Ein aktuelles Format für Theaterfreunde beziehungsweise für „Filmemacher“. Es ist nicht Theater live, man agiert online. Man kann sich derzeit aus 23 verschiedenen Szenen ein eigenes Stück kreieren, sofern man die Reihenfolge der Szenen dann „Stück“ nennen will. Es basiert auf Simon Stone’s derzeitiger Inszenierung „Eine griechische Trilogie“ am Berliner Ensemble.
In Zusammenarbeit mit ZDFkultur wurde das Portal eingerichtet, es heißt dort „Tragödienmaschine“. Seit Dienstag, 21. Mai 2019, können sich die Nutzer unter zdfkultur.de aktiv in dem Webprojekt zu Simon Stones Inszenierung bewegen. Je nachdem, für welche der 23 Szenen, die als einzelne Videos verfügbar sind, sich der User entscheidet, wird der Fokus auf einen anderen Aspekt des Stücks gelegt. Es geht immer um das Thema Mann und Frau. Wie in den ausgewählten Tragödien.
Das Schöne ist, dass es auf der Theaterinszenierung basiert, nicht etwa „Filmsequenzen“ bringt. Ich habe es noch nicht angesehen, kann daher wenig dazu sagen.
Die SchauspielerInnen:
Inge gespielt von Constanze Becker
Thomas gespielt von Andreas Döhler
Erik gespielt von Aljoscha Stadelmann
Charlotte gespielt von Caroline Peters
Ulrike gespielt von Kathrin Wehlisch
Lina gespielt von Stefanie Reinsperger
Nathalie gespielt von Judith Engel
Jakob gespielt von Peter Luppa
Friedrich gespielt von Samuel Schneider
Michael gespielt von Tilo Nest
Kit gespielt von C. P. Zichner
HIER der link zur Mitmachversion TRAGÖDIENMASCHINE auf ZDFkultur.
HIER der link zur Seite der Inszenierung „EINE GRIECHISCHE TRILOGIE“ von Simon Stone auf der Website des Berliner Ensemble.
Beim ersten der hier besprochenen Stücke (vom „Stückemarkt“) ging es – utopisch, gelungen und teils poetisch – um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Estado Vegetal von Manuela Infante. H I E R zum Bericht im Blog.
Beim zweiten der besprochenen Stücke ging es – komplizierter, wie beim Psychologen – um den Menschen selbst. Gewissermaßen um das Innere des Menschen. Persona von Ingmar Bergmann. H I E R zum Bericht im Blog.
Beim dritten Stück, über das sich jetzt schreibe, geht es um die Menschen untereinander. Um Liebschaften, Sehnsüchte, Abneigungen, Wünsche, Täuschung etc. Gefühle immer um das Thema Liebe herum. Erniedrigte und Beleidigte von Fjodr M. Dostojewski.
Ich schreibe gerne über das Stück, da es am Staatsschauspiel Dresden noch zu sehen sein wird. Vielleicht geht jemand hin. Ich schreibe ungern über Dinge, die kein Mensch mehr ansehen kann.
Ein entscheidendes Element des Stückes erkennt man gar nicht. Die SchauspielerInnen improvisieren jeden Abend insoweit, als sie die Teile des Stückes jeweils spontan zusammensetzen, ordnen. Es ist keine fortlaufende Handlung, es gibt Rückblenden, es gibt Vorgezogenes. Um das zu erkennen, muss man allerdings den Roman gut kennen.
Eine andere Besonderheit erkennt man gut: Die SchauspielerInnen malen während des zweieinhalbstündigen Stückes im Hintergrund ein riesiges Gemälde. Schwarz und Weiß. Warum sie dies tun, blieb mir allerdings etwas verschlossen.
Man kann dem Stück ohnehin inhaltlich schwer folgen, wenn man den Roman nicht kennt. Worum es geht? A liebt B. B liebt aber C. Der Vater von C möchte aber, dass C die D heiratet. Sie, D, ist vermögend, er hat Schulden. Dann gibt es noch das Waisenkind E und ihren Großvater G. Verbindung: E’s Vater ist … der oben genannte Vater von C! A kennt E. Die Mutter von E ist gestorben. E wächst woanders auf. Und weitere Personen gibt es. Das muss man erst einmal verstehen.
Mir ist nicht ganz klar geworden, warum dieses Stück als eines der „bemerkenswerten“ des vergangenen Jahres zum Theatertreffen ausgewählt worden ist. Ohne Frage: Schauspielerische Höchstleistungen sind zu sehen. Das sieht man auch gut in der Aufnahme des Stückes, die auf 3sat noch zu sehen ist (siehe unten). Allein auch die körperlichen Anstrengungen in diesem langen Stück, in dem eigentlich alle ständig wie wild über die große weitgehend leere Bühne laufen. Es wird auch nur hektisch und laut kommuniziert.
Ohne Frage auch: Es ist eine Inszenierung, die – so wie sie gemacht ist – in jeder Hinsicht stimmig ist. Es gibt keine Brüche. Keine Schwächen, kein Auf und Ab. Alles passt zusammen. Das ist das Gefühl, mit dem ich den Abend verlassen konnte. Das Gesamtbild war ein in sich gelungenes Gesamtbild, inhaltlich war ich aber verwirrt.
Denn: Was ist an der Inszenierung so „bemerkenswert“?
Schauspielerisch war es von jedem/jeder überzeugend, aber nicht unbedingt, fand ich, bemerkenswert.
Nachteilig war, wie gesagt, dass man dem Inhalt kaum folgen konnte. Da wird man als Zuschauer schnell überfordert.
Allein die gute Idee der spontanen Anordnung der Teile des Stückes durch die SchauspielerInnen auf der Bühne als „bemerkenswert“ anzusehen, wird es nicht gewesen sein.
Das Malen eines großen Bildes im Hintergrund der weiten Bühne ist auch nicht ganz neu.
Die Gesamtherangehensweise an diesen Roman von Dostojewski mag es eher gewesen sein. Man muss den Roman ja inhaltlich irgendwie packen, wenn man ihn auf die Bühne bringen will. Das permanente wirre und hektische Durcheinander der verschiedenen Interessen der in verschiedenen Beziehungen zueinander stehenden Personen war die Herangehensweise. Sie war aber auch erschwerend. Man konnte kaum unterschiedliche Charaktere erkennen. Alle Personen waren im Grunde gleichartig dargestellt, hektisch, total aufgedreht, überdreht, verwirrend und verwirrt.
Es ist auch ein Stück, aus dem man – ich jedenfalls – nichts „mitnimmt“. Man hat eine Interpretation eines recht selten gelesenen Dostojewski-Romans auf der Bühne gesehen. Es ging um Liebschaften etc. in St. Petersburg um vielleicht 1850. Man identifiziert sich aber nicht – oder wohl kaum – mit einer der Personen. Gut: Man hat einen Eindruck vom Roman, das war’s.
Mein Eindruck war auch: die Inszenierung war wie eine der längst bekannten Inszenierungen von Frank Castorf – nur ohne das bei Castorf auf einer Drehbühne stehende alte Gebäude mit Neonschriftzug. Frank Castorf ohne Drehbühne. Das war die Machart. Einen Unterschied zu Frank Castorf gab es ansonsten vielleicht noch: Frank Castorf mischt gerne verschiedene Vorlagen miteinander und macht etwas sehr Eigenes daraus. Sebastian Hartmann dagegen, der Regisseur dieser Inszenierung, bleibt weitgehend bei Dostojewskis Roman „Erniedrigte und Beleidigte„. Das allein ist aber auch nicht so „bemerkenswert“.
Die Schauspielerinnen verhalten sich auch im Grunde alle so, wie sie es bei einer Castorfschen Aufführung machen würden. Auch das ist wahrlich nicht „bemerkenswert“.
Es mag einige interessante Äußerungen der Personen zum Leben und zu ihrer Lebenseinstellung – und zur Kunst – gegeben haben, diese Äußerungen gehen aber in der Hektik unter. Auch die Einschübe von Texten aus der „Hamburger Poetikvorlesung“ von Wolfram Lotz gingen für mich meist in der Hektik verloren. Sie wurden auch meist im Laufschritt und mit unglaublichem Sprechtempo vorgetragen.
Alles war inhaltlich und textlich eben eine Nummer zu viel. Wie sollte man das alles verarbeiten? Aber so sind die Zeiten heute wohl! Es muss immer viel geboten werden, es muss immer hektisch sein. Man muss beeindrucken! Man muss Aufmerksamkeit erzeugen, unabhängig davon, dass man sich im Grunde gar nicht mehr versteht! Diesen Nerv hat die Inszenierung getroffen, das schon. Aber ist das „bemerkenswert“. Vielleicht, es war eben so gesehen Fjodr M. Dostojewski nach heutiger Machart.
In diesem Zusammenhang fragte ich mich aber (wieder), ob die Jury des Berliner Theatertreffens nicht zu konservativ an die Dinge herangeht. War das wirklich einer der bemerkenswertesten Höhepunkte der deutschsprachigen Theaterszene des vergangenen Jahres? Vielleicht war die Jury ja froh, in dieser Inszenierung viele Dinge zu finden, die man bereits kennt! Stichwort Castorf. Alte Hüte neu aufgelegt.
Links:
HIER der Zugang zum kompletten Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ von Fjodr M. Dostojewski.
HIER der link zur Seite des Stückes auf der Website des Staatsschauspiels Dresden.
HIER der Link zur kompletten Inszenierung. Auch dieses Inszenierung kann derzeit noch komplett in der Mediathek von 3sat angesehen werden. 3sat bringt jedes Jahr drei „Starke Stücke“ vom Theatertreffen.
Und HIER ein Trailer des Staatsschauspiels Dresden zum Stück.
Ich lese heute, Donnerstag, 23. Mai 2019, etwas in der Süddeutschen Zeitung, was ich interessant finde und daher hier aktuell bringe: Wenige Tage vor der Europawahl! Geht wählen und stimmt für klare Linien! Nehmt euch die Zeit, schaut das Video (im folgenden Absatz) an, denkt darüber nach und klärt, welcher Partei ihr folgen möchtet!
Der erfolgreichste politische Kommentar dieser Woche ist laut der SZ nämlichein Youtube-Video (auf „YouTube-Video“ klicken und schon ist man drin). Bis heute – Stand: Samstag, 25. Mai 2019 – wurde es über 10 Millionen mal angeklickt! Es trägt den Titel „Die Zerstörung der CDU“. Der Youtuber, der sich Rezo nennt, rechnet darin mit der Regierungspolitik der vergangenen Jahre ab. Locker, unbedarft, wohl ganz gut vorbereitet, nicht unsympathisch, nicht aggressiv, nicht verletzend. Eigentlich geht es ohnehin nicht nur um die CDU, sondern um die Regierungen der letzten 20 Jahre. Er fragt, wie es eigentlich sein könne, dass Wissenschaftler weltweit geschlossen vor dem Klimawandel warnen und der Kohleausstieg trotzdem in die ferne Zukunft verschoben wurde. Warum es die Bundesregierung den USA erlaube, ihre womöglich völkerrechtswidrigen Drohnenangriffe auch von Deutschland aus zu koordinieren. Oder warum Deutschland im internationalen Vergleich so wenig für Bildung ausgibt.
Alle Behauptungen sind mit Quellen aus Medien und Wissenschaft belegt, fast 13Seiten umfasst die Literaturliste zu dem Video. Mehrere Hundert Stunden Recherche durch Rezo und seine Mitarbeiter sollen in das Video geflossen sein. Ich gehe mal davon aus, dass nicht alles zu 100 % stimmen wird. Es werden natürlich berichtigende Antworten kommen. Eine davon (Herr von Altenbockum von der FAZ) findet sich HIER. Er hat Gegenargumente. Allerdings scheint es bockig, gleich wieder alles – am besten unter dem Stichwort „Populismus“ – zurückzuweisen. Vieles an Rezos Darlegungen ist doch auf jeden Fall in der Grundtendenz völlig richtig.
Deutschland und Europa verzetteln sich doch in der Tat immer mehr. Warum werden nicht klare Entscheidungen getroffen? Es gab einmal kluge Männer, die alles etabliert haben, ohne sich zu verzetteln und ohne sich davor kaputt reden zu lassen. Das Grundgesetz ist sicherlich ein ganz ganz großes Werk, es war eine ganz ganz große Entscheidung in schwierigen Zeiten. Warum gibt es nicht auch heute wieder solche großen Entscheidungen? Muss alles ewig ausdiskutiert und kommentiert und zerredet werden? Wo sind die klaren Entscheidungen? Wozu haben wir gewählt? Die Zeiten heute sind mindestens so schwierig wie damals, zu Zeiten des Grundgesetzes 1949. Seht das Video.
Wir brauchen ihn, den großen Wurf, der die Dinge in einigen Bereichen einmal deutlich voranbringt. Vor allem in Umweltfragen. Wir brauchen keine Verzettelung. Wir brauchen keine Diskussion darüber, ob Schulen Strafen aussprechen sollen gegen Kinder und Eltern, weil diese für ihre Zukunft demonstrieren. Wir können auch nicht alles dem freien Lauf der Marktwirtschaft überlassen. Sie ist nicht entschieden genug. Für sie spielt natürlich immer der unternehmerische Gewinn die größte Rolle. Ist ja auch gut, es hängen die Arbeitsplätze davon ab. Die freie Marktwirtschaft ist entscheidend, aber: Wir brauchen politische Klarheit, politische Schritte.
Warum fährt Angela Merkel – ein krasser Vorschlag – nicht nach China und vereinbart einen revolutionären Umweltplan? In die USA bräuchte sie nicht zu fliegen. Sollte sie nicht viel mehr Überzeugungsarbeit leisten? Den Kleinkram ihren Ministern überlassen. Klar, zur Not geht’s auch ohne China, man muss ja auch erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren. Aber wirklich kehren! Den Dreck vor der eigenen Haustür nicht immer wieder neu verteilen! Nicht ständig sagen „Ich kehre ihn ja weg!“ und ihn dann doch liegen lassen. Wo sind die ganz großen Persönlichkeiten?
Den Dreck vor der Haustür wirklich wegkehren!! Wählen gehen!
Ich hatte bisher erst über EIN Stück des Theatertreffens 2019 geschrieben: Über „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. HIER mein Beitrag dazu, den ich mittlerweile ergänzt habe. Das Stück hat den Inszenierungsauftrag des Stückemarktes auf dem Theatertreffen 2019 gewonnen und wird im kommenden Jahr in Bochum von Simon Stone inszeniert werden.
Jetzt komme ich zu meiner zweiten Besprechung: „Persona“ von Ingmar Bergmann. Erst – bei „Estado Vegetal“ – ging es (sehr überzeugend) um den Menschen und die Natur, jetzt geht es (sehr diffizil) um den Menschen selbst. Ingmar Bergmann hatte das Stück im Krankenhaus geschrieben. Er hatte eine Lungenentzündung. 1965 wurde der Film „Persona“ gedreht, zum ersten Mal mit Liv Ullmann.
Die Theaterinszenierung der Regisseurin Anna Bergmann mit der deutschen Schauspielerin Corinna Harfouch und der Schwedin Karin Lithman ist eine Koproduktion des Stadttheaters Malmö und des Deutschen Theaters Berlin. HIER zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Deutschen Theaters.
Inhaltlich: Die Schauspielerin Elisabet Vogler hört in der letzten Vorstellung der „Elektra“ plötzlich auf zu reden. Sie bringt die Aufführung dann zwar zu Ende, redet danach aber nicht mehr. So liegt sie im Krankenhaus. Die Krankenschwester Alma pflegt sie dort. Schließlich zieht Alma auf ärztlichen Rat hin mit Elisabet Vogler ans Meer, um sie weiter zu pflegen. Es geht um das Verhältnis der beiden zueinander. Es geht aber auch um die Entwicklung beider Personen selbst (letztlich werden beide Personen jeweils Teile einer einzigen Person sein …).
Reden wird nur Alma. Das Verhältnis zwischen Alma und Elisabet hat viele Facetten. Sie sind natürlich nicht alle so zu verstehen, wie Ingmar Bergmann sie verstanden haben wird. Meine Eindrücke:
Die Schauspielerin Elisabeth Vogler will keine „Rollen“ mehr spielen. Allerdings geht es ihr nicht nur um die Beendigung ihrer Theaterrollen, sondern im Endeffekt will sie wohl keine „Rollen“ im Leben mehr spielen. Mir scheint, sie meint: Das „Rollenspiel“ im Leben sagt nichts darüber aus, wie man ist. Es verwirrt eher. Mit keiner Rolle und mit keiner Erklärung kann man sich selbst gerecht werden.
Die Pflegerin Alma dagegen hält es kaum aus, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet. „Sag doch bitte irgendetwas“ sagt sie. Das zeigt einen Konflikt, den vielleicht auch Ingmar Bergmann gesehen hat: Man muss sich verständigen. Wir brauchen es, gehört zu werden und reden zu können. Wir brauchen ein Gegenüber. Einerseits brauchen wir es. Andererseits schwingt immer mit, dass das Reden an sich nur an uns selbst vorbei führt. Wir brauchen das Gegenüber, aber wir halten uns dann ja immer in verfälschenden Rollen auf, die wir spielen. Kann man jemals jemanden erkennen? Kann man sich erkennen? Durch einen Wegfall der Rollen vielleicht. Vielleicht ist das der Zweck des Schweigens von Elisabet Vogler.
