MUSIK: Uriah Heep – Rain

Natürlich kennen Ältere von uns Uriah Heep. Sehr bekannt war doch ihr fast kitschiger Song „Lady in Black“. Man zählte sie ja damals ( in den Siebzigern) gemeinsam mit Bands wie Black Sabbath, Deep Purple, Led Zeppelin oder Nazareth zu den erfolgreichsten Vertretern des Genres Hardrock.

Der Song, den ich hier bringe, ist allerdings ein besonders ruhiger Song von Uriah Heep, er hat mit Hardrock wenig zu tun. Aber Uriah Heep muss irgendwie auch sein. Der ruhige Song passt auch besser in meinen Blog. Er wird gesungen von Bernie Shaw, der sehr lange Mitglied der Band war. Die Band zeichnete sich ja besonders dadurch aus, dass sie sehr viele Mitgliederwechsel hatte. Unten dazu eine Übersicht, die ich Wikipedia entnommen habe.

Man sieht darin auch an den schwarzen vertikalen Strichen (die die Veröffentlichung von Studioalben darstellen), dass die Band vor allem in den Siebzigerjahren sehr aktiv war. Aus dieser Zeit kennt man sie ja hauptsächlich.

Köstlich sind ja in diesem Video auch all die Männer – keine Frau! – mit ihren langen Haaren!

Besetzungen:

Hier der schnulzig-schöne Song „Rain“. Gut, er ist nichts für Hardrock-Fans, aber schön finde ich die manchmal durchkommende typische Uriah Heep Stimme! Ab Minute 3:05 eigentlich besinnt er sich seiner Uriah-Heep-Stimme.

MUSIK: Nochmal Peter Gabriel – Biko around the world – Version 4

Ich hatte vor kurzem den Song Biko von Peter Gabriel in den Blog aufgenommen. HIER der damalige Beitrag. Drei verschiedene Versionen des schönen und berührenden Songs hatte ich sogar eingestellt. Jetzt bin ich auf eine vierte Version gestoßen: Biko around the world. Anhören und vor allem dazu das Video ansehen. Es geht um Minderheiten auf der Welt! Minderheiten sind das schöne Salz in der Suppe! Biko etwa kämpfte bis zu seinem Tod gegen die Apartheid. Video anschauen!

MUSIK: Mikis Theodorakis – Sirtaki aus „Alexis Sorbas“

Drei Tage Staatstrauer war im September in Griechenland angeordnet, als (am 09. September 2021) Mikis Theodorakis im Alter von 98 Jahren gestorben war. Er war ein „Volksheld“ in Griechenland. Komponist – Schriftsteller – Politiker. Und wer kennt nicht sein Lied „Sirtaki“ aus dem Film „Alexis Sorbas“, das ich hier als Klassiker bringe.


Stationen von Mikis Theodorakis:

In der Jugend Widerstandskämpfer gegen die Faschisten – Opfer von Folterungen – Musikausbildung in Paris – zurück nach Griechenland – dann im Widerstand gegen die dortige Militärdiktatur – festgenommen – schwer gefoltert – durfte ausreisen – bis 1974 im Exil in Paris – zurück nach Griechenland – in den 1960er und 1980er Jahren in das griechische Parlament gewählt – 1990 erneut ins Parlament gewählt. Politisch klar „links“.

Sirtaki, das berühmte Lied aus „Alexis Sorbas“. Der Film „Alexis Sorbas“ – die Geschichte zweier so ungleicher Männer, ein Lebemann, ein Businessmann – ist einer der erfolgreichsten Filme der Kinogeschichte, liest man! Er entstand 1964 unter der Regie von Michael Cacoyannis mit Anthony Quinn in der Titelrolle. Anthony Quinn sieht man auch hier im Video mit der berühmten Tanzszene am Strand.

Hier:

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THEATER: „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ nach (oder für) Gisela Elsner

Es war, wie gesagt, ein Abend, der sehr im Kontrast stand zum vergangenen Abend mit der Inszenierung von “Dekalog“ am Residenztheater. Es war alles andere als herkömmlich. Insgesamt ist es gut gemacht, aber wahrlich nicht leicht verständlich. Man kann aber jedenfalls Freude haben an der sehr eigenwilligen Behandlung der Thematik, der Kostümierung, der Bühne und den SchauspielerInnen. An den Leistungen der SchauspielerInnen! So entwickelt sich ein konsequenter Abend!

Regie hatte erneut Pinar Karabulut. Sie hat ja derzeit an den Kammerspielen noch Regie bei “Like Lovers Do“. Pinar Karabulut bevorzugt sehr farbenfrohe, sehr eigenwillige, sehr abstrakt wirkende, sehr phantasievolle Darstellungen. Der Abend hat dementsprechend den Untertitel: „Ein Abend gegen deine spießbürgerlichen Phantasien, deine Lebenslügen und deine Kompromisse – nach Texten von Gisela Elsner“.

„Der Sprung vom Elfenbeinturm“ ist nicht im Geringsten die Erzählung einer „Geschichte“ – bei „Dekalog“ am Residenztheater waren es ja 10 recht nachvollziehbar erzählte „Geschichten“ oder „Situationen“. „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ ist eher eine sehr verrückt gestaltete Revue von Gedanken der 1992 in München durch ihren Freitod gestorbenen Autorin Gisela Elsner. Gisela Elsner war überzeugte Kommunistin, Feministin, Gesellschaftskritikerin der Zeit des Nachkriegsdeutschland. Drei fast absurde Teile hat der Abend, mit Bezug zu den immer kritischen, vielleicht auch satirischen Romanen „Fliegeralarm“, „Heiligblut“ und „Berührungsverbot“. Verzerrt und fast überlagert werden diese drei Teile und damit die Blicke auf Gisela Elsner allerdings von der so verspielten Regiearbeit von Pinar Karabulut. Aber es passt irgendwie!

Sehr gelungen ist meines Erachtens vor allem der eingespielte fast eine halbe Stunde lange Film im dritten Teil, in dem die Zusammenkunft verschiedener Personen in einer Wohnung für eine Sexparty gezeigt wird. Filmisch und schauspielerisch sehr besonders und wunderbar! Schauspielerisch sehr gut!

Mein Fazit: Gelungen, konsequent überzeichnend, leider stark überfrachtet mit vielen verschiedenen Gedanken. Elfriede-Jelinek-ähnlich! Man käme Gisela Elsner im Nachgang wohl besser durch das Lesen ihrer Werke näher – oder indem man sich den Abend noch einmal ansieht. Auch wenn nicht alles überzeugt. Etwas langatmig ist etwa der lange Monolog von Stefan Merki zu „Schrauben“, in dem man sich doch fragen konnte: Warum? Trotzdem.

Hier noch zwei Bilder:

Copyright der Bilder: Emma Szabó

Und HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

THEATER: „Dekalog“ nach Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz

Sie sind weiterhin grundverschieden – Gott sei Dank: Das Münchner Residenztheater und die Münchner Kammerspiele. An beiden Theatern habe ich kürzlich je eine Inszenierung gesehen, die beide nicht unterschiedlicher sein konnten: „Dekalog“ am Münchner Residenztheater und „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ an den Münchner Kammerspielen. Über „Dekalog“ schreibe ich hier, über die Inszenierung „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ in Kürze im nächsten Beitrag.

Dekalog“ ist das bekanntere Stück von beiden. Ich erinnere mich etwa an zehn sehr eigenwillige Streamings des Schauspielhauses Zürich von „Dekalog“, Regie von Christopher Rüping – es war zu Beginn der Coronazeit -, in denen die zehn Teile des Stückes „Dekalog“ von jeweils einem Schauspieler oder einer Schauspielerin „übernommen“ wurden. HIER ist der Link zur herrlichen Archivseite des Schauspielhauses Zürich zu diesen zehn Teilen. Über diesen Link finden sich wunderbare Rückblicke! Etwas scrollen und sich die Videos ansehen!

Der Sprung vom Elfenbeinturm“ dagegen ist – das hier kurz – ein Abend über die vergessene Autorin Gisela Elsner. Es ist kein „Stück“ von Gisela Elsner, es ist ein Rückblick auf sie und ihre Werke. Der Titel dieses Abends ist erstaunlicherweise deutschsprachig! An den Kammerspielen liest man nämlich zur Zeit fast nur englische Sprache. Auch das ist ein deutlicher Unterschied beider Häuser.

Nun zu „Dekalog“:

Es geht ja um die zehn Gebote. Um die zehn Gebote und deren Wirken oder Nichtwirken im modernen Leben. Dargestellt jeweils in einer besonderen Situation. Ursprünglich war es eine Filmreihe für das polnische Fernsehen. Die zehn Teile – bei denen man keineswegs durchgehend eine „Zuordnung“ zu einem der 10 Gebote erkennt – sind:

  • Dekalog 1 – der Vater Krzysztof und sein Sohn, der im Eis einbricht
  • Dekalog 2 – der todkranke Andrzej und dessen Frau, die ein Kind von einem anderen Mann erwartet, dies aber nur bekommen möchte, wenn ihr Mann stirbt
  • Dekalog 3 – der Taxifahrer Janusch, der sich an Weihnachten irgendwann von seiner Familie „ausklinkt“ und seine ehemalige Geliebte Ewa trifft
  • Dekalog 4 – die Schauspielstudentin Anka und der gefundene Brief ihrer Mutter, in dem erklärt wird, dass Ankas „Vater“ nicht ihr leiblicher Vater ist. Das Verhältnis des Stiefvaters zu Anka zwischen „Vater“ und „Freund“
  • Dekalog 5 – der junge Strafverteidiger und der von ihm vertretene Mörder, der zu Tode verurteilt wird
  • Dekalog 6 – Tomek, der Magda und ihre zahlreichen Männer lange Zeit mit einem Fernglas in deren Wohnung gegenüber beobachtet und Kontakt zu ihr aufnimmt
  • Dekalog 7 – Maika und ihre Tochter, die von Maikas Mutter aufgezogen wurde, da Maika zu jung war. Maika möchte ihre Tochter wiederhaben
  • Dekalog 8 – die Dolmetscherin Elzbieta und die Professorin, die es in Kriegszeiten abgelehnt hatte, Elzbieta als kleines Kind vor den Nazis zu verstecken
  • Dekalog 9 – Hanka und ihr Ehemann, dem ärztlich Impotenz bescheinigt wird, und die Affäre von Hanka mit einem jungen Physikstudenten
  • Dekalog 10 – zwei Brüder am Grab ihres Verstorbenen Vaters und das wertvolle Erbe seiner Briefmarkensammlung

Die Inszenierung am Residenztheater hält sich an diese vorgegebenen Ausgangssituationen. Nicht alles wird davon erzählt, aber Wesentliches. Das macht die Inszenierung teilweise fast etwas kitschig, da die Situationen in bestimmten Momenten zu deutlich, zu direkt, dargestellt werden, war mein Eindruck. Dies ist auch der Unterschied zur sehr abstrakten und verspielten Inszenierung an den Kammerspielen, über die ich als Nächstes schreiben werde!

Andererseits ist festzustellen, dass den einzelnen dargestellten Situationen ohnehin nicht unbedingt der Bezug zu jeweils einem der zehn Gebote entnommen werden kann. Man müsste sehr genau weiterdenken. Es geht vor allem auch sehr um das Verhältnis Eltern – Kinder, was fast das Hauptthema der „Episoden“ ist. Mehrere Kinder treten auch auf, siehe auch das Beitragsbild oben.

Weitere Bilder der Inszenierung:

Die Bühne wird – man sieht es auf den Fotos oben – geprägt von vier trampolinähnlichen, beweglichen Trennwänden, die immer wieder ihre Position verändern. Ansonsten sieht man – neben sehr wenigen anderen Elementen – weitgehend die freie Bühne und das große Ensemble.

Es entsteht sicherlich die Anregung, über die Zusammenhänge der geschilderten „Episoden“ zu den zehn Geboten nachzudenken. Leicht ist es nicht und es bedarf der Zeit! Schließlich sind es zehn unterschiedliche „Episoden“. Und schließlich war Dekalog ursprünglich eine Filmreihe von zehn getrennten Filmen. Die Inszenierung hilft nicht besonders dabei, alles an einem Abend zu verarbeiten, sie beschränkt sich auch nicht auf bestimmte Aspekte. So habe ich das Theater verlassen, ohne konkret Gedanken mitnehmen zu können. Kommt vor.

HIER der link zu Wikipedias Eintrag über „Dekalog“ mit interessanter Weiterverlinkung zu den zehn Einzelseiten.

HIER die Stückeseite von „Dekalog“ auf der Website des Residenztheaters mit Trailer und den weiteren Terminen.

Copyright der Beitragsbilder: Birgit Hupfeld

THEATER: Judith Herzberg – Die Träume der Abwesenden

Die dritte „lange“ Inszenierung, die man derzeit in München sehen kann. „Die Träume der Abwesenden“ (5 Stunden) von Judith Herzberg am Residenztheater. Wieder ein „Tableau“. Gesehen hatte ich zuletzt „Effingers“ (4 Stunden) an den Münchner Kammerspielen und „Unsere Zeit“ (6 Stunden) ebenfalls am Residenztheater.

Vorab: Die Inszenierung ist schon wegen der vielschichtigen Texte von Judith Herzberg, an die sich Stefan Kimmich mit dieser Inszenierung genau hält, sehr gelungen! Man wohnt drei Familientreffen bei, verfolgt die vielen kurzen Gespräche der Beteiligten. Die Inszenierung selbst hält sich gestalterisch angenehm zurück. Es ist der Text! Ich selbst bin im Laufe der fünfstündigen Inszenierung immer mehr in den Sog all der Themen, die in verschiedensten Aspekten zur Sprache kamen, gefallen und habe das Theater schließlich mit vielen Gedanken und mit dem Gefühl verlassen, eine rundum gelungene Inszenierung gesehen zu haben. Ansehen! Die Inszenierung ist keineswegs belehrend, sondern anregend! Anregend wegen der Gedanken der Beteiligten. Anfangs war alles noch etwas verwirrend, fast ermüdend, man musste erst die Personen zuordnen. Ehepaare, Geschiedene, Neuverheiratete, Eltern, Stiefeltern, Freunde, Verwandte, Verstorbene … Man merkte aber mehr und mehr, je mehr man sah: Die Sache wurde rund, man verstand die Beteiligten immer besser. Gut, dass die Inszenierung 5 Stunden dauerte!

Ich habe also zuletzt drei „Tableaus“ gesehen: „Effingers“ war die sehr historische Darstellung einer großen Familie, die in der Zeit zwischen 1870 und den Beginn des Zweiten Weltkrieges lebte. Schwere Umbrüche rein historisch betrachtet. HIER mein Bericht dazu. Die Inszenierung „Unsere Zeit“ wiederum brachte ein modernes Gesellschaftstableau auf die Bühne. Ein Tableau von Personen, die sich – teils – über ihre zahlreichen Treffen an einer Tankstelle, aber auch über Verwandtschaft und Beziehungen kennen. Man merkte bei dieser Inszenierung (von Simon Stone): Hinter jeder Person steckt im Grunde ein schweres Einzelschicksal! HIER mein Bericht hierzu. Und nun „Die Träume der Abwesenden“. Diese Inszenierung bringt das zeitnahe Tableau einer jüdischen Großfamilie aus Amsterdam auf die Bühne, bei der seit Generationen (es spielt zwischen den 1970er-Jahren und der Jahrtausendwende) vor allem das Thema der Judenverfolgung und die Schicksale der früheren Generationen mitschwingen. Die Themen schwingen mit auf den drei Festivitäten, bei denen sich die Beteiligten immer wieder treffen.

„Die Träume der Abwesenden“, inszeniert von Stefan Kimmig, basiert auf einer Trilogie der (heute 97jährigen) jüdischen Autorin Judith Herzberg mit den Teilen „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“.

Ein Foto von Judith Herzberg:

Man sieht fünf Stunden lang, wie sich die einzelnen Personen in kurzen und nur manchmal etwas längeren Unterhaltungen miteinander auseinandersetzen. Es wird helfen, wenn man sich die Beziehungen der vielen Beteiligten vorab ansieht. Im Programmheft der Inszenierung findet sich ein Überblick über den Familienstammbaum! Hier ein Foto:

Was macht die Texte von Judith Herzberg und damit auch die Inszenierung aus?

