Ein Tipp für morgen, Freitag, den 22. September, oder übermorgen, Samstag, den 23. September: Schon mehrfach habe ich Online-Streamings des interessanten Nederlands Dans Theater (NDT) hier im Blog angekündigt. Es ist wieder soweit, morgen und übermorgen gibt es ein Online-Streaming der aktuellen Premiere „In/with/in“ zu sehen. Zeitgenössischer Tanz at its best!
Zum NDT heißt es allgemein:
Nederlands Dans Theater (NDT) is an internationally recognized contemporary dance company dedicated to creation, research, and talent development. Each season NDT collaborates with upcoming and renowned choreographers and artists from around the world in its commitment to being a creation house for diverse voices, ideas and approaches in dance. The company consists of NDT 1 and NDT 2 (for talented emerging artists) and is based in The Hague, the Netherlands. It tours worldwide to perform in Europe, America, Asia and Australia for 150,000 visitors annually, connecting to a large range of audiences and communities in the Netherlands and all over the world.
HIER der Link, über den man speziell die Tickets für das Online-Streaming des NDT von In/with/in kaufen kann.
Der erste Teil des Abends wird vom bekannten Choreografen Marco Goecke verantwortet, der ja im vergangenen Jahr in Hannover im Rahmen der sogenannten „Hundekotaffäre“ entlassen wurde. In diesem Teil kommt übrigens das Lied „Try To Remember“ von Harry Belafonte zum Einsatz. Auch das habe ich bereits im Blog gebracht. Hier ein Trailer zum ersten Teil:
Der zweite, mittlere Teildes Abends („Triptychon“) stammt vom Choreografen-Duo „Imre van Opstal & Marne van Opstal“. Hier ein Trailer:
Der dritte Teil des Abends ist choreografiert von Tao Ye, neu am NDT. Hier der Trailer:
Auf der Website des NDT kann man auch das Programmheft mit weiteren Videos online einsehen. HIER.
Ich jedenfalls mag zeitgenössischen Tanz. Bin gespannt.
Es gibt wieder einen guten Überblick über die kommende Spielzeit 2023/2024 der deutschsprachigen Theater: In der September-Ausgabe der Zeitschrift „Theater der Zeit“ veröffentlichen sehr viele deutschsprachige große und kleine Theater eine Anzeige mit Hinweis auf deren kommende Premieren.
Es ist insgesamt der Teil 2 der Ankündigungen, in der August-Ausgabe von THEATER DER ZEIT (einem Arbeitsheft für Johann Simons) waren bereits viele viele andere deutschsprachige Theater mit einem Hinweis auf deren kommende Premieren vertreten. Darüber hatte ich HIER kurz geschrieben.
Die Zeitschrift THEATER DER ZEIT lässt sich auch online lesen, allerdings ohne die Anzeigen. HIER der link.
In der September-Ausgabe von THEATER DER ZEIT weisen nun folgende Theater auf die kommenden Premieren hin:
Münchner Kammerspiele
Düsseldorfer Schauspielhaus
Theater Basel
Schauspiel Stuttgart
Berliner Ensemble
Schauspielhaus Zürich
Schauspiel Frankfurt
Gorki Theater Berlin
Thalia Theater Hamburg
Schauspiel Hannover
Bühnen Halle
Schauspiel Leipzig
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Theater Heilbronn
Theater Münster
Staatstheater Braunschweig
Mecklenburgisches Staatstheater
Staatsschauspiel Dresden
Harz Theater Halberstadt und Quedlinburg
Saarländisches Staatstheater
Hessisches Landestheater Marburg
Staatstheater Nürnberg
Stadttheater Ingolstadt
Schauburg
Hans Otto Theater
Theatercasino Zug
Vorarlberger Landestheater
Theater Freiburg
Theater Konstanz
Brandenburger Theater
Gerhart Hauptmann Theater Görlitz
Theater Bautzen
Staatstheater Cottbus
Theater Chemnitz
Theater junge Generation
Konzert und Theater St. Gallen
Theater Chur
Luzern Theater
Theater Winterthur
Theater Neubrandenburg – Neustrelitz
Erzgebirgisches Theater
Landestheater Schwaben
Theater Regensburg
Theater und Orchester Heidelberg
Nationaltheater Mannheim
Theater Aachen
Theater Dortmund
Deutsches Theater Göttingen
Theater Oberhausen
Theater Baden-Baden
Mainfranken Theater
Theater Aalen
Staatstheater Kassel
Theater Magdeburg
Theater für Niedersachsen
Staatstheater Meiningen
Theater der Altmark
Junges Staatstheater Berlin
Theater Waidspeicher Erfurt
Landestheater Linz
Ich hoffe, ich habe jetzt nicht etwas übersehen. Die September-Ausgabe von THEATER DER ZEIT enthält darüber hinaus zum Einen weitere Anzeigen über Theaterfestivals und Sonderveranstaltungen und zum Anderen interessante Beiträge. Der Vielfalt der Beiträge – Titelbild: Der Theatermacher Romeo Castelluci – kann ich nur durch die folgenden zwei Kopien des Inhaltsverzeichnisses der September-Ausgabe gerecht werden:
Meine Eindrücke zu dem seit wenigen Tagen in deutschen Kinos laufenden Film „Past Lives“ der Südkoreanerin Celine Song, der fast durchgehend gelobt wird. In Deutschland wurde der Film im Februar 2023 im Rahmen der Berlinale vorgestellt. Der Film konkurrierte um den Goldenen Bären, blieb aber zur Überraschung vieler ungekrönt.
Es ist der eindrucksvolle Debütfilm der Südkoreanerin Celine Song. Hier ein Foto von Celine Song:
Der Film „Past Lives“ soll sehr autobiografisch sein, umso überzeugender und tiefgründiger ist er natürlich geworden. Die Autorin (auch Celine Song) hat wohl fast Identisches erlebt. Es ist ein ruhiger Film, getragen von langen schönen Bildern, langsamen sehr stilvollen Kameraschwenks, langen Blicken auf die beiden Hauptpersonen des Films, die im Film Na-young – sie nennt sich später Nora – und Hae-sung heißen. Dieser Film kann nur ruhig sein: Nur so spürt man die Tiefe des Films. Aktionen spielen in diesem Film keine Rolle.
Es geht um den Besuch des 36-jährigen Koreaners Haw-sung bei seiner koreanischen Klassenkameradin und damals ersten Liebe Na-young (beide waren damals 12 Jahre alt) in New York. Sie haben sich 24 Jahre lang nicht gesehen. Nach zehn Jahren (beide waren 22 Jahre alt) hatten sie zumindest eine Zeit lang online Kontakt über Skype. Der Kontakt endete aber wieder, sie hätten sich beide viel zu sehr um völlig entfernte Leben gekümmert, sie mussten sich ja um ihr Leben vor Ort kümmern. Haw-sung lebte noch in Südkorea, Na-young/Nora lebte seit ihrem zwölften Lebensjahr wegen eines Umzugs ihrer Eltern in Kanada. Haw-sung aber wollte Na-young immer schon einmal wieder sehen, sie wirklich sehen, nicht nur über Skype. Das ist eben doch etwas anderes!
Das Schöne ist, sie können ihre Eindrücke des Wiedersehens dann selber kaum in Worte fassen. Worte würden hier im Grunde auch nur die Atmosphäre stören, geradezu zerstören. Es gibt im Grunde ganz wenige längere Szenen, in denen beide über ihre Situation reden, ein Abend in einer Bar vor allem, neben ihnen sitzt der Ehemann von Na-young/Nora und versteht nichts, weil die beiden sich koreanisch miteinander unterhalten. Und immer wieder die zaghafte Beobachtung der Personen durch die Kameraführung, die schönen Einstellungen, die langsamen Bilder, die stilvolle Umgebung, er (Teo Loo) ein überzeugender Schauspieler, sie (Greta Lee) mindestens genauso. Beide kommen sich auch nicht besonders nahe, auch das ist nicht nötig für diesen Film.
Was habe ich gemerkt in dem Film: Jeder baut in seinem Leben einfach ein bestimmtes Leben auf, eine andere Chance hat er/sie nicht! Na-young/Nora baute es sich eben in Kanada und New York auf. Auch wenn er/sie merkt, dass er/sie vielleicht in jungen Jahren (als sie zum Beispiel zwölf Jahre alt waren) sogar glücklicher waren: Das Leben läuft nicht so, dass sie bei diesem frühen Glück hätten bleiben können. Dass es dennoch in diesem Fall bei einer besonderen Beziehung beider zueinander blieb, merkt man. Sie fühlen sich auf jeden Fall voneinander angezogen, trotz ihrer mittlerweile völlig unterschiedlich entwickelten Leben, sie merken wahrscheinlich, dass sie etwas Besonderes erleben. Das wiederum liegt nach dem Titel „Past Lives“ vielleicht daran, dass sich beide schon in einem früheren Leben nahe waren!
Ich fand den Film jedenfalls absolut sehenswert, in seiner gesamten Darstellung dieser Situation sehr gut! Es betrifft ja jeden von uns.
