LITERATUR: Daniel Mason – Wintersoldat

Man kennt vielleicht Daniel Masons Debütroman „Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“ (Deutsche Fassung 2003). Dort geht es um einen Klavierstimmer, der zu Zeiten der dortigen britischen Kolonialherrschaft nach Burma, in das heutige Myanmar, reist. Es geht wohl auch um Liebe. Ich kannte den Roman nicht. Ich kannte auch Daniel Mason nicht. Aber ich hatte kürzlich Geburtstag und habe seinen aktuellen Roman „Wintersoldat“ geschenkt bekommen.

Daniel Mason ist Amerikaner und ich finde, man erkennt manchmal an der Art und Weise, wie ein Buch geschrieben ist, dass der Autor Amerikaner ist. So auch bei diesem Roman. Natürlich erkennt man das nicht bei allen amerikanischen Autoren, bei Paul Auster beispielsweise wenig (kürzlich gelesen: Sein autobiografischer Roman „Winterjournal“), bei Richard Powell wenig (ich mochte den fantastischen und anrührenden Roman „Der Klang der Zeit“ ganz besonders!), bei Louis Begley wenig (ich kenne von ihm „Erinnerungen an eine Ehe“ und „Schiffbruch“). Es gibt natürlich fantastische amerikanische Autoren. William Faulkner etwa („Licht im August“!). Oder Ernest Hemingway und seine Short Stories. (Er hatte übrigens Anfang Juli diesen Jahres seinen 60. Todestag. Und ich meinen 60. Geburtstag!) Oder oder oder. Die Liste der wirklich beeindruckenden amerikanischen Schriftsteller ist sehr lang!

Daniel Mason ist rein sprachlich gesehen dagegen nicht irgendwie auffallend. Ich möchte behaupten, vor allem viele europäische Schriftsteller schreiben oftmals irgendwie variantenreicher, im Stil einfallsreicher oder empfindsamer. Der Roman „Wintersoldat“ von Daniel Mason scheint mir eine Erscheinung relativ moderner amerikanischer Literatur zu sein: Der Roman ist eine sehr genaue und dadurch sehr intensive Schilderung der Entwicklung eines tragischen Lebens in sehr schwerer Zeit! Die Zeit des 1. Weltkrieges! Die Schilderung des Lebens des jungen Arztes Lucius wird – das mögen die Amerikaner ja – bald mehr und mehr zu einem „page turner“, also zu einem Buch, das man nicht weglegen möchte, sondern bei dem man Seite für Seite weiter lesen möchte, um den jeweiligen weiteren Verlauf und den Ausgang der Geschichte zu erfahren.

Beeindruckend ist auf jeden Fall die unglaublich genaue und facettenreiche Schilderung der fürchterlichen damaligen Umstände an der russisch/österreichischen Frontlinie während des ersten Weltkrieges. Die Kriegszustände! Lucius ist Lazarettarzt hinter der Frontlinie. Ebenso beeindruckend ist die unglaublich genaue und facettenreich Schilderung der medizinischen Möglichkeiten der damaligen Lazarettärzte hinter der Frontlinie. Mason schildert immer wieder grauenhafte Entstellungen und Verletzungen viele Soldaten. Insoweit ist der Roman sogar nicht einmal mehr zeitgemäß, Kriege würden heutzutage doch – meint man – eher mit dem sofortigen Tod des Soldaten enden, als mit fürchterlichen Erfrierungs- oder Schussverletzungen oder mit Entstellungen durch Granaten und Bomben. Heutzutage leidet die Zivilbevölkerung viel mehr! Insoweit ist dieser Roman eher ein historischer Roman.

Auch, scheint mir, ist etwas typisch für moderne amerikanische Literatur: Natürlich mischt sich neben all diesen fürchterlichen Schilderungen der damaligen Lebensumstände das Thema der großen Liebe in den Roman! Das Thema der großen Liebe bestimmt letztlich den Verlauf des Romans! Und insoweit wählte Daniel Mason wohl wieder die Technik, die er auch bei seinem Debütroman angewandt hatte. Das Thema der Liebe hält den Roman am Laufen!

Ich muss gestehen: Der Titel „Wintersoldat“ hat mir dabei nicht sehr gefallen. Was ist denn ein Wintersoldat? Gut, im Laufe des Romans wird es klar. Es ist ein völlig traumatisierter, ansonsten wohl unverletzter Soldat, der im tiefsten Winter ins Lazarett kommt. Er prägt den Roman auch in gewisser Weise. Ihn aber gleich „Wintersoldat“ zu nennen, scheint mir fast kitschig.

Also: Wer einen historisch recht interessanten und sehr detailreich geschriebenen Roman zum 1. Weltkrieg lesen möchte, den er nach einer gewissen Zeit auch nicht mehr weglegen möchte – im Urlaub etwa, der möge sich den mit diesen Vorgaben durchaus guten Roman „Wintersoldat“ von Daniel Mason nehmen.

MUSIK: Peter Gabriel – Biko


Dieser Song war Steven Biko gewidmet. Der Song heißt „Biko“. Peter Gabriel hat ihn 1980 geschrieben. Steven Biko ist vor fast genau 44 Jahren gestorben, am 12. September 1977. Er war in den Siebzigerjahren einer der großen Freiheitskämpfer gegen die Apartheidspolitik in Südafrika. Alles hängt miteinander zusammen, alles. Der Tod von Steven Biko hat auch heute noch Bedeutung.

Bedeutung für unsere heutigen Probleme. Er, Steven Biko, stand auf, er wollte Dinge ändern. Das müssen wir heute dringend auch – die Umwelt. Wir rasen auf Katastrophen in den kommenden Jahren zu. Es braucht vielleicht mehr einzelne Menschen, die aufstehen. Ein Beispiel dafür war sicherlich Biko.

Peter Gabriel hat den Song 1988 auf dem am besten für den Song geeigneten Konzert gespielt: Auf dem legendären Konzert im Londoner Wembleystadion 1988 zum 70. Geburtstag von Nelson Mandela. Ich bringe hier sogar drei Versionen des Songs! Alle drei sind beeindruckende Livemitschnitte.

Zum Einen die Aufnahme aus dem Wembleystadion 1988, akustisch schlecht, aber emotional am tiefsten, man spürt das Thema, man spürt eine Art Gemeinschaftsgefühl der Zuschauer, bilde ich mir fast ein. Peter Gabriel brüllt den Text manchmal fast. Wie er am Schluss noch einmal den Namen „Steven Biko“ sagt! Er wird dort angekündigt von Jim Kerr, dem Sänger der Simple Minds – die den Song auch oft gespielt haben, siehe YouTube. Dann – die zweite Version – live von einem Konzert in Chile, einige Jahre später. Eine schöne Aufnahme, man sieht dort auch Sting in jungen Jahren. Schön ist dort auch die Kombination mit den chilenischen Flötenspielern, besonders zu Beginn und am Ende. Nein, auch mittendrin prägen die Flötenspieler eine gewisse melancholische Stimmung des Liedes. Ich mag ja Melancholie. Und drittens, wieder viele Jahre später, akustisch die beste Version. Sie ist langsamer, Peter Gabriel mit stark veränderter, aber seiner wunderbaren rauchigen Stimme. Er selber ist gealtert, sehr verändert! Aber nicht nur akustisch, auch von der ganzen filmischen Aufnahme her gesehen ist diese dritte Version einfach moderner, sehr fein!