Das Kunstvolle der Texte: Man könnte ja meinen, es ginge „schon wieder“ um die Vergangenheit der Judenverfolgung! In der Tat ist dies immer wieder ein Hauptthema und natürlich zieht sich dieser Aspekt durch die fünf Stunden hindurch! Aber – und gerade das macht meines Erachtens die Texte von Judith Herzberg aus – das allein ist nicht das einzige Thema! Es geht generell um das Leben, um das Vergessen, das sich Erinnern, das Mit-Sich-Tragen der Vergangenheit, um das Altern, den Tod, die Einstellung zum Tod. Um die verschiedenen Generationen, ihre Einstellungen und Sichtweisen, um den Kampf jedes/r Beteiligten mit sich und seiner/ihrer fernen und seiner/ihrer nahen Vergangenheit. Aber erst das Verweben all dieser Aspekte miteinander macht die Texte aus! Die Texte von Judith Herzberg sind dabei nicht historisierend verengt, sie weiten vielmehr den Blick! Schon der Gedanke „Die Träume der Abwesenden“. Es ist die schöne Überlegung: Wir leben die Träume der Verstorbenen. Sicher: Die Träume der Verstorbenen bestimmen nicht komplett unser Leben, sie spielen aber immer wieder herein, so der Gedanke, was natürlich vieles erschwert.

Was die Texte von Judith Herzberg aber noch so interessant macht (mein Eindruck): Zwischen allen Beteiligten werden im Grunde ständig Dinge gesagt, die sie sich eigentlich nicht sagen, die eher gedacht werden. Das Ungesagte kommt umso ehrlicher und direkter zwischen allen Beteiligten ständig zu Wort! In diesen vielen vielen kurzen, oft lauten Gesprächen. Selbst wenn anfangs der Inszenierung Einiges noch etwas gewollt erschien, löste sich dieser Eindruck im Laufe der Inszenierung vollständig auf. Die SchauspielerInnen spielen sich mehr und mehr in ihre Rollen hinein! Mehr und mehr lernt man damit die vielen Beteiligten – insgesamt 15 SchauspielerInnen aus dem Ensemble des Residenztheaters – kennen.

Die Inszenierung und das Bühnenbild wollen bei alledem nicht irgendwie die drei Texte interpretieren oder mit noch mehr Themen verweben. Entscheidend bleiben die Texte so, wie sie sind. Alle Schauspieler und Schauspielerinnen erhalten damit viel Spielraum und überzeugen allesamt zunehmend im Verlauf der 5 Stunden. Allein eine riesige runde Lichtapparatur, die – kann man sich denken – irgendwie zeigt, dass alles miteinander verwoben ist – gedanklich, menschlich, historisch, in der Erinnerung, im Verhalten, in der Kommnikation – bestimmt gegen Ende den Hintergrund der Bühne:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Und HIER ein Trailer.

Copyright der Bilder: Sandra Then

THEATER: DT – Stream des Monats

Mein Tipp: Ich hatte es schon einmal gesehen und empfehle es! Übermorgen, am Freitag, den 15. Oktober um 20.00 Uhr, ist es erneut zu sehen. Es lohnt sich! Ursprünglich war es entwickelt für die Bühne, dann wurde es von Sebastian Hartmann wegen Corona umgearbeitet für das Streaming. Es wurde eine meines Erachtens sehenswerte und bestens gelungene Kombination aus Theater und Film. „LEAR“ heißt das Stück, eine Kombination von „King Lear“ nach William Shakespeare und „Die Politiker“ von Wolfram Lotz.

HIER ist der Link zum Streaming.

Copyright des Beitragsbildes: Video Still, DT Berlin

THEATER: Sivan Ben Yishai – Like Lovers Do

Vorgestern, Samstag, 09. Oktober 2021, war Premiere an den Münchner Kammerspielen. LIKE LOVERS DO ist ein Text von Sivan Ben Yishai, der 1978 in Tel Aviv geborenen Autorin und Regisseurin, die seit einigen Jahren (2012) in Berlin lebt. Sie schreibt meist rohe, brutale Texte – scheint mir (so gut kenne ich sie nicht) – über die Rollenzuschreibungen von Mann und Frau vor allem, über das Sexuelle.

Die Inszenierung hier an den Münchner Kammerspielen war ein weiterer Versuch, einen ihrer Text auf die Bühne zu bringen. Nicht leicht, da bei diesen Texten im Grunde in keinster Weise erkennbar ist, dass man sie als Theaterstück bringen kann. Es ist ein Text, kein Theaterstück. Texte von Sivan Ben Yishai sind aber schon oft auf die Bühne gekommen. Mehrfach in Berlin (Deutsches Theater Berlin, Maxim Gorki Theater), auch in Bochum, Lübeck, Mühlhem, Stuttgart, auch schon in München an den Kammerspielen (HIER ein Video dazu, „Liebe, eine argumentative Übung“).

„Like Lovers Do“ ist wieder ein schlichtweg extremer, ein roher und immer wieder geballt brutaler und gnadenloser Text, der für die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen offenbar durch eine bunte und fast albern futuristisch wirkende „Kinderatmosphäre“ auf der Bühne, dann teils durch die Aktionen der SchauspielerInnen und dann noch durch eine manchmal irgendwie auch fast etwas lächerlich wirkende Albernheit des Textes (trotz aller Brutalität) mit Leichtigkeit aufgefangen werden soll. Siehe das Beitragsbild oben. Anders wird es auch kaum gehen, der Text ist zu heftig, pornographisch geradezu.

Der Zuschauerraum war übrigens auffallend – fast durchgängig – von jungen Zuschauern besetzt! Kennen Sie Sivan Ben Yishai? Interessiert Sie das Thema? Kommen sie wegen der jungen Regisseurin Pinar Karabulut? Oder kommen sie wegen der Kombination der beiden schon jeweils für sich gesehen recht extremen Personen: Der Autorin Sivan Ben Yishai und der Regisseurin Pinar Karabulut? Oder einfach wegen der Buntheit der Inszenierung?

Sivan Ben Yisha jedenfalls legt mit diesem Text nicht nur irgendwie „den Finger in die Wunde“, sondern zeigt in ihm ganz extrem und ganz direkt viele viele Dinge, die einfach Realität sind. Tief in uns allen sitzende Rollenzuschreibungen! Thematisiert wird alles extrem an sexuellem Missbrauch, Gewalt, Männerrollen, Frauenrollen, Vergewaltigungen, Porno, Morde … Brutalste Verhaltensweisen zwischen Mann und Frau, es geht aber auch um Wünsche, Erwartungen, das Verhalten der Frauen. Sie will in diesem „zerrissenen“ Text letztlich die Zeit zurückdrehen, Jahrhunderte zurück, es hätte doch alles anders werden können. Der Text rauscht natürlich leider ein wenig an einem vorbei, es ist alles sehr viel. Akustisch ist er leider auch nicht immer gut zu verstehen. Es ist auch schnell und viel. Schauspielerisch verschwinden die SchauspielerInnen fast hinter ihren futuristischen – oder: auch wieder etwas albernen – Aufmachungen.

Hier noch ein Foto:

Fazit: Es ist immer interessant, all diese Dinge mit anderen Augen zu sehen, man weitet ja seinen Blick. So extrem und so geballt wie in diesem Text, findet man eine subjektive Sichtweise aber fast selten. Man kann das Stück als Anlass nehmen, Texte von Sivan Ben Yishai zu lesen! Dann kann man sich noch länger mit ihren Texten auseinandersetzen!

Die Regisseurin Pinar Karabulut wird übrigens mit „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ schon Ende Oktober eine weitere Premiere An den Münchner Kammerspielen haben. HIER der Link zur Stückeseite von „Der Sprung vom Elfenbeinturm“.

HIER der Link zur Stückeseite von „Like Lovers Do“ mit weiterem Material und einer Einführung.

HIER der Link zur persönlichen Website von Sivan Ben Yisha.

Copyright der Beitragsbilder: Krafft Angerer

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THEATER: Paper Tiger – Heart Chamber Fragments

In der jetzt so genannten „Therese-Giehse-Halle“ der Münchner Kammerspiele, vormals Kammer 2, war gestern Premiere des Stückes „Heart Chamber Fragments“, ein Performanceabend der chinesischen Truppe Paper Tigers. Auch Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele wirken mit. Viel Tanz und Bewegung, basierend offenbar auf drei Texten: Jean-Luc Nancys Der Eindringling, Franz Kafkas Der Bau und Tao Yuanmings Der Pfirsichblütenquell

Wie diese drei Texte zusammenpassen, erschließt sich mir nicht ganz. Im ersten Text geht es um eine Herztransplantation, im zweiten und dritten Text geht es irgendwie eher um das Unbewusste, Träumerische. Dass es darum geht und wie diese drei Texte zusammenpassen sollen, entnehme ich vor allem dem Programmheft. Der Performance selbst kann ich es selten entnehmen.

