Kategorien
Allgemein

MUSIK: Keith Jarrett – The Köln Concert

In meiner Musikauswahl muss natürlich auch einmal „The Köln Concert“ von Keith Jarrett erscheinen! Wer kennt die Aufnahme nicht, vor allem den ersten Teil. Hier ist die Originalversion, damals als LP bekannt. Die Aufnahme war lange Zeit auf YouTube nicht zu finden, jetzt habe ich sie gefunden!

Erst zu Keith Jarrett (1.), dann unten noch zu Trajal Harrell (2.):

1. Zu Keith Jarrett:

So sah er damals aus (Kölner Konzert und Foto sind von 1975):

Photographer uncredited and unknown.

Wikipedia schreibt allgemein zu Keith Jarretts Köln Concert:

Keith Jarrett … hat vor allem durch seine frühen Solo-Konzerte maßgeblich die Vorstellung vieler Menschen von zeitgenössischer Improvisation beeinflusst. … Die Platte mit ihrem markanten weißen Cover war in vielen Haushalten zu sehen und „zierte die Plattenschränke jener Zeit wie die Poster von Che Guevara in Studentenbuden ein Jahrzehnt zuvor.“ [2] Sie ist nach wie vor Jarretts bekannteste Plattenaufnahme.

Und die schöne Geschichte zu den schwierigen Umständen des Kölner Konzerts am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper:

Die Einspielung des Köln Concert fand unter extrem widrigen Umständen statt. Der Musiker hatte die Nacht zuvor fast nicht geschlafen, da er seit dem frühen Morgen mit seinem Produzenten Manfred Eicher im klapprigen R4 von einem Konzert in der Schweiz angereist war. Der eigentlich ausgesuchte Bösendorfer-290-Imperial-Konzertflügel war verwechselt worden, es stand ein Bösendorfer-Stutzflügel bereit, der nur für die Probenarbeit verwendet wurde, verstimmt war und bei dem die Pedale und einige Tasten klemmten. Sein Essen vor dem Konzert kam erst eine Viertelstunde vor der Rückkehr ins Opernhaus. 

Nur auf ausdrückliche Bitten der lokalen achtzehnjährigen Veranstalterin Vera Brandes war Jarrett bereit, doch aufzutreten.[4][5] Brandes konnte zwar in letzter Minute einen hochwertigen Flügel einer benachbarten Musikschule akquirieren, dieser hätte jedoch durch den notwendigen Transport bei niedrigen Temperaturen im Regen über den Neumarkt arg gelitten, so dass letztlich doch der Stutzflügel zum Einsatz kam.[6] Das Team hatte die Live-Aufnahme bereits streichen wollen, als sich die Tontechniker darauf einigten, das mit rund 1400 Zuhörern ausverkaufte Kölner Konzert schließlich doch für interne Zwecke mitzuschneiden: Keith Jarrett passte das musikalische Geschehen dem Instrument an und beschränkte sich weitgehend auf die mittleren und tiefen Tonlagen, wobei er wiederholende Muster bevorzugte.

HIER erzählt Keith Jarrett Jahre später über die Schwierigkeiten in Köln.

Zu Improvisationen und Solokonzerten sagt er:

„Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann.“


2. Zu Trajal Harrell:

Manche kenne ihn aus Münchner Zeiten in den Kammerspielen in der Zeit von Matthias Lilienthal. Er macht sehr schöne Tanzproduktionen mit Musik. Immer wieder liest man positiv über seine Produktion „The Köln Concert“, die schon 2020 Uraufführung hatte. Es ist eine Produktion, die am Schauspielhaus Zürich entstand. HIER der Link. Und HIER die schöne Besprechung der Produktion auf nachtkritik.de. Er hat mit dieser Produktion heute noch Gastspielaufführungen, zuletzt am 02.08.2023 auf dem „Vienna International Dance Festival“ „ImpulsTanz“.

Trajal Harrell ist Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich und leitet eine Tanzkompanie, das „Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble“. Mit diesem hat er auch The Köln Concert produziert. Er mischt ja immer Tanz mit dem Posing von Models.

Hier noch ein Video zu dieser Produktion, beginnend mit Gesang von Joni Mitchell, die Trajal Harrell für diese Produktion auch einsetzt.

Kategorien
Allgemein

LITERATUR: Nicholas Mathieu – Leurs enfants après eux (Wie später ihre Kinder)

Ich empfehle gerne Bücher und hier habe ich wieder eines, das ich wirklich empfehlen kann. Ein großartig geschriebener französischer Roman über das Leben mehrerer Jugendlicher, damit aber natürlich „am Rande“ auch über das Leben ihrer Eltern etc. Der Roman hatte 2018 in Frankreich den Prix Goncourt gewonnen, die höchste Literaturauszeichnung in Frankreich. Eine Freundin hatte mir das Buch empfohlen.

Der Roman betrifft zwar genau genommen das Leben der Personen in Frankreich, wo arm und reich sicher deutlicher zusammentreffen als in Deutschland. Aber im Grunde gilt er auch für Deutschland, denke ich.

Im Klappentext des Buches heißt es:

Ein Ort in der Provinz, im Osten Frankreichs. Stillgelegte Industrie. Unerträgliche Hitze. Eine Gruppe Jugendliche, ohne viel zu tun, die ihre Sexualität entdecken, Bier trinken, Moped fahren oder dealen. Langeweile. Konflikte mit und zwischen den Eltern. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nicolas Mathieu schreibt über die am Rande Liegengelassenen. Über vier Sommer begleitet „Wie später ihre Kinder“ Anthony, Hacine und ihre Freunde beim Erwachsenwerden in einer Welt der Reihenhaussiedlungen und Durchschnittsstädte – einer Welt, in der ihnen nichts geschenkt wird und an der sie dennoch hängen. Ein Gesellschaftsroman über das vergessene Frankreich der 1990er.

Das beschreibt es gut. Ich habe das Buch sogar auf Französisch gelesen. Ich hatte als Student ein Jahr in Lausanne/französische Schweiz gelebt und dort Französisch gelernt. Manchmal – nicht oft – lese ich heute noch Bücher auf Französisch. Klar, ich muss viele Wörter nachblättern, aber dank http://www.leo.org funktioniert es unkompliziert, das IPad liegt beim Lesen immer auf dem Schoß! So auch hier, aber es hat sich gelohnt!

Das Schöne an dem Buch ist: Es werden – in vier Teilen des Romans, betreffend die Jahre 1992, 1994, 1996 und 1998 – wunderbar real, authentisch, einfach, mit schöner Sprache, immer wieder mit ganz banalen Dialogen, die Personen und die Situationen geschildert, die für sich gesehen jeweils nicht aussagekräftig sein mögen – die aber durch das Gesamtgeschehen und für die Entwicklung der Personen allesamt ihre Bedeutung haben. Ein Motorrad wird geklaut, das ist ein wenig der Beginn. Der Roman taucht tief ein in das Leben der jungen Protagonisten und ihrer Familien. Es ist eine Leistung, alles so authentisch schildern zu können! Ich war – trotz der „Banalitäten“ der Ereignisse – immer weiter gespannt darauf, wer sich wie weiter entwickelt, bis zur letzten Seite.

Die schönen klaren Schilderungen werden dann wiederum immer wieder durchzogen von Passagen, in denen einfach über das Feeling der betreffenden Personen geschrieben wird oder auch allgemein Ausführungen zur ihren Lebenssituation, zu ihren Problemen, zur gesellschaftlichen Situation der „abgehängten“ Familien (in Frankreich) gemacht werden. Man weiß manchmal gar nicht, ob es Schilderungen und Eindrücke aus den Augen des Autors sind oder direkt aus den Augen der betreffenden Personen. Und wie gesagt: Warum soll es in Deutschland den jungen Leuten anders gehen? Dass meist rein französische Themen den Rahmen bilden, klar, der französische Nationalfeiertag, die französische „Equipe“ im Finale der WM, aber es spielt letztlich keine Rolle.

Man liest nur positive Rezensionen zu diesem Buch! Etwa wie in der „Neuen Züricher Zeitung“, der NZZ vom 31.12.2019:

„… ein Roman, der auch als „hyperrealistische Erzählung“ oder Parabel in der Tradition Albert Camus‘ gelesen werden kann … grandios.“

Es ist eine schöne und lehrreiche Urlaubslektüre, ich wollte das Buch kaum mehr weglegen.


Kategorien
Allgemein

MUSIK: Sinead O‘Connor ist gestorben

Sie war eine so besondere und auch so hübsche Frau! Sie legte sich eigentlich immer quer, war alles andere als angepasst. Und sie hatte ein so verdammt schweres Leben! Siehe kurz dazu unten! Zuletzt, vor etwas mehr als einem Jahr, hatte sich etwa ihr Sohn Shane umgebracht! Heute gab ihre Familie bekannt: Sinead O‘Connor ist – im Alter von nur 56 Jahren – gestorben.

Ihr Welterfolg war „Nothing Compares 2U“. Ich hatte den – von Prince geschriebenen – Song hier bereits gebracht. Hier ist er nun noch einmal in einer tollen Liveversion aus ihren jüngeren Jahren. Allein, dass sie dort barfuß singt! Es muss auf einem Konzert in Chile gewesen sein, von dem ich schon einen Song von Peter Gabriel gebracht hatte, „Biko“. Wenn ich eine Frau (geworden) wäre, wäre ich gerne sie gewesen, in diesem Moment, mit diesem Song, auf diesem Konzert, so wie sie es bringt. Hier Sinead O‘Connor:

2021 zog sich die weltbekannte irische Sängerin aus dem Musikgeschäft zurück. Den Schritt begründete sie damals damit, sie sei älter und müder geworden. Im selben Jahr erschienen ihre Memoiren, „Rememberings“. In ihnen erzählt sie unter anderem von Misshandlungen in ihrer Kindheit. Im Januar 2022 starb dann einer von Sinead O’Connors drei Söhnen, Shane – mit 17 Jahren. Laut der Sängerin beging er Selbstmord. Vielleicht hat sie das nicht überwunden! Sie sagte über ihn: Er war die Liebe meines Lebens, das Licht meiner Seele. Wir waren eine Seele in zwei Hälften. Er war der einzige Mensch, der mich jemals bedingungslos geliebt hat.“

..“……………..“……“….“……………………………………………………………………“……………..“……“….“………………………..“……………..“……“….“…………………………………………………………..“……………..“……“….“…………………………………………………………………………………………….x…..“……………..“……“….“……………………………………………………………………….

Kategorien
Allgemein

SONSTIGES: Haus der Kunst – ECHOES

Das Haus der Kunst in München geht ja seit einiger Zeit unter der Leitung des künstlerischen Direktors Andrea Lissoni interessante Wege. Es ist längst nicht mehr nur Ausstellungsfläche für bildende Kunst, es geht hin zu einem „Kunstzentrum“, wie es heißt. Musik spielt dabei eine große Rolle. Oder sagen wir besser: Sounds, Töne, Grenzbereiche der Musik.

So hatte ich schon mehrfach über die Veranstaltungsreihe TUNE im Haus der Kunst geschrieben. HIER etwa. In so genannten „Sound Residencies“ erkunden hier Künstler die Grenzen von Musik, die Einflüsse und die Wirkungen von Tönen. Teilweise sind es – schwer zu erkennen – „akustische Antworten auf die Ausstellungen im Haus der Kunst“, wie es auch heißt. Die Reihe geht bereits ins dritte Jahr, der nächste Termin ist am 6. Oktober. HIER der Link zur Veranstaltungsseite TUNE.

Und jetzt: Zum zweiten Mal gibt es an diesem Wochenende die Performancereihe ECHOES. HIER der Link zur Veranstaltungsseite von ECHOES auf der Website des Hauses der Kunst. Es begann gestern abend, Freitag, 21. Juli, und setzt sich fort mit Veranstaltungen heute und morgen, Samstag/Sonntag, 22. und 23. Juli. Bei ECHOES spielt die Stimme eine entscheidende Rolle, bei TUNE der Sound. Hier das verbleibende Programm von ECHOES:

Beide Reihen entwickeln sich zu einem Treffen von vor allem jungen Menschen. Was mir auffällt: Es geht hier auf keinen Fall um „Musikgeschmack“. Man geht danach nicht raus und sagt sich: „Die Musik hat mir gefallen“ oder „Die Musik hat mir nicht gefallen.“ Die Kategorien „Gefallen“ oder „Geschmack“ spielen hier ansich keine Rolle. Es kann bei diesen Veranstaltungen kaum geteilte Meinungen geben, das prägt die Atmosphäre, man hat eben etwas erlebt, fertig. Insoweit ist es unweigerlich eine Art Gemeinschaftserlebnis, wobei es jeder natürlich anders erlebt. (Ist ja selten heute, man grenzt sich ja ständig vom Anderen ab. Der Andere hat immer unrecht und so.)

Man wird also bei ECHOES einfach auf lockere Art und Weise (im großen Westflügel des Hauses der Kunst) eine Erfahrung sammeln. Eine Erfahrung aus dem Grenzbereich von Musik und Tönen und Stimmen. Musik ist ja im Grunde immer von Grenzen gefangen, Stil, Rhythmus, Text, etc. Umso mehr ist es wert, all diese Grenzen einmal abzulegen, in gewisser Weise zu sprengen.

Gestern waren es zwei Veranstaltungen:

  • Zum Einen die Auseinandersetzung mit Housemusik der späten 80er/frühen 90er Jahre, eine Performance von Luis Garay, Slim Soledad und Nicolas Brummer.
  • Zum Anderen ein Konzert von Lyra Pramuk, in dem sie ihre eigene Stimme (ohne Text) meist mit synthetischen Klängen so verbindet, dass beides weitgehend verschmilzt.

Hier ein Foto des künstlerischen Direktors Andrea Lissoni:

Copyright: Maximilian Geuter

Nachtrag: Hier eine Impression von Samstag Abend, DEBIT:

DEBIT’s neues Album The Long Count kann auf SoundCloud gehört werden. HIER.

Hier außerdem eine Impression von Sonntag, Kiani del Valle und Hamill Industries:

Kategorien
Allgemein

THEATER: Alles Katastrophe- Bühnen von Martin Zehetgruber

Auf der letzten Seite des Bandes heißt es: „Seit 40 Jahren prägen die vielfach ausgezeichneten Bühnenwelten des Österreichers Martin Zehetgruber die europäische Theaterszene. Das Buch zeichnet seinen Werdegang nach und versammelt Stimmen von künstlerischen Wegbegleitern aus den verschiedenen Gewerken.“

Beim Verlag „Theater der Zeit“ ist ein Buch erschienen, das Theaterfreunde interessieren wird: „Alles Katastrophe Bühnen – Martin Zehetgruber“, 271 Seiten. Herausgeberin ist Judith Gerstenberg, Dramaturgin mit langjähriger Zusammenarbeit mit Martin Zehetgruber. Viel aus dem Archiv von Martin Zehetgruber. Mit diesem Band lernt man – gerade durch die Texte – viel über mögliche Wirkungen von Bühnenbildern.

Auch auf der diesjährigen Ruhrtriennale ist Martin Zehetbauer wieder dabei. Die Ruhrtriennale 2023! Sie findet vom 10. August bis zum 23. September statt. HIER der Link zur Website. Martin Zehetgruber wird das Bühnenbild für die Inszenierung von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gestalten. Es ist eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, an dem Martin Zehetgruber fest arbeitet. Dortiger Intendant ist ja sein alter Freund und erster Weggefährte Martin Kusej. Die Inszenierung „Ein Sommernachtstraum“ ist in der kommenden Spielzeit am Burgtheater Wien zu sehen.

Regie zur Inszenierung von „Ein Sommernachtstraum“ führt übrigens Barbara Frey, die auch sehr viel mit Martin Zehetgruber zusammengearbeitet hat und derzeit die künstlerische Leiterin der Ruhrtriennale (HIER) ist. Sie hat auch in dem Buch, das ich hier vorstelle, geschrieben.

Und: Auch Judith Gerstenberg ist auf der Ruhrtriennale vertreten: Sie ist die Dramaturgin des Stückes „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Fjodor Dostojewski mit Nina Hoss. HIER der Link.

Zum Buch „Katastrophe“ zunächst:

Mir selber sind aus diesem umfangreichen Bildband leider nur zwei Inszenierungen mit Bühnenbildern von Martin Zehetgruber bekannt: „Der Weibsteufel“ von Karl Schönherr, hier Fotos aus dem Bildband:

Dieses Bühnenbild ist für Nicholas Ofczarek das „wahrscheinlich beste Bühnenbild, in dem ich je gespielt habe“.

Und die Inszenierung „Automatenbuffet“, bekannt auch durch das Berliner Theatertreffen:

Die Bühnenbilder von Martin Zehetgruber haben in der Regel besondere Auswirkungen auf die SchauspielerInnen (auf sie oft geradezu Auswirkungen körperlicher Art, liest man) und auf die ZuschauerInnen. Kostümbildnerin Heide Kastler sagt:

„Ihn (Martin Zehetgruber) interessiert das Abgründe im Menschen. Er trifft mit seiner Raumsetzung immer den Kern der Geschichte, der visuell für die Zuschauer erfahrbar wird. Er überhöht, übertreibt und reduziert gleichzeitig. Ich denke zum Beispiel an „Weibsteufel“. … Die Baumstämme (siehe oben): „Resultat einer Katastrophe“ … „Damit hatte er das Herz des Stücks freigelegt.“

Es sind überhaupt meist düster gehalten Bühnenbilder. Entsprechend vielleicht seiner Kindheit, seiner Jugend, der Familie. Der frühe Verlust des Vaters, der soziale Absturz …

Wasser ist außerdem ein zentrales Element seiner Bühnenbilder. Auch das wohl vergangenheitsbedingt. Die zerstörerische Kraft von Wasser. Das Eindringen in den Raum und in den Menschen. Die Körperlichkeit von Kälte, Wärme, Nässe, Schwierigkeit…

Mit Martin Kusej verbinden ihn die Aktivitäten und Zusammenarbeiten in den jungen Anfangsjahren, aber auch später. Sie haben teils mit unglaublichem Aufwand viel experimentiert, einiges ist zeitlich mittlerweile vielleicht nicht mehr so zu sehen. An 70 der insgesamt über 110 Inszenierungen von Martin Kusej war Martin Zehetgruber als Bühnenbildner beteiligt.

Man muss wahrscheinlich wochenlang in diesem Buch blättern … lesen … sich die einzelnen Bühnenbilder ansehen. Auch wenn die Fotoaufnahmen nicht immer bester Qualität sind. Es ist komplex. Schade nur, dass man doch die allermeisten Bühnenbilder nicht gesehen hat. Aber man bekommt so zumindest einen besonderen Blick für das Bühnenbild!

HIER der Link zur Website des Verlags „Theater der Zeit“.

