THEATER: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Silvia Costa und Annie Ernaux – die Namen zweier Frauen, denen man jedenfalls in Münchens Theaterszene bislang nicht begegnet ist. Interessant, diese beiden Personen jetzt in Form der Inszenierung „Erinnerung eines Mädchens“ am Münchner Residenztheater (Werkraum) zu „erleben“.

Annie Ernaux wird genannt als eine der „bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart“. Sie ist mittlerweile über 82 Jahre alt und schreibt/schrieb sehr autobiografisch. Man hört ihren Namen in einer Reihe mit dem französischen Philosophen Didier Eribon, auch mit Edouard Louis, die ja beide aus französischer Sicht sehr sozialkritisch und gesellschaftskritisch unterwegs sind. In mehrfach preisgekrönte Werken näherte sich Annie Ernaux etwa ihrem Vater („La Place“, Der Platz, 2019) und ihrer Mutter („Une femme“, Eine Frau, 2019). Sehr autobiografisch und immer auch gesellschaftskritisch. Das Ehepaar, ihre Eltern, aus einfachen Verhältnissen der damaligen Zeit. Auch häusliche Gewalt und soziale Scham sind Themen ihrer Werke.

Ganz anders Silvia Costa. Sie ist Italienerin, gerade einmal 39 Jahre alt. Als Regisseurin Bühnenbildnerin und Darstellerin ist sie schon an vielen europäischen Orten tätig gewesen. Theater, Oper, Performance, Installationen, Videoarbeiten, das sind ihre Bereiche. Eine ganz andere Generation als die Generation von Annie Ernaux. Silvia Costa ist jetzt für “Inszenierung und Bühne“ von „Erinnerung eines Mädchens“ an das Münchener Residenztheater gekommen.

Es ist ein Abend im Werkraumtheater. Die kleine Bühne des Werkraum ist schlicht gehalten und strahlt Klarheit, fast Eleganz aus. So auch der Abend. Der erste Bühneneindruck passt zur Inszenierung von Silvia Costa. Eine dunkelblau gehaltene Wand im Hintergrund, darin links neben einer Tür eine sehr lang gezogene recht schmale Wandöffnung auf Brusthöhe, zwei Türen, alles schlicht gehalten, dünn gerahmt, zwei Lampen am Boden, eine alte Stereoanlage, sonst im Grunde nichts.

Langsame Bewegungen, relativ langsame Sprache, nicht viel Aktion auf der Bühne, einzelne Gegenstände werden herangezogen. So erlebt man diesen Abend. Drei Frauen, die gleichzeitig im Zusammenspiel miteinander Annie Ernaux repräsentieren. Sybille Canonica, Juliane Köhler, Charlotte Schwab, alle drei meist sehr ähnlich gekleidet. Annie Ernaux erzählt an diesem Abend von einer Erinnerung, die sie ihr Leben lang nicht losließ. Erlebnisse von ihr als jungem Mädchen. Sie nennt das Mädchen „Mädchen von 58“. Es war 1958.

Ja, es geht auch um einzelne Gegenstände. Einen Schal, Sommersandalen, einen Rock, andere Kleidungsstücke, eine Art Badetuch und und und. Es ist in der Tat Annie Ernauxs Technik, sich der Vergangenheit zu nähern: Gegenstände zu nehmen, aus denen sie ihre Erinnerung entwickelt. Nicht um etwas zu erfinden, sondern um sich selber zu finden. Sich als das „Mädchen von 58“ zu finden, sich ihm anzunähern.

Und nicht nur, um eine Geschichte zu erzählen. Es geht nicht nur um ein Erlebnis: Es geht in der feinen Sprache von Annie Ernaux, in der feinen und ruhigen, sehr konzentrierten Wortwahl des Abends im Kern der Erzählungen immer um Folgendes: „Wer bin ich? Wer war ich? Hat meine heutige Erinnerung und meine heutige Person noch etwas mit der damaligen Person zu tun? Hat die damalige Person, an die ich mich erinnere, heute noch etwas mit mir zu tun? Kann ich mich überhaupt wirklich erinnern? Ist das „Mädchen von 58“ wirklich ich? Was bedeutet die Erinnerung? Ich habe die Dinge ja damals schlicht erlebt.

Man sitzt in den Zuschauerreihen und kann kaum umhin, an seine eigene Vergangenheit zu denken. Wer war man? Wie hat man die Dinge damals erlebt? Was ist noch heute Teil des eigenen Lebens?

Annie Ernaux erzählt von ihrer ersten sexuellen Begegnung – von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausheilte. Annie Duchesne wurde 18 Jahre alt, arbeitete im Sommer 1958 als Betreuerin in einer Ferienkolonie, fand in eine Clique, sie genossen ihre Jugend, sie war in H. verliebt, mit ihm hatte sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutete. Auch weil H. sie fortan ignorierte, weiß sie nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell war sie verfemt. Was folgte, waren Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham. Und Schweigen. Über 55 Jahre brauchte Annie Ernaux, um sich dieser »Erinnerung der Scham« stellen zu können. Diese Erinnerung war immer Teil ihres Lebens!

Es ist ein ruhiger, schöner, in keiner Weise wilder oder aufrührender Abend. Man denkt an seine eigene Vergangenheit. Der Abend endet mit einem Satz, in dem es – auch schön – um Hoffnung geht. Etwa: Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Person, an die ich mich erinnere, wirklich etwas zu tun hat mit mir. Oder so ähnlich. Ich kann ihn leider nicht mehr zitieren, Der Satz war etwas anders. Ich werde das Buch lesen und vielleicht wieder auf den Satz stoßen. Dann korrigiere ich ihn hier.

Der Abend ist fast eher eine Performance, als ein Theaterstück. Jedenfalls schafft es Silvia Costa, die Gedanken von Annie Ernaux aus dem Buch “Erinnerung eines Mädchens“ schlicht und fein auf die Bühne zu bringen. Es passt und regt zum Denken an.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: DT Stream – Anton Tschechow, Die Möwe

Der Stream des Monats Februar des Deutschen Theater Berlin – DT „Stream des Monats“- läuft bis morgen, Sonntag, 20. Februar, 20:00 Uhr. Gezeigt wird eine Inszenierung des russischen Klassikers „Die Möwe“ von Anton Tschechow in der Regie von Jürgen Gosch. Das Thema Russland ist ja gerade sehr brenzlig, was man bei der Auswahl des Streams natürlich noch nicht wusste.

Wer schlicht „Weltliteratur auf der Bühne“ erleben möchte, hat hier jedenfalls etwas. Man sieht hier „Die Möwe“ VON Anton Tschechow, nicht etwa „Die Möwe“ NACH Anton Tschechow. Ja, so originalgetreu – wenn auch im Bühnenbild extrem reduziert – sieht man es heute selten. Der Blick auf diese Inszenierung zeigt: Es hat sich in den letzten etwa 14 Jahren Einiges geändert! Die damalige Inszenierung von “Die Möwe“ wurde im Jahre 2009 – 13 Jahre ist das her – zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Sie wurde damals außerdem von der Zeitschrift Theater heute zur Inszenierung des Jahres gekürt! Anton Tschechows „Möwe“ wird in dieser Inszenierung wortgetreu wiedergegeben. Ich fand es mittlerweile ja fast schon altbacken. Aber es war eine gefeierter Inszenierung. Vor allem nach Jürgen Goschs großem vorherigen Erfolg „Onkel Wanja“, der sehr ähnlich inszeniert war. Besetzt war „Onkel Wanja“ wunderbar! Mit Jens Harzer und Ulrich Matthes vor allem, ein Genuss und meines Erachtens schauspielerisch besser als „Die Möwe“. Auch „Onkel Wanja“ war damals eine Inszenierung am Deutschen Theater Berlin, zu sehen war sie im DT Stream vor einigen Monaten.

HIER der link zur Seite des Streams des Monats des Deutschen Theater Berlin.

Und HIER der Link zur Seite der Inszenierung „Die Möwe“ am Deutschen Theater Berlin.

Und hier zu “Die Möwe“ zwei Screenshots:

Die beiden – dunklen – Screenshots oben zeigen es: „Die Möwe“ ist eine für Jürgen Gosch typische Inszenierung: Wie bei “Onkel Wanja“: Kein Schauspieler verlässt während des Abends die Bühne. Alle sitzen hier auf einer langen Bank entlang der Trennwand der großen Bühne, gespielt wird auf einem schmalen Streifen im vorderen Bereich der Bühne.

Anton Tschechows „Die Möwe“ ist – wie bei vielen anderen der damaligen russischen Literaturklassiker (Strindberg, Tolstoi, Dostojewski, Tschechow und und und) – ein Blick auf das damalige Leben in Russland. Immer wieder Blicke auf das Leben „in der Stadt“ und das Leben „in der Provinz“. Auch Anton Tschechows „Die Möwe“ spielt auf dem Land, in der Provinz, auch wenn es hier im Stück auch sehr um das Verhältnis der Beteiligten zur Theaterkunst, um das Wesen und den “Nutzen“ der Theaterkunst geht. Und um Liebe und grundsätzliche Gedanken zum Leben natürlich. Aber, wie gesagt, es sind immer Blicke auf das damalige Leben in Russland. Blicke, die in heutigen Zeiten wenig bringen. Heute bereitet sich der russische Staatspräsident Wladimir Putin gerade darauf vor, in Europa in ein unabhängiges Nachbarland einzumarschieren. Weltpolitik. (Und ich schaue mir ganz unbehelligt ein russisches Stück an! Es liegt natürlich auch daran, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass Wladimir Putin tatsächlich militärisch vorgeht.)

Mein Eindruck aktuell: Russland will in der Weltpolitik wieder mitspielen. Die Frage, die sich ja vielleicht auch Wladimir Putin und seine Mannen (Frauen?) stellen: „Was ist denn Russland?“ Man fürchtet China, China geht einen sehr bewussten aggressiven Weg (staatlich gelenkter Kapitalismus mit globalen Ausdehnungsphantasien), man kennt Amerika, man kennt Europa, deren globales Freiheitsdenken, aber was macht denn Russland in der Weltpolitik noch aus? Welchen Weg in die Zukunft geht Russland? Ist Russland nicht irgendwie veraltet? Da fällt Wladimir Putin offenbar nichts anderes ein, als sich militärisch zu zeigen – geprägt von der Angst, das westliche Freiheitsdenken könnte irgendwann nach Russland überschwappen und Russland hätte seinen Bürgern keinen eigenen Weg in die Zukunft anzubieten. Und so weiter

Heute jedenfalls, im Jahre 2022, speziell in diesen Tagen, geht es um Russland und die Weltpolitik. Da hilft es natürlich wenig, Anton Tschechows „Die Möwe“ zu sehen. Trotzdem. Es muss und darf ja nicht alles immer Aktualitätsbezug haben. Und schließlich hat auch Anton Tschechows “Die Möwe“ etwas mit der russischen Seele zu tun.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn

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MUSIK: Die Toten Hosen – Nur zu Besuch

Heute vor zehn Jahren …

Ich habe drei (erwachsene) Kinder – zwei Söhne, eine Tochter – und bin mein Leben lang selber Sohn. Sohn meines Vaters und meiner Mutter. Mein Vater, er starb vor zehn Jahren sehr überraschend, in der Nacht zu seinem 85. Geburtstag. Ob absichtlich oder unabsichtlich – wir (ich und meine beiden Geschwister) wissen es nicht! Unsere Mutter war nur wenige Monate zuvor gestorben, für unseren Vater war damit „alles aus“ – wie er sofort gesagt hatte. Heute vor genau zehn Jahren! Ihm gebührt dieser Song, er hat mir ein gutes Leben verschaffen können, er hat uns alles ermöglicht! Danke Dir Papa! Du bist immer in meinem Herzen!

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Und hier noch eine Liveversion. Auch schön:

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SONSTIGES: The Fe.Mail Trail – ein Nick Cave Abend von & mit Katharina Bach

Hier eine kurze Besprechung meines Besuches bei The Fe.Mail.Trail, einem „Nick Cave Abend von und mit Katharina Bach und aka Bitchboy“ der in das Repertoire der Münchner Kammerspiele aufgenommen wurde und den ich am Freitag, den 4. Februar 2022, gesehen hatte.

Katharina Bach ist seit 2020 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Davor – von 2014-2020 – war sie Mitglied des Ensembles des Schauspiel Frankfurt. Dort, am Schauspiel Frankfurt, lief bereits ihr Nick Cave Abend. Er wurde nun in das Programm der Münchner Kammerspiele übernommen. Der Abend wird sehr gelobt. Von mir leider nicht.

Es mag an meiner Erwartungshaltung gelegen haben. Ich erwartete viele der schönen und eher sehr ruhigen Songs des Australiers Nick Cave. Etwa diesen HIER. Denkste! Der Abend kam daher wie ein kleineres Rockkonzert. Von Beginn an laut, nicht etwa zart und sensibel, wie ich eigentlich Nick Cave kenne. Und so fand ich leider viele Dinge, die mir nicht gefallen hatten. Anderen mag der Abend sehr gefallen, das liest man ja etwa HIER, in einer fast überschwängliche Besprechung des Abends vom Münchner Merkur.

So sah ich trotz der wirklich erstaunlich guten Stimme von Katharina Bach viele Dinge einfach negativ. Viele Details, siehe nachfolgend. Kann ja auch mal passieren, Entschuldigung, liebe Münchner Kammerspiele!

  • Seltsam, mein Eindruck bei den allerersten Tönen des Konzertes war schon: Die Musik ist laut, sie ist schlecht abgestimmt. Irgendwie stimmte meines Erachtens das Lautstärkeverhältnis zwischen der Instrumentalmusik von aka Bitchboy und dem Gesang von Katharina Bach nicht. Ich jedenfalls hätte gerne die Stimme von Katharina Bach deutlicher gehört.
  • Ein nächster Punkt, der mir im Laufe des Abends auffiel: Katharina Bach hatte offenbar sehr viel Freude auf der Bühne. Sie genoss es sichtlich. Folge war aber, dass sie sich zu ihren Songs fast wie Mick Jagger bewegte. Fast durchgehend mit Bewegungen, die ich bei Nick Cave überhaupt nicht erwartet hätte. Katharina Bach hob etwa sehr gerne ihre Arme in die Höhe, schwang sich, begann zu laufen, kletterte herum. Meines Erachtens alles Bewegungen, die nicht zu einem ruhigen Nick Cave passen. Es machte Katharina Bach allerdings sicherlich Spaß, als wäre sie eine große Rocksängerin, nicht die Reproduzentin von Nick-Cave-Songs.
  • Schade auch, so fand ich weiter: Katharina Bach erwähnte Nick Cave überhaupt nicht, auch kein Bild von Nick Cave etwa wurde gezeigt. Obwohl doch alle Songs von ihm stammen. Schade! Eine gewisse Demut gegenüber der großen Leistung von Nick Cave hätte dem Abend gut getan! Es war eben ein Abend, als wollte Katharina Bach im Mittelpunkt stehen!
  • Was mir sogar auch auffiel: Trotz der vielen Bühnenbewegungen landete Katharina Bach immer wieder genau in der Mitte der Bühne! Warum hat sie die Songs nicht einfach einmal etwa vom Bühnenrand aus gesungen! So stand mehr und mehr Katharina Bach im Mittelpunkt des Abends. Wie der Star des Abends. Auch das hätte ich nicht erwartet.
  • Weiter: Der Konzertabend begann auf dem vorderen Teil der Bühne, was etwas eng wirkte. Die Trennwand und eine weitere Trennwand wurden bald im Laufe des Abends hochgezogen, dann sah man Gott sei Dank die große Bühne. Dennoch, auch hier: Ich fand das Bühnenbild nicht beeindruckend, überhaupt nicht ideenreich. Es war wie ein „Spielplatz mit Klettergerüst“, mehr nicht. Das Gerüst stand im hinteren Teil der Bühne. Dementsprechend betrat Katharina Bach das „Klettergerüst“ auch mehrmals an diesem Abend, sang kurz von dort.
  • Weiter: Katharina Bach bewegte sich zu jedem Taktschlag mit, wenn sie sang, schwang permanent im Rhythmus leicht oder mal stärker mit. Auch das wirkte wie auf einem großen Rockkonzert. Wenn es nicht sogar etwas unprofessionell wirkte. Wie schön wäre es gewesen, wenn Katharina Bach einfach einmal ruhig dagestanden wäre mit ihrer schönen Stimme! Cool geht anders – und ich mag coole Abende im Theater sehr gerne!

Wahrscheinlich habe ich irgendetwas an diesem Abend nicht verstanden, die „Story“ des Abends etwa, alles zusammen „sammelte“ ich leider diese obigen allesamt negativen Eindrücke. Für mich war es leider kein Nick-Cave-Abend, es war für mich ein ideenloser Katharina-Bach-Abend! Nichts aber gegen Katharina Bach! See you next time Katharina Bach!

THEATER: Genaueres zum Theatertreffen 2022

Hier alle Links! Und im Überblick die wesentlichen Details zur diesjährigen 10er-Auswahl für das Theatertreffen 2022, das vom 6. bis zum 22. Mai in Berlin stattfinden wird.

Die 10 ausgewählten Produktionen in der Reihenfolge ihrer Nennung in der heutigen Pressekonferenz der Berliner Festspiele:

  • »Die Jungfrau von Orleans«. Tragödie nach Friedrich Schiller. Bearbeitung von Joanna Bednarczyk. Regie von Ewelina Marciniak. Inszenierung am Nationaltheater Mannheim. HIER der link zur Produktion
  • »Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie« von Soeren Voima nach Molière und nach »Kapital und Ideologie«. Regie von Thomas Piketty. Inszenierung des Staatsschauspiel Dresden. HIER der link zur Produktion
  • »Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)« von Sivan Ben Yishai. Regie und Choreografie von Pinar Karabulut. Inszenierung der Münchner Kammerspiele HIER der link zur Produktion
  • All right. Good night“, Ein Stück über Verschwinden und Verlust von Helgard Haug. Eine Produktion von Rimini Apparat in Koproduktion mit dem HAU Hebbel am Ufer (Berlin), dem Volkstheater (Wien), The Factory (Manchester), dem Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main), und dem PACT Zollverein (Essen) HIER der link zur Produktion
  • »Doughnuts« von Toshiki Okada. Regie von Toshiki Okada. Inszenierung des Thalia Theater Hamburg. HIER der link zur Produktion
  • »Das neue Leben. Where do we go from here«. Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears. Regie von Christopher Rüping. Inszenierung des Schauspielhaus Bochum. HIER der link zur Produktion
  • »Die Ruhe«. Eine Performance-Installation von SIGNA Konzept. Regie von Signa Köstler. Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses Hamburg. HIER der link zur Produktion
  • »Slippery Slope. Almost a Musical« von Yael Ronen, Shlomi Shaban und Riah Knight, Itai Reicher. Regie von Yael Ronen. Inszenierung des Maxim Gorki Theater Berlin. HIER der link zur Produktion
  • »humanistää! eine abschaffung der sparten« nach Ernst Jandl. Regie von Claudia Bauer. Inszenierung des Volkstheater Wien. HIER der link zur Produktion
  • »Ein Mann seiner Klasse«. Nach dem Roman von Christian Baron. Regie von Lukas Holzhausen. Inszenierung des Schauspiel Hannover. HIER der link zur Produktion

HIER die Seite der Berliner Festspiele zu den Inszenierungen der diesjährigen 10er-Auswahl.


THEATER: Theatertreffen 2022

BREAKING NEWS – BREAKING NEWS – BREAKING NEWS: Vor wenigen Minuten wurden die „10 bemerkenswerten Theateraufführungen des vergangenen Jahres“ für das im Mai stattfindende Theatertreffen 2022 in Berlin bekanntgegeben. Die sogenannte “10er- Auswahl“. Die Pressekonferenz ist momentan noch live online zu verfolgen (bei Zugang).

WANN FINDET DAS THEATERTREFFEN 2022 GENAU STATT? Das Theatertreffen 2022 findet in der Zeit vom 06. Mai bis zum 22. Mai in Berlin statt.

WER HAT DIE 10 STÜCKE AUSGEWÄHLT? Die Jury setzte sich dieses Jahr wie folgt zusammen: HIER.

UND WELCHE 10 STÜCKE WURDEN DIESES MAL AUSGEWÄHLT? Ausgewählt wurden dieses Mal die folgenden zehn Stücke:

  • Die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller, Inszenierung am Nationaltheater Mannheim
  • Tartuffe nach Moliere, Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden
  • Like Lovers Do, Inszenierung an den Münchner Kammerspielen
  • All right. Good night, Inszenierung u.a. am HAU Berlin
  • Doughnuts, Inszenierung am Thalia Theater Hamburg
  • Das neue Leben, Inszenierung am Schauspiel Bochum
  • Die Ruhe, Inszenierung (Performance) am Deutschen SchauspielHaus Hamburg
  • Slippery Slope – Almost A Musical, Inszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin
  • humanistää – über die Abschaffung der Sparten, Inszenierung am Volkstheater Wien
  • Ein Mann seiner Klasse, Inszenierung am Schauspiel Hannover

HIER der link zur Theatertreffen-Seite.

THEATER: Die Wolken, die Vögel, der Reichtum nach Motiven von Aristophanes

Man kann im Grunde kaum etwas dazu sagen man kann vor allem wenn man darüber schreibt eigentlich keinen Punkt machen man muss einfach weiterschreiben dann kommt man dem Stück von Thom Luz am nächsten jeder Punkt jedes Komma oder ein anderes Satzzeichen würden dem Ganzen nur Struktur geben würden ordnen aber genau das fehlt ja absichtlich bei dem Schweizer Thom Luz der so schöne skurrile Abende auf die Bühne bringt

Thom Luz beschäftigt sich seit Jahren in seiner permanenten Entwicklungsarbeit mit dem Verschwinden von Dingen und mit dem Flüchtigen dem Ungreifbaren und nicht umsonst spielt auch dieses Mal in „Die Wolken, die Vögel, der Reichtum nach Motiven von Aristophanes“ natürlich wieder Nebel eine entscheidende Rolle Nebel kommt und geht man kann ihn sehen und Nebel verändert sich ständig Nebel lässt sich nicht greifen wie die Wolken wie die Philosophie des Altertums und die Wolken und das Geld der Reichtum es ist der Besuch eines neuen Schülers in der Denkschule von Sokrates dem „Phrontisterium“ Thom Luz nähert sich seit Jahren mit gleichen Elementen auf der Bühne seinen Themen neben Nebel (Thom Luz ist angeblich Sammler von Nebelmaschine) sind es simple Klaviere und Tasteninstrumente Neonlicht Werkstattgegenstände auf der chaotischen aber doch auch übersichtlichen Bühne Leitern alte runde Lautsprecher an den Wänden alte Abspielgeräte für Tonbänder oder Filme mit sich langsam drehenden großen Bänderrollen Requisitenkästen auf Rollen Treppen dieses Mal ist noch ein Gabelstapler dabei und musikalisch wird das Geschehen auf der Bühne meist zart unterlegt von Klavierklängen so auch dieses Mal erstaunlicherweise hat sich Thom Luz für sein aktuelles Stück das Cuvillestheater ausgewählt die kleinere Bühne des Münchner Residenztheaters ein noch barockeres Theater lässt sich kaum denken auch damit ist der Abend selbst schon ein Sprung zwischen den Zeiten man betritt den Theaterraum und sieht vor sich den barocken Theaterraum – Mittelalter – und im Hintergrund blickt man auf die offene moderne Werkstattsituation der Bühne – Gegenwart Moderne – wissend dass es um Aristophanes geht der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte – Antike – und ganz hinten raus kann man manchmal in den Münchner Residenzhof blicken – wieder Mittelalter aber auch Gegenwart – hier mein Foto beim Betreten des Theaterraums entstanden das Theater blieb natürlich nicht leer ich war nur der zweite Besucher


Man muss die Geduld haben sich mit zeitlosen abstrakten Themen zu beschäftigen einen irgendwie aktuelleren Bezug hat der Abend nicht leider es blieb somit für meinen Geschmack etwas zu „isoliert“ vom richtigen Leben ja zu isoliert von heutigen Gedanken es blieb ohne Bezug zur Außenwelt und ohne Bezug zu unserem modernen Leben dabei wären die so grundsätzlichen Überlegungen des Abends – Worte Wolken Ideen Rede Gegenrede Gedanken Geld – doch vielleicht irgendwie wenigstens ansatzweise auch mit unserem heutigen Leben in Verbindung zu bringen etwa dass Philosophie heute ja kaum noch zählt und es fehlte meines Erachtens sogar ein wenig die Leichtigkeit der Abende von Thom Luz es sind ja im Grunde eher Performances hier aber versucht er eine kleine Geschichte um die Themen zu bilden basierend auf den drei Erzählungen von Aristophanes oft sind es bei Thom Luz auch allein schon die Bewegungen der Personen auf der Bühne die dem Gesamtbild etwas Besonderes geben und es so gelungen machen auch das fehlte mir hier etwas mein Eindruck war es waren vielleicht etwas zu viele SchauspielerInnen beteiligt und ein schöner Moment etwa war der Tanz bei griechischer Musik im Kreis und so weiter

Hier noch weitere Bilder


HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright der Bilder Sandra Then

MUSIK: Beth Hart & Joe Bonamassa – I‘d Rather Go Blind

Beth Hart feiert am kommenden Montag, dem 24. Januar 2022, ihren 50. Geburtstag! Sie ist in Los Angeles geboren, lebt dort auch. Richtig bekannt wurde sie Mitte der Neunzigerjahre. Sie verausgabt sich auf ihren Konzerten! Sie ist eine absolute Powerfrau mit einer absoluten Powerstimme! Fast noch zurückhaltend ist ihre Power, ihre Urgewalt, in diesem Video hier.

HIER ist ihre offizielle Website von Beth Hart. Man sieht: In diesem Jahr stehen im Rahmen der hier umfangreichen Tour 2022 einige Auftritte in deutschen Städten an! M November in München etwa! Wenn Corona es zulässt! Sie tritt seit 2013 oft mit dem begnadeten Gitarristen Joe Bonamassa auf.

Joe Bonamassa ist auch Amerikaner, fünf Jahre jünger als Beth Hart. HIER ist seine offizielle Website.

MUSIK: Nick Cave & Warren Ellis – All Things Beautyful

Nick Cave wurde 1957 in Australien geboren, lebte dann (ab etwa 1980) ein paar Jahre lang in London, zog dann (1983) nach Berlin, lebte dann (ab 1990) ein paar Jahre lang in Sao Paolo und lebt seit einigen Jahren (seit 1993) wieder in London. Also ist er kaum herumgekommen, der arme Kerl, hat kaum das Haus verlassen, der Stubenhocker! Er gilt nur als „Musiker … Texter … Dichter … Schriftsteller … Schauspieler … Drehbuchautor“. Mehr nicht! Vielseitigkeit geht auch anders

HIER der Link zum Eintrag über Nick Cave auf Wikipedia. Und HIER der Link zur Website von Nick Cave.

Ellis Warren ist ein ebenfalls australischer Musiker, lebt in Paris, ist schon fast immer Mitglied von „The Bad Seeds“ gewesen, der Band um Nick Cave. Er ist vielseitig, spielt an Violine, Piano, Akkordeon, Bouzouki, Guitarre, Flöte, Mandoline, Tenorgitarre und Viola (so wieder Wikipedia). Verantwortlich für viele Songs von Nick Cave.

Im Juni 2022 kommt Nick Cave übrigens – wenn Corona es erlauben sollte – nach Köln (Lanxessarena) und nach Berlin (Waldbühne).

Am 29.01, 04.02. und 26.02. gibt es außerdem an den Münchner Kammerspielen mit „The Fe:Male Trail“ einen „Nick-Cave-Abend“ von & mit Katharina Bach & Band aka Bitchboy. HIER der Link zur Seite bei den Münchner Kammerspielen. Der Abend ist offenbar eine Produktion des Schauspiel Frankfurt.

Wer das Video, das ich hier bringe, nach dem Ende von „All Things Beautyful“ einfach weiterlaufen lässt, wird übrigens weitere Songs von Nick Cave & Ellis Warren hören (vielleicht muss man einmal klicken).

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SONSTIGES HEUTE: Nederlands Dans Theater – MIST

ACHTUNG: Ein wahrscheinlich sehr schöner Tipp für heute Abend, Samstag, 8. Januar 2022! Es dauert etwa 1 Stunde und 10 Minuten. Es steht anschließend nicht zum Download zur Verfügung. Ein besonderes Streaming des Nederlands Dans Theater. HIER der Link. Tanz und Bewegung in Nebelschwaden. Man liest: Das Nederlands Dans Theater „zählt zur Crême de la Crême des zeitgenössischen Tanztheaters“ (SZ heute).

Tanz, Bewegung, Rauch, Nebel! Für mich hat es etwas zu tun mit: Der Mensch einerseits und schlicht die ständig vergehende Zeit andererseits. Der Nebel, der sich ständig bewegt, ständig um einen herum kreist und ständig vergeht, ist die immer ungreifbare Zeit.

ACHTUNG: Das Streaming beginnt genau um 20:00 Uhr. Man sollte sich unbedingt rechtzeitig davor das Ticket besorgen und einloggen. Es steht anschließend nicht zum Download zur Verfügung.

HIER der Link zur Seite des Nederlands Dans Theater mit vielen weiteren interessanten Informationen zum heutigen Abend und zur Performance.

Hier ein Trailer:

Hier ein Interview mit dem Choreografen Damien Jalet:

Und hier noch Bilder:

Copyright aller Bilder: Rahi Rezvani

Videos aus YouTube.

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SONSTIGES: Ingmar Bergman – Szenen einer Ehe

In der Mediathek von ARTE findet sich derzeit in sechs Teilen – es ist eine kleine Serie – „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman. „Szenen einer Ehe“ entstand 1973, es ist einer von Ingmar Bergmans erfolgreichsten Filmen! Ingmar Bergman wurde 1997 bei den Filmfestspielen in Cannes als „Bester Filmregisseur aller Zeiten“ geehrt. Es lohnt sich!

Der Film über die Scheidung einer Ehe kam damals sowohl als sechsteilige Fernsehserie als auch in einer kürzeren Kinofassung heraus. 1981 wurde „Szenen einer Ehe“ auch am Münchner Residenztheater – wo Ingmar Bergman Ja kurze Zeit arbeitete – auf der Bühne gezeigt.

Man verfolgt in diesen sechs Teilen äußerst vielschichtig das Befinden der beiden Ehepartner, wobei besonders Liv Ullmann klasse ist! Die Lüge einer „perfekten Ehe“, das Scheitern ihrer Ehe, die Suche nach der eigenen Persönlichkeit, Zuneigung, die Suche nach wahrer Liebe, das eigene Befinden bei alledem, um diese Themen etwa drehen sich die Gespräche der beiden. Man verfolgt im Grunde nur diese Gespräche. Kurz verfolgt man Gespräche mit weiteren Personen. Zum Einen anfangs ein Gespräch der beiden zusammen mit einem befreundeten Ehepaar bei einem Abendessen und zum Anderen später Gespräche von Liv Ullman als „Marianne“ einmal mit ihrer Mutter und einmal mit einer älteren Frau, die sich nach vielen vielen Jahren der Ehe scheiden lassen möchte, weil sie in einer „Ehe ohne Liebe“ lebe. „Marianne“ ist Scheidungsanwältin.

Man meint, Liv Ullman als „Marianne“ ist sich der Sache und der Liebe und der wahren Dinge hinter den Fassaden viel bewusster, als er, „Johan“. Etwa drei Jahre nach der Scheidung treffen sie sich dann wieder. Auch das ist noch Teil dieser kleinen Serie. Beide sind jetzt mit anderen Partnern verheiratet, doch sie verbringen ein gemeinsames Wochenende im Landhaus eines Freundes, wo sie sogar miteinander schlafen. Es scheint mir nicht so, dass beide mit ihrer zweiten Heirat etwa das größte Glück gefunden hätten! Marianne zum Beispiel hat vielleicht nur geheiratet, weil sie auf keinen Fall alleine bleiben wollte. Aber das bleibt letztendlich offen. Marianne bezweifelt jedenfalls, ob sie jemals jemanden geliebt habe oder geliebt wurde, aber Johan redet ihr ihre Zweifel aus. Johan „kapiert“ alles irgendwie weniger.

Wie gesagt, die wunderbaren Gespräche der beiden, ihr Verhalten ist äußerst vielschichtig! Mit viel Tiefgang und Ehrlichkeit! Es ist keine „brutale“, „glasklare“ oder „coole“ Scheidung nach modernem Muster, nach dem Motto: „Wir haben uns auseinander gelebt, wir werden uns kaum mehr sehen.“ Es ist einfach vielschichtig. Letztlich sprechen beide immer wieder über die Dinge und Gefühle, die sie selber haben mögen und die man eigentlich nicht unbedingt so besprechen würde. Vor allem nicht nach einer Scheidung.

Mein Fazit: Er, Johann, versteht viel weniger, als sie, Marianne!

„Nicht erfinden, nur nah sein“ schrieb Ingmar Bergman zu seiner Arbeitsweise einmal in den Arbeitstagebüchern. Die Arbeitstagebücher 1955-2001 von Ingmar Bergman sind jetzt in einer kommentierte Fassung beim Berenbergverlag veröffentlicht, steht heute, am 31.12.2021, in der Süddeutschen Zeitung.

Ingmar Bergmann hatte Jahre später, 2001, dann noch den Film „Sarabande“ gedreht, der eine Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“ ist. Ich habe ihn noch nicht gesehen, er würde mich interessieren. Marianne und Johan treffen sich nach 30 Jahren erneut! Wieder gespielt von Liv Ullmann und Erland Josephson.

EINEN GUTEN RUTSCH INS KOMMENDE JAHR WÜNSCHE ICH ALLEN!

THEATER: Thomas Bernhard – Heldenplatz

Thomas Bernhard würde schreiben:

„Kaum waren die Weihnachtsfeiertage überstanden, ging ich ins Schauspielhaus, obwohl mir doch diese allesamt so verlogenen Schauspielhäuser verhasst sind. Auf diese Weise könne mir aber schnell das normale Leben zurückgegeben werden, das ich (wie immer) über die Weihnachtsfeiertage geradezu verloren hatte. Die Weihnachtstage, dachte ich mir, hatten auch dieses Jahr das normale Leben verdrängt, völlig in die dunkle Vergessenheit gedrängt, in das absolute Nichts hinein.

An den Weihnachtsfeiertagen schwebe ich im Nichts, sage ich mir immer, nur in den anderen Tagen habe ich einen Boden unter den Füßen, weiß ich seit Jahren. Die Weihnachtstage, die wieder so entsetzlich lang waren und die im Grunde, dachte ich mir, nur wieder eine zügellose, geradezu ekelhafte Aneinanderreihung von einer Speise an die nächste waren. Karpfen, Plätzchen, Raclette, Lachs, Wild, Gänsebraten, Blaukraut, Maronen, Mousse au Chocolat, Kartoffelsuppe, Stollen und immer so weiter! Es ging wieder, sagte ich mir, drei ganze Tage lang, ausschließlich um Essen, nicht im geringsten ging es um eine christliche Feier! Was heißt Tage? Es ging im Grunde auch nachts so weiter! Jeder Gang zur Toilette war verbunden mit einem Gang in die Küche! So viel ging es um Essen, dass ich mir auf dem Weg zum Theater noch dachte, Weihnachten war ja dieses Jahr seltsamerweise zwei Wochen lang gewesen! Obwohl es doch nur ein einziges Wochenende war! Das fürchterlichste Wochenende des Jahres! Ich war schon nicht mehr zum Pinkeln, sondern zum hemmungslosen Kotzen auf die Toilette gegangen. Immer wieder und ausgiebig musste ich diese ungesunde aber permanente Nahrungsaufnahme durch Kotzen unterbrechen.

Es sollten also jetzt, drei Tage nach diesen vollkommen sinnenstellten, zu nichts nützlichen und geradezu krankhaften Weihnachtstagen, wieder die Münchner Kammerspiele sein, dieses widerwärtige Theater, dachte ich noch, das mich seit Jahren trotzdem anzieht, obwohl es keinen Grund dazu gibt, mich anzuziehen. Ich lasse mich von nichts anziehen, wusste ich schon längst, schon als Kind hatte ich mich von nichts anziehen lassen! Dieses Theater, das sich noch dazu seit vielen Jahren oder seit Generationen, im Grunde sogar immer schon, naturgemäß ohne jegliche Begründung, zu einem der besten deutschen Theater zählt! Wahrscheinlich hält es sich für das beste Theater Deutschlands, natürlich jedenfalls für ein Theater geradezu von Weltformat, weil es einfach ein deutsches Theater ist! Ein widerwärtiges Welttheater!

Thomas Bernhard, „Heldenplatz“, wird zwischen den Jahren in diesem Welttheater gezeigt, dachte ich mir immer wieder während dieser entsetzlich langen Weihnachtstage! Nach dem Lachs und vor dem Gänsebraten. Thomas Bernhard, „Heldenplatz“! Ein undeutscheres Stück gibt es doch gar nicht, dachte ich mir!

In diesem Stück geht es doch um Wien! Um den Heldenplatz in Wien, den ich seit Jahren meide, es geht doch nur um Österreich, dachte ich noch! Um diesen kleinen Nachbarstaat von Deutschland, in den man am besten zum Skifahren fährt. Vielleicht auch zum Wandern! Nicht um Deutschland selbst geht es, sagte ich mir. Und gleichzeitig sagte ich mir, natürlich wollen die Deutschen über Österreich schimpfen, nicht über sich selbst schimpfen, sie wollen wieder einmal Österreich als die Nazis zeigen, nicht sich selbst als die Nazis zeigen. Denn, wusste ich, im Stück „Heldenplatz“ geht es doch um diesen österreichischen Professor, der Selbstmord begeht, weil er, nachdem er einige Jahre in Oxford verbracht hatte, erinnerte ich mich, dann doch merkte, dass in Österreich immer noch alle Nazis waren, tief im Herzen waren sie alle immer noch Nazis, die Österreicher, sagte sich der Professor – bis zu seinem erbärmlichen Selbstmord. Und da beginnt das Stück!

Und dann saß ich da in Reihe 7 auf einem dieser fast menschenunwürdig schlecht gepolsterten Klappsessel, dieses Mal ohne diese desolaten und mich nur belästigenden Kopfhörer, bei 25 % Auslastung wegen Corona. Ich blickte mich in diesem unsäglich und geradezu abstoßend morbiden Theaterraum der Kammerspiele um! Noch dazu musste ich natürlich wegen Corona eine dieser absolut unwürdigen Gesichtsmasken tragen.

Dann ging es entsprechend los: Videos von österreichischen Naziaufmärschen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hämmerten sofort auf mich ein. Jawohl, diese elenden Österreicher, dachte ich mir. Aber ich wusste: Falk Richter war der Regisseur, er wird das Stück sicher so bringen, dass es sich um Nazis und Antisemiten in Deutschland handelt, nicht in Österreich! Und so war es dann auch! Abstoßende Videos von allen bekannten AfD-Politikern, fürchterliche aktuellere Videos von Naziaufmärschen in Deutschland, verwirrende Bilder vom lächelnden Maaßen, von Andi Scheuer, Texte und Bilder von Franz Josef Strauß, von Friedrich Merz, von allen. Plötzlich auch Bilder vom Sturm auf das Kapitol in Washington, wer weiß warum!

Dann, nach einer völlig stupiden Pause, wurde „Heldenplatz“ gewissermaßen unterbrochen. Es kam ein „Kapitel“ mit eigenen Texten von Falk Richter! Nichts von Thomas Bernhard! Im Grunde war es dann eine grauenhafte Philippika gegen alle Konservativen, die ja alle die Nazis unterstützen würden. Nichts hatte es noch mit Thomas Bernhard zu tun.

Immer wieder fragte ich mich auch, was diese widerliche Bühnengestaltung soll. Die Seitenwände und die Rückwand waren etwa 10 m hoch verhüllt mit einem langen, tiefroten Latexvorhang! Plastik! Es waren sogar zwei Vorhänge hintereinander! Mitten in dieser grauenhafte und so fragwürdigen Vorstellung wurde der vordere Vorhang ganz langsam nach oben gezogen, dahinter kam ein tief schwarzer weiterer Vorhang dieser Art zum Vorschein. Wieder Plastik! Ansonsten standen auf der Bühne wild durcheinander viele kleine Gegenstände, Requisitekisten, Lampen, und alles war ansonsten natürlich vollgestellt mit polierten Schuhen. Ständig wurden die polierten Schuhe geputzt und ständig wurden Hemden des verstorbenen Professors gebügelt! Das war „Heldenplatz“ pur!

Und diese Schauspieler! Es war kaum zu ertragen! Sie haben im Grunde diesen treffenden Text aus dem Stück „Heldenplatz“ zu schnell gesprochen! Es war typisch, Schauspieler haben naturgemäß kein Gespür für das, was sie spielen und wen sie gerade spielen und von wem sie etwas gerade spielen! Schauspieler spielen das Leben, sie sind aber im Grunde Lebensverweigerer! Sie sind geradezu Lebenszerstörer und Lebensvernichter! Sie spielen etwas, aber sie sind es nicht!“

Und so weiter. Das hätte Thomas Bernhard geschrieben! Nun gut, so schlimm war es nicht. Ein paar Eindrücke blieben allerdings:

  • Typisch für Falk Richter ist, dass er in gewisser Weise den Zuschauer überdeutlich auf ein riesiges Problem hinweisen will! Mir persönlich geht es dabei schnell zu sehr um eine Art Belehrung, nicht um eine feinsinnige Auseinandersetzung mit einem Thema. Auch geht manche Verallgemeinerung unter und wird vom Zuschauer schnell unvorsichtig hingenommen.
  • Und in der Tat habe ich mich gefragt, wie der Verlag (oder die Erben) von Thomas Bernhard eine derartige Aufführung, die doch (vor allem durch den Texteinschub von Falk Richter) weit über den Fokus von „Heldenplatz“ hinausreicht, zulassen konnten!
  • Das in gewisser Weise Einzigartige an den Texten von Thomas Bernhard ging so verloren. Natürlich wäre es auch kaum zu vertreten gewesen, das Thema der Nazis etwa auf Österreich zu beschränken! Allein das macht die Herangehensweise von Falk Richter verständlich. Der Herangehensweise von Thomas Bernhard in seinem letzten Werk „Heldenplatz“ entspricht es nicht!

Hier noch Eindrücke:


Copyright der Bilder im Text: Denis Kuhnert

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Deutsches Theater Berlin

Interessante Streams bis Ende des Jahres für Theaterfreunde. Fünf Klassiker des Deutschen Theaters Berlin aus fünf Jahrzehnten:

  • Sonntag 26. Dezember 18.00 bis Montag, 27. Dezember 18.00: Die schmutzigen Hände (2012) von Jean-Paul Sartre, Regie: Jette Steckel
  • Montag, 27. Dezember, 18:00 Uhr bis Dienstag 28. Dezember, 18:00 Uhr: ONKEL WANJA (2008) von Anton Tschechow, Regie: Jürgen Gosch
  • Dienstag, 28. Dezember, 18:00 Uhr bis Mittwoch, 29. Dezember 18:00 Uhr: NATHAN DER WEISE (1990) von Gotthold Ephraim Lessing, Regie: Friedo Solter
  • Mittwoch, 29. Dezember 18:00 Uhr bis Donnerstag, 30. Dezember 18:00 Uhr: Die Rundköpfe und die SpitzköpfeEin Greuelmärchen (1985) von Bertolt Brecht, Musik: Hanns Eisler, Regie: Alexander Lang
  • Donnerstag, 30. Dezember 18:00 Uhr bis Freitag, 31. Dezember 18:00 Uhr: Torquato Tasso (1975) von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Friedo Solter

HIER der Link zu den Streams.

MUSIK: U 2 – Unchained Melody

Ein Nachtrag: Der Song, den ich zuletzt brachte, war „Unchained Melody“ , gesungen von Elvis Presley. Gespielt auf seinem allerletzten Konzert ever. Dieses Lied wurde Jahre später unter anderem auch immer wieder von U 2 gespielt. Eine ganz andere, natürlich viel modernere, aber auch interessante und gute Version! Daher bringe ich sie hier auch noch.

Das Video ist von U 2 in ihren jungen Jahren! Klasse sind auch wieder einmal die Aufnahmen! Wie gesagt: Es ist nicht ein von Elvis Presley selber geschriebener Song. Den Song gab es seit etwa 1940, ursprünglich für einen Film.

Hier:

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Sonstiges

SONSTIGES: ARD-Serie – Legal Affairs

Ich bin kein Kenner von TV-Serien. Auch nicht von Serien auf Netflix etc. Es scheint ja sehr gute Serien zu geben! Ich habe mir jetzt zunächst einmal die Serie „Legal Affairs“ aus der ARD-Mediathek angesehen. Die erste Staffel hat acht Folgen. Die Serie wurde in der SZ kürzlich sehr gelobt! Dort heißt es: „Fast zu gut, um im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wahr zu sein! Das hat mich interessiert!

In der Tat, ich habe die Serie immer weiter anschauen wollen! Folgende Aspekte sind mir dabei aufgefallen:

  • Die Art der Filmaufnahmen: Schick und cool. Die meisten Aufnahmen sind mit einer mobilen Kamera aufgenommen, schnelle Schnitte, gute Bilder, bewegte Aufnahmen, sehr modern. Berlin, viele gute Nachtaufnahmen, Berlin bleibt aber immer im Hintergrund! Nichts Gekünsteltes, normale Szenen aus dem Alltagsleben einer Kanzlei! Die Kanzleiräume: Extrem cool, Loftähnlich.
  • Die Wiedererkennung: Wie es wohl bei Serien so ist, so ist es mir auch gegangen: Man erwartet Folge für Folge irgendwie immer ein ähnliches Szenario. Man will die Personen wieder erleben! Man will sich sofort wohlfühlen! Das schafft die Serie absolut! Und Stück für Stück lernt man die beteiligten Personen, die MitarbeiterInnen der Kanzlei, ein wenig besser kennen. Ein bisschen nur, es dauert! Es ist aber nie übertrieben!
  • Die Neugierde auf Neues: Obwohl man einen ähnlichen Rahmen erwartet, will man natürlich immer wieder Neues erleben! Das ist das Prinzip der Serie: In jeder Folge gibt es eine abgeschlossene Mandatsbeziehung der Kanzlei. Einen abgeschlossenen Fall. Kaum darstellbar in so kurzer Zeit – jeweils 45 Minuten – aber es klappt!
  • Das Anwaltsleben von Leo Roth: Ein weiteres Prinzip der Serie: Das Anwaltsleben von Leo Roth ist extrem schnell! Von Schreibtischarbeit keine Spur! Ich persönlich war jahrelang Rechtsanwalt und weiß, dass viel Schreibarbeit dazugehört! Das spielt hier keine Rolle! In dieser Serie ist Leo Roth eine Art „trouble shooter“. Sie ist Medienanwältin – immer hell gekleidet – und hat immer mit extremen Fällen des modernen Lebens zu tun! Sie diktiert, während sie irgendwo hingeht! Man sieht sie ständig am Handy, ständig geht sie mit schnellen, zielsicheren Schritten durch die Gegend! Sitzend oder stehend sieht man sie selten! Doch: Bei Kanzleibesprechungen! Die sind aber meistens auch schnell erledigt. Und bei Gericht! Das spielt bei der ein oder anderen Folge eine Rolle!
  • Die Funktion von Information und der Zeitaspekt: Was die Serie ausmacht: Man kann gar nicht genau nachvollziehen, wie die Kanzlei und vor allem Leo Roth all die Dinge, die in den durchaus spannenden Episoden eine Rolle spielen, so schnell ermitteln können. Zeit spielt keine Rolle. Oft wird suggeriert, es gehe um wenige Stunden oder Tage. Aber im Grunde sind all diese Dinge so schnell gar nicht zu schaffen. Aber das ist das Betörende! Im Grunde lassen sich Mandatsbeziehungen nicht so schnell klären! Aber es gelingt in diesen Episoden und zwar immer nachvollziehbar! Betörend: Leo Roth hat immer das Supergespür und eine coole Art dafür, zu wissen was zu machen ist! Man will auch mehr aus ihrem Privatleben erfahren! Aber auch das dauert seine Zeit! Tragische Ereignisse ihrer Kindheit kommen allerdings immer wieder kurz vor!
  • Das Feiern des Handygebrauchs: Der permanente Handygebrauch spielt eine entscheidende Rolle! Ständig hört man den typischen leisen Summton und sieht eingeblendet, wer anruft oder was von wem per Handy geschrieben wird! Und genau so kommen immer wieder Nebenschauplätze ins Bild, die sich über mehrere Episoden hinziehen. Alles entwickelt sich! Überhaupt, die neuen Technologien, Social Media, alles kommt irgendwie sehr selbstverständlich und recht realistisch zur Geltung!
  • Die Person Leo Roth: Lavinia Wilson spielt überzeugend die Anwältin Leo Roth. Sie steht irgendwie immer leicht über den Dingen, denkt hoch raffiniert und immer einen Schritt schneller als andere! Eine Traumanwältin! Einerseits beobachtet sie irgendwie fast die Absurdität ihrer Mandatsbeziehungen, andererseits ist sie voll involviert!
  • Die anderen AnwältInnen in Leos Büro: Man erhält durch die Serie einen wirklich guten Einblick in die Struktur einer Kanzlei, die von einer Person geführt wird! Die anderen KollegInnen sind nicht Partner, sondern Angestellte! Ich war viele Jahre lang Rechtsanwalt in einer ähnlichen Kanzlei! Die beiden anderen Anwälte – Niels Bohrmann und Mryam Zaree – vermitteln extrem gut das Standing angestellter Anwälte! Sie sind schlau, spekulieren mit einer Partnerschaft, aber zutrauen kann man sie ihnen nicht! Lavinia Wilson alias Leo Roth steht immer über ihnen!

Hier noch Bilder:

Ich muss gestehen: Es interessiert mich, schon wegen meiner früheren Anwaltstätigkeit in einer Medienkanzlei, wie sich die Kanzlei und die einzelnen Personen in der zweiten Staffel weiter entwickeln!

Hier ein Trailer:

Die Serie ist bis 23. März 2022 auf der ARD-Mediathek zu sehen! HIER der Link zur Serienseite mit vielen weiteren Beiträgen (Interviews vor allem).

© der Bilder: ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

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Allgemein

MUSIK: Elvis Presley – Unchained Melody

Auf meiner tour d‘horizon durch die Musikwelt meiner Zeit darf natürlich Elvis Presley nicht fehlen. Ich bringe hier einen Song aus seinem allerletzten Konzert ever – Unchained Melody. Er gab sein letztes Konzert am 06. Juni 1977 in Rapid City, South Dakota, fast genau in der Mitte der Vereinigten Staaten.

Ich weiß es noch genau. Ich war damals gerade – wie jedes Jahr im Sommer – auf Sylt, Sommerferien mit der Familie, mit den Eltern und meinen beiden Geschwistern, bei Brummelhoops. Es war schönes Wetter, unsere Wohnung in Kampen. Ich war zwei Wochen zuvor, am 04. August, sechzehn Jahre alt geworden. Am Morgen des 16. August 1977 hörte ich es dann im Radio: Elvis Presley war gestorben! Im Alter von nur 42 Jahren! Ich weiß auch noch, dass ich damals dachte: Was für ein Schlag! Was für ein Einschnitt in unserer Welt! Ich war nicht gerade ein Elvis-Presley-Fan, trotzdem: Es erschien mir sofort als ein ganz besonderes Ereignis.

Wie verändert sieht Elvis Presley auf diesem letzten Konzert aus, hier im Video! Er ist aufgeschwemmt, dick, ungesund, er wirkt auf diesem Video älter als 42 Jahre, er wirkt, als wäre er 50 Jahre alt! Auf anderen Videos, die man zu diesem letzten Konzert auf YouTube finden kann, wirkt er auch fast etwas verwirrt. Er war ein anderer Mensch geworden als derjenige, der er noch wenige Jahre zuvor gewesen war.

Das Erstaunliche aber – man kann es auch auf diesem Video hören: Seine damals immer noch so kräftig wirkende Stimme! Seine power! Man hat fast den Eindruck, er konnte seine unglaublich kraftvolle Stimme gar nicht bändigen! Das wiederum sieht man in diesem Video geradezu! Man hört es auf diesem Video auch durchgängig, besonders zum Beispiel ab Minute 2:16!

Trotzdem, etwa zwei Monate nach diesem Konzert wurde er von seiner Lebensgefährtin tot in seinem Haus in Memphis, Tennessee, gefunden. Im Badezimmer. Jahrelang wurde untersucht und spekuliert, woran er starb. War es ein natürlicher Tod? Waren es zu viele Tabletten, die er schluckte? Die letzte Obduktion ergab dann, er sei an seinem langjährigen chronischen Darmleiden gestorben.

Hier der Song Unchained Melody live, der ja auch wieder – was ich ja mag – etwas Melancholisches hat. Es geht ja auch um eine beendete Liebe. Elvis Presley hat diesen Song nicht selber geschrieben, der Song wurde etwa um 1940 von einer an sich unbekannten Person geschrieben und wurde weltweit gespielt.

THEATER: Sebastian Baumgarten – Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt

Am Dienstag (14.12.) war die Filmpremiere von „Bruder Eichmann“ im Marstalltheater, der „Werkstattbühne“ des Residenztheaters. Michael Billenkamp, Dramaturg am Münchner Residenztheater, schrieb dazu:

„Vor genau fünfzig Jahren – am 15. Dezember 1961 – sprach das Jerusalemer Bezirksgericht das Urteil im Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehemaligen Leiter des nationalsozialistischen «Referats für Judenangelegenheiten» und damit einem der Hauptverantwortlichen des organisierten Genozids.“

?? Es ist doch sechzig Jahre her. Weiter schreibt Billenkamp jedenfalls:

Das Gericht sah es nach der Vernehmung von rund hundert Zeug*innen und einer Prozessdauer von vier Monaten als erwiesen an, dass Eichmann an der Ermordung von etwa sechs Millionen Juden beteiligt war. Eichmanns Verteidigungsstrategie, dass er lediglich ein unbedeutender Befehlsempfänger und damit ein «kleines Rädchen» im Getriebe des NS-Vernichtungsapparats gewesen sei, war damit gescheitert. Das Urteil lautete: Tod durch den Strang. Bis zum heutigen Tag ist die Hinrichtung Adolf Eichmanns am 1. Juni 1962 in Ramla bei Tel Aviv das einzige auf israelischen Boden vollstreckte Todesurteil.“

HIER der Text von Michael Billenkamp.

Adolf Eichmann kennt jeder. Drei Stationen sind es nun (Adolf Eichmann bis 1962 – Heinar Kipphardt 1983 – Sebastian Baumgarten 2021), die eine neue „Annäherung“ an die unfassbare Gesinnung von Adolf Eichmann in der neuen Filmdokumentation ergeben. Die „Eichmann-Haltung“ nannte Heinar Kipphardt diese Gesinnung. Besser gesagt: Sebastian Baumgarten nähert sich heute erneut Heinar Kippharts Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ aus dem Jahre 1983 an, in der sich Heinar Kipphart Adolf Eichmann angenähert hatte.

Die Filmdokumentation ist bis Ende Januar 2022 komplett mit Zusatzmaterial in der neuen Mediathek des Residenztheaters zu sehen! HIER der Link zur allgemeinen Seite der neuen Mediathek.

Zu Adolf Eichmann: Zu seinem vielleicht nicht so bekannten Weg von seiner Geburt an bis zum Zweiten Weltkrieg siehe die Materialien in der Mediathek. HIER! Zu seinem berüchtigten Weg dann im Zweiten Weltkrieg über sein Verhör in Argentinien und Israel hinweg bis zu seiner Hinrichtung 1962 siehe insgesamt die jetzt neue Filmdokumentation „Bruder Eichmann“. Auch HIER.

Zu Heinar Kipphardt 1983: Er verarbeitete die 1960 entstandenen Verhörprotokolle des israelischen Geheimdienstes mit Adolf Eichmann im Jahre 1983 zu einem Dokumentartheaterstück. Die Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ wurde 1983 am Residenztheater uraufgeführt. Im Grunde hatte Heinar Kipphardt damit auch zusammen mit wenigen anderen Autoren und Regisseuren der damaligen Zeit das Genre des „dokumentarischen Theaters“ begründet. Es wurde eine tief beunruhigende Dokumentation über Adolf Eichmann und über die hinter diesem stehende Gesinnung. „Die Banalität des Bösen“ sind die berühmten Worte von Hannah Arendt, die ja den Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel komplett verfolgt hatte. Ich kenne noch die Dokumentation von 1983. Michael Rehberg spielte damals am Residenztheater Adolf Eichmann.

Und zu Sebastian Baumgarten 2021: Der Regisseur hat sich nun dem bei der Uraufführung 1983 kontrovers diskutierten Text von „Bruder Eichmann“ (man sprach von Verharmlosung etc.) mit den Möglichkeiten und Mitteln des heutigen digitalen Theaters erneut angenähert. Es ist die neue Filmdokumentation zu Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ geworden. Adolf Eichmann wird hierin (soweit das Verhör wiedergegeben wird) nicht mehr personalisiert. Das ist angenehm und hebt sich sehr passend von der damaligen Theaterdokumentation von Heinar Kipphardt ab. Kein Michael Rehberg mehr! Es geht nicht um eine Person! Die Texte von Heinar Kipphardt werden allerdings von den Schauspielern des Theaters exakt nachgelesen. Die Schauspieler, die zum Einsatz kommen, sind aber sehr jung! Auch das ist passend! Es zeigt den Bezug von Adolf Eichmanns Äußerungen zur heutigen Zeit! Und zur Zukunft! Die Vergangenheit verschwindet ja immer mehr von der Bildfläche. Man kann sich hier aber nicht sagen: „Das war doch damals…“. Man kann hier auch nicht sagen: „Das war eben Adolf Eichmann!“ Es bleibt ein zeitloses Thema!

Die „Annäherung“ von Sebastian Baumgarten verbindet insoweit in feiner Art und Weise filmisch und durch Wort und Bild drei Ebenen: Das Verhör und die unglaublichen Äußerungen von Adolf Eichmann von 1960 zum Einen mit Heinar Kipphardts Dokumentation „Bruder Eichmann“ von 1983 zum Zweiten und mit unserem aktuellen Leben 2021 zum Dritten. Auch, wenn nur Bahngleise am Münchner Hauptbahnhof gezeigt werden, alles bekommt einen Gegenwartsbezug. Es wäre auch fatal gewesen, hätte man den Fall Eichmann als „Vergangenheit“ dargestellt!

Denn auch, wenn wir momentan in genug gigantischen Krisen leben (Corona mit der drohenden Omikron-Welle, das Klima), auch das muss sein: „Bruder Eichmann“ in diesen schweren Zeiten! Es bleibt ein Muss des Grauens, wir brauchen die Dokumentation immer wieder. Adolf Eichmanns Erklärungen in seinen Verhören nach seiner Festnahme in Argentinien und seiner Auslieferung nach Israel im Jahre 1960 zeigen, zu was der Mensch nicht nur damals „fähig“ war, sondern sicher im Ansatz auch heute noch fähig sein kann. Es geht um die Gesinnung, die Ursachen, die hinter allem standen: Befehl, Weisung, Gehorsam, absolute Selbstgewissheit allein durch absoluten Gehorsam, Hierarchie, Erziehung, Hörigkeit und die Verneinung jeder Art von eigener Verantwortung – das sind die Symptome, die es ja auch heute immer wieder gibt. In abgeschwächter Form, aber trotzdem!

Nun noch zur gestrigen Filmpremiere: Die Tribüne des Marstalltheaters war abgebaut, sie war jedenfalls nicht sichtbar. Ein schwarzer Raum, wenig Beleuchtung, ein dunkler enger Gang um den Raum herum, der die Besucher über „dokumentarische Stationen“ führte, in der Mitte des schwarzen Bühnenraumes dann ein Tisch mit einigen Büchern zu Heinar Kipphardts damaliger Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“, an den vier Seitenwänden jeweils ein großer Flachbildschirm, davor in lockerer halbrunder Zusammenstellung Holzstühle, auf denen man saß und sich nach einer gewissen Zeit die Dokumentation ansah. In der Mitte des Raumes am Mischpult ein Musiker, der vor Beginn der Dokumentation leise vor sich hin dräuende und bedrohlich wirkende Musik einspielte. Eigentlich nur ein paar dumpfe und drohend summende Töne.

Man sieht und hört in der Filmdokumentation nicht nur den Text von Kipphardts „Bruder Eichmann“, man sieht und hört nun zusätzlich Personen, die um Heinar Kipphardt und seine damalige Dokumentation kreisten. Seine Tochter, sein Biograf, der Bühnenbildner der Aufführung im Residenztheater von 1983. Man sieht Ausschnitte der Theaterdokumentation aus 1983 mit Michael Rehberg.

Mit der Filmdokumentation von Sebastian Baumgarten wird das Geschehen um Adolf Eichmann in unsere Zeit transportiert. Ich fand es fein gelungen und weiterhin sehr sehr bedrückend, wenn man hört und auf sich einwirken lassen muss, was Adolf Eichmann erklärte!

Copyright des Beitragsbildes: Residenztheater