuellem Roman „Zwiegespräch“ geht es doch um ein Gespräch zweier alter Männer – nicht gerade „radikal jung“! Die Antwort ist: Die junge Regisseurin! Dem Festival geht es um „junge Talente im Bereich der Theaterregie“! Eine zweite Antwort ist vielleicht auch noch: Die Inszenierung von Rieke Suesskow stellt den Kontrast zwischen jung und alt viel viel deutlicher dar, als es der Roman selbst tut. Der Text des Romans (man sollte ihn zweimal lesen!) wird damit nicht verändert, geschickt kommt aber das Thema „jung und alt“ viel deutlicher und prägender auf die Bühne.

Hier ein Foto von der Aufführung, das das Bühnenbild von „Zwiegespräch“ zeigt (Copyright Susanne Hassler-Smith, Burgtheater). Es ist ein Bühnenbild von Mirjam Stängl, die genau dafür am diesjährigen Berliner Theatertreffen 2023 vom langjährigen Medienpartner des Theatertreffen, 3sat, die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für das beste Bühnenbild erhalten wird.

Ziehharmonikagleich zieht sich zu Beginn der Aufführung minutenlang ganz langsam dieser riesige Paravent über die ganze Bühne, spannt sich auf wie das Leben. Er teilt die Bühne in zwei Hälften, links die Alten (auch die werden im Laufe des Stückes immer weniger), rechts die Jungen. Stück für Stück verschiebt sich die Unterteilung im Laufe der Aufführung, der Raum für die Alten wird immer kleiner.

Sehr treffend fasst das Programmheft zu „Zwiegespräch“ die Gedanken zusammen, die um den kurzen Roman von Peter Handke kreisen (Copyright Burgtheater Wien):

Ja, in Peter Handkes Roman „Zwiegespräch“ erzählen sich die beiden Alten (auf der Bühne sind es mehr) von Erinnerungen aus ihrem Leben. Es kann auch ein einziger Alter sein, Peter Handke. Meist erzählen sie von ihren Großvätern. Meist geht es darum, dass etwas nicht erkannt werden konnte, nie richtig erkannt werden kann. Der Schein trügt immer! Das Liebespaar in der Scheune, das man nur hört, das Haus und sein Innenleben.

Die Enkelgeneration übernimmt etwas von den Alten, Verharmlostes, aber im Grunde verwaltet sie nur das Ableben der Alten. Veranstaltet Spiele, die „Reise nach Jerusalem“, bis alle Alten weg sind, ausgeschieden und gestorben sind. Das zeigt die Inszenierung von Rieke Suesskow deutlicher und sehr treffend. Auch wenn an diesem Abend Branko Samarovski offenbar seinen Text fast völlig verloren hatte. Der Souffleur wurde nach etwa einer Dreiviertelstunde fast zum Textvorsager, Branko Samarovski zum Nachsager. Schade, das war leider störend. Naja, die Alten … Entscheidend bleibt der Text des Romans „Zwiegespräch“, auch an diesem Abend.

Rieke Suesskow es in der Tat geschafft, dem unverändert gebliebenen Text von Peter Handke eine Inszenierung zu geben, die den Text wunderbar ergänzt!

HIER der Link zum Spielplan des Festivals „Radikal jung“, das also begonnen hat. HIER der Link zur offiziellen Website des Festivals „Radikal jung“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Zwiegespräch“ auf der Website des Burgtheaters in Wien.

Copyright des Beitragsbildes: Susanne Hassler

Copyright der Bilder der Eröffnung und von Rieke Suesskow: Gabriela Neeb

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THEATER: Natalka Vorozhbyt – Green Corridors

Es geht um die Ukraine. An diesem Abend ist – leider – nicht besonders Fantasie gefragt, sondern purer Realismus. Die ukrainische Autorin Natalka Vorozhbyt hat ein Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele geschrieben im Grunde zur Frage: Wo steht und stand die Ukraine? Wo ist die Eigenständigkeit der Ukraine?

Vier aus der Ukraine geflüchtete Frauen – dazu immer wieder Rückblicke auf die Vergangenheit der Ukraine – getragen vom Blick der UkrainerInnen auf die Anderen, mit denen sie früher und heute immer wieder im Bestreben nach Unabhängigkeit umgehen mussten beziehungsweise müssen (Russen, Europa, USA).

Die vier Frauen, an denen das aktuelle Bild aufgehängt ist: Eine geflohene einsame „Katzenfrau“ aus Tschernihiw mit einer sowjetischen Mentalität, eine Geflohene Hausfrau aus Charkiw mit drei Kindern, deren Mann an der Front kämpft und getötet wird, eine geflohene junge Nageldesignerin aus Butscha, die von Burjaten vergewaltigt wurde und der Hölle entkam, und eine geflohene Schauspielerin aus Kyjiw, die unter ständiger Beobachtung aller anderen steht, da sie nichts Schlimmes erlebt hat. Die Realität! Aber alle wollen zurück in ihre Heimat.

Ukraine und Ukrainerinnen scheinen in diesem Stück als die schon immer Getriebenen. Blicke zurück: Immer wieder wollten sich die UkrainerInnen – soweit ich es verstehe! – auf eine Seite mehrerer Beteiligter (Nazis, Russen) stellen, um sich für die Ukraine einzusetzen – es ging meistens schief und begründete Probleme bis hin zur Ermordung. Wenn sie für Unabhängigkeit und Freiheit kämpften – es ging meistens schief. Die Ukraine war immer wieder ein Spielball. Wo und wie ist das nationale Bewusstsein der UkrainerInnen?

Das historische Bild der Ukraine wird aufgehängt an drei berühmten Personen: Dem Komponist Leontowytsch (1921), dem Nationalistenführer Bandera (1959) und der Dichterin Teliha (1942), offenbar drei Schlüsselpersonen der ukrainischen Geschichte, die allesamt umgebracht wurden für Ihren Einsatz für die Ukraine.

Es ist ein politischer Abend, dargestellt im Theater. Ich bin mehr für Fantasie als Realität im Theater, Fantasie regt mich mehr an, aber gut. Daran muss man sich bei den Münchner Kammerspielen derzeit gewöhnen: Theater und Politik gemeinsam. Das Stück „Green Corridors“ erhielt jedenfalls am Ende starken Applaus, viel Applaus und meine Unterhaltungen im Anschluss an die Vorführung zeigten, dass das Stück sehr gut gefiel!