Copyright der obigen Bilder: Burgtheater/Georg Soulek („Weibsteufel“) und Archiv Martin Zehetgruber („Automatenbüffet“)

Kategorien
Allgemein

THEATER: Duncan Macmillan – All das Schöne

Man kann sich – und wird sich vielleicht irgendwann einmal – sagen, das Leben ist nicht lebenswert. Ganz grundsätzlich oder wegen irgendwelcher Einzelheiten. Leider kommt es immer wieder zu Selbstmordversuchen, man sieht sich am Ende angekommen. Der britische Autor Duncan Macmillan hatte 2013 ein Stück geschrieben über die zwei Selbstmordversuche seiner Mutter (ich denke einmal, es war seine eigene Mutter). „All das Schöne“. Es ist derzeit wieder im Metropoltheater zu sehen, eine Wiederaufnahme. Eine „Komödie“!

Und zwar: Nach dem ersten Selbstmordversuch der Mutter beginnt der Sohn (damals sieben Jahre alt) eine Liste zu schreiben, eine Liste über all die schönen Dinge, für die es sich doch lohne, zu leben. Weil sie, die Mutter, offenbar nichts findet, wofür es sich zu leben lohne. Für den Siebenjährigen steht an Stelle 1 der Liste „Eiscreme“. Er schreibt die Liste im Laufe der Jahre immer weiter. Mehr als 1 Million Dinge benennt er. Das „Schöne“ ändert sich natürlich, wird auch „erwachsener“, es bleiben aber immer humorvolle kleine Dinge, nicht allzu tief schürfende philosophische Überlegungen.

Es ist ein Ein-Mann-Stück – nicht nur am Metropoltheater. HIER etwa ein Trailer der früheren Aufführung am Staatsschauspiel Dresden. HIER vom Theater Göttingen. Oder HIER das Theater Erlangen. Schön und einfühlsam, sympathisch, humorvoll, melancholisch, engagiert und mit Gefühl jetzt jedenfalls gespielt von Philipp Moschitz.

Es ist eine Inszenierung mit großer Publikumsbeteiligung. Denn der Vater des Jungen wird – für eine kleine Beteiligung am Stück – aus dem Publikum gesucht. Der Freund des Jungen wird ebenfalls aus dem Publikum gesucht. Auch eine Tierärztin wird herausgesucht, eine Lehrerin. Und beinahe jeder im Publikum wird im Laufe des Abends eine der vielen „schönen“ Dinge benennen.

Mitten in Freimann liegt es ja wie ein Ufo, das Metropoltheater, in einer Wohngegend im Norden Münchens. Ein äußerst angenehmes Ufo: Man bemerkt schnell das große Engagement aller Beteiligten, deren Freude, Gemeinschaftsgefühl, man merkt eine besondere Nähe zum Publikum. Das Theater hat eine schöne, nicht zu große Bühne, es hat ein schönes kleines Café, drinnen und draußen, schon architektonisch ist es angenehm auffallend.

Das Stück „All das Schöne“ wird im Café gespielt! Typisch für die Stücke des Metropoltheaters: Es sind Stücke mit deutlichen Aussagen! So ist es auch bei „All das Schöne“. Der Junge fertigt also eine Liste mit all den schönen Dingen im und am Leben. „Mein Ziel war, die Tausend zu schaffen. Und ich durfte nicht mogeln, was hieß: a. Keine Wiederholung. b. Die Sachen mussten wirklich großartig sein. c. Nicht zu viele materielle Dinge.“

Dann liegt die Liste für ein paar Jahre vergessen in einem Karton, später zwischen Buchseiten. Immer wieder fällt sie ihm in die Hände und immer fügt er weitere Dinge hinzu. So wird die Liste auch ein Dokument seines eigenen Lebens. Als er ein Studium beginnt und sich zum ersten Mal verliebt, fügt er hinzu: „517. Mit jemandem so vertraut sein, dass man ihn nachgucken lässt, ob man Petersilien-Reste zwischen den Zähnen hat“. Die Liste wird länger und länger. Bis zur Million.

Der Brite Duncan Macmillan hat damit einen lebensbejahenden Monolog – veranlasst durch das Thema Depression – geschrieben, unsentimental, komisch. Die Liste von „All das Schöne“ wird getragen von allen möglichen im Grunde immer banalen kleinen Dingen, die man in seinem Leben alltäglich erlebt, bzw. an sich vorbei rauschen lässt. All diese Dinge werden als „das Schöne“ dargestellt, man muss sie nur sehen, betrachten und beachten. All diese banalen Dinge werden kaum depressiven Menschen helfen, sie helfen eher denjenigen, die noch nicht depressiv sind. Denn es heißt im Grunde: Augen auf und die banalen Dinge schön finden! Mehr geht nicht.

So verlässt man das Theater sicher mit einem breiten Schmunzeln, mit unzählig vielen Banalitäten im Kopf und mit dem Blick auf all das Schöne dieser Banalitäten. Ja, die oft banalen Kleinigkeiten. Kleine Kleinigkeiten ! Sie machen das Leben aus! Nicht irgendeine hochtrabende Idee, wie das Leben schön werden könnte! Das ist allzu oft nur mit Eitelkeit gemischt. Darum geht es, in diesem hilfreichen Stück mit Ausrufezeichen!

Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater München/Fotograf: Jean-Marc Turmes

Kategorien
Allgemein

THEATER: Anton Tschechow- Die Vaterlosen

Es ist ein Theaterabend mit vielen vielen Eindrücken. Ein Eindruck etwa: Er hat es geschafft! Joachim Meyerhoff. Zurecht! Er spielt wunderbar, reibt sich auf als Dorfschullehrer Platonow – in Anton Tschechows „Die Vaterlosen“. Vor vielen Jahren war er Schüler der Otto-Falckenberg-Schule gewesen, der Schauspielschule der Münchner Kammerspiele.

Die damaligen Jahre hatte er bekanntlich köstlich beschrieben in seinem Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Was muss das für ein Gefühl sein, er verbeugte sich nun – gestern zum ersten Mal (abgesehen von einer frühen Statistenrolle) – auf den Brettern der Bühne der Münchner Kammerspiele – am Ende einer Premiere vor dem Münchner Publikum! Und das nach einem so intensiven Theaterabend von mehr als drei Stunden – Premiere von Anton Tschechows „Die Vaterlosen“ – Claus Peymann saß im Publikum.

Es sind ohnehin Tage der „Rückkehr“: Sophie Rois etwa ist gerade an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg -Platz in Berlin zurückgekehrt. (HIER ein Beitrag aus der SZ, HIER eine Besprechung des aktuellen Stückes). Auch ihn, Joachim Meyerhoff, kennt man gut, er ist ein mittlerweile höchst erfolgreicher Schauspieler, derzeit im Ensemble der Schaubühne, Berlin. Dort auch übrigens derzeit in der Arbeit an einem weiteren Stück von Anton Tschechow, „Die Möwe“ (HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Schaubühne).

Ein weiterer Eindruck: Es ist endlich wieder einmal ein Theaterabend „des Theaters wegen“, nicht „der Politik wegen“! Und schon wird man in seinen Gedanken freier, mutiger, nicht getrieben von den „engen“ Themen der politischen Gegenwart oder der Vergangenheit. Überspitzt könnte man ohnehin sagen: Es ist ja die Politik, die im Grunde immer schon alles kaputt macht, die uns blind macht, das Theater dagegen versucht zu retten, denn Theater „macht“ nicht, Theater „zeigt“. Zeigt Freiräume, Gedanken, Zustände …, öffnet die Augen! Gleich stellte man sich auch hier bei Tschechow Fragen etwa wie: Gilt das, was Anton Tschechow da zeigte, heute noch? Dazu weiter unten.

Ein dritter Eindruck: Die Inszenierung. Es ist die erste Arbeit von Jutta Steckel an den Münchner Kammerspielen. Sie ist derzeit Hausregisseurin am Hamburger Thalia Theater. Aus dem so großen Text von Anton Tschechow – fast 200 Seiten – hat sie einen dreistündigen Abend gemacht. In gewisser Weise dreigeteilt: In der ersten Stunde spielt sich alles vor der schwarzen Bühnenwand, dem Eisernen Vorhang, ab (auch im Zuschauerraum). In der zweiten Stunde spielt sich alles auf der tiefen dunklen Bühne ab, auf der Hochzeitsfeier des jungen Paares und in einem „Wald“ aus über 1000 Fiberglasstangen. In der dritten Stunde hat sich der Wald zurückgezogen. Jeder der drei Teile hat einen sehr eigenen Charakter. Gespielt wird von durchgehend wirklich sehr überzeugenden SchauspielerInnen, besonders überzeugend von Joachim Meyerhoff, der sich wie gesagt als zunehmend in Verwirrung geratender Platonow wahrlich verausgabt. Aber auch von Katharina Bach, Wiebke Puls, Thomas Schmauser … im Grunde spielen alle schlicht überzeugend. Ein schöner Schauspielabend!

Ein vierter Eindruck: Beeindruckend ist das Bühnenbild, wenn auch mit den Stangen im Laufe des Abends auf verschiedenste Arten etwas sehr viele besondere Effekte herbeiproduziert werden. Einem ökologisch denkenden Menschen dürfte außerdem der Wald von über 1000 Fiberglasstangen nicht unbedingt gefallen haben!

Ein fünfter Eindruck: Die Inszenierung schafft eine Verbindung zum Heute „nebenbei“ angenehm dadurch, dass an manchen Stellen des Stückes kurze weitgehend vielleicht improvisierte Gespräche, sogenannte „Dad Men Talkings“, über das Thema „Väter“, „Generationen“ und anderes stattfinden. Der Dramaturg Carl Hegemann unterhält sich darüber in kleinen Gesprächen auf der Bühne in jeder der noch kommenden Aufführungen mit einem anderen Überraschungsgast.