Auch dieses Jahr gibt es von der Zeitschrift „Theater der Zeit“ wieder eine Ausgabe, in der die Premieren sehr vieler deutschsprachiger – nicht nur der „großen“ – Theaterhäuser in Anzeigen angekündigt werden. Die Ankündigung der kommenden Premieren ist, soweit ich höre, in zwei Ausgaben der Zeitschrift „Theater der Zeit“ aufgeteilt.
Die erste Ausgabe, in der man Ankündigungen von kommenden Premieren sieht, ist das diesjährige Arbeitsbuch des Verlages. HIER der Link zur Produktseite des „Arbeitsbuches“. HIER der allgemeine Link zur Verlagsseite, auf der viele theaterbezogene Inhalte zu finden sind.
Die Texte des Arbeitsbuches können online gelesen werden! Es ist ein Arbeitsbuch über (und für) Johan Simons, herausgegeben von Susanne Winnacker. Zunächst zu den Premierenankündigungen (1.), dann noch zum Inhalt des Arbeitsbuches (2.).
Ankündigungen von Premieren: Zu finden sind Ankündigungen aus folgenden Theaterhäusern:
Theater Bonn
Schauspiel Köln
Kampnagel
Badische Landesbühne
Theater Biel, Solothurn
Theater Plauen, Zwickau
Theater Eisleben
Theater Senftenberg
Nationaltheater Weimar
Theater der jungen Welt Leipzig
Schauspiel Essen
Theater Konstanz
Theater Gütersloh
Tiroler Volksschauspiel
Theater Naumburg
Theater Bielefeld
Landestheater Detmold
Landesbühne Niedersachsen Nord
Theater Paderborn
Uckermärkische Bühnen Schwedt
Puppentheater Magdeburg
Bühnen Bern – Schauspiel
Volkstheater Rostock
Schauspielhaus Bochum
Zusätzlich sind Festivals angekündigt:
Mülheimer Theatertage
Impulstanz (bereits vorbei)
Zürcher Theaterspektakel
Ruhrtriennale (hat begonnen)
Internationales Sommer Festival Kampnagel
Kunstfest Weimar
Termine von ersten Premieren finden sich online auf der Website des Verlages Theater der Zeit: HIER der Link.
2. Zum Inhalt des Arbeitsbuches für Johan Simons:
Man braucht Zeit, um die sehr ausladenden Texte über Johan Simons und seine Arbeit zu lesen. Noch dazu sind sie in diesem Arbeitsbuch sehr klein und in großen Textblöcken geschrieben. Und noch dazu sind sie teilweise recht kompliziert geschrieben. Das wiederum liegt vielleicht daran, dass jeweils sehr genau auf die Gegenstände, über die geschrieben wird, eingegangen wird. Die Texte haben insgesamt eher Buchqualität. Es bedarf große Konzentration. Man hätte durchaus daraus ein Buch über Johan Simons machen können.
Auf Einzelheiten der Texte kann ich hier nicht eingehen. Ich lese immer noch. Immer wieder kommt man auf die Arbeitsweise von Johan Simons zurück. Die Stille, die Ruhe, das Zusehen, das braucht er. Daraus erwächst in ihm wohl das tiefe Gespür dafür, was er will und was ihm fehlt, worum es ihm geht. Auch Johan Simons hat einen Text beigetragen. Außerdem Sandra Hüller, Jens Harzer, Stefan Hunstein, Elsie de Brauw (die Lebensgefährtin von Johan Simons), Susanne Winnacker (stellvertretende Intendantin des Schauspielhauses Bochum) und und und. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist Johan Simons bekanntlich Intendant des Schauspielhauses Bochum.
In meiner Musikauswahl muss natürlich auch einmal „The Köln Concert“ von Keith Jarrett erscheinen! Wer kennt die Aufnahme nicht, vor allem den ersten Teil. Hier ist die Originalversion, damals als LP bekannt. Die Aufnahme war lange Zeit auf YouTube nicht zu finden, jetzt habe ich sie gefunden!
Erst zu Keith Jarrett (1.), dann unten noch zu Trajal Harrell (2.):
1. Zu Keith Jarrett:
So sah er damals aus (Kölner Konzert und Foto sind von 1975):
Photographer uncredited and unknown.
Wikipedia schreibt allgemein zu Keith Jarretts Köln Concert:
Keith Jarrett … hat vor allem durch seine frühen Solo-Konzerte maßgeblich die Vorstellung vieler Menschen von zeitgenössischer Improvisation beeinflusst. … Die Platte mit ihrem markanten weißen Cover war in vielen Haushalten zu sehen und „zierte die Plattenschränke jener Zeit wie die Poster von Che Guevara in Studentenbuden ein Jahrzehnt zuvor.“ [2] Sie ist nach wie vor Jarretts bekannteste Plattenaufnahme.
Und die schöne Geschichte zu den schwierigen Umständen des Kölner Konzerts am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper:
Die Einspielung des Köln Concert fand unter extrem widrigen Umständen statt. Der Musiker hatte die Nacht zuvor fast nicht geschlafen, da er seit dem frühen Morgen mit seinem Produzenten Manfred Eicher im klapprigen R4 von einem Konzert in der Schweiz angereist war. Der eigentlich ausgesuchte Bösendorfer-290-Imperial-Konzertflügel war verwechselt worden, es stand ein Bösendorfer-Stutzflügel bereit, der nur für die Probenarbeit verwendet wurde, verstimmt war und bei dem die Pedale und einige Tasten klemmten. Sein Essen vor dem Konzert kam erst eine Viertelstunde vor der Rückkehr ins Opernhaus.
Nur auf ausdrückliche Bitten der lokalen achtzehnjährigen Veranstalterin Vera Brandes war Jarrett bereit, doch aufzutreten.[4][5] Brandes konnte zwar in letzter Minute einen hochwertigen Flügel einer benachbarten Musikschule akquirieren, dieser hätte jedoch durch den notwendigen Transport bei niedrigen Temperaturen im Regen über den Neumarkt arg gelitten, so dass letztlich doch der Stutzflügel zum Einsatz kam.[6] Das Team hatte die Live-Aufnahme bereits streichen wollen, als sich die Tontechniker darauf einigten, das mit rund 1400 Zuhörern ausverkaufte Kölner Konzert schließlich doch für interne Zwecke mitzuschneiden: Keith Jarrett passte das musikalische Geschehen dem Instrument an und beschränkte sich weitgehend auf die mittleren und tiefen Tonlagen, wobei er wiederholende Muster bevorzugte.
HIER erzählt Keith Jarrett Jahre später über die Schwierigkeiten in Köln.
Zu Improvisationen und Solokonzerten sagt er:
„Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann.“
2. Zu Trajal Harrell:
Manche kenne ihn aus Münchner Zeiten in den Kammerspielen in der Zeit von Matthias Lilienthal. Er macht sehr schöne Tanzproduktionen mit Musik. Immer wieder liest man positiv über seine Produktion „The Köln Concert“, die schon 2020 Uraufführung hatte. Es ist eine Produktion, die am Schauspielhaus Zürich entstand. HIER der Link. Und HIER die schöne Besprechung der Produktion auf nachtkritik.de. Er hat mit dieser Produktion heute noch Gastspielaufführungen, zuletzt am 02.08.2023 auf dem „Vienna International Dance Festival“ „ImpulsTanz“.
Trajal Harrell ist Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich und leitet eine Tanzkompanie, das „Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble“. Mit diesem hat er auch The Köln Concert produziert. Er mischt ja immer Tanz mit dem Posing von Models.
Hier noch ein Video zu dieser Produktion, beginnend mit Gesang von Joni Mitchell, die Trajal Harrell für diese Produktion auch einsetzt.
Ich empfehle gerne Bücher und hier habe ich wieder eines, das ich wirklich empfehlen kann. Ein großartig geschriebener französischer Roman über das Leben mehrerer Jugendlicher, damit aber natürlich „am Rande“ auch über das Leben ihrer Eltern etc. Der Roman hatte 2018 in Frankreich den Prix Goncourt gewonnen, die höchste Literaturauszeichnung in Frankreich. Eine Freundin hatte mir das Buch empfohlen.
Der Roman betrifft zwar genau genommen das Leben der Personen in Frankreich, wo arm und reich sicher deutlicher zusammentreffen als in Deutschland. Aber im Grunde gilt er auch für Deutschland, denke ich.
Im Klappentext des Buches heißt es:
Ein Ort in der Provinz, im Osten Frankreichs. Stillgelegte Industrie. Unerträgliche Hitze. Eine Gruppe Jugendliche, ohne viel zu tun, die ihre Sexualität entdecken, Bier trinken, Moped fahren oder dealen. Langeweile. Konflikte mit und zwischen den Eltern. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nicolas Mathieu schreibt über die am Rande Liegengelassenen. Über vier Sommer begleitet „Wie später ihre Kinder“ Anthony, Hacine und ihre Freunde beim Erwachsenwerden in einer Welt der Reihenhaussiedlungen und Durchschnittsstädte – einer Welt, in der ihnen nichts geschenkt wird und an der sie dennoch hängen. Ein Gesellschaftsroman über das vergessene Frankreich der 1990er.
Das beschreibt es gut. Ich habe das Buch sogar auf Französisch gelesen. Ich hatte als Student ein Jahr in Lausanne/französische Schweiz gelebt und dort Französisch gelernt. Manchmal – nicht oft – lese ich heute noch Bücher auf Französisch. Klar, ich muss viele Wörter nachblättern, aber dank http://www.leo.org funktioniert es unkompliziert, das IPad liegt beim Lesen immer auf dem Schoß! So auch hier, aber es hat sich gelohnt!
Das Schöne an dem Buch ist: Es werden – in vier Teilen des Romans, betreffend die Jahre 1992, 1994, 1996 und 1998 – wunderbar real, authentisch, einfach, mit schöner Sprache, immer wieder mit ganz banalen Dialogen, die Personen und die Situationen geschildert, die für sich gesehen jeweils nicht aussagekräftig sein mögen – die aber durch das Gesamtgeschehen und für die Entwicklung der Personen allesamt ihre Bedeutung haben. Ein Motorrad wird geklaut, das ist ein wenig der Beginn. Der Roman taucht tief ein in das Leben der jungen Protagonisten und ihrer Familien. Es ist eine Leistung, alles so authentisch schildern zu können! Ich war – trotz der „Banalitäten“ der Ereignisse – immer weiter gespannt darauf, wer sich wie weiter entwickelt, bis zur letzten Seite.
Die schönen klaren Schilderungen werden dann wiederum immer wieder durchzogen von Passagen, in denen einfach über das Feeling der betreffenden Personen geschrieben wird oder auch allgemein Ausführungen zur ihren Lebenssituation, zu ihren Problemen, zur gesellschaftlichen Situation der „abgehängten“ Familien (in Frankreich) gemacht werden. Man weiß manchmal gar nicht, ob es Schilderungen und Eindrücke aus den Augen des Autors sind oder direkt aus den Augen der betreffenden Personen. Und wie gesagt: Warum soll es in Deutschland den jungen Leuten anders gehen? Dass meist rein französische Themen den Rahmen bilden, klar, der französische Nationalfeiertag, die französische „Equipe“ im Finale der WM, aber es spielt letztlich keine Rolle.
Man liest nur positive Rezensionen zu diesem Buch! Etwa wie in der „Neuen Züricher Zeitung“, der NZZ vom 31.12.2019:
„… ein Roman, der auch als „hyperrealistische Erzählung“ oder Parabel in der Tradition Albert Camus‘ gelesen werden kann … grandios.“
Es ist eine schöne und lehrreiche Urlaubslektüre, ich wollte das Buch kaum mehr weglegen.
Sie war eine so besondere und auch so hübsche Frau! Sie legte sich eigentlich immer quer, war alles andere als angepasst. Und sie hatte ein so verdammt schweres Leben! Siehe kurz dazu unten! Zuletzt, vor etwas mehr als einem Jahr, hatte sich etwa ihr Sohn Shane umgebracht! Heute gab ihre Familie bekannt: Sinead O‘Connor ist – im Alter von nur 56 Jahren – gestorben.
Ihr Welterfolg war „Nothing Compares 2U“. Ich hatte den – von Prince geschriebenen – Song hier bereits gebracht. Hier ist er nun noch einmal in einer tollen Liveversion aus ihren jüngeren Jahren. Allein, dass sie dort barfuß singt! Es muss auf einem Konzert in Chile gewesen sein, von dem ich schon einen Song von Peter Gabriel gebracht hatte, „Biko“. Wenn ich eine Frau (geworden) wäre, wäre ich gerne sie gewesen, in diesem Moment, mit diesem Song, auf diesem Konzert, so wie sie es bringt. Hier Sinead O‘Connor:
2021 zog sich die weltbekannte irische Sängerin aus dem Musikgeschäft zurück. Den Schritt begründete sie damals damit, sie sei älter und müder geworden. Im selben Jahr erschienen ihre Memoiren, „Rememberings“. In ihnen erzählt sie unter anderem von Misshandlungen in ihrer Kindheit. Im Januar 2022 starb dann einer von Sinead O’Connors drei Söhnen, Shane – mit 17 Jahren. Laut der Sängerin beging er Selbstmord. Vielleicht hat sie das nicht überwunden! Sie sagte über ihn: Er war die Liebe meines Lebens, das Licht meiner Seele. Wir waren eine Seele in zwei Hälften. Er war der einzige Mensch, der mich jemals bedingungslos geliebt hat.“
Das Haus der Kunst in München geht ja seit einiger Zeit unter der Leitung des künstlerischen Direktors Andrea Lissoni interessante Wege. Es ist längst nicht mehr nur Ausstellungsfläche für bildende Kunst, es geht hin zu einem „Kunstzentrum“, wie es heißt. Musik spielt dabei eine große Rolle. Oder sagen wir besser: Sounds, Töne, Grenzbereiche der Musik.
So hatte ich schon mehrfach über die Veranstaltungsreihe TUNE im Haus der Kunst geschrieben. HIER etwa. In so genannten „Sound Residencies“ erkunden hier Künstler die Grenzen von Musik, die Einflüsse und die Wirkungen von Tönen. Teilweise sind es – schwer zu erkennen – „akustische Antworten auf die Ausstellungen im Haus der Kunst“, wie es auch heißt. Die Reihe geht bereits ins dritte Jahr, der nächste Termin ist am 6. Oktober. HIER der Link zur Veranstaltungsseite TUNE.
Und jetzt: Zum zweiten Mal gibt es an diesem Wochenende die Performancereihe ECHOES. HIER der Link zur Veranstaltungsseite von ECHOES auf der Website des Hauses der Kunst. Es begann gestern abend, Freitag, 21. Juli, und setzt sich fort mit Veranstaltungen heute und morgen, Samstag/Sonntag, 22. und 23. Juli. Bei ECHOES spielt die Stimme eine entscheidende Rolle, bei TUNE der Sound. Hier das verbleibende Programm von ECHOES:
Beide Reihen entwickeln sich zu einem Treffen von vor allem jungen Menschen. Was mir auffällt: Es geht hier auf keinen Fall um „Musikgeschmack“. Man geht danach nicht raus und sagt sich: „Die Musik hat mir gefallen“ oder „Die Musik hat mir nicht gefallen.“ Die Kategorien „Gefallen“ oder „Geschmack“ spielen hier ansich keine Rolle. Es kann bei diesen Veranstaltungen kaum geteilte Meinungen geben, das prägt die Atmosphäre, man hat eben etwas erlebt, fertig. Insoweit ist es unweigerlich eine Art Gemeinschaftserlebnis, wobei es jeder natürlich anders erlebt. (Ist ja selten heute, man grenzt sich ja ständig vom Anderen ab. Der Andere hat immer unrecht und so.)
Man wird also bei ECHOES einfach auf lockere Art und Weise (im großen Westflügel des Hauses der Kunst) eine Erfahrung sammeln. Eine Erfahrung aus dem Grenzbereich von Musik und Tönen und Stimmen. Musik ist ja im Grunde immer von Grenzen gefangen, Stil, Rhythmus, Text, etc. Umso mehr ist es wert, all diese Grenzen einmal abzulegen, in gewisser Weise zu sprengen.
Gestern waren es zwei Veranstaltungen:
Zum Einen die Auseinandersetzung mit Housemusik der späten 80er/frühen 90er Jahre, eine Performance von Luis Garay, Slim Soledad und Nicolas Brummer.
Zum Anderen ein Konzert von Lyra Pramuk, in dem sie ihre eigene Stimme (ohne Text) meist mit synthetischen Klängen so verbindet, dass beides weitgehend verschmilzt.
Hier ein Foto des künstlerischen Direktors Andrea Lissoni:
Copyright: Maximilian Geuter
Nachtrag: Hier eine Impression von Samstag Abend, DEBIT:
DEBIT’s neues Album The Long Count kann auf SoundCloud gehört werden. HIER.
Hier außerdem eine Impression von Sonntag, Kiani del Valle und Hamill Industries:
Slippery Slope ist ein Stück der israelischen Autorin und Regisseurin, der „Theatermacherin“, Yael Ronen. Ihr Stück wurde 2022 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Das Münchner Metropoltheater zeigt derzeit eine Inszenierung von Slippery Slope (Regie – und Darsteller: Philipp Moschitz). HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.
Wikipedia sagt: Slippery Slope ist ein Begriff für „Dammbruchargument“. Eine Argumentationsweise, die vor dem Vollzug einer bestimmten Handlung warnt und dabei geltend macht, dass diese Handlung „den Damm bricht“ und damit zwangsläufig weitere negative Konsequenzen zur Folge hat. Also: Wenn ich A mache, wird B geschehen, und dann wird C die Folge sein – und das kann ich nicht verantworten! Deswegen mache ich A nicht, vertrete A nicht.
„Slippery Slope“ war eine Produktion des Gorki Theaters in Berlin, mit dem Yael Ronen seit Jahren zusammenarbeitet. In der Inszenierung am Gorki Theater war es Yael Ronens dritte Einladung zum Berliner Theatertreffen. Auch an den Münchner Kammerspielen hatte Yael Ronen bereits Inszenierungen. Ich erinnere an den zwar harmlosen, eher poetischen, aber beeindruckenden Abend „#Genesis“. HIER der Link zu meiner damaligen Besprechung. Davor hatte sie an den Münchner Kammerspielen schon „Point of No Return“ gebracht.
Das Metropoltheater mag schlichte, klare Bühnenbilder (Bühne: Thomas Flach). So auch hier. Beleuchtete „Rahmen“ um die Bühnenflächen, die nach hinten hin immer kleiner werden, schaffen mehrere (schmale) Ebenen. Mehr nicht. Siehe das Beitragsfoto. Passende Bühne, könnte man sagen, zum Titel „Slippery Slope“ nach dem Motto: „Auf das Eine folgt kaskadenartig (oder wie in der russischen Puppe) immer das Nächste und so weiter“. Es ist ein humorvolles Stück, das andererseits ernste Themen der heutigen Zeit streift bzw. zum Gegenstand hat. Man überlegt sogar: Ernst oder Humor, gerahmt jedenfalls von einer fast spannenden Geschichte um einen „berühmten Musiker“, den Schweden Gustav Gunasson, der eine Comeback-Tour startet. Er war ein Freund von Peter Gabriel und Sting etc.
Die Themen, die den Abend bilden: Der Umgang mit Rassismus, mit Sexismus, Machtmissbrauch, #MeToo, Feminismus, Social Media-Wahn, kulturelle Aneignung, Cancel Culture, Political (In)Correctness etc. Das ist viel, es kumuliert hier alles in der Geschichte aus dem Musik-Business. Auch das Mediengeschäft und das Pornogeschäft spielen herein. Drei Felder, in denen Yael Ronen diese Themen verortet, was ja auch weitgehend passt.
Es geht dabei hauptsächlich um eine humorvolle Herangehensweise. Das Stück soll nicht belehrend sein, eher zeigen: Jeder hat irgendwie Dreck am Stecken, auch die, die etwas aufdecken wollen. Jeder lebt sein Leben. Es ist „fast ein Musical“, Rocky-Horror-Picture-Show-ähnlich. Die vorwiegend humorvolle Sichtweise relativiert natürlich den Ernst der Themen. Aber so ist es nun einmal: Jeder spielt mit seiner eigenen Einstellung zu diesen Themen, natürlich auch mit seiner Einstellung zu allen anderen Themen. Eine richtige Lösung lässt sich nicht definieren, niemand kann die absolute Wahrheit für sich in Anspruch nehmen.
Nicht leicht zu erkennen ist dabei allerdings, inwieweit es gerade um die titelgebenden „Dammbruchargumente“ gehen soll. Es geht eher für alle Beteiligten in jeweils eigener Weise darum, wie alles wegrutschen kann, jeder hat – wie gesagt – sein Päckchen. Vielleicht ist in diesem Fall das mit Slippery Slope gemeint: Rutschbahn. Das würde ich verstehen.
Es ist schauspielerisch wieder eine sehr engagierte Leistung des Metropoltheaters, gestalterisch fast zu „gedrosselt“, zu erzählerisch. Mehr „Frechheit“ der Inszenierung insgesamt kann man sich vorstellen, die junge israelische Autorin Yael Ronen (HIER) denkt eher „frech“, denke ich, siehe den Link vorne und den Link unten. Zweifel inhaltlicher Art (Wie ist der Titel gemeint?) liegen dagegen doch eher am Stück selbst.
HIER zur Information auch der Link zur Stückeseite von Slippery Slope am Maxim Gorki Theater in Berlin. Das Stück „Planet B“ von Yael Ronen (ebenfalls eine Inszenierung am Maxim Gorki Theater, HIER der Link zur Stückeseite) ist übrigens von Deutschlandradio Kultur nominiert für den Preis „Bestes Stück in Berlin/Potsdam 2022/2023“ (der Friedrich Luft Preis, HIER).
Auf der letzten Seite des Bandes heißt es: „Seit 40 Jahren prägen die vielfach ausgezeichneten Bühnenwelten des Österreichers Martin Zehetgruber die europäische Theaterszene. Das Buch zeichnet seinen Werdegang nach und versammelt Stimmen von künstlerischen Wegbegleitern aus den verschiedenen Gewerken.“
Beim Verlag „Theater der Zeit“ ist ein Buch erschienen, das Theaterfreunde interessieren wird: „Alles Katastrophe Bühnen – Martin Zehetgruber“, 271 Seiten. Herausgeberin ist Judith Gerstenberg, Dramaturgin mit langjähriger Zusammenarbeit mit Martin Zehetgruber. Viel aus dem Archiv von Martin Zehetgruber. Mit diesem Band lernt man – gerade durch die Texte – viel über mögliche Wirkungen von Bühnenbildern.
Auch auf der diesjährigen Ruhrtriennale ist Martin Zehetbauer wieder dabei. Die Ruhrtriennale 2023! Sie findet vom 10. August bis zum 23. September statt. HIER der Link zur Website. Martin Zehetgruber wird das Bühnenbild für die Inszenierung von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gestalten. Es ist eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, an dem Martin Zehetgruber fest arbeitet. Dortiger Intendant ist ja sein alter Freund und erster Weggefährte Martin Kusej. Die Inszenierung „Ein Sommernachtstraum“ ist in der kommenden Spielzeit am Burgtheater Wien zu sehen.
Regie zur Inszenierung von „Ein Sommernachtstraum“ führt übrigens Barbara Frey, die auch sehr viel mit Martin Zehetgruber zusammengearbeitet hat und derzeit die künstlerische Leiterin der Ruhrtriennale (HIER) ist. Sie hat auch in dem Buch, das ich hier vorstelle, geschrieben.
Und: Auch Judith Gerstenberg ist auf der Ruhrtriennale vertreten: Sie ist die Dramaturgin des Stückes „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Fjodor Dostojewski mit Nina Hoss. HIER der Link.
Zum Buch „Katastrophe“ zunächst:
Mir selber sind aus diesem umfangreichen Bildband leider nur zwei Inszenierungen mit Bühnenbildern von Martin Zehetgruber bekannt: „Der Weibsteufel“ von Karl Schönherr, hier Fotos aus dem Bildband:
Dieses Bühnenbild ist für Nicholas Ofczarek das „wahrscheinlich beste Bühnenbild, in dem ich je gespielt habe“.
Und die Inszenierung „Automatenbuffet“, bekannt auch durch das Berliner Theatertreffen:
Die Bühnenbilder von Martin Zehetgruber haben in der Regel besondere Auswirkungen auf die SchauspielerInnen (auf sie oft geradezu Auswirkungen körperlicher Art, liest man) und auf die ZuschauerInnen. Kostümbildnerin Heide Kastler sagt:
„Ihn (Martin Zehetgruber) interessiert das Abgründe im Menschen. Er trifft mit seiner Raumsetzung immer den Kern der Geschichte, der visuell für die Zuschauer erfahrbar wird. Er überhöht, übertreibt und reduziert gleichzeitig. Ich denke zum Beispiel an „Weibsteufel“. … Die Baumstämme (siehe oben): „Resultat einer Katastrophe“ … „Damit hatte er das Herz des Stücks freigelegt.“
Es sind überhaupt meist düster gehalten Bühnenbilder. Entsprechend vielleicht seiner Kindheit, seiner Jugend, der Familie. Der frühe Verlust des Vaters, der soziale Absturz …
Wasser ist außerdem ein zentrales Element seiner Bühnenbilder. Auch das wohl vergangenheitsbedingt. Die zerstörerische Kraft von Wasser. Das Eindringen in den Raum und in den Menschen. Die Körperlichkeit von Kälte, Wärme, Nässe, Schwierigkeit…
Mit Martin Kusej verbinden ihn die Aktivitäten und Zusammenarbeiten in den jungen Anfangsjahren, aber auch später. Sie haben teils mit unglaublichem Aufwand viel experimentiert, einiges ist zeitlich mittlerweile vielleicht nicht mehr so zu sehen. An 70 der insgesamt über 110 Inszenierungen von Martin Kusej war Martin Zehetgruber als Bühnenbildner beteiligt.
Man muss wahrscheinlich wochenlang in diesem Buch blättern … lesen … sich die einzelnen Bühnenbilder ansehen. Auch wenn die Fotoaufnahmen nicht immer bester Qualität sind. Es ist komplex. Schade nur, dass man doch die allermeisten Bühnenbilder nicht gesehen hat. Aber man bekommt so zumindest einen besonderen Blick für das Bühnenbild!
HIER der Link zur Website des Verlags „Theater der Zeit“.