Spiegelung: Es geht in diesem Stück auf jeden Fall auch um Spiegelung. Schon das Bühnenbild: Eine dünne Wasserfläche auf dem Boden, im Hintergrund blickt man auf in Muschelform angeordnete krumme Spiegel. Alles spiegelt sich. Und beide – Schwester Alma und Elisabeth Vogler – werden sich im Verlaufe des Stückes im Aussehen immer ähnlicher. Elisabet Vogler schminkt sich und Alma anfangs auch identisch. Beide Schauspielerinnen tauschen übrigens auch ihre Rollen der Alma und der Elisabet je nach Schauspielort.
Schwester Alma kommt offenbar gerade dadurch, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet, endlich auf ihre eigene Persönlichkeit zurück. Durch das Wegfallen der „Rollen“ – die beide ja weiter spielen könnten – entsteht wohl für Schwester Alma der wahre Spiegel, also entsteht die Möglichkeit, sich selber zu erkennen. Schwester Alma erkennt endlich ihre Person. Sie erzählt von hochpersönlichen Erinnerungen – einer Abtreibung, einer sexuelle Szene am Strand. Dinge, die sie wohl wirklich bewegen. Wie beim Psychiater.
Es kommen bei Schwester Alma Zuneigung auf, Liebe, Ärger, Wut, Traurigkeit, Erinnerungen. Alles dadurch, dass die „Rollen“ weggefallen sind, die sonst so gespielt werden. Wie beim Psychiater.
Ich hatte erstaunlicherweise wenig Bezug zu den beiden Schauspielerinnen. Corinna Harfouch spielte meines Erachtens ihren Part teilweise etwas zu deutlich, etwas zu übertrieben. Und Karin Lithman etwas zu farblos manchmal. Aber sie muss sich ja auch sehr zurückhalten, spricht ja auch nicht.
Es geht auch um die Liebe des Kindes zur Mutter, fehlende „Mütterlichkeit“, wie Schwester Alma einmal feststellt. Die Angst der Mutter vor der Geburt des Kindes, erzählt sie, und die Tatsache, dass die Mutter das Kind dann eigentlich nicht will.
Am Ende zieht sich Elisabet Vogler zurück, sie setzt sich in die Zuschauerränge. Wie ein Psychiater.
Es ist eine nicht leicht zu verstehende Inszenierung, was allerdings am sicher sehr persönlichen Inhalt liegt, den Ingmar Bergmann geschaffen hat. Die Theaterinszenierung bringt fast identisch den Originaltext von Ingmar Bergmann. Auch der Film wird nicht einfach sein. Ich habe ihn nicht gesehen. Eine Sitzung beim Psychiater (oder Psychologen). Das Bühnenbild passt ideal dazu, aber so wirklich „bemerkenswert“ – das Kriterium des Theatertreffens – war es vielleicht nicht.
Das Stück ist derzeit noch – ACHTUNG! NICHT LANGE! – in voller Länge auf 3sat zu sehen. HIER der Link.
Es braucht Zeit. Das Theatertreffen 2019 ist zuende. Manches war hoch beeindruckend, anderes nicht. Entgegen meiner bisherigen Überlegungen brauche ich aber für all das, was ich gesehen habe, etwas mehr Zeit, um darüber schreiben zu können. So werde ich erst in den kommenden Tagen (oder Wochen) Stück für Stück schreiben. Es ist nötig, sich in der Ruhe NACH dem Sturm Gedanken zu den Dingen zu machen, merke ich.
Nochmals: Ich habe erfahren, dass die Abonnenten des Blogs per E-Mail immer nur die ERSTE Version des jeweiligen Beitrags erhalten, obwohl ich fast immer nachträglich (manchmal ganz kurz nach Veröffentlichung des Beitrags) noch Korrekturen und Ergänzungen am Beitrag vornehme und der Beitrag dann oft erst mit der ZWEITEN Version lesbar und auch interessanter wird. Ich füge etwa manchmal weitere interessante Links zu einem Beitrag ein.
DAHER: BEI ERHALT DER E-MAIL EINFACH KURZ AUF DIE ÜBERSCHRIFT DES BEITRAGS KLICKEN, DANN KOMMT MAN AUF DIE JEWEILS AKTUELLE FASSUNG DES BEITRAGS.ODER WWW.QOOZ.DE EINGEBEN!
….und ich fange mittendrin an. Beginne mit gestern, Donnerstag, 16. Mai 2019. Heute, Freitag, 17. Mai 2019, ist für mich Ruhetag. Gestern habe ich zwei Stücke aus der Reihe „Stückemarkt“ gesehen. Eines war „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. Der Stückemarktist ja eine „Nebenreihe“ zur berüchtigten 10er-Auswahl auf dem Berliner Theatertreffen.
Was der „Stückemarkt“ genau ist? Hier die Beschreibung des „Stückemarktes“ auf der Website der Berliner Festspiele:
Der Stückemarkt sucht nach neuen Formen der Autor*innenschaft und innovativen Theatersprachen. In einem international offenen Wettbewerb können sich Autor*innen und Theaterkollektive gleichermaßen mit Theatertexten und Theaterprojekten bewerben. Eine fünfköpfige Künstler*innenjury wählt aus den Einsendungen fünf Arbeiten aus. Im Rahmen des Theatertreffens werden die ausgewählten Arbeiten ihrer Form entsprechend präsentiert – als Gastspiele, Szenische Lesung, Performances, Site-specific-Formate
Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb wurde gestern im Rahmen des Stückemarktes der diesjährige Werkauftrag an Manuela Infante vergeben.
Ein Auszug aus der Laudatio von Vasco Boenisch, Chefdramaturg Schauspielhaus Bochum:
Manuela Infante erzählt [..] eine politisch relevante, philosophisch inspirierende und persönlich berührende Geschichte von Mensch und Natur; nein, präziser: vom Mensch als Teil der Natur. [..] Dabei ist es gerade beeindruckend, wie Manuela Infante aus einem Arbeitsprozess heraus, den man bei uns wohl als Stückentwicklung bezeichnen würde, ein Drama von so hoher literarischer Dichte erschaffen kann. [..] Manuela Infante ist [..] eine ungewöhnlich kreative, mutige und inspirierende [..].
Stimmt, es war ein bewegender, überzeugender, beeindruckender und poetischer Abend. Allerdings teils nicht leicht zu verstehen, philosophisch. Das Stück wird aber sehenswert sein. Das Stück ist radikal im Ansatz, eine Utopie! Die gestrige Präsentation war ja eher eine szenische Darbietung des Textes. Eine komplette Inszenierung wird anders aussehen. Es wird in der Spielzeit 2020/21 unter der Intendanz von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum gezeigt! Ich bin gespannt.
Es ging um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Anlass der Geschichte ist ein Motorradunfall. Ein junger Mann rast gegen einen Baum. Daraus spinnen sich Gedanken zu Mensch und Natur. Eine kleine philosophische Neuordnung des Denkens. Schön wäre es!
Etwa: Der Mensch bewegt sich, die Natur nicht. „Because you live within time, not against it!“ heißt es gegenüber einem Baum. Der Natur wird eine unglaubliche Würde beigemessen. Die Natur war zuerst da, und dann kam der Mensch und will seitdem alles ändern. Auch die Natur. Sie kommt in Töpfe. Oder wird verbrannt, zerstört. Aber die Natur war früher auf der Erde als der Mensch! Und sie würde sich die Erde schnell zurückholen, wenn der Mensch verschwände. Ein sicherlich sehr persönliches, sehr engagiertes, sehr utopisches Stück. Nach dem Motto: Erst die Natur, dann der Mensch!Erst die Natur, dann der Mensch! Der Mensch sah es aber schon immer anders herum. Viele gute Gedanken landen in diesem Stück. Davon müsste es mehr geben.
Infante lädt mit „Estado Vegetal“ dazu ein, die anthropozentrische Logik hinter uns zu lassen und uns auf eine Reise in die Pflanzenwelt zu begeben. Das Leben und den Wert der Natur erkennen, neu denken!
Sehr auffallend und überzeugend war bei allem übrigens die beeindruckende schauspielerische Leistung der einzigen Darbietenden, einer Spanierin, Marcela Salinas. Siehe das Video unten! Sie wechselte ständig die Rollen. Ein junges Mädchen, die Mutter des Opfers, eine alte Nachbarin, einen Verwaltungsbeamten, einen Feuerwehrmann und so fort. Und sie spielt jede Rolle überzeugend. Poetisch – auch musikalisch – wird es, wenn Salinas als Feuerwehrmann spricht, nachdem alles in einem tongewaltigen Rauschen abgebrannt ist.
Eines der wenigen „Stücke“, bei denen ich in diesem Jahr des Theatertreffens keine Zweifel hatte.
HIER kann man sich die ganze Performance ansehen. Ansehen!
So, das Theatertreffen. Ich werde losschreiben, wie eine Serie, ohne Ende, mehrere Folgen, Episoden. Man mag heutzutage ja Serien. Es wird immer weiter gehen. Also, so sieht es aus:
418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten wurden im vergangenen Jahr teils mehrfach von den Juroren besucht.
744 Voten gingen für die Auswahl des Theatertreffens ein.
39 Inszenierungen wurden daraus wiederum für die „10er-Auswahl“ vorgeschlagen.
Zehn Inszenierungen wurden daraus schließlich zur 10er-Auswahl ausgewählt.
Drei Inszenierungen davon hatte ich schon in München gesehen. „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping (Kammerspiele), „Oratorium“ (Produktion von SheShePop) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (Produktion von Thom Luz und Bernetta).
Eine weitere der ausgewählten Inszenierungen – „Das Internat“ von Ersan Montag – kann aus zeitlichen Gründen in Berlin nicht gezeigt werden. Es ließ sich in ganz Berlin keine freie Bühne für den mehrtägigen Auf- und Abbau finden.
Weiter: Bis jetzt habe ich hier in Berlin zwei weitere Inszenierungen gesehen: „Die Erniedrigten und Beleidigten“ (Staatsschauspiel Dresden) und „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“(Theater Basel).
Es folgen für mich noch zwei weitere Inszenierungen: „Persona“ (Deutsches Theater Berlin) und „Das große Heft“ (Staatsschauspiel Dresden).
Dann habe ich also „Unendlicher Spaß“ (Produktion von Torsten Lensing) und vor allem leider „Hotel Strindberg“ ( Burgtheater Wien) nicht gesehen. Nun gut, mal sehen.
Ein Zwischenruf zum Bisherigen, ein erster kurzer Rückblick:
Nach zwei der Inszenierungen frage ich mich ein wenig: Was will das Theatertreffen? Will es wirklich die 10 „bemerkenswerten“ Inszenierungen des jeweils vergangenen Jahres zeigen? Was ist „bemerkenswert“? „Bemerkenswert“ müsste doch, finde ich, etwas Auffallendes sein. Etwas Ungewohntes. Neuartiges. Nicht Herkömmliches. Da gibt es doch sicher viel.
Ich hatte Zweifel daran, ob wirklich schlicht „Bemerkenswertes“ gezeigt wird. Die bisher hier gesehenen beiden Inszenierungen „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“ haben mich enttäuscht. Sie steckten meines Erachtens zu sehr im Rahmen des „Herkömmlichen“, des Gewohnten. Recht gut, aber im Gewohnten. Was war da bemerkenswert? „Progressiv“ ist anders! Aber das Theatertreffen schreibt sich ja auch nicht auf die Fahne, speziell progressiv zu sein. Andererseits will es sicherlich nicht in Konservatismus abgleiten.
Ok, man kann andererseits auch zugeben: Es mischt sich, ein paar der gezeigten Inszenierungen (andere als „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“) sprengen zwar nicht völlig den Rahmen, sind aber jedenfalls einfach rundum gelungen: „Dionysos Stadt“ (die zehnstündige Reise durch die Antike) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (es geht um Nebel, und irgendwie um viel mehr) etwa. Beide Stücke sind sehenswert, beide sind irgendwie aus meiner Sicht bemerkenswert.
Theater sollte sich jedenfalls immer wieder entwickeln. Auch Spiegel der Gesellschaft kann es sein. „Oratorium“ von SheShePop, auch eines der ausgewählten Stücke, ist ein solches Spiegelbild: Politisch und gesellschaftskritisch.
Andere Inszenierungen werde ich noch, wie oben gesagt, sehen. Und etwas dazu schreiben. Und …
Der vorherige, natürlich wieder sehr lesenswerte Beitrag über das Buch „Vernon Subutex“ von Virginie Despentes ist noch ganz frisch. Hier aber schon das nächste. Habe ich ja angekündigt, dass ich momentan die Schlagzahl erhöhen muss/kann.
Ein Musikstück, das der ehemalige Inhaber eines Plattenladens Vernon Subutex in dem dreibändigen französischen Roman „Vernon Subutex“ auf einer Party auflegt. Fand ich ganz gut. Es ist das bekanntestes Stück von Jürgen Paape. Geht tatsächlich zurück auf ein Lied von Daliah Lavi! Aber es hat damit nicht mehr viel zu tun. Und: Jürgen Paape hatte in den Neunziger-Jahren auch einen Plattenladen, in Köln!
Ich mag auch das Video dazu. Da kommt noch ein völlig anderes Verhältnis des Menschen zum Flugzeug durch! Oder des Menschen zur Technik überhaupt! Auch die Flugzeuge, die gezeigt werden, richtig schön! Da sieht man, dass die ganze Modernisierung es nicht unbedingt schöner gemacht hat. Flugzeuge sind heute ja nicht unbedingt schön. Das ist ja auch bei den Autos so. Autos sind doch fast durchweg hässliche Kisten! Also Schönheit ist etwas anderes, finde ich! Übrigens sieht man in dem Video nur Männer! Mit Krawatte oder mit Hut.
Ich werde in nächster Zeit viele kleine Berichte schreiben, da ich derzeit das Berliner Theatertreffen mitverfolge. Ich werde schnell schreiben, ohne große Überarbeitung. Hier zunächst einmal ein Bericht über das Buch, das ich zuletzt noch gelesen hatte. Virginie Despentes – Vernon Subutex.
Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚 (8)
Also: Ich bin auf das Buch „Vernon Subutex“ gestoßen, da ich in den Kammerspielen vor kurzem das Stück „Das Leben des Vernon Subutex“, inszeniert von Stefan Pucher, gesehen hatte. Die Inszenierung hat mich nicht begeistert, war eher langweilig, halbherzig. Siehe meinen damaligen Beitrag – einfach im Suchfeld oben „Subutex“ eingeben. Das Buch ist völlig anders! Wobei: Es sind DREI Bände. Ich habe erst den ersten Band gelesen., werde mich aber auch an den nächsten Band machen. Zumal die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, so hört man, eher auf dem Inhalt des zweiten und dritten Bandes beruht.
Da ich einmal etwas Französisches lesen wollte – ich konnte früher einmal ganz gut französisch – habe ich mir die französische Originalfassung genommen. Daneben lag aber immer die deutsche Fassung. Es war nicht einfach, da es absolut in Umgangssprache geschrieben ist. Aber nicht verdrechselt im Stil, sondern einfach und klar und direkt und frech und vulgär.
Vernon Subutex hat mit seinem Plattenladen pleite gemacht. Kein Geld, keine Wohnung, er kommt bei Freunden unter, landet schließlich auf der Straße. Was man liest, sind seine zahlreichen Treffen mit Bekannten, bei denen er zunächst wohnt, bevor er auf der Straße landet und weitere Personen trifft. Er trifft viele Personen. Insoweit war sicher auch die Inszenierung an den Kammerspielen wahrlich als Ensemble-Arbeit geplant. 13 Mitglieder des Ensembles spielen mit.
Geschildert wird die absolut untere Schicht in Frankreich, Paris. Drogen, Sex, Musik, Obdachlose, Gewalt, Rechtsradikale, alles. Aber einfach lesenswert. Eine Milieustudie ohne jede Zurückhaltung. Virginie Despentes war früher Prostituierte, sie kennt sich aus. Und das Schöne dabei ist, dass immer wieder – auch zwischen den Zeilen – das heutige Leben in vielen Aspekten durchscheint. Mit ganz plötzlichen kleinen Aussagen zu reichen Menschen, zu Politikern, etc. Und allein durch die so direkte und völlig unverfälschte Art der Schilderung der Personen des Romans.
Wer Französisch kann: Lesenswert ist vor allem die französische Fassung. Die deutsche Fassung ist zwar eine fast wörtliche Übersetzung, aber erstaunlicherweise merkt man einen Unterschied: Irgendwie klingt alles trotz dieser unglaublichen Direktheit und Klarheit und Derbheit gerade im Französischen etwas angenehmer. Etwas ironischer vielleicht. Es hat dort immer irgendwie einen etwas edleren Unterton oder Nebenklang. Im Deutschen klingt alles einfach nur platt und derb. Ich finde, in der deutschen Fassung stört man sich eher an der Derbheit der Schilderung und der Sprache, im Französischen hat alles einen irgendwie erträglicheren Charakter.
Schon der Titel der Bücher: Im Französischen heißt es einfach „Vernon Subutex“. Im Deutschen gleich komplizierter und m. E. verfälschend „Das Leben des Vernon Subutex“. Es geht garnicht um das ganze Leben des Vernon Subutex, nun gut.
So kam auch die Inszenierung von Stefan Pucher meines Erachtens in keinster Weise an das Buch heran. Ich werde sie mir aber noch einmal ansehen.
HIER ein Link zu einem netten Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung über Menschen in München, deren Herz an Vinylplatten hängt – als Sammler, Verkäufer, DJ und Plattenspielerbauer.
Soviel zunächst, ich ergänze diesen Beitrag auch noch etwas.
Ich helfe derzeit einem Schüler, seine Hochschulberechtigung zu bekommen. Wir üben auch für seinen Abschluss im Fach Deutsch. In diesem Zusammenhang war „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch zu lesen und zu „verstehen“. Ich wusste nicht mehr, wie allgemeingültig und zeitlos Max Frisch’s Buch ist. Wir stecken auch heute drin.
Es ist eine Parabel, also keine „Erzählung“, kein „Roman“ (mit der Entwicklung bestimmter Beziehungen, bestimmter Personen). Es ist als Parabel angelegt, als Beschreibung einer Situation, in der die auftretenden Personen, die Texte, die Symbole, die Szenen etc. im Endeeffekt Beispielcarakter haben. Beispielcharakter auch für die heutige Zeit.
Viele kennen das Buch von früher. Es lohnt sich, ist ziemlich erschreckend. Max Frisch hat es mit diesem Buch geschafft aufzuzeigen, wie wir immer wieder reagieren! Worum es noch einmal geht? Es geht um den Unternehmer Biedermann (Produktion von Haaröl), dem es nicht gelingt, die beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring, die sein so erfolgreiches und angenehmes Leben gefährden, aus dem Haus zu bekommen. Er ist unfähig und schaufelt sich sein eigenes Grab! Den einen Brandstifter, Herrn Schmitz, hat er sogar freiwillig in sein Haus unter das Dach aufgenommen. Beide lädt er zum Essen ein.
Es geht darum, wie Biedermann mit der Gefahr, die er deutlich erkennt, umgeht. Ich empfehle dieses Buch – oder zumindest den Film hier, in dem das Stück wortgetreu komplett anzusehen ist. Hier:
Was mir klar wurde, man kann das Buch in der Tat so lesen, den Film so sehen: Wie gehen wir HEUTE mit erkennbaren Gefahren um? Etwa mit der drohenden Klimakatastrophe und der unaufhörlichen Umweltzerstörung. Wir sehen sie kommen, sie kommt immer näher, sie „wohnt“ schon bei uns – wie die Brandstifter, aber wir sind aufgrund unseres eigenartigen Verhaltens nicht fähig, sie wirklich in Schranken zu weisen. Ganz im Gegenteil! Wir helfen ihr sogar, voranzukommen. So, wie Herr Biedermann den Brandstiftern hilft, ihnen sogar Streichhölzer reicht. Es wird schon nichts passieren. Am Ende steht er vor seinem abgebrannten Haus.
Es gibt viele verschiedene Interpretationen des Stückes „Biedermann und die Brandstifter“. Das Buch wird auch deshalb in der Schule gerne gelesen. Ich kann nur einige Aspekte herausgreifen, die zeigen, dass wir HEUTE mit der Klimakatastrophe und Umweltkatastrophe so umgehen, wie es Herr Biedermann mit den Brandstiftern tat. „Biedermann und die Brandstifter“ entstand in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren. Es gibt Interpretationen, wonach das Stück auch etwa zeigen würde, wie Adolf Hitler stark werden konnte. Er kam näher aber wir konnten nicht damit umgehen. So wie die Klimaveränderungen HEUTE.
Es geht im Grunde auch um Verlogenheit. Die Verlogenheit oder zumindest Unfähigkeit des Herrn Biedermann. Um die Diskrepanz zwischen dem, was er tut und dem, was er redet. Die Unfähigkeit liegt darin, dass er gar nicht so sein kann, wie er redet. Biedermann ist Unternehmer (Eine Nebenhandlung zeigt, dass er seinen langjährigen Mitarbeiter Knecht – der sich schließlich umbringt – entlässt). Biedermann ist rücksichtslos. Wie wir insgesamt mit der Umwelt rücksichtslos sind, wenn es um das Unternehmerische geht. Einerseits rücksichtslos und andererseits – wenn es darum geht, Umweltbelange doch einmal zu berücksichtigen – auch verlogen. Reduzieren wir etwa unseren CO2-Ausstoß? Nein!
Wir sehen auch HEUTE, wie die Gefahr unaufhaltsam näherrückt! Aber wir sind nicht fähig, sie einzuschränken. Denn es bleibt halbherzig, was wir tun. Biedermann auch: Er versucht etwa, die Brandstifter durch gespielte „Menschlichkeit“ zu vereinnahmen. Wer so „menschlich“ ist, kann doch nicht Opfer der Brandstifter werden! Aber es ist eben nur halbherzig! Es ist gespielte Menschlichkeit. Biedermann ist Opfer seiner eigenen Phrasen. Auch hier kann man Parallelen zur aufkommenden Klimakatastrophe erkennen. Wir reagieren mit Phrasen – Hauptsache, der Wohlstand bleibt erhalten. Wirklich deutlich und entschieden wird gegen die drohende Klimakatastrophe nicht vorgegangen. Wichtiger ist, dass der Wohlstand erhalten bleibt.
Auch unser Umgang mit der Umwelt ist ein „Spiel mit dem Feuer“. Auch insoweit passt „Biedermann und die Brandstifter“ bestens.
Die ganze Symbolik von „Biedermann und die Brandstifter“ passt auch HEUTE: Biedermann fühlt sich einerseits wohl, andererseits hat er Angst. Die immer wieder schlagen die Uhr zeigt, dass seine Zeit abläuft. Eine Kranzbestellung nach dem Tod des ehemaligen Mitarbeiters Knechtling wird falsch ausgeführt: Als wäre Biedermann gestorben! Die Brandstifter lächeln über das Verhalten Biedermanns. Und und und.
Für Theaterfreunde und Freunde der Arbeiten von Milo Rau, einem der zur Zeit ja „radikalsten Theatermacher“, habe ich hier einen aktuellen Tipp: Im Magazin der Süddeutschen Zeitung von heute, Freitag, den 3. Mai 2019, ist ein längerer Bericht über die derzeitigen Arbeiten von Milo Rau und seinem Team im zerbombten Mossul/Irak für ein neues Theaterstück zu lesen.
Ich kann nicht darauf verlinken, da der Artikel nur im bezahlbaren Bereich des Magazins vollständig zu lesen ist. „Orest in Mossul“ wird das Stück heißen, basierend auf der Orestie von Aischylos. Gedreht werden im Irak die Videoeinspielungen.
Diese Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk geworden. Ein Gesamtkunstwerk, an dem viele Spezialisten – allesamt mit höchster Qualität – mitgewirkt haben. Ein Team um Susanne Kennedy herum. Heraus kommt ein Ergebnis, das man selten sieht, vor dem man selten sitzt.
Gut, ich liebe mitunter extreme Formulierungen, um Dinge deutlich zum Ausdruck zu bringen. Ich meine nicht, dass ich die Weisheit mit Löffel gegessen habe, aber hier ist wieder einmal eine solche extreme Formulierung angebracht – ich sehe ja viel Theater: Diese Inszenierung kann, finde ich, Theatergeschichte schreiben – zumindest an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen. Es sind ja viele Bausteine, die die Theatergeschichte erschaffen.
Der Klassiker „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow, geschrieben ganz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, Uraufführung am 31. Januar 1901. Er ist der Ausgangspunkt für die Inszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen. Es ist eine Inszenierung VON Susanne Kennedy NACH Anton Tschechow. HIER ein kurzer Blick auf ihren bisherigen künstlerischen Weg. Es geht nicht um eine inhaltliche Darstellung des berühmten Stückes „Drei Schwestern“ VON Anton Tschechow. Vergangenen Samstag war Premiere.
Vorab ganz grundsätzlich: Allein die Tatsache, diesen russischen Klassiker über die drei Schwestern – die so gerne das langweilige Land in Richtung des ersehnten Moskau verlassen würden, und den wir uns immer wieder anschauen -, diesen Klassiker des Alltagslebens zu nehmen und ihn dann in so abstrakte Höhen und in eine so abstrakte Inszenierung zu führen, in der die Inhalte von Tschechows Werk „Drei Schwestern“ nur höchst ansatzweise – höchst ansatzweise – benötigt werden, das allein ist schon eine wunderbar gelungene Leistung! Was hätte Anton Tschechow dazu wohl gesagt?
Zum Äußeren: Alle Elemente der Inszenierung passen wahrlich zusammen! Die Münchner Abendzeitung etwa schreibt: „Visuell ist dieser Abend freilich faszinierend bis sensationell!“ Die Bühne ist eine riesige geschlossene Videoleinwand. Man sitzt vor einer riesigen Leinwand. Mitten in dieser Leinwand schwebt auf halber Höhe der kleine Bühnenausschnitt, der einen kleinen Raum hergibt (siehe oben das Beitragsbild)
Der Bühnenausschnitt schließt sich manchmal, dann öffnet er sich wieder. Mal sieht man auf der Videowand, die den Bühnenausschnitt schließt, grob gepixelte Personen. Ansonsten: Playback für jedes Geräusch, Masken, Stillstand. Mehr Distanz geht kaum. Man hat Distanz zu jeder Art „Geschehen“, zu den Personen – und damit öffnet sich andererseits eine Nähe zum Thema.
Man muss auch nicht sagen: Susanne Kennedy arbeitet ja schon wieder mit Masken und schon wieder mit voice over und schon wieder sehr abstrakt, schon wieder auf einer sehr engen Bühne. Entwickelt sie sich nicht weiter? Erstens: Wenn man das sagt, hätte im Grunde ein Frank Castorf schon vor Jahrzehnten in der Versenkung verschwinden müssen. Zweitens: Susanne Kennedy entwickelt sich natürlich weiter! Das bestätigen allein in kleinen Gesprächen Schauspieler der Münchner Kammerspiele, die ja schon mehrfach mit Susanne Kennedy zusammen gearbeitet haben oder sie jedenfalls daher kennen. Selbst „Die Selbstmord-Schwestern“, ihre vorherige Arbeit an den Münchner Kammerspielen, war eine Inszenierung, die noch etwas konkreter mit dem Ursprungstext umging. Auch demgegenüber scheint mir „Drei Schwestern“ eine Weiterentwicklung.
Schon vor Beginn der Inszenierung von „Drei Schwestern“ folgendes Bild: Man sieht auf dieser riesigen Leinwand – bei noch geschlossenem Bühnenausschnitt – dichte, undurchdringliche, bunte Wolkenmassen wabern. Ein unbestimmbarer Grummelton begleitet das irgendwie „Unendliche“. Es gibt ein „Außen“ – außerhalb des engen Bühnenausschnittes – und ein „Innen“ – innerhalb des Bühnenausschnitts. Vor Beginn durchziehen die Wolken noch beide Bereiche. Bis sich nur der enge Bühnenausschnitt öffnet und wir einen Blick auf diese schwebende, enge komische Welt bekommen, in der wir ja leben. Die sich jeder einbildet. Unser kleines Leben im großen Universum.
Auch die Masken, hinter denen sich die Schauspieler verbergen, und das voice over, die Ausstattung, die Kostüme, alles wirkt in dieser Inszenierung meines Erachtens gut zusammen. Sogar die wenigen Bewegungen der Schauspieler (vor allem von den drei Herren, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Walter Hess) tragen entscheidend zum Gesamtbild bei. Aus irgendeinem Grund wurden bei mir aus den fast statischen Person doch kleine Persönlichkeiten. Obwohl jede Stimme wieder Play-back gebracht wird – wie jeder Schritt, bis hin zu jedem Schluckgeräusch, jede Stimme ist noch dazu von einer anderen Person gesprochen, nicht vom/von der SchauspielerIn selbst.
Inhaltlich geht es nicht etwa um die „Drei Schwestern“ und deren Wünsche, deren Sehnsüchte: Die drei Schwestern – sie bleiben bei Susanne Kennedy natürlich namenlos – stehen eher für die Menschheit, den Menschen: Die Menschheit befindet sich in einer ewigen Zeitschleife. Letztlich wie die drei Schwestern, die nie vom Landleben wegkommen. Also das kleine Leben und die Menschheit: Loops! Es wird immer so weitergehen. The end is not the end is not the end is not the end is not the end … , heißt es einmal.
Warum machen wir das alle? Weil wir müssen. Und dann kommt Friedrich Nietzsches Überlegung herein (aus dem Off gesprochen): Was wäre denn, wenn wir dieses Leben nicht nur einmal leben müssten, sondern immer wieder, ganz genau gleich? Ein ewiger Loop? Was wäre dann unser Weg in einem solchen ewigen Kreis? Diese Überlegung von Friedrich Nietzsche stülpt Susanne Kennedy über den Klassiker „Drei Schwestern“. Es geht auf, weil es eine seltene Überlegung ist, die eine extreme Darstellung findet.
Ein wenig ist der Gedanke des tiefen „Erlebens des Momentes“ die Quintessenz aus der obigen Frage bei Friedrich Nietzsche und vielleicht auch bei Susanne Kennedy. Das allein bleibt im „Ergebnis“ bei Susanne Kennedy etwas offen. Aber was heißt schon „Ergebnis“. Susanne Kennedy will sicher keine Lösung präsentieren. Es geht darum, den Loop der Ewigkeit als Prinzip sogar hinter Anton Tschechows „Drei Schwestern“ aufzuzeigen. Der Abend endet dann dementsprechend auch ganz realistisch, wie das Leben – eben plötzlich mit einem „Cut!“ aus dem Off. Auf der Bühne sagt übrigens einer der Schauspieler (erkennbar Christian Löber) sinngemäß: „Wir können nur für die Liebe leben!“ Vielleicht ist das ein Weg, wenn wir tief im aktuellen Moment leben. Susanne Kennedy wird vielleicht darüber nachdenken. Allerdings wird die Liebe – ein großes Thema ja schon bei Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – in dieser Inszenierung zwar zwei-/dreimal kurz erwähnt, aber in keiner Weise irgendwie gezeigt oder auch nur angedeutet. Als gäbe es sie dann doch gar nicht!
Es gibt also viele Aspekte, die diese Inszenierung zu einem besonderen Theaterereignis machen. Auch wenn nicht alles komplett verständlich war. Mir war etwa nicht klar, wie der Gedanke des menschlichen „Genius“ hier reinpasste. Der menschliche Genius, der die Dinge nur ganz für sich selbst erlebt, wurde letztlich zum Thema. Und wenn der Genius sein Erlebnis in Worte packt, muss er es einerseits – der Mensch will sich ja mitteilen – in Worte fassen, andererseits ist das Erlebnis damit nicht mehr das Erlebte, sondern etwas anderes. Denn jeder andere hört und versteht die Worte anders. So ist das natürlich. Aber das wurde dann doch etwas viel.
Trotzdem Gratulation, nicht nur an Susanne Kennedy, auch an die weiteren Mitwirkenden wie Lena Newton (Bühne), Teresa Vergho (Kostüme), Richard Janßen (Sounddesign und Video-Montage), Roderik Biersteker (Video) oder Rainer Casper (Licht) und die SchauspielerInnen, die in dieser Kennedy’schen Spielweise auch (wieder) besondere Erfahrungen gemacht haben.
Wir führen immer diese verdammte – oder schöne – Vergangenheit mit uns herum. Offenbar gibt es für uns Menschen keine Gegenwart ohne Vergangenheit. Anders als für Tiere. Irgendwie geht es im kürzlich erschienenen Buch von Matthias Nawrat „Der traurige Gast“ immer wieder und in allen möglichen Formen um diese Vergangenheit in der Gegenwart. Und eigentlich hat jeder daran zu knapsen.
Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚
Das Buch hat irritiert. Es ist kein fröhliches Buch. Eine Ich-Erzählung, wobei man über den Ich-Erzähler kaum etwas erfährt. Das Buch hat keine besondere Handlung. Der Ich-Erzähler trifft innerhalb einer überschaubaren Periode um das Berlin-Attentat am Breitscheidplatz herum verschiedene Menschen, die viel reden, viel erzählen. Eine recht einsam wirkende Architektin, der frühere Chirurg Dariusz, der jetzt Mitarbeiter an einer Tankstelle ist, der alte „Freund“ Torsten, der jetzt Wissenschaftler ist, und und und.
Der Tod kommt dabei immer wieder zum Vorschein. „Der Friedhof“ heißt ein Kapitel, „Die Beerdigung“ ein anderes, einen Selbstmord gibt es, weitere Todesfälle. Kurz das Attentat am Breitscheidplatz, früher die Judenermordungen, die Vertreibung … Der Ich-Erzähler selbst – Matthias Nawrat ist Pole – ist bei alledem distanziert, verunsichert, überrascht, irritiert, auch verständnislos oder orientierungslos.
Das Buch ist unterteilt in drei große Abschnitte: Die Architektin – Die Stadt – Der Arzt. Jeder Abschnitt hat wiederum mehrere kurze Erzählungen. 13 – 13 – 12. Das macht das Lesen leicht, man kann immer unterbrechen. Innerhalb der drei großen Abschnitte beziehen sich die kurzen Erzählungen meist aufeinander.
Ich habe viel an das – erstaunlichere – Buch von Teju Cole „Open City“ gedacht, das ich vor circa einem Jahr gelesen hatte. HIER mein damaliger Bericht dazu. Teju Cole geht durch New Yorks Straßen und erzählt von gedanklichen Verbindungen zu dem, was er sieht, von seinen Eindrücken, seinen Erinnerungen, seinen Gefühlen beim Weg durch New York. Mehr nicht – aber sehr lesenswert, irgendwie besonders.
Matthias Nawrats Erzählung(en) „spielen“ also in Berlin. Matthias Nawrat läßt aber – im Gegensatz zu Teju Cole – andere Menschen reden, redet nicht selber. Und im Unterschied zu Teju Cole gibt es bei Matthias Nawrat im Grunde deutlicher einen „roten Faden“, der aber sehr allgemein gehalten ist: Die Gegenwart und die Vergangenheit. Und im Grunde noch das Thema: Das „Leben heute“ und das „Leben gestern“. Die Tatsache, dass man im Grunde immer schon gelebt hat und dass zumindest am selben Ort viele Generationen genau dort schon irgendetwas erlebt haben oder oder. Und das Ganze eben eher belastend. Im Grunde sind es viele große philosophische Ansätze. Dennoch hat mich das Buch irritiert, das von Teju Cole nicht so. Nawrat hat mich hoffnungsloser zurückgelassen.
Viele philosophische Ansätze zum Leben kann man also finden, meines Erachtens allerdings sind die Überlegungen zu allgemein gehalten. Und noch dazu meist mit irgendwie trauriger oder negative Tendenz. Anders als bei Teju Cole. Die Erinnerungen, von denen jede Person erzählt, sind meist – ich würde sagen – problematische, belastende Erinnerungen. Und Sie werden oft nur angerissen, was den Leser natürlich teils ratlos zurücklässt.
Die Beziehung zu den Geschwistern, der Tod des Sohnes, die Eltern, die Mutter, Liebschaften, eigene Erlebnisse, der erste Ehemann, die Kindheit, der Ort der Kindheit, Ermordung von Juden, Vertreibung, Mythologien, und und und. Alles, was in unser Leben herein gespielt und es bestimmt. Es ist etwas wahllos. Motto: „Der Mensch, das komische Wesen …“. Oder: „Gestern“ und „Heute“ – warum das alles? Das ist natürlich so, aber das als Thema?
Interessant ist jedenfalls der Vergleich der beiden genannten Bücher von Matthias Nawrat und Teju Cole. Europäische Literatur (natürlich negativ schon im Titel: „Der traurige Gast“) und amerikanische Literatur (ähnlich, aber positiver schon im Titel: „Open City“).
HIER der Link zur Seite des Rowohlt Verlags zum Buch von Matthias Nawrat, Der Traurige Gast.
Es ist ein Song der Dire Straits, aber hier von Marc Knopfler gespielt. Auf der Party käme er jetzt dran, „Brothers in Arms“ mit einer Liveaufnahme von vor zwölf Jahren. Marc Knopfler war schon damals nicht mehr der Jüngste, aber mir gefällt die Aufnahme. In dieser Aufnahme wird der Song etwas deutlicher im Text, als in anderen Aufnahmen. Marc Knopfler röhrte ihn früher undeutlicher. Aber er spielt es ja hier auch vor kleinem Publikum!
Es gab hier im Blog in letzter Zeit ohnehin ruhige Musik, daher jetzt auch dieses Lied. Zum Song ganz runterscrollen.
Der Songtext in Englisch:
These mist covered mountains Are a home now for me But my home is the lowlands And always will be
Some day you’ll return to Your valleys and your farms And you’ll no longer burn To be brothers in arms
Through these fields of destruction Baptisms of fire I’ve witnessed your suffering As the battles raged higher
And though we were hurt so bad In the fear and alarm You did not desert me My brothers in arms
There’s so many different worlds So many different suns And we have just one world But we live in different ones
Now the sun’s gone to hell And the moon’s riding high Let me bid you farewell Every man has to die
But it’s written in the starlight And every line in your palm We’re fools to make war On our brothers in arms
Und auf Deutsch:
Heute sind diese nebelverhangenen Berge mein Zuhause.
Aber meine Heimat ist das Land der Ebene,
und es wird immer meine Heimat bleiben.
Irgendwann werdet Ihr zurückkehren.
Heim,
zu euren Tälern und euren Höfen,
und dann werdet ihr nicht mehr darauf brennen,
Waffenbrüder zu sein.
Ich habe euer Leid gesehen,
hier, auf den Feldern der Zerstörung
habe ich eure Feuertaufe erlebt.
Und als die Schlacht härter wurde, grausamer,
als ich auf den Tod verletzt wurde,
in all dem Lärm, in all der Furcht,
da habt ihr mich nicht allein gelassen.
Ihr, meine Waffenbrüder.
Es gibt so viele Welten, so viele Sonnen.
Wir haben nur diesen einen Planeten.
Und doch ist es so, als käme jeder von uns
von einem anderen Stern.
Die Sonne ist zur Hölle gefahren,
der Mond regiert jetzt den Tag.
Lasst mich Euch Lebewohl sagen.
Jeder Mann muss sterben.
Aber es steht in den Sternen geschrieben,
und in jeder Linie auf euren Handflächen:
Wir sind Narren, wenn wir Krieg führen gegen unsere
Waffenbrüder.
Er sagt: „Alles, was wir besitzen als Menschen, zerrinnt uns ja zwischen den Fingern wie Nebel. Auch die Liebe, die Zeit, Erinnerungen …“ Thom Luz, schweizerischer Regisseur, hat alle Nebelmaschinen, die er in seiner bisherigen Karriere als Theaterregisseur im Einsatz hatte (oder sich beschafft hatte), zusammengebracht und den entstehenden Nebel mit seinen Gedanken dazu zu einem gemeinsamen Einsatz gebracht. Ein Stück, das auch traurig machen kann – nichts bleibt, alles vergeht, alles zerrinnt.
Es war wieder eines der Stücke, die zum Berliner Theatertreffen 2019 (03. bis 20. Mai) eingeladen sind und die vorab auch in München bzw. Bayern zu sehen waren:
DIONYSOS STADT, der fast zehnstündige Antikenmarathon von Christopher Rüping, ohnehin. Es ist eine Produktion der Kammerspiele. Sie ist ausgewählt zum Berliner Theatertreffen 2019 – läuft noch an den Münchner Kammerspielen.
ORATORIUM von SheShePop wurde auch zum Theatertreffen 2019 ausgewählt – es war auch an den Münchner Kammerspielen sowie letztens in Augsburg zu sehen.
UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace wurde ebenfalls zum Theatertreffen 2019 ausgewählt – es war auch in Augsburg auf dem Brechtfestival zu sehen.
Und jetzt war GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY von Thom Luz an den Kammerspielen (Kammer 2) zu sehen. Es ist eine Koproduktion der Theater Gessnerallee Zürich, Théâtre Vidy-Lausanne, Kaserne Basel, des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel Hamburg, des Theater Chur und des Südpol Luzern. Auch diese Produktion wurde (bekanntlich) zum Theatertreffen 2019 eingeladen.
HIER der Link zur Produktionsseite des Stückes GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY (mit einem Video vom Stück am Ende der Seite!) und HIER ein schönes Gespräch mit Thom Luz mit seinen Überlegungen zu diesem Stück. Beide Videos lohnen sich.
GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY ist in den kommenden Monaten noch an verschiedenen Orten Europas zu sehen (Bern, Montpellier, Antwerpen, Athen …). Die Termine finden sich oben rechts in diesem Blog unter „Websites und Termine von Performancegruppen“, dort unter „Bernetta“ (Bernetta ist keine Performancegruppe, sondern Produktionsgruppe, ich muss es einmal besser platzieren).
Eine Lagerhalle, die Firma vor dem Aus, Unordnung, Kartons, Nebelmaschinen, Leitern, Ventilatoren, ein paar Mitarbeiter, das sieht man. Das Stück konnte durchaus traurig machen: Es war keine irgendwie geartete „Story“, der man folgte. Es war mehr eine Beobachtung mit Gedanken zum Leben. Die Mitarbeiter lassen die Nebelmaschinen wirken.
Nebel – das einzige, was die Nebelmaschinen produzieren – hat es nun einmal an sich, sich unförmig auszubreiten – keiner weiß wohin -, dann kurz ansehnliche Bilder zu schaffen, überhaupt nicht greifbar zu sein und dann zu verschwinden. Sich einfach aufzulösen in Nichts. Und eigenartig, wie wir Menschen gestrickt sind. Wir sind im Grunde gefangen von dem Drang, immer irgendetwas erkennen zu wollen, dachte ich mir. Ich habe an mir selber festgestellt: Ständig will man (als Mensch) ja im Grunde irgendetwas erkennen, wenn man etwas anschaut. Man will wenigstens eine Form erkennen, irgendeine Struktur. In jeder Nebelschwade sollte doch am besten irgendetwas erkennbar werden. Irgendeine Assoziation sollte wenigstens kurz entstehen, greifbar werden, aufflackern.
Also: Bei jeder austretenden Nebelschwade hatte man immer wieder unwillkürlich ganz kurz einen kleinen Moment der Erwartung: „Endlich kommt eine Struktur zum Vorschein!“ Aber nein, man sah wieder nichts. Wieder wurde man enttäuscht. Man saß zwar nicht wirklich enttäuscht da, aber irgendwo war diese Enttäuschung. Es heißt ja auch zurecht: „In jeder Erwartung steckt eine Enttäuschung.“ Denn es wird ja nie irgendwo genau das eintreffen, was wir uns innerlich erwarten! So ist unser Leben. Auch Erinnerungen, die Zeit, Entwicklungen, alles verflüchtigt sich. Und das zeigten eben die Nebelschwaden immer wieder.
