BREAKING NEWS – BREAKING NEWS – BREAKING NEWS: Vor wenigen Minuten wurden die „10 bemerkenswerten Theateraufführungen des vergangenen Jahres“ für das im Mai stattfindende Theatertreffen 2022 in Berlinbekanntgegeben. Die sogenannte “10er- Auswahl“. Die Pressekonferenz ist momentan noch live online zu verfolgen (bei Zugang).
WANN FINDET DAS THEATERTREFFEN 2022 GENAU STATT? Das Theatertreffen 2022 findet in der Zeit vom 06. Mai bis zum 22. Mai in Berlin statt.
WER HAT DIE 10 STÜCKE AUSGEWÄHLT? Die Jury setzte sich dieses Jahr wie folgt zusammen: HIER.
UND WELCHE 10 STÜCKE WURDEN DIESES MAL AUSGEWÄHLT? Ausgewählt wurden dieses Mal die folgenden zehn Stücke:
Die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller, Inszenierung am Nationaltheater Mannheim
Tartuffe nach Moliere, Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden
Like Lovers Do, Inszenierung an den Münchner Kammerspielen
All right. Good night, Inszenierung u.a. am HAU Berlin
Doughnuts, Inszenierung am Thalia Theater Hamburg
Das neue Leben, Inszenierung am Schauspiel Bochum
Die Ruhe, Inszenierung (Performance) am Deutschen SchauspielHaus Hamburg
Slippery Slope – Almost A Musical, Inszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin
humanistää – über die Abschaffung der Sparten, Inszenierung am Volkstheater Wien
Ein Mann seiner Klasse, Inszenierung am Schauspiel Hannover
Man kann im Grunde kaum etwas dazu sagen man kann vor allem wenn man darüber schreibt eigentlich keinen Punkt machen man muss einfach weiterschreiben dann kommt man dem Stück von Thom Luz am nächsten jeder Punkt jedes Komma oder ein anderes Satzzeichen würden dem Ganzen nur Struktur geben würden ordnen aber genau das fehlt ja absichtlich bei dem Schweizer Thom Luz der so schöne skurrile Abende auf die Bühne bringt
Thom Luz beschäftigt sich seit Jahren in seiner permanenten Entwicklungsarbeit mit dem Verschwinden von Dingen und mit dem Flüchtigen dem Ungreifbaren und nicht umsonst spielt auch dieses Mal in „Die Wolken, die Vögel, der Reichtum nach Motiven von Aristophanes“ natürlich wieder Nebel eine entscheidende Rolle Nebel kommt und geht man kann ihn sehen und Nebel verändert sich ständig Nebel lässt sich nicht greifen wie die Wolken wie die Philosophie des Altertums und die Wolken und das Geld der Reichtum es ist der Besuch eines neuen Schülers in der Denkschule von Sokrates dem „Phrontisterium“ Thom Luz nähert sich seit Jahren mit gleichen Elementen auf der Bühne seinen Themen neben Nebel (Thom Luz ist angeblich Sammler von Nebelmaschine) sind es simple Klaviere und Tasteninstrumente Neonlicht Werkstattgegenstände auf der chaotischen aber doch auch übersichtlichen Bühne Leitern alte runde Lautsprecher an den Wänden alte Abspielgeräte für Tonbänder oder Filme mit sich langsam drehenden großen Bänderrollen Requisitenkästen auf Rollen Treppen dieses Mal ist noch ein Gabelstapler dabei und musikalisch wird das Geschehen auf der Bühne meist zart unterlegt von Klavierklängen so auch dieses Mal erstaunlicherweise hat sich Thom Luz für sein aktuelles Stück das Cuvillestheater ausgewählt die kleinere Bühne des Münchner Residenztheaters ein noch barockeres Theater lässt sich kaum denken auch damit ist der Abend selbst schon ein Sprung zwischen den Zeiten man betritt den Theaterraum und sieht vor sich den barocken Theaterraum – Mittelalter – und im Hintergrund blickt man auf die offene moderne Werkstattsituation der Bühne – Gegenwart Moderne – wissend dass es um Aristophanes geht der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte – Antike – und ganz hinten raus kann man manchmal in den Münchner Residenzhof blicken – wieder Mittelalter aber auch Gegenwart – hier mein Foto beim Betreten des Theaterraums entstanden das Theater blieb natürlich nicht leer ich war nur der zweite Besucher
Man muss die Geduld haben sich mit zeitlosen abstrakten Themen zu beschäftigen einen irgendwie aktuelleren Bezug hat der Abend nicht leider es blieb somit für meinen Geschmack etwas zu „isoliert“ vom richtigen Leben ja zu isoliert von heutigen Gedanken es blieb ohne Bezug zur Außenwelt und ohne Bezug zu unserem modernen Leben dabei wären die so grundsätzlichen Überlegungen des Abends – Worte Wolken Ideen Rede Gegenrede Gedanken Geld – doch vielleicht irgendwie wenigstens ansatzweise auch mit unserem heutigen Leben in Verbindung zu bringen etwa dass Philosophie heute ja kaum noch zählt und es fehlte meines Erachtens sogar ein wenig die Leichtigkeit der Abende von Thom Luz es sind ja im Grunde eher Performances hier aber versucht er eine kleine Geschichte um die Themen zu bilden basierend auf den drei Erzählungen von Aristophanes oft sind es bei Thom Luz auch allein schon die Bewegungen der Personen auf der Bühne die dem Gesamtbild etwas Besonderes geben und es so gelungen machen auch das fehlte mir hier etwas mein Eindruck war es waren vielleicht etwas zu viele SchauspielerInnen beteiligt und ein schöner Moment etwa war der Tanz bei griechischer Musik im Kreis und so weiter
Nick Cave wurde 1957 in Australien geboren, lebte dann (ab etwa 1980) ein paar Jahre lang in London, zog dann (1983) nach Berlin, lebte dann (ab 1990) ein paar Jahre lang in Sao Paolo und lebt seit einigen Jahren (seit 1993) wieder in London. Also ist er kaum herumgekommen, der arme Kerl, hat kaum das Haus verlassen, der Stubenhocker! Er gilt nur als „Musiker … Texter … Dichter … Schriftsteller … Schauspieler … Drehbuchautor“. Mehr nicht! Vielseitigkeit geht auch anders …
HIER der Link zum Eintrag über Nick Cave auf Wikipedia. Und HIER der Link zur Website von Nick Cave.
Ellis Warren ist ein ebenfalls australischer Musiker, lebt in Paris, ist schon fast immer Mitglied von „The Bad Seeds“ gewesen, der Band um Nick Cave. Er ist vielseitig, spielt an Violine, Piano, Akkordeon, Bouzouki, Guitarre, Flöte, Mandoline, Tenorgitarre und Viola (so wieder Wikipedia). Verantwortlich für viele Songs von Nick Cave.
Im Juni 2022 kommt Nick Cave übrigens – wenn Corona es erlauben sollte – nach Köln (Lanxessarena) und nach Berlin (Waldbühne).
Am 29.01, 04.02. und 26.02. gibt es außerdem an den Münchner Kammerspielen mit „The Fe:Male Trail“ einen „Nick-Cave-Abend“ von & mit Katharina Bach & Band aka Bitchboy. HIER der Link zur Seite bei den Münchner Kammerspielen. Der Abend ist offenbar eine Produktion des Schauspiel Frankfurt.
Wer das Video, das ich hier bringe, nach dem Ende von „All Things Beautyful“ einfach weiterlaufen lässt, wird übrigens weitere Songs von Nick Cave & Ellis Warren hören (vielleicht muss man einmal klicken).
ACHTUNG: Ein wahrscheinlich sehr schöner Tipp für heute Abend, Samstag, 8. Januar 2022! Es dauert etwa 1 Stunde und 10 Minuten. Es steht anschließend nicht zum Download zur Verfügung. Ein besonderes Streaming des Nederlands Dans Theater. HIER der Link. Tanz und Bewegung in Nebelschwaden. Man liest: Das Nederlands Dans Theater „zählt zur Crême de la Crême des zeitgenössischen Tanztheaters“ (SZ heute).
Tanz, Bewegung, Rauch, Nebel! Für mich hat es etwas zu tun mit: Der Mensch einerseits und schlicht die ständig vergehende Zeit andererseits. Der Nebel, der sich ständig bewegt, ständig um einen herum kreist und ständig vergeht, ist die immer ungreifbare Zeit.
ACHTUNG: Das Streaming beginnt genau um 20:00 Uhr. Man sollte sich unbedingt rechtzeitig davor das Ticket besorgen und einloggen. Es steht anschließend nicht zum Download zur Verfügung.
HIER der Link zur Seite des NederlandsDans Theater mit vielen weiteren interessanten Informationen zum heutigen Abend und zur Performance.
Hier ein Trailer:
Hier ein Interview mit dem Choreografen Damien Jalet:
In der Mediathek von ARTE findet sich derzeit in sechs Teilen – es ist eine kleine Serie – „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman. „Szenen einer Ehe“ entstand 1973, es ist einer von Ingmar Bergmans erfolgreichsten Filmen! Ingmar Bergman wurde 1997 bei den Filmfestspielen in Cannes als „Bester Filmregisseur aller Zeiten“ geehrt. Es lohnt sich!
Der Film über die Scheidung einer Ehe kam damals sowohl als sechsteilige Fernsehserie als auch in einer kürzeren Kinofassung heraus. 1981 wurde „Szenen einer Ehe“ auch am Münchner Residenztheater – wo Ingmar Bergman Ja kurze Zeit arbeitete – auf der Bühne gezeigt.
Man verfolgt in diesen sechs Teilen äußerst vielschichtig das Befinden der beiden Ehepartner, wobei besonders Liv Ullmann klasse ist! Die Lüge einer „perfekten Ehe“, das Scheitern ihrer Ehe, die Suche nach der eigenen Persönlichkeit, Zuneigung, die Suche nach wahrer Liebe, das eigene Befinden bei alledem, um diese Themen etwa drehen sich die Gespräche der beiden. Man verfolgt im Grunde nur diese Gespräche. Kurz verfolgt man Gespräche mit weiteren Personen. Zum Einen anfangs ein Gespräch der beiden zusammen mit einem befreundeten Ehepaar bei einem Abendessen und zum Anderen später Gespräche von Liv Ullman als „Marianne“ einmal mit ihrer Mutter und einmal mit einer älteren Frau, die sich nach vielen vielen Jahren der Ehe scheiden lassen möchte, weil sie in einer „Ehe ohne Liebe“ lebe. „Marianne“ ist Scheidungsanwältin.
Man meint, Liv Ullman als „Marianne“ ist sich der Sache und der Liebe und der wahren Dinge hinter den Fassaden viel bewusster, als er, „Johan“. Etwa drei Jahre nach der Scheidung treffen sie sich dann wieder. Auch das ist noch Teil dieser kleinen Serie. Beide sind jetzt mit anderen Partnern verheiratet, doch sie verbringen ein gemeinsames Wochenende im Landhaus eines Freundes, wo sie sogar miteinander schlafen. Es scheint mir nicht so, dass beide mit ihrer zweiten Heirat etwa das größte Glück gefunden hätten! Marianne zum Beispiel hat vielleicht nur geheiratet, weil sie auf keinen Fall alleine bleiben wollte. Aber das bleibt letztendlich offen. Marianne bezweifelt jedenfalls, ob sie jemals jemanden geliebt habe oder geliebt wurde, aber Johan redet ihr ihre Zweifel aus. Johan „kapiert“ alles irgendwie weniger.
Wie gesagt, die wunderbaren Gespräche der beiden, ihr Verhalten ist äußerst vielschichtig! Mit viel Tiefgang und Ehrlichkeit! Es ist keine „brutale“, „glasklare“ oder „coole“ Scheidung nach modernem Muster, nach dem Motto: „Wir haben uns auseinander gelebt, wir werden uns kaum mehr sehen.“ Es ist einfach vielschichtig. Letztlich sprechen beide immer wieder über die Dinge und Gefühle, die sie selber haben mögen und die man eigentlich nicht unbedingt so besprechen würde. Vor allem nicht nach einer Scheidung.
Mein Fazit: Er, Johann, versteht viel weniger, als sie, Marianne!
„Nicht erfinden, nur nah sein“ schrieb Ingmar Bergman zu seiner Arbeitsweise einmal in den Arbeitstagebüchern. Die Arbeitstagebücher 1955-2001 von Ingmar Bergman sind jetzt in einer kommentierte Fassung beim Berenbergverlag veröffentlicht, steht heute, am 31.12.2021, in der Süddeutschen Zeitung.
Ingmar Bergmann hatte Jahre später, 2001, dann noch den Film „Sarabande“ gedreht, der eine Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“ ist. Ich habe ihn noch nicht gesehen, er würde mich interessieren. Marianne und Johan treffen sich nach 30 Jahren erneut! Wieder gespielt von Liv Ullmann und Erland Josephson.
EINEN GUTEN RUTSCH INS KOMMENDE JAHR WÜNSCHE ICH ALLEN!
„Kaum waren die Weihnachtsfeiertage überstanden, ging ich ins Schauspielhaus, obwohl mir doch diese allesamt so verlogenen Schauspielhäuser verhasst sind. Auf diese Weise könne mir aber schnell das normale Leben zurückgegeben werden, das ich (wie immer) über die Weihnachtsfeiertage geradezu verloren hatte. Die Weihnachtstage, dachte ich mir, hatten auch dieses Jahr das normale Leben verdrängt, völlig in die dunkle Vergessenheit gedrängt, in das absolute Nichts hinein.
An den Weihnachtsfeiertagen schwebe ich im Nichts, sage ich mir immer, nur in den anderen Tagen habe ich einen Boden unter den Füßen, weiß ich seit Jahren. Die Weihnachtstage, die wieder so entsetzlich lang waren und die im Grunde, dachte ich mir, nur wieder eine zügellose, geradezu ekelhafte Aneinanderreihung von einer Speise an die nächste waren. Karpfen, Plätzchen, Raclette, Lachs, Wild, Gänsebraten, Blaukraut, Maronen, Mousse au Chocolat, Kartoffelsuppe, Stollen und immer so weiter! Es ging wieder, sagte ich mir, drei ganze Tage lang, ausschließlich um Essen, nicht im geringsten ging es um eine christliche Feier! Was heißt Tage? Es ging im Grunde auch nachts so weiter! Jeder Gang zur Toilette war verbunden mit einem Gang in die Küche! So viel ging es um Essen, dass ich mir auf dem Weg zum Theater noch dachte, Weihnachten war ja dieses Jahr seltsamerweise zwei Wochen lang gewesen! Obwohl es doch nur ein einziges Wochenende war! Das fürchterlichste Wochenende des Jahres! Ich war schon nicht mehr zum Pinkeln, sondern zum hemmungslosen Kotzen auf die Toilette gegangen. Immer wieder und ausgiebig musste ich diese ungesunde aber permanente Nahrungsaufnahme durch Kotzen unterbrechen.
Es sollten also jetzt, drei Tage nach diesen vollkommen sinnenstellten, zu nichts nützlichen und geradezu krankhaften Weihnachtstagen, wieder die Münchner Kammerspiele sein, dieses widerwärtige Theater, dachte ich noch, das mich seit Jahren trotzdem anzieht, obwohl es keinen Grund dazu gibt, mich anzuziehen. Ich lasse mich von nichts anziehen, wusste ich schon längst, schon als Kind hatte ich mich von nichts anziehen lassen! Dieses Theater, das sich noch dazu seit vielen Jahren oder seit Generationen, im Grunde sogar immer schon, naturgemäß ohne jegliche Begründung, zu einem der besten deutschen Theater zählt! Wahrscheinlich hält es sich für das beste Theater Deutschlands, natürlich jedenfalls für ein Theater geradezu von Weltformat, weil es einfach ein deutsches Theater ist! Ein widerwärtiges Welttheater!
Thomas Bernhard, „Heldenplatz“, wird zwischen den Jahren in diesem Welttheater gezeigt, dachte ich mir immer wieder während dieser entsetzlich langen Weihnachtstage! Nach dem Lachs und vor dem Gänsebraten. Thomas Bernhard, „Heldenplatz“! Ein undeutscheres Stück gibt es doch gar nicht, dachte ich mir!
In diesem Stück geht es doch um Wien! Um den Heldenplatz in Wien, den ich seit Jahren meide, es geht doch nur um Österreich, dachte ich noch! Um diesen kleinen Nachbarstaat von Deutschland, in den man am besten zum Skifahren fährt. Vielleicht auch zum Wandern! Nicht um Deutschland selbst geht es, sagte ich mir. Und gleichzeitig sagte ich mir, natürlich wollen die Deutschen über Österreich schimpfen, nicht über sich selbst schimpfen, sie wollen wieder einmal Österreich als die Nazis zeigen, nicht sich selbst als die Nazis zeigen. Denn, wusste ich, im Stück „Heldenplatz“ geht es doch um diesen österreichischen Professor, der Selbstmord begeht, weil er, nachdem er einige Jahre in Oxford verbracht hatte, erinnerte ich mich, dann doch merkte, dass in Österreich immer noch alle Nazis waren, tief im Herzen waren sie alle immer noch Nazis, die Österreicher, sagte sich der Professor – bis zu seinem erbärmlichen Selbstmord. Und da beginnt das Stück!
Und dann saß ich da in Reihe 7 auf einem dieser fast menschenunwürdig schlecht gepolsterten Klappsessel, dieses Mal ohne diese desolaten und mich nur belästigenden Kopfhörer, bei 25 % Auslastung wegen Corona. Ich blickte mich in diesem unsäglich und geradezu abstoßend morbiden Theaterraum der Kammerspiele um! Noch dazu musste ich natürlich wegen Corona eine dieser absolut unwürdigen Gesichtsmasken tragen.
Dann ging es entsprechend los: Videos von österreichischen Naziaufmärschen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hämmerten sofort auf mich ein. Jawohl, diese elenden Österreicher, dachte ich mir. Aber ich wusste: Falk Richter war der Regisseur, er wird das Stück sicher so bringen, dass es sich um Nazis und Antisemiten in Deutschland handelt, nicht in Österreich! Und so war es dann auch! Abstoßende Videos von allen bekannten AfD-Politikern, fürchterliche aktuellere Videos von Naziaufmärschen in Deutschland, verwirrende Bilder vom lächelnden Maaßen, von Andi Scheuer, Texte und Bilder von Franz Josef Strauß, von Friedrich Merz, von allen. Plötzlich auch Bilder vom Sturm auf das Kapitol in Washington, wer weiß warum!
Dann, nach einer völlig stupiden Pause, wurde „Heldenplatz“ gewissermaßen unterbrochen. Es kam ein „Kapitel“ mit eigenen Texten von Falk Richter! Nichts von Thomas Bernhard! Im Grunde war es dann eine grauenhafte Philippika gegen alle Konservativen, die ja alle die Nazis unterstützen würden. Nichts hatte es noch mit Thomas Bernhard zu tun.
Immer wieder fragte ich mich auch, was diese widerliche Bühnengestaltung soll. Die Seitenwände und die Rückwand waren etwa 10 m hoch verhüllt mit einem langen, tiefroten Latexvorhang! Plastik! Es waren sogar zwei Vorhänge hintereinander! Mitten in dieser grauenhafte und so fragwürdigen Vorstellung wurde der vordere Vorhang ganz langsam nach oben gezogen, dahinter kam ein tief schwarzer weiterer Vorhang dieser Art zum Vorschein. Wieder Plastik! Ansonsten standen auf der Bühne wild durcheinander viele kleine Gegenstände, Requisitekisten, Lampen, und alles war ansonsten natürlich vollgestellt mit polierten Schuhen. Ständig wurden die polierten Schuhe geputzt und ständig wurden Hemden des verstorbenen Professors gebügelt! Das war „Heldenplatz“ pur!
Und diese Schauspieler! Es war kaum zu ertragen! Sie haben im Grunde diesen treffenden Text aus dem Stück „Heldenplatz“ zu schnell gesprochen! Es war typisch, Schauspieler haben naturgemäß kein Gespür für das, was sie spielen und wen sie gerade spielen und von wem sie etwas gerade spielen! Schauspieler spielen das Leben, sie sind aber im Grunde Lebensverweigerer! Sie sind geradezu Lebenszerstörer und Lebensvernichter! Sie spielen etwas, aber sie sind es nicht!“
Und so weiter. Das hätte Thomas Bernhard geschrieben! Nun gut, so schlimm war es nicht. Ein paar Eindrücke blieben allerdings:
Typisch für Falk Richter ist, dass er in gewisser Weise den Zuschauer überdeutlich auf ein riesiges Problem hinweisen will! Mir persönlich geht es dabei schnell zu sehr um eine Art Belehrung, nicht um eine feinsinnige Auseinandersetzung mit einem Thema. Auch geht manche Verallgemeinerung unter und wird vom Zuschauer schnell unvorsichtig hingenommen.
Und in der Tat habe ich mich gefragt, wie der Verlag (oder die Erben) von Thomas Bernhard eine derartige Aufführung, die doch (vor allem durch den Texteinschub von Falk Richter) weit über den Fokus von „Heldenplatz“ hinausreicht, zulassen konnten!
Das in gewisser Weise Einzigartige an den Texten von Thomas Bernhard ging so verloren. Natürlich wäre es auch kaum zu vertreten gewesen, das Thema der Nazis etwa auf Österreich zu beschränken! Allein das macht die Herangehensweise von Falk Richter verständlich. Der Herangehensweise von Thomas Bernhard in seinem letzten Werk „Heldenplatz“ entspricht es nicht!
Interessante Streams bis Ende des Jahres für Theaterfreunde. Fünf Klassiker des Deutschen Theaters Berlin aus fünf Jahrzehnten:
Sonntag 26. Dezember 18.00 bis Montag, 27. Dezember 18.00: Die schmutzigen Hände (2012) von Jean-Paul Sartre, Regie: Jette Steckel
Montag, 27. Dezember, 18:00 Uhr bis Dienstag 28. Dezember, 18:00 Uhr: ONKEL WANJA (2008) von Anton Tschechow, Regie: Jürgen Gosch
Dienstag, 28. Dezember, 18:00 Uhr bis Mittwoch, 29. Dezember 18:00 Uhr: NATHAN DER WEISE (1990) von Gotthold Ephraim Lessing, Regie: Friedo Solter
Mittwoch, 29. Dezember 18:00 Uhr bis Donnerstag, 30. Dezember 18:00 Uhr:Die Rundköpfe und die Spitzköpfe – Ein Greuelmärchen (1985) von Bertolt Brecht, Musik: Hanns Eisler, Regie: Alexander Lang
Donnerstag, 30. Dezember 18:00 Uhr bis Freitag, 31. Dezember 18:00 Uhr: Torquato Tasso (1975) von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Friedo Solter
Am Dienstag (14.12.) war die Filmpremiere von „Bruder Eichmann“ im Marstalltheater, der „Werkstattbühne“ des Residenztheaters. Michael Billenkamp, Dramaturg am Münchner Residenztheater, schrieb dazu:
„Vor genau fünfzig Jahren – am 15. Dezember 1961 – sprach das Jerusalemer Bezirksgericht das Urteil im Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehemaligen Leiter des nationalsozialistischen «Referats für Judenangelegenheiten» und damit einem der Hauptverantwortlichen des organisierten Genozids.“
?? Es ist doch sechzig Jahre her. Weiter schreibt Billenkamp jedenfalls:
„Das Gericht sah es nach der Vernehmung von rund hundert Zeug*innen und einer Prozessdauer von vier Monaten als erwiesen an, dass Eichmann an der Ermordung von etwa sechs Millionen Juden beteiligt war. Eichmanns Verteidigungsstrategie, dass er lediglich ein unbedeutender Befehlsempfänger und damit ein «kleines Rädchen» im Getriebe des NS-Vernichtungsapparats gewesen sei, war damit gescheitert. Das Urteil lautete: Tod durch den Strang. Bis zum heutigen Tag ist die Hinrichtung Adolf Eichmanns am 1. Juni 1962 in Ramla bei Tel Aviv das einzige auf israelischen Boden vollstreckte Todesurteil.“
Adolf Eichmann kennt jeder. Drei Stationen sind es nun (Adolf Eichmann bis 1962 – Heinar Kipphardt 1983 – Sebastian Baumgarten 2021), die eine neue „Annäherung“ an die unfassbare Gesinnung von Adolf Eichmann in der neuen Filmdokumentation ergeben. Die „Eichmann-Haltung“ nannte Heinar Kipphardt diese Gesinnung. Besser gesagt: Sebastian Baumgarten nähert sich heute erneut Heinar Kippharts Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ aus dem Jahre 1983 an, in der sich Heinar Kipphart Adolf Eichmann angenähert hatte.
Die Filmdokumentation ist bis Ende Januar 2022 komplett mit Zusatzmaterial in der neuen Mediathek des Residenztheaters zu sehen! HIER der Link zur allgemeinen Seite der neuen Mediathek.
Zu Adolf Eichmann: Zu seinem vielleicht nicht so bekannten Weg von seiner Geburt an bis zum Zweiten Weltkrieg siehe die Materialien in der Mediathek. HIER! Zu seinem berüchtigten Weg dann im Zweiten Weltkrieg über sein Verhör in Argentinien und Israel hinweg bis zu seiner Hinrichtung 1962 siehe insgesamt die jetzt neue Filmdokumentation „Bruder Eichmann“. Auch HIER.
Zu Heinar Kipphardt1983: Er verarbeitete die 1960 entstandenen Verhörprotokolle des israelischen Geheimdienstes mit Adolf Eichmann im Jahre 1983 zu einem Dokumentartheaterstück. Die Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ wurde 1983 am Residenztheater uraufgeführt. Im Grunde hatte Heinar Kipphardt damit auch zusammen mit wenigen anderen Autoren und Regisseuren der damaligen Zeit das Genre des „dokumentarischen Theaters“ begründet. Es wurde eine tief beunruhigende Dokumentation über Adolf Eichmann und über die hinter diesem stehende Gesinnung. „Die Banalität des Bösen“ sind die berühmten Worte von Hannah Arendt, die ja den Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel komplett verfolgt hatte. Ich kenne noch die Dokumentation von 1983. Michael Rehberg spielte damals am Residenztheater Adolf Eichmann.
Und zu Sebastian Baumgarten2021: Der Regisseur hat sich nun dem bei der Uraufführung 1983 kontrovers diskutierten Text von „Bruder Eichmann“ (man sprach von Verharmlosung etc.) mit den Möglichkeiten und Mitteln des heutigen digitalen Theaters erneut angenähert. Es ist die neue Filmdokumentation zu Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ geworden. Adolf Eichmann wird hierin (soweit das Verhör wiedergegeben wird) nicht mehr personalisiert. Das ist angenehm und hebt sich sehr passend von der damaligen Theaterdokumentation von Heinar Kipphardt ab. Kein Michael Rehberg mehr! Es geht nicht um eine Person! Die Texte von Heinar Kipphardt werden allerdings von den Schauspielern des Theaters exakt nachgelesen. Die Schauspieler, die zum Einsatz kommen, sind aber sehr jung! Auch das ist passend! Es zeigt den Bezug von Adolf Eichmanns Äußerungen zur heutigen Zeit! Und zur Zukunft! Die Vergangenheit verschwindet ja immer mehr von der Bildfläche. Man kann sich hier aber nicht sagen: „Das war doch damals…“. Man kann hier auch nicht sagen: „Das war eben Adolf Eichmann!“ Es bleibt ein zeitloses Thema!