Ein sechster Eindruck: Das Stück selbst. Man verfolgt – neben dem Aspekt der „Vaterlosigkeit“ – die von allen Seiten hilflosen Versuche, Liebe zu zeigen, sie zustande zu bringen, sie abzuwehren, und und und. Es herrscht überall Orientierungslosigkeit. Fast ein weiteres Thema ist etwa auch das Verhältnis der älteren Generation hin zur jungen Generation. Anton Tschechow wollte mit dem Titel des Stückes allerdings wohl den Schwerpunkt besonders auf die „Vaterlosigkeit“ legen.

Das lässt sich erklären, es ist aber auch fraglich, da es im Stück mindestens genauso gut um die anderen genannten Themen geht. Anton Tschechow selbst war damals, als er hier sein erstes Werk schrieb, gerade „vaterlos“. Sein Vater hatte auf der „Flucht“ vor seinen Gläubigern die Stadt verlassen und den Sohn Anton wegen dessen Schulabschluss alleine zurückgelassen. Und Tschechow war damals gerade verliebt. Das große Panoptikum der verschiedenen Reaktionen und Meinungen in diesem Stück zu all diesen Themen gibt genug Anlass, die vielen Probleme zu erkennen.

Ein siebter Eindruck: Zeitgemäß? Daran werden sich die Geister scheiden! Das ist auch die Schwierigkeit des trotzdem so gelungenen Abends: Man könnte sich durchaus immer wieder sagen: „So, wie es von Anton Tschechow spitzfindig dargestellt ist, findet es heute alles nicht mehr statt!“ Stimmt sicherlich an vielen Stellen, trotzdem: Besonders die Fragen zum Verhältnis der Generationen zueinander bleiben: Was übernehmen wir von unseren Vätern? Wollen wir etwas übernehmen? Sind wir orientierungslos ohne sie? Was haben wir übernommen? Wollen oder sollen wir lieber „die Nabelschnur durchtrennen“? Übernehmen wir zu wenig von den Vätern? Wollen Väter immer alles weitergeben? Halten Väter nicht immer das, was sie gelebt haben, für richtig? Und und und. Der Umgang mit Liebesgefühlen – dem weiteren „Thema“ – ist dagegen heute wohl ziemlich anders!

Alles wird dabei getragen von wunderbaren SchauspielerInnen. Ist es die Figur des immer distanzierten, sarkastischen, immer verrückter werdenden Platonow, in der die meisten persönlichen Elemente von Anton Tschechow selbst enthalten sind? Auch er, Platonow (großartig: Joachim Meyerhoff), ist im Stück „vaterlos“. Die junge Generalswitwe Anna Petrowna Wojnizewa (wie immer souverän Wiebke Puls) ist zumindest „ehemannlos“, ihr Gut soll versteigert werden. „Vaterlos“ ist auch der Sohn des verstorbenen („Generalswitwe“) Generals, Sergej Pawlowitsch Wojnizew (Bernardo Arias Porras). Nicht vaterlos ist dagegen Sascha (Edith Saldanha), die Frau von Platonow, ihr Vater ist Oberst Triletzki (amüsant überspitzt Walter Hess). Der junge Arzt Triletzki (Martin Weigel) ist der Bruder von Sascha. Auch er hat also noch seinen Vater. Dabei sind außerdem noch der neureiche Glagoljew (wieder gut Edmund Telgenkämper), Sofia, die Frau von Wojnizew (wieder sehr gut Katharina Bach), der Pferdedieb Ossip (wieder sehr skurril Thomas Schmauser) und weitere.

Platonow sagt einmal: „Was ist nur aus uns geworden? Lausige Kreaturen, die von einer Ecke zur anderen kriechen, ziellos, ratlos.“ Auch ein Gedanke, den man mit sich trägt nach diesem doch auch langen, aber am Ende hoch überzeugenden Abend.

Ein letzter, achter Eindruck: Es ist grenzwertig „viel drin“ in dieser Inszenierung! Schauspielerisch hoch engagiert, dazu der Dad Men Talk, dann Livemusik, dann noch ein kleiner genereller Monolog mit aktuellen Bezügen (Text von Katja Brunner), schließlich die Themen, die vielfältigen Handlungen der Personen, das Bühnenbild, sich drehende Bühnenscheibe … sehr sehr viel, trotzdem!

Hier noch ein Bild:

Copyright der Fotos: Armin Smailovic

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Kategorien
Allgemein

THEATER: „Starke Stücke“ online – Ein Sommernachtstraum

Einfach großartig! Es ist ein wahres Theaterfest! Schauspielerisch grandiose Leistungen durchgehend von Anfang bis zum Ende der zweieinhalbstündigen Inszenierung – von allen Schauspielern und Schauspielerinnen. Geschaffen von Antú Romero Nunes.

Die Inszenierung von Antú Romero Nunes von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ ist momentan als eines der drei „Starken Stücke“ des diesjährigen Berliner Theatertreffens in der 3 sat Mediathek zu sehen. Ich empfehle es dringend!

Ich habe es mir zweimal angesehen, so schön (überspitzt und humorvoll) ist es inszeniert! HIER der Link zum Streaming von „Ein Sommernachtstraum“. Es ist eine Inszenierung des Theater Basel, die dort auch in der kommenden Spielzeit zu sehen sein wird. HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Theater Basel.

Antú Romero Nunes geht ja gerne (nicht übertrieben, aber dennoch) humorvoll an die alten Klassiker heran. So auch hier. Natürlich könnte man sagen: „Ach Gott, schon wieder Ein Sommernachtstraum!“ Man könnte auch sagen: „Oh Gott, die Geschichte von Ein Sommernachtstraum ist so kompliziert!“ Aber nein: Nunes – seit 2020 Regisseur am Theater Basel – schafft es, dass sich diese Äußerungen nicht stellen. Er zieht die Komödie von William Shakespeare dabei nicht etwa durchgängig in die moderne Zeit! Nur kurz blitzt immer wieder der Zusammenhang zum „Heute“ auf. Das wiederum aber bleibt immer herrlich verwoben mit der alten Geschichte vom „Sommernachtstraum“. Sogar der Klimawandel und Corona finden passend kurz (und traurig) in ein paar Worten ihren Platz.

Ganz grob zur Geschichte von „Ein Sommernachtstraum“ (man sollte sie kennen, am besten kurz durchlesen HIER auf Wikipedia):

Hochzeitsvorbereitung des Herrscherpaares Theseus und Hypolita am Hof von Athen, Handwerker bereiten für die Hochzeit ein Theaterstück vor (die Geschichte von Pyramus und Thisbe), ein Adliger (Egeus) möchte dann seine Tochter Hermia mit Demetrius verheiraten, Hermia liebt aber den Edelmann Lysander. Helena dagegen, die beste Freundin von Hermia, liebt Demetrius! Soweit so gut, wie im richtigen Leben!

Theseus soll oder will über den Streit bestimmen. Dann aber kommt die Welt der Elfen hinzu: Elfenkönig Oberon und die Fee Titania sind im Streit. Oberon beauftragt seinen Hoffreund Puck damit, Zaubertropfen zu holen, von dem Oberon weiß, die Tropfen einer Blume. Wenn sie in die Augen geträufelt werden, entsteht Liebesraserei. Das möchte er Titania antun. Und er möchte Demetrius und Helena damit zusammenbringen. So nimmt die Geschichte ihren Lauf. Denn mit diesen Zaubertropfen greift der Elfenkönig Oberon – teils gewollt, teils ungewollt – in das (oben geschilderte) Geschehen der realen Welt ein. Und so weiter. Der Traum.

Der Part, in dem die Handwerker für die Hochzeit von Theseus und Hypolita das Stück Pyramus und Thisbe üben, steht eigentlich recht kurz mitten drin im Text von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. Antú Romero Nunes nimmt diesen Part heraus und rahmt damit ganz wunderbar und humorvoll diesen Abend ein. Das Theaterstück von der tödlichen Liebe von Pyramus und Thisbe wird erst vorbereitet und geübt (am Anfang 20 min.) und dann gespielt (am Ende 20 min.). Beides sehenswert! Die Laientruppe sind hier ein Lehrerkollegium vom Schultheater – eines der wenigen Mittel, mit denen Antú Romero Nunes das Stück in die heutige Zeit holt. Dazwischen der Traum, die Elfen im Wald, die Zaubertropfen, Liebesraserei, Verwechselungen, zu viele Tropfen.

Wie gesagt: Vor allem schauspielerisch einfach wunderbar!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Theater Basel.

Das Jewish Chamber Orchestra bringt übrigens am 22. Juni im Cuvillestheater eine Version des „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn. HIER der Link: Es ist „Schauspielmusik Ein Sommernachtstraum op. 61 (1842)“.

Copyright des Beitragsbildes: Ingo Höhn

Kategorien
Allgemein

MUSIK: Einstürzende Neubauten- Alles in Allem

Gegründet wurde „Einstürzende Neubauten“ von Blixa Bargeld schon 1980! Es gibt sie aber immer noch! Sie arbeiten gerade an einem neuen Album, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Die Gruppe hatte in früheren Jahren teilweise auch – lese ich – mit Theater zu tun!

Sie beteiligte sich – lese ich weiter (schade, habe ich nicht erlebt) – an Theater- und Hörspielprojekten, 1986 bei Peter Zadek im Hamburger Schauspielhaus, 1987 bei einer Hörspielinszenierung des Fatzer-Fragments von Bertold Brecht Heiner Müllers für den Rundfunk der DDR, 1990 bei der Hamletmaschine von Heiner Müller, 1994 bei Faust von Werner Schwab sowie 2000 am Schauspielhaus Bochum bei John Gabriel Borgman von Henrik Ibsen in der Regie von Leander Haußmann. Dann wohl leider nicht mehr. Schade, sie sind so schön schräg. Andererseits schwer anzuhören!

HIER der Link zur offiziellen Website der Band

Am 15. Mai 2020 wurde zuletzt das Album Alles in Allem veröffentlicht. Hieraus der Song „Alles in Allem“:

Kategorien
Allgemein

BALLETT: Nederlands Dans Theater – Live Stream

Etwas für Freunde des Tanzes: Das Nederlands Dans Theater – NDT – aus Den Haag bietet morgen, Samstag, den 13. Mai, um 20.15 einen Livestream der neuen Produktion Raw are the roots an. In Raw are the roots sieht man zum Einen eine Produktion des deutschen Choreografen Felix Landerer und zum Anderen eine Produktion des Choreografen-Duos Sharon Eyal en Gai Behar. „Weltpremiere“ beider Produktion war vorgestern, am 11. Mai.

HIER der Link zur Produktionsseite von Raw are the roots auf der Website des NDT. Von dieser Seite aus können die Tickets für das Live-Streaming gekauft werden. Dort finden sich auch kleinere weitere Videos „Behind the scenes“ und der Link zum digitalen Programmbuch der Produktion.
Hier noch zwei Fotos:

Copyright der Fotos: Rahi Rezvani

Hier zwei Trailer:


UND ÜBRIGENS: das Berliner Theatertreffen 2023 beginnt heute! Drei „Starke Stücke“ des Festivals sind ab heute in der Mediathek von 3sat zu sehen!

Kategorien
Allgemein

OPER/THEATER: Claudio Monteverdi – Il Ritorno, Joan Didion – Das Jahr magischen Denkens

Auch diese Produktion ist Teil des Festivals „Ja, Mai„ der bayerischen Staatsoper. Über die erste Produktion „Hanjo“ und über das Festival insgesamt habe ich im vorherigen Beitrag geschrieben. HIER der Link dorthin. „Festhalten oder Loslassen“, „Erwartungen“, „Warten“, das sind die thematischen Programmworte des diesjährigen Festivals.

Das Festival:

HIER noch einmal der Link zur Festivalseite auf der Website der bayerischen Staatsoper mit dem Programm für den Festivalmonat Mai. Das Festival läuft natürlich bis Ende Mai. Und HIER der Link zur Stückeseite von „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ auf der Website der bayerischen Staatsoper.

Das Thema Warten:

Warten wir nicht immer auf etwas? Mal sind es 20 Jahre (etwa bei Homer und Claudio Monteverdi), mal sind es 3 Jahre (etwa in der Oper Hanjo, HIER meine Besprechung), mal ist es 1 Jahr (etwa im Buch „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion), mal ist es ein einziger Tag (etwa im Buch „Ulysses“ von James Joyce – ein Werk ohnehin, das ich in seiner Komplexität in jedem Satz Wort für Wort geradezu als ein „Weltwunder“ bezeichne! Das letzte Kapitel, der Molly-Monolog der wartenden Frau von Leopold Bloom, heißt auch „Penelope“!), mal ist das Ende noch offen (zuletzt im Theater: In den Stücken „Green Corridors“ (Münchner Kammerspiele, HIER der Link zu meiner Besprechung) und „Odyssee“ (Schauspielhaus Düsseldorf, auf dem Münchner Festival „Radikal jung“, HIER der Link zu meiner Besprechung) ging es zeitgemäß um ukrainische Frauen und ihr Warten auf/ihr Bangen um ihre Männer oder Familienmitglieder.

Die Kombination von Theater und Oper:

Nun, die zweite Produktion des Festivals, „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“ (daneben gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Podcasts etc. mit Bezug zu den Themen), konfrontiert – zusätzlich zu den genannten Themen – die Oper frontal mit dem Theater. Auch das passt aber schon zum Thema der „Erwartung“: Bei Theater weiß man fast nie, was einen erwartet – bei Oper weiß man es fast immer! Oper bleibt fast immer klassisch nach festen Regeln aufgeführt. Nichts Neues! Darf oder kann man Oper überhaupt ändern? Für die Konfrontation Oper/Theater sorgt hier nun der außerordentlich erfolgreiche Theaterregisseur Christopher Rüping.

Zwei Elemente also:

  • Die Oper „Il Ritorno von Monteverdi“: Es geht fast schulmäßig um Odysseus und Penelope, Penelope’s 20 Jahre langes Warten auf Odysseus. 10 Jahre Troja, 10 Jahre Irrfahrten des Odysseus. Fast harmlos und schön wird es in der Oper erzählt. Claudio Monteverdis Oper war ja eine der ersten Opern überhaupt! Begleitet wird sie von zarter barocker Musik. In der hiesigen Version ist die Oper natürlich stark gestrafft, sie hätte sonst alleine schon 3 Stunden gedauert.
  • Joan Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“: Das Leben ändert sich von einer Sekunde auf die andere. Die Schriftstellerin Joan Didion schildert ihr Jahr nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes beim Abendessen. Sie kann nicht von ihm loslassen, lebt in der Erinnerung und denkt, er kommt zurück. Joan Didion wird von drei Personen gespielt: Wiebke Mollenhauer, Damian Rebgetz und Sibylle Canonica.

Die Inszenierung:

Die beiden Elemente kombinieren sich an diesem Abend Stück für Stück. Es beginnt ganz ganz vorsichtig und steigert sich, mehr und mehr verweben sich beide Bestandteile. Christopher Rüping überrascht damit allerdings nicht vollständig, er kombiniert eher die bekannten – auch das Theater betreffend schon fast „klassischen“ – Elemente beider Genres miteinander. Das Theatergenre mit leerer und offener Bühne (immer wieder gut!), einer Videowand, der Kamera auf der Bühne, herauf- und herunterschwebenden Personen, dem Gang der SchauspielerInnen in den Zuschauerraum einerseits. Das Operngenre natürlich mit schönem Gesang, schöner Musik, Opulenz vortäuschendem Bühnenbild, klassischen Auftritten (etwa der Verehrer von Penelope) andererseits. Beide Bestandteile sind aber nicht klar getrennt voneinander, das Schöne ist die ansteigende Verschränkung beider Genres. Gegen Ende hebt sich die Verschränkung wieder auf: Odysseus nimmt seine geliebte Penelope wieder in den Arm. Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz, Joan Didion verkörpernd, schauen im Hintergrund tieftraurig zu. Der Ehemann von Joan Didion kommt ja schließlich nicht zurück! Und Odysseus wird ja gespielt von Charles Daniels, der auch den verstorbenen Ehemann von Joan Didion spielt.

Das barocke „kleine“ Cuvillestheater eignet sich natürlich sehr für die barocke Oper, obwohl ich es insgesamt schade fand, dass der Abend nicht auf der großen Bühne des Nationaltheaters stattfand! Dort wäre es vielleicht eher – schon in der Vorbereitung – ein großer Wurf gewesen/geworden! Im Cuvillestheater bleibt es ein „kleiner Wurf“. Manches wirkte in der Tat ein wenig nach „kleinem Wurf“: Das Bühnenbild etwa, das für die „Opernteile“ des Abends geschaffen wurde, besteht aus einigen dünnen Holzwänden, die herein oder herabgefahren werden. Die Maskierung von Odysseus zum alten Mann auch sehr „griffig“, eher lustig. Aber man kann natürlich nicht immer den „großen Wurf“ erwarten! Schade aber, bei Christopher Rüping erwartet man mittlerweile eben immer viel! Vor allem auch bei dieser schönen Besetzung!

Ich fand nur zeitweise die beiden Themen „Das Warten von Penelope auf Odysseus“ einerseits und „Das Jahr von Joan Didion nach dem Tod des Ehemannes“ andererseits nicht sehr gut zueinander passend! Das war für mich das Problem des Abends. Penelope „wartet“ ganz anders! Sie hofft noch auf das Leben ihres Odysseus. Der Mann von Joan Didion dagegen war nun einmal gestorben. Das hat die Verschränkung der Genres aus meiner Sicht erschwert.

Schauspielerisch:

Der Part der Penelope wird sehr schön und wunderbar klar gesungen (soweit ich das beurteilen kann) von der Schwedin Kristina Hammarström, besonders hat auch die junge Australierin Xenia Puskarz Thomas überzeugt! Joan Didion wiederum wird, wie gesagt, von den drei SchauspielerInnen Wiebke Mollenhauer, Sibylle Canonica und Damian Rebgetz gespielt. Alle drei wieder sehr gut, besonders Wiebke Mollenhauer und Damian Rebgetz, die immer für etwas Besonderes im Theater stehen! Sie strahlen immer eine riesige Selbstverständlichkeit auf der Bühne aus. Auch sie spielen aber teilweise fast zurückhaltend, abgesehen von Szenen, in denen sie sich außerordentlich „ins Zeug legen“ (Stichwort Tränen!).

Fazit:

Eine vielschichtige, interessante Verschränkung beider Genres, auch wenn es durchaus noch „verwirrender“, „überraschender“ hätte ausfallen können! Aber es wird nicht die letzte Operninszenierung für Christopher Rüping bleiben!

Hier ein Video mit Erläuterungen von Christopher Rüping:

Copyright des Beitragsbildes: Wilfried Hösl

Kategorien
Allgemein

OPER: Haus der Kunst – Hanjo

Die einaktige Oper Hanjo ist Teil des Ja, Mai Festivals 2023 der Bayerischen Staatsoper. Ein „Festival für frühes und zeitgenössisches Musiktheater“. Die zweite Ausgabe des Ja, Mai Festivals nimmt Synergien zwischen Musiktheater, Tanz und bildender Kunst in den Blick. „Warum brauchen wir Theater“, ist zusätzlich eine der Fragen, die über dem Festival stehen.

