Ein nicht so schlechter Text aus Richard Powers‘ „Die Wurzeln des Lebens“. So kann man es auch sehen. Das Beitragsbild oben ist aus „Caspar Western Friedrich“ von Philippe Quesne, das 2017 an den Kammerspielen gezeigt wurde. Das Verhältnis des Menschen zur Natur.
Der Text:
„Stellen wir uns vor, der Planet wird um Mitternacht geboren, unsere Lebensspanne beträgt genau einen Tag.
Zuerst ist da nichts. 2 Stunden vergehen allein mit Lava und Meteoren. Leben zeigt sich erst gegen drei oder vier Uhr morgens. Und auch da sind es nur die einfachsten selbstreplizierenden Bausteine. Von der Morgendämmerung bis zum Vormittag – eine Million Millionen Jahre Verzweigungen – nichts als simple, schlichte Zellen.
Dann ist da alles. Etwas Unglaubliches geschieht, kurz nach Mittag. Eine Variante dieser einfachen Zellen versklavt einige andere. Zellkerne bekommen Membranen. Zellen entwickeln Organellen. Was anfangs ein Zeltplatz für einen war, entwickelt sich nun zur Stadt.
Der Tag ist zu zwei Drittel um, als die Wege von Pflanzen und Tieren sich trennen. Und trotzdem besteht das Leben immer noch nur aus Einzellern. Es wird schon dunkel, als sich die ersten komplexeren Zellgebilde zeigen. Alle größeren Lebensformen sind Spätankömmlinge, stellen sich erst nachEinbruch der Dunkelheit ein. Neun Uhr abends beschert der Welt Quallen und Würmer. Später in derselben Stunde beginnt das Gewimmel – Rückgrat, Knorpelgewebe, eine Explosion der Körperformen. Von einem Augenblick auf den anderen sprießen überall in der sich immer weiter ausbreitenden Krone neue Äste und Zweige und wachsen in rasendem Tempo.
Um kurz vor zehn ziehen die ersten Pflanzen an Land. Dann Insekten, die sich sogleich in die Lüfte erheben. Augenblicke später kommen Landwirbeltiere aus dem Schlamm am Gezeitensaum gekrochen und bringen auf ihrer Haut und in ihrer Eingeweiden ganze Welten aus älteren Geschöpfen mit. Als es elf schlägt, ist die Zeit der Dinosaurier schon vorbei, und sie übergeben das Kommando für eine Stunde an die Säuger und Vögel.
Irgendwo in diesen letzten sechzig Minuten, hoch oben, fast am oberen Rand des stammesgeschichtlichen Blätterdachs, entwickelt das Leben Bewusstsein. Die Geschöpfe fangen an zu spekulieren. Tiere bringen ihren Kindern bei, was Vergangenheit und Zukunft sind. Tiere lernen, wie sie Rituale abhalten.
Der im anatomischen Sinne moderne Mensch taucht vier Sekunden vor Mitternacht auf. Erste Höhlenmalereien gibt es drei Sekunden darauf. Und im Tausendstel eines Klicks des Minutenzeigers löst das Leben das Geheimnis der DNA und macht sich erstmals ein Bild vom Baum des Lebens. Als die Mitternacht kommt, besteht fast der gesamte Erdball aus Monokulturfeldern, zur Erhaltung und Ernährung einer einzigen Spezies. Und das ist der Moment, in dem sich der Baum des Lebens von neuem verwandelt. Der Augenblick, in dem der mächtige Stamm ins Wanken gerät.“
Erst das Buch, dann unten dazu etwas Musik. Es ist ein erstaunliches Buch, das ich empfehlen kann. Ich finde es lesenswert. Meine Bewertung (1 – 10): 📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)
Es ist eine recht besondere Art der Darstellung, es ist ein recht besonderer Schreibstil, es verbleibt ein recht besonderes Gefühl. Verschiedene Personen – die alle im ersten der drei Kapitel dargestellt werden – entwickeln sich im Roman sehr unterschiedlich, kommen aber zum Teil zusammen.. Man braucht Zeit für das Buch (ca. 700 Seiten), aber man möchte ständig weiter lesen, denke ich.
Wegen der inhaltlichen und stilistischen, der erzählerischen Qualität, es hat wenige „Durchhänger“. Alles ist im Präsensstil geschrieben, was es noch eindrücklicher macht. Es sind „normale“ Schicksale, aber mit besonderen Erlebnissen! Teilweise finden die Personen im Lauf des Romans, wie gesagt, zusammen. Richard Powers kann wahrlich gut erzählen. Ich hatte vor Jahren schon seinen Roman „Klang der Zeit“ gelesen. Auch dieses ebenfalls sehr umfangreiche Buch fand ich damals absolut lesenswert und wunderbar (Amerika aus jüdischer und dunkelhäutiger Sicht einer Familie in New York. Zwei Söhne musikalisch hochbegabt.)
Und was ist der Kern des Ganzen? Es geht in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung um ein riesiges Thema: Den Baum, die Natur, den Menschen! Damit ist alles verwoben. Alle setzen sich für die Rettung der Bäume und der Natur ein!
Sie machen unterschiedlichste Dinge, die Personen in „Die Wurzeln des Lebens“. Die Ausgangspunkte ihre Leben werden – einer nach dem anderen – im ersten Kapitel (fast 200 Seiten) nebeneinander geschildert. Im zweiten und dritten Teil versteigen sich ihre Lebenswege, ihre Aktivitäten, ihre Schicksale nicht nur weiter in ihrem jeweiligen unterschiedlichen Kampf und dem Verständnis für Bäume, sondern sie verweben sich – teilweise – miteinander. Es sind Schicksalswege, die sich kreuzen. Man muss allerdings gut aufpassen, will man die einzelnen Wege gut auseinander halten. Zum Teil werden oder sind sie Aktivisten für Bäume, für Riesenbäume in Amerika. Sie heißen: Nicholas Hoel, Mimi Ma, Adam Appich, Ray Brinkmann, Dorothy Cazaly, Douglas Pavlicek, Neelay Mehta, Patricia Westerford, Olivia Vandergriff.
Und das Schicksal jeder einzelnen Person wurde bereits oder wird irgendwann von Bäumen beeinflusst. Ja, von Bäumen! Mit manchem Schicksalsschlag. Einer fiel als Junge von einem Baum – und war seitdem querschnittsgelähmt, einer wurde in Kambodscha nach einem Sprung aus einem Flugzeug von einem Baum aufgefangen und so weiter.
Dem Thema wird man auf besondere Art und Weise näher gebracht! Vor Beginn des dritten Kapitels liest man eine wunderbare Überlegung:
Es mag missionarisch klingen, doch das Buch ist es nicht! Die oben gezeigte Überlegung stellt nicht den durchgehenden Schreibstil des Romans dar. So pathetisch wird nicht durchgehend geschrieben.
Es sind eher immer wieder kleine Aussagen, die den Wert der Bäume und der Natur ausdrücken. So, dass man einen Blick und Sinn für die Natur, speziell für Bäume, bekommt. Nach dem Motto „Erst die Erde (oder Bäume), dann der Mensch“. Aber es läuft fatalerweise immer schon andersherum: „Erst der Mensch, dann (erst) die Erde“. Oder eben: „… dann (erst) die Bäume“. So macht der Mensch „in letzter Sekunde“ (siehe oben) vielleicht alles kaputt.
Zitate aus verschiedensten Stellen, Äußerungen verschiedenster Personen des Romans sind etwa:
Das Staunenswerteste, was 4 Milliarden Jahre Leben hervorgebracht haben, braucht Hilfe. (Bäume)
Grenzenlose Eigenliebe darf nicht mehr der Maßstab des Lebens sein.
Weiden, Pappeln, Erlen: Sie alle werden dabei ertappt, wie sie einander auf dem Luftweg vor Insektenüberfällen warnen.
(Der Wald:) … eines der ältesten, größten Lebewesen des Planeten …
Die Photosynthese ist ein schieres Wunder. Sie ist das Fundament für die gesamte Kathedrale der Schöpfung. All der Lärm, der um das Leben auf der Erde gemacht wird, ist nichts als Begleitmusik zu dieser atemberaubenden magischen Kunst.
Als hätten die Wälder 400 Millionen Jahre lang auf uns Anfänger gewartet.
Es gibt keine Einzelwesen im Wald. Jeder Baum ist von anderen abhängig.
… Kommunikation der Bäume …
… Studien… die belegen, dass kongenitale kognitive Blindheit die Menschen für alle Zeiten daran hindern wird, das zu tun, was gut und richtig für sie wäre.
Das Leben. Der Planet. Wir bekommen ja schon unsere Strafe. Aber selbst jetzt gilt man doch noch als Irrer, wenn man das sagt.
Aber die Menschen interessieren sich nicht für Hoffnung und Wahrheit, wenn der Nutzen fehlt.
Und so weiter. All diese „hochtrabenden“ Aussagen werden gerade dadurch so glaubhaft, dass man im Grunde vor allem verschiedene individuelle Schicksalswege verfolgt. Man bekommt mit diesem Buch Mitgefühl für Bäume und ein Gefühl für das, was wir mit ihnen machen. Es lohnt sich.
Dazu passend ist ein Titel von Olafur Arnalds, Tree:
Etwas für den Theaterfreund, der William Shakespeare‘s Stücke mag:
Für mich war es aktuell Übermaß! Im Übermaß habe ich Inszenierungen von Dramen von William Shakespeare gesehen. Die Darbietung des klassischen Theaterstoffs ist ja nicht die Art von Theater, die ich bevorzuge. Trotzdem: Ich wollte sehen, wie man in verschiedenen Inszenierungen mit einem solchen Klassiker umgeht! Dreimal „Macbeth“. Natürlich habe ich auch schon beispielsweise „Hamlet“ oder „Otello“ gesehen. Beides übrigens an den Kammerspielen. Das ist allerdings schon lange (Otello) bzw. etwas länger (Hamlet) her.
Es geht aber noch weiter: Im Januar werde ich am Münchner Residenztheater auch noch William Shakespeare’s „Richard II.“ sehen.
Und dann: Dann habe ich auch noch das aktuelle Buch des großen Shakespeare-Spezialisten Stephen Greenblatt, „Der Tyrann“, gelesen. Immer diese Unkenntnis, dachte ich mir wieder. Dagegen wollte ich etwas tun. Stephen Greenblatt ist ja einer der großen Shakespeare-Kenner, er schreibt – das wusste ich – gut lesbar, nicht wissenschaftlich, eher spannend. Wirklich gut ist übrigens ein weiteres Shakespeare-Buch von ihm: „WillinderWelt“!
Der Siedler – Verlag schreibt zum Buch „Der Tyrann“:
„Wie kann es sein, dass eine große Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, den Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist? In seinen Dramen – von „Richard III.“ bis „Julius Caesar“ – hat sich William Shakespeare immer wieder mit diesen Fragen beschäftigt und vom Aufstieg der Tyrannen, von ihrer Herrschaft und ihrem Niedergang erzählt. Stephen Greenblatt, einer der renommiertesten Shakespeare-Experten unsere Zeit… „
Ich hatte mir erhofft, dass mir als Shakespeare-Laien die Tyrannentypen, die William Shakespeare immer wieder in den Mittelpunkt seiner Dramen stellt, etwas nähergebracht werden, dass Zusammenhänge aufgezeigt werden, die man vielleicht auch heute findet.
Nun, wer William Shakespeare’s Dramen eher gut kennt, für den wird sich dieses Buch auf jeden Fall lohnen! Stephen Greenblatt geht auf die Tyrannentypen in vielen seiner Dramen ein. Mit seinem klitzekleinen Wissensvorsprung! Der Tyrann in KönigLear, in Macbeth, in RichardIII., in RichardII., in HeinrichVI., in Coriolan etc. Stephen Greenblatt erzählt immer wieder von Details aus diesen Dramen, bringt Zitate aus den Werken, geht auf den gesamten Verlauf der Dramen ein. Es wird aber gut sein, wenn man Details kennt, dann wird man immer wieder „Aha-Erlebnisse“ haben. Stephen Greenblatt geht Kapitel für Kapitel auf wohl alle wesentlichen Aspekte ein, die für Tyrannen in Shakespeare’s Augen entscheidend waren:
„Parteipolitik“, „Populismus“, „Charakter“, „Ermöglicher“, „Triumph der Tyrannei“, „Anstifter“, „Wahnsinn“, „Fall und Wiederaufstieg“, „Aufhaltsamer Aufstieg“, so heißen die wesentlichen Kapitel. Interessant allemal.
Zwei Dinge habe ich im Zusammenhang mit diesem Buch erst einmal gelernt:
Die „Rosenkriege“: Als Rosenkriege (Wars of the Roses) werden die mit Unterbrechungen von 1455 bis 1485 geführten Kämpfe zwischen den beiden rivalisierenden englischen Adelshäusern York und Lancaster bezeichnet. Darum geht es bei manchen der „Tyrannendramen“ (so nenne ich sie mal) von William Shakespeare.
Denn: William Shakespeare hatte um diese Rosenkriege herum sogenannte „Historiendramen“ geschrieben: Er hat eine „Lancaster-Tetralogie“ (einmal Richard II., zwei Teile Heinrich IV. und einmal Heinrich V.) und eine „York-Tetralogie“ (drei Teile Heinrich VI. und einmal Richard III.) geschrieben.
Macbeth gehört zwar nicht zu diesen beiden Tetralogien. Es geht aber auch hier um einen „Tyrannen“. „Tyrann“, weil er machtgierig mordet. Stephen Greenblatt geht auf Macbeth ausführlich im Kapitel „Die Anstifter“ ein. Anstifterin des ursprünglich königstreuen Macbeth sind ja Lady Macbeth und irgendwelche Hexen (oder seine Wahnvorstellungen). Macbeth will nicht unmannhaft erscheinen und fängt an zu töten, weil er dann doch König werden will und tötet immer weiter, aus Angst, er könnte seine Macht verlieren. Selbst seinen Freund Banquo tötet er. Und letztlich zeigt sich, dass er überhaupt nicht zum König geeignet ist. Greenblatt zeigt, dass Shakespeare nicht Gesellschaftsphänomene aufzeigen wollte, sondern dass es ihm um die Einzelschicksale der relevanten Typen ging. Die Mutter, die Ehefrau, Geschwister, Wahnvorstellungen, Ehrgeiz, Neid, Unfähigkeit, Charakter, es sind fast immer sehr individuelle Ursachen, mit denen Shakespeare umging. Das einfache Volk spielt kaum eine Rolle, kommt allenfalls sporadisch vor. Bei Macbeth etwa in der Rolle eines Dieners.
Stephen Greenblatt schreibt eng an den Dramen entlang, einfach gehalten und gut lesbar. Man sollte eines der Bücher von Stephen Greenblatt kennen, wenn man Shakespeare-Freund ist. Für „Der Tyrann“, wie gesagt, sollte man William Shakespeare oder am besten sogar die Zusammenhänge der „Rosenkriege“ etwas kennen.
Eines muss ich allerdings noch sagen: Mit „Machtkunde zum 21. Jahrhundert“ – so der Untertitel des Buches – hat dieses Buch nichts zu tun! Stephen Greenblatt sagt zwar in den abschließenden „Danksagungen“, er wollte dieses Buch angesichts der aktuellen politischen Situation (Trump etc.) schreiben, doch davon merkt man im Buch herzlich wenig! Es würde auch etwas weit gehen, zum Beispiel Donald Trump als Tyrannen zu sehen. Auch wenn auch bei Donald Trmp leider viel (zu viel) Egozentrik eine Rolle spielt.
Auch die Frage, die der Siedler-Verlag in der Beschreibung des Buches stellt (siehe oben): Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? spielt im Buch fast keine Rolle!
HIER die Seite des Siedler-Verlags zum Buch. Vielen Dank dem Siedler-Verlag für die Zurverfügungstellung des Buches.
Jetzt habe ich mich irgendwie verrannt! Ich habe in letzter Zeit zuviel gemacht und komme jetzt mit dem Blog nicht mehr nach. Aber bitte: Ich habe einfach mehr Zeit für diese Dinge, als wahrscheinlich (fast) alle anderen. Und das will ich ja nur „teilen“, wie es so schön heißt. Gut, als Rentner könnte man es ebenso handhaben.
Also, da war zuletzt:
– „Macbeth“ von den Münchner Kammerspielen hatte ich gesehen. Da muss ich noch etwas drüber schreiben.
– „Macbeth“ hatte ich kürzlich auch am Münchner Residenztheater gesehen. Auch darüber will ich noch schreiben. Über Macbeth am Berliner Ensemble hatte ich ja Gottseidank schon geschrieben (HIER).
– Das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt über William Shakespeare’s Tyrannengestalten lese ich zu meiner Macbeth-Trilogie gerade noch. Ist natürlich auch einen kleinen Beitrag wert. Es ist schon fürchterlich, wenn man versucht, die Dinge etwas besser zu verstehen.
– Dann hatte ich den Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oskar Wilde gelesen, weil ich kürzlich die Performance „Creation“ nach diesem Roman gesehen hatte (HIER der Bericht). Auch über dieses Buch sollte noch etwas kommen.
– Gestern hatte ich dann an den Kammerspielen wieder etwas gesehen: „Die Wiederholung“ von Milo Rau. Auch darüber würde ich ja gerne etwas schreiben. Gerade an diesem Stück zeigte sich wieder einmal: Nur konsumieren geht nicht! Ich muss mir Gedanken darüber machen, darüber reden, es steht ja alles immer in einem Zusammenhang!
– Morgen werde ich die Premiere von „Kill the Audience“ an den Kammerspielen sehen. Das ergibt auch wieder einen kleinen Beitrag.
– Und irgendwie habe ich sogar den Eindruck, da fehlt noch etwas.
Und das ist ja nicht unbedingt alles! Ich gebe fast jeden Tag ein wenig Nachhilfe, ich lese noch etwas anderes („4 3 2 1“ von Paul Auster ist es gerade, auch kein schmales Heftchen), ich schreibe manchmal etwas (wenig zurzeit) und so weiter. Alles nicht so einfach. Gut, ich wohne ca. 200 Meter entfernt von den Kammerspielen und zum Residenztheater sind es vielleicht 800 Meter. Und da ist dann noch ein wenig Politik (die Partei mut in Bayern). Eigentlich alles viel zu viel. Da hat man es ja fast leichter, wenn man einfach arbeitet!
Bücher zum Theater: Hier zum Thema SchauspielerInnen VOR und NACH ihrem Auftritt.
Ich hatte zuletzt geschrieben über Fotografien von Cordula Treml über SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihrem Auftritt. Titel der Ausstellung war „Vor dem Auftritt“. HIER der damalige Beitrag.
Dann hörte ich von dem Buch von der Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich mit dem Titel „Alles Theater“, in dem sie Fotografien von SchauspielerInnen in den Minuten NACH dem Auftritt bringt (erschienen 2015).
Ich habe das Büchlein von Margarita Broich, Alles Theater.
Zu den Fotos gibt es im Buch schöne Statements der abgebildetes SchauspielerInnen. Gesammelt von Brigitte Landes. Interessante Aussagen, die zeigen, wie sich Schauspieler bei der „Schauspielerei“ fühlen, davor und danach – die im Büchlein gezeigten (allesamt erfolgreichen) SchauspielerInnen jedenfalls. Jünger Schauspieler mögen es heute wieder etwas anders sehen, was es für sie bedeutet, auf der Bühne andere Personen zu „spielen“. Ich meine, das „klassische“ Schauspielerbild und das Feeling der SchauspielerInnen haben sich wahrscheinlich geändert. Thema „Sprechtheater“, „Performance“ und generell.
Ein Zitat aus dem Büchlein von Jule Böwe etwa: „Nach der Vorstellung bin ich wie high. Der Körper ist müde, der Kopf wach.“
Und ein Zitat von Kathrin Angerer: „… und finde auch, dass man gut aussieht nach fünf oder sechs Stunden Spielen. Man sieht eigentlich super aus. Man kann danach glatt ausgehen. Man sieht blendend aus. … Das ganze Adrenalin ist noch da.“
Noch ein Zitat: Milan Peschel: „Ich mag diesen Zustand nach einer vierstündigen Aufführung. Da ist so eine Leere im positiven Sinn.“
Zu den schönen Fotos zwei Beispiele (mehr Rechte habe ich nicht bekommen):
1. Aufnahme von Kathrin Angerer:
Das Foto entstand nach „Der Spieler“ von Dostojewski, Regie Frank Castorf, Volksbühne, Berlin 2015
2. Aufnahme von Lars Eidinger:
Das Foto entstand nach „Hamlet“ von William Shakespeare, Regie Thomas Ostermaier, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 2015.
3. Ein Statement noch von Birgit Minichmayer als Beispiel aus dem Buch:
HIER die Seite zum Buch beim Suhrkamp Verlag. Ein kleines Weihnachtsgeschenk …
Ich habe nach „Unter Leuten“, ihrem bekanntesten Werk, jetzt auch ihr neuestes Buch gelesen: „Neujahr“ von Juli Zeh. (HIER die kürzlich gepostete Besprechung von „Unter Leuten“).
Mein Fazit zu ihrem Roman „Neujahr“ vorweg: Ich fand den – deutlich umfangreicheren – Roman „Unter Leuten“ um Einiges interessanter. Vor allem sprachlich hat mich „Neujahr“ eher gelangweilt. Viele Standardbilder, die nicht sehr überraschend beschrieben werden. Es entsteht Spannung, aber keine besondere Stimmung, fand ich.
Die Story von „Neujahr“:
Die Geschichte, die Juli Zeh in ihrem neuesten Roman „Neujahr“ erzählt, ist recht weit hergeholt. Ein Mann radelt am „Ersten Ersten“ des Jahres 2018, also an Neujahr, mit großer Anstrengung – und schlechter Ausrüstung – im Sportwahn hoch auf einen der kargen Berge von Lanzarote – die Familie macht dort gerade Urlaub – zu einem einsam gelegenen Haus und erinnert sich (ab der Mitte des Buches) an sehr eigenartige Dinge aus seiner Kindheit. Mehr kann ich inhaltlich nicht verraten.
Meine Beurteilung von „Neujahr“:
Man merkt durchaus auch an dieser Erzählung: Juli Zeh kann so erzählen, dass man eigentlich zu jedem Zeitpunkt wissen will, wie es weitergeht. Sie lässt immer wieder viele Dinge offen und steigert die Spannung. Man erwartet dauernd etwas. Das macht das Lesen spannend, keine Frage. Man will ja manchmal ein Buch einfach auch deswegen lesen, um abgelenkt zu werden oder ähnliches. Dann ist dieses Buch geeignet.
Mich hatte nur bei „Neujahr“ gestört, dass der Erzählstil des Romans – wie gesagt – nicht sehr einfallsreich ist. Der Roman „Unter Leuten“ wurde dagegen viel mehr davon getragen, dass Juli Zeh immer wieder plötzlich Situationen einfallsreich darstellt und mit interessanten Gedanken und Worten schildert. Da entstanden kurze, besondere Blicke auf die Dinge. Sie kann ja gut schreiben. Da steckte oft auch eine Art schelmischen Humors drin. Das fehlt dem Roman „Neujahr“ meines Erachtens. Es wird alles fast reportagemäßig geschildert. Ich lese lieber Bücher, an denen auch der Erzählstil auffällig und besonders ist. Besonders natürlich Thomas Bernard, aber auch viele andere. Es schien mir fast, als wolle Juli Zeh mit dieser Erzählung etwas üben: Sie wollte vielleicht eine einzige – nicht sehr ausgefallene – Situation genau schildern (Radfahren bei immer mehr Anstrengung, dazu immer wieder auftretende Beklemmungen des Protagonisten („Es“) und eine Erinnerung an ein verdrängtes Kindheitserlebnis. Und alles in vielen kurzen Sätzen. Das ist der Stil dieser Erzählung: Kurze Sätze. Auch das hat mir persönlich nicht so gefallen.
HIER die Onlineseite des Verlages Luchterhand zum Buch.
Bekannt ist Juli Zeh seit Jahren, hier die Rezension eines ihrer aktuelleren Werke: „Unter Leuten“. Ich hatte bisher noch kein Buch von Ihr gelesen. Ich lese derzeit noch einen zweiten Roman von ihr. Auch darüber werde ich in Kürze berichten.
Fazit vorweg:
Es geht aktuell und politisch los (Windkraftanlagen sollen in schöner Landschaft in der Nähe des Dorfes „Unterleuten“ in Brandenburg gebaut werden), man bekommt interessant und spannend geschrieben die Befindlichkeiten der Bewohner des kleinen Dörfchens mit, die sich angesichts der Planung der Windkraftanlage in der näheren Umgebung auftun. Die Beziehungsgeflechte, die Zeiten der ehemaligen DDR, das aktuelle Leben, alles hängt mit allem zusammen.
Je mehr man aber liest, umso mehr geht es um die einzelnen Schicksale und die Verstrickungen der dort lebenden Menschen, nicht mehr um das politische Thema. Das ist etwas schade, zumal man den Roman letztlich mit dem Gedanken verlässt: „Viele der geschilderten privaten Schicksale gehen letztlich doch ausgelöst durch den Plan der Windkraftanlagen desaströs den Bach hinunter“. Sehr brisant, genau so mag es sein! Wer mag schon Windräder in seiner Nähe? Andererseits brauchen wir sie ja. Davon hätte ich gerne noch mehr gelesen, aber so, wie Juli Zeh es angeht, ist es eben auf der Ebene der persönlichen Schicksale zu Ende gedacht!
Zur Autorin:
Sie ist zweifelsohne eine der extrem erfolgreichen SchriftstellerInnen der letzten Jahre. Zwei Bücher werde ich dann also von ihr gelesen haben (Futur II!): Zum Einen den Roman „Unter Leuten“, erschienen 2016, und zum Anderen ihr aktuellstes Buch, „Neujahr“, erschienen 2018, ein deutlich kürzerer Roman. Bekannt sind von ihr ja auch vor allem die Romane „Schilf“, erschienen 2007, und „Nullzeit“, erschienen 2012. Irre, was sie schon alles geschrieben hat. Der Roman „Unter Leuten“ ist deutlich umfangreicher, als der aktuelle Roman „Neujahr“. Siehe schon die Blogfotos.
Sie ist promovierte Juristin. Man liest ja derzeit, dass sie auf Vorschlag der brandenburgischen SPD-Landtagsfraktion Richterin am Brandenburger Verfassungsgericht werden soll. Sie scheint also äußerst vielseitig zu sein. So schreibt sie auch. Sie scheint Praktikerin zu sein! Nicht vergeistigt! Völlig anders als etwa Andreas Maier (siehe meinen vorherigen Blogbeitrag zur Literatur). Sie kann Situationen gut beschreiben, sehr vielfältig, nicht wiederholend, nicht einseitig, interessant, immer wieder mit verstecktem Witz, überraschenden kleinen Wendungen. Das ist ihre Gäbe, finde ich: Plötzlich findet sie wunderbare Worte für irgendwelche Begebenheiten und dann geht es weiter. Man stößt immer wieder auch etwa auf schöne Gedanken zu unserem aktuellen Leben. Und immer wieder reißt sie mit den geschilderten Situationen aktuelle Themen an.
Zum Roman:
Der Roman „Unter Leuten“ hat meines Erachtens zwei sehr unterschiedliche Teile: Im „ersten Teil“ – circa zwei Drittel des Buches – geht es fast „politisch“ zu. Aktuelles Thema eben: Die Errichtung einer Windkraftanlage auf dem Land. Keiner will sie haben, die Rotoren. Fast niemand, denn Investoren wären interessiert. Fast parallel blickt man auf die Konstellation West/Ost! Auch das durch die genauen Schilderungen mit schöner Prägnanz! Sehr schön wird geschildert, wie der Plan, die Windkraftanlage in der Nähe des kleinen ostdeutschen Dorfes zu errichten, das ganze Dorf in Aufruhr bringt. Wie sich so etwas entwickelt, wer was dabei denkt, welche Allianzen sich auftun, welche Lebensmodelle bestehen, welche Vermutungen angestellt werden und und und .
Im zweiten Teil des Romanes merkt man aber, dass es Juli Zeh nicht mehr darum geht, diese politisch hochkontroverse Konstellation aufzuzeigen, zu entwickeln und zu vertiefen, sondern darum, persönliche Schicksale, die sich im ersten Teil des Romans auftaten, konsequent weiter zu schildern. Der Roman bekommt einen anderen Drall: Man hat es kaum mehr mit der Windkraftanlage zu tun. Auch hier gilt zwar: Sie schildert die weiteren Situationen und Entwicklungen und Beziehungsgeflechte immer sehr gut, nah am Leben, fand ich! Und immer wieder mit Witz und interessanten Darstellungen zu unserem aktuellen Leben. Ich will nicht zu viel verraten, es wird ziemlich krass, aber glaubhaft! Aber schade: Das Thema der Windkraftanlagen in schöner Landschaft verliert man aus dem Auge!
Also:
– Man braucht Zeit.
– Man wird aber letztlich durch den Roman getrieben, weil er die gesamte Situation und die Geschichte immer weiter gut schildert!
– Auch wenn er gegen Ende hin nicht mehr die politische Brisanz des großen Themas hat. Und auch, wenn er mir persönlich etwas zu „praktisch“, zu real wurde!
HIER die Website des Verlags zum Buch mit weiteren Rezensionen etc.
Jetzt kann ich endlich einmal wieder etwas von Andreas Maier bringen! Ich mag ja seine Bücher sehr! Welches habe ich nicht gelesen? Er hat etwas von Thomas Bernhard, in einer gewissen Art der Beobachtung der Dinge und der Art, darüber zu schreiben. Da bin ich nicht der einzige, der das sagt. Das weiß er auch – also, dass es so ist, nicht, dass ich das so sehe. Er hat über Thomas Bernhard promoviert, hieß es irgendwo.
Wunderbar und empfehlenswert sind seine Bücher! Beginnend mit Kirillow, Wäldchestag (!), Klausen (!), Sanssouci, die allesamt eigenartige Erzählungen waren. Skurril, treffend und einfach geschrieben, nie überdrallert. Bis hin zu seiner neueren Reihe über seine Herkunft, sein Leben in der Wetterau. Einfach die Wetterau im Hessischen. Friedberg in der Wetterau. Das Zimmer, Das Haus, Die Straße, Der Ort, Der Kreis, Die Universität. Betrachtungen seines Lebens, immer etwas von außen, rückblickend betrachtet. Es ist „unsere Zeit“, die er damit betrachtet, und er schafft es, mit seiner betont einfachen Sprache anhand einfachster Situationen Wahrheiten dazu zu formulieren. Auch über Großes oder das große Ganze wird nachgedacht. Über „das Fremde“ etwa. Aber auch das schreibt er einfach, wenn auch wunderbar treffend und damit tatsächlich tiefgehend. Wenn „Fremde“ am Wirtshaus an der offenen Tür vorbeigehen oder gar in das Wirtshaus hineinkommen … Man kann eben Apfelwein trinken oder Apfelwein trinken und sich Gedanken machen oder den Wirt beobachten. Man kann sich auch rückblickend sehen, wie man damals beim Wirt Apfelwein getrunken hatte und man kann sich darüber jetzt Gedanken machen. Etwa darüber Gedanken machen, was der Wirt damals für einen bedeutete! Wie alles so war in diesem Leben damals!
Generell: Wenn man ein Buch liest, taucht man doch in eine bestimmte Stimmung ein. Jedes (gute) Buch schafft und transportiert doch eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre. Ich lege ein Buch weg und nehme es wieder zur Hand, um weiterzulesen, und dann weiß ich schon, dass ich wieder in eine Stimmung eintauche! Oft ist ja gar nicht das geschilderte Geschehen das, was interessiert, sondern man will nur wieder in diese Stimmung eintauchen. Und am Ende, wenn man das Buch fertig gelesen hat, trägt man vielleicht auch diese Stimmung ein bisschen in sich. Ein Gefühl ist das dann, nicht nur ein Wissen über das Geschehen, das geschildert wurde.
Vielleicht ist es im Grunde schwerer, eine solche Stimmung zu schaffen, wenn in dem Buch „nur“ lauter kleine Kolumnen zusammengefasst sind. So in dem neuen Buch von Andreas Maier, „Waswirwaren“. Es ist eine kleine Sammlung von Kolumnen, die Andreas Maier in den vergangenen Jahren für die Wiener Zeitschrift Volltext geschrieben hatte.
Aber auch in diesen kleinen Band wird eine Stimmung transportiert! Das machen die Gegenstände seiner Beobachtungen und seine Sprache. Nichts ist gekünstelt, banalste Dinge werden gesehen. Aber auch oder gerade in den banalsten Dingen ist ja alles drin! Bilder seiner Jugend, die Wetterau, der Wirt, Bornheim, die „Bindernagelsche Buchhandlung“ in Friedberg, die Tochter des Buchhändlers, eine Lesereise nach Freiburg, Friedberg in der Wetterau, Sachsenhausen in der Wetterau (?), die Bierkneipe „Die Dunkel“, Apfelwein, der Mensch, und und und.
Noch schöner fand ich seine ersten Bücher (siehe oben), aber auch die Bücher der letzten Jahre sind allesamt köstlich. Etwa auch der Band über Udo Jürgens nach dessen Tod. Auch dieses hier.
Ganz aktuell also sein kleiner Band „Waswirwaren“. Zu diesem Buch muss man ihn aber fast schon kennen! Oder es als Einstieg nehmen und ein weiteres lesen. Etwa „Klausen“!
Kurz zu den Zusammenhängen: Es hängt ja alles irgendwie zusammen. Das macht doch alles aus. Das meiste wird auch erst interessant, wenn man bestimmte Zusammenhänge erkennt. Zusammenhänge lassen Hintergründe erkennen und lassen die einzelnen „Verknotungen“ , die man so sieht, erst in besonderem Licht erscheinen. Überall.
Auch ein kulturelles Ereignis steht nicht für sich allein, sondern ist immer eingebunden in Zusammenhänge. Hier habe ich wieder ein Beispiel erlebt, ich war wieder unterwegs:
– Ich hatte zuletzt geschrieben über Fotografien von Cordula Treml über SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihrem Auftritt. Titel der Ausstellung: „Vor dem Auftritt“. Eine Ausstellung, die derzeit (kurze Zeit) in München zu sehen ist.
– Dann hörte ich von dem Buch von der Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich mit dem Titel „Alles Theater“, in dem sie Fotografien von SchauspielerInnen in den Minuten NACH dem Auftritt bringt. Auch interessant. Cordula Treml erwähnte es.
– Dann hatte ich dieses Buch von Margarita Broich in den Händen. Danke an den Insel Verlag. Dort eine Abbildung des SchauspielersLars Eidinger. Lars Eidinger ist ja äußerst erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler. Jahrelang war er Schauspieler an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. In den letzten Jahren ist er vermehrt als Filmschauspieler zu sehen. Er soll ein großer Anhänger von Bertolt Brecht sein, liest man. „Die Widersprüche sind die Hoffnung“ ist sein Lieblingszitat von Bertolt Brecht. Eidinger sagt dazu in einem Interview, das kürzlich von n-tv veröffentlicht wurde (HIER zum Interview):
„Die Widersprüche sind die Hoffnung“ ist auf jeden Fall mein absolutes Lieblingszitat von Brecht. Es ist wie der Schlüssel zu allem – zu Brechts Persönlichkeit genauso wie zum Menschsein im Allgemeinen. Das menschliche Sein folgt keiner Logik und es ist auch nicht stimmig, sondern fehlerhaft. Brecht war bekanntermaßen Antikapitalist und Kommunist. Und er hat Werbung für eine große Autofirma gemacht. Das auszuhalten und zu sagen: Genau das macht den Menschen aus! Das imponiert mir. Der Widerspruch ist nicht das Ende eines Gedankens, sondern der Anfang.
– Dann war ich im Kino. Der Film „Meckie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“. Darsteller von Bertolt Brecht ist: Lars Eidinger.
– Der „Dreigroschenfilm“ geht zurück auf Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Es sollte eine Verfilmung der Dreigroschenoper werden. Es gab Unstimmigkeiten mit Bertolt Brecht und es ging vors Gericht. Das Thema des jetzigen Films.
Und so weiter. Ich werde wohl über die einzelnen Dinge, die hier oben erwähnt sind, noch einzeln schreiben, denke ich.
Die Theatersaison rückt näher, der Blick wird wieder geschärft. Es geht auch in München in Kürze wieder los. Die Leser werden es merken. Gestern gab es schon einmal eine Ausstellung der Fotografin Cordula Treml, gezeigt werden Aufnahmen von SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihren Auftritten. Ich hatte im Vorfeld einige Fragen an Cordula Treml, die Antworten dazu werde ich in Kürze in einem weiteren Beitrag hier bringen.
Die teilweise wunderbaren Fotografien können in verschiedenen Größen auch käuflich erworben werden. Gestern, am 13. September 2018, war die Vernissage, die Ausstellung läuft noch bis Freitag, den 21. September 2018. Sie ist zu sehen im Schauraum 1899 in der Landwehrstraße 67 in München.
Die SchauspielerInnen: Man sieht sie immer „nur“ auf der Bühne. Nie aber kurz vor oder kurz nach ihren Auftritten. Erst wiederum etwas später nach ihren Auftritten erlebe ich sie oft in den Kantinen der Theater. Doch das sind ja schon wieder ganz andere Momente. Fröhlichere Momente. Als wären sie dann wieder in ihr eigenes Leben zurückgekehrt.
Bei Cordula Treml geht es um die Momente kurz VOR einem Auftritt. Genau so interessieren mich die Momente der SchauspielerInnen kurz NACH ihren Auftritten. Auch dazu gibt es Fotografien. Ich bemühe mich derzeit, auch Zugang zu diesen Aufnahmen zu erhalten und werde dann darüber schreiben. Die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich aus Berlin (bis vor kurzem war sie liiert mit dem bekannten Schauspieler Martin Wuttke) hat die Momente unmittelbar NACH den Auftritten in Fotografien erfasst. Und es gibt eine Menge interessanter Aufnahmen von SchauspielerInnen IM UMFELD ihrer Auftritte vom Münchner Fotografen Johannes Seyerlein. Auch Portraitaufnahmen. Auch zu ihm habe ich Kontakt aufgenommen. Mal sehen, inwieweit ich all diese Momente im Blog bringen kann. SchauspielerInnen neben der Bühne gewissermaßen! Vielleicht kann ich etwas auf einer Extraseite machen. Es würde meine Theaterberichte so gut ergänzen.
