THEATER: Botho Strauß – Kalldewey Farce

Ein weiterer Hinweis: Es ist in gewisser Weise ein Klassiker: Kalldewey Face von Botho Strauß in einer Inszenierung von Luc Bondy aus dem Jahre 1982. Eine Inszenierung von Luc Bondy zu sehen ist durchaus immer interessant. Luc Bondy und Botho Strauß waren eng befreundet.

Die Inszenierung ist nunmehr zu sehen bis Montag, den 9. November, 18:00 Uhr. Es ist eine Fernsehaufzeichnung des SFB (Sender Freies Berlin) einer Aufführung der Schaubühne in Berlin.

HIER der Link zum Stream. Das Onlineangebot der Berliner Schaubühne für November – dem Monat, in dem alle Theater geschlossen sind – ist ohnehin sehr interessant! HIER der Link zum Programm.

Es gibt ja ein wunderbares Buch über Luc Bondy und seine Arbeiten, sein Leben, seine Freunde, seine Familie. Ich hatte kürzlich darüber geschrieben. HIER der Link.

Copyright des Beitragsbildes: Ruth Waltz

THEATER: Anne-Cécile Vandalem – Die Anderen

Premiere von „Die Anderen“ war an der Berliner Schaubühne am 28. November 2019. Buch und Regie kommen von der Belgierin Anne-Cécile Vandalem. Es heißt über sie:

Geboren 1979 in Lüttich … Regisseurin, Autorin und Schauspielerin … Gründung von Das Fräulein (Kompanie) 2008 … im gleichen Jahr ihr Stück »(Self)Service«  am Théâtre Vidy-Lausanne (2008) … erster Teil einer Trilogie … zweiter und dritter Teil »Habit(u)ation« (Théâtre de Namur, 2010) und »After the Walls (UTOPIA)« (Théâtre de Namur, 2013), welche zum Kunstenfestivaldesarts in Brüssel eingeladen wurden … jüngste Arbeiten »Tristesses« (Théâtre de Liège, 2016) und »ARCTIQUE« (Théâtre national de Belgique, 2018) … Einladung zum Festival d’Avignon und FIND an der Schaubühne — Soundinstallationen – u. a. »Michel Dupont, réinventer le contraire du monde« (Théâtre de la Manufacture Avignon, 2011) … multimediale Installationen – z. B. »Looking for Dystopia« (2014) … Videoinstallationen – u. a. »Still too sad to tell you« (Théâtre national de Belgique, 2015) … Performative Projekte im öffentlichen Raum – wie »Que puis-je faire pour vous?« (2014-15).

Sie ist also sehr vielseitig. HIER ein Interview mit ihr.

Zum Stück „Die Anderen“:

Vandalem entwirft – auch mit „Die Anderen“ – gerne fiktive Geschehen. Schön ist insoweit ihre Sichtweise im obigen Interview (am Ende):

„… die Realität, in der wir alle feststecken … Mithilfe der Fiktion können wir der Realität entfliehen und andere politische Möglichkeiten aufzeigen.“

Und es ist ein anderer Theaterabend (oder besser: Nachmittag), als man es meist erlebt. Es ist nicht freie Kunst, nicht Interpretation, es ist feine Dokumentation einer abstrusen Geschichte. Das Stück wird im März mehrfach an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin im Rahmen des dortigen Festivals FIND gezeigt werden. HIER der link zur Website der Schaubühne und HIER der direkte link zur Stückeseite.

Alles wirkt sachlich, wie eine Dokumentation. Und gleichzeitig wie ein Krimi. Man verfolgt, wie gesagt, ein seltsames Geschehen – in einem Hotel in einem völlig verlassenen Dorf. Man blickt auf düstere Atmosphäre.

HIER ein Trailer zum Stück.

Irgendetwas steckt hinter dem eigenartigen Geschehen, den eigenartigen Andeutungen und Reaktionen der Personen. Im Dorf leben keine Kinder. Der Sohn des Hotelbetreiberpaares, Emil, wird mehrfach angesprochen, tritt aber nie in Erscheinung. Auch der Mann von Marge, ein Lehrer. Erst spät, kurz vor Ende des Stückes, erfährt man weitgehend alle Einzelheiten.

Es geht dabei um einen „Anderen“. Die Anderen. Kann man ihnen immer die Schuld geben? Es wird nicht ausgesprochen, aber es scheint ein Ausländer, ein Flüchtling, zu sein, der zu Beginn im Dorf landet, nachdem er angefahren wurde. Er wird dort festgehalten. Die Dorfbewohner haben ein schreckliches Ereignis hinter sich. Sie versuchen es zu verarbeiten, leben seit Jahren mit dem Ereignis. Haben ihre Schlüsse gezogen, machen anderen Menschen Vorwürfe, haben Schuldgefühle, irgendwie spielt auch Rache an Anderen eine Rolle, sie verarbeiten es auf ganz besondere Weise … auch der Flüchtling und später eine Sozialarbeiterin, die nach dem Flüchtling sucht, spielen dabei eine Rolle. Sie werden als „Blitzableiter“ gebraucht. Und in dem Ereignis, das Jahre zurückliegt, spielte auch ein „Anderer“ eine Rolle. Auch ihm gibt man die Schuld.

In diesem Fall ist der oben genannte Trailer eine aussagekräftige Hilfe. Er zeigt den düsteren, dokumentarischen Charakter des Stückes.

Es ist kein Stück, in dem man den Schauspielern näher kommt. Man betrachtet ein fremdes Geschehen. Schauspielerisch empfand ich es daher fast etwas zu kurz gekommen. Andererseits: Sie spielen allesamt schräge Gestalten in natürlicher Einfachheit. Dokumentarisch eben.

Die still und düster im Hintergrund mitschwingende Musik basiert auf Kompositionen von Pierre Kissling. Alle Titel sind HIER zu hören.

Das Stück ist eine Zuspitzung. Es geht um das Eindringen Anderer in das Leben in dem kleinen Dorf. Zwar hält man immer die Anderen für schuldig, so ist es aber (wohl) nicht. Man könnte also sagen: Es ist ein Stück für Fremdenfreundlichkeit und darüber, dass die Probleme nicht immer von den Fremden kommen! Man sieht ein Dorf, das die Schuld am Scheitern bzw. Zusammenbrechen seiner Existenz den „Anderen“ in die Schuhe schiebt, ohne die eigene Verwicklung zu erkennen oder zu berücksichtigen. Eine Aussage vor dem Hintergrund viel größerer Dimension? Gesellschaftskritik? Ja, Ansätze sind dabei.

THEATERTREFFEN EXTRA, LITERATUR: Rückkehr nach Reims (Schaubühne Berlin)

Ich hatte es schon gesehen und besprochen. Da es auch eines der zum diesjährigen Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Stücke war und – ich glaube – auch in der kommenden Spielzeit noch zu sehen sein wird, bringe ich HIER den link zu meinem wichtigen damaligen Beitrag. Es geht ja beim besten Willen nicht ohne den Beitrag. Die Inszenierung geht zurück auf das gleichnamige Buch von Didier Eribon. Der Vollständigkeit halber bringe ich es hier, als Anregung. Dann fehlen mir vom Theaterftreffen nur das „Nationaltheater Reinickendorf“ und „Die Welt im Rücken“ vom Wiener Burgtheater, was ja sehr sehr gelobt wird. Mal sehen.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair, Schaubühne

THEATER, LITERATUR: Didier Eribon – Rückkehr nach Reims

Das Buch: Rückkehr nach Reims. Der Autor: Didier Eribon. An der Berliner Schaubühne gibt es derzeit das Theaterstück dazu. Gleicher Titel. Das Theaterstück ist zum Berliner Theatertreffen 2018 im Mai eingeladen. Die zehn bemerkenswertesten Stücke deutschsprachige Bühnen werden ja jedes Jahr dorthin eingeladen. Highlights des Jahres!

„Das Erstarken der rechten Politik ist ein Versagen der linken Politik“, ist die Kernaussage des Buches von Didier Eribon. Eribon schildert die Entwicklung aus der Beobachterperspektive am Beispiel Frankreichs, am Beispiel seiner Familie, am Beispiel des Aufkommens von Le Pen. Aber auch in Deutschland ist es – AfD – wohl ähnlich. Ein sehr aktuelles Thema: Mit was identifizieren sich diejenigen, die sich abgehängt fühlen? Warum mit den Rechten, den Nationalisten? Warum so nationalistisch?

Didier Eribon war schon Monate zuvor zu einem Gespräch über sein Buch an den Münchner Kammerspielen. Zusammen mit Edouard Louis, der – mindestens eine Generation jünger – aktuell ein sehr ähnliches Buch geschrieben hatte („Das Ende von Eddy“). Zum selben Thema.

Zum Buch: Es erregte in Frankreich großes Aufsehen und wurde vor wenigen Jahren ins Deutsche übersetzt. Eribon war in ärmlichen Verhältnissen in Reims aufgewachsen. Er – auch seine Homosexualität spricht er an – hat sich nach der schwierigen Kindheits- und Jugendzeit vom sozialen Status seiner Wohngegend und seiner Familie distanziert – vielleicht auch wegen seiner Homosexualität – und kam erst viel später nach Reims zurück. Vielleicht war es schlechtes Gewissen. Er sagt jedenfalls in der Inszenierung – die keine wortidentische Lesung aus dem Buch war -, dass sein kulturelles Leben natürlich auch elitär sei.

Zur Inszenierung: Eine sehr gelungene Mischung aus Dokumentation und Theater. Man sieht komplett durchgehend auf großer Leinwand über der Bühne einen Film zum Buch. Man erlebt damit – wohl wie im Buch – sehr Persönliches, sehr Konkretes von Didier Eribon über seine Jugend, seine Mutter, aeine Wohngegend und daneben insgesamt über die Arbeiterbewegung der vergangenen 50 Jahre, die Zeit der linken Regierungen in Europa (Mitterand, Schmidt, Schröder, Italien, Spanien etc). Gezeigt wird, dass die ursprünglich so systemkritischen Intentionen der „Arbeiterklasse“ – 68er Generation etc. – gerade dadurch vom System aufgesaugt und zerstört wurden, dass sie, die Linken, an die Regierung kamen und dann nur noch an „Schräubchen drehten“, über „Gerechtigkeit“ redeten etc. Ihr Vorgehen war nicht mehr systemkritisch.

Nina Hoss spielt weitgehend sich selbst. Sie erzählt am Ende auch von ihrem wahren Vater. Die Einfachheit der Inszenierung ist verblüffend, in einem Aufnahmestudio soll sie den Text zu einem Film über das Buch von Eribon sprechen, den man auf der Leinwand sieht. Von Zeit zu Zeit kommt der Aufnahmeleiter ins Studio – auf die offene Bühne – und beide reden über Aspekte des Buches. Als würden sie fast ohne „Vorgaben“ diskutieren, sehr gelungen.

Mein Eindruck nur: Ich war nach der Aufführung verunsichert. Sehr viel wird berichtet über die Generation der Eltern von Didier Eribon, ebenso über die Eltern von Nina Hoss – genauer: Über den Vater, der in der DDR eine kommunistische Ausbildung absolvierte. Doch meine Erachtens bleibt zu unberücksichtigt, dass es diese Arbeiterschicht der früheren Generationen so heute nicht mehr gibt. Die Themen der damaligen Arbeitermilieus haben sich doch leicht verändert. Es sind nicht mehr diese alten Arbeitermilieus, die jetzt Le Pen oder AfD wählen. Das ist ja das Problem der Linken! Die Probleme haben sich verlagert, weg vom Thema „Ausbeutung“. Es ist doch heute ein Gefühl des Abgehängtseins in vielen Situationen. Mehr „arm und reich“ statt „Arbeiter und Arbeitgeber“. Das mag Eribon auch so sehen, in der Inszenierung ist genau hier aber eine Lücke in der Diskussion. Insoweit kommt Eribon vielleicht doch etwas zu einfach von den damaligen Arbeiterschichten auf Le Pen und AfD. 

Insgesamt aber eine absolut lohnenswerte Inszenierung, das Thema brennt ja.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair