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THEATER: Schauspielhaus Bochum – Der Bus nach Dachau

Nun schreibe ich noch über die Produktion „Der Bus nach Dachau“, die ich kürzlich auch am Schauspielhaus Bochum sehen konnte. Neben „Kinder der Sonne“ (HIER mein Bericht dazu) ist es als zweite Bochumer Inszenierung zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen. Es ist ein sehr sensibler, sehenswerter Abend.

Bei Betreten des Theaterraumes wundert man sich schon: Da sitzen ja schon ein paar Zuschauer auf der Bühne – auf schlichten Stühlen – und erhalten eine Einführung in das Stück. Die Einführung wird gebracht am Pult stehend von Ward Weemhoff, einem der Gründer des holländischen Schauspielerkollektiv De Warme Winkel. Schon die Einführung zeichnet sich dadurch aus, dass Ward Weemhoff – dem man genau zuhört, nachdem man sich selber im Zuschauerraum gesetzt hat – im Grunde naturgegebene Distanz zu dem hat, was er erklären will: Er sucht – als Holländer – ständig nach den richtigen deutschen Begriffen. Immer wieder fehlen ihm die Worte, die richtige Aussprache … Distanz bei gleichzeitigem Versuch, den Dingen nahe zu kommen. Darum geht es.

Dabei bezieht Ward Weemhoff seine kleine Gruppe von Zuhörern und Zuhörerinnen immer wieder ein, ihm die richtigen Begriffe zu nennen. Letztlich schaffen es beide Seiten gemeinsam, die Einführung verständlich zu gestalten. Man merkt schnell: Man ist einbezogen, man ist selber betroffen von dem, was kommen wird. Ward Weemhoff führt nach etwa 10 Minuten, die kleine Gruppe der Zuhörer und Zuhörerinnen auf ihre Plätze. Dann ist klar: Sie sind ja Teil von uns allen!

So erklärt also zu Beginn Ward Weemhoff der kleinen Gruppe etwas: – den Hintergrund der Produktion – das Bühnenbild – Dinge zum KZ Dachau:

  • Der Hintergrund der Inszenierung ist sehr persönlich: Der Vater von Ward Weemhoff hatte in den Neunzigerjahren einen Film machen wollen über eine Busfahrt ehemaliger niederländischer KZ Häftlinge (Widerständler) zur KZ Gedenkstätte Dachau. Jetzt macht der Sohn Wim also diesen Abend, in dem es über die Arbeiten an diesem nie entstandenen Film des Vaters geht. Drei Zeitebenen. Das KZ Dachau – Vaters Projekt in den Neunzigern – und heute.
  • Das Bühnenbild: Man blickt auf eine Werkstatt, hinten eine lange Kleiderstange mit Theaterkleidung; ein einfacher Tisch, einfache Stühle, wie in einer Kantine; alle Schauspieler und Schauspielerinnen in Alltagskleidung, sofern sie nicht KZ Kleidung tragen; die Hälfte der Bühne ist belegt von einem riesigen Kubus, der an einer Seite durch eine große Tür betreten werden kann. Dies wird auch geschehen.
  • Im Kubus werden im Laufe des Abends Szenen aus dem KZ Dachau gespielt werden. Es sollen Probeaufnahmen für den Film sein. Man sieht es dann auf großer Videoprojektion auf der Außenwand des Kubus.

Und schon ist man im Thema, bevor es „losgeht“: Zum Einen: Wie kann man etwas erklären, was man nicht selber erlebt hat, wenn einem die Worte fehlen. Und genauer: Wie kann man den kommenden Generationen den Holocaust erklären, wenn alle Beteiligten gestorben sind?

Wie ist denn unsere Erinnerungskultur? Eine Frage, die im Grunde in diesen Jahren beginnt, relevant zu werden. Alle Menschen, die die grauenhaften Einzelheiten des Holocaust mehr oder weniger erlebt haben, werden in Kürze gestorben sein. Erste Frage: Braucht es die Erinnerung an das „banale Böse“? Dann: Wird die Erinnerung künftig nur durch Spielfilme aufrecht erhalten? Steven Spielbergs Schindlers Liste? Stanley Kubrick? Auch darüber spricht man. Wird die Erinnerung künftig nur noch als Märchen transportabel sein? Auch Märchen können das Böse enthalten! Oder wird es wie mit dem Untergang Trojas sein, wird es eine Erzählung werden, bei der früher oder später eher der Autor – Homer und seine Ilias und die Odyssee – im Vordergrund steht, alles zu einer Sage wird? Ist es vielleicht gar unmöglich, sich zu erinnern? Und lernt der Mensch jemals etwas dazu?

Auch all diese Dinge kommen an diesem Abend zur Sprache. Es kommt auch zur Sprache: Soll man einen Film darüber möglichst naturalistisch machen? Werden die realistischen Erfahrungen, wird das wirkliche Schicksal durch computergenerierte Gestalten, die an die Stelle der Betroffenen treten, geradezu ausgelöscht? Wie umgehen mit Leugnern? Muss man nicht erschreckend Persönliches hören? Sehr beeindruckend war zum Beispiel der Monolog von Vincent Rietveld, in dem er lange über die allerletzte Situation, den Rest der Menschlichkeit im KZ Dachau sprach: Das Scheißen! Wenn man nur das noch konnte und wenn einem nur das noch zeigte: Man lebt noch!

Es sind viele Fragen, natürlich aber nicht viele Antworten! Es herrscht eher Betroffenheit auf der Bühne! Betroffenheit auch dadurch, dass man merkt, wie schwer tatsächlich Erlebtes wirklich nachvollzogen werden kann. Wie kann man es also trotzdem nahebringen? Der Abend wird sicherlich auch durch die Arbeitsweise von De Warme Winkel so vielschichtig und sensibel. Ward Weemhoff und Vincent Rietveld erklären in einem Interview, wie sich die Schauspielerkollektiv einem Thema nähert. Es beginnt mit einer Themensammlung, monatliche Meetings, Monat für Monat wächst ein Thema, es kann lange dauern, einzelne Szenen werden entwickelt, die Teile werden montiert …

Hier noch zwei Fotos:

Ein Abend, der „zwischen die Zeilen“ blickt, vorausdenkt, nicht nur „Betroffenheit über den Holocaust“ auslösen will.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhaus Bochum.

Copyright der Fotos: Isabel Machado Rios

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THEATER: Zentraltheater München – Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Seit 2017 gibt es in München – Nähe Hauptbahnhof, Paul-Heyse-Straße 28 – das kleine Zentraltheater. Es wird NICHT geführt von der renommierten Münchner Schauspielschule Zerboni, die im selben Gebäude sitzt, sondern ist davon unabhängig! Derzeit (siehe die Termine oben auf dem Plakat) läuft dort das Stück „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, nach Peter Høegs gleichnamigem erfolgreichen Roman aus dem Jahr 1992.

Man konnte im Zentraltheater bei „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ eine Aufführung verfolgen, bei der vor allem auf die schauspielerische Leistung Wert gelegt wird. So gibt es im Grunde für diese Inszenierung auf leerer Bühne nur die Schauspielerin Dagny Dewath und den Schauspieler Thomas Birnstiel. Weißer Bühnenboden – der Schnee eben. Der Erfolgsroman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ wird allein von Ihnen beiden erzählt/gespielt. Thomas Birnstiel schlüpft dabei in mehrere Rollen, während Dagny Dewath durchgehend Fräulein Smilla spielt, die dem Grund des Todes des Jungen Jesaja nachspürt. Sie ist Grönländerin, Jesaja war auch Grönländer, sie kannten sich, wohnten im selben Haus.

Es ist ein Wissenschaftsthriller, da es letztlich – findet Smilla heraus – um wissenschaftliche Expeditionen nach Grönland und dortige Funde und Tode geht.

Natürlich können nicht alle Einzelheiten des Thrillers, der auch verfilmt wurde, in der Inszenierung wiedergegeben werden. Ich kenne das Buch nicht, habe aber den Eindruck, dass durchaus öfters gekürzt werden musste. Auch wenn ja die Verfilmung die Grundlage der Inszenierung ist. Dennoch: Schauspielerisch ist die Inszenierung von beiden sehr überzeugend! Inhaltlich ist es möglicherweise etwas kurz geraten, mir hat sich nicht alles erschlossen.