Copyright der obigen Bilder: Burgtheater/Georg Soulek („Weibsteufel“) und Archiv Martin Zehetgruber („Automatenbüffet“)
Man kann sich – und wird sich vielleicht irgendwann einmal – sagen, das Leben ist nicht lebenswert. Ganz grundsätzlich oder wegen irgendwelcher Einzelheiten. Leider kommt es immer wieder zu Selbstmordversuchen, man sieht sich am Ende angekommen. Der britische Autor Duncan Macmillan hatte 2013 ein Stück geschrieben über die zwei Selbstmordversuche seiner Mutter (ich denke einmal, es war seine eigene Mutter). „All das Schöne“. Es ist derzeit wieder im Metropoltheater zu sehen, eine Wiederaufnahme. Eine „Komödie“!
Und zwar: Nach dem ersten Selbstmordversuch der Mutter beginnt der Sohn (damals sieben Jahre alt) eine Liste zu schreiben, eine Liste über all die schönen Dinge, für die es sich doch lohne, zu leben. Weil sie, die Mutter, offenbar nichts findet, wofür es sich zu leben lohne. Für den Siebenjährigen steht an Stelle 1 der Liste „Eiscreme“. Er schreibt die Liste im Laufe der Jahre immer weiter. Mehr als 1 Million Dinge benennt er. Das „Schöne“ ändert sich natürlich, wird auch „erwachsener“, es bleiben aber immer humorvolle kleine Dinge, nicht allzu tief schürfende philosophische Überlegungen.
Es ist ein Ein-Mann-Stück – nicht nur am Metropoltheater. HIER etwa ein Trailer der früheren Aufführung am Staatsschauspiel Dresden. HIER vom Theater Göttingen. Oder HIER das Theater Erlangen. Schön und einfühlsam, sympathisch, humorvoll, melancholisch, engagiert und mit Gefühl jetzt jedenfalls gespielt von Philipp Moschitz.
Es ist eine Inszenierung mit großer Publikumsbeteiligung. Denn der Vater des Jungen wird – für eine kleine Beteiligung am Stück – aus dem Publikum gesucht. Der Freund des Jungen wird ebenfalls aus dem Publikum gesucht. Auch eine Tierärztin wird herausgesucht, eine Lehrerin. Und beinahe jeder im Publikum wird im Laufe des Abends eine der vielen „schönen“ Dinge benennen.
Mitten in Freimann liegt es ja wie ein Ufo, das Metropoltheater, in einer Wohngegend im Norden Münchens. Ein äußerst angenehmes Ufo: Man bemerkt schnell das große Engagement aller Beteiligten, deren Freude, Gemeinschaftsgefühl, man merkt eine besondere Nähe zum Publikum. Das Theater hat eine schöne, nicht zu große Bühne, es hat ein schönes kleines Café, drinnen und draußen, schon architektonisch ist es angenehm auffallend.
Das Stück „All das Schöne“ wird im Café gespielt! Typisch für die Stücke des Metropoltheaters: Es sind Stücke mit deutlichen Aussagen! So ist es auch bei „All das Schöne“. Der Junge fertigt also eine Liste mit all den schönen Dingen im und am Leben. „Mein Ziel war, die Tausend zu schaffen. Und ich durfte nicht mogeln, was hieß: a. Keine Wiederholung. b. Die Sachen mussten wirklich großartig sein. c. Nicht zu viele materielle Dinge.“
Dann liegt die Liste für ein paar Jahre vergessen in einem Karton, später zwischen Buchseiten. Immer wieder fällt sie ihm in die Hände und immer fügt er weitere Dinge hinzu. So wird die Liste auch ein Dokument seines eigenen Lebens. Als er ein Studium beginnt und sich zum ersten Mal verliebt, fügt er hinzu: „517. Mit jemandem so vertraut sein, dass man ihn nachgucken lässt, ob man Petersilien-Reste zwischen den Zähnen hat“. Die Liste wird länger und länger. Bis zur Million.
Der Brite Duncan Macmillan hat damit einen lebensbejahenden Monolog – veranlasst durch das Thema Depression – geschrieben, unsentimental, komisch. Die Liste von „All das Schöne“ wird getragen von allen möglichen im Grunde immer banalen kleinen Dingen, die man in seinem Leben alltäglich erlebt, bzw. an sich vorbei rauschen lässt. All diese Dinge werden als „das Schöne“ dargestellt, man muss sie nur sehen, betrachten und beachten. All diese banalen Dinge werden kaum depressiven Menschen helfen, sie helfen eher denjenigen, die noch nicht depressiv sind. Denn es heißt im Grunde: Augen auf und die banalen Dinge schön finden! Mehr geht nicht.
So verlässt man das Theater sicher mit einem breiten Schmunzeln, mit unzählig vielen Banalitäten im Kopf und mit dem Blick auf all das Schöne dieser Banalitäten. Ja, die oft banalen Kleinigkeiten. Kleine Kleinigkeiten ! Sie machen das Leben aus! Nicht irgendeine hochtrabende Idee, wie das Leben schön werden könnte! Das ist allzu oft nur mit Eitelkeit gemischt. Darum geht es, in diesem hilfreichen Stück mit Ausrufezeichen!
Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater München/Fotograf: Jean-Marc Turmes
Es ist ein Theaterabend mit vielen vielen Eindrücken. Ein Eindruck etwa: Er hat es geschafft! Joachim Meyerhoff. Zurecht! Er spielt wunderbar, reibt sich auf als Dorfschullehrer Platonow – in Anton Tschechows „Die Vaterlosen“. Vor vielen Jahren war er Schüler der Otto-Falckenberg-Schule gewesen, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele.
Die damaligen Jahre hatte er bekanntlich köstlich beschrieben in seinem Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Was muss das für ein Gefühl sein, er verbeugte sich nun – gestern zum ersten Mal (abgesehen von einer frühen Statistenrolle) – auf den Brettern der Bühne der Münchner Kammerspiele – am Ende einer Premiere vor dem Münchner Publikum! Und das nach einem so intensiven Theaterabend von mehr als drei Stunden – Premiere von Anton Tschechows „Die Vaterlosen“ – Claus Peymann saß im Publikum.
Es sind ohnehin Tage der „Rückkehr“: Sophie Rois etwa ist gerade an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg -Platz in Berlin zurückgekehrt. (HIER ein Beitrag aus der SZ, HIER eine Besprechung des aktuellen Stückes). Auch ihn, Joachim Meyerhoff, kennt man gut, er ist ein mittlerweile höchst erfolgreicher Schauspieler, derzeit im Ensemble der Schaubühne, Berlin. Dort auch übrigens derzeit in der Arbeit an einem weiteren Stück von Anton Tschechow, „Die Möwe“ (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Schaubühne).
Ein weiterer Eindruck: Es ist endlich wieder einmal ein Theaterabend „des Theaters wegen“, nicht „der Politik wegen“! Und schon wird man in seinen Gedanken freier, mutiger, nicht getrieben von den „engen“ Themen der politischen Gegenwart oder der Vergangenheit. Überspitzt könnte man ohnehin sagen: Es ist ja die Politik, die im Grunde immer schon alles kaputt macht, die uns blind macht, das Theater dagegen versucht zu retten, denn Theater „macht“ nicht, Theater „zeigt“. Zeigt Freiräume, Gedanken, Zustände …, öffnet die Augen! Gleich stellte man sich auch hier bei Tschechow Fragen etwa wie: Gilt das, was Anton Tschechow da zeigte, heute noch? Dazu weiter unten.
Ein dritter Eindruck: Die Inszenierung. Es ist die erste Arbeit von Jutta Steckel an den Münchner Kammerspielen. Sie ist derzeit Hausregisseurin am Hamburger Thalia Theater. Aus dem so großen Text von Anton Tschechow – fast 200 Seiten – hat sie einen dreistündigen Abend gemacht. In gewisser Weise dreigeteilt: In der ersten Stunde spielt sich alles vor der schwarzen Bühnenwand, dem Eisernen Vorhang, ab (auch im Zuschauerraum). In der zweiten Stunde spielt sich alles auf der tiefen dunklen Bühne ab, auf der Hochzeitsfeier des jungen Paares und in einem „Wald“ aus über 1000 Fiberglasstangen. In der dritten Stunde hat sich der Wald zurückgezogen. Jeder der drei Teile hat einen sehr eigenen Charakter. Gespielt wird von durchgehend wirklich sehr überzeugenden SchauspielerInnen, besonders überzeugend von Joachim Meyerhoff, der sich wie gesagt als zunehmend in Verwirrung geratender Platonow wahrlich verausgabt. Aber auch von Katharina Bach, Wiebke Puls, Thomas Schmauser … im Grunde spielen alle schlicht überzeugend. Ein schöner Schauspielabend!
Ein vierter Eindruck: Beeindruckend ist das Bühnenbild, wenn auch mit den Stangen im Laufe des Abends auf verschiedenste Arten etwas sehr viele besondere Effekte herbeiproduziert werden. Einem ökologisch denkenden Menschen dürfte außerdem der Wald von über 1000 Fiberglasstangen nicht unbedingt gefallen haben!