Zur Ausstellung „Vor dem Auftritt“:
Schon die hier (oben und unten) gebrachten Bilder zeigen, dass besondere Situationen erfasst sind, wenn SchauspielerInnen kurz vor ihren Auftritten „erwischt“ werden. Fast alle der von Cordula Treml gebrachten Fotografien zeigen SchauspielerInnen, die sehr konzentriert, in sich gekehrt, ja fast durchgehend traurig erscheinen. Siehe das Bild oben! Möglicherweise ergibt sich ja eine gewisse Traurigkeit, wenn man fremde Schicksale auf der Bühne verkörpern will. Wer verinnerlicht schon gerne fremde Schicksale und fremde Einstellungen, SchauspielerInnen tun es! Jedes Schicksal ist auch für sich genommen irgendwie traurig! Traurig im weitesten Sinne, nicht gleich zum Weinen traurig. Vielleicht hat es auch etwas mit Demut zu tun. Vielleicht sehen es aber junge SchauspielerInnen von heute wiederum etwas anders! Performance, Selbstverwirklichung etc! Die „Schauspielerei“ hat sich sicherlich geändert. Es ist eben längst nicht mehr alles „Sprechtheater“. Vielleicht wollen junge SchauspielerInnen heute viel mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit auf die Bühne mitnehmen.
Im Katalog zur Ausstellung sind im Gegensatz zur Ausstellung selbst zu fast jedem Foto kurze Aussagen zu den Momenten vor dem Auftritt enthalten. Michael Maertens vom Wiener Burgtheater bringt es auf den Punkt:
„ Ich hasse Maske. Ich brauche Maske.
Ich bin in der Maske ängstlicher als auf der Bühne. Ich will mich ja immer so gerne verstecken. Es geht in der Maske nicht. Aber auf der Bühne habe ich dann Maske und kann mich wunderbar verstecken. Dank der Maske.„
In der Maske sitzen somit zwei Personen, und genau das werden die SchauspielerInnen merken: Sie sitzen dort persönlich – vor dem Spiegel – und werden Stück für Stück verwandelt in eine andere Person. Auf der Bühne wiederum erscheint dann nur diese andere Person. Wie gesagt: Vielleicht legen junge SchauspielerInnen heute ihre eigene Person nicht mehr in der Maske ab, sondern nehmen Sie mit auf die Bühne.
Der Katalog zur Ausstellung kann käuflich erworben werden (Euro 24), er enthält alle Aufnahmen. Wer Interesse hat, kann sich auch bei mir melden, ich würde Anfragen weiterleiten.
Und hier noch zwei Aufnahmen (Oben: Bettina Stucky. Unten links: Sophie von Kessel. Unten rechts: Eva Meckbach). Da steckt doch auch eine gewisse Traurigkeit drin, nicht nur Anspannung, oder?
Bevor die Theatersaison wieder beginnt: Ich habe mir dieses Buch angetan, ohne irgendeine Rezension im Internet dazu zu finden. Auch nicht auf http://www.perlentaucher.de. Dann schreibe ich eben eine. Ich bin auf das Buch gekommen, da ich in letzter Zeit mehrfach etwas von spanischen Autoren gelesen hatte und da der Insel Verlag es mir – danke! – als Rezensionsbuch zur Verfügung gestellt hatte.
Im Klappentext des Buches heißt es:
Maria Duenas, geboren 1964, lehrte in Murcia englische Literatur, bis ihr Debütroman 2009 alle Rekorde brach. Mittlerweile ist ihr Werk in 35 Sprachen übersetzt, mehrfach ausgezeichnet und in eine Fernsehserie verwandelt. „Wenn ich jetzt nicht gehe“ ist ihr dritter Roman und war 2015 das meistverkaufte Buch Spaniens.
Also eine extrem erfolgreiche Schriftstellerin! Mein Gesamteindruck: Etwas kitschig, etwas umfangreich die Handlung, bei den Personen und ihren verschiedensten Beziehungen untereinander (über die Kontinente hinweg) bin ich fast durcheinander gekommen. Von der Idee her aber ganz interessant. Vielleicht soll es ja geradezu lehrreich sein. Während ich es gelesen hatte, dachte ich schon, dass es sich wie ein Drehbuch liest. Und tatsächlich: Auch dieses Buch soll zu einer Serie verfilmt werden. Die Idee hinter dieser Geschichte: Ein Mann (Mauro Larrea) steht wieder auf! Nach dem Motto: Hingefallen, Staub abwischen und wieder aufstehen! Er hat sehr klein angefangen, wurde sehr reich, hat plötzlich alles verloren und sich dann komplett auf ein neues Leben eingestellt. Reisen von Mexiko nach Kuba und Spanien prägten seinen weiteren Weg. Auch dieser weitere Weg führte letztlich wieder zum Erfolg, wenn auch auf einem völlig anderen Gebiet, als demjenigen, den er früher gewohnt war. Also: Sich immer wieder mit Überzeugung auf Neues einlassen! Er war früher Bergarbeiter und Bergbauunternehmer und dann kam Neues. Das ganze wird natürlich noch geschmückt von seiner Leidenschaft zu einer Frau und einer sich letztlich noch erfüllenden Liebe.
Man kann diese Geschichte erzählen, aber ein besonderer Lesereiz ist es meines Erachtens nicht! Literarisch gesehen nicht auffallend! Da finde ich einige andere Schriftsteller deutlich gewitzter und interessanter.
Endsation Sehnsucht von Tennessee Williams. Oft gehört, nie gelesen. Blanche, eine Frau aus gutsituierten Kreisen, verliert den ererbten Wohlstand, landet bei ihrer Schwester in einfachen Verhältnissen, die mit dem Rüpel Stanley verheiratet ist. Wer gewinnt den Kampf? Blanche zerbricht, landet in der psychiatrischen Anstalt. Eigentlich eine interessante Story. „Sehnsucht“ (Desire) hieß einmal eine Endstation der Straßenbahn in New Orleans. Ich habe das Buch jetzt gelesen, da es am Berliner Ensemble von Michael Thalheimer inszeniert wurde. Ich habe dazu letztens in Berlin auch die Inszenierung gesehen, die in der gerade beendeten Spielzeit gebracht wurde und wohl auch in der kommenden Spielzeit gebracht wird.
Die vordergründige Geschichte ist ja so: Blanche lebte im relativen Wohlstand und hat alles verloren. Das Haus der Familie wurde gepfändet, ihr Ehemann war schwul und hatte sich schon vor Jahren umgebracht, ihren Job als Lehrerin hat Blanche auch verloren. Sie – nebenbei: durch sexuelle Hingabe suchte sie schon irgendwo Halt, bevor sie zu Stella kam – sucht Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die in ganz einfachen Verhältnissen lebt und mit Stanley verheiratet ist. Und damit prallen eben zwei Welten aufeinander. Blanche, die ihre Welt erhalten und Stanley nicht ausstehen kann, versucht immer wieder, ihre Schwester Stella dazu zu bringen, ihren Mann zu verlassen. Stella ist ihrem Mann aber in Liebe oder jedenfalls aus sexuellem Antrieb heraus hingegeben und weiß, dass sie ihn nicht ändern kann. Dass sie nichts ändern kann. Blanche wird schließlich von Stanley sogar vergewaltigt. Die irgendwie irreale, von viel Einbildung geprägte Welt der Blanche und die reale derbe Welt von Stella. Schon die Sprache der Personen zeigt im Buch (Originaltext) die Unterschiede deutlich. Man liest teils derben Slang (interessant!) neben der „besseren“ Sprache . Ich empfehle das Buch gerade jüngeren Lesern auf Englisch.