Entsprechend dem heftigen realen Bezug ist es schauspielerisch meines Erachtens eher etwas plump, weniger sensibel. Darin sollte allerdings – ich habe es nicht so erkannt – auch „schwarzer Humor“ (wie es im Programmheft heißt) stecken. Daher wohl manche Übertreibung. Auch das Bühnenbild strahlt eine gewisse Brutalität aus: Eine große Holzwand, vor der auf schmalen Streifen gespielt wird und auf die immer wieder Zeichnungen gemalt und projiziert werden. Die Holzwand kippt im Laufe des Stückes komplett zusammen.

Man erhält aber durch diesen Abend ein gewisses Verständnis für die schon lange bestehende Situation der Ukraine, getragen vom Nationalgefühl der UkrainerInnen für ihre Heimat. Es wird Einiges dransein.

Das zu diesem Thema sehr wertvolle und hilfreiche/interessante digitale Programmheft zum Stück findet sich übrigens HIER.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

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LITERATUR: Andreas Maier – Die Heimat

Es ist der 9. Band der 11-teiligen Reihe „Ortsumgehung“, an der Andreas Maier seit Jahren schreibt. Es ging bisher mit köstlichen Schilderungen, die wir alle, die wir in seinem Alter sind, bestens nachvollziehen können, ein wenig erinnernd an Thomas Bernhard, um das Leben von Andreas Maier in der Provinz in der Wetterau bei Frankfurt.

Seit 2010 kann man Andreas Maier bei seiner Ortsumgehung begleiten. Vom Zimmer seines Onkels in Bad Nauheim in Das Zimmer über das Zuhause in Das Haus, dann über die Friedberger Schuljahre in Die Straße ging es weiter zu seinen ersten Liebes- und Schreibversuchen in Der Ort und Der Kreis und zu seinen Jugendjahren in Die Universität, dann geht es weiter über seine Familie in Die Familie, schließlich über erste Reisen weg aus der Wetterau in Die Städte und jetzt übergreifend über seine Gedanken zur Heimat in Die Heimat.

Ich habe sie alle gelesen. Wer Thomas Bernhard mag, wird auch Andreas Maier mögen. Es ist nicht etwa ein unbedingt ähnlicher Schreibstil, es ist die Tatsache, dass mit einem schönen Abstand, mit Ironie, aber auch mit Ernst, mit klarer und einfacher, aber mit – durch die köstlichen Schilderungen – gewitzter Sprache viele Dinge des Alltagslebens herrlich geschildert werden. Man hat es selbst mindestens ähnlich so erlebt oder beobachtet.

Der Roman „Die Heimat“ wiederum ist nicht zu Unrecht dem Filmemacher Edgar Reitz gewidmet. Dessen bekanntes Filmepos „Heimat“ , eine insgesamt 60-stündige Filmreihe, schildert zumindest, ist mein Eindruck, schwerpunktmäßig die Zeit des 1. und des 2. Weltkriegs in der Provinz, im fiktiven Ort Schabbach im Hunsrück. Andreas Maier schließt in gewisser Weise an dieses Filmepos an, bei ihm geht es – seinem Lebensalter geschuldet (er schreibt ja über sein Leben) – allein um die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Auch bei ihm geht es um die Provinz in Deutschland, seine Wetterau bei Frankfurt a. M. – beginnend, wie gesagt, in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich wollte mir bei dieser Gelegenheit das Filmepos von Edgar Reitz auch gleich ansehen, es ist mir leider noch nicht gelungen. Mal sehen.

Die Betrachtungen von Andreas Maier in „Die Heimat“ sind nun demgemäß eingeteilt in vier Abschnitte: Die Siebziger, die Achtziger, die Neunziger und die Nuller. Die Zwanzig-Zehner kommen dagegen nicht mehr vor. Man kann vermuten, dass Andreas Maier das Buch „Die Heimat“ (jedenfalls zum Teil) schon zu Beginn seiner Serie „Ortsumgehung“ geschrieben hatte, also vor mehr als zehn Jahren.

Die Siebziger: Andreas Maier beschreibt hier, wie in der Bundesrepublik Deutschland zunächst im Grunde die Vergangenheit hauptsächlich verschwiegen wurde. Sie blieb auch ihm in seinen jungen Jahren ein Mysterium.

Die Achtziger: Andreas Maier beschreibt dann, wie das Fremde auf Deutschland zukam, auch auf sein Leben in der Wetterau. Italiener, Türken, Osteuropäer, Exilanten auch in der Wetterau, in Friedberg – der Bülent, der Hassan, der Ali – es gab Schüleraustausch etc. Die Bedeutung von „Heimat“ wurde eher geprägt durch die beharrliche Abgrenzung vom „Anderen“ und dem Unverständnis. Erst herrschte eher Angst davor, dann entstand vielleicht Interesse. Dann gab es aber doch die Aufklärung über die eigene schreckliche Vergangenheit, den Zweiten Weltkrieg und die Deutschen, über den Holocaust – in der Schule. Dann kommt Andreas Maier zum Film von Joachim Fest „Hitler“, Hitlerdarstellungen werden „salonfähiger“, auch die Zeiten des NATO- Doppelbeschlusses und der RAF werden gestreift, bevor es den Mauerfall gab. Verwirrung.

Die Neunziger: Seine Freundin/Cousine Ortrun aus der ehemaligen DDR, seine Fahrt Anfang der Neunziger nach Meißen. Schwarze Fassaden. Wieder kam also „Anderes“ dazu, das man verstehen müsste, die Ostdeutschen, die Russlanddeutschen. Dann aber im heimischen Gemeinderat ein Vertreter der NPD. Die Entwicklung ging aber weiter, sie ging dahin, dass man auch in der Provinz immer mehr über die weite Welt erfuhr, allerdings nun aus dem Fernseher. Man musste nicht mehr Angst haben, auch wenn Unverständnis herrschte, es waren zwar wieder schreckliche Geschehen (Jugoslawien, Irak etc.), aber es waren jetzt ja nur Bilder und Berichte aus der Ferne.

Die Nuller: Noch einmal geht es Andreas Maier sehr um die Juden, weil es nie Juden zu sehen gab in Friedberg. Dann stellt er seine Fahrt zur Vergangenheit dar, eine spontane Eingebung, er wohnt ja immer noch in der Wetterau, jetzt mit seiner Frau, er fuhr zu einem alten Wirtshaus, das der mysteriöse Onkel J. immer besucht hatte. Dort wird schließlich die Pissrinne auf der Toilette wichtig, darin kulminiert im Grunde abschließend der Begriff HEIMAT. HEIMAT bleibt ganz banal das eigene Leben, das eigene Bedürfnis, und immer die Vergangenheit, auch wenn sich alles andere so sehr verändert.

Mit einem für Andreas Maier typischen kurzen Epilog endet der Roman: Die Arbeiter an der Ortsumgehung um Friedberg herum, die nicht verstehen können, was der Andreas will. Sie arbeiten weiter. Sie, die seine Vergangenheit, seine Heimat verbauen, eine Umgehungsstraße bauen, so dass die späteren Benutzer der Ortsumgehung nicht einmal mehr seine Heimat sehen müssen oder sehen werden. Sie können sie „links liegen lassen“. Es geht eben immer weiter und Altes wird umgangen.

Von Edgar Reitz gibt es das Zitat: „Heimat ist immer etwas Retrospektives. Ein Gefühl des Verlusts.“ Das ist vielleicht auch die Leitlinie von Andreas Maier.


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MUSIK: London Grammar – America

Bestehend aus der Sängerin Hannah Reid (* 30.12.1989), dem Gitarristen Dan Rothman (* 23.09.1989) und dem Schlagzeuger/Keyborder Dominic Major (* 23.02.1991). Mehr kann ich kaum sagen. Man nennt sie „britische Indie-Pop-Band“. Der Song America stammt vom aktuellsten Album der Band, Californian Soil, erschienen in 2021.

Hier die Lyrics:

And I hope that you find it, all that you need
I hope that you stay young and wild and free
You′ll have America
And I hope that you’re better than all of your friends
I hope that they hold you until the end
You can have America, hmm

But all of our time chasing America
But she never had a home for me
All of our time chasing a dream, hmm, hmm, hmm
A dream that meant nothing to me

And see where I found you where they all lay
All of the greats, they are here to stay
Here in America
And I hope that you find it, all that you are
I hope that it sets you apart
In the heart of America, hmm, hmm

But all of our time chasing America
But she never had a home for me, hmm, hmm, hmm
All of our time chasing a dream, hmm, hmm, hmm
A dream that meant nothing to me

And all the parties, they fade
And yes, my looks, they′ll go away
I’ll just be left here in America
But she never had a home for me

HIER der Link zur offiziellen Website von London Grammar.

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THEATER: Schauspielhaus Bochum – Der Bus nach Dachau

Nun schreibe ich noch über die Produktion „Der Bus nach Dachau“, die ich kürzlich auch am Schauspielhaus Bochum sehen konnte. Neben „Kinder der Sonne“ (HIER mein Bericht dazu) ist es als zweite Bochumer Inszenierung zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen. Es ist ein sehr sensibler, sehenswerter Abend.

Bei Betreten des Theaterraumes wundert man sich schon: Da sitzen ja schon ein paar Zuschauer auf der Bühne – auf schlichten Stühlen – und erhalten eine Einführung in das Stück. Die Einführung wird gebracht am Pult stehend von Ward Weemhoff, einem der Gründer des holländischen Schauspielerkollektiv De Warme Winkel. Schon die Einführung zeichnet sich dadurch aus, dass Ward Weemhoff – dem man genau zuhört, nachdem man sich selber im Zuschauerraum gesetzt hat – im Grunde naturgegebene Distanz zu dem hat, was er erklären will: Er sucht – als Holländer – ständig nach den richtigen deutschen Begriffen. Immer wieder fehlen ihm die Worte, die richtige Aussprache … Distanz bei gleichzeitigem Versuch, den Dingen nahe zu kommen. Darum geht es.

Dabei bezieht Ward Weemhoff seine kleine Gruppe von Zuhörern und Zuhörerinnen immer wieder ein, ihm die richtigen Begriffe zu nennen. Letztlich schaffen es beide Seiten gemeinsam, die Einführung verständlich zu gestalten. Man merkt schnell: Man ist einbezogen, man ist selber betroffen von dem, was kommen wird. Ward Weemhoff führt nach etwa 10 Minuten, die kleine Gruppe der Zuhörer und Zuhörerinnen auf ihre Plätze. Dann ist klar: Sie sind ja Teil von uns allen!

So erklärt also zu Beginn Ward Weemhoff der kleinen Gruppe etwas: – den Hintergrund der Produktion – das Bühnenbild – Dinge zum KZ Dachau:

  • Der Hintergrund der Inszenierung ist sehr persönlich: Der Vater von Ward Weemhoff hatte in den Neunzigerjahren einen Film machen wollen über eine Busfahrt ehemaliger niederländischer KZ Häftlinge (Widerständler) zur KZ Gedenkstätte Dachau. Jetzt macht der Sohn Wim also diesen Abend, in dem es über die Arbeiten an diesem nie entstandenen Film des Vaters geht. Drei Zeitebenen. Das KZ Dachau – Vaters Projekt in den Neunzigern – und heute.
  • Das Bühnenbild: Man blickt auf eine Werkstatt, hinten eine lange Kleiderstange mit Theaterkleidung; ein einfacher Tisch, einfache Stühle, wie in einer Kantine; alle Schauspieler und Schauspielerinnen in Alltagskleidung, sofern sie nicht KZ Kleidung tragen; die Hälfte der Bühne ist belegt von einem riesigen Kubus, der an einer Seite durch eine große Tür betreten werden kann. Dies wird auch geschehen.
  • Im Kubus werden im Laufe des Abends Szenen aus dem KZ Dachau gespielt werden. Es sollen Probeaufnahmen für den Film sein. Man sieht es dann auf großer Videoprojektion auf der Außenwand des Kubus.

Und schon ist man im Thema, bevor es „losgeht“: Zum Einen: Wie kann man etwas erklären, was man nicht selber erlebt hat, wenn einem die Worte fehlen. Und genauer: Wie kann man den kommenden Generationen den Holocaust erklären, wenn alle Beteiligten gestorben sind?

Wie ist denn unsere Erinnerungskultur? Eine Frage, die im Grunde in diesen Jahren beginnt, relevant zu werden. Alle Menschen, die die grauenhaften Einzelheiten des Holocaust mehr oder weniger erlebt haben, werden in Kürze gestorben sein. Erste Frage: Braucht es die Erinnerung an das „banale Böse“? Dann: Wird die Erinnerung künftig nur durch Spielfilme aufrecht erhalten? Steven Spielbergs Schindlers Liste? Stanley Kubrick? Auch darüber spricht man. Wird die Erinnerung künftig nur noch als Märchen transportabel sein? Auch Märchen können das Böse enthalten! Oder wird es wie mit dem Untergang Trojas sein, wird es eine Erzählung werden, bei der früher oder später eher der Autor – Homer und seine Ilias und die Odyssee – im Vordergrund steht, alles zu einer Sage wird? Ist es vielleicht gar unmöglich, sich zu erinnern? Und lernt der Mensch jemals etwas dazu?

Auch all diese Dinge kommen an diesem Abend zur Sprache. Es kommt auch zur Sprache: Soll man einen Film darüber möglichst naturalistisch machen? Werden die realistischen Erfahrungen, wird das wirkliche Schicksal durch computergenerierte Gestalten, die an die Stelle der Betroffenen treten, geradezu ausgelöscht? Wie umgehen mit Leugnern? Muss man nicht erschreckend Persönliches hören? Sehr beeindruckend war zum Beispiel der Monolog von Vincent Rietveld, in dem er lange über die allerletzte Situation, den Rest der Menschlichkeit im KZ Dachau sprach: Das Scheißen! Wenn man nur das noch konnte und wenn einem nur das noch zeigte: Man lebt noch!

Es sind viele Fragen, natürlich aber nicht viele Antworten! Es herrscht eher Betroffenheit auf der Bühne! Betroffenheit auch dadurch, dass man merkt, wie schwer tatsächlich Erlebtes wirklich nachvollzogen werden kann. Wie kann man es also trotzdem nahebringen? Der Abend wird sicherlich auch durch die Arbeitsweise von De Warme Winkel so vielschichtig und sensibel. Ward Weemhoff und Vincent Rietveld erklären in einem Interview, wie sich die Schauspielerkollektiv einem Thema nähert. Es beginnt mit einer Themensammlung, monatliche Meetings, Monat für Monat wächst ein Thema, es kann lange dauern, einzelne Szenen werden entwickelt, die Teile werden montiert …

Hier noch zwei Fotos:

Ein Abend, der „zwischen die Zeilen“ blickt, vorausdenkt, nicht nur „Betroffenheit über den Holocaust“ auslösen will.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus Bochum.

Copyright der Fotos: Isabel Machado Rios

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THEATER: Zentraltheater München – Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Seit 2017 gibt es in München – Nähe Hauptbahnhof, Paul-Heyse-Straße 28 – das kleine Zentraltheater. Es wird NICHT geführt von der renommierten Münchner Schauspielschule Zerboni, die im selben Gebäude sitzt, sondern ist davon unabhängig! Derzeit (siehe die Termine oben auf dem Plakat) läuft dort das Stück „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, nach Peter Høegs gleichnamigem erfolgreichen Roman aus dem Jahr 1992.

Man konnte im Zentraltheater bei „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ eine Aufführung verfolgen, bei der vor allem auf die schauspielerische Leistung Wert gelegt wird. So gibt es im Grunde für diese Inszenierung auf leerer Bühne nur die Schauspielerin Dagny Dewath und den Schauspieler Thomas Birnstiel. Weißer Bühnenboden – der Schnee eben. Der Erfolgsroman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ wird allein von Ihnen beiden erzählt/gespielt. Thomas Birnstiel schlüpft dabei in mehrere Rollen, während Dagny Dewath durchgehend Fräulein Smilla spielt, die dem Grund des Todes des Jungen Jesaja nachspürt. Sie ist Grönländerin, Jesaja war auch Grönländer, sie kannten sich, wohnten im selben Haus.

Es ist ein Wissenschaftsthriller, da es letztlich – findet Smilla heraus – um wissenschaftliche Expeditionen nach Grönland und dortige Funde und Tode geht.

Natürlich können nicht alle Einzelheiten des Thrillers, der auch verfilmt wurde, in der Inszenierung wiedergegeben werden. Ich kenne das Buch nicht, habe aber den Eindruck, dass durchaus öfters gekürzt werden musste. Auch wenn ja die Verfilmung die Grundlage der Inszenierung ist. Dennoch: Schauspielerisch ist die Inszenierung von beiden sehr überzeugend! Inhaltlich ist es möglicherweise etwas kurz geraten, mir hat sich nicht alles erschlossen.

Unverständlich blieb für mich leider das Plakat zu dieser Inszenierung, auf dem Helmut Kohl zu sehen ist. Nun gut, sehr schön ist es jedenfalls, gute schauspielerische Leistungen so nah in diesem kleinen Theater erleben zu können. Ein Grund, es zu besuchen – in der Hoffnung, dass vielleicht sogar auch junge Auszubildende der Schauspielschule Zerboni ihre Chance bekommen!

Hier noch ein Trailer zur Verfilmung des Romans in Produktion von Bernd Eichinger:

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THEATER: Schauspielhaus Bochum – Kinder der Sonne

Es war eine Gelegenheit, um von München nach Bochum zu fahren – zum „berüchtigten“ Schauspielhaus Bochum – für Sonntag, den 19. März, bin ich mit dem Zug hingefahren – quasi hintereinander wurden dort (jeweils auf einer der beiden Bühnen des Schauspielhauses) diejenigen beiden Inszenierungen gezeigt, die in diesem Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden – „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki und „Der Bus nach Dachau“ – letzteres ein Stück, das von der holländischen Gruppe „De Warme Winkel“ und Mitgliedern des Bochumer Ensembles erarbeitet wurde.

Natürlich war es zunächst einmal wunderbar, die beiden Bühnen dieses so berüchtigten Theaters kennengelernt und erlebt zu haben. Vor noch nicht ganz 105 Jahren wurde das Schauspielhaus Bochum gegründet. Zum 100-jährigen Bestehen in 2019 gab es eine Feier. Es gab damals außerdem eine recht ausführliche Dokumentation des WDR über das Schauspielhaus Bochum, die noch heute auf YouTube in voller Länge zu sehen ist. HIER:


Die Geschichte des Theaters ist geprägt von großen Intendanten. Um nur ein paar der Intendanten aus dieser Reihe zu nennen: Peter Zadek – Claus Peymann – Leander Haußmann – Matthias Hartmann – und jetzt (seit der Spielzeit 2018/2019) Johan Simons. HIER ein Überblick über alle Intendanten des Hauses und eine kurze Beschreibung ihrer Arbeit. Auch in der Zeit der Intendanz von Johann Simons hat das Schauspielhaus Bochum schon wunderbare Erfolge erzielt. Das Schauspielhaus Bochum wurde etwa im vergangenen Jahr (2022) zum Theater des Jahres gewählt.

Es ist nicht nötig, „Erfolge zu erzielen“, aber es ist gelungen, auch mit Einladungen zum Berliner Theatertreffen. Es kam in der Vergangenheit in der Tat schon mehrfach vor, dass zwei – sogar drei – Inszenierungen des Schauspielhauses Bochum gleichzeitig zum Berliner Theatertreffen (das es seit Mitte der sechziger Jahre gibt) eingeladen wurden, dieses Jahr also sind es wieder zwei.

