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SONSTIGES: 36tes Kurzfilmfestival „Interfilm“

Da derzeit coronabedingt Theaterbesuche und meinerseits Berichte darüber nicht möglich sind, bringe ich im Blog momentan ab und an Hinweise auf andere Möglichkeiten, sich seinen geliebten kulturellen Interessen widmen zu können. Man will ja nicht alles einfach beenden.

Es gibt auch einige interessante Angebote! Angebote online oder im TV – aus der Theaterwelt und aus anderen Kulturwelten! Siehe meine letzten Beiträge etwa.

So gibt es jetzt das 36. Internationale Kurzfilmfestival „Interfilm“, das vorgestern begann!

In den vergangenen Jahren fand es unter anderem in der Berliner Volksbühne statt, diesmal ist es komplett online zu sehen. Das komplette Onlineangebot findet man auf der Website der Festivalpartner von „Sooner“, die das Onlineangebot als Streamingdienst zur Verfügung stellen. HIER der direkte Link zu Sooner. Und HIER der Link zur Website des Festivals.

Alle Filme sind auf den Websites übersichtlich dargestellt. In vier Staffeln wird alles angeboten. Die Staffelfolge und alle Einzelheiten sind HIER. Es gibt auch einige Wettbewerbe, Preisvergaben. Bei diesen Awards kann man als Zuschauer teils mitvoten.

Das wirklich vielfältige Onlineangebot, das bis zum 13. Dezember verfügbar ist – es sind mehr als 270 Kurzfilme! -, kann komplett „für die Gebühr einer einzigen Kinokarte“ – wie es von Festivalseite heißt -, nämlich für 7,95 €, gebucht werden! Das Schöne finde ich, dass man sich Kurzfilme ja zeitlich gut einteilen kann. Schön finde ich auch, dass es international ist! Und schön finde ich, dass es sich im wesentlichen um Beiträge junger Menschen handeln wird.

Der geschätzte Blogbesucher wird also hier im Blog mit dem schwer auszusprechenden Namen „Qooz“ in nächster Zeit voraussichtlich ein paar Berichte über einzelne Filme des Festivals oder die ganzen Staffeln sehen! Vielleicht hat er den betreffenden Film bzw. Filme der Staffeln ja dann auch schon gesehen oder er lässt sich anregen.

Übrigens: „Qooz“, weil unsere deutschen W-Fragen (wer, wo, was, wann ..) im Lateinischen oft mit q beginnen, – also lauter Q‘s – Qooz eben!

THEATER: Botho Strauß – Kalldewey Farce

Ein weiterer Hinweis: Es ist in gewisser Weise ein Klassiker: Kalldewey Face von Botho Strauß in einer Inszenierung von Luc Bondy aus dem Jahre 1982. Eine Inszenierung von Luc Bondy zu sehen ist durchaus immer interessant. Luc Bondy und Botho Strauß waren eng befreundet.

Die Inszenierung ist nunmehr zu sehen bis Montag, den 9. November, 18:00 Uhr. Es ist eine Fernsehaufzeichnung des SFB (Sender Freies Berlin) einer Aufführung der Schaubühne in Berlin.

HIER der Link zum Stream. Das Onlineangebot der Berliner Schaubühne für November – dem Monat, in dem alle Theater geschlossen sind – ist ohnehin sehr interessant! HIER der Link zum Programm.

Es gibt ja ein wunderbares Buch über Luc Bondy und seine Arbeiten, sein Leben, seine Freunde, seine Familie. Ich hatte kürzlich darüber geschrieben. HIER der Link.

Copyright des Beitragsbildes: Ruth Waltz

THEATER: Starke Stücke

Nicht verpassen! Das Berliner Theatertreffen 2020 konnte ja wegen der Corona-Krise nicht stattfinden. Daher sollten Theaterfreunde jetzt erst recht aufpassen: 3sat zeigt auch dieses Jahr wieder drei „Starke Stücke“ der Auswahl zum Theatertreffen 2020!

Folgende Daten:

Shakespeares „Hamlet“, Inszenierung von Johan Simons, ist ab Samstag, dem 07. November 2020, bis zum 6. Dezember in der 3sat-Mediathek zu sehen. HIER der direkte Link.

MoliéresDer Menschenfeind “, Inszenierung Anne Lenk, ist im TV auf 3sat am Samstag, dem 07.11.2020, zu sehen und in der Mediathek bis zum 06.03.2021 verfügbar. Auch HIER der Link.

Max FrischsDer Mensch erscheint im Holozän“, Inszenierung von Alexander Giesche, ist dann im TV auf 3sat die Woche drauf, am Samstag, dem 14. November 2020, um 20:15 Uhr zu sehen. Diese Arbeit von Alexander Giesche kann bis zum 12.03.2021 in der 3sat Mediathek gefunden werden. HIER der Link.

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THEATER: Cristina D’Alberto – Anthologie/Blütenlese

Wie bewegt man sich, wenn man seine Geschichte durch Bewegung erzählen will? Wie würde ich mich etwa bewegen, wenn ich in – sagen wir – zehn Minuten mein „Jahr 2020“ darstellen sollte. Eine schöne Aufgabe für Silvester!

Für Cristina D’Alberto wäre es sicherlich eine durchaus gängige Vorstellung. Sie ist Choreografin und Performerin, kommt aus der Tanzszene. Geboren ist sie in Turin, hat einige Jahre in Florenz gelebt und lebt seit 2015 in – oder bei – München.

HIER ihre schöne schlichte Website, auf der man viele Details ihres interessanten und intensiven jungen Tanzlebens sehen kann. Sie ist einige Jahre um die Welt getourt und ist hier in München unter anderem Dozentin an der „Iwanson international dance school“.

Sie ist auch die Choreografin des Abends, den ich nun im Schwere Reiter gesehen habe. Eine so schön unspektakuläre freie Spielstätte. Aktuell wird gegenüber der Halle am Leonrodplatz eine neue Spielstätte gebaut, die das Schwere Reiter ab Herbst 2021 beherbergen soll.

Sara, Robert, Lotta, Hillel sind die Vornamen der ProtagonistInnen des Abends in Cristina D’Albertos Tanzperformance „Anthologie/Blütenlese“. Es sind aber auch die Vornamen der MünchnerInnen, die für dieses Projekt interviewt wurden. Es sind ihre Lebensgeschichten, die hier ohne Worte auf die Bühne kamen. Schon das Bühnenbild zeigt, dass es sich um eine sensible Herangehensweise an vier verschiedene Leben handelt.

Von oben würde man vier in vier Richtungen offene Räume sehen, die durch ein zentral auf der Bühne stehendes Kreuz entstehen. Vier zweimannhohe Trennwände, doppelwandig. schlanke Metallrahmen mit leicht durchsichtiger Gaze, zu besagtem Kreuz zusammengestellt, in sanften Farben bespannt. Man kann so fast allen vier TänzerInnen zusehen – die Zuschauer sitzen um die „Bühne“ herum -. Die TänzerInnen halten sich wechselnd jeweils immer in einem der vier „Räume“ auf – man kann von allen etwas erkennen, sofern nicht ruhige Videoaufnahmen von sich bewegenden Naturbildern – Mustern fast nur – auf die Gazeflächen projiziert werden. Das Kreuz wird später aufgelöst, die vier „Lebensgeschichten“ kommen so zusammen.