Ein fünfter Eindruck: Die Inszenierung schafft eine Verbindung zum Heute „nebenbei“ angenehm dadurch, dass an manchen Stellen des Stückes kurze weitgehend vielleicht improvisierte Gespräche, sogenannte „Dad Men Talkings“, über das Thema „Väter“, „Generationen“ und anderes stattfinden. Der Dramaturg Carl Hegemann unterhält sich darüber in kleinen Gesprächen auf der Bühne in jeder der noch kommenden Aufführungen mit einem anderen Überraschungsgast.
Ein sechster Eindruck: Das Stück selbst. Man verfolgt – neben dem Aspekt der „Vaterlosigkeit“ – die von allen Seiten hilflosen Versuche, Liebe zu zeigen, sie zustande zu bringen, sie abzuwehren, und und und. Es herrscht überall Orientierungslosigkeit. Fast ein weiteres Thema ist etwa auch das Verhältnis der älteren Generation hin zur jungen Generation. Anton Tschechow wollte mit dem Titel des Stückes allerdings wohl den Schwerpunkt besonders auf die „Vaterlosigkeit“ legen.
Das lässt sich erklären, es ist aber auch fraglich, da es im Stück mindestens genauso gut um die anderen genannten Themen geht. Anton Tschechow selbst war damals, als er hier sein erstes Werk schrieb, gerade „vaterlos“. Sein Vater hatte auf der „Flucht“ vor seinen Gläubigern die Stadt verlassen und den Sohn Anton wegen dessen Schulabschluss alleine zurückgelassen. Und Tschechow war damals gerade verliebt. Das große Panoptikum der verschiedenen Reaktionen und Meinungen in diesem Stück zu all diesen Themen gibt genug Anlass, die vielen Probleme zu erkennen.
Ein siebter Eindruck: Zeitgemäß? Daran werden sich die Geister scheiden! Das ist auch die Schwierigkeit des trotzdem so gelungenen Abends: Man könnte sich durchaus immer wieder sagen: „So, wie es von Anton Tschechow spitzfindig dargestellt ist, findet es heute alles nicht mehr statt!“ Stimmt sicherlich an vielen Stellen, trotzdem: Besonders die Fragen zum Verhältnis der Generationen zueinander bleiben: Was übernehmen wir von unseren Vätern? Wollen wir etwas übernehmen? Sind wir orientierungslos ohne sie? Was haben wir übernommen? Wollen oder sollen wir lieber „die Nabelschnur durchtrennen“? Übernehmen wir zu wenig von den Vätern? Wollen Väter immer alles weitergeben? Halten Väter nicht immer das, was sie gelebt haben, für richtig? Und und und. Der Umgang mit Liebesgefühlen – dem weiteren „Thema“ – ist dagegen heute wohl ziemlich anders!
Alles wird dabei getragen von wunderbaren SchauspielerInnen. Ist es die Figur des immer distanzierten, sarkastischen, immer verrückter werdenden Platonow, in der die meisten persönlichen Elemente von Anton Tschechow selbst enthalten sind? Auch er, Platonow (großartig: Joachim Meyerhoff), ist im Stück „vaterlos“. Die junge Generalswitwe Anna Petrowna Wojnizewa (wie immer souverän Wiebke Puls) ist zumindest „ehemannlos“, ihr Gut soll versteigert werden. „Vaterlos“ ist auch der Sohn des verstorbenen („Generalswitwe“) Generals, Sergej Pawlowitsch Wojnizew (Bernardo Arias Porras). Nicht vaterlos ist dagegen Sascha (Edith Saldanha), die Frau von Platonow, ihr Vater ist Oberst Triletzki (amüsant überspitzt Walter Hess). Der junge Arzt Triletzki (Martin Weigel) ist der Bruder von Sascha. Auch er hat also noch seinen Vater. Dabei sind außerdem noch der neureiche Glagoljew (wieder gut Edmund Telgenkämper), Sofia, die Frau von Wojnizew (wieder sehr gut Katharina Bach), der Pferdedieb Ossip (wieder sehr skurril Thomas Schmauser) und weitere.
Platonow sagt einmal: „Was ist nur aus uns geworden? Lausige Kreaturen, die von einer Ecke zur anderen kriechen, ziellos, ratlos.“ Auch ein Gedanke, den man mit sich trägt nach diesem doch auch langen, aber am Ende hoch überzeugenden Abend.
Ein letzter, achter Eindruck: Es ist grenzwertig „viel drin“ in dieser Inszenierung! Schauspielerisch hoch engagiert, dazu der Dad Men Talk, dann Livemusik, dann noch ein kleiner genereller Monolog mit aktuellen Bezügen (Text von Katja Brunner), schließlich die Themen, die vielfältigen Handlungen der Personen, das Bühnenbild, sich drehende Bühnenscheibe … sehr sehr viel, trotzdem!
Hier noch ein Bild:
Copyright der Fotos: Armin Smailovic
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Die Gesellschaft beobachten, das kann Byung-Chul Han. Speziell mit unserer neoliberalen, rein kapitalistischen Lebensform geht er dabei oft hart ins Gericht und blickt scharfsinnig auf deren Zustände und Entwicklungen. Kritische Blicke sind immer gut und notwendig! Auch in dem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ geht es um den Zustand der neoliberalen Gesellschaft.
Es geht aber nicht etwa um eine nostalgische „Verteidigung“ von Ritualen. „An ihr (der Genealogie des Verschwindens der Rituale) entlang „zeichnen sich vielmehr die Pathologien der Gegenwart ab.“ Das schlanke Büchlein ist in zehn kleine Kapitel unterteilt. Ich fasse sie hier einzeln – sicher etwas vereinfachend – zusammen:
1. „Zwang der Produktion“: Es beginnt damit: Auf der ständigen Jagd nach neuen Reizen, Erregungen und Erlebnissen verlieren wir die Fähigkeit zur Wiederholung. Es muss immer etwas Neues sein. Gerade auch den neoliberalen Credos wie Authentizität, Innovation oder Kreativität wohne ein permanenter Zwang zum Neuen inne. Sie erzeugen letzten Endes nur Variationen des immer Gleichen. Das Alte, das Gewesene, das eine „erfüllende Wiederholung“ zulasse, werde beseitigt, denn es stelle sich der Steigerungslogik der Produktion entgegen. Wiederholungen aber stabilisieren das Leben. … Wiederholungen sind tief, nicht flach. Und: Das neoliberale Regime vereinzele die Menschen. … Der Zwang der Selbstproduktion rufe eine Krise der Gemeinschaft hervor.
2. „Zwang der Authentizität“: Dann: Jeder performe sich immer mehr selbst. Narzisstische Störungen nehmen heute deshalb zu, weil wir immer mehr den Sinn für soziale Interaktionen außerhalb der Grenzen des Selbst verlieren. Der Kapitalismus sagt uns: Produziere Dich!
3. „Rituale des Schließens“: Alles ist additiv, nichts ist final. „Additiv“ oder „narrativ“ stellt Byung-Chul Han gegeneinander. Wir kennen keinen „Schluss“ mehr: Ohne die Negativität des Schlusses komme es aber zur endlosen Addition und Akkumulation des Gleichen, zum Übermaß der Positivität, zur „adipösen Wucherung der Information und Kommunikation“. Alles bleibe vorläufig und unfertig. Die Unfähigkeit zum „Abschluss von etwas“ habe mit Narzissmus zu tun. Denn das Getane, das Abgeschlossene stehe ja als Objekt fertig für sich, unabhängig vom Selbst. Daher vermeide das Subjekt, etwas zum Abschluss zu bringen.
4. „Fest und Religion“: Jetzt die Kritik am Arbeitswahn der neoliberalen Gesellschaft: Kann uns die reine Form, das nutzfreie Spiel, das Ritualisierte, helfen oder retten? „Angesichts des zunehmenden Zwangs der Produktion und Leistung sei es eine politische Aufgabe, vom Leben einen anderen, spielerischen Gebrauch zu machen. Das Leben erhalte das Spielerische nur zurück, wenn es sich, statt sich einem äußeren Zweck zu unterwerfen, auf sich selbst bezieht. Fest und Religion seien ohne den Zwang zur Produktion. Zurückzugewinnen sei nämlich die kontemplative Ruhe. Wird dem Leben nämlich gänzlich das beschauliche Element genommen, so ersticke man im eigenen (additiven) Tun. Der Sabbat weise etwa darauf hin, dass die kontemplative Ruhe, die Stille essenziell für die Religion ist. Wir erkennen das Leben nur in der Ruhe, im nutzfreien Spiel. In dieser Hinsicht sei die Religion etwa dem Kapitalismus „diametral entgegengesetzt“. Der Kapitalismus liebt die Stille nicht. Die Stille wäre der Nullpunkt der Produktion, im postindustriellen Zeitalter, der Nullpunkt der Kommunikation. Also: Der Kapitalismus führt uns am Leben vorbei.
5. „Spiel um Leben und Tod“: Spiel? Warum Spiel? Das Leben insgesamt sollte mehr Spiel sein, nur dann sei es das „Leben“! Spiel hat Regeln, ist Ritual, hat aber keinen Inhalt. Die Glorie des Spiels gehe mit der Souveränität einher, die nichts anderes bedeute, als frei sein von Notwendigkeit, vom Zwang und Nutzen.“ Man unterscheide zwei Arten von Spiel, das starke und das schwache Spiel. Nur das schwache Spiel sei anerkannt in einer Gesellschaft, in der das Nützliche das vorherrschende Prinzip geworden ist. Das starke Spiel hingegen lasse sich nicht mit dem Prinzip der Arbeit und Produktion vereinbaren. Es setze gar das Leben selbst aufs Spiel. Souveränität zeichne es aus.
6. „Ende der Geschichte“: In diesem kurzen Kapitel geht Byung-Chul Han noch drastischer davon aus, dass der Mensch „das Resultat seiner eigenen Arbeit“ ist. Er zitiert auch andere Philosophen. Hegel etwa erfasse die Arbeit geradezu als das „Wesen des Menschen“. Er gibt dann noch einen Schritt weiter: Nur durch Arbeit entstehe für den Menschen überhaupt „Geschichte“: Die schöpferische Erziehung des Menschen durch die Arbeit (auch die Bildung) schaffe die Geschichte, d.h. die menschliche Zeit. Und er geht dann noch einen Schritt weiter: Das Leben als Arbeit finde sein Ende wiederum nur im „rituellen Leben“. Hier kommt er auf die Japaner, die schon sehr rituell leben. Denn Rituale setzen einen frei vom Diktat der Arbeit.
7. „Reich der Zeichen“: Auch die Sprache unterliege ja, zeigt er dann, dem Diktat der Arbeit. Sprache solle heute nur noch „arbeiten“, Information vermitteln, nicht etwa „spielen“! Eine Art Kernkapitel des Buches. Ein Gedicht wäre etwa Spiel. Der Gegensatz zwischen Inhalt und Form wird hier von Byung-Chul Han klar formuliert. Rituale seien reine Form, eine Geschenkverpackung, ohne Aussage. Demgegenüber trete der Inhalt schnell moralisierend auf. Die Form nicht, sie sei nicht Moral, der Inhalt aber, der wolle meist Moral sein. Die Tendenz sei heute: Es zählt nur der Inhalt, das Moralisieren, die Form spiele keine Rolle mehr. Das führe wiederum zur Verrohrung und zum Verlust der Form! Es kommt ja auf den Inhalt an, die Form ist egal, sagt man sich. Auch Verlust der Höflichkeit etwa. Und so kommt es auch zum Verlust des „gemeinsamen Nenners“ einer Gesellschaft. Laut Byung-Chul Han ist „eine Ethik der schönen Formen zu verteidigen“.
8. „Vom Duell zum Drohnenkrieg“: Sogar Kriege, zeigt er noch auf, waren früher „Spiel“, getragen von Form und Regel, sie waren damit auch getragen von „Respekt“ vor dem Gegner. Sie waren gleichberechtigter Kampf mit Regeln und Schicksal. Heute? Krieg sei nur noch Verbrecherjagd! Vor allem Drohnenkriege: Die Degradierung und Inkriminierung des Gegners zum Verbrecher sei heute die Voraussetzung für die gezielte Tötung, die einer Polizeiaktion gleiche. Die duale Beziehung zwischen den Kampfgegnern wird aufgehoben.
9. Vom Mythos zum Dataismus: Schweres Kapitel. Das Datenzeitalter ist Totalwissen, aber auch Totalkontrolle. Mythos war früher „Erzählung“, Dataismus sei nur noch „Zählung“. Der Mensch gibt das Denken ab. Auch das Denken, selbst das Philosophieren, hatte früher Spielcharakter, Wettkampfcharakter. Dataismus ist heute dagegen reine Produktion, immer mehr. Denken war früher Wettkampf und Verführung, Dataismus heute dagegen sei nur noch „Porno“ (siehe nachfolgend).
10. Von der Verführung zum Porno: Zuletzt zeigt Byung-Chul Han noch, dass das Verschwinden der Rituale sich heute auch im Sexuellen zeigt. Früher gab es noch die Verführung als einen „rituellen Zweikampf“. Ein ritueller Zweikampf mit Machtelementen, aber ohne intime Psychologie, nur mit „Fantasie für den Anderen“. Diese Fantasie verschwindet durch den Porno heute. Die pornographische Lust sei wiederum nur noch Produktion, ohne Geheimes, narzisstisch. Und: Alles wird sichtbar, nichts bleibt Schein oder Fantasie.
Einfach großartig! Es ist ein wahres Theaterfest! Schauspielerisch grandiose Leistungen durchgehend von Anfang bis zum Ende der zweieinhalbstündigen Inszenierung – von allen Schauspielern und Schauspielerinnen. Geschaffen von Antú Romero Nunes.
Die Inszenierung von Antú Romero Nunes von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ ist momentan als eines der drei „Starken Stücke“ des diesjährigen Berliner Theatertreffens in der 3 sat Mediathek zu sehen. Ich empfehle es dringend!
Ich habe es mir zweimal angesehen, so schön (überspitzt und humorvoll) ist es inszeniert! HIER der Link zum Streaming von „Ein Sommernachtstraum“. Es ist eine Inszenierung des Theater Basel, die dort auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein wird. HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Theater Basel.
Antú Romero Nunes geht ja gerne (nicht übertrieben, aber dennoch) humorvoll an die alten Klassiker heran. So auch hier. Natürlich könnte man sagen: „Ach Gott, schon wieder Ein Sommernachtstraum!“ Man könnte auch sagen: „Oh Gott, die Geschichte von Ein Sommernachtstraum ist so kompliziert!“ Aber nein: Nunes – seit 2020 Regisseur am Theater Basel – schafft es, dass sich diese Äußerungen nicht stellen. Er zieht die Komödie von William Shakespeare dabei nicht etwa durchgängig in die moderne Zeit! Nur kurz blitzt immer wieder der Zusammenhang zum „Heute“ auf. Das wiederum aber bleibt immer herrlich verwoben mit der alten Geschichte vom „Sommernachtstraum“. Sogar der Klimawandel und Corona finden passend kurz (und traurig) in ein paar Worten ihren Platz.
Ganz grob zur Geschichte von „Ein Sommernachtstraum“ (man sollte sie kennen, am besten kurz durchlesen HIER auf Wikipedia):
Hochzeitsvorbereitung des Herrscherpaares Theseus und Hypolita am Hof von Athen, Handwerker bereiten für die Hochzeit ein Theaterstück vor (die Geschichte von Pyramus und Thisbe), ein Adliger (Egeus) möchte dann seine Tochter Hermia mit Demetrius verheiraten, Hermia liebt aber den Edelmann Lysander. Helena dagegen, die beste Freundin von Hermia, liebt Demetrius! Soweit so gut, wie im richtigen Leben!
Theseus soll oder will über den Streit bestimmen. Dann aber kommt die Welt der Elfen hinzu: Elfenkönig Oberon und die Fee Titania sind im Streit. Oberon beauftragt seinen Hoffreund Puck damit, Zaubertropfen zu holen, von dem Oberon weiß, die Tropfen einer Blume. Wenn sie in die Augen geträufelt werden, entsteht Liebesraserei. Das möchte er Titania antun. Und er möchte Demetrius und Helena damit zusammenbringen. So nimmt die Geschichte ihren Lauf. Denn mit diesen Zaubertropfen greift der Elfenkönig Oberon – teils gewollt, teils ungewollt – in das (oben geschilderte) Geschehen der realen Welt ein. Und so weiter. Der Traum.
Der Part, in dem die Handwerker für die Hochzeit von Theseus und Hypolita das Stück Pyramus und Thisbe üben, steht eigentlich recht kurz mitten drin im Text von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. Antú Romero Nunes nimmt diesen Part heraus und rahmt damit ganz wunderbar und humorvoll diesen Abend ein. Das Theaterstück von der tödlichen Liebe von Pyramus und Thisbe wird erst vorbereitet und geübt (am Anfang 20 min.) und dann gespielt (am Ende 20 min.). Beides sehenswert! Die Laientruppe sind hier ein Lehrerkollegium vom Schultheater – eines der wenigen Mittel, mit denen Antú Romero Nunes das Stück in die heutige Zeit holt. Dazwischen der Traum, die Elfen im Wald, die Zaubertropfen, Liebesraserei, Verwechselungen, zu viele Tropfen.
Wie gesagt: Vor allem schauspielerisch einfach wunderbar!
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Theater Basel.
Das Jewish Chamber Orchestra bringt übrigens am 22. Juni im Cuvillestheater eine Version des „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn. HIER der Link: Es ist „Schauspielmusik Ein Sommernachtstraum op. 61 (1842)“.
Gegründet wurde „Einstürzende Neubauten“ von Blixa Bargeld schon 1980! Es gibt sie aber immer noch! Sie arbeiten gerade an einem neuen Album, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Die Gruppe hatte in früheren Jahren teilweise auch – lese ich – mit Theater zu tun!