Die „Annäherung“ von Sebastian Baumgarten verbindet insoweit in feiner Art und Weise filmisch und durch Wort und Bild drei Ebenen: Das Verhör und die unglaublichen Äußerungen von Adolf Eichmann von 1960 zum Einen mit Heinar Kipphardts Dokumentation „Bruder Eichmann“ von 1983 zum Zweiten und mit unserem aktuellen Leben 2021 zum Dritten. Auch, wenn nur Bahngleise am Münchner Hauptbahnhof gezeigt werden, alles bekommt einen Gegenwartsbezug. Es wäre auch fatal gewesen, hätte man den Fall Eichmann als „Vergangenheit“ dargestellt!
Denn auch, wenn wir momentan in genug gigantischen Krisen leben (Corona mit der drohenden Omikron-Welle, das Klima), auch das muss sein: „Bruder Eichmann“ in diesen schweren Zeiten! Es bleibt ein Muss des Grauens, wir brauchen die Dokumentation immer wieder. Adolf Eichmanns Erklärungen in seinen Verhören nach seiner Festnahme in Argentinien und seiner Auslieferung nach Israel im Jahre 1960 zeigen, zu was der Mensch nicht nur damals „fähig“ war, sondern sicher im Ansatz auch heute noch fähig sein kann. Es geht um die Gesinnung, die Ursachen, die hinter allem standen: Befehl, Weisung, Gehorsam, absolute Selbstgewissheit allein durch absoluten Gehorsam, Hierarchie, Erziehung, Hörigkeit und die Verneinung jeder Art von eigener Verantwortung – das sind die Symptome, die es ja auch heute immer wieder gibt. In abgeschwächter Form, aber trotzdem!
Nun noch zur gestrigen Filmpremiere: Die Tribüne des Marstalltheaters war abgebaut, sie war jedenfalls nicht sichtbar. Ein schwarzer Raum, wenig Beleuchtung, ein dunkler enger Gang um den Raum herum, der die Besucher über „dokumentarische Stationen“ führte, in der Mitte des schwarzen Bühnenraumes dann ein Tisch mit einigen Büchern zu Heinar Kipphardts damaliger Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“, an den vier Seitenwänden jeweils ein großer Flachbildschirm, davor in lockerer halbrunder Zusammenstellung Holzstühle, auf denen man saß und sich nach einer gewissen Zeit die Dokumentation ansah. In der Mitte des Raumes am Mischpult ein Musiker, der vor Beginn der Dokumentation leise vor sich hin dräuende und bedrohlich wirkende Musik einspielte. Eigentlich nur ein paar dumpfe und drohend summende Töne.
Man sieht und hört in der Filmdokumentation nicht nur den Text von Kipphardts „Bruder Eichmann“, man sieht und hört nun zusätzlich Personen, die um Heinar Kipphardt und seine damalige Dokumentation kreisten. Seine Tochter, sein Biograf, der Bühnenbildner der Aufführung im Residenztheater von 1983. Man sieht Ausschnitte der Theaterdokumentation aus 1983 mit Michael Rehberg.
Mit der Filmdokumentation von Sebastian Baumgarten wird das Geschehen um Adolf Eichmann in unsere Zeit transportiert. Ich fand es fein gelungen und weiterhin sehr sehr bedrückend, wenn man hört und auf sich einwirken lassen muss, was Adolf Eichmann erklärte!
Ich war wieder im Theater – trotz Corona – als Geimpfter unter Geimpften – Anfahrt mit dem Fahrrad – still im stillen Zuschauerraum sitzend – mit weniger Risiko, jeder ist geimpft oder genesen – jeder sitzt still im Zuschauerraum – so kann es doch gehen. Besser als in Restaurants oder auf „turbulenteren“ Veranstaltungen.
Ich sehe es übrigens zu CORONA so:
x-Millionen Menschen haben sich impfen lassen, Schäden sind kaum bekannt. Sich aus irgendwelchen Überlegungen heraus dann noch zu weigern, den kleinen Stich in den Oberarm hinzunehmen, halte ich persönlich angesichts dessen schlicht für unverantwortlich! Es mag in Einzelfällen gute Gründe gegen eine Impfung geben, aber Millionen Ungeimpfter werden keine „guten Gründe haben“. Es mag vielleicht auch der Vorwurf der Panikmache irgendwie manchmal etwas berechtigt sein. Aber trotzdem: Alle, die sich weigern (oder zu träge sind) sich impfen zu lassen, nehmen es hin, dass andere Menschen leiden oder gar sterben! Sie nehmen es hin, dass die Krankenhäuser – vor allem durch Ungeimpfte – überlastet sind und Mitarbeiter dort an ihre Grenzen gehen! Aber dann, wenn sie selber von Corona befallen werden, dann möchten sie doch wieder die sofortige und volle Hilfe der anderen! Das ist Egoismus! Wir müssen bei Corona lernen, solidarisch zu werden! So sehe ich es.
Ich saß letztens im Zug und redete (mit Maske) mit einer jungen Dame. Sie war Krankenschwester auf einer Intensivstation. Sie hat den Beruf beendet. Es war zu viel! Wie kann man da sagen: „Ich lasse mich nicht impfen“? Warum?
Zum Theaterstück:
Es geht in „Es waren ihrer sechs“ um die Idee des Widerstands. (Nur das noch: Corona zu verweigern, ist nicht „Widerstand“. Bei der Idee des Widerstands geht es um die mutige Verteidigung guter Rechte! Dieser Widerstand wird immer gebraucht.) Im Stück und im Roman „Es waren ihrer sechs“ geht es zwar hauptsächlich um die „Weiße Rose“, aber auch um Widerstand im Allgemeinen. So, wie es sich Alfred Neumann – erklärte er nachträglich – gedacht hatte mit seinem 1945 erschienenen Roman „Es waren ihrer sechs“. Im Roman von Alfred Neumann wird der Weg der sechs Mitglieder der Weißen Rose Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und des Universitätsprofessors Kurt Huber nicht wahrheitsgetreu nachgezeichnet.
Die Inszenierung des Polen Michal Borczuch ist dementsprechend eigenwillig. Sie ist sensibel. Eigenwillig ist sie insgesamt durch die Tatsache, dass EINERSEITS immer ein Abstand zu einer zu genauen Schilderung des so bekannten Weges der sechs Mitglieder der „Kerntruppe“ der Weißen Rose gewahrt wird, ANDERERSEITS aber immer wieder genau deren Schicksal gezeigt wird. Eine Gratwanderung, man rutscht insoweit in der Betrachtung hin und her.
Gezeigt wird es übrigens im Marstalltheater, der kleinen interessanten „dritten“ Bühne des Residenztheaters, dem großen Backsteinbau, den man innen gewissermaßen in Rohfassung mit Stahlgerüsten versehen erlebt. Das Marstalltheater mit seinem Werkstattcharakter passt sehr gut zu dieser Inszenierung. So sieht es dort etwa aus:
Eigenes Foto, Vorhalle
Die Inszenierung in ihrer Sensibilität gelingt nämlich durch die Form des Geschehens, das man beobachtet. Es wird wie eine Filmaufnahme erzählt. Man beobachtet im Grunde Situationen eines Drehs.
Werkstattsituation auch auf der Bühne. Dinge stehen wirr auf der Bühne – Stühle, Türen, Fenster, ein Kamerateam verfolgt die Szenen, das Skript wird über die Bühne getragen, die Schauspieler, die gerade nicht im Einsatz sind, warten manchmal im Hintergrund.
Es ist auch eine gelungene Mischung aus Bühne und Film. Beides schafft Distanz zur genauen Schilderung der Schicksale der Mitglieder der Weißen Rose. Hier ein Foto aus einem der Filme, die man verfolgt:
Alle laufen rückwärts in diesem Film, nur die beiden laufen vorwärts! Die beiden gehen aber ganz normal, als würden nur sie es so erleben, dass alle um sie herum rückwärts laufen, also falsch laufen! Auch werden Proteste aus verschiedenen Ländern der Welt gezeigt. „Echte“ Filmaufnahmen von Polizeieinsätzen gegen Demonstranten.
Man erlebt Situationen, die die Mitglieder der Weißen Rose betroffen haben mögen. Aber diese Situationen sind – wie gesagt – nicht wahrheitsgemäß, darauf kommt es nicht an. Insoweit sieht man eher verallgemeinerte Situationen des Widerstands. Schöne Herangehensweisen in vielen Szenen, kurze Gespräche.
Im Ergebnis hat man sich einmal wieder an den unglaublichen Mut und den riesigen Widerstandswillen der Mitglieder der Weißen Rose erinnert und man denkt daran, dass Widerstand auch heute immer wieder nötig ist, dass er aber immer wieder unterbunden wird. Das Schicksal der Idee des Widerstands ist, dass meist die Polizei auf der Seite der „herrschenden“ Situation steht. An die Weiße Rose muss ohnehin immer wieder erinnert werden! Und das durch einen polnischen Regisseur und den polnischen Dramaturgen Tomasz Spiewak!
Geprägt wird übrigens alles vom sehr überzeugenden und ruhigen Spiel der sechs jungen SchauspielerInnen. Vielleicht die jüngsten des Ensembles. Und da man sie in einem „Dreh“ erlebt, ist man ihnen irgendwie näher, sie sind ja die SchauspielerInnen, noch getrennt von ihren Rollen, man sieht sie fast privat. Auch hier aber wird man hin und hergerissen: Man verfolgt sie einerseits fast privat in Übung ihrer Schauspielerrollen, andererseits verfolgt man das Geschehen um die Weiße Rose bis zur Hinrichtung der sechs.
Ja, Widerstand. Er hat sich auch verändert. Ist Friday for Future „Widerstand“? Müsste Friday for Future nicht mehr Widerstand sein? Ist Widerstand heute feige?
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.
Es war, wie gesagt, ein Abend, der sehr im Kontrast stand zum vergangenen Abend mit der Inszenierung von “Dekalog“ am Residenztheater. Es war alles andere als herkömmlich. Insgesamt ist es gut gemacht, aber wahrlich nicht leicht verständlich. Man kann aber jedenfalls Freude haben an der sehr eigenwilligen Behandlung der Thematik, der Kostümierung, der Bühne und den SchauspielerInnen. An den Leistungen der SchauspielerInnen! So entwickelt sich ein konsequenter Abend!
Regie hatte erneut Pinar Karabulut. Sie hat ja derzeit an den Kammerspielen noch Regie bei “Like Lovers Do“. Pinar Karabulut bevorzugt sehr farbenfrohe, sehr eigenwillige, sehr abstrakt wirkende, sehr phantasievolle Darstellungen. Der Abend hat dementsprechend den Untertitel: „Ein Abend gegen deine spießbürgerlichen Phantasien, deine Lebenslügen und deine Kompromisse – nach Texten von Gisela Elsner“.
„Der Sprung vom Elfenbeinturm“ ist nicht im Geringsten die Erzählung einer „Geschichte“ – bei „Dekalog“ am Residenztheater waren es ja 10 recht nachvollziehbar erzählte „Geschichten“ oder „Situationen“. „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ ist eher eine sehr verrückt gestaltete Revue von Gedanken der 1992 in München durch ihren Freitod gestorbenen Autorin Gisela Elsner. Gisela Elsner war überzeugte Kommunistin, Feministin, Gesellschaftskritikerin der Zeit des Nachkriegsdeutschland. Drei fast absurde Teile hat der Abend, mit Bezug zu den immer kritischen, vielleicht auch satirischen Romanen „Fliegeralarm“, „Heiligblut“ und „Berührungsverbot“. Verzerrt und fast überlagert werden diese drei Teile und damit die Blicke auf Gisela Elsner allerdings von der so verspielten Regiearbeit von Pinar Karabulut. Aber es passt irgendwie!
Sehr gelungen ist meines Erachtens vor allem der eingespielte fast eine halbe Stunde lange Film im dritten Teil, in dem die Zusammenkunft verschiedener Personen in einer Wohnung für eine Sexparty gezeigt wird. Filmisch und schauspielerisch sehr besonders und wunderbar! Schauspielerisch sehr gut!
Mein Fazit: Gelungen, konsequent überzeichnend, leider stark überfrachtet mit vielen verschiedenen Gedanken. Elfriede-Jelinek-ähnlich! Man käme Gisela Elsner im Nachgang wohl besser durch das Lesen ihrer Werke näher – oder indem man sich den Abend noch einmal ansieht. Auch wenn nicht alles überzeugt. Etwas langatmig ist etwa der lange Monolog von Stefan Merki zu „Schrauben“, in dem man sich doch fragen konnte: Warum? Trotzdem.
Hier noch zwei Bilder:
Copyright der Bilder: Emma Szabó
Und HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Sie sind weiterhin grundverschieden – Gott sei Dank: Das Münchner Residenztheater und die Münchner Kammerspiele. An beiden Theatern habe ich kürzlich je eine Inszenierung gesehen, die beide nicht unterschiedlicher sein konnten: „Dekalog“ am Münchner Residenztheater und „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ an den Münchner Kammerspielen. Über „Dekalog“ schreibe ich hier, über die Inszenierung „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ in Kürze im nächsten Beitrag.
„Dekalog“ ist das bekanntere Stück von beiden. Ich erinnere mich etwa an zehn sehr eigenwillige Streamings des Schauspielhauses Zürich von „Dekalog“, Regie von Christopher Rüping – es war zu Beginn der Coronazeit -, in denen die zehn Teile des Stückes „Dekalog“ von jeweils einem Schauspieler oder einer Schauspielerin „übernommen“ wurden. HIER ist der Link zur herrlichen Archivseite des Schauspielhauses Zürich zu diesen zehn Teilen. Über diesen Link finden sich wunderbare Rückblicke! Etwas scrollen und sich die Videos ansehen!
„Der Sprung vom Elfenbeinturm“ dagegen ist – das hier kurz – ein Abend über die vergessene Autorin Gisela Elsner. Es ist kein „Stück“ von Gisela Elsner, es ist ein Rückblick auf sie und ihre Werke. Der Titel dieses Abends ist erstaunlicherweise deutschsprachig! An den Kammerspielen liest man nämlich zur Zeit fast nur englische Sprache. Auch das ist ein deutlicher Unterschied beider Häuser.
Nun zu „Dekalog“:
Es geht ja um die zehn Gebote. Um die zehn Gebote und deren Wirken oder Nichtwirken im modernen Leben. Dargestellt jeweils in einer besonderen Situation. Ursprünglich war es eine Filmreihe für das polnische Fernsehen. Die zehn Teile – bei denen man keineswegs durchgehend eine „Zuordnung“ zu einem der 10 Gebote erkennt – sind:
Dekalog 1 – der Vater Krzysztof und sein Sohn, der im Eis einbricht
Dekalog 2 – der todkranke Andrzej und dessen Frau, die ein Kind von einem anderen Mann erwartet, dies aber nur bekommen möchte, wenn ihr Mann stirbt
Dekalog 3 – der Taxifahrer Janusch, der sich an Weihnachten irgendwann von seiner Familie „ausklinkt“ und seine ehemalige Geliebte Ewa trifft
Dekalog 4 – die Schauspielstudentin Anka und der gefundene Brief ihrer Mutter, in dem erklärt wird, dass Ankas „Vater“ nicht ihr leiblicher Vater ist. Das Verhältnis des Stiefvaters zu Anka zwischen „Vater“ und „Freund“
Dekalog 5 – der junge Strafverteidiger und der von ihm vertretene Mörder, der zu Tode verurteilt wird
Dekalog 6 – Tomek, der Magda und ihre zahlreichen Männer lange Zeit mit einem Fernglas in deren Wohnung gegenüber beobachtet und Kontakt zu ihr aufnimmt
Dekalog 7 – Maika und ihre Tochter, die von Maikas Mutter aufgezogen wurde, da Maika zu jung war. Maika möchte ihre Tochter wiederhaben
Dekalog 8 – die Dolmetscherin Elzbieta und die Professorin, die es in Kriegszeiten abgelehnt hatte, Elzbieta als kleines Kind vor den Nazis zu verstecken
Dekalog 9 – Hanka und ihr Ehemann, dem ärztlich Impotenz bescheinigt wird, und die Affäre von Hanka mit einem jungen Physikstudenten
Dekalog 10 – zwei Brüder am Grab ihres Verstorbenen Vaters und das wertvolle Erbe seiner Briefmarkensammlung
Die Inszenierung am Residenztheater hält sich an diese vorgegebenen Ausgangssituationen. Nicht alles wird davon erzählt, aber Wesentliches. Das macht die Inszenierung teilweise fast etwas kitschig, da die Situationen in bestimmten Momenten zu deutlich, zu direkt, dargestellt werden, war mein Eindruck. Dies ist auch der Unterschied zur sehr abstrakten und verspielten Inszenierung an den Kammerspielen, über die ich als Nächstes schreiben werde!
Andererseits ist festzustellen, dass den einzelnen dargestellten Situationen ohnehin nicht unbedingt der Bezug zu jeweils einem der zehn Gebote entnommen werden kann. Man müsste sehr genau weiterdenken. Es geht vor allem auch sehr um das Verhältnis Eltern – Kinder, was fast das Hauptthema der „Episoden“ ist. Mehrere Kinder treten auch auf, siehe auch das Beitragsbild oben.
Weitere Bilder der Inszenierung:
Die Bühne wird – man sieht es auf den Fotos oben – geprägt von vier trampolinähnlichen, beweglichen Trennwänden, die immer wieder ihre Position verändern. Ansonsten sieht man – neben sehr wenigen anderen Elementen – weitgehend die freie Bühne und das große Ensemble.
Es entsteht sicherlich die Anregung, über die Zusammenhänge der geschilderten „Episoden“ zu den zehn Geboten nachzudenken. Leicht ist es nicht und es bedarf der Zeit! Schließlich sind es zehn unterschiedliche „Episoden“. Und schließlich war Dekalog ursprünglich eine Filmreihe von zehn getrennten Filmen. Die Inszenierung hilft nicht besonders dabei, alles an einem Abend zu verarbeiten, sie beschränkt sich auch nicht auf bestimmte Aspekte. So habe ich das Theater verlassen, ohne konkret Gedanken mitnehmen zu können. Kommt vor.
HIER der link zu Wikipedias Eintrag über „Dekalog“ mit interessanter Weiterverlinkung zu den zehn Einzelseiten.
HIER die Stückeseite von „Dekalog“ auf der Website des Residenztheaters mit Trailer und den weiteren Terminen.
Die dritte „lange“ Inszenierung, die man derzeit in München sehen kann. „Die Träume der Abwesenden“ (5 Stunden) von Judith Herzberg am Residenztheater. Wieder ein „Tableau“. Gesehen hatte ich zuletzt „Effingers“ (4 Stunden) an den Münchner Kammerspielen und „Unsere Zeit“ (6 Stunden) ebenfalls am Residenztheater.
Vorab: Die Inszenierung ist schon wegen der vielschichtigen Texte von Judith Herzberg, an die sich Stefan Kimmich mit dieser Inszenierung genau hält, sehr gelungen! Man wohnt drei Familientreffen bei, verfolgt die vielen kurzen Gespräche der Beteiligten. Die Inszenierung selbst hält sich gestalterisch angenehm zurück. Es ist der Text! Ich selbst bin im Laufe der fünfstündigen Inszenierung immer mehr in den Sog all der Themen, die in verschiedensten Aspekten zur Sprache kamen, gefallen und habe das Theater schließlich mit vielen Gedanken und mit dem Gefühl verlassen, eine rundum gelungene Inszenierung gesehen zu haben. Ansehen! Die Inszenierung ist keineswegs belehrend, sondern anregend! Anregend wegen der Gedanken der Beteiligten. Anfangs war alles noch etwas verwirrend, fast ermüdend, man musste erst die Personen zuordnen. Ehepaare, Geschiedene, Neuverheiratete, Eltern, Stiefeltern, Freunde, Verwandte, Verstorbene … Man merkte aber mehr und mehr, je mehr man sah: Die Sache wurde rund, man verstand die Beteiligten immer besser. Gut, dass die Inszenierung 5 Stunden dauerte!
Ich habe also zuletzt drei „Tableaus“ gesehen: „Effingers“ war die sehr historische Darstellung einer großen Familie, die in der Zeit zwischen 1870 und den Beginn des Zweiten Weltkrieges lebte. Schwere Umbrüche rein historisch betrachtet. HIER mein Bericht dazu. Die Inszenierung „Unsere Zeit“ wiederum brachte ein modernes Gesellschaftstableau auf die Bühne. Ein Tableau von Personen, die sich – teils – über ihre zahlreichen Treffen an einer Tankstelle, aber auch über Verwandtschaft und Beziehungen kennen. Man merkte bei dieser Inszenierung (von Simon Stone): Hinter jeder Person steckt im Grunde ein schweres Einzelschicksal! HIER mein Bericht hierzu. Und nun „Die Träume der Abwesenden“. Diese Inszenierung bringt das zeitnahe Tableau einer jüdischen Großfamilie aus Amsterdam auf die Bühne, bei der seit Generationen (es spielt zwischen den 1970er-Jahren und der Jahrtausendwende) vor allem das Thema der Judenverfolgung und die Schicksale der früheren Generationen mitschwingen. Die Themen schwingen mit auf den drei Festivitäten, bei denen sich die Beteiligten immer wieder treffen.
„Die Träume der Abwesenden“, inszeniert von Stefan Kimmig, basiert auf einer Trilogie der (heute 97jährigen) jüdischen Autorin Judith Herzberg mit den Teilen „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“.
Ein Foto von Judith Herzberg:
Man sieht fünf Stunden lang, wie sich die einzelnen Personen in kurzen und nur manchmal etwas längeren Unterhaltungen miteinander auseinandersetzen. Es wird helfen, wenn man sich die Beziehungen der vielen Beteiligten vorab ansieht. Im Programmheft der Inszenierung findet sich ein Überblick über den Familienstammbaum! Hier ein Foto:
Was macht die Texte von Judith Herzberg und damit auch die Inszenierung aus?
Das Kunstvolle der Texte: Man könnte ja meinen, es ginge „schon wieder“ um die Vergangenheit der Judenverfolgung! In der Tat ist dies immer wieder ein Hauptthema und natürlich zieht sich dieser Aspekt durch die fünf Stunden hindurch! Aber – und gerade das macht meines Erachtens die Texte von Judith Herzberg aus – das allein ist nicht das einzige Thema! Es geht generell um das Leben, um das Vergessen, das sich Erinnern, das Mit-Sich-Tragen der Vergangenheit, um das Altern, den Tod, die Einstellung zum Tod. Um die verschiedenen Generationen, ihre Einstellungen und Sichtweisen, um den Kampf jedes/r Beteiligten mit sich und seiner/ihrer fernen und seiner/ihrer nahen Vergangenheit. Aber erst das Verweben all dieser Aspekte miteinander macht die Texte aus! Die Texte von Judith Herzberg sind dabei nicht historisierend verengt, sie weiten vielmehr den Blick! Schon der Gedanke „Die Träume der Abwesenden“. Es ist die schöne Überlegung: Wir leben die Träume der Verstorbenen. Sicher: Die Träume der Verstorbenen bestimmen nicht komplett unser Leben, sie spielen aber immer wieder herein, so der Gedanke, was natürlich vieles erschwert.
Was die Texte von Judith Herzberg aber noch so interessant macht (mein Eindruck): Zwischen allen Beteiligten werden im Grunde ständig Dinge gesagt, die sie sich eigentlich nicht sagen, die eher gedacht werden. Das Ungesagte kommt umso ehrlicher und direkter zwischen allen Beteiligten ständig zu Wort! In diesen vielen vielen kurzen, oft lauten Gesprächen. Selbst wenn anfangs der Inszenierung Einiges noch etwas gewollt erschien, löste sich dieser Eindruck im Laufe der Inszenierung vollständig auf. Die SchauspielerInnen spielen sich mehr und mehr in ihre Rollen hinein! Mehr und mehr lernt man damit die vielen Beteiligten – insgesamt 15 SchauspielerInnen aus dem Ensemble des Residenztheaters – kennen.
Die Inszenierung und das Bühnenbild wollen bei alledem nicht irgendwie die drei Texte interpretieren oder mit noch mehr Themen verweben. Entscheidend bleiben die Texte so, wie sie sind. Alle Schauspieler und Schauspielerinnen erhalten damit viel Spielraum und überzeugen allesamt zunehmend im Verlauf der 5 Stunden. Allein eine riesige runde Lichtapparatur, die – kann man sich denken – irgendwie zeigt, dass alles miteinander verwoben ist – gedanklich, menschlich, historisch, in der Erinnerung, im Verhalten, in der Kommnikation – bestimmt gegen Ende den Hintergrund der Bühne:
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Und HIER ein Trailer.
Mein Tipp: Ich hatte es schon einmal gesehen und empfehle es! Übermorgen, am Freitag, den 15. Oktober um 20.00 Uhr, ist es erneut zu sehen. Es lohnt sich! Ursprünglich war es entwickelt für die Bühne, dann wurde es von Sebastian Hartmann wegen Corona umgearbeitet für das Streaming. Es wurde eine meines Erachtens sehenswerte und bestens gelungene Kombination aus Theater und Film. „LEAR“ heißt das Stück, eine Kombination von „King Lear“ nach William Shakespeare und „Die Politiker“ von Wolfram Lotz.
Vorgestern, Samstag, 09. Oktober 2021, war Premiere an den Münchner Kammerspielen. LIKE LOVERS DO ist ein Text von Sivan Ben Yishai, der 1978 in Tel Aviv geborenen Autorin und Regisseurin, die seit einigen Jahren (2012) in Berlin lebt. Sie schreibt meist rohe, brutale Texte – scheint mir (so gut kenne ich sie nicht) – über die Rollenzuschreibungen von Mann und Frau vor allem, über das Sexuelle.
Die Inszenierung hier an den Münchner Kammerspielen war ein weiterer Versuch, einen ihrer Text auf die Bühne zu bringen. Nicht leicht, da bei diesen Texten im Grunde in keinster Weise erkennbar ist, dass man sie als Theaterstück bringen kann. Es ist ein Text, kein Theaterstück. Texte von Sivan Ben Yishai sind aber schon oft auf die Bühne gekommen. Mehrfach in Berlin (Deutsches Theater Berlin, Maxim Gorki Theater), auch in Bochum, Lübeck, Mühlhem, Stuttgart, auch schon in München an den Kammerspielen (HIER ein Video dazu, „Liebe, eine argumentative Übung“).
„Like Lovers Do“ ist wieder ein schlichtweg extremer, ein roher und immer wieder geballt brutaler und gnadenloser Text, der für die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen offenbar durch eine bunte und fast albern futuristisch wirkende „Kinderatmosphäre“ auf der Bühne, dann teils durch die Aktionen der SchauspielerInnen und dann noch durch eine manchmal irgendwie auch fast etwas lächerlich wirkende Albernheit des Textes (trotz aller Brutalität) mit Leichtigkeit aufgefangen werden soll. Siehe das Beitragsbild oben. Anders wird es auch kaum gehen, der Text ist zu heftig, pornographisch geradezu.
Der Zuschauerraum war übrigens auffallend – fast durchgängig – von jungen Zuschauern besetzt! Kennen Sie Sivan Ben Yishai? Interessiert Sie das Thema? Kommen sie wegen der jungen Regisseurin Pinar Karabulut? Oder kommen sie wegen der Kombination der beiden schon jeweils für sich gesehen recht extremen Personen: Der Autorin Sivan Ben Yishai und der Regisseurin Pinar Karabulut? Oder einfach wegen der Buntheit der Inszenierung?
Sivan Ben Yisha jedenfalls legt mit diesem Text nicht nur irgendwie „den Finger in die Wunde“, sondern zeigt in ihm ganz extrem und ganz direkt viele viele Dinge, die einfach Realität sind. Tief in uns allen sitzende Rollenzuschreibungen! Thematisiert wird alles extrem an sexuellem Missbrauch, Gewalt, Männerrollen, Frauenrollen, Vergewaltigungen, Porno, Morde … Brutalste Verhaltensweisen zwischen Mann und Frau, es geht aber auch um Wünsche, Erwartungen, das Verhalten der Frauen. Sie will in diesem „zerrissenen“ Text letztlich die Zeit zurückdrehen, Jahrhunderte zurück, es hätte doch alles anders werden können. Der Text rauscht natürlich leider ein wenig an einem vorbei, es ist alles sehr viel. Akustisch ist er leider auch nicht immer gut zu verstehen. Es ist auch schnell und viel. Schauspielerisch verschwinden die SchauspielerInnen fast hinter ihren futuristischen – oder: auch wieder etwas albernen – Aufmachungen.
Hier noch ein Foto:
Fazit: Es ist immer interessant, all diese Dinge mit anderen Augen zu sehen, man weitet ja seinen Blick. So extrem und so geballt wie in diesem Text, findet man eine subjektive Sichtweise aber fast selten. Man kann das Stück als Anlass nehmen, Texte von Sivan Ben Yishai zu lesen! Dann kann man sich noch länger mit ihren Texten auseinandersetzen!
Die Regisseurin Pinar Karabulut wird übrigens mit „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ schon Ende Oktober eine weitere Premiere An den Münchner Kammerspielen haben. HIER der Link zur Stückeseite von „Der Sprung vom Elfenbeinturm“.
HIER der Link zur Stückeseite von „Like Lovers Do“ mit weiterem Material und einer Einführung.
HIER der Link zur persönlichen Website von Sivan Ben Yisha.
In der jetzt so genannten „Therese-Giehse-Halle“ der Münchner Kammerspiele, vormals Kammer 2, war gestern Premiere des Stückes „Heart Chamber Fragments“, ein Performanceabend der chinesischen Truppe Paper Tigers. Auch Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele wirken mit. Viel Tanz und Bewegung, basierend offenbar auf drei Texten: Jean-Luc Nancys Der Eindringling, Franz Kafkas Der Bau und Tao Yuanmings Der Pfirsichblütenquell.
Wie diese drei Texte zusammenpassen, erschließt sich mir nicht ganz. Im ersten Text geht es um eine Herztransplantation, im zweiten und dritten Text geht es irgendwie eher um das Unbewusste, Träumerische. Dass es darum geht und wie diese drei Texte zusammenpassen sollen, entnehme ich vor allem dem Programmheft. Der Performance selbst kann ich es selten entnehmen.
Der Vorteil der Performance: Teilweise schöne Bilder durch den Tanz, die Bewegungen, und die Gesamtdarstellung. Manchmal wenigstens. Der Nachteil meines Erachtens: Emotionen spielen keine Rolle, alles wird ganz nüchtern, extrem nüchtern, dargestellt. Nur ein- oder zweimal blitzen – extrem allerdings – Emotionen auf. Einmal weint einer der Beteiligten heftig und einmal wütet ein anderer Beteiligter heftig. Dies sind dann meines Erachtens auch sofort ergreifende Szenen, die der Performance gut taten! Mehr davon hätte auch gut getan. So bleibt es aber insgesamt eine schwer verständliche Tanzperformance.
Zwei Dinge waren für mich noch auffallend: warum werden die gesprochenen Texte oder auch andere Texte an der Rückwand in Chinesisch wiedergegeben? Und: Man hat zu viel an Choreografie gespürt, finde ich. Jede Bewegung war irgendwie exakt geplant.
Ein Wort noch zur „Therese-Giehse-Halle“: Nichts gegen Therese Giehse, aber die Spielhalle der Kammerspiele gleich nach ihrem Namen zu benennen, halte ich für etwas verwegen. Was ist denn, wenn der oder die Nachfolger*In der jetzigen Intendantin Barbara Mundel die Halle wieder anders nennen möchte! Ist das dann ein Akt gegen Therese Giehse?
HIER der Link zur Stückeseite. Heute Abend und am kommenden Dienstagabend ist es wieder zu sehen.
Ich hatte es im letzten Blogbeitrag schon erwähnt: In den Münchner Kammerspielen habe ich nun das Stück „Effingers“ gesehen. Ein Familientableau aus der Zeit 1883-1942. Ich hatte es schon im letzten Blogbeitrag erwähnt, weil ich kurz danach am Münchner Residenztheater ebenfalls ein Stück gesehen hatte, das ein großes Tableau beteiligter Personen bietet. Allerdings aus modernen Zeiten, „Unsere Zeit“ von Simon Stone. Beide Inszenierungen sind große Ensemblearbeiten.
„Effingers“ basiert auf einem Recht monströsen Buch der jüdischen Schriftstellerin Gabriele Tergit, die in der Zeit von 1894-1982 lebte. Die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen war die „Welturaufführung“ dieses Stückes. Regie hatte Jan Bosse. Die nächsten Aufführungen von „Effingers“ sind am 1., 16. und 17. November.
Drei Generationen:
der Bankier Emmanuel Oppner, der die Geschäfte der Geschwister Effinger finanzieren wird, und seine Frau Selma Oppner
deren vier Kinder Theodor, Sofie, Klara und Annette
dann Karl und Paul Effinger, die zunächst eine Schraubenfabrik gründen und später in die Automobilbranche eintauchen. Sie sind etwa im Alter der Kinder des Bankiers Oppner – also mittlere Generation – und heiraten dessen Töchter Klara und Annette
deren Kinder wiederum, die dritte Generation, darunter etwa Lotte (Tochter von Paul Effinger und Klara Oppner) und Marianne (Tochter von Karl Effinger und Anette Oppner)
Es sind weitere Personen im Familientableau. Hier findet man den kompletten Stammbaum des gesamten Tableaus, hilfreich für den Besuch der Inszenierung:
Im Programmheft werden diejenigen Elemente genannt, die das Leben dieser drei Generationen deutlich bestimmten: „Industrialisierung, Jahrhundertwende, der 1. Weltkrieg, die beginnende Frauenbewegung, eine Pandemie, Inflation, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Faschismus.“ Vor diesem Hintergrund wird die Familiengeschichte der Effingers aufgeblättert. Große Umbrüche.
Die Bühne ist weitgehend leer, im hinteren Teil steht eine große Plexiglaswand, auf die manchmal Fotos einzelner Personen der drei Generationen projiziert werden. Auch kleine Videos werden dort gezeigt, der obige Stammbaum wird zum Teil mit Kreide drauf geschrieben, Jahreszahlen werden drauf geschrieben. Die Familienmitglieder stellen sich immer wieder zu Gruppenfotos zusammen. All das – zusätzlich zur immer zeitgemäßen Kostümierung der Personen – gibt Orientierung. Ansonsten stehen links und rechts auf der Bühne viele Stühle, oft sitzen die Schauspieler auf diesen schmucklosen Stühlen.
Es ist ein Abend, der nicht zur Fantasie angeregt, es ist eine dokumentarische Schilderung der drei Generationen. Schade, ich bevorzuge Theaterabende, die meine Fantasie anregen. Ich vermute, dass etwas mehr an „freiem Griff“ in die Familienentwicklungen möglich gewesen wäre. Mehr Wagnis, die Charaktere zu zeigen. Weder das Thema, noch die Art der Inszenierung, auch nicht das Bühnenbild, wecken aber Fantasie. All die Elemente, die die damalige Zeit prägten, sind ja hinlänglich bekannt. Der Familienroman von Gabriele Tergit mag beeindruckend sein, es bleibt aber auf der Bühne leider eine rein dokumentarische, nüchterne Arbeit. Sie bietet kaum Gelegenheit für die Schauspieler, sich vielseitig zu zeigen. Gut, man hat die Gelegenheit, viele neue Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele kennen zu lernen. Allzu viele Gelegenheiten dazu gab es ja in den letzten Jahren nicht.