Ich schreibe hier zunächst über meine Eindrücke zu „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki und dann in einem weiteren Beitrag über meine Eindrücke zu „Der Bus nach Dachau“. Zusammen gilt: Viel unterschiedlicher können Inszenierungen kaum sein. „Kinder der Sonne“: absolut klassisch inszeniert, zeitlos. „Der Bus nach Dachau“ (Untertitel: „Ein 21st Century Erinnerungsstück“) eine tiefgehende Arbeit, modern und fast werkstattmäßig inszeniert zu einem Thema, das uns heute alle betrifft.

„Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki:

HIER ein paar Fotos (Copyright Matthias Horn):

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass diese Inszenierung als eine der „bemerkenswerten Inszenierungen des Jahres“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Was ist „bemerkenswert“? Man blickt auf ein hochrealistisches Bühnenbild – eine edle Wohnung, der Flur, das Esszimmer, das nicht einsehbare Treppenhaus, alles stilvoll, fast zeitlos, edel, hohe Räume, gedeckte Farben. „Kinder der Sonne“ eben, die dort wohnen. Auch die Kostümierung absolut passend, fein ausgewählt, jeder so, wie er bei Maxim Gorki wohl sein soll. Auch die Kostümierung ist fast zeitlos, gedeckte Farben, edel. Es wirkt nicht unbedingt vollends nach dem Ende des 19. Jahrhunderts, was die beteiligten Personen an Kleidung tragen, es ist zeitlos. Auch der Text wiederum ist fast wortgetreu. Auch die Handlungen der Personen erlebt man getreu nach Maxim Gorkis Werk.

Das wiederum ist vielleicht aber das, was bemerkenswert ist: Gerade durch diese extrem konventionelle Herangehensweise an Maxim Gorkis Text entsteht doch ein Zeitbezug. Die Modernität des Themas muss dabei nicht durch Äußeres betont werden, der Zeitbezug entsteht schon dadurch, dass es sich in diesem Stück schlicht um ein zeitloses Thema selbst handelt und dieses Thema quasi zeitlos dargestellt wird: Die Blindheit in der Käseglocke. Die, die als „Kinder der Sonne“ in dieser schönen Umgebung leben, nehmen die Realität außerhalb des Hauses, also außerhalb ihrer Käseglocke, nicht wahr. Passend dazu ist auch, dass man als Zuschauer ausschließlich das schöne Innere dieses Hauses sieht, kein einziger Blick geht nach draußen, die Fenster sind verhangen. Nicht einmal die Gefahr der Cholera „draußen“ nehmen sie ernst. In ihrer Glocke haben die Beteiligten zwar durchaus ihre eigenen Themen, aber sie entkommen der Käseglocke nicht. Wenn sie ihr doch entkommen wollen, weil sie keine Lösung in der Käseglocke finden, gehen sie in den Tod – wie Tschepurnoi, dessen Liebe zu Jelena abgewiesen wird. Nur am Ende werden sie von der Realität eingeholt, und vom Pöbel attackiert. Sie wollten es ja nicht wahrhaben.

Schauspielerisch von allen überzeugend, besonders die stilleren Momente überzeugen. Hier wäre es manchmal vielleicht doch schön gewesen, ab und an mehr von der ja auch sehr treffenden Mimik der Beteiligten zu sehen – in Videoaufnahmen etwa.

Eine der zentralen Figuren des Stückes, der Chemiker Pawel Protassow, nimmt nicht einmal mehr das Leben in der Käseglocke wahr. Er kennt nur noch seine chemischen Experimente, kümmert sich vor allem nicht um Gefühle der Menschen in der Käseglocke. Er will quasi den besseren Menschen erschaffen – vorbei an jeder Realität. Seine Experimente erzeugen nur üble Gerüche in der Käseglocke. Der Mensch wird nie besser! Der endgültig befreiten Menschheit gilt sein Wirken, er hat auch kein Auge für die reiche Witwe Melanija, die in verzweifelter Liebe zu ihm entbrannt ist.

Ich konnte also sagen: Es war ein realistischer Blick in Maxim Gorkis „Käseglockenbild“, in dem die Situation „außerhalb der Käseglocke“ (Cholera) nur ganz kurz angesprochen wird und zum Schluss erst in die Käseglocke einbricht. Und, wenn ich wollte, konnte ich weiter denken: Wir leben immer in Käseglocken, wir tun uns unglaublich schwer, uns irgendwie anders zu verhalten, auch wenn die Gefahren „außerhalb“ unserer Käseglocke dramatischer werden. Eigentlich ernüchternd!

HIER der Link zur Stückeseite von „Kinder der Sonne“ auf der Website des Schauspielhauses Bochum.

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THEATER: Edouard Louis – Die Freiheit einer Frau

Im Rahmen einer Double Feature zusammen mit dem Stück „Nora“ (Hendrik Ibsen) hatte ich es schon gesehen – das Stück „Die Freiheit einer Frau“ nach Edouard Louis. Und ich habe darüber geschrieben, HIER mein damaliger Beitrag. Komischerweise ist ja dann nur das Stück „Nora“ zum Berliner Theatertreffen, das wieder im Mai stattfindet, eingeladen worden! Ich fand gerade beide Stücke zusammen wegen ihrer Unterschiedlichkeit besonders und hätte eher sogar das Stück „Die Freiheit einer Frau“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, es ist besonderer als „Nora“.

An den Münchner Kammerspielen wird „Die Freiheit einer Frau“ aber auch als Einzelaufführung gebracht. Ich habe es mir jetzt auch so angesehen und kann es dringend empfehlen! Der französische Autor Edouard Louis erzählt über das sehr traurige Leben seiner Mutter, die nicht ausufernde Adaptation für die Bühne ist einfach gelungen, sie erhält durch ihre Schlichtheit ihre Tragik.

Auf der Bühne bleibt es fast eine „Erzählung“, eine „schauspielerisch nur angehauchte“ Erzählung von drei hervorragenden SchauspielerInnen, die ständig alle Rollen wechseln, vor allem die Mutter und Edouard Louis spielen. Edmund Telgenkämper, Thomas Schmauser und Katharina Bach! Eine auch auf der Bühne sehr berührende Erzählung.

Die drei (gleich gekleidet in T-Shirt und Jeans, siehe Beitragsbild) spielen bzw. erzählen nur auf der Vorderbühne, einem schmalen Bereich vorne auf der Bühne, der abgetrennt ist von der großen Hauptbühne durch eine weiße Holzwand. Teilweise schöne Videoeinspielungen dazu, mehr nicht.