Vieles ist interessant an diesem Song und an diesen drei Aufnahmen:

  • Peter Gabriel selbst: 1988 in Wembley als junger Mann, in Chile schon etwas älter. Auf beiden Aufnahmen spürt man aber, wie ernst es für Peter Gabriel mit diesen Song ist. Es war ihm sicherlich nicht nur irgendein ein Song. Man spürt ohnehin, denke ich, wenn man auch diese Aufnahmen sieht, dass Peter Gabriel doch ein sehr besonderer Mensch ist! Ein genialer Musiker allemal. Politisch immer sehr engagiert! Was für ein Leben. Was für eine Energie, die er – wie eben die großen Künstler – um die ganze Welt verbreitet. Auf YouTube gibt es noch einige weitere, teilweise sehr gute Livemitschnitte des Songs „Biko“. Peter Gabriel sieht immer anders aus, es sind Aufnahmen aus den verschiedensten Altersstufen. Mein Gott, wie man altert! Wie das Leben verfliegt!
  • Das Beitragsbild oben: Steve Biko auf einem Glasfenster in einer Kirche in Heerlen, Niederlande!
  • Der Songtext von „Biko“ ist eher dokumentarisch – kurz, aber dokumentarisch. Sogar der Raum, in dem Biko 1977 von der Polizei festgehalten, gefoltert und getötet wurde, Raum 691, „business as usual“, wird im Song erwähnt. Biko wurde dann nackt und bewusstlos mit einem PKW in ein Nachbarland gebracht. Und auch das sehen wir noch heute so: Regimegegner werden getötet, werden festgenommen etc. Siehe Russland, siehe Herrn Lukaschenko in der Ukraine, etc. Man hatte in Südafrika lange Zeit abgestritten, dass Steven Biko ermordet wurde. Es steht heute aber fest, Aussagen Beteiligter haben die Sachen geklärt. Zitat Wikipedia (was ja hoffentlich stimmt): „Anfang 1997 gaben fünf frühere Beamte der South African Police vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu, an Bikos Tötung, die von deutschsprachigen Medien als Mord eingestuft wird, beteiligt gewesen zu sein. Nach Intervention der Familie Bikos wurde keine Amnestie gewährt.
  • Mir scheint ohnehin: Damals konnte noch eine einzelne Person die Welt bewegen und Änderungen herbeiführen, sie jedenfalls einleiten. Nelson Mandela wurde dann schließlich der erste dunkelhäutige Staatspräsident Südafrikas. Wo sind diese Personen heute? Ist es einzelnen Personen heute überhaupt noch möglich, Dinge zu einer Änderung zu bringen? Haben wir uns durch die Komplexität aller Dinge auf der Welt in eine Sackgasse geführt? Alles wird zerredet, es gibt zu jedem Argument ein Gegenargument. Ich denke natürlich an das Thema Umwelt. Gut, die großen Themen sind global geworden, Naturschutzfragen, soziale Fragen, … alles ist miteinander verwoben. Hier könnte man vieles schreiben. Schön wäre es aber doch auch, wenn Musiker wieder einmal weltweit aufstehen für derartige Themen. Und so weiter. NACHTRAG: Heute, am 11. August, lese ich, dass viele berühmte Musiker weltweit Konzerte für den Umweltschutz planen. Wer wann und wo, weiß ich noch nicht.

HIER der Link zur Website von Peter Gabriel.

Und hier ist der Song, alle drei Versionen sind hörens- und sehenswert.

Ich ergänze hier eine vierte Version. „Biko – a Song around the world“. Auch die sollte man sich unbedingt ansehen! Widerstand gegen Freiheitsberaubung war Biko und diese Idee gilt in der ganzen Welt, sagt Peter Gabriel damit.

THEATER: Wolfram Lotz – Die Politiker

Wolfram Lotz mag einmal nachts im Bett gelegen haben und es mag sein, dass er nicht einschlafen konnte. Er hat vielleicht ständig über ein und dasselbe Thema nachgedacht, immer wieder, über „die Politiker“. Diese eine Nacht ist dann wahrscheinlich sein Text „Die Politiker“ geworden. Und dieser Text wurde dann – nicht zum ersten Mal auf deutscher Bühne – zur Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, die kürzlich Premiere hatte. Die Inszenierung ist gegen Ende Juli und, denke ich, in der folgenden Spielzeit weiterhin zu sehen.


Vorab: Dieser Theaterbesuch war natürlich ein doppeltes Ereignis:

Es ging nicht nur um das Erleben einer Inszenierung, es war auch nach langer Zeit das Erlebnis eines Theaterbesuch an sich. Vor der Bühne zu sitzen – zu warten – Menschen zu beobachten – zu wissen, dass eine ganz bestimmte Anzahl von Menschen im Theater sitzt – die Inszenierung live zu erleben – „hautnah“ zu erleben, wie die SchauspielerInnen auf der Bühne agieren – eine ganz bestimmte Inszenierung zu verfolgen – am Ende zu applaudieren – zu merken, dass die SchauspielerInnen für diesen Abend genau mich (und die anderen ZuschauerInnen) „brauchen“ und andersherum ich (und die anderen ZuschauerInnen) die SchauspielerInnen „brauche“! All das wird irgendwie live viel deutlicher, als im Streaming, oder es wird live überhaupt erst möglich.

Gut, es gab in den vergangenen Monaten teilweise wunderbare Streamings von Theaterinszenierungen, keine Frage, auch Streaming – also Theater online – kann besondere Effekte hervorrufen. Manche Streamings „funktionierten“ sehr gut, haben Atmosphäre oder irgendetwas anderes transportiert, manche Streamings „ funktionierten“ aus meiner Sicht dagegen weit weniger. So ist das nun einmal. Theater hat meines Erachtens nichts mit „Erfolg“ oder mit ständigem „Gelingen“ zu tun. Es ist jedes Mal ein Versuch.

Und nun zur Inszenierung von „Die Politiker“:

Wie gesagt, jemand durchlebt eine einzige Nacht und kreist immer wieder um ein Thema: Die Politiker. Die beiden Wörter „die Politiker“ hört man an diesem Abend (ohne Übertreibung) zwischen 700 und vielleicht 1000 mal. Wenn nicht sogar viel öfter, weil sie teilweise auch parallel von den drei SchauspielerInnen gesprochen oder gemurmelt werden. Meine Rechnung: Die Inszenierung dauert 70 Minuten, allein pro Minute hört man durchschnittlich mindestens zehnmal die Worte „die Politiker“, macht schon 700 mal. In den englischsprachigen Surtitles heißt es nur manchmal „politica“ und manchmal „politicians“. Etwas viel – als wäre Wolfram Lotz in einer fürchterlichen Gedankenschleife gesteckt, die ihn nicht irgendwie voran gebracht hätte. Es ist ja nicht so, dass man der Bezeichnung „die Politiker“ durch den Text von Wolfram Lotz auch nur irgendwie näher kommen würde. Das ist auch gar nicht beabsichtigt. Es gibt nicht „die Politiker“.

Die recht junge Regisseurin Felicitas Brucker – eine von insgesamt 30 RegisseurInnen, die auf der Website der Kammerspiele genannt werden! – lässt für diesen Text drei Personen auf der Bühne erscheinen. Katharina Bach, Svetlana Belesova und Thomas Schmauser. Alle drei agieren weitestgehend in eigens für Sie bestehenden kleinen Kästen, „videoanimierten“ Zimmern, die klein und eng wirken. Vor allem Thomas Schmauser und ganz besonders Katharina Bach verausgaben sich – und überzeugen dadurch – geradezu. Alle drei reden und reden und reden. Sie reden meist parallel, über Licht und Ton wird jeweils der Fokus auf eines der Zimmer gelegt. Eine aufgeregte Aneinanderreihung von Gedanken, Elfriede Jelinek lässt grüßen! Katharina Bach spielt die „explosivste“ Person des Trios.

Die Inszenierung endet dann mit dem Satz: „Alle Dinge sind allein!“ Und genau das spiegelt die Stimmungslage des gesamten Textes von Wolfram Lotz und der Inszenierung (und schon des Bühnenbildes) wider: Wir reden von „die Politiker“, können sie aber gar nicht greifen. Wir stürzen immer wieder nur herab auf unser Alleinsein. Der völlig unbestimmte Begriff „Die Politiker“ ist Projektionsfläche für die recht hilflose Situation der SchauspielerInnen. Alle drei SchauspielerInnen suchen im Grunde Auswege aus ihrer Einsamkeit, ihrer Isolation. Suizid? Gewalt? Schreiben statt schreien? Oder wollen sie mehr Verantwortung der Politiker?

Getragen wird das Gedankenkonvolut des Textes meines Erachtens dann auch noch davon, dass es bei den undefinierten „Politikern“ um Personen irgendwo „oben“ geht, während alle anderen Menschen „unten“ sind. Das mag primär ein verständlicher Gedanke sein, Schlussfolgerungen aus dieser sehr unschönen Situation zeigen sich aber im wilden Gedankenkonvolut des Textes nur unscharf. Um Einiges zu unscharf, fand ich. Eine gewisse Schärfe der Gedanken vermag dem rasanten Tempo der Gedankenwechsel zum Opfer gefallen sein. Die Überlegung „weniger ist mehr“ gilt für den Text von Wolfram Lotz leider nicht unbedingt!

Thomas Schmauser und Katharina Bach

Copyright der Fotos: Judith Buss


MUSIK: The Cure – Pictures Of You

The Cure – nicht: Curevac – steht oft für den Begriff „Gothic Rock“, obwohl sich The Cure – lese ich – dieser Zuordnung eher widersetzte. Manchmal ging es, glaube ich, bei The Cure auch in Richtung Rock und sogar Pop. Letzteres vielleicht auch mit „Pictures Of You“, dem Song hier. Die Band wurde schon 1976 – noch unter anderem Namen – gegründet. Sie existiert noch heute. „Pictures Of You“ ist eine Auskoppelung aus dem 1989 erschienenen sehr erfolgreichen Album „Disintegration“.

Ein Jahr nach „ Disintegration“, 1990, trat die Band als eine der ersten internationalen Bands nach dem Mauerfall in der ehemaligen DDR auf – mit zwei Open-Air Konzerten in Dresden und Leipzig.

Zum 30. Geburtstag des Albums Disintegration – also 2019 – wiederum spielten The Cure an vier Abenden im Sydney Opera House das Album in voller Länge inklusive aller bisher nur als Demos existierenden Songs der damaligen Aufnahme-Session.

Es ist ein langer Songtext. Eine wohl nie zustande gekommene große Liebe wird besungen. Hier:

I’ve been looking so long at these pictures of you
That I almost believe that they’re real
I’ve been living so long with my pictures of you
That I almost believe that the pictures are
All I can feel

Remembering
You standing quiet in the rain
As I ran to your heart to be near
And we kissed as the sky fell in
Holding you close
How I always held close in your fear
Remembering
You running soft through the night
You were bigger and brighter and wider than snow
And screamed at the make-believe
Screamed at the sky
And you finally found all your courage
To let it all go


But I never see anything

If only I’d thought of the right words
I could have held on to your heart
If only I’d thought of the right words
I wouldn’t be breaking apart
All my pictures of you

Looking so long at these pictures of you
But I never hold on to your heart
Looking so long for the words to be true
But always just breaking apart
My pictures of you

There was nothing in the world
That I ever wanted more
Than to feel you deep in my heart
There was nothing in the world
That I ever wanted more
Than to never feel the breaking apart
All my pictures of you.

The Cure hat eine lange Geschichte, HIER Wikipedias Eintrag zu The Cure.


Und HIER der Link zu offiziellen Website von The Cure.

LITERATUR: Eva Schmidt – Die Welt gegenüber

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte in ihrer Literaturbeilage in diesem Frühjahr das Buch „ Die Welt gegenüber“ von Eva Schmidt in die Liste der Vorstellung der „wichtigsten Romane des Frühjahres“ aufgenommen. HIER der kurze Beitrag der FAZ. Eva Schmidts davor erschienener Roman „Ein langes Jahr“ gelangte 2016 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sie ist Österreicherin, lebt in Bregenz.

Wer etwas Unspektakuläres lesen möchte, im Urlaub etwa, keinen Krimi, normales Leben, akkurat beobachtet und geschildert, der mag an diesem Buch Gefallen finden. Es scheint eine Spezialität von Eva Schmidt zu sein, das Unspektakuläre zu beachten und genau zu beschreiben. Schon ihr erfolgreicher Roman „Ein langes Jahr“ wird davon geprägt.

In „Die Welt gegenüber“ schildert Eva Schmidt in zwölf voneinander völlig getrennten kleinen Episoden einfach Begebenheiten aus einzelnen Leben. „Einfache Begebenheiten“ ist nicht ganz treffend, es sind mitunter sehr spezielle Vorgänge, die geschildert werden. Man versteht die Begebenheiten meist nicht ganz, Eva Schmidt schreibt zwar nicht durchgehend aus der Rolle einer entfernten Beobachterin, die die Dinge selber nicht ganz verstehen würde. Nein, es wird auch mit eben diesem kurzen Blick auf teils alltägliche Gegebenheiten geschildert, was sich die betroffene(n) Person(en) denkt/denken, in welcher Situation sie ist/sie sind. Hinter jeder Geschichte steckt ja ein ganzer Kosmos. So ist es eben, in jeder Sekunde, bei jedem Menschen ist es ja so. Aber es bleiben Ausschnitte. Vor allem bleibt das „Ende“ der geschilderten kurzen Entwicklungen meist offen. Es gibt eben kein „Ende“.

Dass das „Ende“ der Kurzgeschichten offen bleibt, verstört ein wenig, da sich während der einzelnen Schilderungen Spannung aufbaut! Es scheint ständig auf etwas zuzulaufen, oft bleibt aber das, was man vielleicht erahnt, aus. Wie so oft. Man will beim Lesen der einzelnen Geschichten mehr und mehr wissen, was sich ergibt. Am Ende bleibt aber man oft ratlos.

Der Schreibstil von Eva Schmidt ist unspektakulär. Sie wählt die Alltagssprache. Nichts Gedrechseltes, aber auch – mir etwas zu sehr – auch ohne irgendeine Besonderheit in der Darstellung. Das kann aber durchaus gefallen! Sie schildert sehr genau und mit einfachen Worten die Begebenheiten so, wie man sie meist als Außenstehender oder eine(r) der Beteiligten sieht. Immer wieder sind die Schilderungen allerdings auch getragen von den subjektiven Absichten oder Ansichten, den Gedanken, der betroffenen Personen. „Blicke von innen“, sind es dann, aber auch die sind eher nüchtern geschildert, manchmal auch direkt aus der Ich-Perspektive heraus. Auffallend ist, dass in fast jeder Geschichte jedenfalls kurz oder auch länger der Tod erwähnt wird. Er ist sogar prägend für eine Geschichte („Vielleicht nach Skagen“). Ein Friedhof, ein gestorbener Lebenspartner, Suizidgedanken …

Nun, es ist ein angenehmes „Sommerbuch“, wenn auch literarisch „harmlos“, man kann sich Stück für Stück die einzelnen Episoden vornehmen.

MUSIK: Joan Armatrading – It could have been better

Wer kennt sie nicht. Wenigstens ein paar Jahre lang war sie in Deutschland zu hören. Bekannt wurde sie in Deutschland im April 1980 durch einen Auftritt in der damaligen TV – Sendung „Rockpalast Nacht“. Geboren wurde sie 1950 auf der ehemals britischen Insel St. Kitts, in deren Hauptstadt Basseterre. St. Kitts ist mittlerweile unabhängig.

Bekannt war mir damals – 80er-Jahre – Joan Armatrading vor allem durch ihren Song „Drop the Pilot“ und „Me Myself I“. Sie war als erste Britin und insgesamt dreimal für den US Grammy nominiert. Und sie hatte einmal sogar Platz 1 der US Billboard Blues Charts erreicht. Alle möglichen Stilrichtungen hatte sie berührt. R&B, Rock, Folk, Blues, Reggae.

Ich bringe hier den Song „It could have been better“ mit einem schönen Video. Der Tanz der beiden – herrlich! Und wie er – der Tanz – gegen Ende ausgelassener, schwungvoller – aber weiterhin absolut elegant – wird! HIER ihre offizielle Website.

THEATERTREFFEN 2021/TEIL 2: Starke Stücke auf 3sat

Das hier macht Sinn, der Leser kann etwas davon haben, dann schreibe ich gerne: Wie jedes Jahr, bringt 3sat auch dieses Jahr drei „Starke Stücke“ der 10-er Auswahl des Berliner Theatertreffens im Fernsehen und stellt sie für einige Zeit in die Mediathek. Die drei ausgewählten Stücke sind bis September in der Mediathek zu sehen!

Es handelt sich dieses Jahr um folgende drei Inszenierungen:

  • „Maria Stuart“ von William Shakespeare, eine Inszenierung von Anne Lenk
  • „Graf Öderland“ von Max Frisch, eine Inszenierung von Stefan Bachmann
  • “Automatenbuffet“ von Anna Gmeyner, eine Inszenierung von Barbara Frey

Ich habe sie gesehen („Maria Stuart“ von Anne Lenk kannte ich bereits, ich habe darüber HIER geschrieben), das Theatertreffen 2021 ist ja gerade zu Ende gegangen. Auf Folgendes kann ich den geneigten Theaterfreund hinweisen:

Was mir grundsätzlich an den diesjährigen drei „Starken Stücken“ im Vergleich zu den übrigen Inszenierungen der 10er-Auswahl auffiel: Sie waren „klassischer“ oder „herkömmlicher“ strukturiert, als die übrigen Stücke. Ja, es waren (vielleicht mit den Augen des Senders gesehen im Blick auf eine größere Zuschauerzahl) Inszenierungen klassischer Art: Anders waren die übrigen Stücke der 10er-Auswahl! Bei „Maria Stuart“ wird fast nur Originaltext gesprochen. Bei „Graf Öderland“ wird schlichtweg der – eigentlich unverständliche – Inhalt der „Moritat“ von Max Frisch erzählt. Und bei „Automatenbuffet“ erfolgt eine Erzählung, die vielleicht am ehesten anders nicht erzählt werden kann.

Entsprechend dem „klassischen“ Theater waren die drei Inszenierungen, die nun noch auf 3sat zu sehen sehen sind, vor allem eingebunden in – ich möchte sagen – „strenge“ Bühnenbilder, die in gewisser Weise viel vorgeben. Mir kam es dadurch teilweise vor, als hätte man „altes Theater“ gesehen. Ganz anders zum Beispiel war es bei „Der Zauberberg“ oder bei „Einfach das Ende der Welt“ mit ihren weitgehend leeren Bühnen. Anders auch bei den in diesem Jahr ausgewählten Performancearbeiten „NAME HER“, „Scores That Shaped Our Frienship“ und „Show Me A Good Time“. Anders im Grunde auch bei „Medea*“, auch wenn dort die Bühne nicht wirklich leer war! Nur „Reich des Todes“ habe ich nicht gesehen!

Die leeren Bühnen der vorgenannten Stücke haben m. E. durchaus einen Effekt: Sie geben den SchauspielerInnen mehr Betonung und genau das tut in unseren derzeitigen Streamingzeiten gut! Bei den drei „klassischen“ Stücken, die nun auf 3sat noch zu sehen sind, dachte ich mir dagegen immer wieder: „Man müsste diese Stücke eigentlich in Präsenz sehen!“ Ja, sicherlich, das Präsenztheater fehlt! Es ist und bleibt in jedem Fall ein himmelweiter Unterschied, die SchauspielerInnen live auf der Bühne zu erleben! Streamingtheater funktioniert aber meines Erachtens in bestimmten Fällen auch. In den Fällen nämlich, in denen aus dem Streamingangebot heraus etwas „Neues“ entsteht. Deutlich wurde dies bei „Der Zauberberg“, ein Kunstwerk insgesamt. Erkennbar wurde es ansatzweise auch in den Stücken „Medea*“ und „Einfach das Ende der Welt“. Auch dort konnte ich dem Streamingangebot etwas Besonderes abgewinnen. Es entstand eine Nähe zu den SchauspielerInnen, es war dort aus irgendeinem Grund heraus nicht so sehr erforderlich, das Stück in Präsenz zu sehen. Anders aber meines Erachtens in den drei Stücken, die, wie gesagt, nun bis September auf 3sat zu sehen sind:

„Automatenbüffet“:

Copyright: Mathias Horn

Wie gesagt: Bei „Automatenbüffet“ erschien mir die „Strenge“ des Bühnenbildes noch verständlich, da das Stück deutlich in der zurückliegenden strengen Zeit zwischen den Weltkriegen spielt. Alles sollte funktionieren und seine Ordnung haben. Die Gefühlswelt konnte sich nicht besonders durchsetzen. Die überbürgerliche Welt. Projekte werden entwickelt. Es geht um Geld. Und mitten drin spielt sich ein wenig Gefühlsleben ab. Eine Ehe zerbricht, der Mann hat sich in eine junge Frau verliebt, will mit ihr Leben, die Frau lässt sich von einem jungen Mann „einnehmen“, überschreibt ihm fast ihr gesamtes Vermögen, und so weiter. Das Stück bleibt leider oberflächlich. Zu v unterschiedliche Gedankenrichtungen werden kurz angestoßen. Geld und Projekte, Liebe, keine Liebe, Trennung, Scheitern, Suche nach dem eigenen Leben. Was will das Stück sagen? Es bleibt eine kleine Erzählung aus früherer Zeit.

HIER die Seite des Theatertreffens zu diesem Stück. Mit der Möglichkeit am Ende der Seite, das Programm Heft downzuloaden.

„Maria Stuart“:

Copyright: Arno Declair

„Maria Stuart“ war allein geprägt durch die Idee des Bühnenbildes, jeder Person auf der „Bühne“ einen eigenen abgetrennten Kasten, eine „Schublade“ zu geben, Interaktionen zwischen den Beteiligten finden nicht statt. Siehe das Foto. Es zählte nur das Wort. Das Wort entlang des Dramas von William Shakespeare. Zwei Königinnen, Moral und Politik, Macht und Gefühl, Elisabeth hin und hergerissen, Versuche der Einflussnahme Dritter auf die Macht. Nun ja, nicht gerade „aktuell“ im Ansatz.

HIER wieder die Seite des Theatertreffens zu diesem Stück. Mit der Möglichkeit am Ende der Seite, das Programm Heft downzuloaden.


Und „Graf Öderland“:

Copyright: Birgit Hupfeld

Bei „Graf Öderland“ spielt sich alles in einer Art Röhre ab, einem Trichter, der übermanngroß schräg auf der Bühne liegt. Siehe auch hier das Foto. Ich habe viel überlegt, kann aber den Sinn des Stückes schlichtweg nicht erkennen. Irgendwie geht es um Revolution und Widerstand gegen die Ordnung. Ein Staatsanwalt verschwindet und wird zu Graf Öderland, ursprünglich eine Märchenfigur, er zieht mit der Axt durch die Lande und ermordet (zusammen mit Gefährten) andere Menschen. Max Frisch liebte dieses Stück besonders, es sagte ihm sehr viel, es hatte aber nie Erfolg!

Auch HIER die Seite des Theatertreffens zu diesem Stück mit der Möglichkeit, am Ende der Seite das Programmheft downzuloaden.

MUSIK: Bill Evans – Peace Peace

Bill Evans war ein ganz Großer des Jazz! Er gilt als einer der einflussreichsten Pianisten des Modern Jazz und war stilbildend für eine ganze Generation von Musikern. Viele Jahre lang spielte er jeweils zusammen mit zwei weiteren Musikern im Trio. Piano, Bass und Schlagzeug.

Geboren war er am 16. August 1929, gestorben ist er am 15. September 1980.

Die Aufnahme, die ich hier bringe, ist ein Solostück. „Peace Peace“. Es mag kein für ihn besonders typisches Stück sein. Ich bin kein absoluter Jazzkenner. Bill Evans brachte jedenfalls – geprägt vom Impressionismus – viel „Sensibilität“ in den Jazz und prägte ihn offenbar damit. Das ist auch in diesem Stück zu hören. „Peace Peace“ passt ohnehin gut in die Sammlung meiner Stücke auf dem Blog. Man müsste sicherlich über Bill Evans viel schreiben. Ich möchte es mir aber nicht anmaßen, ich kenne zu wenig von ihm. Bekannt wurde er etwa durch seine anfängliche Mitwirkung bei Miles Davies 1958/59.

Noch zwei Dinge möchte ich erwähnen: Begonnen hatte alles zusammen mit seinem Bruder, sie gingen dann aber getrennte Wege. Dennoch: Dessen Selbstmord 1979 war offenbar für Bill Evans der „Anfang vom Ende“. Und: Es scheint sogar ein Problem gewesen zu sein, dass Bill Evans als Jazzmusiker nicht dunkelhäutig war, sondern weiße Hautfarbe hatte!

Ich bringe hier also einfach dieses Stück. An Jazzmusik hatte ich bisher im Blog nur das Esbjörn Svensson Trio mit „Viaticum“ gebracht. Hier Bill Evans:


THEATER: Zwei Ankündigungen!

Für die Theaterfreunde unter uns gibt es in Kürze einige Gelegenheiten, schöne Dinge zu sehen. Ich möchte sie hier besonders ankündigen, damit sie nicht verpasst werden und man sich dann etwa ärgern muss. Man muss sich ja derzeit ohnehin schon über Einiges ärgern.

Berliner Theatertreffen 2021:

Zum einen bieten das Berliner Theatertreffen 2021 und – auch dieses Jahr wieder – 3sat in diesem Jahr aus gegebenem Anlass insgesamt alle Aufführungen, die eingeladen wurden, als Streaming an. Alle zehn Inszenierungen der berüchtigten 10er-Auswahl sind so zu sehen, was ja sonst nicht möglich ist. Das diesjährige Streamingangebot geht allerdings noch weit darüber hinaus. Es lohnt sich, das Programm genau durchzusehen. Es ist so viel, ich verlinke HIER auf den Kalender des Theatertreffens 2021. Das Theatertreffen beginnt am 13. Mai 2021 und endet am 24. Mai 2021. Ich werde sicherlich über einige Inszenierungen und Streamings schreiben.

King Lear und Die Politiker:

Meine zweite Ankündigung: Er, Sebastian Hartmann, wurde zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin mit seiner Inszenierung “Der Zauberberg“ von Thomas Mann eingeladen. Siehe oben. Die Inszenierung wird, wie gesagt, im Rahmen des Theaterteffens in Berlin als Streaming zu sehen sein. Es ist eine Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin. Sebastian Hartmann hatte aber in letzter Zeit (vor Corona) am Deutschen Theater Berlin auch eine weitere Inszenierung: Eine Art Kombination aus „King Lear“ von William Shakespeare und „Die Politiker“ von Wolfram Lotz. HIER der Link zur Stückeseite dieser Inszenierung auf der Website des Deutschen Theaters Berlin. Die Szenen und Bilder, die Sebastian Hartmann mit dieser Inszenierung vor knapp zwei Jahren aufrief, erscheinen heute, in pandemischen Zeiten, „irritierender und gegenwärtiger denn je“, heißt es in der Ankündigung des Deutschen Theaters Berlin zum Streaming, das jetzt am 01. Mai um 20.00 Uhr zu sehen ist! Der Livestream wird einmalig ausgestrahlt. Angesichts der momentanen Unmöglichkeit, analog zu spielen, begegnen der Regisseur und das Ensemble der Inszenierung einmalig neu und transformieren sie in einen Livestream. HIER der Link zur Seite dieses besonderen Streamings. Und HIER der Link zu einem Gespräch mit Sebastian Hartmann über diese Livepremiere am 1. Mai. Sebastian Hartmann findet meines Erachtens immer wieder zu dem, was er sagen will, wunderbare Worte. Nicht aufdringlich, nicht eingebildet, nicht auf Überzeugung anderer angelegt, sehr durchdacht. Ich werde sicher über meine Eindrücke vom Streaming schreiben.

MUSIK: Tracy Chapman – Knocking on Heaven’s Door

Ich habe schon vor langer Zeit hier im Blog das Original von Bob Dylan gebracht: „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Hier folgt nun eine Version des Songs von Tracy Chapman, sie gefällt mir auch. 44 Millionen „Tonträger“ hat sie bisher verkauft, auch nicht so schlecht, mehr als ich!

Sie ist 1964 geboren und wurde ja 1988 schlagartig fast weltweit bekannt. Es war ihr Auftritt beim „Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concert“ zum 70. Geburtstag des südafrikanischen Freiheitskämpfers am 11. Juni 1988 im Wembley-Stadion in London. Sie hatte dort sogar gleich zwei Auftritte. Da Stevie Wonder wegen technischer Probleme seinen Auftritt abbrechen musste, wurde sie vom Veranstalter gebeten, ein zweites Mal auf die Bühne zu gehen, um die entstandene Pause zu überbrücken.

Hier also ihre Version von Knockin‘ on Heaven’s Door. Diese Version endet übrigens nach Minute 4:40, dann folgt fast 3 Minuten lang Applaus. Es war offenbar ihr letzter Song des Abends.

Und: Tracy Chapman führte Ben E. Kings „Stand By Me“ in einer der letzten Episoden der Late Show von David Letterman im April 2015 auf. Auch diese Version bringe ich hier. Ich finde ihre Stimme dort fast noch besser! Sie hat noch das unverwechselbare Timbre in der Stmme, aber irgendwie noch etwas ruhiger, melancholischer. Man mag sagen, Tracy Chapman ist etwas schnulzig. Nein gut, sei’s drum. Ich finde ihre Stimme trotzdem interessant. Und zwischen beiden Aufnahmen liegen wahrscheinlich gute 25 Jahre!

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THEATER: Leonie Böhm – Schwestern nach Anton Tschechow

Es ist schon ein paar Tage her, am vergangenen Donnerstag den 15. April war die Onlinepremiere. Ich sehe noch keine weiteren Termine in der Planung des Schauspielhauses Zürich, es wird aber sicherlich nicht bei dieser einen Aufführung bleiben. Leonie Böhm hat wieder etwas inszeniert, diesmal zusammen mit dem Schauspieler Lukas Vögler. Er ist es auch, der den Monolog hält, dem man folgen konnte.

Der Monolog geht zurück auf das bekannte Drama „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow. Gerade erst hatte Leonie Böhm am Schauspielhaus Zürich das Stück Medea* inszeniert. Auch das war weitgehend ein Monolog. Wie üblich, hat Leonie Böhm auch hier, bei „Schwestern“, nicht das Interesse, die Handlung des Dramas „Drei Schwestern“ irgendwie wiederzugeben. In Monologform natürlich erst recht nicht. Nein, es werden wieder einzelne Gedanken aus dem Drama Drei Schwestern herauskristallisiert. Diesmal sind diese Gedanken sogar nicht einmal deutlich im Roman angelegt. Es geht um den Gedanken: Braucht der Mensch einen anderen Menschen? Kann er nicht einfach aufwachen und sagen: Ja, das bin ich!

Es ist insoweit ein sehr aktuelles Thema, wahrscheinlich sogar aus der derzeitigen Situation heraus geboren. Inwieweit brauchen wir andere Menschen? Wir müssen uns wegen Corona zurückziehen, wir müssen uns isolieren, wir haben kaum Gelegenheiten, uns mit anderen Menschen zu konfrontieren. Lukas Vögler spricht es zu Beginn seines Monologes auch deutlich an: Auch der Zuschauerraum des Theaters ist leer!

Lukas Vögler spricht als Bruder der Drei Schwestern. Auf der Bühne ist nichts außer ihm und ein riesiger schwarzer Panther. Er selbst, Lukas Vögler, mit langen Haaren, Haaren, die bis über die Hüfte hinunter gehen, siehe das Beitragsbild oben. Er soll nicht irgendwen verkörpern, er steht für alle, undefiniert. Der Panther geht zurück auf das bekannte Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Es ist ein so genanntes Dinggedicht, ein Gedicht des Naturalismus, es beschreibt einfach den – einsamen und gefangenen – Panther. Und der Leser – beziehungsweise hier der Zuschauer – kann sich seine Gedanken machen, kann überlegen, was die Situation des Panthers mit der Situation des Menschen zu tun hat. Das Gedicht:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
 
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
 
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Der Panther sieht nur Stäbe, auch die nicht mehr! Aber der Wille und das Herz! Das hat auch der Panther! Lukas Vögler verschwindet gegen Ende seines Monologs im Rachen des Panthers - so ist es gemeint.

Die Drei Schwestern, die bekanntlich abseits von Moskau leben, drehen sich bekanntlich im Kreis, Jahre vergehen. Sie brauchen aber irgendetwas, an dem sie sich reiben, aufzehren (können). Sie brauchen auch andere Menschen, scheint Tschechow zu sagen, Liebschaften entstehen, das mag auch der Gedanke sein, der Lukas Vögler und Leonie Böhm antrieb. Der Mensch kann nicht alleine sein. Daher auch der von Lukas Vögler gesungene Song „Ohne Dich“, ein Song der Gruppe Rammstein. Der Monolog von Lukas Vögler ist keineswegs tiefsinnig, aber er steigert sich gegen Ende der Inszenierung. Keine schauspielerische Höchstleistung, aber das muss und soll garnicht sein. Die Inszenierung ist in gewisser Weise ein „Schnellschuss“, der auf unsere derzeitige Situation eingeht! Aber ein Schnellschuss, der nicht deprimiert, sondern den Zuschauer doch mit einem guten Gefühl hinterlässt, Lukas Vögler spielt keinen „Verlorenen“, der sich etwa aufgibt.

HIER Der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

Copyright des Beitragsbildes: Gina Folly

THEATER: Friedrich Schiller – Maria Stuart

Die zehn zum Theatertreffen 2021 nominierten Inszenierungen deutschsprachiger Theater werden vom 13. bis 24. Mai 2021 als Livestream aus dem jeweils produzierenden Theater oder als Aufzeichnung – u. a. in Zusammenarbeit mit dem Medienpartner 3sat – präsentiert. Einzelheiten zur Terminierung werden Ende April bekannt gegeben.

Ich konnte von dieser Auswahl bisher „Der Zauberberg“ in der Inszenierung von Sebastian Hartmann (Deutsches Theater Berlin) (HIER), „Einfach das Ende der Welt“ in der Inszenierung von Christopher Rüping (Schauspielhaus Zürich) (HIER dazu ein einführender Link) sowie „Medea*“ in der Inszenierung von Leonie Böhm (Schauspielhaus Zürich) (HIER) sehen.

Jetzt hatte ich noch die Gelegenheit, eine vierte der für 2021 ausgewählten Inszenierungen zu sehen: „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller in der Inszenierung von Anne Lenk (Deutsches Theater Berlin).

Es ist ein Klassiker par exellence, aus der Zeit der Weimarer Klassik. Das absolutistische Denken steckte den Menschen in den Knochen, Gefühle sollten aber hinzukommen. Zwar nicht im Sinne des weit heftigeren damaligen „Sturm und Drang“, sondern ausgewogener, der ausgewogenen Klassik entsprechender. Königin Elisabeth ist insoweit in diesem Drama bekanntlich davon hin und hergerissen, wie sie mit ihrer Schwester Maria Stuart, die in England festgenommen wurde, umgehen soll. Soll sie das gerichtliche Todesurteil vollstrecken?

Die Inszenierung von Anne Lenk bleibt klassisch. Das Bühnenbild ist durchaus eigenwillig, eine durchaus interessante Idee, sie ändert aber nichts an der inhaltlichen klassischen Wirkung des Dramas von Friedrich Schiller. Zwar wird damit ein Recht eigenwilliger singulärer Auftritt aller SchauspielerInnen ermöglicht, es entsteht der Eindruck, jeder Akteur und jede Akteurin handle in seinen/ihren Grenzen. Es bleibt aber geradezu puristisch die klassische Erzählung. Klassik meets Klassik. Wie oben im Beitragsbild zu sehen ist, treten alle SchauspielerInnen jeweils in jeweils eigenen rot gefärbten Kästen auf, sie agieren allesamt getrennt voneinander. Vor allem Julia Windischbauer als Elisabeth, Königin von England, und Franziska Machens als Maria Stuart, festgenommene Königin von Schottland.

Damit allein – mit dem Bühnenbild – werden allerdings keineswegs besondere neue Aspekte des Dramas beleuchtet, es wird keine neue Sichtweise des Dramas gezeigt, es wird (anders als etwa in der Inszenierung „Medea* von Leonie Böhm) das klassische Drama – meist dem Originaltext treu – gespielt. Im Grunde wird dadurch nur der klassische Text des Dramas wichtiger. Und die argumentativen Handlungen der einzelnen Personen – die zaudernde Königin Elisabeth soll ja bei ihrer Entscheidung beeinflusst werden – werden dadurch ein wenig klarer beleuchtet. Das schon. Mehr nicht.

Die Jury des Berliner Theatertreffens formulierte in ihrer Begründung zur Auswahl dieser Inszenierung darüber hinaus zwar, es sei ein „an schauspielerischen Feinheiten reicher Abend“. Mein Eindruck dazu allerdings war, dass den Schauspieler und Schauspielerinnen doch – abgesehen vom Text – in ihren Kästen eigentlich sogar weniger Gelegenheit gegeben war, „schauspielerische Feinheiten“ zu zeigen.

Nun, das mag man auch anders empfinden. Je nach Interesse, sich in die Positionen der verschiedenen AkteurInnen hineinzuversetzen. Insoweit lohnt es sich dann doch, diese zum Theatertreffen 2021 ausgewählte Inszenierung spätestens im Mai online anzusehen.

HIER der Link zur Stückeseite von „Maria Stuart“ auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

MUSIK: Klaus Schulze – My Ty She

Meine Musik von heute, für ganz ruhige Ostertage. Einfach neben herlaufen lassen. Klaus Schulze war früher Schlagzeuger bei Tangering Dream. Ist am selben Tag geboren wie ich: Am 4. August! Allerdings schon 1947, er ist also 14 Jahre älter!

Schon früh startete er eine Solokarriere und arbeitete dann mit vielen verschiedenen Künstlern zusammen. Unter anderem war er Teilnehmer des Musikprojektes Schiller auf dessen fünften Album „Sehnsucht“. 1998 wurde das Musikprojekt „Schiller“ von Christopher von Deylen und Mirko von Schlieffen als Club-orientiertes Musikprojekt ins Leben gerufen. Der Stil: Sanftere, melodiebetonte elektronische Musik, oft untermalt von bekannten Synchronsprechern.

HIER die offizielle Website von Klaus Schulze mit langen Listen seiner Alben und Musiktitel.

THEATER: Leonie Böhm – Medea* nach Euripides, Livestream des Schauspielhauses Zürich

Medea: „Ich war von Liebe überwältigt … ich bin in tiefster Seele gekränkt … ich werde von Grund aus vernichtet … ich fühl garnichts mehr … hin ist das Vertrauen … ich kann das nicht begreifen … ich hab Angst … die Welt ist aus den Fugen … alles ist weggebrochen … ich geb auf … ich hab Angst vor Gewalt“. Dass sie dann ihre beiden Kinder tötet, ist nicht gesichert. Es ist die Erzählung des Mythos durch Euripides, andere sagen, die Korinther hätten die Kinder getötet und hätten Euripides Geld dafür gegeben, sein Drama eben anders zu schreiben, nicht von der Tat der Korinther zu berichten.

Ich gehe einmal davon aus, dass viele der sicherlich zigMillionen Leser dieses Blogs – verteilt über das weite Rund der Erde, vor ihren Bildschirmen sitzend und ständig auf bessere Zeiten und weitere Blogbeiträge hoffend – Theaterfreunde sind und den Namen Leonie Böhm kennen. Sie hat am Schauspielhaus Zürich „Medea*“ inszeniert, dort ist sie aktuell eine der HausregisseurInnen. Es war letzte Woche im Livestream zu sehen. Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen Berlin 2021 eingeladen, das im Mai wieder stattfinden soll. Wie die Inszenierungen dort wiederum zu sehen sein werden, wird noch bekanntgegeben werden. Online? Präsenz? Wir werden sehen.

Es geht – wieder einmal bei Leonie Böhm – nicht um die Darstellung der bekannten Geschehnisse um Medea. Leonie Böhm verfolgt auch hier wieder wenige tragende Gedanken zwischen den Zeilen eines Dramas.„Ich benutze die Klassiker und die Stücke immer dazu, um eine bestimmte Fragestellung zu untersuchen“, sagt sie in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Oft – nicht immer – sind es feministische Ansätze, die sie verfolgt. Eine ihrer ersten Arbeiten hieß etwa „Nathan die Weise“ nach Lessing. Oder zuletzt an den Münchner Kammerspielen: „Die Räuberinnen“ nach Schiller. „Und bei Medea hat mich sehr stark die Frage interessiert: Wie kommt man eigentlich aus einer Ohnmachtssituation und aus einer Ungerechtigkeitssituation wieder in die eigene Handlungsmacht?“ Das Feministische spielte bei ihrer Inszenierung Medea keine Rolle. Medea ist ja eine Frau! Sie hätte eher den Spieß umdrehen können, hätte den männlichen „Medeus“ daraus machen können.

Es ist ja eine in gewisser Weise immer wieder aktuelle Situation: Eine Frau, die von ihrem geliebten Mann betrogen und verlassen wird. Oder andersherum: Ein Mann, der von seiner geliebten Frau verlassen wird! Es wird höchst selten zur Ermordung der eigenen Kinder kommen, kann aber sicherlich zu Ohnmacht und Depression führen. Liebe kann unermesslich sein, die Enttäuschung dann auch! Euripides sah diese Unausweichlichkeit! Also: Wie kommt man da wieder raus? Muss es Rache sein? Diese Frage beschäftigte Leonie Böhm.