Edmund Telgenkämper stach für mich heraus. Er hatte meines Erachtens sehr große Bühnenpräsenz. Dazu das Beitragsbild oben.
Fazit: Wer rein historisch an dieser Zeitspanne der riesigen gesellschaftlichen Umbrüche vor den beiden Weltkriegen interessiert ist, nicht etwa irgendwelche Bezüge zum Leben in unserer Zeit erwartet, hat hier Gelegenheit, eine entsprechende Familiengeschichte zu sehen.
HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Es war ein intensives Theaterwochenende: (JETZT WEITERLESEN!) Am Samstag fast vier Stunden „Effingers“ in den Münchner Kammerspielen und am Sonntag fast sechs Stunden „Unsere Zeit“ im Münchner Residenztheater. Gemeinsamkeiten? Zunächst einmal: Zwei bekannte Regisseure – Jan Bosse (Münchner Kammerspiele) und Simon Stone (Münchner Residenztheater).
Weiter: Beide Stücke sind eine Art „Gesellschaftstableau“, jeweils für eine völlig eigene Zeitspanne und mit völlig unterschiedlichen Herangehensweisen. Weiter: Beide Theater zeigen endlich wieder einmal einen recht großen Teil ihrer Ensembles: Insgesamt 28 Schauspieler und Schauspielerinnen!
Vollkommen unterschiedlich dagegen waren beide Inszenierungen ansonsten, sehr interessant! Zu einem ersten Vergleich vorab: (In diesem Artikel gehe ich ansonsten auf „Unsere Zeit“ vom Münchner Residenztheater näher ein).
„Effingers“: Das Stück in den Münchner Kammerspielen schildert die Zeit in Deutschland zwischen 1883 und 1914 – vor dem ersten Weltkrieg. Basierend auf dem sehr umfangreichen Familienroman „Effingers“ von Gabriele Tergit (1894-1982). Das Buch ist eher dokumentarisch – ein historisches Familientableau, drei Generationen. Fazit: Die Inszenierung war mir dadurch zu dokumentarisch und historisch.
„Unsere Zeit“: Das Stück am Münchner Residenztheater schildert dagegen (in seiner Art) die heutige Zeit in Deutschland zwischen 2015 und 2021. Nicht basierend auf einem Roman, sondern auf einer Entwicklung von Simon Stone, der mit dieser Inszenierung Menschen an einer Tankstelle zeigt, die er mit dem Gesamtwerk von Ödon von Horvath, mit Textstellen und Gedanken daraus verbindet. Mein Fazit hier: Schauspielerisch durch die Bank wirklich großartig und insgesamt packend!
Weiteres zu „Unsere Zeit“: (Die nächsten Termine sind übrigens schon heute und in den nächsten Tagen!) Die Inszenierung ist eingeteilt in drei Teile. Im dritten Teil, der nicht mehr stringent an ein bestimmtes Jahr oder an bestimmte Jahre der gezeigten Zeitspanne gebunden ist, löst sich alles auf! Eine Tankstelle, wohl in einem kleinen bayerischen Ort, vielleicht an der Autobahn. Dort treffen sich immer wieder Menschen, die sich gegenseitig zum Teil kennen oder sogar verwandt miteinander sind. Wie schon bei Ödon von Horvath: Jeder Mensch hat seine Probleme, seine Vergangenheit, seine Wünsche, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen. Aus teilweise ganz normalen Gesprächen dieser Menschen kann man diese Elemente heraushören. Bestimmte Dinge entwickeln sich auch, aber man weiß längst nicht alles.
Ich erinnere mich übrigens an den für mich besten Film, den ich jemals im Fernsehen gesehen habe: Eine zum Teil preisgekrönte Verfilmung von Ödon von Horvath’s „Kasimir und Karoline“. HIER ein Trailer dazu!
Und ich erinnere mich daran, dass mein Vater einen guten Freund hatte, Traugott Kirschke, der nach jahrelangen Recherchen ein Buch über den damals etwas vergessenen Ödon von Horvath geschrieben hatte. Ich glaube mich zu erinnern, dass für Traugott Krischke dieses Buch viele viele Jahre lang das große Hauptthema war! Ödon von Horvath starb ja schon im Alter von 38 Jahren in Paris durch einen im Sturm herabgefallenen Ast.
Zurück zu „Unserer Zeit“: In den ersten beiden Teilen der Inszenierung – in den ersten etwa vier Stunden – kommt man Stück für Stück den verschiedenen Personen des Stückes näher. Meist durch einfache schnelle Begegnungen des Alltags. Wie im richtigen Leben: Man ahnt nur, dass jeder seine Geschichte hat, seine Motive, seine Wünsche, seine Ängste, seinen Charakter. Jeder spricht ja im Grunde nur Fetzen von all dem, was er meint. Stück für Stück öffnen sich aber so durch kurze Äußerungen, durch schnelle Unterhaltungen (auch einmal durch etwas längere Unterhaltungen) Türspalte zu diesen Personen. Erstaunlicherweise werden einem die Menschen genau dadurch etwas „verständlicher“. Simon Stone greift – wie schon Ödon von Horvath es gerne tat – das allgemeine Leben auf, hier das Leben an einer Tankstelle, und trifft damit auf Menschen und ihre Charaktere! So leben wir. Wir können ja gar nicht anders leben. Kurze Begegnungen. Und doch entwickeln sich wichtige Dinge. Es wird ja auch nicht nur banales Zeug geredet. Jeder äußert irgendwie immer wieder verschiedene wichtige Dinge. Gesellschaftlich oder persönlich.
Andererseits: Es sind insgesamt sehr viele Unterhaltungen zwischen all den Personen. Natürlich ist es daher nicht leicht, allen Details zu folgen. Man ist als Zuschauer allerdings manchmal sehr aufnahmefähig, fand ich, weil man genau diese Art von Unterhaltung kennt, gewohnt ist. Das Anreißen von Themen. Die Unterhaltungen treffen immer wieder Punkte, die persönlich oder gesellschaftlich in unserem modernen Leben einfach Thema sind. Flüchtlingskrise, Kapitalismus, MeToo, Corona, Soziales, München, vieles wird angesprochen. Als Zuschauer hat man es eine Zeit lang trotzdem irgendwie leicht, vielleicht haben wir uns alle durch Gewöhnung eine Technik angeeignet, derartigen Unterhaltungen gut folgen und sie interpretieren zu können.
Der dritte Teil der Inszenierung ist dann die eigentliche Offenlegung der aktuellen Situationen der Beteiligten, ihrer aktuellen „Prägungen“. Alle stecken irgendwie in Problemen, hatten teils fürchterliche Erlebnisse in ihrer Vergangenheit. Tragen jetzt die Erinnerungen daran mit herum. Meist handelt es sich um ihre „Prägung“ durch etwas aus ihrer Vergangenheit, manchmal auch um Prägung durch die gegenwärtige Situation oder durch Wünsche/Ängste etc. für die Zukunft. „Offenlegung“ der Art, wie man sie im Alltag nicht erfährt, auch in den ersten beiden Teilen der Inszenierung im Detail zum Großteil nicht erfahren hatte. Diese Prägungen und Gefühle werden im dritten Teil jeweils durch längere Monologe und Dialoge offengelegt. Es sind teilweise ergreifende Monologe und Dialoge. Etwa die Fluchtschilderungen von Hawal, dem in der Tankstelle arbeitenden Flüchtling. Seine Schuldgefühle. Auch andere Schilderungen! Ergreifend, weil man meinte, diesen Personen ansatzweise schon näher gekommen zu sein.
Verbunden wird diese Offenlegung zudem im dritten Teil noch mit einer Rückschau auf schreckliche Ereignisse an der Tankstelle. Eine wiederum sehr brutale „Lösung“, ein Amoklauf einer der Personen, die zuvor an der Tankstelle zu sehen waren. Das war an sich fast nicht nötig für diese Inszenierung, fand ich! Brutal und erschütternd, verstörend, weil es ein wenig zu sehr aus dem „Nichts“ kam. Im dritten Teil der Inszenierung kommen also geballt teils sehr schwere Schicksale der Beteiligten auf einen zu.
Jedenfalls ist es eine schauspielerisch von jeder Person wirklich hervorragende Inszenierung! Ähnlich hatten ja einige der Schauspieler und Schauspielerinnen schon in der letzten großartigen Inszenierung von Simon Stone, in „Drei Schwestern“, überzeugt. Auch dort wählte Simon Stone ja den Ansatz: Alltagsgespräche, Alltagssituationen! Aber auch inhaltlich gefiel mir die Inszenierung „Unsere Zeit“.
Fazit: „Alltag“ (die ersten zwei Teile der Inszenierung „Unsere Zeit“) bietet uns leider kaum die Möglichkeit, Schicksale und Sehnsüchte etc. der Person, auf die wir so treffen, wirklich genau zu erkennen. Wann „kennt“ man schon eine Person, mit der man kommuniziert?