Edouard Louis geht dem Lebensweg seiner Mutter nach. Sie lebte immer in sehr armen Verhältnissen, war dreimal verheiratet, hatte fünf Kinder, eines davon war Edouard Louis. Mehrfach versuchte sie, den armen und trostlosen Verhältnissen ihres Lebens zu entkommen, es gelang letztlich nur kurz, als sie in Paris lebte. Edouard Louis kommt dem Leben seiner Mutter sehr nahe, das merkt man. Man merkt es durch die so überzeugenden SchauspielerInnen auch in dieser Inszenierung, obwohl sie sich szenisch komplett zurücknimmt.

Es gab viel Applaus für die sehr gelungene Darstellung dieser Erzählung, die – wie gesagt – sehr berührt! Ich empfehle es. Die Inszenierung dauert eine Stunde und etwa 10 Minuten, man kann also danach durchaus noch gut etwas unternehmen und auch über diese Geschichte der Mutter von Edouard Louis nachdenken. Sie hat lange Zeit ein armes Schicksal ertragen und sich doch in gewisser Weise nach Freiheit gesehnt und dafür eingesetzt, dafür gekämpft.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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LITERATUR: Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert

Über Romane von Teresa Präauer hatte ich zweimal im Blog geschrieben. Zuletzt über „Das Glück ist eine Bohne“ und davor über „Oh Schimmi“. „Oh Schimmi“ war eine köstliche Erzählung über einen recht verschrobenen Jungen. Den Erzählungen in „Das Glück ist eine Bohne“ fehlte dagegen dann irgendwie diese schöne Ironie und der Witz, der die Erzählung „Oh Schimmi“ prägte. Nun gut, ich habe ihren neuen Roman „Kochen im falschen Jahrhundert“ gelesen.

Wer über etwas lesen möchte, was er bestimmt schon gemacht hat, liegt nicht falsch bei diesem kleinen Roman. Gut überschaubar und leicht lesbar. Keine komplizierte Storyline, keine schwer verständlichen Handlungen oder sonderbare Personen. Es ist die Beobachtung und Schilderung des Verlaufs einer kleinen Einladung von Freunden zum Abendessen – die Schilderung ist dabei gemischt mit Erinnerungen an die Vergangenheit der Erzählerin und mit kürzeren allgemeinen Beobachtungen zur Welt. Das Prägende ist: Ansatzpunkt sämtlicher Überlegungen im Roman sind die Speisen und Getränke – frühere und heutige, deren Zubereitung, deren Zutaten, deren Orte, die Hilfsmittel zur Zubereitung etc., daher der Titel des Romans. Alles hängt an Speisen und Getränken.

Der Rahmen: Man trifft sich zur Einladung in der relativ neu bezogenen Wohnung eines Paares (der „Gastgeberin“ [sie ist die Erzählerin] und ihres „Partners“). Die Schilderung der kleinen Einladung besteht aus 32 kurzen „Kapiteln“. Die Gastgeberin hat eine Quiche vorbereitet (oder besser: Sie bereitet die Quiche während des Abends zu), es kommt ein befreundetes Ehepaar (der „Ehemann“ und die „Ehefrau“) und ein „Schweizer“ (ohne seine „Freundin“, die keine Zeit hat). Man verfolgt die Gespräche und Handlungen der Personen, durchaus mit unterschwelligem Humor (weil die Gastgeberin alles locker hinnimmt). Man lernt die beteiligten Personen damit ein wenig kennen, ein wenig. Das ist also der äußere Rahmen des neuen Romans der Österreicherin Theresa Präauer.

Man folgt in diesem Rahmen einer zentralen Überlegung: Wie kann man mit alleinigem Blick auf die Speisen und Getränke der Zeit Dinge der Gegenwart und der Vergangenheit schildern? Wie kann man allein von Speisen und Getränken ausgehend auf Überlegungen allgemeiner Art kommen? Die Zahl der in diesem Buch genannten Speisen und Getränke und aller möglichen sonstigen Wörter, die mit der Zubereitung von Speisen und Getränken und mit allerlei um sie herum zu tun haben, ist kaum zu ermitteln! Oft hängen kleine Erinnerungen der Erzählerin an! Teresa Präauer spricht sich selbst dabei mit „Du“ an („Erinnerst du dich?“). Sie geht bei ihren Überlegungen und Beobachtungen nicht in die Tiefe, sondern verfolgt den groben Faden, sich immer wieder an Speisen und Getränke zu erinnern, zu orientieren, immer daran. Alles hängt an Speisen und Getränken.

In der Tat: Speisen und Getränke begleiten uns täglich und unser Leben lang! Selten verbinden wir allerdings unsere Erinnerungen und Überlegungen mit ihnen. Genau dies geschieht aber in diesem Büchlein. So mischt sich das kleine Alltagsgeschehen der geschilderten Essenseinladung (die nicht etwa „der Erzählung wegen“ ausufert!) mit vielen kleinen Erinnerungen, allgemeinen Gedanken und kurzen Beobachtungen zur heutigen Welt oder zur Entwicklung der Welt überhaupt. Das Buch ist angenehm, leicht, da eben immer das Schöne am Essen und Trinken mitschwingt, nichts Trauriges, es ist nicht deutlich von Humor getragen, sondern eher von Kulinarik, vielleicht schwingt aber ein ständiges Lächeln mit. Nach dem Motto: Das Essen und Trinken prägte und prägt immer unser Leben!

Also ein nettes Mitbringsel bei einer Einladung!

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MUSIK: Asaf Avidan – Different Pulses

Theater und Musik. Wie im Beitrag zuvor. Heute: Ich war ja kürzlich im Münchner Metropoltheater, hatte mir das Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ angesehen. HIER mein Beitrag dazu. Es ging um Liebe, um die Unmöglichkeit der Liebe. Es sind immer zwei Welten, wie die beiden Koreas. Die ca. 20 verschiedene Szenen zu diesem Thema waren immer wieder unterbrochen durch Musik von Asaf Avidan.

Auch Asaf Avidan hat Lieder zu diesem Thema geschrieben. Hier eines davon.

Den Album-Titel Different Pulses wählte Asaf Avidan auch wegen des das Album durchziehenden Grundthemas: Der Suche nach Liebe, Frieden und/oder Sicherheit in dem Wissen, diese nie zu finden, weil es immer verschiedene Impulse/Pulsschläge gibt, die sich nie ganz synchronisieren lassen.

HIER der Link zur offiziellen Website von Asaf Avidan.

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MUSIK: Kae Tempest – Salt Coast

Der Song „Salt Coast“ von Kae Tempest bildet den Abschluss des Abends Anti•gone, über den ich kürzlich geschrieben hatte. HIER der Beitrag. Er passte stimmungsmäßig – kleine Seifenbläschen schwebten auf das Publikum herab – zu diesem Abend. Jetzt noch der Song.

