THEATER: Ewald Palmetshofer – Vor Sonnenaufgang (nach Gerhart Hauptmann)

Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ in der Fassung von Ewald Palmetshofer wird derzeit nicht nur am Münchner Residenztheater gebracht. Es wird auch am Theater Bonn (HIER ein Video) gebracht und ist – noch – am Theater Rudolstadt zu sehen (HIER auch ein Video). Zuletzt wurde es außerdem am Theater Regensburg gezeigt (HIER noch ein Video) und am Schauspiel Frankfurt (auch HIER ein Video). Und HIER das Video des Münchner Residenztheaters.

Die jeweiligen Inszenierungen dieser Fassung sind natürlich – siehe die Videos – sehr unterschiedlich! Die aktuelle Fassung am Münchner Residenztheater – eine Übernahme vom Theater Basel – ist von der jetzigen Hausregisseurin am Münchner Residenztheater, Nora Schlocker, inszeniert.

Nora Schlocker lässt auf der Bühne gerne Schlichtheit walten. So geht sie auch an ihre Inszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ am Residenztheater heran. Und so hat sie kürzlich „Die Verlorenen“ inszeniert, derzeit auch am Münchner Residenztheater zu sehen. Auch das ein Stück von Ewald Palmetshofer. Mein Beitrag dazu ist HIER. Sie gibt damit Platz für Inhalt, Text und Schauspieler.

Alles spielt sich schlicht vor einer kahlen Wand (in schönen Farben, vor allem zu Beginn!) ab, ein – zwei Türen (das sind die Szenen IM Haus), und ab und an vor einer zusätzlich davor herabgelassenen Wand mit Vorhang und Zugang ins Haus (das sind die Szenen VOR dem Haus).

Ewald Palmetshofer und Nora Schlocker kommt es sehr auf den Text an. Palmetshofers Textfassungen haben sprachliche Besonderheiten. Die Texte zeichnen sich dadurch aus, dass es selten Sätze sind, oft nur Bemerkungen, Wörter, Sätze werden nicht zu Ende gesprochen, Worte werden gesagt. Von „Wortmusikalität“ habe ich gelesen. Von 2012 bis 2015 unterrichtete er am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. Das ist interessant, statt umständlichen Formulierungen folgt man schnellen Worten, Assoziationen in seinen Texten. Man merkt oft nicht, dass es keine abgeschlossenen Sätze sind, man hat schon verstanden., Andeutungen genügen.

So auch in der Fassung von „Vor Sonnenaufgang“ am Münchner Residenztheater. In der Tat wird dem Text durch die Inszenierung viel Raum gegeben. Gerade dem Text. An den Stellen, an denen fast monologartig gesprochen wird, wird es deutlich. Thiemo Sturzenberger etwa als der Arzt Dr. Peter Schimmelpfennig (er besucht die hochschwangere Martha) bekam nach seinem Monolog Szenenapplaus.

Auch das Schauspielerische hat viel Platz, der Zuschauer wird nicht abgelenkt. Die Schauspieler hätten vielleicht sogar noch mehr aus sich heraus gehen können, das mag ich. Vor allem die beiden zentralen Figuren, gespielt von Michael Waechter und Simon Zagermann, spielen fast betont zurückhaltend. Aber gut, der Text!

Worum es in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ geht:

Ein Tag, eine Nacht. Der Journalist Alfred Loth (Simon Zagermann) kommt überraschend aufs Land zu seinem wohlhabend verheirateten ehemaligen alten Freund Thomas Hoffmann (Michael Wächter). Alfred Loth will – sagt er irgendwann – feststellen, warum „wir alle immer weiter auseinander driften“. Er greift Thomas Hoffmann aber auch an. Loth der Idealist, Hoffmann der Materialist – der sich plötzlich politisch engagiert. Loth sieht es so, dass Hoffmann die Fleißstory erzählt. Der übersieht, dass andere ihm alles ermöglicht haben. Hoffmann sagt, er muss es so erzählen, damit es die anderen verstehen. Es geht um eine gewisse Verlogenheit Hoffmann´s. Der Konflikt zwischen Hoffmann und Loth bahnt sich etwas langatmig an, hätte im Text noch mehr Platz bekommen können.

Drum herum erlebt man weiteres Geschehen, das ich hier nicht ausufernd schildere. Es „füllt“ das Stück eher. Die schwangere Martha, Thomas Hoffmanns Frau; die alleinstehende Helene, Marthas Schwester; kurze erotische Übergriffe und Zuneigungen; Egon, der trinkende Vater der beiden Frauen; Annemarie, die resolute zweite Frau des Vaters; Dr. Schimmelpfewnnig, der Arzt für Helene. Palmetshofers Text gibt – auf diese Personen gestützt – immer wieder interessante Ansätze her, andeutungsweise. Im Zentrum der große Konflikt Hoffmann – Loth, siehe das Beitragsbild. Gerade dieser große Konflikt hätte im Text – finde ich – durchaus noch mehr Raum verdient. Es zieht ja in unseren Zeiten ohnehin so Vieles so schnell an uns vorbei.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Lot Vekemans – Schwester von

Ismene! Wie verhält man sich eigentlich, wenn um einen herum das totale Desaster der Zerstörung stattfindet? Es ist ja wie im heutigen Leben und wie es schon immer war: Der Mensch ist einfach nicht fähig, das globale Desaster zu verhindern. Wir steuern darauf zu. Als hätte es der Mensch in den Genen, er kann nur zerstörerische Lösungen entwickeln.

In der Antike gab es ähnliche Konstellationen: Ismene! Mit einem Unterschied zu heute: Damals hat man solche „Desasterkonstellationen“ einzelnen Helden oder Göttern zugeschrieben, nicht gleich allen Menschen, nicht der ganzen Menschheit. Aber über das Götterdenken und Heldendenken sind wir nun einmal hinweg.

Aber auch damals war bei alledem die Frage angebracht: Wie verhält man sich eigentlich, wenn um einen herum das totale Desaster der Zerstörung stattfindet?

Dazu das Stück „Schwester von“, das ich jetzt im Metropoltheater in München/Freimann gesehen habe. Ismene! Wie hat Ismene alles erlebt? Um sie herum fand dass totale Desaster statt:

  • Erste Stufe: Ismenes Vater, Ödipus, brachte unwissend seinen eigenen Vater um und heiratete seine eigene Mutter, Iokaste.
  • Nächste Stufe: Ödipus sticht sich daraufhin die Augen aus und Iokaste erhängt sich, als es Ödipus offenbart wurde.
  • Nächste Stufe: Die beiden Brüder von Ismene, Eteokles und Polyneikes, die Söhne des Ödipus, kämpfen um die Nachfolge der Herrschaft über Theben. Sie sterben beide.
  • Weitere Stufe: Ismenes Schwester, Antigone, erhängt sich, weil sie ihren Bruder Polyneikes beerdigt hat und dafür bestraft wird.
  • Und und und.

Das alles erzählt Ismene im Stück „Schwester von“ von Lot Vekemans. Lot Vekemans beschäftgt sich gerne mit einer einzigen antiken Figur. So läuft seit Jahren an den Münchner Kammerspielen eine Inszenierung ihres Textes „Judas“, inszeniert von Johan Simons. HIER der Link zur Stückeseite. Es läuft Mitte Januar 2020 wieder an den Kammerspielen.

Was macht Ismene? Sie wundert sich, freut sich, Beachtung zu finden und blickt zurück auf das, was geschah. Ismene trat immerhin tausende von Jahren im Grunde nicht in Erscheinung, hat aber alles mit angesehen.

Es ist eine Inszenierung von Domagoj Maslov. Gespielt wird nicht auf der Bühne des Monopoltheaters, sondern Ismenes Monolog wird in einem Eck des Cafés des Theaters gebracht. Ein Monolog. Meine Eindrücke dazu:

  • Ismenes Verhalten: Ismene erzählt in dieser Inszenierung alles so, als würde sie selber am Rande des Wahnsinns stehen. Jetzt, im Blick zurück. So wird sie von Sophie Rogall gespielt. Sicher eine Entscheidung der Regie. Gut: Ismene zeichnete sich trotzdem dadurch aus, dass sie immer gegenüber allen Übeln oder Morden oder gegenüber dem eigenen Tod als Lösung standhaft blieb. Auch Rache war nicht ihr Ding, hat sie immer abgelehnt. Sie stand auf Versöhnung. Insoweit schien mir Ismene etwas zu wahnsinnig in dieser Inszenierung. Etwas zu durchgängig wahnsinnig war mir Ismene. Ismene erzählte in dieser Inszenierung nichts zart oder sanft oder einfühlsam, nicht zweifelnd, sondern eben eher fast wahnsinnig. Aber gut, bei dem Desaster um sie herum!
  • Die Nähe: Man war Sophie Rogall als Ismene sehr nahe, wenige Meter von einem entfernt spielte sie – im Jugendstilambiente des Cafés des Metropoltheaters. Das ist besonders und verstärkt die Eindrücke. Und wird auch für Sophie Rogall nicht einfach gewesen sein. Aber genau das war ein schönes Erlebnis! Und man sah nicht Sophie Rogall, man sah Ismene, das machte Spaß und ist sicher etwas, was das Metropoltheater auszeichnet. Die Nähe, auch auf der großen Bühne wohl.
  • „Mensch und Tier„: Am Anfang und am Ende spricht Ismene von Hunden. Ist das – so war mein Eindruck – ein Gedanke des Stückes von Lot Vekemans? Hunde – Tiere insgesamt – haben nicht die menschliche Gefühlswelt. Essen, schlafen und satt sein, das genügt den Tieren. Aber genau das gilt für den Menschen eben nicht. Deswegen zerstört der Mensch alles, weil er immer nach etwas strebt, immer, und dieses Streben immer ins Desaster führt.

HIER der link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater

THEATER: Roland Schimmelpfennig – Der Riss durch die Welt

Das Thema ist nicht neu: Wohlhabende und immer erfolgreiche Menschen und Personen, denen es nicht so gut geht, die die heile Welt in Frage stellen und erschüttern. Oder: Personen, die zumindest anders denken und anders leben. Es geht aber auch schnell um „Reich und Arm“.

Mittlerweile geht es nicht mehr nur um das soziale Thema, sondern auch um die ökologische Frage. Das Soziale und das Ökologische, unzweifelhaft die zwei großen Themen unserer Zeit – in unserer Welt. In beiden Bereichen zerstören wir – in den westlichen Ländern allemal – immer mehr die Welt!

Speziell das Thema „Reich und arm“ wird momentan auch in dem zurzeit von Fachleuten unglaublich gelobten Film „Parasite“ aufgegriffen! Es ist für viele der „beste Film des Jahres“! Ein asiatischer Film, eine arme Familie dringt über Jobs mehr und mehr in das Leben einer reichen Familie ein. HIER der Trailer des Films.

So, nun zur Inszenierung im Residenztheater:

Sie reden über einen Abend, die Szenen kommen immer wieder hoch, wiederholen sich, es kommt nicht auf Chronologie an. Sie reden und zeigen, wie es war. Ansich ein schöner Ansatz. Eine Inszenierung von Tilmann Köhler. „170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung“ heißt der Untertitel des Stückes am Residenztheater. Mein Kommentar aber:

Das war nichts! Angesichts des großen Themas des Stückes – aufgeladen noch dazu mit biblischen Themen! – hat mir diese Inszenierung überhaupt nicht gefallen! Ich schreibe heute eine sehr deutliche Kritik! Aber hingehen und ansehen und selber urteilen!

Es war rundum nicht genug, finde ich! Es passte hinten und vorne nicht! Es geht los bei der vielleicht falschen Besetzung, dann das fragwürdige Bühnenbild, dann die nicht bestehende Kostümierung, der Inhalt des Stückes, die Inszenierung ansich. Alles war – vor allem in der Gesamtheit – meines Erachtens eine Themaverfehlung. „Setzen, Sechs“, würde ich, wäre ich Lehrer, sagen, „dieses Thema hat mehr verdient!“ Hier all das, was mir auffiel:

Der Inhalt:

Roland Schimmelpfennig hat das oben genannte Thema eines ökologischen und sozialen Konfliktes für das Münchner Residenztheater in einem Auftragsstück mit dem Titel „Der Riss durch die Welt“ aufgegriffen.

Das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Paare: Eine Künstlerin und Jared, ihr Assistent, und ein wohlhabendes Millionärsehepaar, das die beiden empfängt, um über die Finanzierung des Projektes der Künstlerin „Riss durch die Welt“ zu reden. Roland Schimmelpfennig ist erfahren, etwas über 50 Jahre alt, hat schon viele Erfolge gehabt.

Roland Schimmelpfennig bringt noch dazu in seinem Stück einen Zusammenhang mit den zehn „biblischen Plagen“ aufs Tableau. Das sollte wohl die aufkommende ökologische Katastrophe verdeutlichen. Auch der „Riss durch die Welt“, ein Blutstrom, der alles mitreißt, als Kunstprojekt irgendwie, soll natürlich auf das ökologische Desaster hinweisen. Mit der biblischen Anleihe vor allem wurde aber jede ökologische oder soziale Frage fast auf eine mythische Ebene gehoben. Und damit irgendwie unantastbar. Man kann den Ansatz ja grob verstehen, aber dem Thema half es nicht!

Der Gesamteindruck:

Das Stück, dieses Auftragswerk für das Residenztheater, hätte meines Erachtens vielleicht – vielleicht – funktioniert, wenn es wirklich auf die Spitze getrieben worden wäre von Tilmann Köhler. Das hat er aber nicht gemacht. In keinem Detail. Nichts davon war irgendwie „erschreckend deutlich“ oder verstörend oder aufrüttelnd. Das Stück hätte vielleicht drastische Videobilder, drastische Musik, drastische Schauspieler, drastische Szenen etc. gebraucht. Dann hätte es vielleicht funktioniert. Dann wären die wenigen guten Ansätze des Stückes vielleicht auch deutlich geworden.

Das Einzige, was an diesem Abend „auf die Spitze getrieben“ wurde, war, dass Jared – der Assistent der Künstlerin – sechs- oder siebenmal (es mag im Grunde immer wieder derselbe Wurf gewesen sein, dieser eine Moment wurde eben mehrfach wiederholt) ein Glas Champagner gegen eine riesige Metallwand wirft. Das gefällt doch: Ein Glas Champagner gegen die Wand. Und alles geht weiter. Und dass das Millionärspaar teils mit irgendwelche Ansichten angeschrieen wurde. Auch erotische Annäherungen sind dann plötzlich noch im Spiel.

Die Besetzung von Jared, dem Assistenten der Künstlerin:

Musste das wirklich sein? Der Assistent, der die Welt des reichen Ehepaares am meisten kritisiert, ist dunkelhäutig! Benito Bause. Man wird als Zuschauer also sofort in das Klischee „Weiße und Dunkelhäutige“ gestoßen! Fürchterlich unnötig und völlig unpassend. Was für eine abgeschmackte Idee!

Die Besetzung der anderen Personen:

Sie spielen es im Grunde alle mit wenig Überzeugung, war mein Eindruck. Auch das hat das Thema nicht verdient. Aber was sollen sie machen, die Personen sind wohl vom Autor nicht anders gezeichnet. Vielleicht waren für diese Inszenierung aber einfach auch die falschen SchauspielerInnen ausgewählt.

Oliver Stokowski als millionenschwerer Sattelitenhändler: Nicht überzeugend, er hätte auch Arzt sein können. Carolin Conrad als seine Frau: Sie geht im Stück völlig unter. Lisa Stiegler, die junge Künstlerin: Sie war noch am ehesten überzeugend. Der fast beste Moment des Abends war der, als sie sang. Benito Bause: Auch nicht überzeugend, er hätte sagen müssen: Das spiele ich nicht! Er spielte auch zu „schauspielerhaft“, fand ich. Er wird besser spielen können. Und im Hintergrund als Dienstmädchen Maria Cathrin Störmer: Diese ansich schöne Rolle der Beobachterin ist auch nicht scharf genug geworden, funktionierte auch nicht, dachte ich.

Die Kostümierung:

Alle vier Schauspieler sind offenbar an der Kostümabteilung vorbeigelaufen. Die Alltagskleidung, in der sie auf der Bühne erscheinen, war – mein Eindruck – für dieses Thema viel zu läppisch. Wo war da die Idee? Und das Dienstmädchen in typischer Rüschenbluse …

Das Bühnenbild:

Eine leere Bühne, eine riesige dunkle hohe Metallwand, die sich manchmal im Kreise drehte. Mehr nicht. Wie bei „Amphitryon“, das derzeit auch am Residenztheater läuft. Vorne am Bühnenrand standen zudem meistens vier Stühle, auf denen die SchauspielerInnen immer wieder saßen und über den Abend redeten.

Die Inszenierung:

Mein Eindruck, wie gesagt: Das Stück hätte vielleicht funktioniert, wenn alles auf die Spitze getrieben worden wäre. Ich hatte eine Inszenierung mit vielen, vielen wilden Videoeinspielungen, mit Musik, mit Ideen vor Augen, einem krassen Bühnenbild. Nichts davon war gegeben. Seltsam, Regisseur Tilmann Köhler gehört doch eigentlich zur wachen jüngeren Generation. Er ist gerade 40 Jahre alt. Aber so?

Ich habe jedenfalls das Cuvillestheater verlassen und fühlte mich betäubt von einer letztlich nicht einmal im Ansatz wirklich irgendwie empathischen, berührenden, sondern einer eher beliebig arrangierten Vorstellung. Angereichert mit biblischen Bildern, die in ihrer Zusammenhanglosigkeit alles im Nichts auflösten. So möchte ich nicht oft das Theater verlassen.

HIER die Stückeseite der Inszenierung auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then









Von meinem iPad gesendet Blog: www.qooz.de

LITERATUR, THEATER und MUSIK: John Steinbeck – Früchte des Zorns

Ich habe wieder einmal einen Klassiker gelesen. „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck. Er hat 1962 – nicht nur dafür – den Literaturnobelpreis bekommen. UND: Am Schauspielhaus Zürich gibt es derzeit eine Inszenierung von Christopher Rüping zu diesem Buch. „Früchte des Zorns“. UND: Ein Song zum Roman folgt unten.

Meine Bewertung des Romans: 6 von 10.

ZUM THEATER:

Christopher Rüping war zuletzt Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, hatte dort etwa die wunderbare 10-Stunden-Inszenierung „Dionysos“ auf die Bühne gebracht. HIER mein damaliger Beitrag dazu. Derzeit ist er Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, wird aber im Januar nächsten Jahres an den Münchner Kammerspielen Bertolt Brechts „Im Dickicht der Städte“ inszenieren.

HIER der Link zur Website des Schauspielhauses Zürich, zur Stückeseite der Inszenierung „Früchte des Zorns“. Die Inszenierung wird in der Presse sehr gelobt.

ZUM BUCH:

John Ernst Steinbeck, geboren am 27. Februar 1902 in Kalifornien und gestorben am 20. Dezember 1968 in New York. Einer der meistgelesenen US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1943 war er Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg, 1940 erhielt er den Pulitzerpreis für den Roman „Früchte des Zorns“ und 1962 den Literaturnobelpreis.

„Früchte des Zorns“ ist ein trostloses Buch. Geschildert wird, wie eine große Familie aus dem Süden Amerikas mit einem schrottigen Lastwagen nach Kalifornien fahren will und sich bis dorthin durchschlägt. Eine lange, aufwändige Tour, die genau geschildert wird. Einige aus der Familie gehen verloren, sterben, gehen alleine weiter. Die Familie der Joads. Großeltern, Eltern, Kinder, Enkelkinder, ein befreundeter Priester, ein Onkel. Als Farmerfamilie im Süden Amerikas gab es einfach nichts mehr zu verdienen. Große Firmen kamen auf, Maschinen übernahmen die landwirtschaftliche Handarbeit, Land wurde aufgekauft.

Die Familie der Joads fällt immer mehr auseinander. Auch das Ende des Romans ist trostlos. Der lange Weg der Familie Joad wird äußerst genau geschildert. Man liest das Buch fast wie das Drehbuch eines Films. Man sieht jede Szene genau vor sich. Von der Schreibweise her nicht irgendwie auffallend, sehr realistisch, fast nüchtern beschreibend, nicht emotionalisierend, auch nicht etwa speziell die ein oder andere Person der Familie in den Vordergrund rückend. Wegen der nicht gerade prickelnden Schreibweise gebe ich auch „nur“ die Sechs Punkte auf meiner Skala.

Wie sie Zelte aufschlagen, wie sie fahren, wie sie im Lastwagen liegen, wie die Mutter kocht, wie man mit ihnen umgeht, ihre Sorgen, ihr permanenter Kampf gegen die Armut, die Tochter wird schwanger, sie reden, wie sie ihre Würde behalten wollen, alles.

Das Drama nimmt seinen Lauf, weil zur damaligen Zeit wohl Tausende von Farmerfamilien aus dem Süden in den Norden gefahren sind, um Arbeit zu finden. Als Obstpflücker, als Baumwollpflücker. Um zu überleben. Sie waren aber im Norden nicht willkommen, die „Okies“ aus Oakland etwa.

Noch dazu haben die Farmer im Norden Amerikas die Situation wohl komplett ausgenutzt. So der Roman. „Viele Zureisende“ bedeutete ja, dass ihnen Arbeit für einen Hungerlohn gegeben werden konnte. Jeder nahm ja Arbeit an. Hunger wird auch immer wieder geschildert, die Ausweglosigkeit.

Hier ein Blick ins Buch:

Ein Roman gegen brutalen Kapitalismus. Und ein Roman mit Bezug zu allen Zeiten: Vielen Menschen geht es schlecht – wir dürfen den Blick nicht abwenden.

Und HIER die Seite zum Buch auf der Website des dtv Verlags.

ZUR MUSIK:

Bruce Springsteen hat einen Song geschrieben: The Ghost of Tom Joad. Hier die Lyrics:

Men walkin‘ ‚long the railroad tracks – Goin‘ someplace there’s no goin‘ back – Highway patrol choppers comin‘ up over the ridge – Hot soup on a campfire under the bridge – Shelter line stretchin‘ ‚round the corner – Welcome to the new world order – Families sleepin‘ in their cars in the Southwest – No home no job no peace no rest – The highway is alive tonight – But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes – I’m sittin‘ down here in the campfire light – Searchin‘ for the ghost of Tom Joad – He pulls a prayer book out of his sleeping bag – Preacher lights up a butt and takes a drag – Waitin‘ for when the last shall be first and the first shall be last – In a cardboard box ’neath the underpass – Got a one-way ticket to the promised land – You got a hole in your belly and gun in your hand – Sleeping on a pillow of solid rock – Bathin‘ in the city aqueduct – The highway is alive tonight – Where it’s headed everybody knows – I’m sittin‘ down here in the campfire light – Waitin‘ on the ghost of Tom Joad – Now Tom said „Mom, wherever there’s a cop beatin‘ a guy – Wherever a hungry newborn baby cries – Where there’s a fight ‚gainst the blood and hatred in the air – Look for me Mom I’ll be there – Wherever there’s somebody fightin‘ for a place to stand – Or decent job or a helpin‘ hand – Wherever somebody’s strugglin‘ to be free – Look in their eyes Mom you’ll see me.“ – Well the highway is alive tonight – But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes – I’m sittin‘ down here in the campfire light – With the ghost of old Tom Joad

Hier ein Lifeversion, Bruce Springsteen und Tom Morello. Nach 30 Sekunden des Videos geht der Song los. Er gibt – auch von den lyrics – die Athmosphäre des Romans gut wieder! Es gibt auch eine gute Version von Tom Morello mit Roger Waters:

THEATER: Leonie Böhm – Die Räuberinnen

„Die Räuberinnen“ nach Friedrich Schiller von Leonie Böhm, gestern war Premiere an den Münchner Kammerspielen. Ich muss es mir noch einmal ansehen, Einzelheiten würden mich genauer interessieren, bevor ich etwas Detaillierteres dazu schreiben könnte. Hier zunächst ein paar ganz grundsätzliche Überlegungen:

Ich finde, man kann sich dessen bewusst sein, dass man wieder einmal an den Münchner Kammerspielen Stücke sieht, die besonders auffallen. Auffallen, weil man aus den üblichen Theatergewohnheiten herausgerissen ist. Das ist an den Münchner Kammerspielen in den letzten Jahren immer wieder der Fall gewesen, dennoch fällt es jetzt wieder auf:

„Die Räuberinnen“ und ein anderes Stück, das derzeit dort zu sehen ist: „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz, Erinnerungen an das letzte je gegebene Konzert von Nirvana vor dem Selbstmord von Curt Cobain. Diese beiden Veranstaltungen zeigen, welche Wege die Münchner Kammerspiele der Theaterkunst eröffnen. Und nicht etwa hinten in den kleineren Kammern 2 oder 3. Nein, vorne in Kammer 1!

„Die Räuberinnen“ sieht man in einer einfach abgefahrenen Inszenierung! Es „Inszenierung“ zu nennen, ist schon zuviel gesagt. Performance vielleicht eher. Es fällt mir fast schwer, es einfach zu „besprechen“. Es ist irgendwie abgefahren und berührt einen selbst thematisch durch die Leistungen der vier Schauspielerinnen. Eva Löbau, Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhoff und Sophie Krauss.

Die SchauspielerInnen haben sicherlich intensiv an der Entstehung des Abends mitgewirkt und werden das Stück im Lauf der nächsten Monate sicherlich – hört man, ahnt man, weiß man – auch weiter entwickeln. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, dass Leonie Böhm den Schauspielerinnen gesagt hätte: „Und jetzt zieht euch bitte aus!“ und die Schauspielerinnen gesagt hatten: „Ok, machen wir!“ Nicht bei dieser Inszenierung, es wird viel individueller – aber in der Gemeinschaft der vier – gelaufen sein.

Man sieht eben nicht die Leistung eines Regisseurs, der ein „Stück“ auf die Bühne bringt, man sieht – mehr als sonst – künstlerische und sehr ins Persönliche gehende Leistungen der mitwirkenden Schauspielerinnen. Und zwar so offen, dass Eva Löbau zu Beginn des Abends zurecht darauf hinweist, dass keine Fotoaufnahmen gemacht werden sollen. Sie offenbaren sich, sie entblößen sich, entäußern sich. Trotzdem passend, nicht überambitioniert, nicht gewollt, nicht reißerisch.

Ähnlich – nicht etwa extrem allerdings – bei „Nirvanas Last“ von Damian Rebgetz – meines Erachtens ein Kandidat für das Theatertreffen 2020 in Berlin. Die dortigen SchauspielerInnen (teils mit weiteren MusikerInnen) singen komplett das letzte je gegebene Konzert von Nirvana nach. Auch das ist nicht ein „Stück“, es ist mehr persönliche Leistung der SchauspielerInnen. Sie singen die Songs in völlig andere Art und Weise. Mit Sehgewohnheiten alter „Theaterhasen“ hat das nichts zu tun. Für junge Menschen ist es schon eher!

Und das ist schön! Kunst ändert sich! Es mag beim Theater die Tendenz geben, dass man eben immer wieder „Theater“ sehen will, gelungene „Inszenierungen“, „Klassiker“ auch. Man verfällt Gewohnheiten. Mehr wahrscheinlich, als wenn man in eine Ausstellung geht. Gut, „Die Räuberinnen“ von Leonie Böhm basiert auf einem Klassiker: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Aber die Handlung des Klassikers verschwindet hier vollkommen. Der Grundgedanke, der aus „Die Räuber“ herausdestilliert wird, ist etwa: Was hält uns davon ab, nach eigenen Konzepten und Entwürfen zu leben, anstatt nach vorgegebenen Konditionen, nach gesellschaftlichen Vorgaben? Und: Wie können wir in diesem einen Leben frei sein? Es geht vor allem auch nicht nur um Individualismus, sondern Gott sei Dank um Gemeinschaft! Aber das sagt alles noch viel zu wenig. Mehr dazu versuche ich in Bälde.

Hier ein paar Links, in denen schon mehr über den Inhalt des Abends gesagt wird:

HIER der link zur außergewöhnlich gut gelungenen – mein subjektiver Eindruck – Besprechung auf http://www.nachtkritik.de (mit weiteren Fotos).

HIER der link zu einer ebenfalls guten – finde ich – kürzeren Besprechung im Deutschlandfunk Kultur.

HIER ein Gespräch mit Leonie Böhm in der Abendzeitung.

HIER die Seite zum Stück auf der Website der Münchner Kammerspiele

© des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Heinrich von Kleist – Amphitryon

Es war die „Münchner Premiere“ von Julia Hölschers Inszenierung von Heinrich von Kleists „Amphitryon“ am Münchner Residenztheater. Julia Hölscher war zuletzt Hausregisseurin am Theater Basel. Sie wechselte mit dieser Spielzeit nach München. Auch ihre Inszenierung des „Amphitryon“ wurde aus Basel übernommen. Das Stück „lief“ seit Januar 2018 am Theater Basel.

Ihre Inszenierung des „Amphitryon“ ist keine freie Interpretation von Heinrich von Kleists Lustspiel. Es ist eine sich nahe am Original orientierende Inszenierung – versehen natürlich mit vorsichtig eingestreuten, fast unumgänglichen Modernisierungen. Mehr an Modernisierung aber nicht.

Der Text etwa ist natürlich nicht wortgetreu, sondern für die Bühnenfassung etwas erleichtert. Die Spielweise der SchauspielerInnen ist zeitlos, nicht etwa veraltet. Auffallend ist besonders das Bühnenbild von Paul Zoller. Eine „Sensation“ schreibt die SZ (Egbert Tholl). Naja.

Gerade das Bühnenbild versucht jedenfalls, das Thema von Amphitryon deutlich aufzugreifen: Spiegelung, Verdoppelung. Und das gelingt auch wirklich gut!

Amphitryon und sein Diener Sosias kehren ja nach Theben zurück – nach Beendigung des Krieges gegen Athen – und müssen erfahren, dass sie schon da sind! Jupiter und Merkur haben sich in gleicher Gestalt schon eingefunden. Das ist das Thema.

Schon vor Beginn der Aufführung etwa sitzen die Zuschauer dementsprechend vor einer riesigen Spiegelwand, der die große Bühne des Residenztheaters verschließt. Sie sehen den ganzen Zuschauerraum. Manch Zuschauer*in fotografiert es, manche*r winkt dem eigenen Spiegelbild zu, jede*r wird sich automatisch selber gesucht haben. Der riesige Spiegel hebt sich zu Beginn der Aufführung und wird immer wieder Blicke auf die Bühne von oben ermöglichen. Hier noch ein Foto, man sieht die Bühne doppelt – einmal von vorne und einmal von oben:

Copyright: Sandra Then

Jeder steht eben immer wieder seinem Spiegelbild gegenüber und ist mehr oder weniger zufrieden damit. Und jede*r andere sieht einen immer anders. Das kann an die Substanz gehen. Ein generelles Thema, wir kennen es alle.

Schauspielerisch fiel auf, dass besonders Florian von Manteuffel als Amphitryon seiner Rolle viel Komik beigab. Anders als Pia Händler in der Rolle von Alkmene. Es blieb daher auch bei Julia Hölschers Inszenierung eine nicht ganz klare Mischung aus Komik und Tragik. Aber Florian von Manteuffel spielt ja gerne mit einer gewissen Komik, so ja auch in „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“, das in Basel lief und demnächst auch am Residenztheater kommt.

Schön ist insgesamt – seit ein paar Wochen zu sehen – das fast komplett neue Ensemble des Residenztheaters! Viele junge, sehr engagierte SchauspielerInnen, die den Inszenierungen frischen Wind geben. Gute Typen* innen.

Zu Heinrich von Kleist:

Heinrich von Kleist war jung, als er Amphitryon schrieb. 1807 war er gerade einmal 30 Jahre alt. Er wurde auch nur 34 Jahre alt, beging Selbstmord. Sein Todestag jährte sich gerade, er nahm sich und seiner Freundin Henriette Vogel am 21. November 1811 das Leben.

Amphitryon war noch dazu eines seiner eher frühen Stücke. Erst in den Folgejahren wurde er richtig produktiv.

Amphitryon ist ein „Lustspiel nach Moliere“, so schon immer der Untertitel. Es sollte eine Übersetzung werden, Kleist hat der Übersetzung dann aber doch tragische Komponenten beigefügt. Es gab also auch schon damals Stücke, die – wie ja auch heute oft im Theater – „NACH“ einem anderen Stück inszeniert werden. Eine weitere Verdoppelung wäre es gewesen, wenn Julia Hölscher eine Amphitryon-Inszenierung NACH Heinrich von Kleist NACH Moliére gebracht hätte. Es hätte gepasst.

Inhaltlich:

Auf den ersten Blick ist Amphitryon wie Bauerntheater: Eine Verwechslungskomödie. Ich frage mich, warum Kleist in jungen Jahren schon daran interessiert war. Aber er lebte wohl sehr intensiv. Von einer möglichen Antwort liest man: Heinrich von Kleist war am Thema: „Subjektives und Objektives“, besonders am „Subjektiven“ interessiert.

Und so kommt man zu diesem Stück. Alkmene – Amphitryons Ehefrau – weiß nicht mehr, was objektiv richtig ist. Wer ist der richtige Amphitryon? Und andererseits verlieren Amphitryon und Sosias ihre Subjektivität, werden darin erschüttert, geben sie auf! Viel mehr wird allerdings bei Kleist nicht aus diesem Gedanken gemacht.

Forced Entertainment:

Kürzlich sah ich im Rahmen des SPIELART-Festivals die köstliche durational performance „12 am:Awake and looking down“ von Forced Entertainment – HIER mein Bericht – und kann feststellen: Aus Sicht von Alkmene wurde auch dort dasselbe Thema behandelt: Wir sehen jemanden als etwas an, weil er sich so nennt oder genannt wird – oder so erscheint. Und sofort stellen sich Gefühle ein. Beim Betrachter und bei der irgendwie erscheinenden Person. Forced Entertainment forderte all das auf seine Art stundenlang vom Zuschauer. Eine schöne „Parallele“. HIER ein Bild:

Copyright: Hugo Glendenning

HIER der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: SPIELART Festival – Resumee

Abstraktes oder Persönliches. Als Zuschauer eines Theaterstückes oder einer Performance gibt man sich doch meist Themen hin, die nicht „höchstpersönlich“ sind, sondern eher „abstrakte“ Überlegungen aufgreifen, man sieht dazu erdachte Szenarien bzw. Geschehen. Man kann sich dann überlegen: „Wie sehe ich das eigentlich?“ Irgendein Thema. „Wie stehe ich zu diesem Thema?

Und manchmal, denke ich, ist es anders: Wenn das „Stück“ auf der Bühne sehr persönlich ist. Dann ist das Erlebnis anders: Man stellt sich nicht (bewusst oder unbewusst) eine theoretische Frage wie: „Wie sehe ich das?“. Man hat Persönliches gesehen, Erlebtes, Privates: Man kann es im Grunde nur irgendwie verdauen. Beeindruckt oder nicht beeindruckt. So könnte man unterscheiden. Aber das trifft natürlich nicht immer zu. So schlau kategorisieren kann ich nicht, es ist hier nur eine Feststellung zum SPIELART-Festival.

Das SPIELART-Festival ist vor kurzem in München zu Ende gegangen. Es bot Beides. Eine – international zusammengesetzte – Mischung aus solchen „abstrakten“ Veranstaltungen und „persönlichen“ Veranstaltungen. Einiges habe ich gesehen. Längst nicht Alles, es war ein umfassendes Programm über zwei Wochen hinweg, ich habe viel Zeit investiert.

Das Festival findet alle zwei Jahre statt, das nächste Mal also 2021! Ich schreibe hier ausnahmsweise darüber, obwohl es niemand mehr besuchen kann, das SPIELART-Festival 2019.

Innerhalb des SPIELART-Festivals fand vor allem noch ein weiteres Festival statt, ein „Festival im Festival“: „New Frequencies“ für neue Stimmen der internationalen Theaterlandschaft.

Die Mischung machte es. Wann kann man schon so viele so persönliche Sichtweisen aus vielen Teilen der Welt sehen. Südafrika, Kenia, Palästina, Indonesien und und. Meine Auswahl zeigt die angesprochene „Mischung“ deutlich. Gesehen habe ich:

PERSÖNLICHES:

  • Erinnerungen an das Erwachsenwerden: Man konnte ungefähr einhundert Personen dabei zuhören, wie sie ihre Erinnerungen an ihr 21. Lebensjahr schilderten. Während man es hörte, saß man den einzelnen Personen an Bildschirmen gegenüber und sah, wie sie sich selbst noch einmal anhörten. Gut arrangiert.
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  • Cultural Exchange Rate: Siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 2:
  • On Thin Ice: Lesung von Tagebuchaufzeichnungen eines Kenianers, der nach Amsterdam kommt. Gut gelesen!
  • Bild 3: undefined
  • A Song To Hear You Arriving: Ein Klangteppich, der an einen Verstorbenen gerichtet ist.
  • Bild 4:
  • Congo: Eine wütende Suada eines Kongolesen gegen die Verbrechen Europas bei Gründung des Kongo. Die absurde Berliner Kongokonferenz 1884 wird geschildert. Nach dem Buch Kongo von Eric Vuillard.
  • Bild 5: undefined

ABSTRAKTES:

  • Pleasant Island: Zwei Jugendliche berichten über ihren Besuch von Nauru, einem kleinen Inselstaat im Pazifik. Von englischen Walfängern einst „Pleasant Island“ genannt. Das nach extremer Ausbeutung zerstörte Ökosystem Naurus – früher einmal das reichste Land der Welt – ist ein Vorbote für eine drohende weltweite Umweltkatastrophe. Dokumentarisch wichtig, umso enttäuschender, nicht überzeugend.
  • Bild 6: undefined
  • Speak Bitterness: Eine durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 7:
  • 12 am: Awake and looking down: Eine weitere durational performance von Forced Entertaiment, siehe den Extrabericht HIER.
  • Bild 8: undefined
  • And On The Thousandth Night: Auch eine durational performance von Forced Entertaiment, leider verpasst.
  • Bild 9: undefined
  • Orest in Mossul: Von Milo Rau, Intendant am NT Gent. Die Orestie im zerbombten Mossul. Ansich der prominenteste Beitrag, aber umso enttäuschender. Eindrücke einer zerstörten Stadt – wie einst Troja – aber warum die Orestie? Ich fühlte mich etwas über den Tisch gezogen, brutale Erschießungen wurden nachgestellt etc. HIER der link zur Seite beim NT Gent mit mehreren Videos dazu.
  • Bild 10: undefined

Und innerhalb des Festivals „New Frequencies“ war es wiederum:

PERSÖNLICHES:

  • Tubuhdang Tubuhdut: Die Flucht aus dem Alltag durch einen indonesischen Tanz, Blick auf die in Indonesien ebenso tanzenden Männer im Publikum, die mit ihren Bewegungen auch Berufliches und Typisches zeigen.
  • Bild 11: undefined
  • Steps: Ein tunesischer Tanz jenseits der Geschlechterbarrieren.
  • Bild 12: undefined
  • Baba, Come to me: Eine Performance zum Verhältnis Vater-Tochter aus Palästina.
  • Bild 13: undefined
  • Nonna doesn’t live here anymore: Ein Film zum Verhältnios Mutter-Tochter aus Ägypten.
  • Bild 14: undefined

ABSTRAKTES:

  • Commission Continua: Südafrikas Ringen mit Vergangenheit, Veränderung und Versöhnung.
  • Bild 15: undefined

HIER der Link zur interessanten Website des Festivals mit allen weiteren Angaben zu den Veranstaltungen, teils mit Trailern.

Jetzt habe ich alles aufgeführt, im Grunde nur mir zuliebe, nämlich um alles vollständig zu halten. Ich bringe hier auch keine Einzelbesprechungen zu den genannten Veranstaltungen, die Beiträge des Festivals können ja – mit Ausnahme wohl nur des „Orest in Mossul“ – nicht mehr gesehen werden.

Copyrights:

  • Beitragsbild: Milo Rau
  • Bild 1: Max Kuhlmann
  • 2: Judith Buss
  • 3: Ogutu Muraya
  • 4: Thomas Lenden
  • 5: Agathe Poupeney
  • 6: Indra Struyen
  • 7: Hugo Glendinning
  • 8: Hugo Glendinning
  • 9: Hugo Glendinning
  • 10: Stefan Bläske
  • 11: Widhi Cahya
  • 12: Mawjoudin Queer Film Festival
  • 13: Farah Barqawi
  • 14: Sama Waly
  • 15: Zivanai Matangi





THEATER: Forced Entertainment

Ein „Muss“ auf dem gerade zu Ende gegangenen SPIELART-Festival, das alle zwei Jahre in München stattfindet, waren für mich die drei Auftritte der englischen Performancegruppe Forced Entertainment. Drei ihrer „durational performances“ – stundenlang ohne Ende, den ganzen Abend durch – man kommt und geht.

Zwei davon habe ich gesehen, Speak Bitterness und 12 am:Awake and looking down. Die dritte, And On The Thousandth Night, habe ich verpasst! Ärgerlich! Sie haben drei ihrer „Klassiker“ ausgepackt, als Abschiedsgeschenk an den Gründer von SPIELART.

Forced Entertainment ist eine Performancegruppe aus Sheffield im Norden Englands. Der Link zu Ihnen findet sich im Blog oben über den Link „Websites und Termine von Performancegruppen“. Oder HIER. Sie touren auch oft durch Europa, demnächst nach Berlin, Zürich, Brüssel, Paris. Berlin am 22. November im HAU. Eine weitere bizarre „durational performance“, Quizoola in seiner 6-Stunden-Variante.

Sie machen seit 30 Jahren Performances, die den Zuschauer im Grunde immer wieder – soweit ich sie kenne – zu der Ansicht bringen: Ja, so ist es! Und auch immer mit einem herrlichen Schuss Komik dabei! Vor allem dann, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt. Hinter ihrer Komik stecken oft böse Blicke auf unsere Gewohnheiten, auf unsere Lebensumstände, auf Missstände.

Mit der Performance Real Magic waren sie vor zwei Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch so eine lustige und gleichzeitig auch ernste Performance! HIER mein damaliger Beitrag dazu.

Zu 12 am:Awake and looking down:

HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Mit einem Video dazu. Auf der Website des SPIELART-Festivals hieß es dazu:

12AM: AWAKE & LOOKING DOWN entstand 1996 … ein Dauer-Stück von damals zwölf Stunden … Verhältnis von Persönlichkeiten und den Labels, mit denen sie versehen werden … Second-Hand-Kleidung und Pappschilder … Kaleidoskop an Rollenbildern … körperliche Anstrengung … Figuren, die wir alle kennen und unzählige Male gesehen haben: in Filmen, trashigen Fernsehsendungen, im Supermarkt, auf der Straße … beim Blick in den Spiegel …. Verfall und Vergänglichkeit.

Ein kurzes Hineinschlüpfen in eine Rolle, dann die nächste. Was wir sein wollen, nicht sind, sein könnten, nicht sein können, Rollen und und und.

Und Speak Bitterness:

Auch HIERZU der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Auch mit Video. Wenn man auf das Video klickt, kommen sogar weitere Videos. Auf der Website des SPIELART-Festivals hieß es dazu:

Schuldbekenntnisse … in Talkshows, in Kirchen, vor Gericht …von Angesicht zu Angesicht … nicht enden wollende Folge verschiedenster Beichten … davon, den Hund nicht spazieren geführt zu haben … heimlich in fremden Tagebüchern zu lesen … gigantische Betrügereien … schwere Verbrechen … Massenmord … mit sanfter Stimme … liefern sich dem Blick der Zuschauer*innen ganz bewusst aus und überlassen ihnen das Urteil über Schuld, Unschuld und alles, was dazwischen liegt.

Tja, was ist für wen Grund, ein Schuldgefühl zu bekommen?

Und der Vollständigkeit halber And On The Thousandth Night:

Auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website des SPIELART-Festivals. Und auch HIER der Link zur Seite dieses Projekts auf der Website von Forced Entertainment. Wieder mit Videos. Wenn man auf das Video klickt, kommen wieder weitere Videos.

Jedenfalls beachten, wenn Forced Entertainment in die Gegend kommt!


THEATER: Thom Luz – Olympiapark in the Dark

Thom Luz kommt aus der Schweiz, Zürich und Basel, und wechselt als Hausregisseur an das Münchner Residenztheater (ist es offenbar auch noch am Theater Basel). Er bringt gerne skurrile, poetische Annäherungen an ganz spezielle Themen. Ein sehr eigenes Gesicht haben seine Produktionen, er selbst hat eine eigene Handschrift, kaum anders zu finden.

Eine solche Themenwelt war bisher etwa: „Dinge, die verschwinden„. Thom Luz sei ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“, heißt es irgendwo. Mit der Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Oder kürzlich „Radio Requiem“, auch das Thema des Verschwindens. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Auch das gab ihm Anlass, seine Poesie des Verschwindens zu entfalten.

Jetzt der Abend „Olympiapark in the Dark“ am Residenztheater (im Marstall). Erstaunlicherweise geht es hier nicht um das Verschwinden, sondern um das Ankommen, das Sich-Annähern an Fremdes, an München nämlich. Und zwar mit Klängen, mit Musik, mit Geräuschen und Dissonanzen. Nicht Harmonisches. Auch immer wieder mit kurz oder lang angespielten (oft bayerischen) Musikstücken oder angerissenen Erzählungen von Dingen, die irgendwie mit München zu tun haben. Karl Valentin, ein Busunglück in Südtirol mit vielen gestorbenen Personen, die nach München wollten, Albert Einstein, sieben Kirchenglocken ….

Werkstattcharakter, natürlich Werkstattcharakter auf der schwarzen Bühne. Und, wie gesagt, viele unfertige Dinge. Erzählungen nur wenige und kurze, ansonsten oft unharmonische Musik, auch Geräusche, etwa das Knistern von Kies beim Gehen. Oder im Eck ein auf dem Kopf stehender kleiner Film über München, den alle fragend betrachten.

Am konkretesten wird es dann gegen Ende, wenn der Olympiapark ins Spiel kommt. Man sieht Videoaufnahmen von der Gruppe der Schauspieler am Olympiaberg. Einer von ihnen läuft immer hinterher, gehört nicht ganz zur Gruppe. Auch das könnte einer der Eindrücke von München sein: Mia san mia. Zwei große schöne Laternen aus dem Olympiagelände werden auf die Bühne getragen.

Und immer wieder Musik. Musik, die aber – wie die Erzählungen – oft unterbrochen wird. Aus der Musik entsteht ein Spiel mit den auf der Bühne verteilten Lautsprechern, man greift herumhängende Mikrophone, spielt auf Streichinstrumenten. Alles immer wieder unterbrochen, wie im richtigen Leben. Eine der Überlegungen von Thom Luz wird in Richtung Musik gehen. Vielleicht: Es ist nicht die harmonische Musik, die uns die Welt zeigt, wie sie ist.

Und ein Gedanke von Thom Luz aus dem Programmheft: „Also man wird auf einem Teppich geboren, rollt dann eine halbe Arschbacke weiter auf diesem Teppich von links nach rechts hört dabei etwas unverständlichen Straßenlärm aus dem Fenster und stirbt kurz darauf, und der Teppich hat sich dabei nicht verändert

Tja, und hört viele Klänge, Versuche von Musik …. Es ist ein „tyischer Thom Luz“, etwas schwerer verdaulich diesmal, etwas weniger Poesie, aber wieder mit Nachwirkung. Die Dinge – mehr als hier angesprochen – wirken ineinander.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheraters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Simon Stone – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Die vierte Premiere der neuen Spielzeit am Münchner Residenztheater. „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, inszeniert von Simon Stone. Das „Stück“ kommt aus Basel, es „lief“ am Theater Basel, wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen als eine der 10 „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des Jahres 2017.

Über dem Stück liegt etwas wie: Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen.

Die Inszenierung wird nun gewissermaßen den Münchner Theasterfreunden vom Residenztheater „geschenkt.“ Es ist ein schönes Geschenk!

Ich hatte die Inszenierung damals in Berlin gesehen. Jetzt hatte ich erneut die Gelegenheit. Mit komplett denselben SchauspielerInnen kann man sie jetzt wieder sehen. Denn zusammen mit dem Intendanten Thomas Beck sind unter anderen genau die SchauspielerInnen, die an dieser schönen Inszenierung immer schon mitwirkten, von Basel nach München, an das Residenztheater, gewechselt. Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.

Es wechselten noch weitere SchauspielerInnen vom Theater Basel an das Münchner Residenztheater, man sieht ein großes neu zusammengestelltes Ensemble.

HIER mein damaliger Bericht über die Inszenierung von „Drei Schwestern“, die am Theatertreffen 2017 in Berlin gezeigt wurde. Damals hatte ich etwa geschrieben:

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss!“

Das ist ein Aspekt: Alltagsgeschehen. Drei Tage verfolgt man, verteilt über einige Monate, in einem Landhaus, das auf der Bühne steht und sich immer wieder langsam dreht. Ein sehr gelungenes Bühnenbild. Das Besondere ist, dass man immer wieder gleichzeitig in verschiedene Zimmer blickt. Weihnachtsvorbereitungen, Gurke schneiden, Musik, die Toilette, das Schlafzimmer, der Weihnachtsbaum … klingt unspannend, aber:

Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Ihren Ehepartnern und ein/zwei Freunden zusammen. Das erste Treffen im Frühling, ein Geburtstag, die Weihnachtsfeier dann im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil.

All das banale Alltagsgeschehen und Gerede zeigt sich vor dem Hintergrund, der im Programmheft gut dargestellt wird und vielleicht Tschechows Intention trifft:

Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. Sie reden, um zu reden. Sie reden, ohne einander zu antworten: aneinander vorbei, jeder mit sich selbst beschäftigt. Sie reden, um zu verschweigen, was sie denken. Sie reden, um sich selbst etwas vorzumachen. Immer wieder entstehen Pausen, weil sie einander nicht verstehen oder nicht zuhören. Tschechow entdeckte die dramatische Bedeutung des Schweigens“. (Siegfried Melchinger in: Süddeutsche Zeitung vom 02.11.1968.)

Und man liest im Programmheft:

„… vielleicht das vollendetste der Tschechow’schen Dramen … die ausschließliche Darstellung einsamer, erinnerungstrunkener, von der Zukunft träumender Menschen.“ (Peter Szondi, Frankfurt am Main 1965.


Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören, rennt irgendwie gegen die Wand. Oder trägt schon länger Unglück mit sich herum. Olga, die älteste der Schwestern (alle sind recht jung), sie ist es, der derallmähliche Verfall auffällt. Sie schreit – wild durch das Ferienhaus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es nicht aufhalten.

Alle SchauspielerInnen spielen hervorragend selbstverständlich ihre Alltagsrollen. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen. Das macht durchgehend Spaß. Man sieht Ihnen allen in diesem Landhaus so gerne zu, das „Stück“ wird den SchauspielerInnen ans Herz gewachsen sein.

Hier ein paar Andeutungen zu den sich anbahnenden Zerstörungen des persönlichen Glücks:

Mascha, die mittlere Schwester, ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht Ehebruch mit Alexander. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder, seine Familie bewohnt das Nachbarhaus, und begeht somit seinerseits Ehebruch. Sie wollen nach Amerika. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. ansehen!
Irina, die jüngste der Schwestern, reagiert zögerlich, als sie von ihrem Freund Nikolai gefragt wird, ob sie ihn denn wirklich liebt. Und Nikolai … ansehen!
Olga, die älteste der Schwestern, zerstört dagegen am wenigsten. Weder ihr Leben noch das Leben anderer.

Andrej wiederum, der Bruder der drei Schwestern, ist drogensüchtig, verspielt alles Geld, hat seinen Job aufgegeben.
Roman, der etwas ältere Freund im Kreis, steckt im Existenzialismus fest, trinkt und … ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister müssen erkennen, dass das Haus, der Familienbesitz, verkauft wurde, von Andrej wegen seiner Schulden. Natascha, die Ex-Frau von Andrej, kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej nebenbei, dass ihr zweites Kind … ansehen.

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.

Thema dieser Inszenierung ist der Verfall. Jeder hat Schwierigkeiten, das zu erreichen, was er/sie sich wohl vorstellt oder wünscht. Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit und ihren Zukunfts-vorstellungen nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Was harmlos beginnt, endet teils tragisch.

Ich dachte mir auch: Wie unterschiedlich die Aspekte sind, die man aus Tschechows „Stück“ „Drei Schwestern“ ziehen kann! So geht es in der derzeit „gegenüber“ an den Münchner Kammerspielen zu sehenden, völlig anderen Inszenierung der Drei Schwestern allein darum, dass die drei Schwestern nie vom Fleck kommen. Von Moskau träumen, aber nie dorthin kommen. HIER meine damalige Besprechung zu dieser auch sehr interessanten, höchst abstrakten Inszenierung von Susanne Kennedy.

HIER der link zur Stückeseite des Residenztheaters mit weiteren Bildern, Trailer etc.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


THEATER: Maxim Gorki – Sommergäste

Russland, die ehemalige Sowjetunion, hat für die Menschheit zweifelsohne eine besondere Bedeutung! Der Kommunismus war als die einzige Alternative zum Kapitalismus angetreten und er hatte seinen Ursprung in Russland. Viel ist davon bekanntlich nicht geblieben, er ist krachend gescheitert.

So ging es eben nicht. Das hat viele Gründe. Ein Aspekt ist vielleicht die Tatsache, dass die Menschen im Kommunismus zu sehr in Schubladen gesteckt wurden. Arbeiterklasse, Bourgeoisie, Intelligenzija. Das funktioniert eben nicht.

Zwei Stücke aus der Vorzeit der russischen Revolution – vor 1905 – hatten jetzt Premiere am Münchner Residenztheater. Bekannte Werke: Zum einen „Sommergäste“ von Maxim Gorki und zum anderen „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow.

Es sind Stücke, von denen man immer wieder hört, sie würden auch auf unsere heutigen Zeiten passen. Anton Tschechow war mit seinem Stück ein paar Jahre früher dran als Maxim Gorki. Das Stück von Maxim Gorki ist insoweit auch durchaus schon etwas politischer, es geht kritischer um mit der russischen Intelligenzija, den „Sommergästen“.

Über die Premiere von „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow schreibe ich demnächst. Die Inszenierung von „Drei Schwestern“ ist ja eine Übernahme vom Theater Basel, inszeniert von Simon Stone und im vergangenen Jahr ausgewählt zum Berliner Theatertreffen.

Hier ein paar Gedanken zu Maxim Gorkis „Sommergäste“. Ich habe die Premiere am Residenztheater gesehen.

Mit «Sommergäste» stellt sich der britische Regisseur Joe Hill-Gibbins erstmals dem Münchner Publikum vor. Klares Bühnenbild, nichts auf der großen weiten Bühne außer ein paar Bierflaschen, Dosen, Kisten, müllähnlich kleinere Gegenstände und in der Mitte der Bühne ein kleines quadratisches Duschhäuschen, wie es sich gehört für einen Landsitz. Ein Scheinwerfer umkreist im Hintergrund sonnengleich langsam – am Boden allerdings – die Bühne.

Weiße Bühne und schwarzer tief dunkler Hintergrund, es erinnert ein bisschen an die ähnlichen Elemente bei „Die Verlorenen“, die auch gerade Premiere hatten. Joe Hill-Gibbins unterstreicht damit sicherlich die Zeitlosigkeit des Stückes.

Der Titel „Sommergäste“ war von Maxim Gorki nicht zufällig gewählt. „Sommergäste“ wurden damals – abfällig – diejenigen gut situierten Russen genannt, die ihr städtisches Leben – zum Beispiel in Moskau – verbrachten und ab und an auf dem Landsitz Urlaub machten. Eine Schublade eben. Auf dem Land arbeitete man aber für die Landwirtschaft. Die Urlaub machenden Vertreter der Intelligenzija waren tatenlose und nur schwadronierende „Sommergäste“.

Das Ensemble des Residenztheaters ist groß, bei „Sommergäste“ kommen 14 Ensemblemitglieder zum Einsatz. Unter anderem in der Hauptrolle der Warwara Michajlowna Brigitte Hobmeier. Wawara gilt in Maxim Gorki Drama „Sommergäste“ in gewisser Weise als Gegenstück zu den Vertretern der so tatenlosen „Sommergästen“.

Brigitte Hobmeier ging meines Erachtens in der zahlenmäßig großen Besetzung des Stückes fast unter. Schade, so kannte ich sie garnicht. Meines Erachtens hätte sie dem Stück eher entsprochen, wenn sie noch mehr im Mittelpunkt gestanden hätte. Sie betrachtet ja das Gerede und das Handeln der Sommergäste als Einzige mit Abstand und Kritik. Das aber wird nicht deutlich. Schade auch, irgendwie fehlte etwas von ihrer so beliebten und bekannten Strahlkraft. (Ganz subjektiv: Sie steckte meines Erachtens in völlig unpassender Kostümierung!)

Wie es für „Sommergäste“ passte: Es wird viel geredet, Anbandelungen werden versucht, viele Animositäten treten auf, Reden werden geschwungen, Unzufriedenheiten werden geäußert, Statements zum Status der Gesellschaft und dem Leben werden abgegeben, hohle Allgemeinplätze zum Leben hört man immer wieder, alles aber nach Maxim Gorki ohne einen durchgehenden roten Faden.

Für mich blieb dabei unklar, ob Joe Hill-Gibbins zeigen wollte, dass all das auch heute noch Geltung hat. Das Schwadronieren der Mittelschicht vor einer aufkommenden Unruhe. Könnte man sagen, wird aber nicht thematisiert.

Bei der betont „heutigen“ Szenerie – es wird Bier getrunken, ein Grill wird angezündet, die SchauspielerInnen sind modern gekleidet, modernes Leben – dachte ich mir: Der alte Textverlauf im Grunde – aber in moderner Gesellschaft – die Personen waren wiederum die Personen der alten Zeit – sie gaben fast aphorismenartige ihre Allgemeinplätze zu bestimmten Gegebenheiten ab, teils moderne Aspekte, teils überholte Aspekte – dIe unklare Mischung von alt und neu hat mich verwirrt. Etwas leer verließ ich das Theater. Aber es mag auch anders gesehen werden.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then



SPIELART Festival: Cultural Exchange Rate

Respekt! Die libanesische Künstlerin Tania El Khoury trägt zum SPIELART-Festival die durchaus beeindruckende Installation „Cultural Exchange Rate“ bei. Es nennt sich „Interaktives Live Art Projekt“.

Zehn ZuschauerInnen betreten einen Raum, an dessen Ende zwei große Schrankwände stehen. Siehe des Beitragsbild. Die ZuschauerInnen bekommen einen Schlüsselbund mit zehn Schlüsseln. Lauter Schließfächer. Die ZuschauerInnen können zehn Schließfächer öffnen, in denen Teile der Familiengeschichte von Tania El Khoury auf verschiedenster Art und Weise dargestellt werden. Tania El Khoury hat schon mehrfach am SPIELART Festival teilgenommen.

Der/die ZuschauerIn benutzt den Schlüsselbund, neigt den Kopf in den Safe und verfolgt eine kleine Darbietung. Siehe das Beitragsbild. Audio, Video, Installationen. Er/sie betritt auch einen Raum hinter einer schwer aussehenden Safe-Tür, wo ihm/ihr Gelegenheit gegeben wird, eine kurze schriftliche Notiz zu hinterlassen.

„Respekt“, weil die Installation den ZuschauerInnen nicht nur irgendetwas „bietet“, sondern weil sie die ZuschauerInnen in eine interessante Position bringt. Die Zuschauer betrachten Verschlossenes, Verborgenes, spüren alles selber auf, nähern sich allem langsam. Tania El Khoury hat viel recherchiert. Sie hat in Mexiko die Familiengeschichte verfolgt, sie hat in Libanon Gespräche geführt.

Man sieht Videoaufnahmen, wie sie ihrer Großmutter die Haare schneidet. Eine Locke wird in einem Kästchen ausgestellt. Man sieht wertlose Geldscheine alter libanesischer Währung. Man kann sich – in dem Raum, den man aufschließt – einen libanesischen Geldschein für drei Euro nehmen. Die drei Euro schickt Tania El Khoury ihrem Vater in den Libanon. Man sieht Einreisedokumente. Man sieht Münzen alter Währungen, gesammelt vom Urgroßvater und Großvater von Tania El Khoury. Man sieht einen Film über einen Fluss, der im Libanon eine Staatsgrenze darstellt, eine Berglandschaft. Man sieht Röntgenaufnahmen des Fötus im Bauch von Tania El Khoury. Oder wie sie die alten gesammelten Münzen reinigt. Und mehr.

Detailliert wird ein interessantes Gefühl für die libanesisch/mexikanische Familiengeschichte von Tania El Khoury vermittelt. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, zwischen Mexiko und dem Libanon. Eine rundum sensible und gut durchdachte Installation!

Hier ein Trailer zur Installation:

https://vimeo.com/364879910

Copyright des Beitragsbildes: Ziad Abu-Rish

THEATER: Ewald Palmetshofer – Die Verlorenen

Der 400ste Blogbeitrag!!

Zur neuen Intendanz im Residenztheater: Zwei weitere Premieren: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer und „Sommergäste“ von Maxim Gorki. In Kürze folgt „Olympiapark in the Dark“ von Thom Luz und „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, eine Übernahme aus Basel, eine sehr erfolgreiche Inszenierung. Aber auch das ist nicht alles.

Zu „Die Verlorenen“: Der österreichische Autor (und Philosoph) Ewald Palmetshofer hat schon mehrfach für Andreas Beck geschrieben. Auch „Die Verlorenen“ ist eine Auftragsarbeit – jetzt für das Residenztheater. Im Grunde geht es um den Menschen der im Weltall und mit sich selbst und mit anderen immer nur verloren ist. Allein und verloren. So beginnt es auch:

Hallo? Hört uns jemand? – kann uns jemand – ist wer – ist wer da? – wir… – wir sehn wir spürn nicht, ob da …“

Das Bühnenbild ist geordnet, clean. Man wirkt nicht unbedingt verloren darin: Ein dicker weißer Rahmen verkleinert die Bühne, im Hintergrund ist auch die Tiefe des Raumes verkürzt durch eine leicht zurückversetzte große weiße Wand. Helles Licht. Ansonsten eine absolut leere Bühne. Das wiederum gibt Anlass, sich etwas verloren zu fühlen. Die hintere Wand wird sich nach der Pause absenken und nur noch ein schwarzes Nichts dahinter eröffnen. Siehe das Beitragsbild. Das tiefe Schwarz, in das man nach der Pause blickt, verdüstert dann auch die Stimmung.

Man könnte meinen, das Stück ist sehr negativ: Was ist der Mensch? – er wird geboren – er lebt „einen Augenblick“ lang – er führt sich auf – hat seinen Alltag – hat Probleme – kann schlecht kommunizieren – dann ist er wieder tot – was bleibt von ihm? Diese Fragen sind es, die im Stück angesprochen werden. Es gibt natürlich keine Antworten dazu. Die Fragen sind das Stück, allenfalls die Feststellung, dass wir uns durch irgendetwas durchkämpfen müssen ohne Hilfe von außen. Und dann sind wir wieder weg.

Umrahmt von diesen schweren Fragen folgt man einem Alltagsgeschehen: Clara – geschieden – fährt zu ihrem Exmann Harald und seiner Frau Svenja, um Ihnen zu sagen, dass sie den Sohn Florentin die nächsten Wochenenden nicht nehmen könne. Sie ziehe sich zurück. Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht Burn-Out? Im einsamen Haus ihrer Tante lernt sie den jungen Kevin kennen. Kurze Affaire, nichts längeres, nur die eine Nacht, Probleme dann mit Florentin, den Harald und Svenja zu ihr bringen, er ist von der Schule suspendiert worden, auch das nichts Besonderes. Aber es eskaliert. Clara ist ziemlich verloren, gescheitert in vielerlei Hinsicht. Und am Ende – nach Claras Beerdigung – reden alle wieder chormäßig über den Sinn des Lebens, das sinnlose Menschsein. Von oben gebe es keine Rettung. Ein atheistischer Gedanke.

Ein paar Dinge blieben mir etwas fragwürdig, dazu muss man das Stück aber gesehen haben: Warum etwa geht Clara, wenn sie sich zurückziehen will, in eine Diskothek? Mir erschien Clara auch zu wenig gescheitert, zu wenig verloren. Generell wurden auch unnötigerweise immer wieder weitere Themen notwendigerweise nur oberflächlich gestreift, anstatt das Grundthema weiter anzugehen. Und insgesamt empfand ich die Kostümierung der SchauspielerInnen zu gediegen. Allein am Anfang: Alle schön abgestimmt in beigefarbenen Trenchcoats.

Die Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck sind insoweit sicherlich noch steigerungsfähig. Weg vom Gefälligen, wäre mein Geschmack. Andererseits wurde am Ende begeistert gejubelt. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber jeder ist – nach Ewald Palmetshofers Überlegung – letztlich verloren. Und was bleibt schon?

Der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters: HIER

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

THEATER: Spielart Festival

Ich mag die freie Theaterszene. Und schon wieder bietet München ein ganzes Festival, das SPIELART – Festival. Es läuft vom 25. Oktober bis zum 09. November 2019.Es gibt Veranstaltungen mit freiem Eintritt und Veranstaltungen mit Ticketverkauf. Das Programm findet sich HIER.

Ich werde über Einiges schreiben. Besonders freue ich mich auf die drei Projekte von Forced Entertainment, der interessanten britischen Performancetruppe. SPEAK BITTERNESS, 12 AM und zum Schluss AND ON THE THOUSANDTH NIGHT heißen die drei Projekte. Siehe den link zu „Forced Entertainment“ oben rechts über den link zu den Performancegruppen. Ihre Veranstaltungen sind sämtlich mit freiem Eintritt, als Geschenk an den scheidenden Gründer des SPIELART-Festivals Tilmann Broszat..

Thema des Fesivals: Künstler*innen leiten strukturelle Analysen aus persönlichen Erfahrungen ab und überführen sie in politische Kontexte.

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THEATER und MUSIK: Nirvanas Last

Da lehnt sich jemand auf gegen Vieles. Er will wütend sein. Vor allem gegen die Kommerzialisierung und gegen die Methoden in der Musikbranche. Wütend macht er seine Musik, fängt klein an. Grunge Musik, eine Mischung aus Funk und Heavy Metal. Dann wird seine Musik zum Welterfolg. 75 Millionen verkaufte Platten. Seine Wut kommerzialisiert sich weltweit! Vielleicht ist es das, was ihn dazu brachte, Selbstmord zu begehen. Selbstmord mit 27 Jahren! Curt Cobain von Nirvana!

Das letzte Konzert von Nirvana fand in München statt. Hierzu gibt es jetzt an den Münchner Kammerspielen den Abend „Nirvanas Last“. Nirvanas letztes Konzert fand am 01. März 1994 in München, am ehemaligen Flughafen München Riem, statt. Es wird an den Kammerspielen komplett – Wort für Wort und Lied für Lied – nachgespielt. Ein Musikabend. Es waren damals zwei Konzerte angesetzt, nur eines findet statt. Curt Cobain brach die Tournee ab und beging kurz danach Selbstmord.

Ich habe nach dem gestrigen Abend noch jemanden gesprochen, der eine Karte für das zweite Konzert hatte!

Idee und Regie: Damian Rebgetz. Schauspieler und Performer an den Münchner Kammerspielen, der immer wieder auch eigene Stücke erarbeitet.

Ich war nie Nirvanafan. Sie sind an mir vorbeigegangen. Ich habe sie nie verstanden, fast nie gehört. Und trotzdem: Ich habe den Eindruck, dass es der Abend schafft, Nirvana irgendwie aus dem riesigen Schatten, dem tiefen Dunkel der Kommerzialisierung herauszuholen und völlig anders zu präsentieren. Das Dunkel, das Nirvana verschluckt hat, das Nirvanas Wut kommerzialisiert und damit letzlich wertlos gemacht hat. Alle Lieder werden Deutsch gesungen. Sie werden nicht im Nirvanastil gesungen. Zu Beginn des Abends sagt Damian Rebgetz: „Wir sind nicht Nirvana, wir sind Schauspieler der Münchner Kammerspiele.“

Die Songs werden langsam, ruhig, textbetont gesungen – ja gesungen, nicht gebrüllt. Fast melancholisch. Dann auch wieder etwas wütend. Wunderbar etwa die Wut von Zeynep Bozbay. Das Programmheft bietet alle Songtexte. Die damals gegebene Zugabe wird mit Streichmusikern geboten, siehe das Beitragsbild oben.

Nirvana erhält durch die vier jungen Schauspieler Damian Rebgetz, Benjamin Radjaipour, Christian Löber, und Zeynep Bozbay an diesem Abend tatsächlich ein Gesicht. Wunderbar etwa Christian Löber als Gitarrist. Allein die oft hilflosen Gesichtsausdrücke aller vier sind immer wieder eine Wonne, sie haben erstaunlicherweise auch immer wieder versteckt etwas Ironisches in sich. Aber sie sind nicht im geringsten aufdringlich. Alle bringen unterschwellig auch immer wieder eine Art Weltschmerz zum Ausdruck.

Was soll ich sagen: Es bleibt für mich letztlich ein unverständliches Gesicht von Nirvana, aber es ist wohl ein neues Gesicht! Kombiniert übrigens mit mitschwingendem bayerischen Hintergrund. Nirvana so zu präsentieren: Eine gewagte Sache, die sehr rund geworden ist!

Hier noch eine Bild, kurz waren sie verkleidet:

Und es ist so treffend: Die Kommerzialisierung und die Münchner Kammerspiele! Es war die Münchner Stadtrats-CSU, die sich viel zu früh gegen die Intendanz von Matthias Lilienthal ausgesprochen hatte, weil ihr anfangs die Auslastung des Münchner Stadttheaters nicht gut genug schien! Was für eine Argumentation! Kommerzialisierung! Ist denn ein Bild Kunst dann, wenn viele Menschen vor ihm stehen bleiben? Wenn es sich kommerzialisiert?

HIER die Seite zum Stück „Nirvanas Last“ auf der Website der Münchner Kammerspiele mit den weiteren Terminen.

Copyright der Bilder: David Baltzer

THEATER: Antonio Latella – Die drei Musketiere

Es kann Kultstück in München werden. Die Münchner Kammerspiele haben ja seit einiger Zeit das 10 – Stunden – Kultstück „Dionysos Stadt“, am Residenztheater könnte es nun meines Erachtens – unter der neuen Intendanz von Andreas Beck – die Inszenierung „Die drei Musketiere“ werden.

Am Sonntag war Münchner Uraufführung von „Die drei Musketiere“, im Cuvilliéstheater. Die Inszenierung wurde vom Theater Basel übernommen, Andreas Beck wechselte ja vom Theater Basel nach München. Eine Inszenierung des italienischen Regisseurs Antonio Latella, nach dem weltbekannten Roman von Alexandre Dumas. Vier Schauspieler, eine leere Bühne, die Tiefe des Raumes, das Publikum, das reicht.

Die zweite Premiere unter der Intendanz von Andreas am Münchner Residenztheater war es. Die erste Premiere – „Die Verlorenen“ – war am vergangenen Samstag, ich schreibe in Kürze darüber.

Warum Kultstück?

  • Zum Einen: Es wird auf wunderbare Art und Weise so viel geboten, die Schauspieler – Michael Wächter, Max Rothbart (oder Elias Eilinghoff), Vincent Glander und Nicola Mastroberardino – verausgaben sich, man verlässt das Theater einfach gut gestimmt. Es geht nicht anders. Es ist kein schweres Stück, kein mit tiefgehendem Inhalt überladenes Stück. Man geht hin und wird – im Sinne der alten commedia dell‘ arte – köstlich unterhalten. Es geht nicht darum, die allen irgendwie grob bekannte Geschichte der drei Musketiere auf die Bühne zu bringen. Es sind auch nicht drei Musketiere, es sind vier. Vier Schauspieler auf der leeren Bühne.
  • Es gibt keine Dialoge zwischen den Schauspielern. Es entwickeln sich nicht Beziehungen untereinander, nicht Charaktere. Darum geht es nicht. Sie sprechen als Diener, sie sprechen als die Pferde der Musketiere. Mit Witz, Ironie und Verausgabung.
  • Das große Thema ist das hehre Wort „Einer für alle, alle für einen“. Ein völlig veralteter Spruch, könnte man sagen. Die Musketiere eben. Die Schauspieler agieren mal jeder für sich, mal alle zusammen. Ein ständiges Spiel mit der Gemeinschaft. Sie lösen sich voneinander, stehen nebeneinander, wechseln die Position, treten hervor, rennen hervor, kämpfen gegeneinander, singen zusammen, singen einzeln. Schon wie sie die Bühne betreten … und verlassen.
  • Passend zu München ist auch: Die Inszenierung hat bei alledem eine schöne ganz leichte Beimischung von Südländischem, Österreichischem, Schweizerischem und Italienischem.

Und bei alledem der thematische Grundgedanke: „Einer für alle, alle für einen“: Man schaut sich nicht Quatsch an. Der Grundgedanke ist doch aktuell, durch sein Verschwinden! Er trifft unsere Zeit, scheint nicht mehr zu gelten. Heute gibt es etwa überall sogenannte „Doppelspitzen“. „Einer“ allein kann nicht mehr „alle“ repräsentieren. Oder das Thema Europa: „Alle für einen?“ Für einen Gedanken? Heute nicht mehr. Individualismus, Nationalismus steht heute auf dem Programm. Im Programmheft spricht Antonio Latella diese Entwicklung der modernen Zeit an.

„Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas repräsentierten noch den Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir folgen einer Idee, wir stehen zueinander, wir setzen uns ein dafür“. Es war noch die Zeit, in der man sogar für Kleinigkeiten sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Vieles wird in dieser Inszenierung mit leichter Ironie angesprochen, spielerisch, aber mit dem Touch in die Gegenwart. Es werden aber nicht irgendwelche Lösungen präsentiert. Auch darum geht es nicht. Es geht um die Gemeinschaft, das Ausgrenzende, das Verbindende. Und es steigert sich zu einem furiosen Finale, die „Schlusssvorhänge“ – jedenfalls am Premierenabend, aber ich vermute, dass es immer so sein wird. Dafür spricht schon der Bezug zur lockeren commedia dell arte.

Durch die Leichtigkeit im Umgang mit dem großen Gedanken kann es Kult werden, das Stück. Man muss ja nicht immer alles bitterernst sehen.

HIER der link zur Seite des Stückes auf dem Portal des Residenztheaters

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: William Shakespeare – König Lear

Es läuft seit Kurzem an den Münchner Kammerspielen, man liest begeisterte Kommentare. Ist auch oft ausverkauft. Meins war es nicht! Der alte „König Lear“ von William Shakespeare, Textbearbeitung von Thomas Melle, Inszenierung von Stefan Pucher.

Premiere am 28.09.2019, ich werde es noch ein zweites Mal ansehen. Eine zweite Chance. Für mich war es bisher – kurz gesagt – eher eine modernisierte „König Lear Klamaukfassung“. Es mögen ernsthafte Überlegungen hinter der Textfassung von Thomas Melle stehen: Femininismus etwa. Für mich wurden sie zu wenig pointiert (das Programmheft erwähnt Einiges). Es geht aber nicht darum, alles ernst zu sehen, auf keinen Fall. Ich mag es einfach schlichter. Aber so sind unsere Zeiten: Alles schnell schnell, alles bunt dargestellt, viel Brimborium, bloß nicht schlicht.

Allerdings: Es liegt auch an der inhaltlich im Grunde schon fürchterlich aufgeladenen Story von William Shakespeares König Lear. Auch Thomas Melles inhaltliche Veränderungen helfen da wenig. Entschlackt hat er es inhaltlich kaum. Aber für mich ist es eben eher Klamauk, etwa die Shakespearefigur „Tom of Bedlar“, der Bettler, als der sich der verfolgte Edgar ausgibt. Bei Stefan Pucher schwebt er als „Major Tom“ aus dem Bühnenhimmel herab, mit E-Gitarre. Naja.

Für mich ist es generell fraglich, warum man sich König Lear überhaupt noch ansieht – die „Tragödie“ von William Shakespeare über den alten König Lear, der sich zurückziehen will. Es geht ja zurück auf eine uralte englische Sage über „King Leir“, einen britischen König aus der vorrömischen (!) Zeit.

Zum Inhalt der Tragödie: Es sind zwei Handlungsstränge.

Erster Handlungsstrang: König Lear will sich zurückziehen, das Land auf seine drei Töchter aufteilen. Die beiden älteren Töchter erfüllen den Wunsch des Königs nach Liebesbezeugung. Die Jüngste, Cordelia, verweigert sich – ich sage mal – herumzuschleimen. Sie bekommt nichts, die anderen beiden bekommen alles. Cordelia wird nach Frankreich verheiratet.

Dann gibt es den zweiten Handlungsstrang: Graf Gloucester – bei Thomas Melle Gräfin Gloucester, gespielt von Wiebke Puls. Sie hat den ehelichen Sohn Edgar und den unehelichen Sohn Edmund (ich merke es mir so, dass das „un“ im Namen Edmund für „un“ehelich steht). Edmund – bei Pucher gespielt von Thomas Hauser – will Edgar – bei Pucher gespielt von Christian Löber – ausbooten: Er verfasst einen Brief, angeblich von Edgar, wonach dieser seinen Vater – bei Pucher eben seine Mutter – entmündigen will, und Edmund veranlasst Edgar sogar, zu fliehen. Klare Sache, der ist doch schuldig.

Dann geht es aber erst los mit den Verstrickungen in der Shakespearefassung. Die Handlungsstränge verschlingen sich, Gloucester etwa verteidigt King Lear gegenüber den beiden älteren Töchtern. Und genau da frage ich mich: Warum schaue ich mir das an? Klar, das Thema des immer verworrener werdenden Vaters – bei Pucher gespielt von Thomas Schmauser – oder: Das Thema des Vaters, der nicht loslassen kann und über den sich die Nachkommen nur noch aufregen. Aber sonst? Feminismus wird, wie gesagt, zum Thema, lese ich im Programmheft, ich habe es kaum bemerkt.

Schauspielerisch:

Mal wieder eine „Ensemblearbeit“, wie es ja lange Zeit in München die große Schar der gediegeneren Münchner Theaterfreunde gefordert hatte, lange Zeit unterstützt vor allem von der Süddeutschen Zeitung. Schön fand ich daran Eines: Das Duo Samouil Stoyanov und Thomas Schmauser zusammen auf der Bühne. Beide zusammen strahlen einen herrlich verrückten Wahnsinn aus, siehe das Bild oben, gerade durch ihr gemeinsames Auftreten.

Samouil Stoyanov ist ein Kammerspiele-Hase. Von ihm kennt man es: Er kann – unter anderem – wunderbar Rollen spielen, die irgendwann im Verlaufe eines Stückes ausrasten. Dann wird er laut und deutlich! Etwa im Kirschgarten. Und Thomas Schmauser: Er ist ja wieder zurück an den Kammerspielen, war zwei Jahre lang am Residenztheater. Er ist zwar nicht im Alter eines alten König Lear, aber dennoch: Er spielt auch bei König Lear wieder einmal überzeugend! Da ist allerdings die Rolle schon sehr auf zunehmenden Wahnsinn angelegt. Beide zusammen jedenfalls, herrlich, das wäre es einmal: Ein Abend die beiden alleine in Becketts „Endspiel“!

Die Inszenierung:

Wie gesagt, sie war nicht Meins. Eine Drehbühne, ein zweistöckiges barackenähnliches Gebilde darauf, ein Neonschriftzug auf der Baracke („The End“), Videoeinspielungen aus dem Hintergrund. Genau das könnte man bei fast allen Inszenierungen von Frank Castorf sagen. Also nicht gerade irgendwie überraschend. Im Hintergrund etwas von Himmel oder Weltall. Allerdings: Ich mag im Grunde ja Videoeinspielungen ganz gerne, man erlebt die SchauspielerInnen dann so hautnah und intensiv.

Ich werde es noch einmal sehen, mal sehen, was mir noch auffällt.

Copyright Beitragsbild: Arno Declair