Die Inszenierung von Michael Thalheimer dagegen hat mich überhaupt nicht überzeugt. Erstaunlich, wenn die FAZ schreibt:
„Kunstvoll und klug zeigt Michael Thalheimer in seiner grandios eindrucksvollen Inszenierung mit dem überragenden Ensemble die hässlichen Muster, nach denen bei Tennesse Williams die Männer mit den Frauen umgehen, was die Gesellschaft allen antut und wie sich alle damit arrangieren.“
Eigenartige Kritik. Der große Clou sollte wohl die schiefe Bühne sein (siehe das Blogbild oben). Alles weitere war aber konventionell, teilweise affektiert, zu gewollt, zu darstellerisch. Ich meine, aus dem Buch hätte man einiges mehr un d interessanter herausholen können. Hinter der vordergründigen Story stecken schließlich viele kleine Themen. Allein das Verhältnis zwischen Blanche und ihrer Schwester Stella. Oder der Umgang von Blanche mit ihrem persönlichen „Niedergang“. Das wird in der Inszenierung alles zwar angerissen, aber meines Erachtens ohne Herzblut! Andreas Döhler (Stanley) ist da vielleicht am ehesten wieder einmal die Ausnahme. Aber selbst er: Im Buch erscheint mir Stanley noch rüder, krasser, unnachgiebiger, derber. Was man sich zu diesem Buch alles denken kann, wird etwa im Programmheft zur Inszenierung angerissen. Zu wenig davon war auf der Bühne zu sehen. Vielleicht haben es auch die Schauspieler nicht geschafft, die jeweiligen Positionen der Personen besser darzustellen. Ihre Zweifel, ihre Kämpfe untereinander, ihre so unterschiedlichen Positionen. Vor allem Cordelia Wege als Blanche spielte für mich nur eines: Affektiert. Modernes Theater sieht anders aus. Aber vielleicht sollte sie so spielen. Wahrscheinlich sogar, wenn man sieht, wie sie sich am Ende mit rotem Lippenstift das Gesicht vollmalt – ein alter Hut! Es war herkömmlich, es wurden von den Schauspielern keine Grenzen der schauspielerischen Darstellung eingerissen. Offenbar hat Michael Thalheimer keine Freiheit gelassen. Oder dieses Bühnenbild war zu starr! Den Eindruck hatte ich. Wie sollte man da auch erkennbar aus sich herausgehen! Ich mag ja immer das Nicht-affektierte, das Überraschende, das Persönliche, das Interpretierte. Nicht das Herkömmliche. Die Inszenierung von Michael Thalheimer ist aber herkömmlich.
Nun gut, einen ersten – vielleicht anderen – Eindruck gibt HIER die Online-Seite des BE zum Stück.
Und HIER die Seite des Cornelsen Verlags zum Buch in englischer Sprache mit Anmerkungen am Schluss zu den Südstaaten, New Orleans etc., und mit Fußnoten zu seltenen Wörtern.
Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn, Berliner Ensemble
„Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm. Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….
Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz„von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das Buch „Panikherz„von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.
Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.
„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.
Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:
Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.
Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.
Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.
Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.
Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.
Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.
Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..
UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!
HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.
Im Grunde geht es um ein Buch: „Blinder Fleck“ von Teju Cole.
Also: Da saß ich im Zug von Berlin nach München und wir redeten darüber, was „Kunst“ ist. Es war ein anstrengendes Wochenende in Berlin. Sie studiert Kunstwissenschaften in Berlin, spezialisiert auf Fotografiekunst. Fotografiekunst. Was ist denn erst mal „Kunst“? Das sei doch sicher eine Grundfrage ihres Studiums. Zum Beispiel Fotokunst: Heutzutage macht doch jeder mit seinem Handy ständig Fotos. Ist das immer Kunst? Oder besser: Wann ist ein Foto Kunst? Sie meinte, Kunst sei es immer dann, wenn es ein Ausdruck ist, über den sich der Betrachter Gedanken machen kann. Also ein Verkehrsschild nicht, sagte ich. Nein, sagte sie, da sei ja vorbestimmt, was man sich denken und was es bedeuten soll. Aber zum Beispiel ein schwarzer Strich auf weißer Leinwand, das könne durchaus Kunst sein!
Ich erzählte ihr nicht vom gestrigen Besuch im Pergamonmuseum. Daran dachte ich auch erst im Nachhinein. Das große Ishtartor: Ishtar war die Stadtgöttin von Babylon, 600 Jahre vor Christi Geburt. Dargestellt wurde sie als Löwin. Das riesige Vortor des noch viel größeren richtigen Ishtartores steht im Pergamonmuseum, Vorderasiatischer Teil. Kräftig blaue Kacheln, auf denen – fast dreidimensional – in beige Tiergestalten, unter anderem Löwen, dargestellt sind. Zur Abschreckung von Feinden. War das Kunst? Ich finde zum Beispiel die Art, wie man damals schon etwas darstellte, war unfassbar stilvoll und kunstfertig! Steht heute einfach so in Museen. Es sollte jedenfalls Furcht und Respekt einflössen, also den Betrachter anregen. Also Kunst? Kunst für den Herrscher? Hat Kunst auch Funktionen? Funktionen gehabt? Verloren? Heute? Ein weites Feld!
Ich erzählte ihr – zum Thema Fotokunst – von einem Buch, das ich seit Wochen immer wieder in der Hand habe. „Blinder Fleck“ eben, von Teju Cole. Über Teju Cole hatte ich kürzlich schon im Blog geschrieben, über sein gutes Buch Open City. HIER der damalige Beitrag. Er schreibt dort über seine Streifzüge durch New York und seine Überlegungen dazu, seine Erinnerungen. Das Buch „Blinder Fleck“ wiederum ist ein viel weiterer Streifzug. Ein Streifzug über die ganze Welt. Teju Cole reist offenbar sehr sehr viel. Eine Übersicht über alle Orte, an denen Texte oder Fotos entstanden sind, sind am Ende als Anhang aufgelistet. Er erzählt (auch) in diesem Buch nicht etwas, der Band enthält einfach immer wieder Paare: Ein Foto (meist rechts) und ein meist kurzer Text dazu (meist links).
Anfangs kann man sich bei den Bildern denken: Naja, nichts sagende Banalitäten. Ich sagte meiner Zugbegleiterin: Hier im Zug hätte er den Mitteltisch mit einer Coladose darauf fotografiert. Mehr nicht. Man kann sich dazu auch denken, Teju Cole muss einsam sein. Man sieht auf den Fotos extrem selten eine menschliche Person, und wenn, dann von hinten, weggehend. Eine Ausnahme gibt es, einen afrikanischen Jungen, dessen Foto er zweimal bringt, mittendrin und ganz am Ende.
Mehr und mehr merke ich aber, dass die Bilder große, teilweise sehr große POWER haben. Meine Zugbegleiterin meinte, dann werde es zur Kunst! Ein ganz bestimmtes Feeling entsteht auch durch die Texte im Buch, die jeweils ein Foto begleiten. Als würde man merken, dass Teju Cole dem Leben näher kommen wollte. Indem er einerseits durchgehend banalste Blicke fotografiert, die wir ständig unbeachtet lassen, die aber genauso etwas aussagen, wie das, was wir zu beachten glauben. Die ansich genauso viel Wert sind und ihm Anlass gegeben haben, etwas zu schreiben. Und wenn es nur ein Gedanke war. Die Fotos verlieren dadurch mehr und mehr ihre Banalität. Und andererseits zeigt er etwas vom Leben eben durch diese Texte. Die Texte sind oft völlig weit hergeholte Gedanken zu einem Foto. Aber auch kleine Situationsachilderungen, abstrakte Überlegungen, historische Rückblicke, Erinnerungen, Grundsätzliches, Kleines, alles. Mal kurz, mal etwas länger. Wie im richtigen Leben. Und das macht diese Kombination der Texte mit den Fotos aus! Vielfalt und Banalität. Unbeachtetes und weit Zurückliegendes, Fernliegendes, Dinge, die wir sehen und wissen. Es sind Gedanken über Dinge, die er weiß. Und er weiß viel! So ist nichts banal. Oder alles banal! Ich nehme dieses Buch seit Wochen in die Hand und werde immer wieder überrascht. Man kann es garnicht in einem Schwung durchlesen oder durchblättern. Mehr und mehr verstehe ich die banalen Fotografien und die Texte dazu. Dieses Buch kann ein sehr anspruchsvolles Geschenk für einen guten Freund, eine gute Freundin, sein.
HIER die Seite des Hanser Verlags zum Buch mit einer Leseprobe.
Ich hatte mir das Theaterstück vor Jahren in den Kammerspielen schon angesehen, Premiere war schon im Mai 2016. Jetzt kam es zum allerletzten Mal an den Münchner Kammerspielen: America nach dem Roman von T. C. Boyle. Ich schreibe ja nicht gerne über Dinge, die kein Mensch mehr erleben kann. In diesem Fall kann ich aber zumindest über den Roman schreiben, ich habe ihn noch einmal zur Begleitung des Theaterabends gelesen.
Mein Fazit vorweg: Es ist eigentlich eine erschütternde Geschichte über das Schicksal illegaler mexikanischer Einwanderer nach Amerika. Als Roman ist die Geschichte noch weit erschütternder, als es in den Kammerspielen inszeniert war. Regisseur war Stefan Pucher. Durchaus gelungen konnte er die zwei Welten, um die es geht, nebeneinander auf die Bühne bringen. Gut gemacht mit den Schaukästen, den Videos über der Bühne, den gestellten „Interviews“ mit zwei der prägenden Beteiligten. Stefan Pucher ist an sich sehr bekannt, an den Münchner Kammerspielen hatte er zuletzt den „Wartesaal“ nach Lion Feuchtwanger (HIER mein Blogbericht dazu) und „Die Zofen“ von Jean Genet inszeniert. Stefan Puchers Inszenierungen sind immer wieder beliebt und anerkannt. Er war schon einige Male zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Vielleicht aber ist er für aktuelle Verhältnisse fast schon zu harmlos. So ja auch in seiner Inszenierung des „Wartesaal“. Auch in „America“ kommt die Dramatik des Geschehens trotz allem irgendwie zu kurz. Die Angst, die beide Seiten prägt, kommt im Buch besser zur Geltung.
Man erkennt es schon am Beitragsbild oben: Es geht in der Tat um zwei verschiedene Welten: T. C. Boyle lässt beide voll aufeinanderprallen. Einerseits die ärmliche, trostlose Welt mexikanischer Einwanderer und andererseits die heile Welt wohlhabender Amerikaner, die sich von den Mexikanern bedroht fühlen. Es beginnt einfach mit einem kleinen Autounfall, der reiche Amerikaner fährt einen armen Mexikaner an, der die Canyonstraße überqueren will. Mit 20 Dollar wird alles erledigt. Es spitzt sich aber immer mehr zu. Die wohlhabenden Amerikaner in ihrer Wohnsiedlung, ihrem Wohnareal – hauptsächlich dargestellt mit den Personen Delaney und Kyra Mossbacher – wollen sich (vordergründig auch gegen die Tierwelt, Kojoten) immer mehr schützen und einsperren. Das mexikanische Paar Candido und America dagegen muss sich in den Schluchten eines benachbarten Canyons durchschlagen. Kein Geld, keine Unterkunft, keine Arbeit, kein Essen, es wird immer schlimmer, es kommt immer wieder etwas dazu. Ich will nicht zuviel verraten. T. C. Boyle schafft es, beide Welten im Roman sehr plastisch darzustellen.
Er schafft es auch, die Geschichte wie einen „pageturner“ zu erzählen. Ich jedenfalls wollte das Buch kaum mehr weglegen, obwohl ich die Geschichte kannte. Es wird auch nichts Unnötiges erzählt. Das Gesamtbild trifft er immer wieder gut! Offenbar besteht ja ein gravierender Unterschied: Während Flüchtlinge in Europa von Sozialsystemen aufgefangen werden, scheinen Mexikaner völlig auf sich selbst gestellt zu sein. So auch wird es gezeigt am grauenhaften Schicksal der von T. C. Boyle dargestellten Mexikaner Candido und America, die sich doch so sehr mögen! Interessant auch: Die Gefühlswelt kommt allenfalls auf Seiten von Candido und America zur Sprache, auf der Seite von Delaney und Kyra ist alles eher von logischen Überlegungen getragen! Das Ende ist etwas fragwürdig allenfalls.
Ich hatte es schon gesehen und besprochen. Da es auch eines der zum diesjährigen Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Stücke war und – ich glaube – auch in der kommenden Spielzeit noch zu sehen sein wird, bringe ich HIER den link zu meinem wichtigen damaligen Beitrag. Es geht ja beim besten Willen nicht ohne den Beitrag. Die Inszenierung geht zurück auf das gleichnamige Buch von Didier Eribon. Der Vollständigkeit halber bringe ich es hier, als Anregung. Dann fehlen mir vom Theaterftreffen nur das „Nationaltheater Reinickendorf“ und „Die Welt im Rücken“ vom Wiener Burgtheater, was ja sehr sehr gelobt wird. Mal sehen.
Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair, Schaubühne
Daniel Galera, 39 Jahre alt, lebt in Porto Alegre (link HIER). Auch die Erzählung spielt in Porto Alegre. Ich habe sie gerne und gebannt gelesen, wollte gar nicht aufhören. Es ist nicht die Spannung der Story, es ist ein Blick auf eine verrückte Crew recht junger Leute, die viel davon erleben und machen und denken, was wir alle erleben, machen, denken. Stimmung unserer Zeit. Gut geschrieben – oder übersetzt. Es ist nicht ein durchgehender stringenter Handlungsfaden, es sind verschiedene realistische Szenarien, die zusammen die Story ergeben.
Es ist eine Ich-Erzählung aus DREI verschiedenen Perspektiven. Ist schonmal recht selten! Man folgt einer Gruppe von drei noch recht jungen BrasilianerInnen (zwei Männer, eine Frau), die sich nach Jahren am Grab des gemeinsamen Freundes treffen, Andrei (genannt Duke), der am genialsten war. Ein bisschen erwachsener sind sie geworden, aber gleichzeitig auch überhaupt nicht! Gibt uns das heutige zügellose Leben überhaupt die Chance, erwachsen zu werden?
Sie waren allesamt etwa 15 Jahre zuvor schon eine wilde, intellektuelle und exzessive Truppe mit junger Anhängerschaft, die sie durch eine Flut von Emails, die sie in die Welt gesetzt hatten, und später durch einen Blog gewonnen hatten. Andrei, der Gestorbene, ein Autor, Schriftsteller, war in bestimmten Kreisen eine Kultfigur.
Auffallend ist die schöne Direktheit der Schilderungen. So ist das Leben. Sie reden nach der Beerdigung über vergangene Zeiten, man liest über das Schicksal jedes einzelnen, man folgt ihnen zu einfachen und verrückten Situationen. Viele große Themen werden dabei immer wieder zwischendrin angepackt und gesehen: Die Zerstörung der Natur, der Kapitalismus, die Werbewelt (die uns alles vorgaukelt), die Änderungen unserer Beziehungswelten, Sex, Internet, Porno, die schwelende Angst vor der Zerstörung bzw. dem aufkommenden Ende der Welt, Hoffnungslosigkeit, Glaube an die Wissenschaft, an den Menschen. Und alles immer so nebenbei. Neben dem allgemeinen Leben, das so locker und direkt und frech und schonungslos offen geschildert wird. Schwerpunkt ist am ehesten: Die Internetwelt und damit die Veränderung unserer Gefühlswelt, unserer Beziehungsfähigkeit. Antero etwa hält einen Vortrag auf einer TED-Konferenz über sadomasochistische Ansätze (Marquis de Sade) in den Ideen der Werbebranche und schaut sich danach selber Sexvideos auf einem Pornopotal an. Und so weiter.
Ich finde: Das Buch ist wild und gut, ein Treffer! Man kann es natürlich auch anders sehen, etwa HIER die Besprechung im Deutschlandradio Kultur.
HIER der link zur Suhrkamp-Seite des Buches mit Leseprobe.