Kae Tempest sei eine „Ausnahmeerscheinung“, heißt es. Jung ist sie, die Britin, 1985 geboren, nonbinär, sie hieß zuerst Kate Tempest, änderte es dann in Kae Tempest und wechselte von „she“ zu „they“, trägt statt langer Haare jetzt kurze Haare. Kae Tempest sind (!) im Grunde Lyrikerin, die ihre Texte sehr eigen als „Spoken Word“ mit Musik verbinden.

„Salt Coast“ ist ein Song – released im Februar 2022 – aus dem dann im April 2022 erschienenen Album The Line Is a Curve. Es ist ein Song – bzw. Text – über Großbritannien, über die heutige Welt der „Britishness“, über den Stolz, ein Brite zu sein. Kae Tempest selbst sagten dazu im Frühjahr 2022:

„My love song to this complex, devastating, deeply beautiful island Salt Coast is out now. This song means the world to me. Hope you feel it.“

Sie findet viele Worte! Die alles andere als einfachen und kurzen Lyrics von „Salt Coast“ (das Video ist am Ende des Beitrags!):

  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen
  • Leaves, rain
  • Alle verkleidet und nirgendwo hin 
  • All dressed up with nowhere to go
  • Ich liebe deine am Ärmel ziehende Nervosität 
  • I love your sleeve-pulling nervousness 
  • Ich liebe die Art, wie du an deinen Rändern zu Kreide zerbröckelt 
  • I love the way you crumble into chalk at your edges
  • Ich liebe die Art, wie du in einen endlosen Himmel eintauchst 
  • I love the way you fade into a sky that is as endless
  • Als Ihre Bereitschaft, es zu versuchen 
  • As your willingness to try
  • Mach weiter so und es wird besser 
  • Keep going and it will get better
  • Ich liebe die Art, wie du dich bemühst, klar zu werden 
  • I love the way you push to get clear
  • Ich liebe die Art, wie du tanzt, um stark zu werden 
  • I love the way you dance to get strong
  • Alt 
  • Ancient
  • Glatter Lehm, felsig, nasser Sand, moosbewachsen
  • Slick clay, rock-formed, wet sand, moss-borne
  • Was kam vorher 
  • What camе before
  • Und was kommt danach
  • And what will come aftеr
  • Unter den geordneten Warteschlangen, der schlechten Laune, den schönen Aussichten 
  • Beneath the orderly queues, the bad moods, the nice views
  • Die Habenichtse und Habeauchse, die Nachtschichten in flachen Schuhen 
  • The have-nots and have-toos, the night shifts in flat shoes
  • Die weggeworfenen Masken, die leeren Tuben 
  • The discarded masks, the empty tubes
  • Die Erkältung, die Grippe, die Roten 
  • The colds, the flus, the reds
  • Der Blues, das Buy-to-let, das Play-to-lose 
  • The blues, the buy-to-let, the play-to-lose
  • Das weiße Ass, die graue Gans, der Michelin-Stern, das Fast Food 
  • The white ace, the grey goose, the Michelin-starred, the fast food
  • Die glatten Lügen, die seltsame Wahrheit
  • The straight lies, the strange truth
  • Ich kann das tiefe Krächzen deines fröhlichen Lachens hören 
  • I can hear the deep rasp of your laughter, joyful
  • Unter den unterdrückten Ressentiments 
  • Beneath the stifled resentments
  • Und Mikroaggressionen 
  • And micro-aggressions
  • Alles Teil des Gewebes 
  • All part of the fabric
  • Die Spannung ist so eng gewebt, dass sie sich ihrer Dimension widersetzt 
  • The tension woven so tight it defies its dimension
  • Das sehen-aber-nicht-fühlen 
  • The see-but-don’t-feel
  • Das wissen-aber-nicht-erwähnen 
  • The know-but-don’t-mention
  • Da bist du ja 
  • There you are
  • hedonistisch, selbstzerstörerisch, unsicher 
  • hedonistic, self-destructive, insecure
  • Versuche, von den Fehlern wegzukommen, die du zuvor gemacht hast
  • Trying to get away from the mistakes you’ve made before
  • Salzküste, übler Wind 
  • The see-but-don’t-feel
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind 
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen
  • Leaves, rain
  • Aufbruch in den Wandel 
  • Veering into change
  • Ich schätze deine Bemühungen 
  • I appreciate your efforts
  • Anerkennung deines Privilegs 
  • Acknowledging your privilege
  • Aber anfällig für Rückschritte 
  • But prone to back-stepping
  • Sicher, unsere Zukunft wird nicht an unserer Vergangenheit gemessen 
  • Sure, it’s not by our past that our future will be measured
  • Genau in dem Moment, in dem wir zerzaust hineinfallen 
  • It’s by the very moment that we’re slumping in, dishevelled
  • Sechs Stunden in einer TV-Show, die nach Pizza schmeckt 
  • Six hours in to some TV show that tastes like the feeling of pizza
  • Ich weiß, wonach du greifst 
  • I know what you reach for
  • Alle verkleidet und nirgendwo hin 
  • All dressed up with nowhere to go
  • Auf einer Bank sitzen und darauf warten, dass sich ein Weg öffnet
  • Benched, waiting for a path to open up
  • Warten auf etwas, das dich alt genug machen könnte 
  • Waiting for a thing that might make you old enough
  • Um in die Kneipe zu kommen 
  • To get into the pub
  • Wo Menschen auf die verlorene Jugend trinken 
  • Where people drink to lost youth
  • Ich sehe dich, wie du den Kies in deiner Luft max kratzt 
  • I see you, scraping the gravel in your air max
  • So schön, so chaotisch, so geerdet 
  • So beautiful, so chaotic, so grounded
  • Heim 
  • Home
  • Beton und Lehm 
  • Concrete and loam
  • Ziegelmehl und Kredite 
  • Brick-dust and loans
  • Holzboden 
  • Wood-floors
  • Bildschirmtüren
  • Screen-doors
  • Und einen eigenen Ort 
  • And a place of your own
  • Zahl es für den Rest Ihres Lebens ab, aber wer fragt danach?
    Pay it off the rest of your life, but who’s asking?
  • Unruhig, die feuchte Nacht naht 
  • Restless, the damp night approaching
  • Zu lange auf den Beinen 
  • Too long on your feet
  • Hitze destillieren 
  • Distilling the heat
  • Jetzt willst du frei sein 
  • Now you want to be free
  • Von der Belastung dessen, was in deinem Namen getan wurde 
  • From the strain of what’s done in your name
  • Jeder einzelne Zentimeter von dir ist jemandes Anspruch 
  • Every single inch of you is somebody’s claim
  • Der bekannte Refrain 
  • The familiar refrain
  • Von ihrer Herrlichkeit und deiner Schande 
  • Of their glory and your shame
  • Sie wollen einfach nur in Bewegung bleiben, die enthaltene Energie 
  • You just want to keep moving, the energy contained
  • Schwappt heraus und macht dir Ärger
  • Is spilling out and making trouble for you
  • Nichts ist das gleiche 
    Nothing is the same
  • Du bist unter der Last des Leidens und Gehorchens herausgekommen 
  • You got out from underneath the weight of suffer and obey
  • Die Tyrannei und der Hass von Britannia regiert die Wellen 
  • The tyranny and hate of Britannia Rules the Waves
  • Und jetzt schwingst du deine Hüften, während du die Gasse hinunter stolzierst
  • And now you swing your hips as you go strutting down the lane
  • Ich liebe dich, wenn ich dich so klar sehe
  • I love you when I see you this plain
  • Deine Salzküste, dein übler Wind 
  • Your salt coast, your foul wind
  • Deine alten Geister, deine Schrottdose 
  • Your old ghosts, your scrap tin
  • Die Bräunung Ihrer Blätter 
  • The browning of your leaves
  • Und das Grün deines Regens 
  • And the greening of your rain
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen
  • Leaves, rain