Natürlich erkennt man nicht konkrete Lebenssituationen, es geht ja nicht um Pantomimik. Die Situationen werden durch Tanz ausgedrückt. Man kann sich treiben lassen, man erkennt, dass eben jedes Leben seinen eigenen Ausdruck finden kann und muss. Man wird angeregt, sich zu den Bewegungen etwas zu denken, sich irgendwie Passendes vorzustellen. Im Programm heißt es, so stehe der Ausdruck durch Tanz im Kontrast zum glitzernden Bild, das man heutzutage so oft von sich ins Internet stellt. Im Kontrast zur Vereinheitlichung auch. Auffallend vielleicht: Es war vielleicht mehr Schmerz, waren mehr Probleme als Freude, die durch die Bewegungen dargestellt werden konnte und musste. Aber auch das hatte in der Darstellung Angenehmes, nicht Leidendes. Angenehm, weil es individuell war. Fast schon ungewöhnlich ohnehin, nicht an Vereinheitlichung zu denken. Deshalb hatte es sich gelohnt.

Copyrght des Beitragsbildes: Gabriela Neeb

THEATER: Falk Richter – TOUCH

Wieder ins Theater – nach längerer Zeit. Ja, es kam mir vor wie ein Wagnis. Seit Beginn der Coronazeit lief Theater allenfalls online. Auch der Online-Hype ließ nach. Aber im Vertrauen auf die mittlerweile entwickelten guten Konzepte der Theater wg. Corona bin ich wieder in die Münchner Kammerspiele. „Touch“, eine Arbeit von Falk Richter. Die erste Inszenierung der ersten Spielzeit in der Intendanz von Barbara Mundel. Und die erste Inszenierung überhaupt von Falk Richter an den Münchner Kammerspielen.

Falk Richter ist ja bekannt als Autor und Regisseur, seit 2020 ist er Mitglied der künstlerischen Leitung des Theaters. Einer der „bedeutendsten Theaterregisseure“ in Deutschland, liest man manchmal. Zuletzt war er mit seiner Inszenierung „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek zum Berliner Theatertreffen 2019 eingeladen. Ich hatte darüber geschrieben. HIER der Link.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspielen.

Meine Eindrücke aus meinem Besuch der Inszenierung Touch muss ich mit allgemeinen Bemerkungen beginnen:

Vielleicht bedingt durch die kleinere Besucherzahl ist mir – im Foyer des Theaters sitzend – die angenehme Atmosphäre dieses Theaterbaus einmal wieder deutlich geworden. Die Münchner Kammerspiele gelten als „das einzige Jugendstiltheater Deutschlands“. Der Bau entstand um 1900, 1901 war die Eröffnung, die Münchner Kammerspiele zogen 1926 in das Gebäude ein. Das Angenehme: Das Auge trifft auf wenige Ecken und Kanten. Überall leicht gerundete Wölbungen des Gemäuers, die Ornamentik an den Decken, die Türen, dazu die in keiner Weise schrille Beleuchtung, angenehme Blicke und und und. Es lohnt sich, hier in ruhigen Minuten einen Blick auf die Details zu werfen.

Der nächste Eindruck: Jeder Besucher, jede Besucherin trug natürlich Maske. Es herrschte Distanz. Nicht nur im Foyer, auch während der Aufführung. Das hat wirklich einen Effekt, der sehr sehr schade ist. Es entfiel das Erlebnis und Vergnügen, das ich bisher bei jeder Veranstaltung sehr genossen hatte: Die Menschen zu sehen, sie kurz zu beobachten, zu treffen. Gespräche entfielen, Kontakte entfielen, Blicke entfielen – das Interesse an diesen Menschen jeden Alters, die in der Regel in den Münchner Kammerspielen wenig mit „Mainstream“ zu tun haben, musste ich aufgeben. Auch das Conviva im Blauen Haus, das üblicherweise Treffpunkt für Gespräche im Anschluss an Veranstaltungen war, hatte bereits geschlossen. Sperrstunde! Es wird hoffentlich irgendwann wieder besser.

Im Theaterraum selbst war jede zweite Sitzreihe entfernt. Dennoch erschien das Theater gut besucht. Vorteil: Man saß bequemer, freier – die Plätze neben mir waren unbesetzt – man fühlte sich nicht verloren. Kurz befiel mich nur ein klein bisschen Unwohlsein, als schlagartig die zahlreichen Türen in den Zuschauerraum vor Beginn der Veranstaltung geschlossen wurden. Warum sperrt man in unseren Corona Zeiten die Zuschauer so ein? Es mögen akustische Gründe sein. Jedes Klassenzimmer aber wird besser gelüftet! Gut, in Klassenzimmern wird auch mehr geredet… Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass man im Grunde im Theater in einem sogar sehr sicheren Raum ist, was Corona anbelangt. Ich werde wieder öfters hingehen.

Zur Inszenierung Touch:

Nach der zweistündigen Inszenierung hatte ich einen Eindruck: Es war durchgängig negativ. Als wäre die Welt morgen zu Ende und heute machte man noch ein Theaterstück darüber! Ich fragte mich: Warum das? Falk Richter bringt immer wieder Rundumschläge. Insoweit ist es politisches Theater. Negatives politisches Theater. Rassismus, Feminismus, Flüchtlinge, Tierquälerei, Klimakatastrophe, das Virus, die Vereinsamung des Einzelnen, die Aggression des Einzelnen gegen andere Menschen, der Untergang der Empathie, das fehlende Gefühl des Menschen für andere Menschen, das fehlende Gefühl für sich selber und und und. Es war mir too much! Falk Richter hat ja Recht, der Mensch schafft es nur, alles zu zerstören, mehr kann er nicht! Trotzdem.

All das, was Richter anspricht, kann wirklich mit gutem Recht kritisiert werden. Es wird ja auch im Laufe des Abends einmal treffend errechnet, dass der Mensch imstande ist, die Welt ruckzuck zu zerstören. Und zwar in Windeseile. Wenn die Geschichte der Erdkugel ein Kalenderjahr wäre, wäre die Zeit der Menschheit vielleicht ein Tag vor Jahresende – so ähnlich. Und wir nennen es dann „Geschichte“. Trotzdem.

Man muss auch sagen: Man braucht viel Kraft, um alle diese Themen immer wieder in ein „Theaterstück„ – besser: einen Theaterabend – packen zu können. Falk Richter macht es immer wieder. Braucht es auch! Aber ist es nicht etwas zu unsensibel, gleich auf alles hinzuweisen? Soll der Abend irgendwie aufrütteln? Mir gefallen dazu Stücke viel besser, die einzelne dieser Aspekte herausgreifen. Da kann man sich selber besser überprüfen.

Das ist ohnehin ein Aspekt, der mir fehlte: Es fehlte jede Art von Sensibilität, Wärme und Empathie. Kalt war schon das Bühnenbild: Auf dem Boden liegende Eisblöcke, im Hintergrund eine Lochkarte oder Ähnliches, siehe oben, Kuben zur Abtrennung der Menschen werden hereingerollt, gesichtslose Masken, große Plastikplanen über den AkteurInnen und und … Ebenso die begleitende „Musik“: Kalt, technisch, nicht melodisch. Matthias Grübel hatte schon mehrfach die Musik für Falk Richters Inszenierungen geschrieben. Der Abend „Touch“ endete mit dem Lied „This mess we‘re in“, was wahrlich gut passte! Auch das aber ist alles andere als ein zartes Lied, eher düster.

Auch die Schauspieler: Sie schauen sich gegenseitig kaum an, auf der Bühne ist viel Aktion, man soll sich sicherlich nicht mit ihnen identifizieren. Es wird keine Geschichte erzählt. Es wird die Zerrissenheit und Einsamkeit der Personen dargestellt. Alle Schauspieler und Tänzer bringen immer wieder Tanzeinlagen. Auch diese Tanzeinlagen zeigen abrupte, verzerrte Bewegungen. Der im Rollstuhl fahrende kleinwüchsige Erwin Aljukic war allerdings ein Erlebnis! Mir ging es so: Er bekam mehr und mehr ein Gesicht, etwas, was man bei einem Menschen in seiner Lebenssituation sicherlich etwas weniger berücksichtigt. Von ihm möchte ich gerne noch mehr sehen!

Schließlich entwirft Falk Richter einen Blick in die Zukunft: Auch der ist aber nicht schön. Die Schauspieler bewegen sich langsam wie im Weltall in Astronautenanzügen mit übergroßen eckigen und durchsichtigen Kopfbedeckungen.

Nun, die Münchner Kammerspiele bieten zu Beginn der neuen Intendanz ein vollbepacktes Programm. Ich werde das ein oder andere sehen können.



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THEATER Online: Lion Feuchtwanger – Exil

Hier ein schöner Hinweis für die Freunde des Theaters: Luk Perceval sollte in dieser Spielzeit zum ersten Mal am Berliner Ensemble arbeiten und zur Spielzeiteröffnung

… Lion Feuchtwangers „Exil„ inszenieren. Corona verhinderte es. Teile des Ensembles nutzen die Zeit für einen mehrwöchigen Workshop, in dem sie sich dem Text und den Figuren annähern.

Auf dieser Suche wurden sie von mehreren Kameras begleitet und man kann online in Form von kurzen Videos am Entstehungsprozess teilhaben.

Luk Perceval über das Projekt: 

Die Pandemie hat uns gezwungen, über alternative Formen nachzudenken, … ohne dass sich Publikum und Ensemble denselben Raum teilen. Und mit welcher Art von Theater man sich zu den neuen Medien ins Verhältnis setzen möchte. Diese und viele andere Fragen stellen wir uns in Exil / Backstage; ein Experiment, das die Intimität der Kamera mit der Suche nach der Wahrhaftigkeit des Theaters zu verbinden versucht. Vier Wochen lang filmen wir den Workshop mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Berliner Ensembles, in dem wir an einer Adaption von Leon Feuchtwangers Roman Exil arbeiteten, einer Geschichte über deutsche Flüchtlinge, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Paris leben. Unsere Suche nach der heutigen Relevanz dieses Romans, und in Erweiterung auch des Theaters, führt zu einer Dokumentarreihe, die dem Publikum Backstage-Einblicke in die Kunst des ‚Nichtwissens‘ des Theaters gibt: die Suche nach dem Sinn, dem Sinn des Textes sowie dem Sinn des Lebens und der Kunst. Ein Weg des Versuchens und Scheiterns, des Scheiterns, des erneuten Scheiterns und des besseren Scheiterns …“

Die einzelnen Folgen sind als fortlaufende Web-Serie ab 5. Oktober 2020 nach und nach auf www.berliner-ensemble.de/exil abrufbar.

Es lassen sich ohnehin auf der Website des Berliner Ensembles unter der Rubrik „BE at home“ sehr viele interessante Videos finden.

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THEATER und LITERATUR: Florian Malzacher – Gesellschaftsspiele (Politisches Theater heute)

Theater und Politik – es sind ja zwei völlig verschiedene Welten. Für die Politik sollte Realität zählen, Politik basiert – in unseren Landen zumindest – auf Repräsentation aller. Da gelten Regeln. Für das Theater zählt Anderes. Alles, was im Grunde – Gott sei Dank – mit Politik nicht vereinbar ist, was von der Realität (mal mehr, mal weniger) wegführt. Es geht um Interpretation, um Ausdruck, Träumerei, Subjektivität, um Erschütterung, Kunst, Freigeist, all das und viel mehr. Aber auch um Kritik auf ihre Art.

Alles, was der Mensch immer wieder braucht, um nicht ausschließlich von der verdammten, gefährlichen sogenannten Realität gesteuert zu werden, das ist doch Kunst. Natürlich hat Theater dabei oft auch eine politische Kraft. Teils ungewollt, teils gewollt und beabsichtigt.

Nur: Wo sind denn die Schnittpunkte von Theater und Politik? Was ist noch Theater, was ist Politik? Darf, sollte oder müsste Theater auch Politik – besser: „Politisches“ – machen? Wann und vor allem wie wird der Zuschauer politischen Überlegungen ausgesetzt? Wann und wie macht Theater denn heutzutage Politik? Leben wir nicht in einer Zeit, in der das Theater viel Politisches bringen muss, weil so viele grundlegende Änderungen anstehen?

Das sogenannte „Politische Theater“ gibt es ja schon lange, im Grunde schon immer. Auch die griechischen Tragödien oder Shakespeare oder oder kann man ja politisch sehen. Ja, wir leben in Zeiten, in denen politisch sehr sehr viel getan werden muss und wir alle aufpassen müssen, wohin der Weg geht.

Eine aktuelle Bestandsaufnahme über HEUTIGE Ansätze politischen Theaters bringt das Buch „Gesellschaftsspiele“ (mit dem Untertitel „politisches Theater heute“) von Florian Malzacher, das ich gelesen habe. Ich habe es gelesen, da z. B. Falk Richter – künftig knstlerischer Leiter und Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen – in seinen Stücken gerne politische Aussagen vermittelt. Oder Christoph Schlingensief, dessen Filmportrait ich kürzlich besprochen habe: Er stand oft genug an einer Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. Sein Vorteil war ja, dass seine Aktionen fast immer als Kunstaktionen, nicht als Politik zu interpretieren waren. Das machte ihn freier.

Nun zum Buch von Florian Malzacher, das den Blick auf heutiges politisches Theater schärft.

Es ist keine leichte Lektüre. Schon die Kapitel, die man liest, sind anfangs überschrieben mit Begriffen, mit denen man zum Teil in Bezug auf Theater auf den ersten Blick recht wenig anfangen kann: „Repräsentation“, „Identitätspolitiken“, „Partizipation„. Danach kommen verständlichere Kapitelbezeichnungen: „Kunst und Aktivismus“, „Theater als Versammlung“.

Das Buch bleibt gottseidank nicht bloße Theorie. Es ist theoretisch gehalten, man muss es, schien mir, im Grunde zweimal lesen, es wird aber immer wieder gestützt durch Bezugnahme auf verschiedenste Aufführungen oder Projekte aus der „politischen“ Theaterwelt der letzten Jahre. Teils sehr bekannte Projekte von Christoph Schlingensief, Anta Helena Recke, Gintersdorfer/Klaßen, Rimini Protokoll, Lotte van den Berg, Zentrum für Politische Schönheit, Pussy Riot, Jonas Staal, Public Movement, Milo Rau und andere werden angesprochen.

Zu den einzelnen Kapiteln des Buches:

Repräsentation: Malzacher stellt zunächst die Frage, wer denn auf der „Bühne“ wen repräsentiert? Hierin steckt ja das erste politische Merkmal. Schwarze Schauspieler in einem bayerischen Stück (Mittelreich)? Behinderte (HORA)? Frauen? Androide? Dinge? Die Natur? Welche Auswirkungen hat die Repräsentation auf der Bühne auf den Zuschauer?

Identitätspolitiken: Dieses Kapitel hängt stark mit dem vorhergehenden zusammen. Es werden ja, so Malzacher, immer wieder Identitäten von – meist benachteiligten – Gruppen definiert. Dieses Suchen und Benennen von Gruppenidentitäten kann natürlich zur Spaltung der Gesellschaft führen. Malzacher schreibt:

Ein Theater, das sich selbst als politisch begreift, muss ein Bewusstsein für seine Wirkungen – auch seine Nebenwirkungen – haben. Das bedeutet zunächst einmal ganz simpel: zu versuchen, niemanden auszuschließen, zu benachteiligen, zu beleidigen und das Leiden anderer nicht durch bestimmte Formen der Darstellung zu verniedlichen.

Es bleibt ein Spagat: Unterschiedliche Benachteiligungen zu erkennen, anzuerkennen und zu bekämpfen – und zugleich Spaltungen zu überbrücken in einer Zeit, in der größere Allianzen progressiver Gruppen dringend nötig sind, um sich der immer realer werdenden Bedrohung von rechts entgegenzustellen.

Partizipation: Malzacher schreibt hier:

Wo Theater politisch sein will, muss es sich mit der Frage nach Teilhabe auseinandersetzen …

Teilhabe, „Mitmachtheater“ und – heute sehr aktuell – Immersion, also Eintauchen in eine erstellte Realität – Go in instead of look at. Freiwilligkeit – Unfreiwilligkeit, Aktivismus – Pazifismus, Konfrontation und Fürsorge, das und mehr sind Themen dieses Kapitels

Kunst und Aktivismus: Auch das ist ein weites Feld im Bereich „Politisches Theater“. Aktivismus spielt sich in diesem Bereich weniger auf Theaterbühnen ab. Gemeint sind eher Aktionen wie etwa diejenigen von Christoph Schlingensief oder vom Zentrum für Politische Schönheit. Auch sie müssen genaustens vorbereitet sein und dürfen nicht rein politische Bedeutung erhalten. Es geht oft um kurzfristige Verwirrung des Betrachters.

Theater als Versammlung: An den Münchner Kammerspielen wird in der nächsten Spielzeit ein Stück mit dem Titel „The Assembly“ laufen. Was ist Theater an einer Versammlung? Es sind meist Versammlungen, die eben nicht stattfinden. Die damit andere Stimmen zur Sprache bringen. Malzacher schreibt:

… neue Kollektivität: eine Praxis, bei der Kunst, Theater, Performance, Aktivismus und Politik zusammenkommen… Einerseits sind diese Versammlungen künstlerische Setzungen, andererseits stehen sie in direkter Verbindung mit sozialen und politischen Bewegungen, denen sie ihr künstlerisches Potenzial zur Verfügung stellen.

Bekannt ist vor allem Milo Rau in diesem Bereich. Das Congo Tribunal, General Assembly, die Moskauer Prozesse. Malzacher geht hier aber auch auf viele andere Beispiele dieser Art ein. Es ist ein weites und gern genutztes Feld, Theater und Politik zu verbinden.

Politisches Theater ist also sehr komplex, aber auch sehr aktuell. Das Buch „Gesellschaftsspiele“ kann beim Alexander Verlag in Berlin geordert werden. HIER der Link.


THEATER: Die Deutsche Bühne – Falk Richter

Die Ausgabe 09/20 des Theatermagazins „Die Deutsche Bühne“ wird die Freunde der Münchner Kammerspiele interessieren. Aufmacher des Heftes ist Falk Richter, der ab dieser Saison künstlerischer Leiter bzw. Hausregisseur der Münchner Kammerspiele ist.

HIER die Bestellseite des Verlags.

Das Portrait von Falk Richter geht jetzt nicht besonders in die Tiefe, aber es vermittelt noch einmal ein Bild. Falk Richter verfolgt ja – bisher jedenfalls – die großen Themen, beleuchtet eher unsere Gesellschaft und unser Leben insgesamt, anstatt umgrenzte Einzelthemen anzugehen. Das kann meines Erachtens schnell zu pauschal, zu jugendlich-rebellisch werden (er ist ja auch schon knapp über 50 Jahre alt), aber wir werden es sehen. Auch die Frage, ob und wie er das Thema Corona in seinen Inszenierungen aufgreifen wird, ist interessant.

Das Heft 09/20 von DIE DEUTSCHE BÜHNE beschäftigt sich ansonsten fast durchgehend mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Theaterbetrieb. Wie bereiten sich die Theater vor? Was ändern sie für die Zuschauer? Wie könnten sich die Inszenierungen ändern? Welche Onlineformate könnten weiterhin Erfolg haben? Wie haben SchauspielerInnen die vergangenen Monate erlebt? Wie ändern sich die ZuschauerInnenerlebnisse? Und so weiter. Es gibt interessante Ansätze, wir kommen den Fragen ja nicht aus.

Und zusätzlich liest man News der deutschen Theaterwelt (Personalien, Preise etc.)

Hier das Inhaltsverzeichnis, zwei Seiten:

THEATER: Forced Entertainment – Complete Works: Table Top Shakespeare

Ich mag schon lange die britische Performergruppe Forced Entertainment. Aus Sheffield. Es gibt sie – unter der Leitung von Tim Etchells – schon seit mehr als 35 Jahren! Sie touren mit ihren skurrilen „Projekten“ seit vielen Jahren um die ganze Welt. Beim Berliner Theatertreffen waren sie vor wenigen Jahren mit REAL MAGIC eingeladen, waren vor wenigen Jahren einmal an den Münchner Kammerspielen zu sehen und „schenkten“ zuletzt dem Initiator des SPIELART Festivals in München zu dessen Jubiläum drei ihrer berüchtigten „durational performances“, die teilweise 24 Stunden lang dauern.

Jetzt wagen sie sich – eigentlich völlig untypisch – erstmals an Theaterklassiker heran. Noch dazu an William Shakespeare. Und noch dazu an sämtliche seiner Werke! Ab morgen, dem 17.09.2020, bringen sie online wochenlang – jeweils an vier Tagen pro Woche – sämtliche Werke von William Shakespeare in eigenwilligen Fassungen. So geht es durch bis zum 15. 11. 2020, beginnend jeweils um 20.00 Uhr! Es sind 36 Abende, hinzu kommt jede Woche ein Abend für „discussion“. Macbeth ist das erste Stück.

Mithilfe von Küchengegenständen erklären sie die Inhalte aller Stücke von William Shakespeare. An einem blanken Holztisch sitzend spielt und erklärt jeweils ein Mitglied der Gruppe eines der Stücke. Mit eigenen Worten natürlich.

Es werden für Forced Entertainment untypische Abende sein, denke ich. Ich kenne sie eher so, dass sie zum Denken anregen, etwas betroffen machen. Trotzdem: Esmag sich lohnen – man sollte gut Englisch können -, sich das ein oder andere Werk von William Shakespeare auf diese Weise zeigen zu lassen. Ich bin gespannt.

HIER der Link zur Projektseite, auf der die Termine der Reihe „William Shakespeare: Complete Works“ zu finden sind.

Und HIER der Link zum ersten Abend des Projektes.

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SONSTIGES: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

Am 21. August jährte sich zum zehnten Mal der Todestag von Christoph Schlingensief. Genau zu diesem Todestag kam ein Dokumentarfilm über Christoph Schlingensief in die Kinos, der schon im Februar erscheinen sollte. „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“. In München wird der Film derzeit in vier Kinos gezeigt.

Der Film läuft derzeit in den Kinos City, Studio Isabella, Monopol, und Neues Rottmann. HIER die Termine. 

Ich habe den Film am Wochenende gesehen. Es ist die erste Regiearbeit von Bettina Böhler, die – sehr erfahren und anerkannt – in zwei Filmen als Cutterin für Schlingensief gearbeitet hatte. Er war auch kurz als Onlineangebot auf der Website der Münchner Kammerspiele zu sehen. Matthias Lilienthal, bis vor kurzem Intendant der Münchner Kammerspiele, zählte Christoph Schlingensief zu seinen besten Freunden. Beide kannten sich aus ihrer Zeit an der Berliner Volksbühne.

Der zweistündige Film ist beeindruckend. HIER der Trailer.

Man hatte im Anschluss an den Film das bedrückende Gefühl, das Leben einer Person gesehen zu haben, die in dieser Art einfach fehlt. In totaler Subjektivität, einzigartig, immer wieder seine Zuschauer fordernd und überfordernd, aber mit dem Gefühl, den Menschen im Grunde helfen zu wollen.

Es ist unglaublich, durch den Film allein schon ansatzweise zu sehen, was Christoph Schlingensief in seinen leider nur 49 Jahren alles auf die Beine gestellt hat. Wie er gelebt hat, seine Produktivität, seine Kraft für alles, sein Drang zu kommunizieren. In einem Gespräch mit Amelie Fried sagt er dazu: Er wolle nicht provozieren, sondern es sei „Obsession„. Er hörte oft garnicht auf zu reden. Ja, Obsession, er lebte wohl jede Minute seines Lebens für das künstlerische Kommunizieren seiner besonderen Sichtweise. Für seinen Ausdruck.

Es zählt dabei sicherlich zu den großen Qualitäten von Christoph Schlingensief, dass er andere Menschen mit seinen immer wieder auch provokativen Auftritten und Produktionen nicht persönlich angegriffen oder verletzt hat, sondern allenfalls aufgerüttelt hat. Er wollte sich nie auf Kosten anderer Menschen produzieren. Das mag ein Unterschied zu heutigen provokativen Auftritten und Meinungsäußerungen sein. Heute geht es schnell darum: „Du hast nicht recht, ich habe recht“. Sehr statisch.

Christoph Schlingensief dagegen hat nichts statisch gesehen. Er verstand sich nicht politisch (da geht es viel eher um „Rechthaberei“), seine Sicht der Dinge war nicht politisch, sondern künstlerisch. Auch Aktionen wie „Tötet Helmut Kohl“ waren, merkte man schnell, von ihm nicht politisch ernst gemeint, sondern als künstlerische Überhöhung.

Zuspitzung, Überhöhung, auch mit Humor, gutmütig, aber herausfordernd, sich selbst nicht zu ernst nehmend, immer intellektuell, mit einer irren Kommunikations- und Lebenslust.

Viele der Produktionen und Aktionen von Christoph Schlingensief, vor allem seine Filme der jungen Jahre – die er erstellte, bevor er Arbeiten an der Berliner Volksbühne bringen konnte – sind im Grunde fast völlig unverständlich. Bettina Böhler bringt von vielen dieser Arbeiten kurze Filmausschnitte, die natürlich auch oft unverständlich bleiben. Sie mischt diese „Zitate“ immer wieder mit Ausschnitten von Gesprächen mit Christoph Schlingensief und mit Bildern aus seiner Kindheit und Jugend. Es sind Bilder aus einer anderen, einer (eingebildet) „heilen“ Welt. „Heile Welt“ gab es für Christoph Schlingensief nicht. Völlig verständnislos, aber wohl immer kritik- und vorwurfsfrei, sieht man mehrmals seine Eltern neben ihm. 

Es gibt interessante Videos von Gesprächen mit Christoph Schlingensief auf YouTube. HIER etwa ein längeres Gespräch mit Katrin Bauernfeind, das geführt wurde, als Christoph Schlingensief schon wusste, dass er an Krebs erkrankt war. Er spricht auch von Überforderung der Lebenslinie – die Lebenslinie, die er zu Beginn des Films zwischen Toleranzgrenzen auf einem großen Plakat einzeichnet.

Zu schade, er fehlt, er würde uns guttun, wir brauchen solche seltenen Menschen immer wieder.

HIER noch eine gute Besprechung des Films auf ZEIT online.

THEATER und LITERATUR: Gob Squad -What are you looking at?

Zuletzt hatte ich im Blog über Falk Richters Buch „Disconnected“ geschrieben. HIER der Beitrag. Jetzt habe ich ein kleineres Büchlein über die Performancegruppe Gob Squad gelesen. Beide Bücher passen wegen ihrer Gegensätzlichkeit gut zusammen. Siehe unten.

Ich habe ja etwas mehr Zeit momentan, bin ja momentan aus bekannten Gründen nicht ständig im Theater. Das Büchlein über Gob Squad ist auch aus dem Programm des Alexander Verlags. HIER der link zur Buchseite im Webauftritt des Verlags.

Das Büchlein über Gob Squad erscheint beim Alexander Verlag in der noch nicht abgeschlossenen Buchreihe »Postdramatisches Theater in Portraits«, Mitherausgeber der Reihe ist übrigens Florian Malzacher, von dem ich in Kürze etwas berichten werde.

Gob Squad gehört ja zu den „alten Hasen“ des Performancetheaters. Seit über 25 Jahren gibt es die Truppe. „Dinosaurier“ des Performancetheaters wurden sie schon genannt. Aber sie sind immer wieder aktuell interessant. So etwa, wie Forced Entertainment oder einige andere Performergruppen. Siehe den link zur Auflistung von Performancegruppen im Blog rechts! Ich mag Performance eben.

Man liest im Büchlein „What are you looking at?“ (Titel einer der ersten Arbeiten von Gob Squad) über die Entstehung von Gob Squad, über die Ansätze bei ihren ersten Arbeiten, über ihr Verständnis, und man liest ein langes Interview mit den Mitgliedern von Gob Squad zu Gob Squads Ansichten und Erfahrungen zu ihren Arbeiten.

Gob Squad war in den vergangenen Jahren auch mehrfach an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Vor fünf Jahren mit dem irgendwie schönen, weil völlig entfremdeten Abend „War and Peace“, einer „Arbeit“ zu Tolstoi’s „Krieg und Frieden“, und mit „Creation“, das auf Oskar Wilde’s „Bildnis des Dorian Gray“ basierte. Vielleicht waren sie auch noch einmal an den Kammerspielen, es fällt mir gerade nicht ein. Ansätze der genannten beiden Abende waren jedenfalls die bekannten Werke der Weltliteratur, gemacht wurde daraus aber – typisch für Gob Squad – etwas sehr Persönliches, völlig Anderes.

Falk Richter und Gob Squad verfolgen völlig unterschiedliche Konzepte. Während Falk Richter – mit teilweise ja fast aggressive Attitüde – auf den Einzelnen in der Gesellschaft blickt, ihn in das Zentrum seiner Betrachtungen stellt (Thema: Der/die Einzelne, der/die durch die Gesellschaft quasi zerstört wird), zählt für Gob Squad nur das Kollektiv, das Gemeinsame. Gemeinsam im Team und gemeinsam mit den Zuschauern, das ist deren konsequenter Ansatz. Es gibt bei Gob Squad keine Hierarchie, keine „Präsentation“ für den Zuschauer nach der Idee eines Regisseurs.

Statt „Disconnected“, wie es bei Falk Richter heißt, müsste es bei Gob Squad „Connected“ heißen. Insoweit ist das Büchlein über Gob Squad gerade im Vergleich zu Falk Richters Buch „Disconnected“ interessant zu lesen.

Gob Squad geht es dabei immer um persönliche Erfahrungen. Erfahrungen der Personen auf der Bühne und Erfahrungen im Zuschauerraum (oder sonst wo, je nachdem, wo was gebracht wird). Es geht oft um den Alltag, den jeder erlebt. Der Alltag, der gerne poetisch überhöht wird, an dem dann durch die Überhöhung Dinge auffallen. Etwa das Älterwerden in „Creation“.

Alles entsteht im Team. Die Personen auf der Bühne sind nicht Schauspieler, sie sind die Personen, die sie sind. Die Zuschauer könnten sich oftmals sagen: Das auf der Bühne könnte ich sein! Es geht nicht um die Institution „Theater“.

Das Fragile im Alltag, darum geht es. Bei Krieg und Frieden etwa die Frage: Was ist für mich Krieg und was ist für mich Frieden? Und abgesehen von diesen persönlichen Fragen des Einzelnen geht es Gob Squad immer um Interaktion. Interaktion des Teams in der Ideensammlung, in der Vorbereitung, auf der Bühne, innerhalb der Gruppe der auftretenden Personen und Interaktion mit den Zuschauenden. Es geht Gob Squad nicht um eine Botschaft, sondern um die Schaffung einer Situation, in der etwas entstehen kann.

Ein schöner Ansatz, finde ich. Schöner als der moderne Ansatz, nur auf sich selbst zu schauen und die Anderen noch dazu schlechter zu finden.

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SONSTIGES und MUSIK: Wim Wenders (Sonstiges) und Ry Cooder – Cancion Mixteca (Musik)

Derzeit kann in der ARD Mediathek eine umfassende Werkschau von Wim Wenders zu dessen 75. Geburtstag gesehen werden. HIER der link zur Website der Werkschau der ARD mit wirklich einer Menge Filme! Nicht nur Filme, auch Dokumentationen und Gespräche finden sich dort.

Ich habe mir zunächst PARIS, TEXAS herausgegriffen und festgestellt, dass ich diesen – vielleicht besten (sagt man) – Film von Wim Wenders NICHT einmal kannte! Ein Klassiker! Gut, ich war nie der große Filmfreak. Ich hoffe aber, dass ich noch für den ein oder anderen Film in dieser Werkschau auf ARD Zeit finden werde.

Der Film PARIS, TEXAS hat mich sehr beeindruckt! Die Aufnahmen alleine! Man sieht es im Video unten. Jedes Bild ist ein Gemälde. Massenhaft sieht man fantastische Einstellungen! Allein das lohnt sich. Letztlich ist der Film dann gerade durch die letzte halbe Stunde tief beeindruckend! Auch das lohnt sich einfach! Man sieht hierin – neben der zentralen Figur, die von Harry Dean Stanton gespielt wird – vor allem eine junge, so stark spielende Nastassia Kinski. Auch von ihr sieht man Bilder im Video unten.

HIER ist der direkte link zum Film PARIS TEXAS. Die gesamte Werkschau ist auf ARD noch bis zum 14.09.2020 zu sehen!

Der Film PARIS, TEXAS wird getragen von der Musik von Ry Cooder. Hier ist einer der Songs daraus, wobei auch das Video – wie gesagt – tolle Bilder aus dem Film zeigt. Für Filmfreunde ein Fest.

THEATER und LITERATUR: Falk Richter – disconnected

Falk Richter, der Theaterregisseur, der wegen einiger seiner Stücke – meist Stücke, die er selbst geschrieben hat – sehr bekannt (international bekannt) geworden ist. Andererseits ist er wegen rechtlicher Auseinandersetzungen mit der AfD zu seinem Stück FEAR bekannt geworden. Hierzu etwas mehr weiter unten.

Über 35 eigene Theaterstücke hat Falk Richter in etwas über 25 Jahren bisher entwickelt. Er ist ab der kommenden Spielzeit Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Die Münchner Kammerspiele schreiben über ihn:

„Autor und Regisseur, 1969 in Hamburg geboren, studierte Theaterregie in Hamburg … Hausregisseur an der Schaubühne Berlin sowie am Maxim Gorki Theater und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Zu seinen wichtigsten Werken zählen u. A. die weltweit gespielten Stücke „Electronic City“, „Unter Eis“, „Trust“ und „Fear“. … Einladungen zum Berliner Theatertreffen und Nominierung für den Mülheimer Dramatiker*innen-Preis … zuletzt 2020 mit „In My Room“. Uraufführung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg … wurde er zum Regisseur des Jahres 2018 gewählt. … Professor an der Danish National School for Performing Arts in Kopenhagen.“

Ich habe von ihm auf dem Berliner Theatertreffen 2019 die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ gesehen. In meinem Blog habe ich aus dieser Inszenierung auch zwei Musikstücke gebracht. „Fade Into You „ von Mazzy Star (HIER) und „Frank‘s Dance Peace“ (HIER), Musik des Theatermusikers Matthias Grübel, der in dieser Inszenierung für die Musik verantwortlich war. Theater, Musik und Tanz sind ja die drei Bereiche, die Falk Richter gerne verbindet, so wie es auch für die kommenden fünf Jahre an den Münchner Kammerspielen angekündigt ist.

Vor knapp zwei Jahren hatte Falk Richter ein Buch veröffentlicht, in dem er seine Auffassung von Theater erklärt. Es heißt „DISCONNECTED“ mit dem Untertitel „Theater Tanz Politik“. Ich habe es gelesen. Freunde der Münchner Kammerspiele werden Interesse an diesem Buch haben, da doch davon ausgegangen werden kann, dass Falk Richter auch weiterhin die dort erklärten Auffassungen vertreten und in gewisser Weise zur Basis seiner Inszenierungen machen wird.

Das Buch erscheint im Alexander Verlag Berlin. HIER ist der Link zur Buchseite des Alexander Verlags.

Falk Richter ist ein politisch und gesellschaftskritisch arbeitender Autor und Theateregisseur. In DISCCONNECTED geht er auf einige seiner Produktionen ein, die allesamt immer auch seine Sicht der Gesellschaft in unseren Sphären – die westliche Welt – widerspiegeln. Es sind vor allem seine Stücke „Trust“, „Das System“, „Unter Eis“, „For the Disconnected Child“, „Safe Places“, „Small Town Bodies“, „Complexity of Belonging“.

Zu seinem Stück FEAR musste er viel Kritik einstecken. Auf Wikipedia heißt es dazu:

“Die Inszenierung von FEAR beschreibt Katharina Röben in der Zeitung Die Welt als „überraschend konkret“, sie setze „reale Akteure in den Fokus“ und ergründe „die Angst hinter Hass und Fremdenfeindlichkeit“. Allerdings verharre sie „in einer exakten Bestandsaufnahme – aktuell, rhythmisch, bekannt“, sie liefere „zwar keine Antworten“, sei „aber herrlich komisch, albern und performativ“. ZEIT – Journalist Daniel Müller empfand das Stück als „hart“ und „eindrücklich“. Rechtswidrig sei es nicht. Es gehe „in Richters Stück um die Frage, wie diese gefährlichen Gedanken wieder aus der Welt zu schaffen sind. Die Gedanken, wohlgemerkt, nicht die Menschen, die sie in die Welt tragen“. Dagegen bezeichnete der Welt – Theaterkritiker Jan Küveler das Stück als „traurige“ und „feige“ Veranstaltung, die nicht an Tabus rühre und lediglich Vorurteile und Klischees bediene. Alexander Kissler diagnostizierte im Onlineangebot der Zeitschrift CICERO, der Abend propagiere „Vernichtung, nicht Diskurs“. Er sei „eine Kampfansage, kein Diskussionsangebot“ sowie eine „intellektuelle Bankrotterklärung“. Peter Laudenbach bilanzierte (HIER) in der Süddeutschen Zeitung, das Stück unterliege der „gleichen Logik wie die rechten Foren und Blogs, deren Teilnehmer einander zu immer schrilleren Ausfällen gegen Demokratie, Presse, Kanzlerin und sonstige Andersdenkende anstacheln: Diskursunfähigkeit als Programm“.

Ich konnte diese Anmerkungen ein wenig verstehen, als ich das Buch „Disconnected“ las. Das Buch geht zurück auf drei im Januar 2016 im Rahmen der fünften Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik gehaltene öffentliche Vorträge. Man liest darin im Grunde nicht etwas über künstlerische Aspekte des Theaters heute, sondern Gesellschaftskritik mit meines Erachtens etwas unschönem, zu pauschalem Unterton.

Die Kernaussagen von Falk Richters umfassender Gesellschaftskritik, die sich allein schon im Buchtitel „Disconnected“ widerspiegeln, lauten: Entfremdung des Individuums von sich selbst, vom Gegenüber und von der Gesellschaft – Einsamkeit, Entfremdung, Erschöpfung, Resignation, Überforderung – Unfähigkeit zur Nähe, gesellschaftlicher Druck zur Selbstentfremdung durch Selbstoptimierung – Zurichtung des Menschen durch die Marktverhältnisse!

All das schreibt Falk Richter der gesellschaftlichen Entwicklung der westlichen Welt zu. Starke Worte, die in vielerlei Hinsicht Berechtigung haben. Mir missfielen aber im Buch zwei Aspekte:

– Es ist zu viel und zu negativ: So wirkt es fast kindisch, all diese Aspekte aufzuführen, ohne wirklich ins Detail zu gehen. Das Buch strotzt von – wahrscheinlich locker über einhundert – Fragen zu diesen Aspekten. Antworten können natürlich kaum geliefert werden. Ob und welche Antworten hierzu in den Theaterstücken geliefert werden, kann ich noch nicht beurteilen.

Seine Inszenierungen sind oft Collagen mit vielen Brüchen, es sind nicht durchgehende „Geschichten“. Der Zuschauer wird hin- und hergeschleudert. Falk Richter bevorzugt es dabei, Situationen und Gefühle der Menschen gerade durch Tanz und Bewegung (Anouk van Dijk) darzustellen. Ich fürchte nur, dass man Hass und Zerrissenheit etwa durch Tanz besser darstellen kann, als Tendenzen zu möglichen Antworten auf die vielen aufgeworfenen Fragen und Beobachtungen. So bliebe es dann auch auf der Bühne allein bei der Bestandsaufnahme, der Bemängelung vieler Dinge.

– Der zweite Aspekt, der mir missfiel: Die Erläuterungen von Falk Richter haben insoweit teilweise fast einen aggressiven Unterton. Nicht explizit, aber es wird so viel Unwohlsein gegenüber den aufgegriffenen Aspekten und Personen erzeugt, dass man fast aggressiv werden könnte. Dies scheint auch einer der Gründe zu sein, warum Falk Richter mit seinem Stück FEAR stark kritisiert wurde. Aussagen und Darstellungen gegen Rechtspopulisten der AfD wurden, so die Kritik, mit fast den selben unschönen Mitteln gebracht, die kritisiert werden sollten.

Das Buch „Disconnected“ ist insoweit eine grobe Anhäufung gesellschaftspolitischer Aspekte, die Falk Richter umtreiben. Wir werden sehen, welche Aspekte davon in nächster Zeit von ihm in seinen Produktionen an den Münchner Kammerspielen zur Geltung gebracht werden.

Hoffentlich wird er die Themen etwas sensibler, fantasievoller und nicht so einseitig vorwurfsvoll bringen, wie es im Buch DISCONNECTED geschieht. Hoffentlich auch mit ein bisschen mehr Sinn für Details als es im Buch DISCONNECTED geschieht. Andererseits: Klar, man darf natürlich auch einmal pauschal und gröber arbeiten. Es bleibt spannend an den Kammerspielen – nach der Zeit unter Matthias Lilienthal, die mir gegenüber von mehreren Kennern und Liebhabern der Theaterwelt als „Geschichte“ bezeichnet wird. „Wir haben Geschichte erlebt“, hörte ich.

MUSIK: Leon Bridges – River

Man kennt ihn erst seit wenigen Jahren. Der in Atlanta geborene Leon Bridges, aufgewachsen ist er in Texas. Er hat sich dem Soul der 1960er Jahre hingegeben, sagt man, man höre etwas von Otis Redding oder Sam Cooke etwa. Eine tolle, kräftige, sehr klare Stimme hat er.

Ja, Otis Redding höre ich da auch! Schon die Langsamkeit des Songs und die Stimme! Schön! Erst im Sommer 2015 kam sein erstes Album heraus. Nach der gewaltsamen Tötung des Afroamerikaners George Floyd veröffentlichte Leon Bridges kürzlich dann vorgezogen die aktuelle Single Sweeter.

„River“ ist ja wieder ein irgendwie melancholischer Song, das gefällt mir ja oft. Lieber einen Schmerz in der Stimme, finde ich , als nur Fröhlichkeit.

Ich bringe zwei Versionen. Die zweite Aufnahme unten – nach den Lyrics – ist eher ein kleiner stimmungsvoller Film zur Musik, Intro und Abspann. Aber man hört den Song „River“ – ab Minute 1:35.

Die lyrics dieses leider recht kurzen Songs „River“ sind:

Been traveling these wide roads for so long
My heart’s been far from you
Ten-thousand miles gone
Oh, I wanna come near and give ya
Every part of me
But there is blood on my hands
And my lips aren’t clean
In my darkness I remember
Momma’s words reoccur to me
„Surrender to the good Lord
And he’ll wipe your slate clean“
Take me to your river
I wanna go
Oh, go on
Take me to your river
I wanna know

Tip me in your smooth waters
I go in
As a man with many crimes
Come up for air
As my sins flow down the Jordan

Oh, I wanna come near and give ya
Every part of me
But there is blood on my hands
And my lips aren’t clean

Take me to your river
I wanna go
Go on
Take me to your river
I wanna know

I wanna go, wanna go, wanna go
I wanna know, wanna know, wanna know
Wanna go, wanna go, wanna go
Wanna know, wanna know, wanna know
Wanna go, wanna go, wanna go
Wanna know, wanna know, wanna know

Take me to your river
I wanna go
Lord, please let me know
Take me to your river
I wanna know

Und hier also von demselben Song eine schöne Videoversion:

THEATER: Aussicht

Es ist ein Foto einer Wand, mehr nicht. Ein Foto von zweimal „Aussicht“. Beides passt irgendwie zusammen. Einmal der staunende Blick in die Landschaft – eine Szene aus „Caspar Western Friedrich„, das schöne, fast wortlose Stück an den Kammerspielen aus 2016, das vielen Münchnern unverständlich blieb. Und einmal im Wort.

Wie geht es weiter? Die Frage stellt sich immer wieder. Momentan besonders. Auch im Hinblick auf das Theater fragt sich natürlich: Wie geht es weiter? Man wird es im Herbst sehen – etwa in München, an den Kammerspielen, dem Residenztheater, dem Volkstheater, dem Metropoltheater, dem HochX und und und. Wie wird sich Theater verändern? Wie wird sich der/die Zuschauer/in verändern? Kann es überhaupt weitergehen? Und Theater selbst ist ja „Aussicht“. Immer mit der Frage: Wohin schaut man als Theatermacher? Wie schaut man? Schaut man ernst? Fröhlich? Zuversichtlich? Besorgt? Mein Gott, es ist alles so vielschichtig! Aber es genügt ja schon, wenn an EINER Schicht gekratzt wird, mehr geht nicht. Aber wenigstens kratzen, das finde ich immer gut. Nicht nur belustigen. Die Kammerspiele etwa. Dort schaute man immer sehr offen in die Welt und war wahrscheinlich sogar selber immer wieder überrascht, wie es einen selbst verändert, offen und tolerant, mit Respekt vor allem, Ausschau zu halten, sich zu begegnen. Warum sollte man auch allzu viel festzurren und darauf beharren? So war, glaube ich, auch eine recht besondere Atmosphäre an den Kammerspielen entstanden in den vergangenen fünf Jahren. Ich hatte es ja selber gemerkt und sehr geschätzt. Samouil Stojanov, Mitglied des Ensembles der Kammerspiele in den vergangenen fünf Jahren, sagte kürzlich in einem Interview, „die Leute wären baff“, wenn man dort noch ein paar Jahre zusammengeblieben wäre. Ja, Aussichten haben eben immer viel Potential …

... hier höre ich auf mit diesem Text. Werde ihn aber immer wieder ergänzen. Ich wollte eigentlich nur das Foto bringen, es gefällt mir irgendwie.

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THEATER: Opening Ceremony

Am Samstag, den 11. Juli 2020, fand die Abschlussveranstaltung der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen statt. Natürlich vor einer begrenzten Besucherzahl. Ursprünglich waren coronabedingt 200 Gäste genehmigt, einige wurden nachgenehmigt.

Vielleicht waren es am Ende 400 Zuschauer. Der Ort war großzügig gewählt. Am Eingangsbereich standen mehrere Menschen, die ein Schild vor sich hielten: „Karte gesucht!“

Von vornherein konnte man sich wundern: Der Titel der Abschlussveranstaltung: „Opening Ceremony“ – der Ort der Veranstaltung: Das Münchner Olympiastadion – das „Setting“: Etwas, was nichts mit Theater im herkömmlichen Sinne zu tun hat! Umso treffender war es!

Hier Eindrücke vom faszinierenden Münchner Olympiastadion. Etwas verbleichte Handyaufnahmen (mit Ausnahme der letzten beiden:

Die „Konkurrenz“ (besser: „Nachfolgerin“) des Olympiastadions, die Allianz Arena, kam im Laufe der Veranstaltung zur Erwähnung. Nach der Veranstaltung sagte mir eine Dame völlig zu Recht: Die Atmosphäre des Olympiastadions ist einzigartig, ganz besonders:

Die Allianz Arena ist ein Bauwerk, ein architektonischer Koloss, vor dem man fast Angst haben muss. Das Olympiastadion ist Architektur für den Menschen! Das Stadion … die Weite … die Schwingungen der Gebäude … die Blicke … die Offenheit … die Farben … die Hügeligkeit des Geländes … das sagenhafte Olympiadach … die Geschichte des Olympiazentrums! Siehe die Fotos! Die Atmosphäre, das war es an diesem Tag! Bei fantastischem Wetter, vormittags hatte es noch geschüttet.

Das Besondere am Olympiastadion ist vielleicht auch etwas, was während der Veranstaltung von einem der Schauspieler gesagt wurde: Von außen kann man das Innere spüren und von innen das Äußere. Ganz anders als bei der Allianz Arena, auch das wurde erwähnt.

Mein Gefühl auf dem Weg zum Stadion war außerdem: Man besuchte nicht eine „Veranstaltung“, einen „Veranstaltungsort“. Man zog in eine Welt, in die Weite und Leichtigkeit des Olympiageländes. Das Gefühl der weiten Welt. Mit diesem Gefühl, das beim Oympiapark irgendwie besonders mitschwingt, ging ja auch Matthias Lilienthal vor fünf Jahren in die Intendanz der Münchner Kammerspiele.

Insoweit passte der Ort!

Allerdings kam Matthias Lilienthal nicht mit dem Motto: „Wie schön ist alles, lasst uns die Vielfalt der Welt feiern!“ Sondern eher mit dem Gefühl: „Wir wollen hier – es begann 2015 – in München ein bisschen „Weltfeeling“ mit Blicken auf die Schwierigkeiten und auch die Ideen, die auf der Welt bestehen, pflanzen! München aus seiner Verträumtheit holen!

Und in diese Richtung gingen wohl auch die Anfangsüberlegungen von Toshiki Tokada, der diese Abschiedsveranstaltung gestaltete. Er hatte ja mehrfach an den Kammerspielen unter Matthias Lilienthal inszeniert.

Inhaltlich war es natürlich nicht tiefgehend, das war bei der Abschlussveranstaltung auch wahrlich nicht beabsichtigt. Man konnte auch die SchauspielerInnen fast nicht erkennen- obwohl einige ja die Kammerspiele verlassen werden. Das gesamte Ensemble war anwesend, winkend am Schluss. Es war auch nicht so, dass viel passierte – bei zarten Klängen einer E-Gitarre. Auch war es nicht so, dass Matthias Lilienthal sich winkend gezeigt hätte. Das hätte auch nicht zu ihm gepasst.

Sie redeten miteinander und man betrachtete kleine Vorkommnisse. Der grüne Rasen wurde mit Gießkannen gegossen, einzelne SchauspielerInnen gingen über den Rasen, die übrigen standen vor der Haupttribüne, siehe das letzte Foto oben.

Es begann noch imposant – Julia Riedler flog an einem Drahtseil vom Stadiondach zur anderen Stadionseite, eine wehende Fahne hinter sich herschleppend. Dann wurde fantasiert. Thematisch über etwas ganz Großes – wohl die abgesagten Olympischen Spiele in Tokio (das „globale Event“) – auch über Corona ein wenig. Aber man konnte sich auch denken: Sie reden im Grund genausogut über Theater! Es ging um das Aussähen von Samen, Pflege des Rasens, das Wuchern, das Weitertragen des Samens durch Bienen und Vögel. Das Wesen des Theaters, zumindest in den vergangenen fünf Jahren an den Münchner Kammerspielen und vielleicht auch in der Zukunft der Münchner Kammerspiele.

Es war bei alledem (in der von Toshiki Okada bekannten Reduktion des Geschehens) das Feeling, das einen trug. Wehmut kam auf. Im Anschluss sagte der Münchner Kulturreferent Anton Biebl – nach all den Unkenrufen vieler Münchner in den vergangenen Jahren -: „Du hat uns ein Theater geschenkt, das es hier noch nie gegeben hat.

Nun, vielleicht ist eine Saat gesät worden und die Pflanzen werden gepflegt. Dann waren die vergangenen fünf Jahre an den Kammerspielen verkürzt gesagt insgesamt auch so etwas wie eine „Opening Ceremony“ – im Sinne von Matthias Lilienthal! Schade – fünf weitere Jahre wären interessant gewesen. Aber er sagt in einem Interview kürzlich (SPIEGEL), es käme nicht auf die übliche Dekade an. Es käme nur darauf an, was entstanden sei – sinngemäß.

Copyright des Beitragsbildes und der letzten beiden Fotos im Beitrag: Julian Baumann

MUSIK: Massive Attack with Elizabeth Fraser – Teardrop

Massive Attack ist die Band, Elizabeth Fraser singt das Lied „Teardrop“ als Gastsängerin. Massive Attack hatten immer wieder Gastsängerinnen bei ihren Auftritten. Sinead O’Connor, Grace Jones, Hope Sandoval (Mazzy Star), Elizabeth Fraser etc. Massive Attack ist eine britische Band aus Bristol. Gegründet Anfang der 90er-Jahre.

Sie hatten in den 90er-Jahren und den 00er-Jahren weltweit Erfolge. Das 1998er-Album Mezzanine wird vom US-amerikanischen Musikmagazin Rolling Stone in dessen Liste der „500 besten Alben aller Zeiten“ geführt – wenn man Wikipedia glaubt. Sie haben auch einige Filmmusik gemacht oder wurden dazu verwendet. Der Song Teardrop läuft etwa als Hintergrundmusik im Intro der TV-Serie Dr. House.

Teardrop ist sicherlich kein musikalisch „anspruchsvoller“ Song, soweit ich das beurteilen kann. Er passt aber irgendwie in den Blog, fertig. Es ist eigentlich eine sich mehrfach wiederholende Rhythmusschleife mit klaren Drums – mag ich! – und dem hohen, zarten Gesang von Elizabeth Fraser.