Es gibt zwei Produktionen. Zum Einen die Opernproduktion Hanjo, die im Haus der Kunst mit Tanz gezeigt wird. Und als Zweites eine direkte Konfrontation von Oper und Theater auf der Bühne in Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens.

Thematisch kreist das Festival in diesem Jahr speziell um den Themenkomplex „Erwartung“ und setzt sich mit Motiven wie dem Warten, dem Vergehen von Zeit, der Frage nach dem Loslassen oder Festhalten auseinander.

Das Festival läuft noch bis Ende Mai, HIER der Link zur sehr umfangreichen Festivalseite auf der Website der Bayerischen Staatsoper.

Eine der beiden Produktionen des Festivals ist also die Oper Hanjo, die im lang gestreckten hohen Raum des Westflügels im Haus der Kunst gezeigt wird. HIER der Link zu einem Video „Behind the scenes“, einer sehr aufschlussreichen Erläuterung des Regisseurs Sidi Larbi Cherkaoui. Im Video werden auch (eher gegen Ende) Szenen der Aufführung gezeigt. Das Publikum ist geteilt, sitzt an den beiden Längsseiten des großen hohen Raumes.

HIER der Link zur Produktionsseite von Hanjo.

Es ist eine sehr internationale Produktion. Der Komponist der Oper: Der Japaner Toshio Hosokawa. Gestaltung des Bühnenraumes: Rirkrit Tiravanija, geboren in Kanada. Er lebt und arbeitet in Bangkok, Berlin und New York. Von ihm sind derzeit im Haus der Kunst auch mehrere seiner Aktionen und Produktionen zu sehen. HIER der Link. Regie: Sidi Larbi Cherkaoui, geboren in Antwerpen, flämisch-marokkanischer Abstammung. Tanz: Die Eastman Dance Company aus Antwerpen, auch HIER der Link, eine von Cherkaoui gegründete Tanzgruppe. Eine Produktion nach dem gleichnamigen japanischen Nō-Theaterstück von Yukio Mishima. Übersetzung des Libretto ins Englische von Donald Keene.

Der Komponist Toshio Hosokawa fand den Stoff zu seiner zweiten Oper Hanjo in einem Stück des japanischen Dichters Yukio Mishima aus den 1950er Jahren, in Form des No-Theaters geschrieben, das seinerseits auf eine Vorlage aus dem 14. Jahrhundert zurückgeht: Hanako, ein Mädchen (eine Geisha), das jahrelang am Bahnhof auf einen Mann (Yoshio) wartet, lebt im Hause einer Malerin, die sie liebt. Als Yoshio eines Tages wieder bei Hanako erscheint, kommt es zur Entscheidung. 

Das Warten, das Nichtstun, das ist Hanakos Leben geworden. Durch das Warten ist sie sich selbst offenbar näher gekommen. Das Warten macht sie schön, sagt die Künstlerin, die die Liebhaberin von Hanako ist. Die Gesichter aller Menschen sind dagegen tot, sagt Hanako selbst. Soll es damit etwa auch heißen: Wir machen uns alle verrückt im Aktivismus? Im Prinzip geht es um die Vereinsamung von Hanako. Hanako lebt nur durch ihr Warten. Hanako wird einmal von der Künstlerin gefragt: Was ist eigentlich, wenn der, auf den Du wartest, auch wartet?

Die Wirklichkeit verändert sich für Hanako durch ihr Warten. Traum wird ihre Wirklichkeit. So sagt Hanako dann auch, als Yoshio zurückkommt, er sei nicht der, auf den sie gewartet habe. Sie wartet weiter. Kommt der Mensch ohne Handeln aus? Findet er gerade dabei zu sich? Das Stück ist inhaltlich vielschichtig. Die Künstlerin wiederum liebt ja Hanako und und und.

Die Inszenierung wirkte für mich allerdings sehr „inszeniert“. Ich mag es lockerer, ungezwungener. Die „Bühne auf der Bühne“, ein Konstrukt aus Plexiglas, auf dem meist gesungen wurde, wurde immer wieder herumgedreht und bewegt. Auch andere Gegenstände – alle aus Plexiglas – wurden immer wieder bewegt. Eine Bank, Stufen.

Die Choreografie von Musik, Tanz und Gesang mag dabei sehr gut zueinander passen. Viel darüber liest man im umfangreichen Angebot auf der Website zur Produktion und im Programmbuch. Ich hatte allerdings japanische, „sanftere“ Musik erwartet. Mir erschien die Musik eher hart. Auch der Tanz, der ja die Gefühlswelt darstellen sollte: Um die etwas erhobene Bühne herum tanzen die Mitglieder der Eastman Dance Company meisterlich, aber eben komplizierter, als ich es für diese Produktion erwartet hatte. Fast alle mit Bart übrigens, passend zu dem erwarteten Yoshio, der ja auch Bart trägt.

Mein Fazit: Eine dramatische Geschichte, die für mich etwas überinszeniert war. Man darf eben keine Erwartungen haben …

Copyright des Beitragsbildes: Wilfried Hösl

Kategorien
Allgemein

THEATER: Festival Radikal jung – Odyssee

Es ist eine Produktion des Schauspielhaus Düsseldorf, eine Produktion, die zum Festival Radikal jung eingeladen wurde, das morgen, am 05.05.2023, endet. Eine Produktion des ukrainischen Dramatikers Pavlo Arie frei nach Homer. Auch der Regisseur der Produktion ist Ukrainer: Stas Zhyrkow.

Selbst das Schauspielhaus Düsseldorf schreibt dazu: Die Neudichtung des ukrainischen Dramatikers Pavlo Arie müsste eigentlich »Penelope« heißen. Ja, es geht um die ukrainischen Frauen und deren – wahre – Erlebnisse seit Kriegsbeginn. Um Penelope’s Situation, nicht um Odysseus‘ Erlebnisse. Berührend, zugleich künstlerisch gut gemacht, eindrucksvoll! Standing Ovations des bewegten Publikums am Ende im vollbesetzten Münchner Volkstheater.

HIER die Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus ist Düsseldorf. Man findet dort interessante Links zu weiteren Gesprächen und und und.

Die Ängste und Hoffnungen und die traurigen oder grausamen Erlebnisse der Frauen im Ukrainekrieg – Frauen, die in Düsseldorf landeten – mit ihren Kindern meist – ohne ihre Ehemänner oder andere Familienmitglieder – ihre Sehnsüchte und Ungewissheiten – ihr Warten. Sehr eindringlich, sehr direkt, das Publikum sehr direkt adressierend und künstlerisch interessant, so erfährt man davon!

Die Erzählung mit sieben Frauen und zwei Jungen aus der Ukraine und sieben Düsseldorferinnen verwebt – nicht äußerst tiefgründig, aber als Motiv – Homers Odyssee mit den wahren Geschichten der Spieler*innen. Eingeblendet werden im Laufe des Abends auf einem Laufband die Kapitel:

  • 1 // WARTEN
  • 2 // 24. FEBRUAR 2022 – Fortgehen oder bleiben
  • 3 // DIE EIFERSUCHT DER PENELOPE
  • 4 // ODYSSEE INS EXIL Teil 1 – DAS WOHLERGEHEN DER KINDER
  • 5 // TELEMACHIE I – Penelope ist verliebt
  • 6 // DIE ZWEIFEL DER PENELOPE
  • 8 // ODYSSEE INS EXIL TEIL 2 – Zwischen Skylla und Charybdis
  • 9 // DIE ANKLAGE DER PENELOPE
  • 10 // PENELOPE IM KRIEG
  • 11 // TELEMACHIE II – Penelope hat Liebeskummer
  • 12 // PENELOPE WARTET 10 JAHRE
  • 13 // ODYSSEE INS EXIL TEIL 3 – Die Ängste der Kinder
  • 14 // DAS VERSTUMMEN DER FRAUEN
  • SZENE 14.1. FRAUEN ALS OPFER DES KRIEGES
  • 15 // TELEMACHIE III – Penelope wird verlassen
  • 16 // PENELOPE WARTET 20 JAHRE
  • 17 // DIE SUCHE DER PENELOPE
  • 18 // PENELOPE AM ENDE DES WARTENS
  • 19 // DREI ABSCHIEDE DER PENELOPE

Es ist ein vielleicht noch direkterer Angang an das aktuelle Thema der aus der Ukraine flüchtenden Frauen, als es vor kurzem an den Münchner Kammerspielen in Green Corridors zu sehen war (HIER mein damaliger Beitrag). Beides war interessant und hilfreich! In Green Corridors kam (auch wichtig) das Nationalgefühl der UkrainerInnen noch hinzu. Bei Odyssee geht es mehr um Einzelschicksale, daneben auch in einem zweiten „Strang“ um das Thema „Erste Liebe“ der jungen Generation, den Weg in die Zukunft zeigend.

Das Warten und die Ungewissheit der Penélope werden ja auch Gegenstand des Stückes Il ritorno/Das Jahr magischen Denkens sein, das ich gegen Ende Mai an der Bayerischen Staatsoper (Cuvillestheater) sehen werden. Als Teil des kleinen Festivals Ja, Mai der bayerischen Staatsoper zum Thema „Erwartung“.

Il Ritorno ist eine der ersten Opern, von Monteverdi. Theater und Oper werden sich auf der Bühne direkt gegenüberstehen. Auch das wahrscheinlich ein interessanter – wieder ein anderer – Blick auf dieses Thema, zumal es gekoppelt ist mit dem Buch „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion, die darüber schrieb, dass sie nach dem Tod ihres Mannes im Grunde nicht davon loskam, seine Rückkehr erwartete.

Das Stück Odyssee ist demnächst noch mehrfach in Düsseldorf zu sehen. HIER ein Trailer.

Hier noch zwei Aufnahmen aus der Produktion:

  1. Musikalisch geradezu beeindruckend waren sie:

2. Und:

Copyright der Aufnahmen: Sandra Then

Kategorien
Allgemein

THEATER: Residenztheater – Antigone von Sophokles

Ich habe über diese Inszenierung viel nachdenken müssen. Der Stoff der „Antigone“ von Sophokles ist ja hinlänglich bekannt: Es gibt die Anordnung von Antigones‘ Onkels, dem neuen König von Theben, Kreon, Antigones vor den Toren der Stadt verstorbenen Bruder Polyneikes unehrenhaft ohne Beerdigung liegen zu lassen. Er habe ja die Stadt angegriffen, habe es nicht verdient, nach dem Götterwillen in den Hades zu gelangen. Für Antigone aber steht ihr Gewissen und der Götterwille über der Anordnung des Königs, sie beerdigt ihren Bruder. Dann kommt Unheil über Kreon, wie es der Seher Teiresias vorhergesagt hatte, Kreons Sohn Haimon und seine Ehefrau sterben durch Selbstmord. Das ist der inhaltliche Kern des antiken Stoffes.

Wir haben hier am Residenztheater eine recht besondere Bearbeitung des Stoffes der Antigone von Sophokles, eine Inszenierung der Slowenin Mateja Koleznik. Mateja Koleznik hat zuletzt Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ inszeniert, das ich kürzlich in Bochum sehen konnte (HIER mein Bericht) und das gerade zum in wenigen Tagen beginnenden Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist.

Das Besondere ist: Das Stück wird zweimal absolut identisch aufgeführt, unterbrochen durch eine Pause. Man verfolgt es jeweils aus dem Blickwinkel eines von zwei nebeneinanderliegenden Räumen, Flur und Konferenzraum. Den jeweils anderen Raum kann man durch eine Tür immer wieder kurz erkennen. Die Beteiligten wechseln oft die Räume und reden über das Geschehen. Beide Blickwinkel zusammen ergeben das Stück.

Zunächst: Ich habe darüber nachdenken müssen: Warum Antigone in dieser Situation? Man sieht sich als Zuschauer einer fast unangenehmen Situation gegenüber: Die beiden Räume sind Kellerräume ohne Fenster – unter einem Königspalast. Im ersten Teil sieht man den kahlen grauen Flur, Türen, Neonlicht. Der Flur liegt vor dem zweiten Raum, einem holzvertäfelten Besprechungsraum. Unweigerlich denkt man an Hitlers Führerbunker. Unweigerlich fragte ich mich: Warum wird diese Situation gewählt? Es ist ja als moderne Zeit angelegt, man sieht die Beteiligten teilweise mit Chipkarten andere Türen öffnen, man sieht sie Codes zur Öffnung einer anderen Tür eingeben. Die beteiligten SchauspielerInnen sind meist dunkel gekleidet, meist mit Sakko, die Frauen grau, einer der Beteiligten in einem langen Ledermantel.

Erschreckend ist im Grunde auch das Verhalten der Beteiligten, die um den König Kreon herumwimmeln und diskutieren: Sie wirken dem König Kreon gegenüber ergeben, hörig, machtlos, in nichts attraktiv, strahlen eine übertriebene Wichtigkeit aus, reagieren zum Großteil in gewisser Weise gleichförmig, schnell, zackig. Der Führerbunker in unserer Zeit – darauf habe ich noch keine Antwort. Allein Thomas Sturzenberger zeigt den Demokraten, der an andere Führungssysteme denkt. Er ist auch – abgesehen von Antigone und Ismene „auf der anderen Seite“ der Thematik – der einzige, der etwas legerer gekleidet ist.

Hier ein Bild aus dem Besprechungsraum (oben der Flur):

Zum Inhalt:

Das Thema der Antigone von Sophokles ist ja altbekannt: Kreon, König von Theben, verweigert dem im Kampf gestorbenen Polyneikes die Beerdigung, da dieser gegen die Stadt Theben gekämpft hatte. Antigone widersetzt sich der Entscheidung ihres Onkels Kreon und bestattet ihren vor den Toren der Stadt tot liegenden Bruder Polyneikes. Der blinde Seher Theresias kündigt Kreon Unheil in der Familie an, wenn Kreon Antigone deswegen mit dem Tode bestraft. Tatsächlich sterben Kreons Sohn Haimon und seine Frau durch Selbstmord. Auch Antigone bringt sich um.

Antigones Streben, den Bruder ehrenhaft dem Wunsch der Götter gemäß zu beerdigen, und Kreons Reaktion werden vor allem im Besprechungsraum diskutiert. Auf dem Flur, also im ersten Teil, sieht man eher Antigone und Ismene, ihre Schwester. Im Besprechungsraum diskutieren die anwesenden Personen, die Mitglieder des Chors in Sophokles‘ Stück. Hier fließen Gedanken des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek ein, die er in seinem Buch „Die drei Leben der Antigone“ verfasst hat. Antigone wird ausdrücklich „unter Verwendung“ dieses Werkes gebracht.

Die Inszenierung ist im Grunde thematisch aus einer vergangenen Zeit. Denn behandelt werden die Themen so, wie wir es vielleicht mittlerweile überstanden haben. Seit Jahrzehnten diskutieren wir: Es geht um Herrschaft, um das Verhältnis Mann – Frau (Kreon/Antigone), um Emanzipation (Antigone), um das Verhältnis Mann – Sohn (Kreon/Haimon), um den Glauben an die Macht, um Egoismus, Gehorsam, Respekt und und und. Und hier wird alles noch dazu in dieser „Bunkersituation“ diskutiert. Düstere Vergangenheit?

Die Inszenierung ist aber andererseits, wie gesagt, bewusst modern angelegt. Die behandelten Themen sind immer aktuell, auch mit diesem „alten“ Stoff. Wir sind sicher weitergekommen, diskutieren auch nicht mehr in derartigen führerbezogenen Situationen, aber die Themen bleiben Themen!

Fast auffallend ist auch: Alle SchauspielerInnen spielen sehr überzeugend, können offenbar mit der Situation im „Bunker“ allesamt gut umgehen! Schön anzusehen einerseits, es lohnt sich auch deswegen, ist aber auch irgendwie erschreckend!

Insgesamt ist es einen Besuch wert vor allem wegen der interessant gestalteten „Dopplung“ oder „Aufspaltung“ des Geschehens und wegen des überzeugenden Ensembles. Man muss aber darüber nachdenken.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

Kategorien
Allgemein

MUSIK: Nina Simone – Stars

Es ist kaum zu glauben: Die Aufnahme ist bald 50 Jahre her, 47 Jahre alt genau genommen. Sie entstand 1976 in Montreux. Geboren ist Nina Simone am 21. Februar 1933, beim Montreux-Konzert war sie also 43 Jahre alt. Nina Simone ist am 21. April 2003, also im Alter von 70 Jahren, vor fast genau 20 Jahren, gestorben.

Sie nannte sich übrigens mit Nachnamen „Simone“, da sie ein Fan der Schauspielerin Simone Signoret war. 

Diese Aufnahme hier (der Song „Stars“) erscheint mir als besonders. Es gibt auch eine längere interessante Videoversion dazu auf YouTube, hier aber die kürzere. Und ACHTUNG:

Das Konzert von Nina Simone vom Jazz-Festival Montreux 1976 ist noch bis zum 30. Mai 2023 auf ARTE.tv in voller Länge zu sehen! HIER der Link!

Zwei große Themen prägten vielleicht das Leben von Nina Simone: Sie war zum Einen eine prägende Figur der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 70er-Jahren. Und sie war vielleicht insgesamt eine eher komplizierte Person, hatte ein schwieriges Leben, viele Krisen, war mehrfach verheiratet und und und. Zuletzt lebte sie in Südfrankreich.

Kategorien
Allgemein

„Il Ritorno“, „NDT“, „Radikal jung“, Theatertreffen und und und im Mai

Der Mai wird interessante Dinge bringen. Hier ein Überblick über die Dinge, die ich sehen werde – als Anregung für die Leser. Wahrscheinlich sollte man sich frühzeitig um Karten kümmern, da die meisten Dinge nur für kurze Zeit oder gar nur ein Mal zu sehen sind.

Ich stelle hier vor allem die jeweiligen Links ein:

Zuerst wird im Residenztheater am 02. Mai die Inszenierung „Antigone“ gebracht.

Es könnte interessant werden. Es ist eine Inszenierung von „Antigone“ von Sophokles – der altbekannte Stoff – unter Verwendung von «Die drei Leben der Antigone» des slowakischen Philosophen Slavoj Žižek. Mal sehen. Das Setting ist eine Zusammenkunft in einem unterirdischen Konferenzraum und (vor der Pause) der Flur davor!

HIER die Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Dann: Am Münchner Volkstheater findet noch bis zum 05. Mai das Festival „Radikal für jung“ statt – unter anderem mit den Stücken „Dschinns“ und „Odyssee“, die ich sehen werde.

HIER die Stückeseite von Dschinns und HIER die Stückeseite von Odyssee.

HIER die Website des Fesivals der jungen Regie.

Dann gibt es – das könnte besonders werden – in einer Kooperation der Bay. Staatsoper und dem Haus der Kunst ab dem 05. Mai die Oper „Hanjo“ zu sehen.

Im Mai veranstaltet die bayerische Staatsoper nämlich das Festival Ja, Mai, ein Festival für frühes und zeitgenössisches Musiktheater. HIER geht es zur Festivalseite auf der Website der Bayerischen Staatsoper.

In diesem Zusammenhang werden zwei interessante Aufführungen gezeigt: HANJO ist die erste. HIER ist die Stückeseite von Hanjo. Es wird vielleicht interessant, weil es eben eine Kooperation der Bayerischen Staatsoper mit dem Haus der Kunst ist, die Aufführungen finden im Haus der Kunst statt! Der Bühnenraum der vom No-Theater inspirierten Oper des zeitgenössischen Komponisten Toshio Hosokawa wird von Rirkrit Tiravanija gestaltet, einem bildenden Künstler.

Dann gibt es – vielleicht wird das sehr besonders – von der Bay. Staatsoper im Cuvillestheater ab dem 07. Mai die Inszenierung „Il Ritorno/Das Jahr magischen Denkens“.

Es ist die zweite Aufführung im Rahmen des Festivals Ja, Mai. HIER geht es zur Stückeseite.

Die Inszenierung könnte ein Highlight des Monats Mai werden. Ich war auf einer Vorbesprechung. Die Produktion beschäftigt sich mit einer der frühesten Opern überhaupt: Claudio Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria. Zusätzlich wird das Schauspiel von der (2021 verstorbenen) US-amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion – basierend auf ihren Memoiren – aufgeführt. Verantwortlich für die szenische Umsetzung von Il ritorno/Das Jahr des magischen Denkens ist der Theaterregisseur Christopher Rüping. Christopher Rüping hatte in München schon unter anderem mit seiner zehnstündigen Produktion „Dionysos Stadt“ für Furore gesorgt, er ist jetzt erstmals Regisseur einer Oper. Es geht aber nicht einfach um die Oper. Auf der Bühne wird man eine Gegenüberstellung sehen von Oper und Theater. Zum Thema „Erwartung“, dem Thema von Ja, Mai.

Zu beachten ist auch: Zum Theatertreffen in Berlin stehen vom 12. Mai bis zum 8. September 2023 wieder drei der 10 ausgewählten Inszenierungen in der Mediathek zur Verfügung.

Die Inszenierungen „Die Eingeborenen von Maria Blut“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Kinder der Sonne“, sind dieses Jahr von 3sat im Rahmen der Reihe „Starke Stücke“ zu sehen – in der 3sat Mediathek und in der Mediathek der Berliner Festspiele. Zusätzlich kann man weitere ausgewählte Veranstaltungen sowie Texte und Archivmaterial ansehen.

HIER der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele, der Veranstalterin des Theatertreffens.

In der Zeitschrift „Theater heute“ (HIER der Link zur Website), Ausgabe April, ist ein Gespräch zwischen Burgtheater-Dramaturg Alexander Kerlin und der Historikerin Lucile Dreidemy zu den historischen Hintergründen von Maria Lazars Roman «Die Eingeborenen von Maria Blut» (der vollständige Abdruck der Bühnenfassung liegt dem Heft übrigens bei). HIER der Link zu diesem frei verfügbaren Text des Gesprächs.

Auch interessant kann sein am 11. und 13. Mai ein Live-Streaming von „Raw are the roots“ des Nederlands Dans Theater.

Das NDT bietet interessante Tanzdarbietungen: Zu „Raw are the roots“ heißt es auf der Website des NDT: „NDT 1 performs two very different approaches to dance. In this double bill, you will see two world premieres by Felix Landerer and choreographer duo Sharon Eyal & Gai Behar. On Thursday May 11 or Saturday May 13, we offer the opportunity to watch Raw are the rootslive from the comfort of your own sofa. Buy your ticket now for €15!“

HIER die Stückeseite auf der Website des NDT.

Etwas außergewöhnlich ist auch an den Münchner Kammerspielen am 30. Mai die Möglichkeit, an der „offenen Probe“ des Stückes „Die Vaterlosen“ teilnehmen zu können.

Kurz vor der Premiere (sie ist am 02.06.) kann man eine offene Probe das Stückes „Die Vaterlosen“ nach Anton Tschechows „Der Vater“ besuchen. Sicher interessant, ist ja nicht üblich.

HIER der Link auf der Website der Münchner Kammerspiele zur Ankündigung der offenen Probe.

Also: Ich freue mich auf den Mai!

Kategorien
Allgemein

THEATER: Peter Handke – Zwiegespräch

Die gesamte Münchner – oder gar über München hinaus – Theaterszene schien anwesend zu sein. Der Intendant des Münchner Residenztheaters Andreas Beck – seine Stellvertreterin Ingrid Trobitz – bekannte aktuelle und ehemalige Gesichter der Münchner Kammerspiele – bekannte Gesichter der Kritikerszene – bekannte zuschauende Dauerfreunde der Münchner Theaterwelt und und und.

Der riesige Zuschauerraum von Bühne 1 des Münchner Volkstheaters war fast ausverkauft, wie Christian Stückl bei seinen einführenden Worten zur Eröffnung des Festivals „Radikal jung“ 2023 in „seinem“ Theaterhaus erklärte. Hier:

Es war wie ein zweites Theatertreffen. Ob dies dem gerade im 5. Jahr eröffneten Festival „Radikal jung“ galt oder speziell der Darbietung der Inszenierung von „Zwiegespräch“, kann ich nicht beurteilen. Die Inszenierung von „Zwiegespräch“, dem aktuellen kleinen Gesprächsroman von Peter Handke, sie mag ein besonderer Lockvogel gewesen sein. Es ist die am Burgtheater Wien zu sehende Inszenierung der jungen Regisseurin Rieke Suesskow, die als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des letzten Jahres zum Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist. Eine seltene Gelegenheit, die Inszenierung in München zu sehen. Rieke Suesskow hier:

Es war/ist die erste Arbeit der 33jährigen Regisseurin am Burgtheater Wien.

Das gibt auch eine Antwort auf die Frage, warum das Stück „Zwiegespräch“ gar Teil des Festivals „Radikal jung“ geworden ist. In Peter Handkes aktuellem Roman „Zwiegespräch“ geht es doch um ein Gespräch zweier alter Männer – nicht gerade „radikal jung“! Die Antwort ist: Die junge Regisseurin! Dem Festival geht es um „junge Talente im Bereich der Theaterregie“! Eine zweite Antwort ist vielleicht auch noch: Die Inszenierung von Rieke Suesskow stellt den Kontrast zwischen jung und alt viel viel deutlicher dar, als es der Roman selbst tut. Der Text des Romans (man sollte ihn zweimal lesen!) wird damit nicht verändert, geschickt kommt aber das Thema „jung und alt“ viel deutlicher und prägender auf die Bühne.

Hier ein Foto von der Aufführung, das das Bühnenbild von „Zwiegespräch“ zeigt (Copyright Susanne Hassler-Smith, Burgtheater). Es ist ein Bühnenbild von Mirjam Stängl, die genau dafür am diesjährigen Berliner Theatertreffen 2023 vom langjährigen Medienpartner des Theatertreffen, 3sat, die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für das beste Bühnenbild erhalten wird.

Ziehharmonikagleich zieht sich zu Beginn der Aufführung minutenlang ganz langsam dieser riesige Paravent über die ganze Bühne, spannt sich auf wie das Leben. Er teilt die Bühne in zwei Hälften, links die Alten (auch die werden im Laufe des Stückes immer weniger), rechts die Jungen. Stück für Stück verschiebt sich die Unterteilung im Laufe der Aufführung, der Raum für die Alten wird immer kleiner.

Sehr treffend fasst das Programmheft zu „Zwiegespräch“ die Gedanken zusammen, die um den kurzen Roman von Peter Handke kreisen (Copyright Burgtheater Wien):

Ja, in Peter Handkes Roman „Zwiegespräch“ erzählen sich die beiden Alten (auf der Bühne sind es mehr) von Erinnerungen aus ihrem Leben. Es kann auch ein einziger Alter sein, Peter Handke. Meist erzählen sie von ihren Großvätern. Meist geht es darum, dass etwas nicht erkannt werden konnte, nie richtig erkannt werden kann. Der Schein trügt immer! Das Liebespaar in der Scheune, das man nur hört, das Haus und sein Innenleben.

Die Enkelgeneration übernimmt etwas von den Alten, Verharmlostes, aber im Grunde verwaltet sie nur das Ableben der Alten. Veranstaltet Spiele, die „Reise nach Jerusalem“, bis alle Alten weg sind, ausgeschieden und gestorben sind. Das zeigt die Inszenierung von Rieke Suesskow deutlicher und sehr treffend. Auch wenn an diesem Abend Branko Samarovski offenbar seinen Text fast völlig verloren hatte. Der Souffleur wurde nach etwa einer Dreiviertelstunde fast zum Textvorsager, Branko Samarovski zum Nachsager. Schade, das war leider störend. Naja, die Alten … Entscheidend bleibt der Text des Romans „Zwiegespräch“, auch an diesem Abend.

Rieke Suesskow es in der Tat geschafft, dem unverändert gebliebenen Text von Peter Handke eine Inszenierung zu geben, die den Text wunderbar ergänzt!

HIER der Link zum Spielplan des Festivals „Radikal jung“, das also begonnen hat. HIER der Link zur offiziellen Website des Festivals „Radikal jung“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Zwiegespräch“ auf der Website des Burgtheaters in Wien.

Copyright des Beitragsbildes: Susanne Hassler

Copyright der Bilder der Eröffnung und von Rieke Suesskow: Gabriela Neeb