Der Vorteil der Performance: Teilweise schöne Bilder durch den Tanz, die Bewegungen, und die Gesamtdarstellung. Manchmal wenigstens. Der Nachteil meines Erachtens: Emotionen spielen keine Rolle, alles wird ganz nüchtern, extrem nüchtern, dargestellt. Nur ein- oder zweimal blitzen – extrem allerdings – Emotionen auf. Einmal weint einer der Beteiligten heftig und einmal wütet ein anderer Beteiligter heftig. Dies sind dann meines Erachtens auch sofort ergreifende Szenen, die der Performance gut taten! Mehr davon hätte auch gut getan. So bleibt es aber insgesamt eine schwer verständliche Tanzperformance.

Zwei Dinge waren für mich noch auffallend: warum werden die gesprochenen Texte oder auch andere Texte an der Rückwand in Chinesisch wiedergegeben? Und: Man hat zu viel an Choreografie gespürt, finde ich. Jede Bewegung war irgendwie exakt geplant.

Ein Wort noch zur „Therese-Giehse-Halle“: Nichts gegen Therese Giehse, aber die Spielhalle der Kammerspiele gleich nach ihrem Namen zu benennen, halte ich für etwas verwegen. Was ist denn, wenn der oder die Nachfolger*In der jetzigen Intendantin Barbara Mundel die Halle wieder anders nennen möchte! Ist das dann ein Akt gegen Therese Giehse?

HIER der Link zur Stückeseite. Heute Abend und am kommenden Dienstagabend ist es wieder zu sehen.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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Sonstiges

SONSTIGES: Christo und Jeanne-Claude

Eine Empfehlung: Auf ARTE findet sich in der Mediathek bis zum 31.12.2021 eine sehenswerte Dokumentation über Christo und Jeanne-Claude. Anlass der Dokumentation ist natürlich, dass in den gerade vergangenen Tagen in Paris der Arc de Triomphe verhüllt war. Posthum, Jeanne-Claude starb am 18. November 2009, Christo zehn Jahre später, am 31. Mai 2020. Christo hatte die Vorarbeiten zur Verhüllung des Arc de Triomphe noch weitestgehend selber abgeschlossen.

Die jetzt erfolgte Umsetzung dieser Verhüllungsidee betreute dann sein Neffe, der jahrelang mit ihm zusammen gearbeitet hatte.

++++++ THEATERFREUNDE: WEIL ES SO VIEL IST IN DEN LETZTEN TAGEN: MEINE BERICHTE ÜBER DIE LETZTEN THEATERBESUCHE NICHT ÜBERGEHEN! HIER UND HIER. ++++++

Das obige Beitragsbild und die Bilder unten stellte mir mein eigener Neffe zur Verfügung, der nach Paris gefahren war, um diese Verhüllung zu sehen.

Man denkt sich vielleicht oft: „Naja, Christo und Jeanne-Claude, die hatten eben einen Spleen, der sie berühmt gemacht hat. Christo verhüllte einfach weltweit immer irgendwelche Dinge. Im Grunde ein Egozentriker, es ging ihnen doch nur um Design und das gutes Aussehen der Projekte!“ So oder so ähnlich äußerten sich ja auch in der Dokumentation einige Amerikaner auf und nach einer Versammlung, die über ein Projekt von Christo und Jeanne-Claude entscheiden sollten.

Nein, so ist es nicht! Schauen Sie sich den Film an! Ich versuche einmal eine andere Deutung. Die Dokumentation auf ARTE verschaffte mir jedenfalls folgende Gedanken:

Es ging Christo und Jeanne-Claude – bewusst oder unbewusst – um wahre Kunst! Christo – sieht man zu Beginn der Dokumentation – war ein absolut begnadeter Maler oder Zeichner. Seine Eltern hatten das wohl sehr früh erkannt und ihren Sohn ab dem sechsten Lebensjahr intensiv unterstützt. Er hätte sein Leben lang malen können wie ein Rembrandt!

Dennoch begann Christo – sieht man auch in der Dokumentation – schon in jungen Studentenjahren in Paris damit, Verhüllungen vorzunehmen. Er verhüllte eine kleine Statue. Er verhüllte eine nackte Frau. Wickelte beide mit einer dünnen, durchsichtigen Plastikfolie ein. Warum machte er das?

Was ist Kunst? Ist eine „Statue“ nicht schon Kunst? Ist das „Reichstagsgebäude“ nicht Kunst? Ist der „Arc de Triomphe“ nicht Kunst? Hat Christo die Kunst geschändet? Man könnte es so sehen, er hat ja schließlich immer „schöne Gestaltungen“ verhüllt, damit zeitweise zerstört. Schöne Gestaltungen, die unseren Alltag begleiten. Aber genau das wollte Christo nicht: Mit seiner Kunst nur „den Alltag begleiten“!

Das ist mein Hauptgedanke: Kunst ist etwas anderes. Kunst ist nicht „schöne Gestaltung“. Das ist nicht Kunst. Jedenfalls nicht allein das ist Kunst. Christo hatte recht, diese Dinge zu verhüllen! Zugespitzt: Kunst ist erst etwas, was uns aus unserer Welt der Realitäten herausführt in eine Welt, die es nicht gibt. Dann ist es Kunst. Und genau diese Kunst braucht der Mensch! Eine „Statue“ führt uns aber nicht aus unserer Welt heraus. Eine Statue verherrlicht bestenfalls die Realität. Sie selber bleibt Realität. Oder das Reichstagsgebäude, oder der Arc de Triomphe. Realitäten.

Der Mensch und seine Realität sind aber doch so fürchterlich beschränkt. Der Mensch braucht Kunst, um diese plumpe Realität verlassen zu können. Und genau das hat Christo mit seinen Verhüllungen, denke ich mir, getan. Altruistisch für die BeteachterInnen. Er hat „angebliche Kunst“ verhüllt und damit gezeigt, dass diese sehr reellen Gegenstände eben allein längst nicht Kunst sind, nur wegen ihrer Schönheit, dass sie nicht Kunst sein dürfen. Gerade die Verhüllung solcher Gegenstände ist dagegen Kunst. Das ist es! Gerade die Verhüllung versetzt den Betrachter kurzzeitig in den Zustand, sich zu fragen: „Was ist das denn?“ „Wo ist die Realität?“.

Hinzu kommt, dass Betrachter und Betrachterinnen sich nicht nur diese Frage stellen, sondern sich in diesen kurzen Momenten auch besonders fühlen, ein ganz besonderes Erlebnis erleben, beglückt werden: Sie erleben kurz etwas, was eigentlich nicht real ist. Sie fühlen sich vielleicht „ausgehebelt“, irgendwie anders.

Und genau dann handelt es sich um Kunst. Der Betrachter/die Betrachterin kommt geradezu in den Genuss, aus der Realität „herausgeholt“ zu werden. Für einen Moment. Ein Riesenprivileg. Weil er/sie das, was er/sie sieht, nicht versteht.

Das Besondere an den Verhüllungen von Christo und Jeanne-Claude war dann aber noch etwas: Sie nahmen die Verhüllungen so vor, dass diese wiederum selbst hochästhetisch waren, also doch wieder irgendwie mit reellen Kriterien gegriffen werden konnten! Der Mensch schlägt sich also mit den eigenen Waffen! Er kann sich auch nur so schlagen! Genial! Dass Christo und Jeanne-Claude das erkannt haben! Ist jedenfalls meine Überlegung!

Im Laufe der Zeit ging Christo dann noch weiter. Er verhüllte nicht nur die Realität, die sich als „angebliche Kunst“ verkauft, er gestaltete Räume in einer völlig absurden Art und Weise. Er hing einen riesigen Vorhang zwischen zwei Berge. Er stellte hunderte von Schirmen in Japan und in Amerika in die Landschaft. Er wollte einen Fluss in Amerika mit einer Plane überdecken. Er baute die berüchtigten „Gates“ auf den Wegen durch den Central Park, er baute in Norditalien einen Weg über einen See etc. Alles immer nur für wenige Wochen. In der Dokumentation auf ARTE sieht man einen wunderbaren Querschnitt über seine Projekte!

Und immer musste sich der Betrachter/die Betrachterin auch hier bewusst oder unbewusst fragen: „Was soll das denn?“ Und immer stand der Betrachter/die Betrachterin auch hier vor etwas eigentlich nicht Realem. Sein Privileg. Wann kann man etwa schon über das Wasser gehen? Und genau diese Erlebnisse waren es, die den Betrachter/die Betrachterin bereicherten! Durch deren Absurdität, durch diese absurde Entfernung der Realität und dann aber doch wieder durch deren immense ästhetische Schönheit, erlebten die Betrachter/die Betrachterinnen Kunst, erlebten eine Erweiterung der Realität. Jeanne-Claude erklärte genau diese Momente übrigens wunderbar auf der oben erwähnten Versammlung in Amerika, in der einmal über ein weiteres Projekt diskutiert wurde.

Also: Christo und Jeanne-Claude führten uns doch zur Kunst! Zur höchsten Form der Kunst, könnte man sagen. Und die beiden waren unglaublich einzigartig auf der Welt! Sie werden es wohl auch bleiben, ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein anderer Mensch künftig jemals „Verhüllungen“ vornimmt.

Mit diesen Gedanken hat mich jedenfalls die oben angepriesene Dokumentation auf ARTE bereichert.

Gut, wenn Rembrandt einen Obstteller gemalt hat, war und ist das natürlich auch Kunst. Dennoch! Christo hat uns mit seiner Kunst die Gelegenheit gegeben, mit verwirrten (oder beglückten?) Gefühlen endlich kurz einmal von der stumpfen und beschränkten Realität Abschied zu nehmen. Wenn man es „live“ erlebt hat. Ein großes Verdienst.

HIER der Link zur Dokumentation.

Copyright der Bilder: Frederik Ehlers

THEATER: Gabriele Tergit – Effingers

Ich hatte es im letzten Blogbeitrag schon erwähnt: In den Münchner Kammerspielen habe ich nun das Stück „Effingers“ gesehen. Ein Familientableau aus der Zeit 1883-1942. Ich hatte es schon im letzten Blogbeitrag erwähnt, weil ich kurz danach am Münchner Residenztheater ebenfalls ein Stück gesehen hatte, das ein großes Tableau beteiligter Personen bietet. Allerdings aus modernen Zeiten, „Unsere Zeit“ von Simon Stone. Beide Inszenierungen sind große Ensemblearbeiten.

„Effingers“ basiert auf einem Recht monströsen Buch der jüdischen Schriftstellerin Gabriele Tergit, die in der Zeit von 1894-1982 lebte. Die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen war die „Welturaufführung“ dieses Stückes. Regie hatte Jan Bosse. Die nächsten Aufführungen von „Effingers“ sind am 1., 16. und 17. November.

Drei Generationen:

  • der Bankier Emmanuel Oppner, der die Geschäfte der Geschwister Effinger finanzieren wird, und seine Frau Selma Oppner
  • deren vier Kinder Theodor, Sofie, Klara und Annette
  • dann Karl und Paul Effinger, die zunächst eine Schraubenfabrik gründen und später in die Automobilbranche eintauchen. Sie sind etwa im Alter der Kinder des Bankiers Oppner – also mittlere Generation – und heiraten dessen Töchter Klara und Annette
  • deren Kinder wiederum, die dritte Generation, darunter etwa Lotte (Tochter von Paul Effinger und Klara Oppner) und Marianne (Tochter von Karl Effinger und Anette Oppner)

Es sind weitere Personen im Familientableau. Hier findet man den kompletten Stammbaum des gesamten Tableaus, hilfreich für den Besuch der Inszenierung:

Im Programmheft werden diejenigen Elemente genannt, die das Leben dieser drei Generationen deutlich bestimmten: „Industrialisierung, Jahrhundertwende, der 1. Weltkrieg, die beginnende Frauenbewegung, eine Pandemie, Inflation, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Faschismus.“ Vor diesem Hintergrund wird die Familiengeschichte der Effingers aufgeblättert. Große Umbrüche.

Die Bühne ist weitgehend leer, im hinteren Teil steht eine große Plexiglaswand, auf die manchmal Fotos einzelner Personen der drei Generationen projiziert werden. Auch kleine Videos werden dort gezeigt, der obige Stammbaum wird zum Teil mit Kreide drauf geschrieben, Jahreszahlen werden drauf geschrieben. Die Familienmitglieder stellen sich immer wieder zu Gruppenfotos zusammen. All das – zusätzlich zur immer zeitgemäßen Kostümierung der Personen – gibt Orientierung. Ansonsten stehen links und rechts auf der Bühne viele Stühle, oft sitzen die Schauspieler auf diesen schmucklosen Stühlen.

Es ist ein Abend, der nicht zur Fantasie angeregt, es ist eine dokumentarische Schilderung der drei Generationen. Schade, ich bevorzuge Theaterabende, die meine Fantasie anregen. Ich vermute, dass etwas mehr an „freiem Griff“ in die Familienentwicklungen möglich gewesen wäre. Mehr Wagnis, die Charaktere zu zeigen. Weder das Thema, noch die Art der Inszenierung, auch nicht das Bühnenbild, wecken aber Fantasie. All die Elemente, die die damalige Zeit prägten, sind ja hinlänglich bekannt. Der Familienroman von Gabriele Tergit mag beeindruckend sein, es bleibt aber auf der Bühne leider eine rein dokumentarische, nüchterne Arbeit. Sie bietet kaum Gelegenheit für die Schauspieler, sich vielseitig zu zeigen. Gut, man hat die Gelegenheit, viele neue Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele kennen zu lernen. Allzu viele Gelegenheiten dazu gab es ja in den letzten Jahren nicht.

Edmund Telgenkämper stach für mich heraus. Er hatte meines Erachtens sehr große Bühnenpräsenz. Dazu das Beitragsbild oben.

Fazit: Wer rein historisch an dieser Zeitspanne der riesigen gesellschaftlichen Umbrüche vor den beiden Weltkriegen interessiert ist, nicht etwa irgendwelche Bezüge zum Leben in unserer Zeit erwartet, hat hier Gelegenheit, eine entsprechende Familiengeschichte zu sehen.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

THEATER: Simon Stone – Unsere Zeit

Es war ein intensives Theaterwochenende: (JETZT WEITERLESEN!) Am Samstag fast vier Stunden „Effingers“ in den Münchner Kammerspielen und am Sonntag fast sechs Stunden „Unsere Zeit“ im Münchner Residenztheater. Gemeinsamkeiten? Zunächst einmal: Zwei bekannte Regisseure – Jan Bosse (Münchner Kammerspiele) und Simon Stone (Münchner Residenztheater).

Weiter: Beide Stücke sind eine Art „Gesellschaftstableau“, jeweils für eine völlig eigene Zeitspanne und mit völlig unterschiedlichen Herangehensweisen. Weiter: Beide Theater zeigen endlich wieder einmal einen recht großen Teil ihrer Ensembles: Insgesamt 28 Schauspieler und Schauspielerinnen!

Vollkommen unterschiedlich dagegen waren beide Inszenierungen ansonsten, sehr interessant! Zu einem ersten Vergleich vorab: (In diesem Artikel gehe ich ansonsten auf „Unsere Zeit“ vom Münchner Residenztheater näher ein).

Effingers“: Das Stück in den Münchner Kammerspielen schildert die Zeit in Deutschland zwischen 1883 und 1914 – vor dem ersten Weltkrieg. Basierend auf dem sehr umfangreichen Familienroman „Effingers“ von Gabriele Tergit (1894-1982). Das Buch ist eher dokumentarisch – ein historisches Familientableau, drei Generationen. Fazit: Die Inszenierung war mir dadurch zu dokumentarisch und historisch.

Unsere Zeit“: Das Stück am Münchner Residenztheater schildert dagegen (in seiner Art) die heutige Zeit in Deutschland zwischen 2015 und 2021. Nicht basierend auf einem Roman, sondern auf einer Entwicklung von Simon Stone, der mit dieser Inszenierung Menschen an einer Tankstelle zeigt, die er mit dem Gesamtwerk von Ödon von Horvath, mit Textstellen und Gedanken daraus verbindet. Mein Fazit hier: Schauspielerisch durch die Bank wirklich großartig und insgesamt packend!

Weiteres zu „Unsere Zeit“: (Die nächsten Termine sind übrigens schon heute und in den nächsten Tagen!) Die Inszenierung ist eingeteilt in drei Teile. Im dritten Teil, der nicht mehr stringent an ein bestimmtes Jahr oder an bestimmte Jahre der gezeigten Zeitspanne gebunden ist, löst sich alles auf! Eine Tankstelle, wohl in einem kleinen bayerischen Ort, vielleicht an der Autobahn. Dort treffen sich immer wieder Menschen, die sich gegenseitig zum Teil kennen oder sogar verwandt miteinander sind. Wie schon bei Ödon von Horvath: Jeder Mensch hat seine Probleme, seine Vergangenheit, seine Wünsche, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen. Aus teilweise ganz normalen Gesprächen dieser Menschen kann man diese Elemente heraushören. Bestimmte Dinge entwickeln sich auch, aber man weiß längst nicht alles.

Ich erinnere mich übrigens an den für mich besten Film, den ich jemals im Fernsehen gesehen habe: Eine zum Teil preisgekrönte Verfilmung von Ödon von Horvath’s „Kasimir und Karoline“. HIER ein Trailer dazu!

Und ich erinnere mich daran, dass mein Vater einen guten Freund hatte, Traugott Kirschke, der nach jahrelangen Recherchen ein Buch über den damals etwas vergessenen Ödon von Horvath geschrieben hatte. Ich glaube mich zu erinnern, dass für Traugott Krischke dieses Buch viele viele Jahre lang das große Hauptthema war! Ödon von Horvath starb ja schon im Alter von 38 Jahren in Paris durch einen im Sturm herabgefallenen Ast.

Zurück zu „Unserer Zeit“: In den ersten beiden Teilen der Inszenierung – in den ersten etwa vier Stunden – kommt man Stück für Stück den verschiedenen Personen des Stückes näher. Meist durch einfache schnelle Begegnungen des Alltags. Wie im richtigen Leben: Man ahnt nur, dass jeder seine Geschichte hat, seine Motive, seine Wünsche, seine Ängste, seinen Charakter. Jeder spricht ja im Grunde nur Fetzen von all dem, was er meint. Stück für Stück öffnen sich aber so durch kurze Äußerungen, durch schnelle Unterhaltungen (auch einmal durch etwas längere Unterhaltungen) Türspalte zu diesen Personen. Erstaunlicherweise werden einem die Menschen genau dadurch etwas „verständlicher“. Simon Stone greift – wie schon Ödon von Horvath es gerne tat – das allgemeine Leben auf, hier das Leben an einer Tankstelle, und trifft damit auf Menschen und ihre Charaktere! So leben wir. Wir können ja gar nicht anders leben. Kurze Begegnungen. Und doch entwickeln sich wichtige Dinge. Es wird ja auch nicht nur banales Zeug geredet. Jeder äußert irgendwie immer wieder verschiedene wichtige Dinge. Gesellschaftlich oder persönlich.

Andererseits: Es sind insgesamt sehr viele Unterhaltungen zwischen all den Personen. Natürlich ist es daher nicht leicht, allen Details zu folgen. Man ist als Zuschauer allerdings manchmal sehr aufnahmefähig, fand ich, weil man genau diese Art von Unterhaltung kennt, gewohnt ist. Das Anreißen von Themen. Die Unterhaltungen treffen immer wieder Punkte, die persönlich oder gesellschaftlich in unserem modernen Leben einfach Thema sind. Flüchtlingskrise, Kapitalismus, MeToo, Corona, Soziales, München, vieles wird angesprochen. Als Zuschauer hat man es eine Zeit lang trotzdem irgendwie leicht, vielleicht haben wir uns alle durch Gewöhnung eine Technik angeeignet, derartigen Unterhaltungen gut folgen und sie interpretieren zu können.

Der dritte Teil der Inszenierung ist dann die eigentliche Offenlegung der aktuellen Situationen der Beteiligten, ihrer aktuellen „Prägungen“. Alle stecken irgendwie in Problemen, hatten teils fürchterliche Erlebnisse in ihrer Vergangenheit. Tragen jetzt die Erinnerungen daran mit herum. Meist handelt es sich um ihre „Prägung“ durch etwas aus ihrer Vergangenheit, manchmal auch um Prägung durch die gegenwärtige Situation oder durch Wünsche/Ängste etc. für die Zukunft. „Offenlegung“ der Art, wie man sie im Alltag nicht erfährt, auch in den ersten beiden Teilen der Inszenierung im Detail zum Großteil nicht erfahren hatte. Diese Prägungen und Gefühle werden im dritten Teil jeweils durch längere Monologe und Dialoge offengelegt. Es sind teilweise ergreifende Monologe und Dialoge. Etwa die Fluchtschilderungen von Hawal, dem in der Tankstelle arbeitenden Flüchtling. Seine Schuldgefühle. Auch andere Schilderungen! Ergreifend, weil man meinte, diesen Personen ansatzweise schon näher gekommen zu sein.

Verbunden wird diese Offenlegung zudem im dritten Teil noch mit einer Rückschau auf schreckliche Ereignisse an der Tankstelle. Eine wiederum sehr brutale „Lösung“, ein Amoklauf einer der Personen, die zuvor an der Tankstelle zu sehen waren. Das war an sich fast nicht nötig für diese Inszenierung, fand ich! Brutal und erschütternd, verstörend, weil es ein wenig zu sehr aus dem „Nichts“ kam. Im dritten Teil der Inszenierung kommen also geballt teils sehr schwere Schicksale der Beteiligten auf einen zu.

Jedenfalls ist es eine schauspielerisch von jeder Person wirklich hervorragende Inszenierung! Ähnlich hatten ja einige der Schauspieler und Schauspielerinnen schon in der letzten großartigen Inszenierung von Simon Stone, in „Drei Schwestern“, überzeugt. Auch dort wählte Simon Stone ja den Ansatz: Alltagsgespräche, Alltagssituationen! Aber auch inhaltlich gefiel mir die Inszenierung „Unsere Zeit“.

Fazit: „Alltag“ (die ersten zwei Teile der Inszenierung „Unsere Zeit“) bietet uns leider kaum die Möglichkeit, Schicksale und Sehnsüchte etc. der Person, auf die wir so treffen, wirklich genau zu erkennen. Wann „kennt“ man schon eine Person, mit der man kommuniziert?

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

LITERATUR: Juli Zeh – Über Menschen

Nicht zum ersten Mal habe ich ein Buch von Juli Zeh gelesen. Dieses Mal hat es mich nicht voll begeistert. Das mag anderen anders gehen, daher schreibe ich hier natürlich darüber. Das Thema trifft ja den Zeitgeist, die „Stadtflucht“. Das Buch hat im Kern wahrscheinlich einige autobiografische Elemente. Wie im Buch, so auch im Juli Zehs Leben: Eine Person – Dora – verlässt die Großstadt und zieht aufs Land in den in Brandenburg gelegenen, verlassen und vergessenen Ort „Bracken“ – einen „Wohnplatz“ der Gemeinde „Gleiwitz“.

Juli Zeh lebt seit Jahren in Barnewitz, einem Dorf im Havelland in Brandenburg, zuvor hatte sie über viele Jahre in Leipzig gelebt. 

Etwas ganz Persönliches dazu von mir:

Der Ort -> Barnewitz ist wahrlich nicht weit entfernt von -> Rhinow, dem Ort, in dem meine Familie mütterlicherseits in frühen Jahren ein schönes Häuschen hatte. Ich hatte es nach der Wende noch besucht. Rhinow wiederum liegt neben den -> „Rhinower Bergen“, auf denen wiederum der Flugpionier -> Otto Lilienthal damals, Ende des 19. Jahrhundert, täglich seine Flugübungen machte. Otto Lilienthal stürzte dort am 9. August 1896 ab – bei -> Stölln nahe Rhinow (in der Nähe von Barnewitz also, neben Berlin) – und starb dann auf dem Weg nach -> Berlin bzw. in Berlin. Mein Urgroßvater erlebte diesen Absturz ganz persönlich! Und er war es, der nach dem Absturz als Arzt Otto Lilienthal auf dem Weg nach Berlin begleitete. Ja, mein Urgroßvater!

Zurück zum Roman:

Juli Zeh mag diesen Roman recht schnell geschrieben haben. Er enthält meines Erachtens daher auch rein stilistisch gesehen nicht irgendeine Besonderheit, er schildert inhaltlich einfach den Ablauf gewisser Dinge. Dinge des modernen Lebens in unseren Sphären. Alles, was geschieht, entspricht dabei leider immer wieder irgendwie einem „Klischee“, das wäre mein größter Kritikpunkt. Dem Klischee über Stadtflucht. Dem Klischee über einen vergessenen Ort, der an nichts angebunden ist. Dem Klischee über die Menschen, die dort leben. Dem Klischee über die Menschen, die in Großstädten leben. Dem Klischee, wie man in welcher Situation denken oder handeln wird. Und so weiter. Immer wieder Klischees, Klischees. Ich fühlte mich leider beim Lesen dieses Buches durchgängig so, als würde ich etwas lesen, was nach allgemeiner Einschätzung „nicht anders sein kann“. Viel von diesen Klischees trifft ja zu!

Ich selber mag es aber, wenn ich etwas lese, im Grunde lieber etwas „abseitig“, nicht so erwartbar, so herkömmlich. Andererseits mag ich es, wenn ganz einfache Dinge des Lebens beschrieben werden. Aber dabei freue ich mich immer nur, wenn – allein etwa durch den Schreibstil – etwas Besonderes daraus herausgeholt wird. Dann bereichert mich das Buch.

Ja, es mag so sein, dass einfach alles so ist, wie Juli Zeh es beschreibt. Der Roman ist insoweit die gute und sicherlich weitgehend treffende Schilderung einer gesellschaftlichen Situation. Auf dem Buchdeckel heißt es dementsprechend (Zitat Denis Scheck, SWR Fernsehen): „Ein Buch, das einem die Augen öffnet für unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit.“ So kann man es auch formulieren. Es wird so sein. Und wenn man lesen möchte, wie es ist, aus dem wilden Berlin in einen vergessenen Ort zu ziehen: Hier hat man ein gutes Lesewerk.


Juli Zeh beschreibt dabei alles wieder sehr gut, keine Frage! Man liest es flüssig und schnell, die Geschichte entwickelt einen Zug. Man hat alles gut vor Augen! „Dora“, die Hauptperson des Romans, neuerdings getrennt von ihrem in Berlin/Kreuzberg lebenden Lebenspartner (oder Ehemann) „Robert“, kommt im Laufe des Romans tatsächlich einzelnen zunächst eigenartig wirkenden Menschen, die auf dem Land um sie herum leben, näher. Aber auch etwa Robert: Man liest etwas, was man kennt. Robert ist zunächst immer mehr „ökologisch unterwegs“, fast besessen von jedem Detail, von seiner ökologischen Überzeugung. Dann kam Corona hinzu, auch das wird zu seiner Berufung! Und alle anderen, die nicht seiner Überzeugung sind, sind insoweit Trottel, sollten lieber seinen Vorgaben folgen. Das hält Dora dann nicht mehr aus. Man kennt es. Aber auch hier: Es wird geschildert, aber man erhält meines Erachtens dazu leider keine weiterführenden Gedanken.

Zum Ort Bracken: Das schwule Pärchen im Ort, der „Dorfnazi“ auf dem Nachbargrundstück – das bezeichenderweise durch eine Mauer von ihrem Grundstück getrennt ist, auch andere Bewohner lernt Dora kennen. Vieles verwundert, stört und irritiert sie, aber es entstehen Beziehungen, über ihre persönliche emotionale „Mauer“ hinweg gewissermaßen, die diesen Roman prägen. Insoweit hat dieser Roman übrigens Ähnlichkeiten zu ihrem vorherigen Roman „Unter Leuten“. Das ist jedenfalls der Weg dieses Romans: Man zieht in eine „fremde Welt“, an der einen zunächst vieles stört oder verwundert, und kommt dann doch zwangsläufig dieser Welt näher. Das ist auch der positive Aspekt dieses Romans. Hinter jedem Klischee steckt mehr und jede Welt ist berechtigt.

HIER ein Link zu einem Filmbeitrag der Sendung ASPEKTE über den Roman.

THEATER: DT – Bremsspuren

Im Stream des Monats des Deutschen Theater Berlin war gestern Abend „Bremsspuren“ von Nicola Bremer zu sehen. Der Stream wird am 19. November wiederholt. In der (bisherigen) Corona-Zeit waren vielfach Streamings zu sehen. Mal waren sie gelungen, mal weniger gelungen. Aus meiner Sicht waren sie meist dann gelungen, wenn man mehr Nähe zu den Schauspielern und Schauspielerinnen vermittelt bekam, als üblich. Dann, auch durch den irgendwie besonderen Einsatz der Kamera(s), waren die Streamings oftmals sehenswert und besonders! Nähe zum Schauspieler, das ist sicherlich ein Vorzug von „Bremsspuren“.

„Bremsspuren“ ist ein Stück, in dem allein der junge Schauspieler Niklas Wetzel zu erleben ist. Nur ganz selten – gegen Ende – hört man außerdem die Stimme von Julia Windischbauer. Mehr nicht. Man erlebt „nur“ Niklas Wetzel. Ich habe ihn schon das ein oder andere Mal erlebt, er hatte seine Schauspielausbildung an der Münchner Falkenbergschule – der Theaterschule der Münchner Kammerspiele – absolviert.

Thema: „Ein Mensch. Ein Raum. Ein Experiment. Einmal so langsam wie möglich durchs eigene Wohnzimmer gehen. Einmal bis zur gegenüberliegenden Wand.“ Das ist in etwa die Idee des Stückes, geschrieben von Nicola Bremer (ausdrücklich für das Streaming, glaube ich). Es geht im Grunde von dieser Idee her gesehen um die Entdeckung der Langsamkeit. Sten Nadolnys Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ fällt einem ein. „Daniel“ verlässt für ein Jahr das Leben, in dem von uns allen Zeit und Raum laufend vergewaltigt werden, wir Menschen missachten ja im Grunde laufend die wirklichen Dimensionen von Zeit und Raum. „Daniel“ zieht sich in sein Wohnzimmer zurück, er will Zeit und Raum wirklich kennen lernen. Ein leerer meist weißer Kubus auf der Bühne. Drei Wände, vorne offen.

Niklas Wetzel alias „Daniel“ spricht dabei in diesem Stück – ausschließlich wohl per Telefon, man sieht ja niemanden – mit der von ihm heiß begehrten Julia Windischbauer alias „Laura“. Es ist insoweit ein Monolog. Man hört keine Antworten, sondern nur Sprechpausen, in denen man sich die Antworten von Julia Windischbauer alias Laura vorstellen kann.

Daniel erzählt Laura von seinem Projekt, ein Jahr lang sein Zimmer zu durchqueren. Mehr macht er nicht. Sein Projekt, ein Experiment. Er nimmt Zeit und Raum ein Jahr lang wahr. Er erzählt „seiner“ Laura davon, spricht davon, dass er verschiedene Besuche bekam, dass er nicht einsam sei und und und.

Im Grunde aber spricht er mit Laura, da er ihr nahe kommen möchte, er liebt sie. Er ruft sie immer wieder an. So geht es meines Erachtens im Stück leider viel eher um die Beziehung zwischen Daniel und Laura, als um die einsame und so „langsame“ und „eingeschränkte“ Lebenssituation von Daniel. Es geht eigentlich wenig um das interessante „Projekt“ von Daniel: Seine Idee des Erlebens von Zeit und Raum. Diese Idee wird von Daniel immer wieder angesprochen, wird aber nicht vertieft. Dass es Daniel eher um Laura geht, zeigt meines Erachtens auch die Tatsache, dass Daniel nicht etwa ruhiger, „entschleunigter“ wird, sondern im Gegenteil aufgedreht, manchmal geradezu hektisch. Seine Empfindlichkeit ist immer getragen von den Veränderungen seines Verhältnisses zu Laura.

Die interessante Idee des Stückes bleibt somit meines Erachtens zu sehr in dem Versuch stecken, die Idee des „Projektes“ von Daniel wirklich zu vertiefen. Das Stück gleitet ab in die Darstellung der Beziehung zwischen Daniel und Laura. Vielleicht allerdings geht es darum: Die Beziehung von Daniel zu Laura scheitert vollständig, da Daniel durch sein Projekt der „Entdeckung der Langsamkeit“ überhaupt keine Nähe mehr ermöglicht. Er hat sich dem Leben entzogen, kann nur noch zuhören, was Laura vom Leben erzählt.

HIER der Link zur Website des Deutschen Theater Berlin und seinem Angebot Stream des Monats. Der Stream im kommenden Monat wird klasse! Filmisch sehr besonders! LEAR – ein Werk aus KÖNIG LEAR (Shakespeare) und DIE POLITIKER (W. Lotz).

Copyright des Beitragsbildes: Screenshot des Deutschen Theater Berlin

THEATER: Deutsches Theater Berlin – Stream des Monats

Eine Ankündigung: Das Deutsche Theater Berlin ist wieder regelmäßig digital zu erleben: Heute, Mittwoch, den 29. September startet deren neue monatliche Rubrik „STREAM DES MONATS“. Der Stream wird immer begleitet von einem Live-Nachgespräch mit den Künstler:innen.

Den Anfang der Reihe macht heute „BREMSSPUREN“ von Nicola Bremer in der Regie von Friederike Drews als Limited Edition digital (das Format, in dem die Regieassistent:innen des Theaters ihr Regiedebüt geben – normalerweise in der Box, in diesem Fall digital).