So hat man eine Enttäuschung nach der anderen zu verarbeiten, wenn man an diesen Abend dem Nebel zusieht. Und noch dazu lösen sich die Enttäuschungen dann in Nichts auf. Vielleicht können wir Menschen eben nicht (mehr) mit „Nichts“ umgehen. Es muss immer etwas sein! Obwohl der Nebel doch so schön aus diesen Nebelmaschinen herauskommt und dann kurz jedenfalls so schöne Bilder erzeugt. …
Auch mit Vergänglichkeit tun wir uns ja schwer. Wir kämpfen darum, alles ewig zu erhalten. Alles wird zeitlos digital speicherbar. Wir arbeiten gegen sich verändernde Fotoaufnahmen auf Papier, gegen schlechter werdende Tonbandaufzeichnungen etc.
Man kann es natürlich auch ganz anders sehen: „Schön, was mit Nebel alles angestellt werden kann!“ Und so weiter…
Ähnliche und weitere schöne Überlegungen zum Nebel und seiner Wirkung schildert übrigens Thom Luz in dem oben genannten und verlinkten Videogespräch.
Kurz noch: Man kann – wenn man sich weiter hineinsteigert – fast sagen, es geht „ganz einfach“ um den Widerspruch zwischen „Sein und Nichtsein“. Ganz simpel! Die Schauspieler versuchen ja, dem ganzen „Nichts“ immer wieder Struktur – also ein „Sein“ – zu geben. Sie verpacken den Nebel, sie erzeugen Nebelmusik (siehe das Blogbild), sie arbeiten mit Tonbändern, machen ein wenig Musik, arbeiten mit den Maschinen, sie zeigen immer wieder mit ausgestrecktem Finger ganz zielgerichtet und wichtig in irgendeine Richtung, sie reden angestrengt miteinander, sie kommen in der Fabrikhalle zusammen. Irgendetwas soll konkret werden – es wird aber nichts konkret. Sie gehen in Nebelschwaden hinein, ohne dass sie irgendetwas merken.
Irgend so ein schöner Gedanke wird auch ausschlaggebend gewesen sein, um dieses Stück zum Berliner Theatertreffen 2019 einzuladen. Es ist ein sinnlicher, poetischer Abend – ganz die Art von Thom Luz, der zuletzt schon mit dem wunderbaren Stück „Traurige Zauberer“ zum Theatertreffen eingeladen war.
Die Einladung zum Theatertreffen 2019 mit dem Stück GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY erscheint allerdings etwas hoch gegriffen! Meine Überlegung war: Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Stück auf einer größeren Bühne, die mehr Distanz schafft, die mehr Weite und Leere bietet, größeren Eindruck gemacht hätte. So war es jedenfalls bei dem Stück „Traurige Zauberer“. Dort war es besonders die Weite und Höhe des Raumes, die beeindruckte und eine besondere Atmosphäre schaffte. HIER übrigens mein damaliger Bericht zu „Traurige Zauberer“.
Vielleicht ist durch die Aufführung dieses Stückes in der kleineren Kammer 2 der Kammerspiele irgendwie ein wenig von möglicher Faszination verloren gegangen (andererseits: Das Stück wird nicht immer in großen Hallen gespielt. Etwa – sieht man im Gesprächsvideo oben – in der ebenso etwas kleineren Reithalle in Basel). Naja, man muss den ganzen Nebel ja danach auch wieder einfangen und einpacken, dann ist es ja gut, dass der Nebel seine Grenzen hat.
Wir, immer wieder „Wir“. Was ist denn „Wir“? Es basiert doch immer auf mehreren, die sich aufgrund irgend etwas zum „Wir“ aufmachen. Es basiert im Grunde oft auf Einbildung. Elfriede Jelinek hatte 1988 zum deutschen „Wir“ den Text „Wolken.Heim“geschrieben. Der Text wurde seither immer wieder in Theatern aufgeführt. Jetzt ist eine weitere Inszenierung am Münchner Residenztheater zu sehen.
Elfriede Jelinek hatte den Text „Wolken.Heim“ knapp vor dem Fall der Mauer geschrieben. „Wir sind das Volk“ wurde dann zufällig einer der prägenden Ausrufe des Mauerfalls. Auch ein “Wir“.
Und auch ganz aktuell kommen ja viele Menschen immer wieder schnell auf ein „Wir“. Nationalismus. Es ist also durchaus ein aktuelles Thema. Auch auf ein deutsches „Wir“ kommt man. Aber nicht nur in Deutschland gibt es dieses „Wir“ der Abgrenzung. Elfriede Jelinek hatte diese Abgrenzung und besonders die Bedeutung dieses deutschen „Wir“ damals auf ihre Art untersucht. Als Außenstehende – sie ist ja Österreicherin.
In der Stückbeschreibung auf der Website des Residenztheaters heißt es: „Jelineks 1988 uraufgeführtes Erfolgsstück bietet poetische Textflächen, auf denen fünf Personen nach möglichen Antworten suchen. Jelineks Überschreibung von Texten der deutschen Idealisten Hegel, Fichte, Kleist und Hölderlin bietet die Grundlage des rätselhaften „Wir“, das hier laut wird, über sich selbst spricht und die „Anderen“.
Auch Aussagen von Heidegger und aus Briefen der RAF verwendet sie. Allerdings – wie so oft bei ihr – nicht irgendwie erkennbar. Sie verändert die Aussagen, entstellt ihren Sinn, verdreht sie teilweise.
Vorab: Wie immer bei Elfriede Jelinek: Es ist nicht leicht zu verstehen! Ich habe bislang erst zwei Inszenierungen zu ihren Texten gesehen. Eine davon im vergangenen Jahr beim Berliner Theatertreffen – „Am Königsweg“ – und davor eine an den Münchner Kammerspielen, die derzeit noch zu sehen ist: „Wut“. Ich halte es – bisher – für typisch, dass bei Elfriede Jelinek auf der Bühne sehr viel Aktion stattfindet. Viel Aktion zu schwer verständlichen, teils wirren Texten. Was die Aktion auf der Bühne angeht: Ganz anders ist es jetzt bei Wolken.Heim“ am Residenztheater – was es schwerer machte, es noch irgendwie zu verstehen.
Immer wieder gab es übrigens in den vergangenen Jahren in München Inszenierungen ihrer Texte, viele an den Kammerspielen: „In den Alpen“, „Wolken.Heim“, „Ulrike Maria Stuart“ „Rechnitz (Der Würgeengel)“, „Winterreise“, „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“, „Das schweigende Mädchen“ und eben „Wut“, bei dem die terroristischen Attentate von Paris Schreibanlass waren.
Worum geht es? Jelineks Text „Wolken.Heim“ – der keine Personen vorgibt – enthält Aussagen etwa zu: … Sich selber glauben, von sich überzeugt sein, deutsche Traditionen, deutscher Geist, Wald und Romantik, Boden, drinnen und draußen, unsere Sprache, sich den Anderen überlegen fühlen, Selbstsucht, das Bewusstsein, etwas „Hohes“ zu sein, wir sind das Ziel in der Ewigkeit und so. Es entsteht dabei ein fast klaustrophobisches Bild, das gerade durch die Art der Inszenierung gefördert wird. „Das – deutsche – „Wir“ macht alles eng, obwohl es laut Wort und Tat so groß sein soll. Um diesen Widerspruch geht es! Um diesen Widerspruch!
In der Inszenierung am Residenztheater treten fünf Personen auf. In einer unangenehmen Atmosphäre: Ein Wartesaal, abgegrenzt, unfreundlich, grau, mehrere Sitzbänke, alles ist grau und nüchtern. Wirklich alles ist grau. Nur durch zwei Sehschlitze und Türöffnungen scheint freundliches und warmes orangenes Licht von irgendeinem „draußen“ herein. Bis zu den Haaren und zur Unterhose ist alles grau. Die Personen im Raum wirken irgendwie hilflos und lächerlich. Sie vermitteln durch ihr Aussehen „Deutsches“, wirken aber nicht sehr glaubhaft, es ist eben alles grau.
Die Personen reden viel, unterstützen aber den Inhalt nicht irgendwie durch bestimmte Darstellungen. Text. Die Inszenierung insgesamt hilft – leider – auch nicht, den Text zu verstehen. Ein Interview mit Elfriede Jelinek im Programmheft gibt etwas mehr Aufschluss. Elfriede Jelinek geht davon aus, dass besonders bei den Deutschen festzustellen ist, dass man die eigene Nationalität an Wald und Boden festmacht. Und an dieser Strenge und Klarheit, die fern von Gefühlen liegt.
Letztlich verbleibt eine Grundatmosphäre über das Deutsche: Man fühlt sich als Deutscher groß und besonders durch Worte und Taten. Und seien es Kriege. Aber ob das wirklich groß und besonders ist?