Unverständlich blieb für mich leider das Plakat zu dieser Inszenierung, auf dem Helmut Kohl zu sehen ist. Nun gut, sehr schön ist es jedenfalls, gute schauspielerische Leistungen so nah in diesem kleinen Theater erleben zu können. Ein Grund, es zu besuchen – in der Hoffnung, dass vielleicht sogar auch junge Auszubildende der Schauspielschule Zerboni ihre Chance bekommen!

Hier noch ein Trailer zur Verfilmung des Romans in Produktion von Bernd Eichinger:

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THEATER: Schauspielhaus Bochum – Kinder der Sonne

Es war eine Gelegenheit, um von München nach Bochum zu fahren – zum „berüchtigten“ Schauspielhaus Bochum – für Sonntag, den 19. März, bin ich mit dem Zug hingefahren – quasi hintereinander wurden dort (jeweils auf einer der beiden Bühnen des Schauspielhauses) diejenigen beiden Inszenierungen gezeigt, die in diesem Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden – „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki und „Der Bus nach Dachau“ – letzteres ein Stück, das von der holländischen Gruppe „De Warme Winkel“ und Mitgliedern des Bochumer Ensembles erarbeitet wurde.

Natürlich war es zunächst einmal wunderbar, die beiden Bühnen dieses so berüchtigten Theaters kennengelernt und erlebt zu haben. Vor noch nicht ganz 105 Jahren wurde das Schauspielhaus Bochum gegründet. Zum 100-jährigen Bestehen in 2019 gab es eine Feier. Es gab damals außerdem eine recht ausführliche Dokumentation des WDR über das Schauspielhaus Bochum, die noch heute auf YouTube in voller Länge zu sehen ist. HIER:


Die Geschichte des Theaters ist geprägt von großen Intendanten. Um nur ein paar der Intendanten aus dieser Reihe zu nennen: Peter Zadek – Claus Peymann – Leander Haußmann – Matthias Hartmann – und jetzt (seit der Spielzeit 2018/2019) Johan Simons. HIER ein Überblick über alle Intendanten des Hauses und eine kurze Beschreibung ihrer Arbeit. Auch in der Zeit der Intendanz von Johann Simons hat das Schauspielhaus Bochum schon wunderbare Erfolge erzielt. Das Schauspielhaus Bochum wurde etwa im vergangenen Jahr (2022) zum Theater des Jahres gewählt.

Es ist nicht nötig, „Erfolge zu erzielen“, aber es ist gelungen, auch mit Einladungen zum Berliner Theatertreffen. Es kam in der Vergangenheit in der Tat schon mehrfach vor, dass zwei – sogar drei – Inszenierungen des Schauspielhauses Bochum gleichzeitig zum Berliner Theatertreffen (das es seit Mitte der sechziger Jahre gibt) eingeladen wurden, dieses Jahr also sind es wieder zwei.

Ich schreibe hier zunächst über meine Eindrücke zu „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki und dann in einem weiteren Beitrag über meine Eindrücke zu „Der Bus nach Dachau“. Zusammen gilt: Viel unterschiedlicher können Inszenierungen kaum sein. „Kinder der Sonne“: absolut klassisch inszeniert, zeitlos. „Der Bus nach Dachau“ (Untertitel: „Ein 21st Century Erinnerungsstück“) eine tiefgehende Arbeit, modern und fast werkstattmäßig inszeniert zu einem Thema, das uns heute alle betrifft.

„Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki:

HIER ein paar Fotos (Copyright Matthias Horn):

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass diese Inszenierung als eine der „bemerkenswerten Inszenierungen des Jahres“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Was ist „bemerkenswert“? Man blickt auf ein hochrealistisches Bühnenbild – eine edle Wohnung, der Flur, das Esszimmer, das nicht einsehbare Treppenhaus, alles stilvoll, fast zeitlos, edel, hohe Räume, gedeckte Farben. „Kinder der Sonne“ eben, die dort wohnen. Auch die Kostümierung absolut passend, fein ausgewählt, jeder so, wie er bei Maxim Gorki wohl sein soll. Auch die Kostümierung ist fast zeitlos, gedeckte Farben, edel. Es wirkt nicht unbedingt vollends nach dem Ende des 19. Jahrhunderts, was die beteiligten Personen an Kleidung tragen, es ist zeitlos. Auch der Text wiederum ist fast wortgetreu. Auch die Handlungen der Personen erlebt man getreu nach Maxim Gorkis Werk.

Das wiederum ist vielleicht aber das, was bemerkenswert ist: Gerade durch diese extrem konventionelle Herangehensweise an Maxim Gorkis Text entsteht doch ein Zeitbezug. Die Modernität des Themas muss dabei nicht durch Äußeres betont werden, der Zeitbezug entsteht schon dadurch, dass es sich in diesem Stück schlicht um ein zeitloses Thema selbst handelt und dieses Thema quasi zeitlos dargestellt wird: Die Blindheit in der Käseglocke. Die, die als „Kinder der Sonne“ in dieser schönen Umgebung leben, nehmen die Realität außerhalb des Hauses, also außerhalb ihrer Käseglocke, nicht wahr. Passend dazu ist auch, dass man als Zuschauer ausschließlich das schöne Innere dieses Hauses sieht, kein einziger Blick geht nach draußen, die Fenster sind verhangen. Nicht einmal die Gefahr der Cholera „draußen“ nehmen sie ernst. In ihrer Glocke haben die Beteiligten zwar durchaus ihre eigenen Themen, aber sie entkommen der Käseglocke nicht. Wenn sie ihr doch entkommen wollen, weil sie keine Lösung in der Käseglocke finden, gehen sie in den Tod – wie Tschepurnoi, dessen Liebe zu Jelena abgewiesen wird. Nur am Ende werden sie von der Realität eingeholt, und vom Pöbel attackiert. Sie wollten es ja nicht wahrhaben.

Schauspielerisch von allen überzeugend, besonders die stilleren Momente überzeugen. Hier wäre es manchmal vielleicht doch schön gewesen, ab und an mehr von der ja auch sehr treffenden Mimik der Beteiligten zu sehen – in Videoaufnahmen etwa.

Eine der zentralen Figuren des Stückes, der Chemiker Pawel Protassow, nimmt nicht einmal mehr das Leben in der Käseglocke wahr. Er kennt nur noch seine chemischen Experimente, kümmert sich vor allem nicht um Gefühle der Menschen in der Käseglocke. Er will quasi den besseren Menschen erschaffen – vorbei an jeder Realität. Seine Experimente erzeugen nur üble Gerüche in der Käseglocke. Der Mensch wird nie besser! Der endgültig befreiten Menschheit gilt sein Wirken, er hat auch kein Auge für die reiche Witwe Melanija, die in verzweifelter Liebe zu ihm entbrannt ist.

Ich konnte also sagen: Es war ein realistischer Blick in Maxim Gorkis „Käseglockenbild“, in dem die Situation „außerhalb der Käseglocke“ (Cholera) nur ganz kurz angesprochen wird und zum Schluss erst in die Käseglocke einbricht. Und, wenn ich wollte, konnte ich weiter denken: Wir leben immer in Käseglocken, wir tun uns unglaublich schwer, uns irgendwie anders zu verhalten, auch wenn die Gefahren „außerhalb“ unserer Käseglocke dramatischer werden. Eigentlich ernüchternd!

HIER der Link zur Stückeseite von „Kinder der Sonne“ auf der Website des Schauspielhauses Bochum.

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THEATER: Edouard Louis – Die Freiheit einer Frau

Im Rahmen einer Double Feature zusammen mit dem Stück „Nora“ (Hendrik Ibsen) hatte ich es schon gesehen – das Stück „Die Freiheit einer Frau“ nach Edouard Louis. Und ich habe darüber geschrieben, HIER mein damaliger Beitrag. Komischerweise ist ja dann nur das Stück „Nora“ zum Berliner Theatertreffen, das wieder im Mai stattfindet, eingeladen worden! Ich fand gerade beide Stücke zusammen wegen ihrer Unterschiedlichkeit besonders und hätte eher sogar das Stück „Die Freiheit einer Frau“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, es ist besonderer als „Nora“.

An den Münchner Kammerspielen wird „Die Freiheit einer Frau“ aber auch als Einzelaufführung gebracht. Ich habe es mir jetzt auch so angesehen und kann es dringend empfehlen! Der französische Autor Edouard Louis erzählt über das sehr traurige Leben seiner Mutter, die nicht ausufernde Adaptation für die Bühne ist einfach gelungen, sie erhält durch ihre Schlichtheit ihre Tragik.

Auf der Bühne bleibt es fast eine „Erzählung“, eine „schauspielerisch nur angehauchte“ Erzählung von drei hervorragenden SchauspielerInnen, die ständig alle Rollen wechseln, vor allem die Mutter und Edouard Louis spielen. Edmund Telgenkämper, Thomas Schmauser und Katharina Bach! Eine auch auf der Bühne sehr berührende Erzählung.

Die drei (gleich gekleidet in T-Shirt und Jeans, siehe Beitragsbild) spielen bzw. erzählen nur auf der Vorderbühne, einem schmalen Bereich vorne auf der Bühne, der abgetrennt ist von der großen Hauptbühne durch eine weiße Holzwand. Teilweise schöne Videoeinspielungen dazu, mehr nicht.

Edouard Louis geht dem Lebensweg seiner Mutter nach. Sie lebte immer in sehr armen Verhältnissen, war dreimal verheiratet, hatte fünf Kinder, eines davon war Edouard Louis. Mehrfach versuchte sie, den armen und trostlosen Verhältnissen ihres Lebens zu entkommen, es gelang letztlich nur kurz, als sie in Paris lebte. Edouard Louis kommt dem Leben seiner Mutter sehr nahe, das merkt man. Man merkt es durch die so überzeugenden SchauspielerInnen auch in dieser Inszenierung, obwohl sie sich szenisch komplett zurücknimmt.

Es gab viel Applaus für die sehr gelungene Darstellung dieser Erzählung, die – wie gesagt – sehr berührt! Ich empfehle es. Die Inszenierung dauert eine Stunde und etwa 10 Minuten, man kann also danach durchaus noch gut etwas unternehmen und auch über diese Geschichte der Mutter von Edouard Louis nachdenken. Sie hat lange Zeit ein armes Schicksal ertragen und sich doch in gewisser Weise nach Freiheit gesehnt und dafür eingesetzt, dafür gekämpft.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

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LITERATUR: Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert

Über Romane von Teresa Präauer hatte ich zweimal im Blog geschrieben. Zuletzt über „Das Glück ist eine Bohne“ und davor über „Oh Schimmi“. „Oh Schimmi“ war eine köstliche Erzählung über einen recht verschrobenen Jungen. Den Erzählungen in „Das Glück ist eine Bohne“ fehlte dagegen dann irgendwie diese schöne Ironie und der Witz, der die Erzählung „Oh Schimmi“ prägte. Nun gut, ich habe ihren neuen Roman „Kochen im falschen Jahrhundert“ gelesen.

Wer über etwas lesen möchte, was er bestimmt schon gemacht hat, liegt nicht falsch bei diesem kleinen Roman. Gut überschaubar und leicht lesbar. Keine komplizierte Storyline, keine schwer verständlichen Handlungen oder sonderbare Personen. Es ist die Beobachtung und Schilderung des Verlaufs einer kleinen Einladung von Freunden zum Abendessen – die Schilderung ist dabei gemischt mit Erinnerungen an die Vergangenheit der Erzählerin und mit kürzeren allgemeinen Beobachtungen zur Welt. Das Prägende ist: Ansatzpunkt sämtlicher Überlegungen im Roman sind die Speisen und Getränke – frühere und heutige, deren Zubereitung, deren Zutaten, deren Orte, die Hilfsmittel zur Zubereitung etc., daher der Titel des Romans. Alles hängt an Speisen und Getränken.

Der Rahmen: Man trifft sich zur Einladung in der relativ neu bezogenen Wohnung eines Paares (der „Gastgeberin“ [sie ist die Erzählerin] und ihres „Partners“). Die Schilderung der kleinen Einladung besteht aus 32 kurzen „Kapiteln“. Die Gastgeberin hat eine Quiche vorbereitet (oder besser: Sie bereitet die Quiche während des Abends zu), es kommt ein befreundetes Ehepaar (der „Ehemann“ und die „Ehefrau“) und ein „Schweizer“ (ohne seine „Freundin“, die keine Zeit hat). Man verfolgt die Gespräche und Handlungen der Personen, durchaus mit unterschwelligem Humor (weil die Gastgeberin alles locker hinnimmt). Man lernt die beteiligten Personen damit ein wenig kennen, ein wenig. Das ist also der äußere Rahmen des neuen Romans der Österreicherin Theresa Präauer.

Man folgt in diesem Rahmen einer zentralen Überlegung: Wie kann man mit alleinigem Blick auf die Speisen und Getränke der Zeit Dinge der Gegenwart und der Vergangenheit schildern? Wie kann man allein von Speisen und Getränken ausgehend auf Überlegungen allgemeiner Art kommen? Die Zahl der in diesem Buch genannten Speisen und Getränke und aller möglichen sonstigen Wörter, die mit der Zubereitung von Speisen und Getränken und mit allerlei um sie herum zu tun haben, ist kaum zu ermitteln! Oft hängen kleine Erinnerungen der Erzählerin an! Teresa Präauer spricht sich selbst dabei mit „Du“ an („Erinnerst du dich?“). Sie geht bei ihren Überlegungen und Beobachtungen nicht in die Tiefe, sondern verfolgt den groben Faden, sich immer wieder an Speisen und Getränke zu erinnern, zu orientieren, immer daran. Alles hängt an Speisen und Getränken.

In der Tat: Speisen und Getränke begleiten uns täglich und unser Leben lang! Selten verbinden wir allerdings unsere Erinnerungen und Überlegungen mit ihnen. Genau dies geschieht aber in diesem Büchlein. So mischt sich das kleine Alltagsgeschehen der geschilderten Essenseinladung (die nicht etwa „der Erzählung wegen“ ausufert!) mit vielen kleinen Erinnerungen, allgemeinen Gedanken und kurzen Beobachtungen zur heutigen Welt oder zur Entwicklung der Welt überhaupt. Das Buch ist angenehm, leicht, da eben immer das Schöne am Essen und Trinken mitschwingt, nichts Trauriges, es ist nicht deutlich von Humor getragen, sondern eher von Kulinarik, vielleicht schwingt aber ein ständiges Lächeln mit. Nach dem Motto: Das Essen und Trinken prägte und prägt immer unser Leben!

Also ein nettes Mitbringsel bei einer Einladung!

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MUSIK: Asaf Avidan – Different Pulses

Theater und Musik. Wie im Beitrag zuvor. Heute: Ich war ja kürzlich im Münchner Metropoltheater, hatte mir das Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ angesehen. HIER mein Beitrag dazu. Es ging um Liebe, um die Unmöglichkeit der Liebe. Es sind immer zwei Welten, wie die beiden Koreas. Die ca. 20 verschiedene Szenen zu diesem Thema waren immer wieder unterbrochen durch Musik von Asaf Avidan.

Auch Asaf Avidan hat Lieder zu diesem Thema geschrieben. Hier eines davon.

Den Album-Titel Different Pulses wählte Asaf Avidan auch wegen des das Album durchziehenden Grundthemas: Der Suche nach Liebe, Frieden und/oder Sicherheit in dem Wissen, diese nie zu finden, weil es immer verschiedene Impulse/Pulsschläge gibt, die sich nie ganz synchronisieren lassen.

HIER der Link zur offiziellen Website von Asaf Avidan.

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MUSIK: Kae Tempest – Salt Coast

Der Song „Salt Coast“ von Kae Tempest bildet den Abschluss des Abends Anti•gone, über den ich kürzlich geschrieben hatte. HIER der Beitrag. Er passte stimmungsmäßig – kleine Seifenbläschen schwebten auf das Publikum herab – zu diesem Abend. Jetzt noch der Song.

Kae Tempest sei eine „Ausnahmeerscheinung“, heißt es. Jung ist sie, die Britin, 1985 geboren, nonbinär, sie hieß zuerst Kate Tempest, änderte es dann in Kae Tempest und wechselte von „she“ zu „they“, trägt statt langer Haare jetzt kurze Haare. Kae Tempest sind (!) im Grunde Lyrikerin, die ihre Texte sehr eigen als „Spoken Word“ mit Musik verbinden.

„Salt Coast“ ist ein Song – released im Februar 2022 – aus dem dann im April 2022 erschienenen Album The Line Is a Curve. Es ist ein Song – bzw. Text – über Großbritannien, über die heutige Welt der „Britishness“, über den Stolz, ein Brite zu sein. Kae Tempest selbst sagten dazu im Frühjahr 2022:

„My love song to this complex, devastating, deeply beautiful island Salt Coast is out now. This song means the world to me. Hope you feel it.“

Sie findet viele Worte! Die alles andere als einfachen und kurzen Lyrics von „Salt Coast“ (das Video ist am Ende des Beitrags!):

  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen
  • Leaves, rain
  • Alle verkleidet und nirgendwo hin 
  • All dressed up with nowhere to go
  • Ich liebe deine am Ärmel ziehende Nervosität 
  • I love your sleeve-pulling nervousness 
  • Ich liebe die Art, wie du an deinen Rändern zu Kreide zerbröckelt 
  • I love the way you crumble into chalk at your edges
  • Ich liebe die Art, wie du in einen endlosen Himmel eintauchst 
  • I love the way you fade into a sky that is as endless
  • Als Ihre Bereitschaft, es zu versuchen 
  • As your willingness to try
  • Mach weiter so und es wird besser 
  • Keep going and it will get better
  • Ich liebe die Art, wie du dich bemühst, klar zu werden 
  • I love the way you push to get clear
  • Ich liebe die Art, wie du tanzt, um stark zu werden 
  • I love the way you dance to get strong
  • Alt 
  • Ancient
  • Glatter Lehm, felsig, nasser Sand, moosbewachsen
  • Slick clay, rock-formed, wet sand, moss-borne
  • Was kam vorher 
  • What camе before
  • Und was kommt danach
  • And what will come aftеr
  • Unter den geordneten Warteschlangen, der schlechten Laune, den schönen Aussichten 
  • Beneath the orderly queues, the bad moods, the nice views
  • Die Habenichtse und Habeauchse, die Nachtschichten in flachen Schuhen 
  • The have-nots and have-toos, the night shifts in flat shoes
  • Die weggeworfenen Masken, die leeren Tuben 
  • The discarded masks, the empty tubes
  • Die Erkältung, die Grippe, die Roten 
  • The colds, the flus, the reds
  • Der Blues, das Buy-to-let, das Play-to-lose 
  • The blues, the buy-to-let, the play-to-lose
  • Das weiße Ass, die graue Gans, der Michelin-Stern, das Fast Food 
  • The white ace, the grey goose, the Michelin-starred, the fast food
  • Die glatten Lügen, die seltsame Wahrheit
  • The straight lies, the strange truth
  • Ich kann das tiefe Krächzen deines fröhlichen Lachens hören 
  • I can hear the deep rasp of your laughter, joyful
  • Unter den unterdrückten Ressentiments 
  • Beneath the stifled resentments
  • Und Mikroaggressionen 
  • And micro-aggressions
  • Alles Teil des Gewebes 
  • All part of the fabric
  • Die Spannung ist so eng gewebt, dass sie sich ihrer Dimension widersetzt 
  • The tension woven so tight it defies its dimension
  • Das sehen-aber-nicht-fühlen 
  • The see-but-don’t-feel
  • Das wissen-aber-nicht-erwähnen 
  • The know-but-don’t-mention
  • Da bist du ja 
  • There you are
  • hedonistisch, selbstzerstörerisch, unsicher 
  • hedonistic, self-destructive, insecure
  • Versuche, von den Fehlern wegzukommen, die du zuvor gemacht hast
  • Trying to get away from the mistakes you’ve made before
  • Salzküste, übler Wind 
  • The see-but-don’t-feel
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind 
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen
  • Leaves, rain
  • Aufbruch in den Wandel 
  • Veering into change
  • Ich schätze deine Bemühungen 
  • I appreciate your efforts
  • Anerkennung deines Privilegs 
  • Acknowledging your privilege
  • Aber anfällig für Rückschritte 
  • But prone to back-stepping
  • Sicher, unsere Zukunft wird nicht an unserer Vergangenheit gemessen 
  • Sure, it’s not by our past that our future will be measured
  • Genau in dem Moment, in dem wir zerzaust hineinfallen 
  • It’s by the very moment that we’re slumping in, dishevelled
  • Sechs Stunden in einer TV-Show, die nach Pizza schmeckt 
  • Six hours in to some TV show that tastes like the feeling of pizza
  • Ich weiß, wonach du greifst 
  • I know what you reach for
  • Alle verkleidet und nirgendwo hin 
  • All dressed up with nowhere to go
  • Auf einer Bank sitzen und darauf warten, dass sich ein Weg öffnet
  • Benched, waiting for a path to open up
  • Warten auf etwas, das dich alt genug machen könnte 
  • Waiting for a thing that might make you old enough
  • Um in die Kneipe zu kommen 
  • To get into the pub
  • Wo Menschen auf die verlorene Jugend trinken 
  • Where people drink to lost youth
  • Ich sehe dich, wie du den Kies in deiner Luft max kratzt 
  • I see you, scraping the gravel in your air max
  • So schön, so chaotisch, so geerdet 
  • So beautiful, so chaotic, so grounded
  • Heim 
  • Home
  • Beton und Lehm 
  • Concrete and loam
  • Ziegelmehl und Kredite 
  • Brick-dust and loans
  • Holzboden 
  • Wood-floors
  • Bildschirmtüren
  • Screen-doors
  • Und einen eigenen Ort 
  • And a place of your own
  • Zahl es für den Rest Ihres Lebens ab, aber wer fragt danach?
    Pay it off the rest of your life, but who’s asking?
  • Unruhig, die feuchte Nacht naht 
  • Restless, the damp night approaching
  • Zu lange auf den Beinen 
  • Too long on your feet
  • Hitze destillieren 
  • Distilling the heat
  • Jetzt willst du frei sein 
  • Now you want to be free
  • Von der Belastung dessen, was in deinem Namen getan wurde 
  • From the strain of what’s done in your name
  • Jeder einzelne Zentimeter von dir ist jemandes Anspruch 
  • Every single inch of you is somebody’s claim
  • Der bekannte Refrain 
  • The familiar refrain
  • Von ihrer Herrlichkeit und deiner Schande 
  • Of their glory and your shame
  • Sie wollen einfach nur in Bewegung bleiben, die enthaltene Energie 
  • You just want to keep moving, the energy contained
  • Schwappt heraus und macht dir Ärger
  • Is spilling out and making trouble for you
  • Nichts ist das gleiche 
    Nothing is the same
  • Du bist unter der Last des Leidens und Gehorchens herausgekommen 
  • You got out from underneath the weight of suffer and obey
  • Die Tyrannei und der Hass von Britannia regiert die Wellen 
  • The tyranny and hate of Britannia Rules the Waves
  • Und jetzt schwingst du deine Hüften, während du die Gasse hinunter stolzierst
  • And now you swing your hips as you go strutting down the lane
  • Ich liebe dich, wenn ich dich so klar sehe
  • I love you when I see you this plain
  • Deine Salzküste, dein übler Wind 
  • Your salt coast, your foul wind
  • Deine alten Geister, deine Schrottdose 
  • Your old ghosts, your scrap tin
  • Die Bräunung Ihrer Blätter 
  • The browning of your leaves
  • Und das Grün deines Regens 
  • And the greening of your rain
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech 
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Salzküste, übler Wind 
  • Salt coast, foul wind
  • Alte Geister, Altblech
  • Old ghosts, scrap tin
  • Blätter, Regen 
  • Leaves, rain
  • Blätter, Regen
  • Leaves, rain

HIER ein Artikel über sie und ihren Werdegang.

HIER noch ein anderer schöner Link.

HIER ein Interview mit „ihnen“.

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THEATER: Münchner Kammerspiele- Licht

Mehrere Jesidinnen sind bei „Licht“ an den Münchner Kammerspielen nach einjähriger Vorbereitungszeit bereit, auf der Theaterbühne (künftig auch in anderen Städten, auch international) über ihre persönlichen Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Jesiden zu erzählen. Es wird eine einzige lange Geschichte erzählt, die sich über viele Erzählabende an mehreren Orten erstrecken wird, bis sie zu Ende erzählt ist.

Am gestrigen Premierenabend waren es zwei junge Frauen, die erstmals erzählten. Weitere Abende folgen in München morgen, Samstag, 25.02., am Sonntag, 26.02., und wohl auch noch einmal im April. Das Projekt hat etwas Einmaliges und dadurch Besonderes: Jede einzelne Geschichte wird nur einmal erzählt, jeder Abend ist zeitlich offen, „bis die Erzählenden nicht mehr können“, heißt es! Die Bühne ist fast leer. Wenn eine Erzählerin mit ihrer Geschichte aufhört, setzt die nächste Erzählerin die Geschichte möglichst an deren Ende fort.

Das ist natürlich zweischneidig: Man erwartet Grauenhaftes, will aber nicht voyeuristisch sein. So war es in jedem Fall auch das Projekt an sich, das sehr reizte: Die absolute Einmaligkeit jedes Abends der Reihe und deren Unmittelbarkeit. Ein Erlebnis für den Theaterfreund, auch wenn das Thema wahrlich nichts mit Theater zu tun hat!

Es kam im Grunde am Premierenabend etwas anders (aber wie gesagt, jeder Abend wird anders!): Der Premierenabend mag dadurch geprägt gewesen sein, dass sich die Erzählerinnen erst einmal langsam an die erlebten Ereignisse herantasteten. Auch das ist sicherlich für die Erzählerinnen nicht leicht. So blieb es am Premierenabend zunächst weitgehend bei der Schilderung der Atmosphäre. So ist das eben, wenn eine lange Geschichte erzählt wird.

Bei der jungen ersten Jesidin, Awaz Abdi, (siehe das Beitragsbild) war es ohnehin verständlich, dass sie ausführlich (fast 2 Stunden lang) nur über die unruhige Nacht und die Abreise erzählte, als der IS in ihr friedliches Kinderleben kam. Awaz Abdi erzählte aus ihrer Kindheit, nach fast genau einer Stunde ihre Erzählung sagte sie zum ersten Mal: „Plötzlich hörte man Geräusche…“. Sie erzählte von der Unruhe der Familie, der Flucht, von den Lebensumständen ihrer Kindheit – nur davon erzählte sie, nicht vom Grauen. Das ist wahrlich sehr verständlich für ein junges Mädchen und jeder Einschnitt der Kindheit wird für sie persönlich schmerzhaft genug sein, sie hat ja die Bilder vor Augen.

Die zweite erzählende Jesidin, Najlaa Matto, war etwas älter. Sie fängt zum ersten Mal an zu schluchzen, als sie erzählt, dass es bei insgesamt vier Familien in der Nachbarschaft keinen Joghurt gab(!). Sie erzählt auch vom Tomaten Holen in der Nachbarschaft. Dabei hat sie im Grunde immer wieder erzählt, dass „alle Angst hatten und viel weinten“, weil die IS kam. Es lag sicherlich auch an ihrem einfachen Deutsch, das letztlich zu einer erzählerisch sehr einfachen Klage führte, die – meinte man fast – irgendwie zuviel Betroffenheit auslösen sollte. Sie hat wahrscheinlich Grauenhaftes erlebt, erfahren und gesehen – bei ihrer Erzählung merkte man es allerdings nicht.

Insgesamt war der Premierenabend für sich gesehen so aus meiner persönlichen Sicht gerade durch die Erzählung von Najlaa Matto fast eine Verharmlosung des brutalen Völkermordes an den Jesidinnen und Jesiden! Ja, die UN hat es mittlerweile als Völkermord eingestuft. Es mag in den kommenden beiden Terminen deutlicher – und vielleicht auch persönlicher – um die Taten des IS gehen. Sofern die Erzählerinnen fähig sein werden, darauf einzugehen.

So blieb an diesem Premierenabend jedenfalls ein ungutes Gefühl: So schrecklich und unbeachtet das Schicksal der Jesiden und Jesidinnen gewesen ist: Eilige Fluchten mit dem Auto in die Berge – das prägende Thema zumindest des Premierenabends – sind momentan nicht unbedingt Thema, um übermäßig Betroffenheit auszulösen – wenn es schon um Betroffenheit geht! Siehe allein die schrecklichen Schicksale in der Ukraine, siehe die grauenhaften Schicksale beim Erdbeben in der Türkei!

Aber jeder Abend wird anders sein. Und es waren eben die Anfänge einer langen Erzählung und das Projekt bleibt sehr besonders.

HIER der Link zur „Stückeseite“ auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Sima Dehgani

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THEATER: Münchner Kammerspiele – Anti•gone

Es ist Antigone in Leichter Sprache. Die Leichte Sprache ist für Menschen entwickelt, die aufgrund kognitiver Einschränkungen oder aus anderen Gründen mit komplizierter Sprache, die natürlich auch im Theater herrscht, nicht zurecht kommen. Die leichte Sprache folgt ganz bestimmten Regeln. Kurze Sätze, nur Aktivsätze, nur eine Aussage pro Satz und und und und.

So werden denjenigen Menschen, die sich Leichter Sprache bedienen müssen, auch komplizierte Sachverhalte verständlich gemacht. Der Stoff der Antigone wiederum wurde dafür mit dieser Sprache an den Münchner Kammerspielen inszeniert. Sehr kompliziert ist dieser Stoff an sich nicht, die Sprache ist es aber. Die Sprache ist für Betroffene die Barriere, den Stoff in seiner Aussagekraft zu verstehen.

Heraus kam eine Inszenierung, die offenbar unter Mitwirkung vieler entwickelt wurde. Es heißt:

Von und mit: H. Bozorgnia, S. Brandes, J. Eiworth, D. Fell-Hernandez, Nele Jahnke, F. Kakoulakis, J. Kappauf, U. Liagaitė, H.-J. C. Mühlethaler, A. Leichtfuß, N. Mensah-Offei, R. Mleihi, L. Søvsø, S. Winkler

Es entstand in der Tat eine Inszenierung, wie man sie sonst selten sieht. Klare Handlungen, deutliche Sprache, immer verständliche Bilder, immer gut nachvollziehbare Gedankenführung, Sprechpausen, Gestik und und und. Man darf sich nicht sagen, die Inszenierung sei zu einfach. Sie ist zugeschnitten auf Menschen mit diesem Problem.

Man folgt besonders Johanna Kappauf (Beitragsbild) in der Rolle der Antigone und verfolgt ihre schöne Ernsthaftigkeit und Spielfreudigkeit. Sie selber mag neben Frangiskos Kakoulakis (in Vertretung für Dennis Fell-Hernandes, teilweise playback) von Leichter Sprache profitieren. Ich gehe davon aus, dass die übrigen Beteiligten Leichte Sprache im Alltag an sich nicht benötigen. Das Auftreten von Johanna Kappauf und Frangiskos Kakoulakis hatte dabei sogar, schien es, erfrischend mehr Klarheit und Einfachheit in der Aussage, als es bei den anderen Beteiligten erschien. Das zu sehen, war für mich der Effekt dieses Abends. Wenn Johanna Kappauf als Antigone Johanna Eiworth in der Rolle des Herrschers Kreon in den Arm nimmt, nimmt letztlich – nicht nur nach dem Inhalt der Antigone-Erzählung – die Klarheit die Unklarheit in die Arme (siehe das Beitragsbild). Klarheit mag eine besondere Eigenschaft von Menschen mit derartigen Beschränkungen sein.

Auch die Inszenierung selbst blieb dadurch insgesamt, möchte ich sagen, einfacher, klarer. Sehr schön ist der Abschlusssong der Inszenierung, während dessen kleine Seifenblasen auf das Publikum herabschweben. Der Song von Kae Tempest (als Spoken Word) hat zwar mit Großbritannien zu tun – kein Thema der Antigone, eher Shakespeare – er hat aber mit Liebe zu tun – dem großen Thema der Antigone. Eine schöne Abschlussstimmung für diesen insgesamt angenehm ruhigen, entschleunigten Abend!

Als etwas übertrieben empfand ich die Tatsache, dass am Ende dieses schönen Abends dann noch ein Spendenaufruf für die Türkei verlesen wurde. So wurde man kurz noch in ein anderes großes Thema hineingeworfen – das allen (bei riesiger Hilfsbereitschaft) durch all die fürchterlichen Meldungen und Nachrichten der letzten Wochen hinlänglich bekannt ist und sicher Anlass für Spendenüberlegungen war. („Haben denn die Münchner Kammerspiele auch gespendet?“ fragte mich meine Nachbarin).

Mein letzter Eindruck: Die Kostümierung schien mir zu schulmäßig gewollt, übertrieben. Weniger hätte auch dort noch Mehr bedeutet, dachte ich mir. Aber es lohnt sich wegen aller anderen Eindrücke.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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THEATER: Elias Emmert – Tal der Tränen

Es war eine der Abschlussinszenierungen der Theaterschule der Münchner Kammerspiele, der Otto-Falckenberg-Schule. Eine Inszenierung von Elias Emmert. Die Inszenierung ist nicht mehr zu sehen, sie lief in den vergangenen Tagen nur dreimal. Dennoch hier ein paar kurze Eindrücke:

  1. Falsche Bühne? Zu sehen war die Inszenierung an der kleinsten der drei Bühnen der Münchner Kammerspiele, im Werkraum im „Blauen Haus“. Es wäre meines Erachtens passender und richtig gewesen, diese Inszenierung auf der zweitgrößten Bühne der Kammerspiele, der Therese-Giehse-Halle, zu bringen. Die Minibühne des Werkraum war vollgestellt mit verschiedensten Dingen, von Sofa bis Waschmaschinen, es war schon für die Schauspieler schwierig, sich zu bewegen. Auch wenn das Bühnenbild genau so gewollt war: Ich glaube, man hätte hier gut über einen Wechsel auf die Bühne der Therese-Giehse-Halle reden können. Die größere Bühne hätte der engagierten Inszenierung einfach gut getan! Es könnte ja nicht unbedingt für besonderes künstlerisches Feingefühl der Münchner Kammerspiele für die SchülerInnen der Otto-Falckenberg-Schule sprechen, wenn alle Abschlussinszenierungen immer auf die kleinste Bühne geschickt werden. Feingefühl für den Nachwuchs und für junges Theater! Wie kann man eine so kleine „vollgerümpelte“ Bühne zulassen. Es war – wie gesagt – vom Bühnenbild her zweifellos so düster und chaotisch gewollt (Bühnenbild: Das Dou MOTHER – Olivia von Lüttichau und Camila Lønbirk). War auch gut! Aber mein Eindruck eben: Auf zu kleiner Bühne! Zumal Elias Emmert schon während seiner Ausbildung mehrere Regiearbeiten an den Münchner Kammerspielen, im Werkraum, gebracht hatte. Schade, aber vielleicht kann es ja noch einmal auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle gebracht werden!
  2. Vom Anfang und dem Ende der Welt: Es ging in Tal der Tränen wesentlich um die Orestie. Das ewige Morden als Reaktion auf Unrecht, bis sich so etwas wie eine geordnete Rechtsprechung entwickelte. An diesem Kipppunkt standen damals die Geschwister Elektra und Orestes. Schon damals die Überlegung: „Wie kann man die bisherige dramatisch zerstörerische Systematik des Lebens OHNE Gewalt beenden?“ Aber das Ganze hat mittendrin auch Bezug zu unserem aktuellen Leben: So wird auch (eindringlich, fast brutal) auf den Kippunkt eingegangen, an dem wir heute stehen, der Klimakatastrophe! Auch hier stellt sich die Frage: „Wie reagieren?“ „Wie kann man die bisherige dramatisch zerstörerische Systematik des Lebens OHNE Gewalt beenden?“ Meines Erachtens hat man hier eine Inszenierung gesehen, die genau in unsere Zeit passt! Düster, abgründig und mit dem Tenor: Anfang und Ende der Welt! Genau da stehen wir. So kann zeitgemäßes Theater momentan wohl nur aussehen! Auch meine Sitznachbarin sagte nach der Vorstellung: „Super, aber schwer zu ertragen!“ So muss es sein!
  3. Schauspielerisch: Beteiligt sind vier SchauspielerInnen. Überzeugend ist wieder Komi Togbonu, man möchte mehr von ihm sehen! Er hat ungewöhnliche Power in sich! Auch Julia Gräfner (beide sind Ensemblemitglieder der Kammerspiele) überzeugt in ihrer düsteren Rolle! Besonders hervorheben möchte ich aber die beiden jungen Schauspielertalente, die seit 2021 an der Otto-Falckenberg-Schule studieren: Emma Floßmann und Enes Sahin (siehe Beitragsbild). Beide spielen stark! Großartig und man wird hoffentlich von Ihnen hören!

HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright des Beitragsbildes: Julia Windischbauer

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THEATER: Volkstheater- Feeling Faust

Man weiß ja, dass an deutschen Schulen Goethes „Faust“ nicht mehr zur Pflichtlektüre gehört. Diese Tatsache greifen die durchweg jungen SchauspielerInnen der Besetzung im derzeit am Münchner Volkstheater zu sehenden Stück „Feeling Faust“ zunächst in einer gestellten Diskussionsrunde auf. Etwa eine halbe Stunde lang wird im vorderen Teil der sehr großen neuen Bühne vor einer grünen Studiowand über den Faust geredet.

Ein kurzer Bericht:

Erfrischend pointiert wird zunächst also in junger, bieder gekleideter Runde (sie spielen dabei die ältere Generation) über Sinn und Zweck von Goethes „Faust“ geredet. Mein Eindruck: Im Gegensatz zum weiteren Verlauf des Abends hätten sich die beteiligten SchauspielerInnen in dieser Diskussionsrunde darstellerische noch deutlich zurückhalten können, es ging ja um das, was sie sagten. So aber, wie es gebracht wurde, wirkte es hier noch teilweise allein durch die Gestiken der Beteiligten etwas zu aufgesetzt, dadurch fast komödiantisch. Aber es zeigte in gewisser Weise eben den Irrsinn solcher Diskussionen.

Die Studiowand wird nach gut einer halben Stunde zu Seite geschoben, ganz nach dem Faustschen Motto: „Hinaus in die Welt“. Es öffnet sich die riesige neue Bühne des Münchner Volkstheater, sicherlich allein durch ihre Größe nicht leicht zu bespielen. Der Besetzung von „Feeling Faust“ gelingt es gut, die Bühne im weiteren Verlauf nicht zu groß wirken zu lassen.

Es entstehen zunehmend Bilder unseres modernen Lebens. Eindrücke einer typischen Jelinek-Inszenierung werden es, zeitnah, politisch, kritisch, chaotisch, mit Sprüngen in den Aussagen. So wird es ein Stück über die Gegenwart insgesamt, über moderne Lebensweisen, Kommunikation, über Extreme, auch über Gefühlswelten. Mitlaufende Videobilder verstärken die Eindrücke der aktuellen Weltlage, aber auch andere Aussagen, etwa wenn – eben Faust – über die Liebe gesungen wird.

Hervorragend ist mittendrin der – etwa viertelstündige – Monolog von Steffen Link als der große Alleskönner Johann Wolfgang Goethe. In unglaublicher Selbstverliebtheit und im Wissen darum, dass er ja ein Weltstar geworden ist und alles Mögliche erfunden hat (Farbenlehre etc.) spricht er herablassend mit dem Publikum. Herrlich satirisch, als würden wir Goethe alle ja eigentlich noch unterschätzen, oder im Grunde überschätzen? Johann Wolfgang Goethe – unser größtes Kulturgut?

So ist es ein ironischer, im Gegensatz zu Elfriede Jelinek aber tendenziell eher humoristischer, immer wieder in extremen Situationen abschweifender Abend über das Chaos im modernen Leben. Man hat den Eindruck: Die Liebe oder die Gefühle insgesamt gehen in diesem Chaos jedenfalls unter! Genau da steckt viel Kritik drin, ohne aber noch weiter sehr konkret zu werden. Man kann ja auch nicht alles bringen. Allerdings blieb für mich die Frage offen: War es ein humorvoller Blick auf die Welt oder war es Kritik?

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Gabriela Neeb

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MUSIK: CERCLE – Monolink

Ich möchte mir nicht anmaßen, etwas über Monolink zu sagen. CERCLE schon eher. CERCLE organisiert für Musiker, hauptsächlich DJs, Liveauftritte, die (jeweils montags) auf Facebook gebracht werden. Es sind Konzerte an ganz speziellen, „sorgsam ausgewählten“ Orten auf der Welt. Ich bin nun auf den Auftritt von Monolink gestoßen, ein „Konzert“ (wieder ohne Publikum), das auf einer der Inseln der Malediven gegeben wurde.

HIER zumindest der Link zu einer kurzen Biografie und Beschreibung von Monolink. Der Musiker hinter Monolink heißt Steffen Linck, er ist geboren in Hamburg, lebt offenbar in Berlin. Als DJ, Singer und Songwriter ist er offenbar erfolgreich.

Das Konzert von Monolink von den Malediven lässt sich meines Erachtens als Begleitmusik über die gesamte Zeit (etwa eindreiviertel Stunden) mitlaufen. Schöne Musik.

HIER noch einmal der Link zur Reihe „CERCLE – Timeless Music“. CERCLE veranstaltet jedes Jahr (im Mai) ein „CERCLE Festival“, dieses Mal – glaube ich – irgendwo in Frankreich. Ich werde dranbleiben.

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Sonstiges

MUSIK: TUNE – Alvin Curran

Am vergangenen Samstag im Haus der Kunst: Ein weiterer Nachmittag (17.00-19.00) der Reihe TUNE. Es sind interessante „Soundresidencies“, Experimente mit dem Umgang mit Musik und Sound, gemeint als Ergänzungen zu den laufenden Ausstellungen des Haus der Kunst in München. Auf der Website des Haus der Kunst heißt es dazu:

TUNE … zwischen den Feldern Sound, Musik und visuelle Kunst angesiedelt … genre-, epochen- und stilübergreifend … klangliche Beiträge, die im Dialog mit dem aktuellen Programm des Haus der Kunst stehen.

Dieses Mal gab Alvin Curran einen Beitrag. Es hieß zu seiner Soundresidency:

TUNE rückt Alvin Currans Lebenswerk in den Fokus. Zu hören und zu sehen sind im Rahmen seiner Residency zwei Liveauftritte, eine Filmvorführung und ein Künstler*innengespräch. … Komponist, Performer, Improvisator und Mitbegründer des revolutionären Kollektivs Musica Elettronica Viva (MEV). Sein musikalischer Werdegang begann Mitte der 1960er-Jahre in Rom … entwickelte er … radikale Ideen einer „unwillkürlichen“ Musik … revolutionierte damit die Bedingungen, unter denen sie entsteht und zur Aufführung gelangt … entdeckte er Musik in allen Gegenständen und allen Menschen … komponierte er für die Avantgarde-Theaterszene in Rom … arbeitete an Solo-Stücken für Synthesizer und Stimme, auf Kassette aufgenommene Sounds und gefundene Objekte … erschloss er neue Räume für die Musik … schuf Konzerte für Seen, Häfen, Parks, Gebäude, Steinbrüche und Höhlen.

Man konnte es in der Tat nicht „Musik“ nennen. Das aber wiederum war das Erfreuliche: Weg von musikalischen Gewohnheiten – hin zu den absurden Grenzen des Sounds.

Seine Soundresidency bestand aus zwei Teilen:

Erster Teil: When There is No More Music to Write, and Other Roman Stories … Film des Künstlers und Filmemachers Eric Baudelaire … in Zusammenarbeit mit Alvin Curran entstanden. Film und Sound. Der Film zeichnet das Bild einer Zeit in Italien, die von den Erschütterungen revolutionärer politischer Strömungen geprägt war. Dieses Zeitgeschehen wird wiederum bestimmender Faktor für Currans Zugang zur „Musik“. 

Zweiter Teil: Seine Performance Endangered Species, an der auch Musiker*innen der Hochschule für Musik und Theater München beteiligt waren. Etwas wie John Cage. Besonders bei diesem zweiten Teil könnte man sagen: Es war die konsequente und extreme Zerstörung von Musik, die Reduktion von Musik auf rein emotional gefundene Sounds. Interessant aber, weil das eigene Hörverhalten ständig überrumpelt wurde. Man merkte, wie man an Gewohnheiten hängt, versuchte ständig, auch nur irgendeine Tonfolge zu entdecken, die einem irgendwie Halt gab. Es geht eben viel mehr mit Musik und Sound, als man gewohnt ist. Insoweit verschaffte dieser Auftritt wieder ein gesteigertes Gefühl von Freiheit: Weg mit Gewohntem, weg von jeder Art „kommerzieller“ Musik.

Die Reihe TUNE wird fortgesetzt, HIER der Link zur Seite von TUNE.

HIER eine winzige Probe:

Und hier:

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THEATER: Theatertreffen 2023 – Die Pressekonferenz, ein Desaster

Ein Nachtrag zur gestrigen Pressekonferenz für das Theatertreffen 2023: Ich habe selten einer so seltsamen Veranstaltung beigewohnt, wie dem Streaming der gestrigen Pressekonferenz:

  • Es begann mit den Worten des neuen Intendanten des Berliner Theatertreffens Matthias Pees. Er bedankte sich bei ungefähr 30 verschiedenen Adressen. Ich fragte mich, wen diese vielen Danksagungen auf dieser Pressekonferenz interessierten. Eine solch umfassende Danksagung könnte vor Publikum Sinn machen. Nicht vor etwa 30 Pressevertretern, keine der Danksagungen wird in der Presse jemals Erwähnung finden. Hatte er nichts anderes zu sagen? Und wahrscheinlich wird eine solche Danksagung im Rahmen der einführenden oder abschließenden Worte des Theatertreffens im Mai erneut erfolgen – auch mehr Sinn machen. Das wird so genügen. Warum auch hier?
  • Weiter: Matthias Pees war nicht imstande, auch nur ein freies Wort zu sprechen. Er hatte den festen Text auf Papier vor sich liegen und blickte im Grunde nur emotionslos auf sein Papier. Er hätte auch ein Polizeibericht vorlesen können. Thema der einführenden Worte von Matthias Pees hätte doch eher sein können: Wie war aus seiner Sicht – und aus Sicht der Jury – das Theaterjahr 2022/23 bis heute? Aber nein.
  • Und: Auch alle anderen Redner dieser Veranstaltung – zunächst die Jurymitglieder – lasen ihre sorgsam vorbereiteten Texte – die jeweilige Begründung der Auswahl – brav vom Papier ab. Ebenso die polnische Kulturmanagerin Joanna Nuckowska und die Ukrainerin Olega Apchel, Mitglieder des neuen „internationalen Leitungsteams“: Auch sie lasen ihre Erläuterungen der neuen Elemente des Theatertreffens – einer Reihe von die Stücke begleitenden „Treffen“ auf dem Theatertreffen – nur vom Blatt ab.
  • Oder: Klar, sie lasen in polnischer Sprache, völlig in Ordnung. Die Simultanübersetzung aber, die zu hören war, war dabei alles andere als glücklich gewählt. Sie vermittelte einen extrem gelangweilten Eindruck vom gesprochenen Text. Noch dazu völlig emotionslos, noch emotionsloser, als der Text ohnehin schon gesprochen oder gelesen wurde.
  • Nun: Ich jedenfalls habe auch die wirren Erläuterungen zu den einzelnen neuen Formaten, den „Treffen“, überhaupt nicht verstanden. So hat auch keiner oder keine der PressevertreterInnen auch nur eine einzige Frage zu diesen neuen Formaten gestellt.
  • Dann noch: Das Leitungsteam wird genannt „internationales Leitungsteam“. Andererseits wurde immer vom künftig „transnationalen“ Charakter des Theatertreffens gesprochen. Wo der Unterschied zwischen „international“ und „transnational“ liegt, liegen soll, ist mir nicht ganz klar geworden. Auch wurde überhaupt nicht angesprochen, ob es jährlich bei der Kooperation Deutschland/Polen bleiben wird, oder ob jedes Jahr – etwa wie bei der Frankfurter Buchmesse – ein neues Partnerland gesucht werden wird.
  • Weiter: Auch die Kameraführung des Streamings der Pressekonferenz warf Fragen auf: Als zu Beginn die zehn Jurymitglieder kurz persönlich vorgestellt wurden, schwenkte die Kamera nicht ein einziges Mal zu der jeweils genannten Person. Als hätte die Kameraführung auch gar nicht gewusst, wen sie hätte einblenden sollen.
  • Ich fragte mich auch: Warum waren die Pressevertreter überhaupt live erschienen? Man hätte alles online ansehen können, hätte sich die Texte geben lassen können. Vor allem nutzten die circa 30 Pressevertreter die Möglichkeit, irgendwelche Fragen zu stellen, nicht im Geringsten aus! Sie saßen alle stumm und fast hörig da, wie in der Sowjetunion. Es kam zu zwei (!) kleinen Fragen, mehr nicht. Und diese Fragen wurden auch noch unvollständig beantwortet.
  • So: Eine Pressevertreterin stellte die verständliche Frage, warum das Stück „Nora“ (Münchner Kammerspiele) in die 10er-Auswahl kam, ohne das Begleitstück „Die Freiheit einer Frau“ auch zu bringen. Schließlich handelt es sich bei diesen beiden Stücken um ein Double Feature an den Münchner Kammerspielen. Die Antwort des Jurymitglieds Sabine Leucht war eine Farce. Das Stück „Die Freiheit einer Frau“ würde nichts zum Stück „Nora“ „beigtragen“. Was ist das denn für eine Begründung? Sollte das zweite Stück der Double Feature etwas zum ersten Stück beitragen? Ganz im Gegenteil! Dieses Double Feature – ich habe es gesehen – lebt gerade durch den Kontrast der beiden Stücke, jedes Stück hat dabei eine eigene Bedeutung für das jeweils andere Stück! Sie leben zusammen! Aber nein, eine Nachfrage der Pressevertreterin zu dieser seltsamen Antwort gab es nicht. In der Süddeutschen Zeitung (Peter Laudenbach) heißt es dazu heute zurecht: „Werden in Zukunft einfach die besten Szenen eines Abends eingeladen…?“.