Zum heutigen Stream: Eine Bühne. Ein Schauspieler. Eine Kamera. Ein one-take. Kein Schnitt. Ein Mensch. Ein Raum. Ein Experiment. Wie gesagt: HEUTE, Mittwoch, 29. September, 20 Uhr mit anschließendem Nachgespräch und danach als Video on Demand noch 24 Stunden verfügbar.Tickets gibt es auf dringeblieben.de.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.

Copyright des Beitragsbildes: Deutsches Theater Berlin

LITERATUR: Teresa Präauer – Das Glück ist eine Bohne

Vor Jahren hatte ich den Roman „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer gelesen und im Blog hierüber geschrieben. HIER der damalige Beitrag. Diese verrückte, lustige und ironische Erzählung eines „Taugenichts“ war eine schöne Entdeckung! Deshalb habe ich mir nun ihr neues Buch „Das Glück ist eine Bohne“ besorgt und habe es gelesen. Ich habe aber selten von ein- und dem/derselben Schriftsteller/in so unterschiedliche Bücher gelesen. 



„Das Glück ist eine Bohne“ ist – im Gegensatz zur humorvollen Erzählung „Oh Schimmi“ – eine Sammlung vieler kleiner „Beobachtungen“. Es sind 82 kleine Texte von oft nur zwei Seiten, mal vier, mal fünf etc. Allein deshalb liest es sich natürlich leicht, man kann es immer wieder weglegen, ohne den Faden zu verlieren. Es gibt keinen roten Faden, der die einzelnen Texte zusammenhält. Doch, man könnte sagen: Teresa Präauer hat gestöbert und geschrieben. Sie hat in ihren Erinnerungen gestöbert und ebenso in YouTube, im Fernsehen, auf Netflix, im Internet, sie schafft dann aus irgendeiner Beobachtung heraus Verbindungen zu Musikstücken, erwähnt Künstler, erwähnt andere mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten … Das ist der rote Faden. HIER der Link zu einer Leseprobe, gelesen von Teresa Präauer.

Die Sprache der Texte ist leider längst nicht mehr so verrückt und humorvoll wie in der Erzählung „Oh Schimmi“. Teresa Präauer ist eben etwa fünf Jahre älter geworden, 42 Jahre alt ist sie heute. Man spürt es in ihren Beschreibungen, ihrer Sprache. Es mischen sich Sätze ein wie: „Die Angelegenheit ist, bei gleichzeitig repetitiv strukturierter Einfachheit des vorliegenden Textmaterials, komplex.“ (Seite 123). Puh, das ist nicht schön zu lesen. Ich habe selten das offenbar – zumindest im Schreibstil – recht schnell gegangene Älterwerden eines/r SchriftstellerIn so deutlich gemerkt! Das, was sie beschreibt, wirkt längst nicht mehr verrückt, leicht, abstrus und locker, auch nicht so lustig und ironisch wie die Erzählung „Oh Schimmi“. Schade! 

Es sind in „Das Glück ist eine Bohne“ auch nicht nur aktuelle „Beobachtungen“. Viele ihrer kurzen Texte knüpfen an – wie gesagt – sehr persönliche Erinnerungen an. Das macht es dem Leser nicht leicht. Teresa Präauer hat dann natürlich ihre Vergangenheit sehr genau vor Augen, aber nur in ihr schwingt die Erinnerung, im Leser nicht.

Fast unangenehm übertrieben ist leider, finde ich, die Erzählung mit dem Titel „Aufgewachsen in Bibliotheken“. Teresa Präauer schildert dort, wie sehr sie im Grunde – was Bücher angeht – prädestiniert sei. Vieles mag stimmen, aber muss man das so herausstellen? Sie sei nicht nur in einer Bibliothek gezeugt worden, ihr Vater sei dort nicht nur Archivar gewesen, ihre Mutter sei nicht nur literaturbegeistert und “Leseratte“ gewesen, Teresa Präauer sei nicht nur in der Bibliothek aufgewachsen, sie habe dann nicht nur auch, als sie größer geworden war, viel Zeit in der Bibliothek verbracht, nein, sie habe sogar lesen können bevor sie sprechen habe können! Und sie habe sogar, bevor sie lesen konnte, „einen guten Satzspiegel von einem weniger guten unterscheiden“ können. Ein Wunderkind!

Und in den vielen kurzen Texten ist es oftmals schwer, sich die Situation jeweils gut vorzustellen, die sie beschreibt. Neben zahlreichen Texten zu Erinnerungen aus ferneren Zeiten bringt sie anfangs etwa Texte zu ihrem einjährigen Aufenthalt in Amerika vor wenigen Jahren. Auch hier enthalten die Texte genaue Beschreibungen von irgendetwas, was sie erlebt hat, oder von irgendwem, den/die man selber ja nicht kennt, oftmals verbunden mit ihren Gedanken dazu. Man fragt sich leider manchmal: Was interessiert mich das? Oft verbindet sie ihre Beschreibungen kurz mit – manchmal recht komplizierten – allgemeineren Gedanken und Interpretation, die man im Grunde nur versteht, wenn man das, worüber sie schreibt, genau vor Augen hätte. Das fehlt leider oft.


Das Buch ist also kein leichter „Schmöker“, man kann sich aber durch viele meist kurze Gedanken, Erinnerungen und Fundstücke aus der medialen Welt treiben lassen, auch das mag gefallen.

MUSIK: Rolling Stones – Wild Horses


Charlie Watts ist vorgestern im Alter von 80 Jahren gestorben. Jeder weiß es mittlerweile. Wir haben uns doch im Grunde bisher gedacht: Die Rolling Stones sind irgendwie unsterblich. Es gab und gibt sie einfach immer, wie Ampeln an der Kreuzung oder die Glühbirne. Mein Leben etwa hatten sie bisher in voller Länge begleitet. Die Rolling Stones wurden 1963 gegründet, ich kam 1661 zur Welt. Jetzt hat es Charlie Watts „erwischt“. Der Schlagzeuger der Rolling Stones, eine Legende! Ab gestern gibt es die Rolling Stones nicht mehr, schreibt man zurecht! Charlie Watts starb – überraschend – in seinem Heimatort (und Geburtsort) London. Ein Anlass, einen schönen Song der Rolling Stones zu bringen! „Wild Horses“.

Man liest, dass die Rolling Stones wohl im September und Oktober Konzerte geben werden und man erwartet, dass es natürlich recht sentimentale Konzerte werden. Wir werden sehen und vielleicht hören.

Charlie Watts war im Grunde Zeit seines Lebens Mitglied der Rolling Stones, auch wenn er das anfangs nicht geplant hatte. Er sagte, er hätte gedacht, vielleicht zwei Jahre lang in der Band zu bleiben. Schon 1963, also kurz nach Gründung der Rolling Stones, wurde er Bandmitglied und blieb es bis zuletzt. Er galt als der Ruhepol, die Stillfigur, als das Rückgrat der Rolling Stones, hielt sich im Hintergrund, mochte eigentlich nie lange Reisen, war eine ruhige Person, spielte immer auf einem sehr einfachen Drum Set. Auf manchen Fotos der Rolling Stones könnte man meinen: Was macht der denn da auf dem Bild?

Der Song hier ist eine Studioaufnahme aus Tokio, von wann sie ist, weiß ich leider nicht. Die Bandmitglieder sehen nicht mehr blutjung aus, es wird vielleicht vor zehn, fünfzehn Jahren gewesen sein! Das Schöne an der Aufnahme ist, finde ich, dass man die einzelnen Bandmitglieder – Mick Jagger, Charlie Watts, Keith Richards und Ron Wood – in dieser sehr ruhigen Aufnahme abseits einer riesigen Showbühne einmal deutlich und ausführlich sieht.

Ich füge unten wieder eine zweite Version des Songs an: „Wild Horses“ von den Rolling Stones mit Florence and the Maschine, live. Eine schöne Version! Warum? Hier kommt die raue Stimme von Mick Jagger in einen völlig anderen Zusammenhang. Es hat kaum mehr mit Rock n‘ Roll zu tun, wenn Florence diesen Song mit ihrer glasklaren Stimme mitsingt. In meinen Augen treffen hier zwei völlig verschiedene Welten wunderbar aufeinander! Man meint fast, dass sich Mick Jagger am Anfang befremdet fühlt, als Florence auf ihn zugeht. Ganz verkrampft wirkt er. Dieses Befremdetsein löst sich im Laufe des Songs ein wenig, nach dem Song gibt Mick Jagger aber bezeichenderweise Florence wieder nur einen Handkuss! Nach dem Motto: Da kam jemand aus einer anderen Welt als meiner Rolling-Stones-Welt zu mir!