Im Gegensatz zur Tragödie von Euripides treten bei Leonie Böhm nur zwei Personen auf: Die Schauspielerin Maja Beckmann – Medea – und der Musiker Johannes Rieder, er stellt quasi den antiken „Chor“ dar, der Medea beobachtet, mit ihr spricht, im Hintergrund bleibt, musiziert, selten eingreift. Die Bühne ist – siehe Beitragsbild – komplett mit weißen Tüchern verhangen. Man fühlt sich – zeitlos – wie im Inneren von Medea, vom Wahnsinn eingesperrt. Erst gegen Ende der Inszenierung fallen alle weißen Tücher in sich zusammen. Musikalisch wiederum schön begleitet von Johannes Rieder und seinem rauhen Summen einer ruhigen Melodie am Klavier, scheint Medea dann aus ihrem Wahnsinn herauszukommen. Überhaupt wird die Inszenierung meines Erachtens geprägt von der zurückhaltenden Musik von Johannes Rieder, auch von ihm als Beobachter des Geschehens. Er zupft an der Gitarre, spielt ein wenig am Klavier. Er war es für mich, der die Inszenierung mit seiner Musik und seinen wenigen Worten prägte. Er mit seiner Erscheinung. Obwohl natürlich Maja Beckmann als Medea im Grunde im Mittelpunkt steht.

Auch wenn Leonie Böhm versucht, mit dieser Inszenierung herauszuarbeiten, wie Medea doch aus ihrem Wahnsinn herauskommen könnte (hätte können): Es wird irgendwie leider nicht ganz deutlich. Natürlich will Leonie Böhm keine Lösung präsentieren, darum geht es nicht. Natürlich kann alles offen bleiben. Es geht um Befindlichkeit. Medea hat ja bei Leonie Böhm vor allem Angst vor dem, was sie tun wird. Es ist ihr wenigstens bewusst, was sie tun wird, sie äußert es schon zu Beginn der Inszenierung. Sich dessen bewusst zu sein, ist schon das Thema für Leonie Böhm. Es geht um Medeas Einstellung. Darum, zu zeigen, dass Medea sich in ihrer Situation doch mit sich selbst beschäftigen kann (hätte können), nicht nur eine rasende unkontrollierte Furie war. „Du brauchst Mut, Deinen Platz zu finden“, sagt sie. Oder: „Das bin ich, das ist das Leben.“ Darum geht es Leonie Böhm wohl. Seinen Platz finden. Medea, die erkennt, in welcher Situation sie ist. Die Inszenierung endet so auch nicht im wahnsinnigen Kindermord, es geht eben nicht um das Gesamtgeschehen selbst.

Es wird auf der Bühne aber dennoch alles vielleicht nicht deutlich genug, ergänzende Erklärungen etwa in der guten Podcast-Einführung des Dramaturgen Bendix Fesefeldt (am Ende der Stückeseite zu Medea* HIER) und im Programmheft (ein Gespräch mit Leonie Böhm) bringen einem die Thematik im Grunde erst wirklich näher. Schade, die schöne Inszenierung erscheint daher nicht ganz ausgereift.

Copyright der Bilder: Gina Folly

LITERATUR: Andreas Maier – Die Universität

Ich habe im Grunde noch selten – zu selten – an dieser Stelle über Werke von Andreas Maier geschrieben, obwohl ich doch seit vielen Jahren alles lese, was von ihm publiziert wird. Und das ist viel! Allein seine letzten Titel, Teile einer Reihe „Ortsumgehung“, die auf elf Bücher über Dinge seines Lebens angelegt ist.

Die Teile „Onkel J.“ (gehörte vielleicht noch nicht zu dieser Reihe), „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“, „Der Kreis“, „Die Familie“, „Die Universität“, „Die Städte“ erschienen bisher. Davor schon hatte er teilweise wunderbare Bücher veröffentlicht: „Wäldchestag“, „Klausen“, „Kirillow“, „Sanssouci“ etwa. Ich persönlich könnte sie alle empfehlen.

HIER der Link zur Autorenseite auf der Website des Suhrkamp Verlages.

Sein aktuelles Buch – kürzlich erschienen – „Die Städte“ werde ich wahrscheinlich noch besprechen. Zunächst möchte ich hier ein paar Worte über das Buch verlieren, das etwa ein Jahr zuvor erschienen war – ebenfalls als Teil der Reihe „Ortsumgehung“: „Die Universität“.

Es ist im Grunde ein schmales Bändchen. Andreas Maier schildert zehn verschiedene kleine Episoden aus seiner Studentenzeit. Natürlich studierte er in Hessen, Frankfurt am Main, Germanistik und Philosophie, später noch Altphilologie. Er lebte ja in der Wetterau, im Hessischen, der Gegend, um die es in der Reihe „Ortsumgehung“ immer wieder geht, seine Heimat. Schön finde ich ja bei alldem seine Sprache: Möglichst einfach, nicht gedrechselt, nicht aufgesetzt. Andreas Maier will dem Leser nichts aufzwingen. Ganz einfache Szenen werden meist locker mit möglichst einfachen und nicht übertrieben vielen Worten geschildert. Möglichst einfache Schilderungen, aber dennoch in schöner Sprache. Oder: Die Szenen werden nicht geschildert, sondern eher beobachtet. Das macht es dann interessant. Ein Arztbesuch, ein Seminarabend, eine Autofahrt, seine Freundinnen, andere Personen. Dinge, die wir alle erlebt haben.

Es geht in den Teilen der Reihe „Ortsmgehung“ nicht um eine bloße Schilderung solcher Situationen. Das könnte zäh, langweilig werden. Nein, es geht um einen speziellen Rückblick auf Kindheit, Jugend, auf Personen, Familie, Freunde, Freundinnen, Erlebnisse, Orte, sein Erwachsenwerden, ständig in dem Unterton, der einen als Leser immer in Distanz setzt zu dem, was man liest und zu dem, über den man liest. Aber man wird als Leser dabei vor allem immer wieder auf die Frage gestoßen: „

Vielleicht habe ich diese oder zumindest ähnliche Szenen damals auch so erlebt? Genau so!“

Er schreibt – besonders dieses Mal ist es mir aufgefallen – immer so, als wäre er damals überhaupt nicht richtig in der Welt gewesen. Es geht meistens um Dinge, die besser NICHT hätten passieren sollen oder besser künftig bitte NICHT passieren dürften, aus damaliger Sicht, Dinge, die er NICHT richtig erkannte, NICHT sehen konnte, die er NICHT versteht oder damals NICHT verstand, auch Träume kommen vor, Situationen, die es so eben in der Realität NICHT gab. Es geht immer wieder um Merkwürdigkeiten, Unklarheiten, Uneindeutiges. Dinge, die ihm einfach unverständlich waren, was er aber zum Teil, meint man, erst heute erkennt. All das bei ihm und bei anderen Personen oder bei den letztlich alltäglichen Ereignissen, von denen er erzählt. Nicht zu Unrecht steht am Buchrücken einer der entscheidenden Sätze dieses Bandes: „ICH, DAS IST DER MITTELTEIL DES WORTES NICHTS.“

Schon die erste Episode: Andreas möchte in den Semesterferien nach Italien fahren, fährt schon zum Bahnhof, doch er fährt letztlich NICHT. In der zweiten Episode geht es dann am deutlichsten um „Universität“, sein Studium. Er sitzt im gefüllten Seminarraum – Philosophie- und beobachtet die anderen Teilnehmer. Bis er merkt, dass auch er beobachtet wird. Auch hier: Er bemerkt, dass er NICHT nur Subjekt seiner Handlungen, seiner Beobachtungen ist, sondern auch Objekt anderer. Auch in der dritten Episode. Andreas muss zum Arzt wegen eines Ausschlags und wegen Magenproblemen. Der Arzt fragt ihn zuletzt: „Haben Sie einmal überlegt, NICHT in die Mensa zu gehen?“. Oder: Die Buchhändlerstochter, eine seiner ehemaligen Freundinnen. Er steht in der Buchhandlung, denkt an sie, aber: Er trifft sie natürlich NICHT! Will sie gerade NICHT treffen – oder doch? Oder das Cover: Ein kleiner Vogel. Ein Vogel blickt einen doch NICHT an, schaut einem eben NICHT in die Augen.

Eine Ausnahme bildet fast die neunte Episode. Eine Autofahrt. Sie wird ausnahmsweise sehr konkret so beschrieben, wie sie war. Hier gibt es kein NICHT. Hier kommen keine Merkwürdigkeiten zum Tragen, sondern Andreas Maier kann die stockende Autofahrt nach Frankfurt irgendwie mit unser aller Leben verbinden. Auch das nicht ausufernd, sondern mit einfachen Worten, treffend nachgedacht. Bei aller Einfachheit der Situationen in diesem Band – über die Universität mit dem Philosophiestudium! – ist es hier auch ein wenig gemischt mit philosophischen Überlegungen.

Und am Ende die kurze Schilderung der Szene, in der er die kalte Kirche betritt und dann im Dunkeln – natürlich NICHT deutlich zu erkennen – hinten im Kirchenschiff seine ehemalige Freundin, die Buchhändlerstochter, sieht. Stehen bleiben? Auf sie zugehen? Wieder ist es unklar.


THEATER: Leonie Böhm – Medea* nach Euripides

Wer Interesse an den Inszenierungen hat, die zum Berliner Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden, könnte sich am Donnerstag, den 18. März, um 20:00 Uhr im Streaming (im Rahmen des „Streamy Thursday“) die Inszenierung Medea* von Leonie Böhm ansehen, die am Schauspielhaus Zürich entstanden ist. Karten vorab besorgen!

Ich werde es ansehen und im Blog über meine Eindrücke berichten. Auch „Der Zauberberg“, den ich letztens gesehen habe und über den ich dann auch geschrieben hatte (siehe den Beitrag zuletzt) ist ja eine der Inszenierungen, die zum Theatertreffen 2021 ausgewählt wurden.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Schauspielhauses Zürich.

HIER Der Link zu meinem Beitrag über die Inszenierung von “Der Zauberberg“.

THEATER: Der Zauberberg nach Thomas Mann – Livestream des Deutschen Theaters Berlin

Das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung, darum geht es! Sebastian Hartmann inszenierte bereits vor zehn Jahren Thomas Manns „Der Zauberberg“, er war damals Intendant des Schauspiels Leipzig. Er hat sich nun am Deutschen Theater Berlin erneut an dieses monumentale Werk gemacht. Er wagt sich ja übrigens auch (auch am Deutschen Theater Berlin) an einen anderen Jahrhundertroman, den „Ulysses“ von James Joyce. Die Inszenierung von „Der Zauberberg “ ist zum Theatertreffen 2021 in Berlin eingeladen. In welcher Form auch immer das Theatertreffen in diesem Jahr stattfinden wird.

Es ist nicht einfach die Erzählung des Romans „Der Zauberberg“ auf der Bühne, Hartmann greift allein die Kerngedanken des Werkes auf. Umso erstaunlicher ist es, wie er diese abstrakte Gedankenwelt auf die Bühne bringt! Eine insoweit meines Erachtens absolut gelungene Inszenierung! Wie man so etwas schafft? Es geht um nicht weniger als um Themen wie die Zeit, der Mensch, der Körper, auch die Liebe und schließlich der Krieg. Wenn man sich diesen nicht gerade alltäglichen Gedanken länger hingeben will, hier ist eine wunderbare Gelegenheit!

All dies entspringt der Gedankenwelt von Hans Castorp, der nach einem heftigen Wintersturm, der ihn auf einer Wanderung erwischt, in den Schweizer Bergen in einen tiefen Traum fällt. Traumbilder durchziehen auch die Inszenierung. Etwa:

Copyright: Video Still von Tilo Baumgärtel

Hans Castorp wollte für drei Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim zu besuchen, er blieb schließlich sieben Jahre lang dort im Sanatorium. „Ich bin der Welt abhandengekommen“, sagt er im Buch und auf der Bühne. Die Zeit steht still, für sieben Jahre lang steht sie still. Bis der zweite Weltkrieg beginnt, der „Donnerschlag“, der auch Hans Castorp an die Front holt.

Markwart Müller-Elmau spielt Hans Castorp wunderbar! Mit akustischen schweren Schneestapfern betritt er langsam und schwerfällig barfuß die weiße fast leere Bühne. Er bleibt während dieser Inszenierung die Person, die sich über alles wundert, tief versunken ist. Allein sein Gesichtsausdruck, sein Blick, erklärt die Stimmung des ganzen Romans! Ein großartiger Theatermoment ist die Szene, in der Marquart Müller-Elmau – hier im Rollstuhl sitzend – Linda Pöppel ratlos zuhört, wie sie schluchzend, immer verzweifelter werdend – vor dem Hintergrund des aufkommenden Kriegs – über die Dinge des Daseins klagt! Auch Markwart Müller-Elmau beginnt – dräuende Livemusik im Hintergrund- vom Wahnsinn des Krieges zu reden. Beide mit ihren weiß geschminkten Gesichtern. Schwarze Flocken rieseln auf die Bühne, die große, fast leere Bühne. Wirklich großartig von beiden, wirklich großartig!

Auch die Kostümierung ist zu erwähnen: Adriana Braga Peretzki steckte alle SchauspielerInnen in weiße Bodysuits, übergroß und zumeist pummelig. Verbogene, kränkliche Körper. Es ist dadurch keine der im Roman erscheinenden Personen erkennbar, es geht einfach um den Menschen. Siehe das Beitragsbild oben.

Zu sagen, Thema der Inszenierung ist die Frage „Was ist die Zeit“, greift allerdings meines Erachtens sogar zu kurz. Sicherlich ist diese Frage ein Kern der Inszenierung: Es fallen eben Äußerungen wie: „… das fiebrig lodernde Geheimnis des Lebens und der Verwesung“. Linda Pöppel bringt diese Äußerung in der genannten Szene mit Markwart Müller-Elmau. Darum geht es Thomas Mann! Dies ist eigentlich meines Erachtens eine der Kernbemerkungen dieses Romans, wollte man ihn beschreiben! Die Zeit, der Verfall, die Verwesung, die Veränderung. Nichts bleibt wie es ist. Und: „Was ist das Leben? Was ist der Körper? Was hat es damit auf sich? Das Sein und das Eigentlich-nicht-sein-Können. Wie verhält es sich?“ Was ist Vergangenheit, was sind Gefühle? Alles keine leichten Fragen, alles Fragen, die sich Thomas Mann (in seiner sicherlich elitären Lebensweise) stellte und die ihn zu diesem Roman brachten. Fragen, die sich Hans Castorp in seinem siebenjährigen Stillstand stellen. Fragen, die in dieser Inszenierung insgesamt wunderbar dargestellt werden! Natürlich gibt es keine Antworten!

Und hinzu kommt Thomas Manns Gedanke: Warum führen wir Krieg? Auch dieser Gedanke wird in der Inszenierung deutlich: Warum Krieg, warum nicht Liebe? Eine Frage, die Thomas Mann zu seiner Zeit natürlich – der Roman erschien 1924 – sehr aktuell beschäftigte. Marquart Müller-Elmau schildert gegen Ende der Inszenierung ratlos und verzweifelt Szenen von der Front. Junge Menschen sterben, werden durch Bomben zerrissen. Oder ist es gar er selbst, der zerrissen wird? Und hier fallen Äußerungen wie: „Worüber sind wir so ausgelassen lustig – weil es nun abwärts geht? Wer sind wir? Was ist das, Krieg? Ich kann mir auch andere Bilder erträumen: Mit der Geliebten am Strande lustwandelnd … Wird auch aus diesem Weltfest des Todes die Liebe steigen?

Warum hat der Mensch Brutalität in sich? Die Brutalität des Daseins, die wohl im Menschen steckt, fiel wohl für Hans Castrop deswegen weg, weil für ihn sieben Jahre lang die Zeit still stand. Der Stillstand der Zeit als alleinige Rettung vom Wahnsinn. Dann ging sie weiter, die Zeit, mit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Lifestreaming zeichnete sich übrigens noch dadurch aus, dass auf der Bühne mit sechs Kameras gearbeitet wurde. Es entstand eine besondere Streamingversion der Inszenierung, die man so auf der Bühne nicht sehen wird. Bildüberblendungen, Gänge hinter die Bühne, Nahaufnahmen, und und. Auch dies schien mir für diese Inszenierung bestens zu passen. Ich hatte schon Inszenierungen gesehen, in denen es etwas eigentümlich wirkte, auf der Bühne teilzunehmen. Hier erschien es mir hoch selbstverständlich und sehr gelungen, künstlerisch wohl sehr durchdacht.

HIER geht es zur Stückeseite auf der Website des Deutschen Theaters Berlin.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declar