Was für eine Pressekonferenz! Theaterbegeisterung geht anders! Man hat vor dieser Pressekonferenz auch offenbar überhaupt nicht nachgedacht! Matthias Pees bedankte sich am Ende noch beim Leitungsteam und bei den Jurymitgliedern …

Copyright des Beitragsbildes: Adam Janisch


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THEATER: Das Theatertreffen 2023

IN DIESEN MINUTEN werden die zehn Theaterstücke bekanntgegeben, die für das Berliner Theaterreffen 2023 als die „bemerkenswertesten Theaterstücke“ deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres ausgewählt wurden (die berüchtigte „10er-Auswahl“)!!

Die (fürchterlich förmliche – alles wird abgelesen!) Pressekonferenz mit der Vorstellung der einzelnen Theaterstücke läuft gerade, HIER der Link zum Livestream, es geht bis ca. 12.30 Uhr. HIER DIE WAHRSCHEINLICH ERSTE MELDUNG IN DEN MEDIEN DAZU:

Ausgewählt wurden in diesem Jahr die folgenden zehn Inszenierungen (mit Verlinkungen zu den Stückeseiten und zu den Jurybegründungen):

  1. Die Eingeborenen der Maria Blut, Burgtheater Wien. Die Begründung der Jury HIER.
  2. Ein Sommernachtstraum, Schauspiel Bern. Die Begründung der Jury HIER.
  3. Der Bus nach Dachau, Schauspielhaus Bochum. Die Begründung der Jury HIER.
  4. Nora, Münchner Kammerspiele. Die Begründung der Jury HIER.
  5. Orphelia‘s got talent, Volksbühne Berlin. die Begründung der Jury HIER.
  6. Zwiegespräch, Burgtheater Wien. Die Begründung der Jury HIER.
  7. Der Einzige und sein Eigentum, Deutsches Theater Berlin. Die Begründung der Jury HIER.
  8. Kinder der Sonne, Schauspielhaus Bochum. Die Begründung der Jury HIER.
  9. Das Vermächtnis, Residenztheater München. Die Begründung der Jury HIER.
  10. Hamlet, Anhaltisches Theater Dessau. Die Begründung der Jury HIER.

HIER der Link zur gerade veröffentlichten Darstellung der 10er-Auswahl auf der Website des Theatertreffens mit allen weiteren Informationen und links!

Mein erster Eindruck: Es war eine niederschmetternd förmliche Veranstaltung! Auch die anschließende Fragerunde: Das hätte auch in der Sowjetunion so laufen können.

Das Theatertreffen 2023 findet dieses Jahr vom 12. bis zum 28. Mai statt, natürlich wieder in Berlin.

Ein Bild der Jury des Theatertreffens, der Götter auf dem Olymp – Zeus, Hera und weitere:

Jury des Theatertreffens Berlin 2023, bestehend aus: Eva Behrendt, Janis El-Bira, Valeria Heintges, Sabine Leucht, Petra Paterno, Katrin Ullmann und Sascha Westphal, im Martin-Gropius-Bau, Foto: Stefan Wieland

Auch die Leser von http://www.nachtkritik.de können jährlich ihre 10er-Auswahl treffen. Das Ergebnis 2023 Wurde vor etwa einer Woche, am 19. Januar 2023, bekannt gegeben. Es kam ein völlig anderes Ergebnis heraus. HIER der Link zur Zusammenstellung der Zehnerauswahl der Leser von http://www.nachtkritik.de.

Copyright des Beitragsbildes: Adam Janisch

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THEATER: Morgen Vormittag!

NICHT VERPASSEN! Morgen, am Donnerstag, den 26. Januar 2023, etwa 20 Minuten nach 11:00 Uhr den Blog aufrufen! Ich werde eine ganz aktuelle Meldung für Theaterfreunde bringen!

Copyright des Beitragsbildes: Adam Janisch

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THEATER: Joël Pommerat – Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Es hätte auch heißen können: „Ein Abend der Liebe“. Es geht nicht um Korea – nicht um Nordkorea und Südkorea -, es geht um die Liebe und jede Minute des insgesamt zweieinhalbstündigen Abends hätte auch zwei Minuten verdient gehabt. Der Abend hätte so auch 5 Stunden dauern können.

Am Metropoltheater in München wird derzeit – noch fast täglich – das Stück des französischen Autos Joël Pommerat „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ gebracht. Ein sehr kluges und sehr feinfühliges Stück über die Liebe. Keine Romanze, es wird auch nicht etwa ein bestimmtes Einzelthema zur Liebe dargestellt, es sind lauter verschiedene Aspekte um die Liebe, die in fast 20 Szenen dargestellt werden.

Natürlich betrifft das Thema Liebe auch Sie, liebe/r Leser/in! Meine Empfehlung: Hingehen, ein auch Sie betreffender Theaterabend! [Ein Tipp für Münchner: Das Metropoltheater ist von München-Zentrum aus mit der U-Bahn (Station Freimann) sehr bequem zu erreichen!]

Denn was ist denn die Liebe? Sie ist ja fast nie in purer Gestalt zu erleben, jeder hat sie, sucht sie, aber sie wird ständig beeinflusst, wird enttäuscht, verfälscht, nicht gesehen, wird anerkannt, geleugnet, verändert sich, hat höchst persönliche Hintergründe, kann nicht geäußert werden, wird nicht erwidert, hat Vergangenheit und und und. Sie sind es, diese Aspekte, die um die Liebe kreisen und die pure Liebe immer „stören“, „beeinflussen“. Und um diese „Wirren“ um die Liebe herum geht es in Pommerats Stück. Die Szenen enden manchmal recht abrupt, lassen damit den Zuschauer mit einem kurzen Eindruck alleine! Es wäre manches Mal interessant gewesen, wenn die Szenen „gedehnt“ worden wären. Hinter jeder der verschiedenen Szenen steckt ja immer eine ganze Welt, stecken mehrere Welten, weil jeder der Beteiligten ja seine eigene Welt mitbringt. Man spürt aber auch in diesen kurzen Szenen diese Welten, die in allem stecken.

Dazu, dass man viel spürt in den Szenen, tragen alle SchauspielerInnen durchweg überzeugend bei! 5 Schauspielerinnen und 4 Schauspieler spielen in den Szenen insgesamt 27 Frauen und 24 Männer.

Das Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ beginnt mit einer Frau, die dem Publikum erklärt, dass sie sich scheiden lässt. Und das Stück endet mit einer Frau, die sich auf der Bühne langsam tanzend im Kreise dreht, während um sie herum (in Gestalt aller SchauspielerInnen des Abend) die Wirren der Liebe kreisen – könnte man sagen.

Die Inszenierung hält sich gestalterisch zurück, der Text und die Personen wirken. Eine schwarze Bühne, die SchauspielerInnen, vielleicht ein/zwei Gegenstände, das ist es fast schon. Die Szenen werden immer kurz unterbrochen durch angespielte Musik von Asaf Avidan. Fast melancholische, langsame, nicht fröhliche Musik. Auch das passt: Es sind viele Szenen, die einen eher traurig machen können. Liebe hat eben so oft – fast immer – etwas mit Missverständnis zu tun, mit Unverständnis, Verwirrung, so steckt aus meiner Sicht hinter vielen der Szenen – aber fast versteckt, nicht vordergründig – eher Traurigkeit als Fröhlichkeit.

Joël Pommerat, geboren 1963 in Frankreich, wird auf deutschen Bühnen recht selten gespielt. Vor allem die größeren deutschen Bühnen haben ihn bisher nicht gebracht, soweit ich sehe. Das Burgtheater in Wien brachte einmal „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“. In Frankreich hat er Erfolge seit vielen Jahren, beginnend Mitte der Neunziger.

HIER der Link zum Wikipedia Eintrag zu Joël Pommerat.

HIER ein Gespräch mit dem Hausregisseur des Metropoltheaters Jochen Schölch, der auch „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ inszenierte.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Metropoltheater München / Fotograf: Jean-Marc Turmes