MUSIK: Tracy Chapman – Knocking on Heaven’s Door

Ich habe schon vor langer Zeit hier im Blog das Original von Bob Dylan gebracht: „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Hier folgt nun eine Version des Songs von Tracy Chapman, sie gefällt mir auch. 44 Millionen „Tonträger“ hat sie bisher verkauft, auch nicht so schlecht, mehr als ich!

Sie ist 1964 geboren und wurde ja 1988 schlagartig fast weltweit bekannt. Es war ihr Auftritt beim „Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concert“ zum 70. Geburtstag des südafrikanischen Freiheitskämpfers am 11. Juni 1988 im Wembley-Stadion in London. Sie hatte dort sogar gleich zwei Auftritte. Da Stevie Wonder wegen technischer Probleme seinen Auftritt abbrechen musste, wurde sie vom Veranstalter gebeten, ein zweites Mal auf die Bühne zu gehen, um die entstandene Pause zu überbrücken.

Hier also ihre Version von Knockin‘ on Heaven’s Door. Diese Version endet übrigens nach Minute 4:40, dann folgt fast 3 Minuten lang Applaus. Es war offenbar ihr letzter Song des Abends.

Und: Tracy Chapman führte Ben E. Kings „Stand By Me“ in einer der letzten Episoden der Late Show von David Letterman im April 2015 auf. Auch diese Version bringe ich hier. Ich finde ihre Stimme dort fast noch besser! Sie hat noch das unverwechselbare Timbre in der Stmme, aber irgendwie noch etwas ruhiger, melancholischer. Man mag sagen, Tracy Chapman ist etwas schnulzig. Nein gut, sei’s drum. Ich finde ihre Stimme trotzdem interessant. Und zwischen beiden Aufnahmen liegen wahrscheinlich gute 25 Jahre!

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THEATER: Leonie Böhm – Schwestern nach Anton Tschechow

Es ist schon ein paar Tage her, am vergangenen Donnerstag den 15. April war die Onlinepremiere. Ich sehe noch keine weiteren Termine in der Planung des Schauspielhauses Zürich, es wird aber sicherlich nicht bei dieser einen Aufführung bleiben. Leonie Böhm hat wieder etwas inszeniert, diesmal zusammen mit dem Schauspieler Lukas Vögler. Er ist es auch, der den Monolog hält, dem man folgen konnte.

Der Monolog geht zurück auf das bekannte Drama „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow. Gerade erst hatte Leonie Böhm am Schauspielhaus Zürich das Stück Medea* inszeniert. Auch das war weitgehend ein Monolog. Wie üblich, hat Leonie Böhm auch hier, bei „Schwestern“, nicht das Interesse, die Handlung des Dramas „Drei Schwestern“ irgendwie wiederzugeben. In Monologform natürlich erst recht nicht. Nein, es werden wieder einzelne Gedanken aus dem Drama Drei Schwestern herauskristallisiert. Diesmal sind diese Gedanken sogar nicht einmal deutlich im Roman angelegt. Es geht um den Gedanken: Braucht der Mensch einen anderen Menschen? Kann er nicht einfach aufwachen und sagen: Ja, das bin ich!

Es ist insoweit ein sehr aktuelles Thema, wahrscheinlich sogar aus der derzeitigen Situation heraus geboren. Inwieweit brauchen wir andere Menschen? Wir müssen uns wegen Corona zurückziehen, wir müssen uns isolieren, wir haben kaum Gelegenheiten, uns mit anderen Menschen zu konfrontieren. Lukas Vögler spricht es zu Beginn seines Monologes auch deutlich an: Auch der Zuschauerraum des Theaters ist leer!

Lukas Vögler spricht als Bruder der Drei Schwestern. Auf der Bühne ist nichts außer ihm und ein riesiger schwarzer Panther. Er selbst, Lukas Vögler, mit langen Haaren, Haaren, die bis über die Hüfte hinunter gehen, siehe das Beitragsbild oben. Er soll nicht irgendwen verkörpern, er steht für alle, undefiniert. Der Panther geht zurück auf das bekannte Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Es ist ein so genanntes Dinggedicht, ein Gedicht des Naturalismus, es beschreibt einfach den – einsamen und gefangenen – Panther. Und der Leser – beziehungsweise hier der Zuschauer – kann sich seine Gedanken machen, kann überlegen, was die Situation des Panthers mit der Situation des Menschen zu tun hat. Das Gedicht:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
 
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
 
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Der Panther sieht nur Stäbe, auch die nicht mehr! Aber der Wille und das Herz! Das hat auch der Panther! Lukas Vögler verschwindet gegen Ende seines Monologs im Rachen des Panthers - so ist es gemeint.

Die Drei Schwestern, die bekanntlich abseits von Moskau leben, drehen sich bekanntlich im Kreis, Jahre vergehen. Sie brauchen aber irgendetwas, an dem sie sich reiben, aufzehren (können). Sie brauchen auch andere Menschen, scheint Tschechow zu sagen, Liebschaften entstehen, das mag auch der Gedanke sein, der Lukas Vögler und Leonie Böhm antrieb. Der Mensch kann nicht alleine sein. Daher auch der von Lukas Vögler gesungene Song „Ohne Dich“, ein Song der Gruppe Rammstein. Der Monolog von Lukas Vögler ist keineswegs tiefsinnig, aber er steigert sich gegen Ende der Inszenierung. Keine schauspielerische Höchstleistung, aber das muss und soll garnicht sein. Die Inszenierung ist in gewisser Weise ein „Schnellschuss“, der auf unsere derzeitige Situation eingeht! Aber ein Schnellschuss, der nicht deprimiert, sondern den Zuschauer doch mit einem guten Gefühl hinterlässt, Lukas Vögler spielt keinen „Verlorenen“, der sich etwa aufgibt.

HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

Copyright des Beitragsbildes: Gina Folly

THEATER: Friedrich Schiller – Maria Stuart

Die zehn zum Theatertreffen 2021 nominierten Inszenierungen deutschsprachiger Theater werden vom 13. bis 24. Mai 2021 als Livestream aus dem jeweils produzierenden Theater oder als Aufzeichnung – u. a. in Zusammenarbeit mit dem Medienpartner 3sat – präsentiert. Einzelheiten zur Terminierung werden Ende April bekannt gegeben.

Ich konnte von dieser Auswahl bisher „Der Zauberberg“ in der Inszenierung von Sebastian Hartmann (Deutsches Theater Berlin) (HIER), „Einfach das Ende der Welt“ in der Inszenierung von Christopher Rüping (Schauspielhaus Zürich) (HIER dazu ein einführender Link) sowie „Medea*“ in der Inszenierung von Leonie Böhm (Schauspielhaus Zürich) (HIER) sehen.

Jetzt hatte ich noch die Gelegenheit, eine vierte der für 2021 ausgewählten Inszenierungen zu sehen: „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller in der Inszenierung von Anne Lenk (Deutsches Theater Berlin).

Es ist ein Klassiker par exellence, aus der Zeit der Weimarer Klassik. Das absolutistische Denken steckte den Menschen in den Knochen, Gefühle sollten aber hinzukommen. Zwar nicht im Sinne des weit heftigeren damaligen „Sturm und Drang“, sondern ausgewogener, der ausgewogenen Klassik entsprechender. Königin Elisabeth ist insoweit in diesem Drama bekanntlich davon hin und hergerissen, wie sie mit ihrer Schwester Maria Stuart, die in England festgenommen wurde, umgehen soll. Soll sie das gerichtliche Todesurteil vollstrecken?

Die Inszenierung von Anne Lenk bleibt klassisch. Das Bühnenbild ist durchaus eigenwillig, eine durchaus interessante Idee, sie ändert aber nichts an der inhaltlichen klassischen Wirkung des Dramas von Friedrich Schiller. Zwar wird damit ein Recht eigenwilliger singulärer Auftritt aller SchauspielerInnen ermöglicht, es entsteht der Eindruck, jeder Akteur und jede Akteurin handle in seinen/ihren Grenzen. Es bleibt aber geradezu puristisch die klassische Erzählung. Klassik meets Klassik. Wie oben im Beitragsbild zu sehen ist, treten alle SchauspielerInnen jeweils in jeweils eigenen rot gefärbten Kästen auf, sie agieren allesamt getrennt voneinander. Vor allem Julia Windischbauer als Elisabeth, Königin von England, und Franziska Machens als Maria Stuart, festgenommene Königin von Schottland.

Damit allein – mit dem Bühnenbild – werden allerdings keineswegs besondere neue Aspekte des Dramas beleuchtet, es wird keine neue Sichtweise des Dramas gezeigt, es wird (anders als etwa in der Inszenierung „Medea* von Leonie Böhm) das klassische Drama – meist dem Originaltext treu – gespielt. Im Grunde wird dadurch nur der klassische Text des Dramas wichtiger. Und die argumentativen Handlungen der einzelnen Personen – die zaudernde Königin Elisabeth soll ja bei ihrer Entscheidung beeinflusst werden – werden dadurch ein wenig klarer beleuchtet. Das schon. Mehr nicht.

Die Jury des Berliner Theatertreffens formulierte in ihrer Begründung zur Auswahl dieser Inszenierung darüber hinaus zwar, es sei ein „an schauspielerischen Feinheiten reicher Abend“. Mein Eindruck dazu allerdings war, dass den Schauspieler und Schauspielerinnen doch – abgesehen vom Text – in ihren Kästen eigentlich sogar weniger Gelegenheit gegeben war, „schauspielerische Feinheiten“ zu zeigen.

Nun, das mag man auch anders empfinden. Je nach Interesse, sich in die Positionen der verschiedenen AkteurInnen hineinzuversetzen. Insoweit lohnt es sich dann doch, diese zum Theatertreffen 2021 ausgewählte Inszenierung spätestens im Mai online anzusehen.

HIER der Link zur Stückeseite von „Maria Stuart“ auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

MUSIK: Klaus Schulze – My Ty She

Meine Musik von heute, für ganz ruhige Ostertage. Einfach neben herlaufen lassen. Klaus Schulze war früher Schlagzeuger bei Tangering Dream. Ist am selben Tag geboren wie ich: Am 4. August! Allerdings schon 1947, er ist also 14 Jahre älter!

Schon früh startete er eine Solokarriere und arbeitete dann mit vielen verschiedenen Künstlern zusammen. Unter anderem war er Teilnehmer des Musikprojektes Schiller auf dessen fünften Album „Sehnsucht“. 1998 wurde das Musikprojekt „Schiller“ von Christopher von Deylen und Mirko von Schlieffen als Club-orientiertes Musikprojekt ins Leben gerufen. Der Stil: Sanftere, melodiebetonte elektronische Musik, oft untermalt von bekannten Synchronsprechern.

HIER die offizielle Website von Klaus Schulze mit langen Listen seiner Alben und Musiktitel.

THEATER: Leonie Böhm – Medea* nach Euripides, Livestream des Schauspielhauses Zürich

Medea: „Ich war von Liebe überwältigt … ich bin in tiefster Seele gekränkt … ich werde von Grund aus vernichtet … ich fühl garnichts mehr … hin ist das Vertrauen … ich kann das nicht begreifen … ich hab Angst … die Welt ist aus den Fugen … alles ist weggebrochen … ich geb auf … ich hab Angst vor Gewalt“. Dass sie dann ihre beiden Kinder tötet, ist nicht gesichert. Es ist die Erzählung des Mythos durch Euripides, andere sagen, die Korinther hätten die Kinder getötet und hätten Euripides Geld dafür gegeben, sein Drama eben anders zu schreiben, nicht von der Tat der Korinther zu berichten.

Ich gehe einmal davon aus, dass viele der sicherlich zigMillionen Leser dieses Blogs – verteilt über das weite Rund der Erde, vor ihren Bildschirmen sitzend und ständig auf bessere Zeiten und weitere Blogbeiträge hoffend – Theaterfreunde sind und den Namen Leonie Böhm kennen. Sie hat am Schauspielhaus Zürich „Medea*“ inszeniert, dort ist sie aktuell eine der HausregisseurInnen. Es war letzte Woche im Livestream zu sehen. Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen Berlin 2021 eingeladen, das im Mai wieder stattfinden soll. Wie die Inszenierungen dort wiederum zu sehen sein werden, wird noch bekanntgegeben werden. Online? Präsenz? Wir werden sehen.

Es geht – wieder einmal bei Leonie Böhm – nicht um die Darstellung der bekannten Geschehnisse um Medea. Leonie Böhm verfolgt auch hier wieder wenige tragende Gedanken zwischen den Zeilen eines Dramas.„Ich benutze die Klassiker und die Stücke immer dazu, um eine bestimmte Fragestellung zu untersuchen“, sagt sie in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Oft – nicht immer – sind es feministische Ansätze, die sie verfolgt. Eine ihrer ersten Arbeiten hieß etwa „Nathan die Weise“ nach Lessing. Oder zuletzt an den Münchner Kammerspielen: „Die Räuberinnen“ nach Schiller. „Und bei Medea hat mich sehr stark die Frage interessiert: Wie kommt man eigentlich aus einer Ohnmachtssituation und aus einer Ungerechtigkeitssituation wieder in die eigene Handlungsmacht?“ Das Feministische spielte bei ihrer Inszenierung Medea keine Rolle. Medea ist ja eine Frau! Sie hätte eher den Spieß umdrehen können, hätte den männlichen „Medeus“ daraus machen können.

Es ist ja eine in gewisser Weise immer wieder aktuelle Situation: Eine Frau, die von ihrem geliebten Mann betrogen und verlassen wird. Oder andersherum: Ein Mann, der von seiner geliebten Frau verlassen wird! Es wird höchst selten zur Ermordung der eigenen Kinder kommen, kann aber sicherlich zu Ohnmacht und Depression führen. Liebe kann unermesslich sein, die Enttäuschung dann auch! Euripides sah diese Unausweichlichkeit! Also: Wie kommt man da wieder raus? Muss es Rache sein? Diese Frage beschäftigte Leonie Böhm.

Im Gegensatz zur Tragödie von Euripides treten bei Leonie Böhm nur zwei Personen auf: Die Schauspielerin Maja Beckmann – Medea – und der Musiker Johannes Rieder, er stellt quasi den antiken „Chor“ dar, der Medea beobachtet, mit ihr spricht, im Hintergrund bleibt, musiziert, selten eingreift. Die Bühne ist – siehe Beitragsbild – komplett mit weißen Tüchern verhangen. Man fühlt sich – zeitlos – wie im Inneren von Medea, vom Wahnsinn eingesperrt. Erst gegen Ende der Inszenierung fallen alle weißen Tücher in sich zusammen. Musikalisch wiederum schön begleitet von Johannes Rieder und seinem rauhen Summen einer ruhigen Melodie am Klavier, scheint Medea dann aus ihrem Wahnsinn herauszukommen. Überhaupt wird die Inszenierung meines Erachtens geprägt von der zurückhaltenden Musik von Johannes Rieder, auch von ihm als Beobachter des Geschehens. Er zupft an der Gitarre, spielt ein wenig am Klavier. Er war es für mich, der die Inszenierung mit seiner Musik und seinen wenigen Worten prägte. Er mit seiner Erscheinung. Obwohl natürlich Maja Beckmann als Medea im Grunde im Mittelpunkt steht.

Auch wenn Leonie Böhm versucht, mit dieser Inszenierung herauszuarbeiten, wie Medea doch aus ihrem Wahnsinn herauskommen könnte (hätte können): Es wird irgendwie leider nicht ganz deutlich. Natürlich will Leonie Böhm keine Lösung präsentieren, darum geht es nicht. Natürlich kann alles offen bleiben. Es geht um Befindlichkeit. Medea hat ja bei Leonie Böhm vor allem Angst vor dem, was sie tun wird. Es ist ihr wenigstens bewusst, was sie tun wird, sie äußert es schon zu Beginn der Inszenierung. Sich dessen bewusst zu sein, ist schon das Thema für Leonie Böhm. Es geht um Medeas Einstellung. Darum, zu zeigen, dass Medea sich in ihrer Situation doch mit sich selbst beschäftigen kann (hätte können), nicht nur eine rasende unkontrollierte Furie war. „Du brauchst Mut, Deinen Platz zu finden“, sagt sie. Oder: „Das bin ich, das ist das Leben.“ Darum geht es Leonie Böhm wohl. Seinen Platz finden. Medea, die erkennt, in welcher Situation sie ist. Die Inszenierung endet so auch nicht im wahnsinnigen Kindermord, es geht eben nicht um das Gesamtgeschehen selbst.

Es wird auf der Bühne aber dennoch alles vielleicht nicht deutlich genug, ergänzende Erklärungen etwa in der guten Podcast-Einführung des Dramaturgen Bendix Fesefeldt (am Ende der Stückeseite zu Medea* HIER) und im Programmheft (ein Gespräch mit Leonie Böhm) bringen einem die Thematik im Grunde erst wirklich näher. Schade, die schöne Inszenierung erscheint daher nicht ganz ausgereift.

Copyright der Bilder: Gina Folly

LITERATUR: Andreas Maier – Die Universität

Ich habe im Grunde noch selten – zu selten – an dieser Stelle über Werke von Andreas Maier geschrieben, obwohl ich doch seit vielen Jahren alles lese, was von ihm publiziert wird. Und das ist viel! Allein seine letzten Titel, Teile einer Reihe „Ortsumgehung“, die auf elf Bücher über Dinge seines Lebens angelegt ist.

Die Teile „Onkel J.“ (gehörte vielleicht noch nicht zu dieser Reihe), „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“, „Der Kreis“, „Die Familie“, „Die Universität“, „Die Städte“ erschienen bisher. Davor schon hatte er teilweise wunderbare Bücher veröffentlicht: „Wäldchestag“, „Klausen“, „Kirillow“, „Sanssouci“ etwa. Ich persönlich könnte sie alle empfehlen.

HIER der Link zur Autorenseite auf der Website des Suhrkamp Verlages.

Sein aktuelles Buch – kürzlich erschienen – „Die Städte“ werde ich wahrscheinlich noch besprechen. Zunächst möchte ich hier ein paar Worte über das Buch verlieren, das etwa ein Jahr zuvor erschienen war – ebenfalls als Teil der Reihe „Ortsumgehung“: „Die Universität“.

Es ist im Grunde ein schmales Bändchen. Andreas Maier schildert zehn verschiedene kleine Episoden aus seiner Studentenzeit. Natürlich studierte er in Hessen, Frankfurt am Main, Germanistik und Philosophie, später noch Altphilologie. Er lebte ja in der Wetterau, im Hessischen, der Gegend, um die es in der Reihe „Ortsumgehung“ immer wieder geht, seine Heimat. Schön finde ich ja bei alldem seine Sprache: Möglichst einfach, nicht gedrechselt, nicht aufgesetzt. Andreas Maier will dem Leser nichts aufzwingen. Ganz einfache Szenen werden meist locker mit möglichst einfachen und nicht übertrieben vielen Worten geschildert. Möglichst einfache Schilderungen, aber dennoch in schöner Sprache. Oder: Die Szenen werden nicht geschildert, sondern eher beobachtet. Das macht es dann interessant. Ein Arztbesuch, ein Seminarabend, eine Autofahrt, seine Freundinnen, andere Personen. Dinge, die wir alle erlebt haben.

Es geht in den Teilen der Reihe „Ortsmgehung“ nicht um eine bloße Schilderung solcher Situationen. Das könnte zäh, langweilig werden. Nein, es geht um einen speziellen Rückblick auf Kindheit, Jugend, auf Personen, Familie, Freunde, Freundinnen, Erlebnisse, Orte, sein Erwachsenwerden, ständig in dem Unterton, der einen als Leser immer in Distanz setzt zu dem, was man liest und zu dem, über den man liest. Aber man wird als Leser dabei vor allem immer wieder auf die Frage gestoßen: „

Vielleicht habe ich diese oder zumindest ähnliche Szenen damals auch so erlebt? Genau so!“

Er schreibt – besonders dieses Mal ist es mir aufgefallen – immer so, als wäre er damals überhaupt nicht richtig in der Welt gewesen. Es geht meistens um Dinge, die besser NICHT hätten passieren sollen oder besser künftig bitte NICHT passieren dürften, aus damaliger Sicht, Dinge, die er NICHT richtig erkannte, NICHT sehen konnte, die er NICHT versteht oder damals NICHT verstand, auch Träume kommen vor, Situationen, die es so eben in der Realität NICHT gab. Es geht immer wieder um Merkwürdigkeiten, Unklarheiten, Uneindeutiges. Dinge, die ihm einfach unverständlich waren, was er aber zum Teil, meint man, erst heute erkennt. All das bei ihm und bei anderen Personen oder bei den letztlich alltäglichen Ereignissen, von denen er erzählt. Nicht zu Unrecht steht am Buchrücken einer der entscheidenden Sätze dieses Bandes: „ICH, DAS IST DER MITTELTEIL DES WORTES NICHTS.“

Schon die erste Episode: Andreas möchte in den Semesterferien nach Italien fahren, fährt schon zum Bahnhof, doch er fährt letztlich NICHT. In der zweiten Episode geht es dann am deutlichsten um „Universität“, sein Studium. Er sitzt im gefüllten Seminarraum – Philosophie- und beobachtet die anderen Teilnehmer. Bis er merkt, dass auch er beobachtet wird. Auch hier: Er bemerkt, dass er NICHT nur Subjekt seiner Handlungen, seiner Beobachtungen ist, sondern auch Objekt anderer. Auch in der dritten Episode. Andreas muss zum Arzt wegen eines Ausschlags und wegen Magenproblemen. Der Arzt fragt ihn zuletzt: „Haben Sie einmal überlegt, NICHT in die Mensa zu gehen?“. Oder: Die Buchhändlerstochter, eine seiner ehemaligen Freundinnen. Er steht in der Buchhandlung, denkt an sie, aber: Er trifft sie natürlich NICHT! Will sie gerade NICHT treffen – oder doch? Oder das Cover: Ein kleiner Vogel. Ein Vogel blickt einen doch NICHT an, schaut einem eben NICHT in die Augen.

Eine Ausnahme bildet fast die neunte Episode. Eine Autofahrt. Sie wird ausnahmsweise sehr konkret so beschrieben, wie sie war. Hier gibt es kein NICHT. Hier kommen keine Merkwürdigkeiten zum Tragen, sondern Andreas Maier kann die stockende Autofahrt nach Frankfurt irgendwie mit unser aller Leben verbinden. Auch das nicht ausufernd, sondern mit einfachen Worten, treffend nachgedacht. Bei aller Einfachheit der Situationen in diesem Band – über die Universität mit dem Philosophiestudium! – ist es hier auch ein wenig gemischt mit philosophischen Überlegungen.

Und am Ende die kurze Schilderung der Szene, in der er die kalte Kirche betritt und dann im Dunkeln – natürlich NICHT deutlich zu erkennen – hinten im Kirchenschiff seine ehemalige Freundin, die Buchhändlerstochter, sieht. Stehen bleiben? Auf sie zugehen? Wieder ist es unklar.


THEATER: Leonie Böhm – Medea* nach Euripides

Wer Interesse an den Inszenierungen hat, die zum Berliner Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden, könnte sich am Donnerstag, den 18. März, um 20:00 Uhr im Streaming (im Rahmen des „Streamy Thursday“) die Inszenierung Medea* von Leonie Böhm ansehen, die am Schauspielhaus Zürich entstanden ist. Karten vorab besorgen!

Ich werde es ansehen und im Blog über meine Eindrücke berichten. Auch „Der Zauberberg“, den ich letztens gesehen habe und über den ich dann auch geschrieben hatte (siehe den Beitrag zuletzt) ist ja eine der Inszenierungen, die zum Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

HIER Der Link zu meinem Beitrag über die Inszenierung von “Der Zauberberg“.

THEATER: Der Zauberberg nach Thomas Mann – Livestream des Deutschen Theaters Berlin

Das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung, darum geht es! Sebastian Hartmann inszenierte bereits vor zehn Jahren Thomas Manns „Der Zauberberg“, er war damals Intendant des Schauspiels Leipzig. Er hat sich nun am Deutschen Theater Berlin erneut an dieses monumentale Werk gemacht. Er wagt sich ja übrigens auch (auch am Deutschen Theater Berlin) an einen anderen Jahrhundertroman, den „Ulysses“ von James Joyce. Die Inszenierung von „Der Zauberberg “ ist zum Theatertreffen 2021 in Berlin eingeladen. In welcher Form auch immer das Theatertreffen in diesem Jahr stattfinden wird.

Es ist nicht einfach die Erzählung des Romans „Der Zauberberg“ auf der Bühne, Hartmann greift allein die Kerngedanken des Werkes auf. Umso erstaunlicher ist es, wie er diese abstrakte Gedankenwelt auf die Bühne bringt! Eine insoweit meines Erachtens absolut gelungene Inszenierung! Wie man so etwas schafft? Es geht um nicht weniger als um Themen wie die Zeit, der Mensch, der Körper, auch die Liebe und schließlich der Krieg. Wenn man sich diesen nicht gerade alltäglichen Gedanken länger hingeben will, hier ist eine wunderbare Gelegenheit!

All dies entspringt der Gedankenwelt von Hans Castorp, der nach einem heftigen Wintersturm, der ihn auf einer Wanderung erwischt, in den Schweizer Bergen in einen tiefen Traum fällt. Traumbilder durchziehen auch die Inszenierung. Etwa:

Copyright: Video Still von Tilo Baumgärtel

Hans Castorp wollte für drei Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim zu besuchen, er blieb schließlich sieben Jahre lang dort im Sanatorium. „Ich bin der Welt abhandengekommen“, sagt er im Buch und auf der Bühne. Die Zeit steht still, für sieben Jahre lang steht sie still. Bis der zweite Weltkrieg beginnt, der „Donnerschlag“, der auch Hans Castorp an die Front holt.

Markwart Müller-Elmau spielt Hans Castorp wunderbar! Mit akustischen schweren Schneestapfern betritt er langsam und schwerfällig barfuß die weiße fast leere Bühne. Er bleibt während dieser Inszenierung die Person, die sich über alles wundert, tief versunken ist. Allein sein Gesichtsausdruck, sein Blick, erklärt die Stimmung des ganzen Romans! Ein großartiger Theatermoment ist die Szene, in der Marquart Müller-Elmau – hier im Rollstuhl sitzend – Linda Pöppel ratlos zuhört, wie sie schluchzend, immer verzweifelter werdend – vor dem Hintergrund des aufkommenden Kriegs – über die Dinge des Daseins klagt! Auch Markwart Müller-Elmau beginnt – dräuende Livemusik im Hintergrund- vom Wahnsinn des Krieges zu reden. Beide mit ihren weiß geschminkten Gesichtern. Schwarze Flocken rieseln auf die Bühne, die große, fast leere Bühne. Wirklich großartig von beiden, wirklich großartig!

Auch die Kostümierung ist zu erwähnen: Adriana Braga Peretzki steckte alle SchauspielerInnen in weiße Bodysuits, übergroß und zumeist pummelig. Verbogene, kränkliche Körper. Es ist dadurch keine der im Roman erscheinenden Personen erkennbar, es geht einfach um den Menschen. Siehe das Beitragsbild oben.

Zu sagen, Thema der Inszenierung ist die Frage „Was ist die Zeit“, greift allerdings meines Erachtens sogar zu kurz. Sicherlich ist diese Frage ein Kern der Inszenierung: Es fallen eben Äußerungen wie: „… das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung“. Linda Pöppel bringt diese Äußerung in der genannten Szene mit Markwart Müller-Elmau. Darum geht es Thomas Mann! Dies ist eigentlich meines Erachtens eine der Kernbemerkungen dieses Romans, wollte man ihn beschreiben! Die Zeit, der Verfall, die Verwesung, die Veränderung. Nichts bleibt wie es ist. Und: „Was ist das Leben? Was ist der Körper? Was hat es damit auf sich? Das Sein und das Eigentlich-nicht-sein-Können. Wie verhält es sich?“ Was ist Vergangenheit, was sind Gefühle? Alles keine leichten Fragen, alles Fragen, die sich Thomas Mann (in seiner sicherlich elitären Lebensweise) stellte und die ihn zu diesem Roman brachten. Fragen, die sich Hans Castorp in seinem siebenjährigen Stillstand stellen. Fragen, die in dieser Inszenierung insgesamt wunderbar dargestellt werden! Natürlich gibt es keine Antworten!

Und hinzu kommt Thomas Manns Gedanke: Warum führen wir Krieg? Auch dieser Gedanke wird in der Inszenierung deutlich: Warum Krieg, warum nicht Liebe? Eine Frage, die Thomas Mann zu seiner Zeit natürlich – der Roman erschien 1924 – sehr aktuell beschäftigte. Marquart Müller-Elmau schildert gegen Ende der Inszenierung ratlos und verzweifelt Szenen von der Front. Junge Menschen sterben, werden durch Bomben zerrissen. Oder ist es gar er selbst, der zerrissen wird? Und hier fallen Äußerungen wie: „Worüber sind wir so ausgelassen lustig – weil es nun abwärts geht? Wer sind wir? Was ist das, Krieg? Ich kann mir auch andere Bilder erträumen: Mit der Geliebten am Strande lustwandelnd … Wird auch aus diesem Weltfest des Todes die Liebe steigen?

Warum hat der Mensch Brutalität in sich? Die Brutalität des Daseins, die wohl im Menschen steckt, fiel wohl für Hans Castrop deswegen weg, weil für ihn sieben Jahre lang die Zeit still stand. Der Stillstand der Zeit als alleinige Rettung vom Wahnsinn. Dann ging sie weiter, die Zeit, mit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Lifestreaming zeichnete sich übrigens noch dadurch aus, dass auf der Bühne mit sechs Kameras gearbeitet wurde. Es entstand eine besondere Streamingversion der Inszenierung, die man so auf der Bühne nicht sehen wird. Bildüberblendungen, Gänge hinter die Bühne, Nahaufnahmen, und und. Auch dies schien mir für diese Inszenierung bestens zu passen. Ich hatte schon Inszenierungen gesehen, in denen es etwas eigentümlich wirkte, auf der Bühne teilzunehmen. Hier erschien es mir hoch selbstverständlich und sehr gelungen, künstlerisch wohl sehr durchdacht.

HIER geht es zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declar

THEATER: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Anthropos, Tyrann (Ödipus)

Die Inszenierung wurde in der Presse und auf http://www.nachtkritik.de meist recht lobend besprochen. Ich habe sie mir angesehen. Der nächste Streamingtermin der Inszenierung ist der 26. März. HIER geht es zur Stückeseite auf der Website der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.

Man lässt sich auf eine in gewisser Weise besondere Art Inszenierung ein. „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“ nach Sophokles von Alexander Eisenach, dem immer noch recht jungen Regisseur, der natürlich an verschiedenen Bühnen arbeitete (Frankfurt, Hannover, Graz…) und 2020 erstmals an der Volksbühne in Berlin erfolgreich inszeniert hatte. Aber es geht hier weniger um den Regisseur der Inszenierung. Die Inszenierung ist – das ist das Besondere – eine „Koproduktion“ der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz in Berlin mit der Humboldt-Universität in Berlin. Theater und Wissenschaft finden zusammen, aber zwei Welten treffen leider nicht sehr phantasievoll aufeinander.

Warum die Kooperation? An der Humboldt-Universität gibt es seit 2019 das sogenannte „Theater des Anthropozän“. Die Humboldt-Universität will damit aus der nüchternen Ecke der Wissenschaft heraus und mehr Kommunikation mit der Gesellschaft führen. Sicherlich auch angesichts der immensen Herausforderungen, vor denen die Wissenschaft steht. Siehe nicht nur Corona, sondern vor allem die Klimakatastrophe.

Wissenschaft und ihre gesellschaftliche Wirkung, ihr Einfluss – „Theater des Anthropozän“ ist dementsprechend Teil von „Open Humboldt“, der Initiative der Humboldt-Universität zum Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. An dieser Inszenierung auf der Bühne mitwirkend ist übrigens Antje Boetius persönlich, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts und neben Frank Raddatz künstlerische Leiterin des „Theater des Anthropozän“.

Es geht in der Inszenierung „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“ nicht um Corona, sondern um die Klimakatastrophe der Welt. Dieses Thema versuchten die beiden Kooperationspartner gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Gekoppelt wird das „wissenschaftliche“ Thema der Klimakatastrophe an die klassische Mythologie um Ödipus. Parallelen liegen dabei auf der Hand. Ödipus, der sein Schicksal nicht erkannte, seinen Vater umbrachte und mit seiner Mutter Kinder bekam und alles zu spät erkannte und sich schließlich die Augen ausstach. Es wird vor diesem Hintergrund ein Vergleich zu heute aufgemacht: Der Mensch – „Anthropos, Tyrann“ – , der sein Schicksal nicht erkennt und die Welt zerstört. Darum geht es. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz kümmert sich derzeit recht intensiv um die Antike. Auch in anderen Inszenierungen.

Der Abend ist aber sehr kopflastig, er ist nichts für Emotionen. Schade. Es ist meines Erachtens dadurch zu schulmäßig geworden. Das Thema der auf uns zu rollenden Klimakatastrophe hätte mehr verdient, mehr aufrüttelnde Effekte, mehr Panik geradezu, mehr Erschütterung des Zuschauers. Zu sehr wird immer wieder – fast referatmäßig – auf dem allgemeinen Gedanken herumgeritten, dass es der Mensch ist, der sich zum Herrn der Natur gemacht hat und nun alles zerstört. Daran merkt man, dass vor allem die Wissenschaft wirklich zu weit weg ist von konkreten Überlegungen.

Der Mensch hat nicht gesehen oder verstanden, was er da machte – wie Ödipus – und jetzt ist es zu spät. Der Abend springt zwischen der Erzählung der mythologischen Geschichte um Ödipus einerseits und der aktuellen Welt Entwicklung andererseits. Das ist ein durchaus schöner Gedanke, doch aufregend oder aufrüttelnd ist diese Inszenierung deswegen, wie gesagt, leider nicht. Es stellt sich meines Erachtens sogar die Frage, ob das abstrakte und pauschale Thema der menschlichen Schuld an der Klimakatastrophe nicht zu sehr losgelöst von irgendeiner Realität aufgehängt wurde. Und ob man diesen Gedanken nun wirklich nicht schon lange kennt! Da hilft auch keine Verbindung dieses Gedankens mit der griechischen Mythologie.

Gedanken um die menschliche Schuld an der Entwicklung sind nicht neu. Allein diese Gedanken mit der klassischen Tragödie zu verbinden, hilft dann auch nicht weiter. Auch die Tatsache, dass die SchauspielerInnen sich zu Beginn und am Ende der Inszenierung in die Kamera wenden und jeden von uns damit ansprechen und ansehen wollen, hilft insoweit nicht weiter. Der Zuschauer hatte nicht die Gelegenheit, sich emotional auch nur irgendwie mit einer der agierenden Personen auseinanderzusetzen. Eine Art unmittelbarer Einbeziehung des Zuschauers sollte allerdings dadurch geschaffen werden, dass der Zuschauer mit seinem Gerät zuhause eine 360° Kamera, die in der Mitte der Bühne fixiert war, nach Belieben drehen konnte und so alles beobachten konnte.

Doch meines Erachtens LEIDET der Abend fast daran, dass sich Wissenschaft und Theater so deutlich vereinen wollen. Es bleibt zu theoretisch, zu nüchtern, zu erklärungsbehaftet, textbelastet. Es überwiegt der wissenschaftliche Gedanke, sogar Frau Boetius persönlich erklärt sich lange auf der Bühne. Besonderen Zugang zu diesen wissenschaftlichen Gedanken über die Klimakatastrophe liefert leider das Theater hier nicht. Sowohl im Hinblick auf das Bühnenbild, als auch in schauspielerischer Hinsicht ist es meines Erachtens daher auch keineswegs irgendwie aufrüttelnd. Schade.

HIER ein Trailer.

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THEATER: Die Münchner Kammerspiele – The Munich Kammerplays

Sie sind kaum wiederzuerkennen und man muss vor allem fast schon gut Englisch können, um zu verstehen, was angeboten wird. Die Münchner Kammerspiele: „The Munich Kammerplays“ kann man sie nennen. Sie geben sich englischsprachig. Schon die Hausfront der Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße – siehe mein Foto oben – zeigt es ja.

What is the City?“ und „I beleive in pink“ liest man an der Front. Ein Auszug aus dem derzeitigen Programmangebot zeigt es dann noch deutlicher. Angekündigt sind für Februar und März

  • Through a window – eine „Sammlung digitaler Kunstwerke der syrischen Künstlerin Sulafa Hijazi“ im Habibi Kiosk
  • Sisterhood – ein „Talk“ mit der Künstlerischen Leitung des TR Warzawa über die Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit
  • Broken Brecht – ein „epischer Autorinnenschaftskrimi“
  • tanikō (cold love)
  • Like Lovers Do (Memoirs of Medusa) – im Rahmen von Arbeit am Feminismus #schreiben
  • The Tempest
  • The Fittest Will Survive?
  • The Digital Assembly
  • Jeeps
  • Bohren & der Club of Gore
  • Habibi Gigs
  • Gezeigt war schon: „Touch“ von Falk Richter

Das ist viel für ein/zwei Monate! Dazu wir dann übrigens – zugegeben: neben einzelnen deutschsprachigen Titeln – derzeit noch angekündigt:

  • Paisajes para no colorear – Landschaften die nicht auszumalen sind
  • BELARUS! Das weibliche Gesicht der Revolution?
  • Buđenje Proleća – Frühlingserwachen

Und dazu laufen dann auch noch immer wieder – langfristig angelegt – Veranstaltungen unter dem (auf die Münchner Stadtgemeinschaft bezogenen) Motto: „What is the City?

Am Münchner Odeonsplatz fand dazu im vergangenen Jahr auch schon statt: „What is the city but the people? Eine – wie es hieß – Stadtraum-Performance mit Münchner*innen.


Nun, Internationalität ist natürlich unser alltägliches Leben geworden, keine Frage! Und ich habe nichts gegen Internationalität oder gegen die englische Sprache! Überhaupt nicht! Ich finde es immer wieder interessant zu sehen, wie man sich in anderen Ländern künstlerisch ausdrückt. Zuletzt hatte ich ja über ein wunderbares Streaming eines polnischen Teams am Residenztheater berichtet (HIER der Link). Aber doch gleich so geballt? Wo bleibt denn die Münchner Stadtgemeinschaft? Die Münchner Kammerspiele treten unter der neuen Intendantin Barbara Mundel vor allem mit folgendem Vorhaben an:

„Wir fragen nach neuen Verantwortlichkeiten im Theater: Wer spricht, wer entscheidet, was und wie wird erzählt? Theater verstehen wir als Labor … Dabei suchen wir nach neuen Begriffen, fremdartigen schönen Sprachen, lebbaren Körperlichkeiten und nach den verbindenden Erzählungen der Zukunft. … Wir möchten zugänglich sein und unsere Zugänglichkeit immer wieder aufs Neue überprüfen. Wir lassen die Wirklichkeit nicht in Ruhe. Sie lässt uns ja auch nicht in Ruhe.

Diese wortreich angelegten schönen Vorhaben setzen meines Erachtens auch voraus, dass – vor allem als Stadttheater – die „Zugänglichkeit“ zum Theater möglichst vielen MünchnerInnen aus allen Schichten gegeben bleibt. Und genau da mag die Frage entstehen, ob die überbordende Internationalität und vor allem Englischsprachigkeit des aktuellen Angebots für manch einen nicht eher schon abschreckende Wirkung oder gar geradezu etwas Elitäres hat. Wird damit nicht sofort eine Schere aufgemacht?

Dies ist mein Eindruck. Theater haben es nicht leicht momentan. Da hängt natürlich vieles in der Schleife und kann nicht richtig austariert werden. Wir werden sehen.

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THEATER: „ES WAREN IHRER SECHS. Ein filmischer Inszenierungseinblick“ – Stream am Münchner Residenztheater

Auch das Münchner Residenztheater bietet verschiedene Streamings von Inszenierungen an. Für ein geringes „Eintrittsgeld“, dessen Höhe man selber wählt. Die Tickets sind dann jeweils bis 24 Uhr am Sendetag verfügbar. Der Stream ist jeweils für 48h ab Sendebeginn, also ab 19 Uhr, online. Was wird also an welchem Sendetag gebracht und kann gestreamt werden? HIER ist der Link zum Onlinespielplan des Münchner Residenztheaters, dort findet es sich.

Gestern, am 18. Februar 2021, war die Onlinepremiere von „ES WAREN IHRER SECHS. Ein filmischer Inszenierungseinblick.“ Weitere Termine sind dem Onlinespielplan zu entnehmen. Die Onlineversion dieser „Inszenierung“ ist kein klassischer Inszenierungsmitschnitt, sondern arbeitet mit dem über den gesamten Probenzeitraum gedrehten Filmmaterial. Ein Konstrukt aus Theater und Film. Es ist online die Uraufführung dieser „Inszenierung“ gewesen. Die Bühnenpremiere war am Resi auch für Februar 2021 geplant gewesen.

Der polnische Regisseur Michal Borczuch (Dramaturg und Autor Tomasz Śpiewak) zeigt hier seine erste Arbeit in München. Er hat „eine der markantesten Handschriften der gegenwärtigen polnischen Theaterszene“, heißt es. Er „spielt in seinen Arbeiten mit dem Grenzbereich zwischen Authentizität und Fiktion genauso wie mit den Interdependenzen von Leben und Theater.“

Zunächst: Filmisch großartig! Sie müssen genannt werden, das polnische Team um Michal Borczuch: Video und Schnitt Wojciech Sobolewski, Musik Bartosz Dziadosz, Licht Jacqueline Sobiszewski. Die düstere Atmosphäre auf der Bühne des Marstalltheaters wird immer wieder durch fantastische, zufällige oder gewollte, sehr eigenwillige, sehr besondere, nicht „gekünstelte“, nichts „verschönernde“ Kameraeinstellungen eingefangen und deutlich verstärkt. Filmaufnahmen, die für manche Filme einfach weggeschnitten werden würden! Auch die Musik trägt bei zur „schwierigen“ Situation derjenigen Personen, die damals die Weiße Rose bildeten und letztlich ihr Leben ließen. Sie wurden fast genau vor 78 Jahren hingerichtet, am 22. Februar 1943.

Dann: Die Onlineversion dieser Inszenierung wird genauso getragen von den fast durchweg jungen SchauspielerInnen! Man erkennt manchmal nicht, ob man eine Szene außerhalb der Proben, während der Proben oder während des Stückes auf der Bühne verfolgt. Es vermischt sich – wie die Szenen, wie Film und Theater, wie Fiktion und Realität. Ich möchte – rein subjektiv – Lana Velis hervorheben, HIER ihre Seite auf der Website des Residenztheaters.

Das Stück: Es basiert auf dem 1945 erschienenen Roman „Es waren ihrer sechs“ von Alfred Neumann. Alfred Neumann hatte, nach Amerika emigriert, im TIME Magazine von der Ermordung der Geschwister Scholl und von der Weißen Rose gelesen. Er erzählte dann aber nicht linear deren Geschichte, sondern befasste sich mit der – wie er sagte – «ewigen Idee» vom jugendlichen Widerstand gegen totalitäre Herrschaftssysteme. Allerdings: Michal Borzuchs Inszenierung spürt größtenteils der Situation der Mitglieder der Weißen Rose nach – in fiktiven Szenen – und nur in kurzen Sequenzen erfährt man den Eindruck, dass es hier auch um die „ewige Idee“ des Widerstands geht.

Ein – wie ich finde – sehr interessanter Text von Nikolai Berdjajew ist dazu dem Programmheft zu entnehmen. Der russische Religionsphilosoph Nikolai Berdjajew (1874-1948) war für die Mitglieder der Weißen Rose wichtiger Ideen- und Impulsgeber. Freiheit – Persönlichkeit- Widerstand. Eine kurze Sequenz dieses Textes wird vorgetragen. Dieser Text trifft in der Tat die ewige Idee des Widerstands!

Und vor diesem gesamten Hintergrund kann ich dieses irgendwie besondere Streaming, das Einblicke in die Proben der Inszenierung gibt, sehr empfehlen!

Hier der Text aus dem Programmheft.


„Das Dasein der Persönlichkeit setzt Freiheit voraus. Die Persönlichkeit existiert in der Welt nur dadurch, dass es nicht bloß ein Reich der Notwendigkeit, sondern auch ein Reich der Freiheit gibt. Ohne Freiheit kein Akt, keine Schöpfung, kein Widerstand. Das Individuum ist determiniert, es kann auch ohne Freiheit existieren.

Die Persönlichkeit aber ist eine Manifestation der Freiheit, sie bedeutet den Kampf der Freiheit gegen die Notwendigkeit. Ich habe hierbei nicht den Schulbegriff der Willensfreiheit als der Freiheit der Wahl im Auge, sondern den Begriff der Freiheit als schöpferischer Energie, als Bestimmung von innen her, als das geistige Prinzip im Menschen, das die menschliche Persönlichkeit erst eigentlich konstituiert. Freiheit ist Geist im Unterschied zur Natur als dem Prinzip der Notwendigkeit. Die Persönlichkeit im Menschen zeugt nicht allein von der Freiheit, sondern auch vom Geiste. Persönlichkeit heißt Widerstand gegen die unpersönliche äußere Umwelt, Nichtaufgehenwollen in ihr, Kampf gegen die Vergewaltigung durch Natur und Gesellschaft. Persönlichkeit heißt Wahl und Entscheidung. Man kann eine starke Individualität und doch nur eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit sein; dann wird man es an Widerstandskraft gegenüber den Einwirkungen der Außenwelt fehlen lassen, wird nicht ankämpfen gegen die Notwendigkeit, die den Menschen von außen her bestimmt.

Der Begriff der Persönlichkeit steht in Beziehung zu einer Berufung und zu schöpferischem Wirken. Hier stoßen wir auf das Grundparadoxon ihres Wesens. Niemand kann von sich selbst sagen, er sei eine Persönlichkeit im vollen Sinne des Wortes, er habe sich völlig zur Vollendung gebracht. Persönlichkeit ist eine unendliche Aufgabe; sie ist nicht etwas Fertiges und Stabiles. Aber damit sie wirklich werde, damit auch nur ein Kampf um sie möglich sei, damit den auf ihre Zerstörung gerichteten Kräften Widerstand geleistet werden könne, muss sie bereits da sein, muss jenes Subjekt schon vorhanden sein, das den Kampf um die Vollendung der Persönlichkeit aufnimmt. Man kann dies auch so ausdrücken: es ist die Persönlichkeit selbst, die die Persönlichkeit realisiert; nur der Mensch bringt seine Persönlichkeit zur Vollendung, der selbst eine starke Persönlichkeit sein eigen nennt. Dieses Paradoxon ist einem anderen, dem Paradoxon der Freiheit, analog. Nur der Freie vollzieht die Freiheit in seinem Leben, nur der Freie befreit sich; nur er setzt der Macht der Notwendigkeit, die über seinem Leben waltet, Widerstand entgegen. Man darf selbst nicht mehr Sklave sein, wenn man das Joch der Sklaverei von sich abschütteln will.“

© des Beitragsbildes: Wojciech Sobolewski

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MUSIK: The Moody Blues – Nights in White Satin

Wieder ein Klassiker: The Moody Blues – Anfang der 60er-Jahre in England gegründet – Symphonic Rock. Weltbekannt wurde der Song „Nights in White Satin“, den ich hier im Blog bringe. Der Titel war eine Auskopplung aus der LP „Days of Future Passed“, die als „erste sinfonische LP der Rock-Geschichte“ ein Meilenstein der Musikgeschichte wurde. Erst seit Herbst 2018 hat es keine Liveauftritte der Band, die sich personell mehrfach änderte, mehr gegeben.

Die genannte LP „Days of Future Passed“ entstand unter der Mitwirkung des Sinfonieorchesters London Festival Orchestra. Andererseits: Die Band war – lese ich – eine der ersten, die ein Mellotron, eine Syntheziser-Variante, die ganze Streichersätze nachahmen kann, einsetzten, um einen sinfonischen Sound zu erzielen.

Der Song „Nights in White Satin“ wiederum, der von zahlreichen Künstlern gecovert  wurde, ist bis heute das Stück geblieben, mit dem die Gruppe The Moody Blues am meisten identifiziert wird.

Warum bringe ich den Song? Die englische Band Barclay James Harvest arbeitete Motive dieses Songs Nights in White Satin zu einem eigenen Stück mit dem Titel Poor Man’s Moody Blues um, nachdem sie von Kritikern als „Moody Blues für Arme“ bezeichnet worden waren. Und von Barclay James Harvest hatte ich gerade den Titel „Hymn“ im Blog gebracht. So kam ich auf The Moody Blues.

Hier also nun „Nights in White Satin“ von The Moody Blues. In dem Video haben sie alle Frisuren, als hätten die Friseure geschlossen gehabt …

MUSIK: Barclay James Harvest – Hymn

Barclay James Harvest wurde 1967 gegründet. Bekannt wurde die vierköpfige Band durch ihren orchestral geprägten Stil, der Klassik und Rock verband. Die Band existierte in der ursprünglichen Form bis 1998. Dann spaltete sie sich in zwei Bands.

Die Gründungsmitglieder John Lees und Wolly Wolstenholme bildeten das eine durch weitere Musiker verstärkte Duo, das anfangs Barclay James Harvest Through the Eyes of John Lees (BJHTTEOJL) genannt wurde. Sie existiert bis heute. Für 2020 angekündigte Konzerte wurden wegen der Pandemie verschoben. HIER ihre Website.

Die anderen beiden Gründungsmitglieder Les Holroyd und Mel Pritchard bildeten das zweite durch weitere Musiker verstärkte Duo, Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd (BJHFLH) genannt; auch diese Band existiert bis heute (laut Wikipedia – ich kann es nicht verifizieren). Auch hier gilt: Für 2020 angekündigte Konzerte wurden wegen der Pandemie verschoben. HIER deren Website.

Einer der bekanntesten und erfolgreichsten Songs der Band ist „Hymn“. Ich bringe ihn hier unten. Wegen des pompösen orchestralen Musikstils der Band wurde sie manchmal auch „Moody Blues für Arme“ genannt. Ich werde demnächst einen Titel von Moody Blues bringen.

Hier Barclay James Harvest:

THEATER: Die 10er-Auswahl 2021

Gestern war es wieder soweit: Die KritikerInnenjury des Berliner Theatertreffens hat ihre Auswahl der zehn bemerkenswerten Inszenierungen für das Theatertreffen 2021 bekannt gegeben – in welcher Form auch immer das Theatertreffen in diesem Jahr stattfinden wird.

Es wurden 285 Inszenierungen in 60 Städten analog oder digital besucht. 531 Voten gingen ein und insgesamt wurden 26 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

Ausgewählt wurden: „Automatenbüffet“ (HIER ein Trailer), „Der Zauberberg“ (HIER ein Trailer), „Einfach das Ende der Welt“, (HIER Kurzvideos aller DarstellerInnen) „Graf Öderland“ (HIER der Trailer), „Maria Stuart“ (HIER ein Trailer), „Medea*“, „NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+“, „Reich des Todes“ (Trailer HIER), „Scores That Shaped Our Friendship“ und „Show Me A Good Time“ (Trailer HIER).

Für alle weiteren Informationen zu diesen Stücken verlinke ich kurzerhand auf die Seite des Berliner Theatertreffens. HIER! Das Theatertreffen 2021 wird im Mai stattfinden.

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THEATER: Jens Harzer

Er ist derzeit – Achtung, das geht nur für Schnellentschlossene – an mehreren Stellen zu sehen! Jens Harzer. Neben vielen Preisen und Auszeichnungen wurde Jens Harzer ja etwa 2008 und 2011 zum Schauspieler des Jahres gewählt.

2019 bekam Harzer außerdem den berüchtigten Iffland-Ring verliehen. Der Iffland-Ring ist ein Fingerring mit dem Porträt des deutschen Schauspielers, Theaterdirektors und Dramatikers August Wilhelm Iffland  (1759–1814), der am Mannheimer Nationaltheater in der Uraufführung von Friedrich von Schillers Drama „Die Räuber“ Franz Moor spielte. Der diamantbesetzte Eisenring wird von seinem jeweiligen Träger testamentarisch an den seiner Meinung nach „jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters“ auf Lebenszeit verliehen, wobei die Tradition verlangt, dass dieser männlich ist. 

Von 1996 bis 2019 war Bruno Ganz Träger des Iffland-Rings. Nach Ganz’ Tod gab der österreichische Kulturminister am 22. März 2019 bekannt, dass der deutsche Schauspieler Jens Harzer zum Träger des Rings bestimmt wurde.

So, wo ist Jens Harzer also derzeit zu sehen?

Zum Einen heute Abend, Mittwoch, 27. Januar, im Fernsehen. Im ARD kommt um 20:15 Uhr der wahrscheinlich recht skurrile Spielfilm „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ mit Jens Harzer in der Hauptrolle. Neben Corinna Harfouch. HIER der Link zum Film. Der Film ist sicherlich (ich weiß es nicht genau) anschließend in die Mediathek zu finden.

Zum Anderen: Er ist im Stream des Schauspielhauses Bochum seit Sonntag, dem 20. Januar 2021, zusammen mit Sandra Hüller in der Inszenierung „Erinnere dich, Penthesilea“ zu sehen. Es ist nicht die gefeierte Penthesilea-Version von Johan Simons, die auch an den Münchner Kammerspielen lief. Es ist ein besonderes Neuarrangement! Als spielerische Erinnerung an eine Aufführung, wie sie einmal war, und als Erinnerung von Penthesilea und Achilles an ihre gemeinsam Geschichte. Für diesen Stream muss man Karten kaufen. Der Stream ist leider nur noch bis morgen, Donnerstag, den 28. Januar 2021, verfügbar.

Drittens: Noch für wenige Tage – bis zum 31. Januar 2021 – ist Jens Harzer in der wirklich sehenswerten und damals sehr gefeierten Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ am Deutschen Theater Berlin zu sehen! Eine wunderbare Inszenierung mit wirklich herrlicher Leistung vor allem von Jens Harzer und Ulrich Matthes. HIER der Link zu dieser Inszenierung.

Es war eine Inszenierung von Jürgen Gosch, Harzer spielte den Arzt Michail Lwowitsch Astrow. Die Inszenierung war ein überragender Erfolg und wurde wiederum von der Jury der Zeitschrift „Theater heute“ zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt. Für ihre Rollen des Onkel Wanja und Astrow wurden Ulrich Matthes und Jens Harzer 2008 dann eben auch gemeinsam zu den „Schauspielern des Jahres“ gewählt. Das Stück gehört meines Wissens immer noch zum Repertoire des Deutschen Theaters.

Der sehenswerte Stream ist kostenlos. In typischer Manier des damaligen Regisseurs Jürgen Gosch sieht man ein äußerst karges Bühnenbild, mehr ein „Kasten“, und alle Schauspieler bleiben permanent auf der Bühne!

Übrigens: Das Deutsche Theater bietet in diesem Zusammenhang noch ein besonderes Video an: Ein Video gibt Einblick in die Proben unter anderem von „Die Möwe“, von „Idomeneo“ und von „Onkel Wanja“, alle unter der Regie von Jürgen Gosch. Auch das ist ein wunderbares Video. HIER der Link dazu.

Noch etwas: Auch Ulrich Matthes, der in der oben genannten schönen Inszenierung „Onkel Wanja“ phantastisch den Onkel Wanja spielt, ist derzeit auch an anderer Stelle sehr schön zu sehen! 3sat bringt in der Mediathek derzeit noch zwei der drei jährlichen „Starken Stücke“ aus dem Theatertreffen. Ulrich Matthes spielt in Molieres „Der Menschenfeind“ in der Inszenierung von Anne Lenk den Alcestes. Diese Inszenierung wurde ja im vergangenen Jahr zum Theatertreffen in Berlin eingeladen.

Copyright des Fotos: dpa/ Christian Charisius

THEATER: Theatertreffen 2021

Es rückt wieder näher: Das Berliner Theatertreffen. Es findet statt vom 7. Mai bis 23. Mai 2021. Von der Jury werden Premieren, die im Zeitraum vom 27. Januar 2020 bis Ende Januar 2021 stattfanden, berücksichtigt. Vormerken: 9. Februar 2021!

Die Entscheidung über die berüchtigte 10er-Auswahl – den „Oskar“ der deutschsprachigen Theaterwelt – wird nämlich in Kürze, am 9. Februar 2021, bekannt gegeben.

In welcher Form das Theatertreffen 2021 dann im Mai stattfinden wird – online oder mit Präsenz – wird sich noch herausstellen. Vielleicht hört man etwas in der Pressekonferenz am 9. Februar 2021.

MUSIK: Marius Müller-Westernhagen – Wieder hier

Es ist eine wunderbare Liveaufnahme! Eine lange Version dieses Liedes, in der vor allem die soulige Begleitstimme der dunkelhäutigen Sängerin, deren Namen ich leider nicht kenne, voll zur Geltung kommt. Es ist jedenfalls nicht Romney Williams, seine ebenfalls dunkelhäutige Ehefrau.

Sie beginnt im Hintergrund, singt mehr und mehr, begleitet Marius Müller-Westernhagens Lied, steht im Hintergrund, sie kommt vor, Marius Müller-Westernhagen hört ihr zu, sie singt weiter, sie singt, bis sie nach Müller-Westernhagens Abgang die Bühne allein übernimmt, und singt weiter.

Wer erstmal reinhören möchte: Minute 3:50 des Videos anklicken, das sind schöne Momente.

Es ist ja kaum zu fassen: Marius Müller-Westernhagen ist heute 72 Jahre alt! Und wieder finde ich es unfassbar: Wie muss das sein, so vor Tausenden von Menschen zu stehen, frenetisch beklatscht zu werden, sich zu bedanken, zu verneigen, zu winken und und und. Das Schöne bei dieser Aufnahme: Marius Müller-Westernhagen genießt diesen Moment, merkt man. Andererseits ist er so kontrolliert bei sich, gefasst, ruhig – und das am Ende eines Konzertes. Überhaupt nicht exstatisch, nicht ausgelaugt. Über zehn Jahre alt ist diese schöne Aufnahme.

Und noch etwas: Dicht gedrängt stehen und sitzen die tausenden ZuhörerInnen in der Halle. Wird es das jemals wieder geben? Es wird dauern, zurzeit kann man es sich garnicht vorstellen.