HIER ein Artikel über sie und ihren Werdegang.

HIER noch ein anderer schöner Link.

HIER ein Interview mit „ihnen“.

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THEATER: Münchner Kammerspiele- Licht

Mehrere Jesidinnen sind bei „Licht“ an den Münchner Kammerspielen nach einjähriger Vorbereitungszeit bereit, auf der Theaterbühne (künftig auch in anderen Städten, auch international) über ihre persönlichen Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Jesiden zu erzählen. Es wird eine einzige lange Geschichte erzählt, die sich über viele Erzählabende an mehreren Orten erstrecken wird, bis sie zu Ende erzählt ist.

Am gestrigen Premierenabend waren es zwei junge Frauen, die erstmals erzählten. Weitere Abende folgen in München morgen, Samstag, 25.02., am Sonntag, 26.02., und wohl auch noch einmal im April. Das Projekt hat etwas Einmaliges und dadurch Besonderes: Jede einzelne Geschichte wird nur einmal erzählt, jeder Abend ist zeitlich offen, „bis die Erzählenden nicht mehr können“, heißt es! Die Bühne ist fast leer. Wenn eine Erzählerin mit ihrer Geschichte aufhört, setzt die nächste Erzählerin die Geschichte möglichst an deren Ende fort.

Das ist natürlich zweischneidig: Man erwartet Grauenhaftes, will aber nicht voyeuristisch sein. So war es in jedem Fall auch das Projekt an sich, das sehr reizte: Die absolute Einmaligkeit jedes Abends der Reihe und deren Unmittelbarkeit. Ein Erlebnis für den Theaterfreund, auch wenn das Thema wahrlich nichts mit Theater zu tun hat!

Es kam im Grunde am Premierenabend etwas anders (aber wie gesagt, jeder Abend wird anders!): Der Premierenabend mag dadurch geprägt gewesen sein, dass sich die Erzählerinnen erst einmal langsam an die erlebten Ereignisse herantasteten. Auch das ist sicherlich für die Erzählerinnen nicht leicht. So blieb es am Premierenabend zunächst weitgehend bei der Schilderung der Atmosphäre. So ist das eben, wenn eine lange Geschichte erzählt wird.

Bei der jungen ersten Jesidin, Awaz Abdi, (siehe das Beitragsbild) war es ohnehin verständlich, dass sie ausführlich (fast 2 Stunden lang) nur über die unruhige Nacht und die Abreise erzählte, als der IS in ihr friedliches Kinderleben kam. Awaz Abdi erzählte aus ihrer Kindheit, nach fast genau einer Stunde ihre Erzählung sagte sie zum ersten Mal: „Plötzlich hörte man Geräusche…“. Sie erzählte von der Unruhe der Familie, der Flucht, von den Lebensumständen ihrer Kindheit – nur davon erzählte sie, nicht vom Grauen. Das ist wahrlich sehr verständlich für ein junges Mädchen und jeder Einschnitt der Kindheit wird für sie persönlich schmerzhaft genug sein, sie hat ja die Bilder vor Augen.

Die zweite erzählende Jesidin, Najlaa Matto, war etwas älter. Sie fängt zum ersten Mal an zu schluchzen, als sie erzählt, dass es bei insgesamt vier Familien in der Nachbarschaft keinen Joghurt gab(!). Sie erzählt auch vom Tomaten Holen in der Nachbarschaft. Dabei hat sie im Grunde immer wieder erzählt, dass „alle Angst hatten und viel weinten“, weil die IS kam. Es lag sicherlich auch an ihrem einfachen Deutsch, das letztlich zu einer erzählerisch sehr einfachen Klage führte, die – meinte man fast – irgendwie zuviel Betroffenheit auslösen sollte. Sie hat wahrscheinlich Grauenhaftes erlebt, erfahren und gesehen – bei ihrer Erzählung merkte man es allerdings nicht.

Insgesamt war der Premierenabend für sich gesehen so aus meiner persönlichen Sicht gerade durch die Erzählung von Najlaa Matto fast eine Verharmlosung des brutalen Völkermordes an den Jesidinnen und Jesiden! Ja, die UN hat es mittlerweile als Völkermord eingestuft. Es mag in den kommenden beiden Terminen deutlicher – und vielleicht auch persönlicher – um die Taten des IS gehen. Sofern die Erzählerinnen fähig sein werden, darauf einzugehen.

So blieb an diesem Premierenabend jedenfalls ein ungutes Gefühl: So schrecklich und unbeachtet das Schicksal der Jesiden und Jesidinnen gewesen ist: Eilige Fluchten mit dem Auto in die Berge – das prägende Thema zumindest des Premierenabends – sind momentan nicht unbedingt Thema, um übermäßig Betroffenheit auszulösen – wenn es schon um Betroffenheit geht! Siehe allein die schrecklichen Schicksale in der Ukraine, siehe die grauenhaften Schicksale beim Erdbeben in der Türkei!

Aber jeder Abend wird anders sein. Und es waren eben die Anfänge einer langen Erzählung und das Projekt bleibt sehr besonders.

HIER der Link zur „Stückeseite“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Sima Dehgani