Sie beteiligte sich – lese ich weiter (schade, habe ich nicht erlebt) – an Theater- und Hörspielprojekten, 1986 bei Peter Zadek im Hamburger Schauspielhaus, 1987 bei einer Hörspielinszenierung des Fatzer-Fragments von Bertold Brecht Heiner Müllers für den Rundfunk der DDR, 1990 bei der Hamletmaschine von Heiner Müller, 1994 bei Faust von Werner Schwab sowie 2000 am Schauspielhaus Bochum bei John Gabriel Borgman von Henrik Ibsen in der Regie von Leander Haußmann. Dann wohl leider nicht mehr. Schade, sie sind so schön schräg. Andererseits schwer anzuhören!
Etwas für Freunde des Tanzes: Das Nederlands Dans Theater – NDT – aus Den Haag bietet morgen, Samstag, den 13. Mai, um 20.15 einen Livestream der neuen Produktion Raw are the roots an. In Raw are the roots sieht man zum Einen eine Produktion des deutschen Choreografen Felix Landerer und zum Anderen eine Produktion des Choreografen-Duos Sharon Eyal en Gai Behar. „Weltpremiere“ beider Produktion war vorgestern, am 11. Mai.
HIER der Link zur Produktionsseite von Raw are the roots auf der Website des NDT. Von dieser Seite aus können die Tickets für das Live-Streaming gekauft werden. Dort finden sich auch kleinere weitere Videos „Behind the scenes“ und der Link zum digitalen Programmbuch der Produktion. Hier noch zwei Fotos:
Copyright der Fotos: Rahi Rezvani
Hier zwei Trailer:
UND ÜBRIGENS: das Berliner Theatertreffen 2023 beginnt heute! Drei „Starke Stücke“ des Festivals sind ab heute in der Mediathek von 3sat zu sehen!
Auch diese Produktion ist Teil des Festivals „Ja, Mai„ der bayerischen Staatsoper. Über die erste Produktion „Hanjo“ und über das Festival insgesamt habe ich im vorherigen Beitrag geschrieben. HIER der Link dorthin. „Festhalten oder Loslassen“, „Erwartungen“, „Warten“, das sind die thematischen Programmworte des diesjährigen Festivals.
Das Festival:
HIER noch einmal der Link zur Festivalseite auf der Website der bayerischen Staatsoper mit dem Programm für den Festivalmonat Mai. Das Festival läuft natürlich bis Ende Mai. Und HIER der Link zur Stückeseite von „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ auf der Website der bayerischen Staatsoper.
Das Thema Warten:
Warten wir nicht immer auf etwas? Mal sind es 20 Jahre (etwa bei Homer und Claudio Monteverdi), mal sind es 3 Jahre (etwa in der Oper Hanjo, HIER meine Besprechung), mal ist es 1 Jahr (etwa im Buch „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion), mal ist es ein einziger Tag (etwa im Buch „Ulysses“ von James Joyce – ein Werk ohnehin, das ich in seiner Komplexität in jedem Satz Wort für Wort geradezu als ein „Weltwunder“ bezeichne! Das letzte Kapitel, der Molly-Monolog der wartenden Frau von Leopold Bloom, heißt auch „Penelope“!), mal ist das Ende noch offen (zuletzt im Theater: In den Stücken „Green Corridors“ (Münchner Kammerspiele, HIER der Link zu meiner Besprechung) und „Odyssee“ (Schauspielhaus Düsseldorf, auf dem Münchner Festival „Radikal jung“, HIER der Link zu meiner Besprechung) ging es zeitgemäß um ukrainische Frauen und ihr Warten auf/ihr Bangen um ihre Männer oder Familienmitglieder.
Die Kombination von Theater und Oper:
Nun, die zweite Produktion des Festivals, „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ (daneben gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Podcasts etc. mit Bezug zu den Themen), konfrontiert – zusätzlich zu den genannten Themen – die Oper frontal mit dem Theater. Auch das passt aber schon zum Thema der „Erwartung“: Bei Theater weiß man fast nie, was einen erwartet – bei Oper weiß man es fast immer! Oper bleibt fast immer klassisch nach festen Regeln aufgeführt. Nichts Neues! Darf oder kann man Oper überhaupt ändern? Für die Konfrontation Oper/Theater sorgt hier nun der außerordentlich erfolgreiche Theaterregisseur Christopher Rüping.
Zwei Elemente also:
Die Oper „Il Ritorno von Monteverdi“: Es geht fast schulmäßig um Odysseus und Penelope, Penelope’s 20 Jahre langes Warten auf Odysseus. 10 Jahre Troja, 10 Jahre Irrfahrten des Odysseus. Fast harmlos und schön wird es in der Oper erzählt. Claudio Monteverdis Oper war ja eine der ersten Opern überhaupt! Begleitet wird sie von zarter barocker Musik. In der hiesigen Version ist die Oper natürlich stark gestrafft, sie hätte sonst alleine schon 3 Stunden gedauert.
Joan Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“: Das Leben ändert sich von einer Sekunde auf die andere. Die Schriftstellerin Joan Didion schildert ihr Jahr nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes beim Abendessen. Sie kann nicht von ihm loslassen, lebt in der Erinnerung und denkt, er kommt zurück. Joan Didion wird von drei Personen gespielt: Wiebke Mollenhauer, Damian Rebgetz und Sibylle Canonica.
Die Inszenierung:
Die beiden Elemente kombinieren sich an diesem Abend Stück für Stück. Es beginnt ganz ganz vorsichtig und steigert sich, mehr und mehr verweben sich beide Bestandteile. Christopher Rüping überrascht damit allerdings nicht vollständig, er kombiniert eher die bekannten – auch das Theater betreffend schon fast „klassischen“ – Elemente beider Genres miteinander. Das Theatergenre mit leerer und offener Bühne (immer wieder gut!), einer Videowand, der Kamera auf der Bühne, herauf- und herunterschwebenden Personen, dem Gang der SchauspielerInnen in den Zuschauerraum einerseits. Das Operngenre natürlich mit schönem Gesang, schöner Musik, Opulenz vortäuschendem Bühnenbild, klassischen Auftritten (etwa der Verehrer von Penelope) andererseits. Beide Bestandteile sind aber nicht klar getrennt voneinander, das Schöne ist die ansteigende Verschränkung beider Genres. Gegen Ende hebt sich die Verschränkung wieder auf: Odysseus nimmt seine geliebte Penelope wieder in den Arm. Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz, Joan Didion verkörpernd, schauen im Hintergrund tieftraurig zu. Der Ehemann von Joan Didion kommt ja schließlich nicht zurück! Und Odysseus wird ja gespielt von Charles Daniels, der auch den verstorbenen Ehemann von Joan Didion spielt.
Das barocke „kleine“ Cuvillestheater eignet sich natürlich sehr für die barocke Oper, obwohl ich es insgesamt schade fand, dass der Abend nicht auf der großen Bühne des Nationaltheaters stattfand! Dort wäre es vielleicht eher – schon in der Vorbereitung – ein großer Wurf gewesen/geworden! Im Cuvillestheater bleibt es ein „kleiner Wurf“. Manches wirkte in der Tat ein wenig nach „kleinem Wurf“: Das Bühnenbild etwa, das für die „Opernteile“ des Abends geschaffen wurde, besteht aus einigen dünnen Holzwänden, die herein oder herabgefahren werden. Die Maskierung von Odysseus zum alten Mann auch sehr „griffig“, eher lustig. Aber man kann natürlich nicht immer den „großen Wurf“ erwarten! Schade aber, bei Christopher Rüping erwartet man mittlerweile eben immer viel! Vor allem auch bei dieser schönen Besetzung!
Ich fand nur zeitweise die beiden Themen „Das Warten von Penelope auf Odysseus“ einerseits und „Das Jahr von Joan Didion nach dem Tod des Ehemannes“ andererseits nicht sehr gut zueinander passend! Das war für mich das Problem des Abends. Penelope „wartet“ ganz anders! Sie hofft noch auf das Leben ihres Odysseus. Der Mann von Joan Didion dagegen war nun einmal gestorben. Das hat die Verschränkung der Genres aus meiner Sicht erschwert.
Schauspielerisch:
Der Part der Penelope wird sehr schön und wunderbar klar gesungen (soweit ich das beurteilen kann) von der Schwedin Kristina Hammarström, besonders hat auch die junge Australierin Xenia Puskarz Thomas überzeugt! Joan Didion wiederum wird, wie gesagt, von den drei SchauspielerInnen Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz gespielt. Alle drei wieder sehr gut, besonders Wiebke Mollenhauer und Damian Rebgetz, die immer für etwas Besonderes im Theater stehen! Sie strahlen immer eine riesige Selbstverständlichkeit auf der Bühne aus. Auch sie spielen aber teilweise fast zurückhaltend, abgesehen von Szenen, in denen sie sich außerordentlich „ins Zeug legen“ (Stichwort Tränen!).
Fazit:
Eine vielschichtige, interessante Verschränkung beider Genres, auch wenn es durchaus noch „verwirrender“, „überraschender“ hätte ausfallen können! Aber es wird nicht die letzte Operninszenierung für Christopher Rüping bleiben!
Hier ein Video mit Erläuterungen von Christopher Rüping: