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THEATER: Sarah Kane – 4.48 Psychose

Es ist erstaunlich, dass das Stück 4.48 Psychose von Sara Kane doch immer wieder auf die Bühnen gebracht wird. Zuletzt etwa am Deutschen Theater Berlin in einer der typischen Inszenierungen von Ulrich Rasche (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theater Berlin und HIER ein Trailer).

Oder am Theater Dortmund in einer gänzlich anderen Inszenierung von Kay Voges, die allerdings schon ein paar Jahre her ist (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Theater Dortmund und HIER ein Trailer). Auch sie scheint typisch für Kay Voges. Oder – auch vor ein paar Jahren – in einer Inszenierung von Katie Mitchell am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Deutschen SchauSpielHaus Hamburg und HIER ein Trailer).

Jetzt bringt das Metropoltheater am nördlichen Rand Münchens – in Freimann – das Stück in einer Inszenierung von Jochen Schölch. Es ist eine Wiederaufnahme, Premiere des Stückes war dort im Oktober 2021. Weitere Ausführungstermine bis zum August sind mir allerdings nicht bekannt.

HIER der Link zur Stückeseite 4.48 Psychose auf der Website des Metropoltheater.

Es ist – wie gesagt – erstaunlich, dass dieses Stück immer wieder gebracht wird, da es doch letztlich schwer verständlich ist. Das Stück hat keinen Inhalt, es sind Worte, Texte, Gedanken von Sarah Kane, die sich wenige Monate nach Vollendung des Textes 4.48 Psychose das Leben nahm. Sie hatte den Text noch an den Verlag geschickt – zur Veröffentlichung nach ihrem Tode.

Autobiografische Worte, die Sarah Kane während kurzer klarer Momente in ihrer Depression (um 4 Uhr 48 jeweils) schreiben konnte. Niemand wird sie je ganz verstehen. Wir nennen es „Depression“, doch auch das ist schon eine hilflose Bezeichnung. Wir wissen nicht, was man fühlt und denkt und sieht in einer „Depression“. Wahrscheinlich sind Depressionen auch sehr unterschiedlich.

Sarah Kane wurde nur 28 Jahre alt. Hier ein Foto:

© Kathrin Ribbe

4:48 Uhr bedeutet dabei wohl kaum “Momente der Gesundheit“. Sie nannte es „Momente der Klarheit“. Und „Klarheit“ beschreibt sie so: „Um 4 Uhr 48, wenn die Verzweiflung mich überkommt …“. Es ist immer ein Entsetzen über die Welt dabei, das sie eben um 4 Uhr 48 für etwa eine Stunde wenigstens formulieren konnte. Es geht auch um einen gewissen Betrug, den die Welt immer wieder mit sich begeht. Das erkannte sie und verzweifelte wohl auch daran.

Depression heißt Zorn“.

Oder:

Meine Gedanken fliehen mit einem Mörderlächeln. Hinterlassen Angst und Verstimmung, die aufheulen in meiner Seele“.

Und so weiter, all das sind nur Bruchstücke ihrer Empfindungen. vielleicht ist es die Verzweiflung, sich selbst in der Wirklichkeit unserer Welt nicht wirklich finden zu können.

Sarah Kane hat keine Rollenverteilung für ihr Stück vorgenommen. Das ganze Stück kann von einer einzigen Person gespielt werden (SchauSpielHaus Hamburg), kann aber auch von vielen gespielt werden (Deutsches Theater Berlin). Hier im Metropoltheater sind es zwei Personen: Die Patientin und ein Arzt, Judith Toth und Thomas Meinhardt.

Sie spielen es auf der dunklen Bühne „hinter Glas“. Wohl, weil die Patientin Sarah Kane sich abgetrennt sieht von der Welt. Sie und die Welt. Ab und zu kommt der Arzt aus der “Welt“ hinein in ihren Kubus. Die Patientin Sarah Kern spiegelt sich durch das gelungene Bühnenbild – siehe oben – oftmals vielfach in den Glaswänden, berührt sie, bringt sie in Bewegung (es ist ja Plastik), will von “draußen“ etwas sehen. Auch die Stimme „verändert“ sich: Es werden Sequenzen Play-back gesprochen.

© Metropoltheater/Fotograf: Jean-Marc Turmes

Beide, Judith Toth und Thomas Meinhardt, spielen überzeugend. Vor allem bei Judith Toth – es ist ja im Grunde “ihr“ Stück – merkt man: Sie hat das, was sie spielt, verinnerlicht – soweit das geht. Jochen Schlöch sagte ja im anschließenden Publikumsgespräch: Wir wissen nicht, was eine Person im “depressiven“ Zustand denkt.

Sarah Kane hat versucht, es uns etwas näher zu bringen, etwas davon in unsere “Welt“ zu transportieren. Das macht das Stück interessant. Man sollte den Text danach in Ruhe lesen!

© des Beitragsbildes: Metropoltheater/Fotograf: Jean-Marc Turmes

THEATER: Aussicht

Es ist ein Foto einer Wand, mehr nicht. Ein Foto von zweimal „Aussicht“. Beides passt irgendwie zusammen. Einmal der staunende Blick in die Landschaft – eine Szene aus „Caspar Western Friedrich„, das schöne, fast wortlose Stück an den Kammerspielen aus 2016, das vielen Münchnern unverständlich blieb. Und einmal im Wort.

Wie geht es weiter? Die Frage stellt sich immer wieder. Momentan besonders. Auch im Hinblick auf das Theater fragt sich natürlich: Wie geht es weiter? Man wird es im Herbst sehen – etwa in München, an den Kammerspielen, dem Residenztheater, dem Volkstheater, dem Metropoltheater, dem HochX und und und. Wie wird sich Theater verändern? Wie wird sich der/die Zuschauer/in verändern? Kann es überhaupt weitergehen? Und Theater selbst ist ja „Aussicht“. Immer mit der Frage: Wohin schaut man als Theatermacher? Wie schaut man? Schaut man ernst? Fröhlich? Zuversichtlich? Besorgt? Mein Gott, es ist alles so vielschichtig! Aber es genügt ja schon, wenn an EINER Schicht gekratzt wird, mehr geht nicht. Aber wenigstens kratzen, das finde ich immer gut. Nicht nur belustigen. Die Kammerspiele etwa. Dort schaute man immer sehr offen in die Welt und war wahrscheinlich sogar selber immer wieder überrascht, wie es einen selbst verändert, offen und tolerant, mit Respekt vor allem, Ausschau zu halten, sich zu begegnen. Warum sollte man auch allzu viel festzurren und darauf beharren? So war, glaube ich, auch eine recht besondere Atmosphäre an den Kammerspielen entstanden in den vergangenen fünf Jahren. Ich hatte es ja selber gemerkt und sehr geschätzt. Samouil Stojanov, Mitglied des Ensembles der Kammerspiele in den vergangenen fünf Jahren, sagte kürzlich in einem Interview, „die Leute wären baff“, wenn man dort noch ein paar Jahre zusammengeblieben wäre. Ja, Aussichten haben eben immer viel Potential …

... hier höre ich auf mit diesem Text. Werde ihn aber immer wieder ergänzen. Ich wollte eigentlich nur das Foto bringen, es gefällt mir irgendwie.

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THEATER: Lot Vekemans – Schwester von

Ismene! Wie verhält man sich eigentlich, wenn um einen herum das totale Desaster der Zerstörung stattfindet? Es ist ja wie im heutigen Leben und wie es schon immer war: Der Mensch ist einfach nicht fähig, das globale Desaster zu verhindern. Wir steuern darauf zu. Als hätte es der Mensch in den Genen, er kann nur zerstörerische Lösungen entwickeln.

In der Antike gab es ähnliche Konstellationen: Ismene! Mit einem Unterschied zu heute: Damals hat man solche „Desasterkonstellationen“ einzelnen Helden oder Göttern zugeschrieben, nicht gleich allen Menschen, nicht der ganzen Menschheit. Aber über das Götterdenken und Heldendenken sind wir nun einmal hinweg.

Aber auch damals war bei alledem die Frage angebracht: Wie verhält man sich eigentlich, wenn um einen herum das totale Desaster der Zerstörung stattfindet?

Dazu das Stück „Schwester von“, das ich jetzt im Metropoltheater in München/Freimann gesehen habe. Ismene! Wie hat Ismene alles erlebt? Um sie herum fand dass totale Desaster statt:

  • Erste Stufe: Ismenes Vater, Ödipus, brachte unwissend seinen eigenen Vater um und heiratete seine eigene Mutter, Iokaste.
  • Nächste Stufe: Ödipus sticht sich daraufhin die Augen aus und Iokaste erhängt sich, als es Ödipus offenbart wurde.
  • Nächste Stufe: Die beiden Brüder von Ismene, Eteokles und Polyneikes, die Söhne des Ödipus, kämpfen um die Nachfolge der Herrschaft über Theben. Sie sterben beide.
  • Weitere Stufe: Ismenes Schwester, Antigone, erhängt sich, weil sie ihren Bruder Polyneikes beerdigt hat und dafür bestraft wird.
  • Und und und.

Das alles erzählt Ismene im Stück „Schwester von“ von Lot Vekemans. Lot Vekemans beschäftgt sich gerne mit einer einzigen antiken Figur. So läuft seit Jahren an den Münchner Kammerspielen eine Inszenierung ihres Textes „Judas“, inszeniert von Johan Simons. HIER der Link zur Stückeseite. Es läuft Mitte Januar 2020 wieder an den Kammerspielen.

Was macht Ismene? Sie wundert sich, freut sich, Beachtung zu finden und blickt zurück auf das, was geschah. Ismene trat immerhin tausende von Jahren im Grunde nicht in Erscheinung, hat aber alles mit angesehen.

Es ist eine Inszenierung von Domagoj Maslov. Gespielt wird nicht auf der Bühne des Monopoltheaters, sondern Ismenes Monolog wird in einem Eck des Cafés des Theaters gebracht. Ein Monolog. Meine Eindrücke dazu:

  • Ismenes Verhalten: Ismene erzählt in dieser Inszenierung alles so, als würde sie selber am Rande des Wahnsinns stehen. Jetzt, im Blick zurück. So wird sie von Sophie Rogall gespielt. Sicher eine Entscheidung der Regie. Gut: Ismene zeichnete sich trotzdem dadurch aus, dass sie immer gegenüber allen Übeln oder Morden oder gegenüber dem eigenen Tod als Lösung standhaft blieb. Auch Rache war nicht ihr Ding, hat sie immer abgelehnt. Sie stand auf Versöhnung. Insoweit schien mir Ismene etwas zu wahnsinnig in dieser Inszenierung. Etwas zu durchgängig wahnsinnig war mir Ismene. Ismene erzählte in dieser Inszenierung nichts zart oder sanft oder einfühlsam, nicht zweifelnd, sondern eben eher fast wahnsinnig. Aber gut, bei dem Desaster um sie herum!
  • Die Nähe: Man war Sophie Rogall als Ismene sehr nahe, wenige Meter von einem entfernt spielte sie – im Jugendstilambiente des Cafés des Metropoltheaters. Das ist besonders und verstärkt die Eindrücke. Und wird auch für Sophie Rogall nicht einfach gewesen sein. Aber genau das war ein schönes Erlebnis! Und man sah nicht Sophie Rogall, man sah Ismene, das machte Spaß und ist sicher etwas, was das Metropoltheater auszeichnet. Die Nähe, auch auf der großen Bühne wohl.
  • „Mensch und Tier„: Am Anfang und am Ende spricht Ismene von Hunden. Ist das – so war mein Eindruck – ein Gedanke des Stückes von Lot Vekemans? Hunde – Tiere insgesamt – haben nicht die menschliche Gefühlswelt. Essen, schlafen und satt sein, das genügt den Tieren. Aber genau das gilt für den Menschen eben nicht. Deswegen zerstört der Mensch alles, weil er immer nach etwas strebt, immer, und dieses Streben immer ins Desaster führt.

HIER der link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater