THEATER: Thom Luz – Olympiapark in the Dark

Thom Luz kommt aus der Schweiz, Zürich und Basel, und wechselt als Hausregisseur an das Münchner Residenztheater (ist es offenbar auch noch am Theater Basel). Er bringt gerne skurrile, poetische Annäherungen an ganz spezielle Themen. Ein sehr eigenes Gesicht haben seine Produktionen, er selbst hat eine eigene Handschrift, kaum anders zu finden.

Eine solche Themenwelt war bisher etwa: „Dinge, die verschwinden„. Thom Luz sei ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“, heißt es irgendwo. Mit der Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Oder kürzlich „Radio Requiem“, auch das Thema des Verschwindens. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Auch das gab ihm Anlass, seine Poesie des Verschwindens zu entfalten.

Jetzt der Abend „Olympiapark in the Dark“ am Residenztheater (im Marstall). Erstaunlicherweise geht es hier nicht um das Verschwinden, sondern um das Ankommen, das Sich-Annähern an Fremdes, an München nämlich. Und zwar mit Klängen, mit Musik, mit Geräuschen und Dissonanzen. Nicht Harmonisches. Auch immer wieder mit kurz oder lang angespielten (oft bayerischen) Musikstücken oder angerissenen Erzählungen von Dingen, die irgendwie mit München zu tun haben. Karl Valentin, ein Busunglück in Südtirol mit vielen gestorbenen Personen, die nach München wollten, Albert Einstein, sieben Kirchenglocken ….

Werkstattcharakter, natürlich Werkstattcharakter auf der schwarzen Bühne. Und, wie gesagt, viele unfertige Dinge. Erzählungen nur wenige und kurze, ansonsten oft unharmonische Musik, auch Geräusche, etwa das Knistern von Kies beim Gehen. Oder im Eck ein auf dem Kopf stehender kleiner Film über München, den alle fragend betrachten.

Am konkretesten wird es dann gegen Ende, wenn der Olympiapark ins Spiel kommt. Man sieht Videoaufnahmen von der Gruppe der Schauspieler am Olympiaberg. Einer von ihnen läuft immer hinterher, gehört nicht ganz zur Gruppe. Auch das könnte einer der Eindrücke von München sein: Mia san mia. Zwei große schöne Laternen aus dem Olympiagelände werden auf die Bühne getragen.

Und immer wieder Musik. Musik, die aber – wie die Erzählungen – oft unterbrochen wird. Aus der Musik entsteht ein Spiel mit den auf der Bühne verteilten Lautsprechern, man greift herumhängende Mikrophone, spielt auf Streichinstrumenten. Alles immer wieder unterbrochen, wie im richtigen Leben. Eine der Überlegungen von Thom Luz wird in Richtung Musik gehen. Vielleicht: Es ist nicht die harmonische Musik, die uns die Welt zeigt, wie sie ist.

Und ein Gedanke von Thom Luz aus dem Programmheft: „Also man wird auf einem Teppich geboren, rollt dann eine halbe Arschbacke weiter auf diesem Teppich von links nach rechts hört dabei etwas unverständlichen Straßenlärm aus dem Fenster und stirbt kurz darauf, und der Teppich hat sich dabei nicht verändert

Tja, und hört viele Klänge, Versuche von Musik …. Es ist ein „tyischer Thom Luz“, etwas schwerer verdaulich diesmal, etwas weniger Poesie, aber wieder mit Nachwirkung. Die Dinge – mehr als hier angesprochen – wirken ineinander.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheraters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Simon Stone – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Die vierte Premiere der neuen Spielzeit am Münchner Residenztheater. „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, inszeniert von Simon Stone. Das „Stück“ kommt aus Basel, es „lief“ am Theater Basel, wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen als eine der 10 „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des Jahres 2017.

Über dem Stück liegt etwas wie: Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen.

Die Inszenierung wird nun gewissermaßen den Münchner Theasterfreunden vom Residenztheater „geschenkt.“ Es ist ein schönes Geschenk!

Ich hatte die Inszenierung damals in Berlin gesehen. Jetzt hatte ich erneut die Gelegenheit. Mit komplett denselben SchauspielerInnen kann man sie jetzt wieder sehen. Denn zusammen mit dem Intendanten Thomas Beck sind unter anderen genau die SchauspielerInnen, die an dieser schönen Inszenierung immer schon mitwirkten, von Basel nach München, an das Residenztheater, gewechselt. Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.

Es wechselten noch weitere SchauspielerInnen vom Theater Basel an das Münchner Residenztheater, man sieht ein großes neu zusammengestelltes Ensemble.

HIER mein damaliger Bericht über die Inszenierung von „Drei Schwestern“, die am Theatertreffen 2017 in Berlin gezeigt wurde. Damals hatte ich etwa geschrieben:

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss!“

Das ist ein Aspekt: Alltagsgeschehen. Drei Tage verfolgt man, verteilt über einige Monate, in einem Landhaus, das auf der Bühne steht und sich immer wieder langsam dreht. Ein sehr gelungenes Bühnenbild. Das Besondere ist, dass man immer wieder gleichzeitig in verschiedene Zimmer blickt. Weihnachtsvorbereitungen, Gurke schneiden, Musik, die Toilette, das Schlafzimmer, der Weihnachtsbaum … klingt unspannend, aber:

Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Ihren Ehepartnern und ein/zwei Freunden zusammen. Das erste Treffen im Frühling, ein Geburtstag, die Weihnachtsfeier dann im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil.

All das banale Alltagsgeschehen und Gerede zeigt sich vor dem Hintergrund, der im Programmheft gut dargestellt wird und vielleicht Tschechows Intention trifft:

Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. Sie reden, um zu reden. Sie reden, ohne einander zu antworten: aneinander vorbei, jeder mit sich selbst beschäftigt. Sie reden, um zu verschweigen, was sie denken. Sie reden, um sich selbst etwas vorzumachen. Immer wieder entstehen Pausen, weil sie einander nicht verstehen oder nicht zuhören. Tschechow entdeckte die dramatische Bedeutung des Schweigens“. (Siegfried Melchinger in: Süddeutsche Zeitung vom 02.11.1968.)

Und man liest im Programmheft:

„… vielleicht das vollendetste der Tschechow’schen Dramen … die ausschließliche Darstellung einsamer, erinnerungstrunkener, von der Zukunft träumender Menschen.“ (Peter Szondi, Frankfurt am Main 1965.


Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören, rennt irgendwie gegen die Wand. Oder trägt schon länger Unglück mit sich herum. Olga, die älteste der Schwestern (alle sind recht jung), sie ist es, der derallmähliche Verfall auffällt. Sie schreit – wild durch das Ferienhaus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es nicht aufhalten.

Alle SchauspielerInnen spielen hervorragend selbstverständlich ihre Alltagsrollen. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen. Das macht durchgehend Spaß. Man sieht Ihnen allen in diesem Landhaus so gerne zu, das „Stück“ wird den SchauspielerInnen ans Herz gewachsen sein.

Hier ein paar Andeutungen zu den sich anbahnenden Zerstörungen des persönlichen Glücks:

Mascha, die mittlere Schwester, ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht Ehebruch mit Alexander. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder, seine Familie bewohnt das Nachbarhaus, und begeht somit seinerseits Ehebruch. Sie wollen nach Amerika. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. ansehen!
Irina, die jüngste der Schwestern, reagiert zögerlich, als sie von ihrem Freund Nikolai gefragt wird, ob sie ihn denn wirklich liebt. Und Nikolai … ansehen!
Olga, die älteste der Schwestern, zerstört dagegen am wenigsten. Weder ihr Leben noch das Leben anderer.

Andrej wiederum, der Bruder der drei Schwestern, ist drogensüchtig, verspielt alles Geld, hat seinen Job aufgegeben.
Roman, der etwas ältere Freund im Kreis, steckt im Existenzialismus fest, trinkt und … ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister müssen erkennen, dass das Haus, der Familienbesitz, verkauft wurde, von Andrej wegen seiner Schulden. Natascha, die Ex-Frau von Andrej, kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej nebenbei, dass ihr zweites Kind … ansehen.

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.

Thema dieser Inszenierung ist der Verfall. Jeder hat Schwierigkeiten, das zu erreichen, was er/sie sich wohl vorstellt oder wünscht. Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit und ihren Zukunfts-vorstellungen nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Was harmlos beginnt, endet teils tragisch.

Ich dachte mir auch: Wie unterschiedlich die Aspekte sind, die man aus Tschechows „Stück“ „Drei Schwestern“ ziehen kann! So geht es in der derzeit „gegenüber“ an den Münchner Kammerspielen zu sehenden, völlig anderen Inszenierung der Drei Schwestern allein darum, dass die drei Schwestern nie vom Fleck kommen. Von Moskau träumen, aber nie dorthin kommen. HIER meine damalige Besprechung zu dieser auch sehr interessanten, höchst abstrakten Inszenierung von Susanne Kennedy.

HIER der link zur Stückeseite des Residenztheaters mit weiteren Bildern, Trailer etc.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


Kategorien
Allgemein

MUSIK: David Bowie – Heroes

Ich habe kürzlich die Münchner Premiere der wunderbaren Inszenierung von Anton Tschechows „Drei Schwestern“ am Münchner Residenztheater (genauer: Drei Schwestern NACH Anton Tschechow) gesehen. Daher kommt heute die Musik. Eine Inszenierung von Simon Stone. Sie war ja eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017, lief damals am Theater Basel.

Auch in Berlin hatte ich die Inszenierung gesehen, HIER mein damaliger Beitrag. Ich schriebe in Kürze noch einmal darüber, aufbauend auf dem damaligen Bericht. Damals hatte ich an vielen Stellen, um nicht zuviel zu verraten, geraten, das Stück auf 3sat anzusehen, dort lief es kurze Zeit. Jetzt kann man es wieder auf der Bühne sehen – mit derselben Besetzung – am Münchner Residenztheater. Die dort auftretenden SchauspielerInnen sind sämtlich mittlerweile Mitglieder des Ensembles des Münchner Residenztheaters!

Zur Musik:

Ich bringe immer wieder gerne auch Klassiker „meiner Zeit“. Auch hier: In Simon Stones Inszenierung von „Drei Schwestern“ setzt sich einer der Besucher der Drei Schwestern – Theodor, der Ehemann der mittleren Schwester Mascha – einmal an das Klavier im Wohnraum des Landhauses und spielt dieses Stück von David Bowie.

David Bowie starb ja am 10. Januar 2016. Hier ein Livemitschnitt. Es ist eine Aufnahme mit lyrics. Der Text handelt von zwei Liebenden, die sich an der Berliner Mauer küssen, während Grenzsoldaten auf sie schießen. David Bowie lebte eine Zeit lang in Berlin. Hier:

Eine ganz andere Version von “Heroes“: Von Moby, von seinem letzten Album „Reprises:“:

Und noch eine Version: Von Depeche Mode live:

THEATER: Maxim Gorki – Sommergäste

Russland, die ehemalige Sowjetunion, hat für die Menschheit zweifelsohne eine besondere Bedeutung! Der Kommunismus war als die einzige Alternative zum Kapitalismus angetreten und er hatte seinen Ursprung in Russland. Viel ist davon bekanntlich nicht geblieben, er ist krachend gescheitert.

So ging es eben nicht. Das hat viele Gründe. Ein Aspekt ist vielleicht die Tatsache, dass die Menschen im Kommunismus zu sehr in Schubladen gesteckt wurden. Arbeiterklasse, Bourgeoisie, Intelligenzija. Das funktioniert eben nicht.

Zwei Stücke aus der Vorzeit der russischen Revolution – vor 1905 – hatten jetzt Premiere am Münchner Residenztheater. Bekannte Werke: Zum einen „Sommergäste“ von Maxim Gorki und zum anderen „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow.

Es sind Stücke, von denen man immer wieder hört, sie würden auch auf unsere heutigen Zeiten passen. Anton Tschechow war mit seinem Stück ein paar Jahre früher dran als Maxim Gorki. Das Stück von Maxim Gorki ist insoweit auch durchaus schon etwas politischer, es geht kritischer um mit der russischen Intelligenzija, den „Sommergästen“.

Über die Premiere von „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow schreibe ich demnächst. Die Inszenierung von „Drei Schwestern“ ist ja eine Übernahme vom Theater Basel, inszeniert von Simon Stone und im vergangenen Jahr ausgewählt zum Berliner Theatertreffen.

Hier ein paar Gedanken zu Maxim Gorkis „Sommergäste“. Ich habe die Premiere am Residenztheater gesehen.

Mit «Sommergäste» stellt sich der britische Regisseur Joe Hill-Gibbins erstmals dem Münchner Publikum vor. Klares Bühnenbild, nichts auf der großen weiten Bühne außer ein paar Bierflaschen, Dosen, Kisten, müllähnlich kleinere Gegenstände und in der Mitte der Bühne ein kleines quadratisches Duschhäuschen, wie es sich gehört für einen Landsitz. Ein Scheinwerfer umkreist im Hintergrund sonnengleich langsam – am Boden allerdings – die Bühne.

Weiße Bühne und schwarzer tief dunkler Hintergrund, es erinnert ein bisschen an die ähnlichen Elemente bei „Die Verlorenen“, die auch gerade Premiere hatten. Joe Hill-Gibbins unterstreicht damit sicherlich die Zeitlosigkeit des Stückes.

Der Titel „Sommergäste“ war von Maxim Gorki nicht zufällig gewählt. „Sommergäste“ wurden damals – abfällig – diejenigen gut situierten Russen genannt, die ihr städtisches Leben – zum Beispiel in Moskau – verbrachten und ab und an auf dem Landsitz Urlaub machten. Eine Schublade eben. Auf dem Land arbeitete man aber für die Landwirtschaft. Die Urlaub machenden Vertreter der Intelligenzija waren tatenlose und nur schwadronierende „Sommergäste“.

Das Ensemble des Residenztheaters ist groß, bei „Sommergäste“ kommen 14 Ensemblemitglieder zum Einsatz. Unter anderem in der Hauptrolle der Warwara Michajlowna Brigitte Hobmeier. Wawara gilt in Maxim Gorki Drama „Sommergäste“ in gewisser Weise als Gegenstück zu den Vertretern der so tatenlosen „Sommergästen“.

Brigitte Hobmeier ging meines Erachtens in der zahlenmäßig großen Besetzung des Stückes fast unter. Schade, so kannte ich sie garnicht. Meines Erachtens hätte sie dem Stück eher entsprochen, wenn sie noch mehr im Mittelpunkt gestanden hätte. Sie betrachtet ja das Gerede und das Handeln der Sommergäste als Einzige mit Abstand und Kritik. Das aber wird nicht deutlich. Schade auch, irgendwie fehlte etwas von ihrer so beliebten und bekannten Strahlkraft. (Ganz subjektiv: Sie steckte meines Erachtens in völlig unpassender Kostümierung!)

Wie es für „Sommergäste“ passte: Es wird viel geredet, Anbandelungen werden versucht, viele Animositäten treten auf, Reden werden geschwungen, Unzufriedenheiten werden geäußert, Statements zum Status der Gesellschaft und dem Leben werden abgegeben, hohle Allgemeinplätze zum Leben hört man immer wieder, alles aber nach Maxim Gorki ohne einen durchgehenden roten Faden.

Für mich blieb dabei unklar, ob Joe Hill-Gibbins zeigen wollte, dass all das auch heute noch Geltung hat. Das Schwadronieren der Mittelschicht vor einer aufkommenden Unruhe. Könnte man sagen, wird aber nicht thematisiert.

Bei der betont „heutigen“ Szenerie – es wird Bier getrunken, ein Grill wird angezündet, die SchauspielerInnen sind modern gekleidet, modernes Leben – dachte ich mir: Der alte Textverlauf im Grunde – aber in moderner Gesellschaft – die Personen waren wiederum die Personen der alten Zeit – sie gaben fast aphorismenartige ihre Allgemeinplätze zu bestimmten Gegebenheiten ab, teils moderne Aspekte, teils überholte Aspekte – dIe unklare Mischung von alt und neu hat mich verwirrt. Etwas leer verließ ich das Theater. Aber es mag auch anders gesehen werden.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then



SPIELART Festival: Cultural Exchange Rate

Respekt! Die libanesische Künstlerin Tania El Khoury trägt zum SPIELART-Festival die durchaus beeindruckende Installation „Cultural Exchange Rate“ bei. Es nennt sich „Interaktives Live Art Projekt“.

Zehn ZuschauerInnen betreten einen Raum, an dessen Ende zwei große Schrankwände stehen. Siehe des Beitragsbild. Die ZuschauerInnen bekommen einen Schlüsselbund mit zehn Schlüsseln. Lauter Schließfächer. Die ZuschauerInnen können zehn Schließfächer öffnen, in denen Teile der Familiengeschichte von Tania El Khoury auf verschiedenster Art und Weise dargestellt werden. Tania El Khoury hat schon mehrfach am SPIELART Festival teilgenommen.

Der/die ZuschauerIn benutzt den Schlüsselbund, neigt den Kopf in den Safe und verfolgt eine kleine Darbietung. Siehe das Beitragsbild. Audio, Video, Installationen. Er/sie betritt auch einen Raum hinter einer schwer aussehenden Safe-Tür, wo ihm/ihr Gelegenheit gegeben wird, eine kurze schriftliche Notiz zu hinterlassen.

„Respekt“, weil die Installation den ZuschauerInnen nicht nur irgendetwas „bietet“, sondern weil sie die ZuschauerInnen in eine interessante Position bringt. Die Zuschauer betrachten Verschlossenes, Verborgenes, spüren alles selber auf, nähern sich allem langsam. Tania El Khoury hat viel recherchiert. Sie hat in Mexiko die Familiengeschichte verfolgt, sie hat in Libanon Gespräche geführt.

Man sieht Videoaufnahmen, wie sie ihrer Großmutter die Haare schneidet. Eine Locke wird in einem Kästchen ausgestellt. Man sieht wertlose Geldscheine alter libanesischer Währung. Man kann sich – in dem Raum, den man aufschließt – einen libanesischen Geldschein für drei Euro nehmen. Die drei Euro schickt Tania El Khoury ihrem Vater in den Libanon. Man sieht Einreisedokumente. Man sieht Münzen alter Währungen, gesammelt vom Urgroßvater und Großvater von Tania El Khoury. Man sieht einen Film über einen Fluss, der im Libanon eine Staatsgrenze darstellt, eine Berglandschaft. Man sieht Röntgenaufnahmen des Fötus im Bauch von Tania El Khoury. Oder wie sie die alten gesammelten Münzen reinigt. Und mehr.

Detailliert wird ein interessantes Gefühl für die libanesisch/mexikanische Familiengeschichte von Tania El Khoury vermittelt. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, zwischen Mexiko und dem Libanon. Eine rundum sensible und gut durchdachte Installation!

Hier ein Trailer zur Installation:

https://vimeo.com/364879910

Copyright des Beitragsbildes: Ziad Abu-Rish

THEATER: Ewald Palmetshofer – Die Verlorenen

Der 400ste Blogbeitrag!!

Zur neuen Intendanz im Residenztheater: Zwei weitere Premieren: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer und „Sommergäste“ von Maxim Gorki. In Kürze folgt „Olympiapark in the Dark“ von Thom Luz und „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, eine Übernahme aus Basel, eine sehr erfolgreiche Inszenierung. Aber auch das ist nicht alles.

Zu „Die Verlorenen“: Der österreichische Autor (und Philosoph) Ewald Palmetshofer hat schon mehrfach für Andreas Beck geschrieben. Auch „Die Verlorenen“ ist eine Auftragsarbeit – jetzt für das Residenztheater. Im Grunde geht es um den Menschen der im Weltall und mit sich selbst und mit anderen immer nur verloren ist. Allein und verloren. So beginnt es auch:

Hallo? Hört uns jemand? – kann uns jemand – ist wer – ist wer da? – wir… – wir sehn wir spürn nicht, ob da …“

Das Bühnenbild ist geordnet, clean. Man wirkt nicht unbedingt verloren darin: Ein dicker weißer Rahmen verkleinert die Bühne, im Hintergrund ist auch die Tiefe des Raumes verkürzt durch eine leicht zurückversetzte große weiße Wand. Helles Licht. Ansonsten eine absolut leere Bühne. Das wiederum gibt Anlass, sich etwas verloren zu fühlen. Die hintere Wand wird sich nach der Pause absenken und nur noch ein schwarzes Nichts dahinter eröffnen. Siehe das Beitragsbild. Das tiefe Schwarz, in das man nach der Pause blickt, verdüstert dann auch die Stimmung.

Man könnte meinen, das Stück ist sehr negativ: Was ist der Mensch? – er wird geboren – er lebt „einen Augenblick“ lang – er führt sich auf – hat seinen Alltag – hat Probleme – kann schlecht kommunizieren – dann ist er wieder tot – was bleibt von ihm? Diese Fragen sind es, die im Stück angesprochen werden. Es gibt natürlich keine Antworten dazu. Die Fragen sind das Stück, allenfalls die Feststellung, dass wir uns durch irgendetwas durchkämpfen müssen ohne Hilfe von außen. Und dann sind wir wieder weg.

Umrahmt von diesen schweren Fragen folgt man einem Alltagsgeschehen: Clara – geschieden – fährt zu ihrem Exmann Harald und seiner Frau Svenja, um Ihnen zu sagen, dass sie den Sohn Florentin die nächsten Wochenenden nicht nehmen könne. Sie ziehe sich zurück. Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht Burn-Out? Im einsamen Haus ihrer Tante lernt sie den jungen Kevin kennen. Kurze Affaire, nichts längeres, nur die eine Nacht, Probleme dann mit Florentin, den Harald und Svenja zu ihr bringen, er ist von der Schule suspendiert worden, auch das nichts Besonderes. Aber es eskaliert. Clara ist ziemlich verloren, gescheitert in vielerlei Hinsicht. Und am Ende – nach Claras Beerdigung – reden alle wieder chormäßig über den Sinn des Lebens, das sinnlose Menschsein. Von oben gebe es keine Rettung. Ein atheistischer Gedanke.

Ein paar Dinge blieben mir etwas fragwürdig, dazu muss man das Stück aber gesehen haben: Warum etwa geht Clara, wenn sie sich zurückziehen will, in eine Diskothek? Mir erschien Clara auch zu wenig gescheitert, zu wenig verloren. Generell wurden auch unnötigerweise immer wieder weitere Themen notwendigerweise nur oberflächlich gestreift, anstatt das Grundthema weiter anzugehen. Und insgesamt empfand ich die Kostümierung der SchauspielerInnen zu gediegen. Allein am Anfang: Alle schön abgestimmt in beigefarbenen Trenchcoats.

Die Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck sind insoweit sicherlich noch steigerungsfähig. Weg vom Gefälligen, wäre mein Geschmack. Andererseits wurde am Ende begeistert gejubelt. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber jeder ist – nach Ewald Palmetshofers Überlegung – letztlich verloren. Und was bleibt schon?

Der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters: HIER

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

THEATER: Spielart Festival

Ich mag die freie Theaterszene. Und schon wieder bietet München ein ganzes Festival, das SPIELART – Festival. Es läuft vom 25. Oktober bis zum 09. November 2019.Es gibt Veranstaltungen mit freiem Eintritt und Veranstaltungen mit Ticketverkauf. Das Programm findet sich HIER.

Ich werde über Einiges schreiben. Besonders freue ich mich auf die drei Projekte von Forced Entertainment, der interessanten britischen Performancetruppe. SPEAK BITTERNESS, 12 AM und zum Schluss AND ON THE THOUSANDTH NIGHT heißen die drei Projekte. Siehe den link zu „Forced Entertainment“ oben rechts über den link zu den Performancegruppen. Ihre Veranstaltungen sind sämtlich mit freiem Eintritt, als Geschenk an den scheidenden Gründer des SPIELART-Festivals Tilmann Broszat..

Thema des Fesivals: Künstler*innen leiten strukturelle Analysen aus persönlichen Erfahrungen ab und überführen sie in politische Kontexte.

Kategorien
Allgemein

THEATER und MUSIK: Nirvanas Last

Da lehnt sich jemand auf gegen Vieles. Er will wütend sein. Vor allem gegen die Kommerzialisierung und gegen die Methoden in der Musikbranche. Wütend macht er seine Musik, fängt klein an. Grunge Musik, eine Mischung aus Funk und Heavy Metal. Dann wird seine Musik zum Welterfolg. 75 Millionen verkaufte Platten. Seine Wut kommerzialisiert sich weltweit! Vielleicht ist es das, was ihn dazu brachte, Selbstmord zu begehen. Selbstmord mit 27 Jahren! Curt Cobain von Nirvana!

Das letzte Konzert von Nirvana fand in München statt. Hierzu gibt es jetzt an den Münchner Kammerspielen den Abend „Nirvanas Last“. Nirvanas letztes Konzert fand am 01. März 1994 in München, am ehemaligen Flughafen München Riem, statt. Es wird an den Kammerspielen komplett – Wort für Wort und Lied für Lied – nachgespielt. Ein Musikabend. Es waren damals zwei Konzerte angesetzt, nur eines findet statt. Curt Cobain brach die Tournee ab und beging kurz danach Selbstmord.

Ich habe nach dem gestrigen Abend noch jemanden gesprochen, der eine Karte für das zweite Konzert hatte!

Idee und Regie: Damian Rebgetz. Schauspieler und Performer an den Münchner Kammerspielen, der immer wieder auch eigene Stücke erarbeitet.

Ich war nie Nirvanafan. Sie sind an mir vorbeigegangen. Ich habe sie nie verstanden, fast nie gehört. Und trotzdem: Ich habe den Eindruck, dass es der Abend schafft, Nirvana irgendwie aus dem riesigen Schatten, dem tiefen Dunkel der Kommerzialisierung herauszuholen und völlig anders zu präsentieren. Das Dunkel, das Nirvana verschluckt hat, das Nirvanas Wut kommerzialisiert und damit letzlich wertlos gemacht hat. Alle Lieder werden Deutsch gesungen. Sie werden nicht im Nirvanastil gesungen. Zu Beginn des Abends sagt Damian Rebgetz: „Wir sind nicht Nirvana, wir sind Schauspieler der Münchner Kammerspiele.“

Die Songs werden langsam, ruhig, textbetont gesungen – ja gesungen, nicht gebrüllt. Fast melancholisch. Dann auch wieder etwas wütend. Wunderbar etwa die Wut von Zeynep Bozbay. Das Programmheft bietet alle Songtexte. Die damals gegebene Zugabe wird mit Streichmusikern geboten, siehe das Beitragsbild oben.

Nirvana erhält durch die vier jungen Schauspieler Damian Rebgetz, Benjamin Radjaipour, Christian Löber, und Zeynep Bozbay an diesem Abend tatsächlich ein Gesicht. Wunderbar etwa Christian Löber als Gitarrist. Allein die oft hilflosen Gesichtsausdrücke aller vier sind immer wieder eine Wonne, sie haben erstaunlicherweise auch immer wieder versteckt etwas Ironisches in sich. Aber sie sind nicht im geringsten aufdringlich. Alle bringen unterschwellig auch immer wieder eine Art Weltschmerz zum Ausdruck.

Was soll ich sagen: Es bleibt für mich letztlich ein unverständliches Gesicht von Nirvana, aber es ist wohl ein neues Gesicht! Kombiniert übrigens mit mitschwingendem bayerischen Hintergrund. Nirvana so zu präsentieren: Eine gewagte Sache, die sehr rund geworden ist!

Hier noch eine Bild, kurz waren sie verkleidet:

Und es ist so treffend: Die Kommerzialisierung und die Münchner Kammerspiele! Es war die Münchner Stadtrats-CSU, die sich viel zu früh gegen die Intendanz von Matthias Lilienthal ausgesprochen hatte, weil ihr anfangs die Auslastung des Münchner Stadttheaters nicht gut genug schien! Was für eine Argumentation! Kommerzialisierung! Ist denn ein Bild Kunst dann, wenn viele Menschen vor ihm stehen bleiben? Wenn es sich kommerzialisiert?

HIER die Seite zum Stück „Nirvanas Last“ auf der Website der Münchner Kammerspiele mit den weiteren Terminen.

Copyright der Bilder: David Baltzer

THEATER: Antonio Latella – Die drei Musketiere

Es kann Kultstück in München werden. Die Münchner Kammerspiele haben ja seit einiger Zeit das 10 – Stunden – Kultstück „Dionysos Stadt“, am Residenztheater könnte es nun meines Erachtens – unter der neuen Intendanz von Andreas Beck – die Inszenierung „Die drei Musketiere“ werden.

Am Sonntag war Münchner Uraufführung von „Die drei Musketiere“, im Cuvilliéstheater. Die Inszenierung wurde vom Theater Basel übernommen, Andreas Beck wechselte ja vom Theater Basel nach München. Eine Inszenierung des italienischen Regisseurs Antonio Latella, nach dem weltbekannten Roman von Alexandre Dumas. Vier Schauspieler, eine leere Bühne, die Tiefe des Raumes, das Publikum, das reicht.

Die zweite Premiere unter der Intendanz von Andreas am Münchner Residenztheater war es. Die erste Premiere – „Die Verlorenen“ – war am vergangenen Samstag, ich schreibe in Kürze darüber.

Warum Kultstück?

  • Zum Einen: Es wird auf wunderbare Art und Weise so viel geboten, die Schauspieler – Michael Wächter, Max Rothbart (oder Elias Eilinghoff), Vincent Glander und Nicola Mastroberardino – verausgaben sich, man verlässt das Theater einfach gut gestimmt. Es geht nicht anders. Es ist kein schweres Stück, kein mit tiefgehendem Inhalt überladenes Stück. Man geht hin und wird – im Sinne der alten commedia dell‘ arte – köstlich unterhalten. Es geht nicht darum, die allen irgendwie grob bekannte Geschichte der drei Musketiere auf die Bühne zu bringen. Es sind auch nicht drei Musketiere, es sind vier. Vier Schauspieler auf der leeren Bühne.
  • Es gibt keine Dialoge zwischen den Schauspielern. Es entwickeln sich nicht Beziehungen untereinander, nicht Charaktere. Darum geht es nicht. Sie sprechen als Diener, sie sprechen als die Pferde der Musketiere. Mit Witz, Ironie und Verausgabung.
  • Das große Thema ist das hehre Wort „Einer für alle, alle für einen“. Ein völlig veralteter Spruch, könnte man sagen. Die Musketiere eben. Die Schauspieler agieren mal jeder für sich, mal alle zusammen. Ein ständiges Spiel mit der Gemeinschaft. Sie lösen sich voneinander, stehen nebeneinander, wechseln die Position, treten hervor, rennen hervor, kämpfen gegeneinander, singen zusammen, singen einzeln. Schon wie sie die Bühne betreten … und verlassen.
  • Passend zu München ist auch: Die Inszenierung hat bei alledem eine schöne ganz leichte Beimischung von Südländischem, Österreichischem, Schweizerischem und Italienischem.

Und bei alledem der thematische Grundgedanke: „Einer für alle, alle für einen“: Man schaut sich nicht Quatsch an. Der Grundgedanke ist doch aktuell, durch sein Verschwinden! Er trifft unsere Zeit, scheint nicht mehr zu gelten. Heute gibt es etwa überall sogenannte „Doppelspitzen“. „Einer“ allein kann nicht mehr „alle“ repräsentieren. Oder das Thema Europa: „Alle für einen?“ Für einen Gedanken? Heute nicht mehr. Individualismus, Nationalismus steht heute auf dem Programm. Im Programmheft spricht Antonio Latella diese Entwicklung der modernen Zeit an.

„Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas repräsentierten noch den Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir folgen einer Idee, wir stehen zueinander, wir setzen uns ein dafür“. Es war noch die Zeit, in der man sogar für Kleinigkeiten sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Vieles wird in dieser Inszenierung mit leichter Ironie angesprochen, spielerisch, aber mit dem Touch in die Gegenwart. Es werden aber nicht irgendwelche Lösungen präsentiert. Auch darum geht es nicht. Es geht um die Gemeinschaft, das Ausgrenzende, das Verbindende. Und es steigert sich zu einem furiosen Finale, die „Schlusssvorhänge“ – jedenfalls am Premierenabend, aber ich vermute, dass es immer so sein wird. Dafür spricht schon der Bezug zur lockeren commedia dell arte.

Durch die Leichtigkeit im Umgang mit dem großen Gedanken kann es Kult werden, das Stück. Man muss ja nicht immer alles bitterernst sehen.

HIER der link zur Seite des Stückes auf dem Portal des Residenztheaters

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

MUSIK: Lou Doillon – All these nights

Ein neuer Song von Lou Doillon. Ich hatte sie schon im Blog. Gut, sie klingt oft recht ähnlich, aber andererseits. Hier „All these things“:

THEATER: William Shakespeare – König Lear

Es läuft seit Kurzem an den Münchner Kammerspielen, man liest begeisterte Kommentare. Ist auch oft ausverkauft. Meins war es nicht! Der alte „König Lear“ von William Shakespeare, Textbearbeitung von Thomas Melle, Inszenierung von Stefan Pucher.

Premiere am 28.09.2019, ich werde es noch ein zweites Mal ansehen. Eine zweite Chance. Für mich war es bisher – kurz gesagt – eher eine modernisierte „König Lear Klamaukfassung“. Es mögen ernsthafte Überlegungen hinter der Textfassung von Thomas Melle stehen: Femininismus etwa. Für mich wurden sie zu wenig pointiert (das Programmheft erwähnt Einiges). Es geht aber nicht darum, alles ernst zu sehen, auf keinen Fall. Ich mag es einfach schlichter. Aber so sind unsere Zeiten: Alles schnell schnell, alles bunt dargestellt, viel Brimborium, bloß nicht schlicht.

Allerdings: Es liegt auch an der inhaltlich im Grunde schon fürchterlich aufgeladenen Story von William Shakespeares König Lear. Auch Thomas Melles inhaltliche Veränderungen helfen da wenig. Entschlackt hat er es inhaltlich kaum. Aber für mich ist es eben eher Klamauk, etwa die Shakespearefigur „Tom of Bedlar“, der Bettler, als der sich der verfolgte Edgar ausgibt. Bei Stefan Pucher schwebt er als „Major Tom“ aus dem Bühnenhimmel herab, mit E-Gitarre. Naja.

Für mich ist es generell fraglich, warum man sich König Lear überhaupt noch ansieht – die „Tragödie“ von William Shakespeare über den alten König Lear, der sich zurückziehen will. Es geht ja zurück auf eine uralte englische Sage über „King Leir“, einen britischen König aus der vorrömischen (!) Zeit.

Zum Inhalt der Tragödie: Es sind zwei Handlungsstränge.

Erster Handlungsstrang: König Lear will sich zurückziehen, das Land auf seine drei Töchter aufteilen. Die beiden älteren Töchter erfüllen den Wunsch des Königs nach Liebesbezeugung. Die Jüngste, Cordelia, verweigert sich – ich sage mal – herumzuschleimen. Sie bekommt nichts, die anderen beiden bekommen alles. Cordelia wird nach Frankreich verheiratet.

Dann gibt es den zweiten Handlungsstrang: Graf Gloucester – bei Thomas Melle Gräfin Gloucester, gespielt von Wiebke Puls. Sie hat den ehelichen Sohn Edgar und den unehelichen Sohn Edmund (ich merke es mir so, dass das „un“ im Namen Edmund für „un“ehelich steht). Edmund – bei Pucher gespielt von Thomas Hauser – will Edgar – bei Pucher gespielt von Christian Löber – ausbooten: Er verfasst einen Brief, angeblich von Edgar, wonach dieser seinen Vater – bei Pucher eben seine Mutter – entmündigen will, und Edmund veranlasst Edgar sogar, zu fliehen. Klare Sache, der ist doch schuldig.

Dann geht es aber erst los mit den Verstrickungen in der Shakespearefassung. Die Handlungsstränge verschlingen sich, Gloucester etwa verteidigt King Lear gegenüber den beiden älteren Töchtern. Und genau da frage ich mich: Warum schaue ich mir das an? Klar, das Thema des immer verworrener werdenden Vaters – bei Pucher gespielt von Thomas Schmauser – oder: Das Thema des Vaters, der nicht loslassen kann und über den sich die Nachkommen nur noch aufregen. Aber sonst? Feminismus wird, wie gesagt, zum Thema, lese ich im Programmheft, ich habe es kaum bemerkt.

Schauspielerisch:

Mal wieder eine „Ensemblearbeit“, wie es ja lange Zeit in München die große Schar der gediegeneren Münchner Theaterfreunde gefordert hatte, lange Zeit unterstützt vor allem von der Süddeutschen Zeitung. Schön fand ich daran Eines: Das Duo Samouil Stoyanov und Thomas Schmauser zusammen auf der Bühne. Beide zusammen strahlen einen herrlich verrückten Wahnsinn aus, siehe das Bild oben, gerade durch ihr gemeinsames Auftreten.

Samouil Stoyanov ist ein Kammerspiele-Hase. Von ihm kennt man es: Er kann – unter anderem – wunderbar Rollen spielen, die irgendwann im Verlaufe eines Stückes ausrasten. Dann wird er laut und deutlich! Etwa im Kirschgarten. Und Thomas Schmauser: Er ist ja wieder zurück an den Kammerspielen, war zwei Jahre lang am Residenztheater. Er ist zwar nicht im Alter eines alten König Lear, aber dennoch: Er spielt auch bei König Lear wieder einmal überzeugend! Da ist allerdings die Rolle schon sehr auf zunehmenden Wahnsinn angelegt. Beide zusammen jedenfalls, herrlich, das wäre es einmal: Ein Abend die beiden alleine in Becketts „Endspiel“!

Die Inszenierung:

Wie gesagt, sie war nicht Meins. Eine Drehbühne, ein zweistöckiges barackenähnliches Gebilde darauf, ein Neonschriftzug auf der Baracke („The End“), Videoeinspielungen aus dem Hintergrund. Genau das könnte man bei fast allen Inszenierungen von Frank Castorf sagen. Also nicht gerade irgendwie überraschend. Im Hintergrund etwas von Himmel oder Weltall. Allerdings: Ich mag im Grunde ja Videoeinspielungen ganz gerne, man erlebt die SchauspielerInnen dann so hautnah und intensiv.

Ich werde es noch einmal sehen, mal sehen, was mir noch auffällt.

Copyright Beitragsbild: Arno Declair

THEATER und LITERATUR: Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Man kann es lesen und es läuft derzeit in den Münchner Kammerspielen: „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Zum Buch: Rüde und frech geschrieben, eine politische Utopie, keine schöne Literatur, ein verrücktes Gedankenspiel. So kann man es vielleicht beschreiben.

Meine Bewertung des Buches (1 – 10): (5)

Man kann lachen und merkt, dass es eigentlich einen wichtigen Gedanken enthält. Literarisch ist es wahrlich nicht besonders, daher gebe ich nur fünf Punkte.

Es geht um einen steinreichen Investmentbanker, Victor, der in Frankfurt lebt, letztlich – nachdem er wieder einmal bei Vapiano gegessen hat – seinen Beruf hinschmeißt und eine politische Idee entwickelt, die gegen die sich immer mehr vergrößernde Wohlstandsschere gerichtet ist.

Copyright: Gabriela Neeb

Alexander Schimmelbusch selbst war fünf Jahre lang Investmentbanker. Er kennt die Szene bestens. Und er wird in seiner Schilderung kaum übertreiben. Ich kenne auch einen Investmentbanker, der sich nach wenigen Jahren harter Arbeit in einer Frankfurter Investmentbank auf einen wunderschönen, wahrscheinlich millionenschweren riesigen Bauernhof am Tegernsee zurückziehen konnte. Schön für ihn! Bestens renoviert, edel ….

Treffende Sätze aus dem Roman „Hochdeutschland“ sind etwa:

„Es war ein altes System, das durch zu viele Hände gegangen war, das immer wieder repariert und modifiziert worden war und nach den Tuningmaßnahmen durch den Neoliberalismus nicht mehr als Volkswagen, sondern als Zuhälter-Mercedes mit Diffusor und Flügeltüren daherkam.
Victor bezog sich auf den Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Alexander Schimmelbuschs Idee: Vermögensobergrenze für Reiche, volles Leistungsprinzip, aber dann Wohlstand für alle durch eine „unternehmerische Regierung“, die Deutschlands Position auf dem Weltmarkt sichert. In gewisser Weise ein Chinamodell: Der Staat schützt den unternehmerischen Erfolg Deutschlands weltweit durch Staatsbeteiligungen, der Staat muss sich um die Zukunft kümmern. So auch schon der letzte „Deal“ von Victor, sein Treffen mit dem Finanzminister. Die Idee entwickelt sich dann zur politischen Partei, die sogar die Regierung stellt. Usw.

Amüsant geschrieben, voll beladen mit Klischees (die aber irgendwie wahrscheinlich auch alle zutreffen), natürlich nicht politisch voll durchdacht. Allein die Vermögensobergrenze von € 25 Mio. ist ja letztlich völlig illusorisch.

Dem Buch entsprechend ist die Inszenierung an den Kammerspielen „aus Schaum gemacht“. Siehe das Bild oben. Die SchauspielerInnen waten in einer tiefen Schaummasse, die über die Bühne verteilt ist. Schauspielerisch keine Glanzleistung, es ist eher eine rednerische Erzählung des Buches, Erzählung eines Teils des Buches, abwechselnd durch die fünf SchauspielerInnen. Kaum Interaktionen.

Den Kern des Buches verstehe ich aber gut: Er hat etwas sehr Realistisches: Einerseits soll Deutschland weiterhin auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen, damit unser Wohlstand weiterhin gesichert ist. Andererseits geht es unbedingt um das soziale Denken in Deutschland. Die Reichen müssen nicht noch reicher werden. Es geht um die, die NICHT reich sind. Usw. Insoweit lesenswert, ansehenswert.

HIER der link zur Seite des Stückes an den Münchner Kammerspielen, mit Video und vielen Fotoaufnahmen.

HIER der link zur Seite des Buches beim Rowohlt Verlag.

THEATER: Anta Helena Recke – Die Kränkungen der Menschheit

Neue Gedanken. Etwa diese Aussage von Sigmund Freud – für mich war sie neu: Er hatte einmal in seinem Text „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ geschrieben, es gebe für die Menschheit „drei Kränkungen“:

Kränkung 1: Die Erde kreist um die Sonne, nicht die Sonne um die Erde!
Kränkung 2: Die Menschheit stammt vom Affen ab!
Kränkung 3: Der Mensch hat ein Unbewusstes – Freuds Thema – das er nicht steuern kann!

Ich würde den Abend eine „Perspektive“ – oder meinetwegen Performance – nennen. Er kreist nämlich ganz konkret um eine weitere Frage – ausgehend von diesen drei Kränkungen, die das Menschheitsbild schwächen: Von welcher „Menschheit“ ging Freud denn dabei aus? Kann man überhaupt von einer „Menschheit“ ausgehen?

Ich mag Abende, in denen nicht viel, sondern eher wenig auf den Punkt gebracht wird. Ich mochte daher etwa den Abend „Die Kränkungen der Menschheit“ lieber als zwei Tage später das Stück „König Lear“. Dazu aber gesondert einmal mehr.

Anta Helena Recke ist mittlerweile ein bekannter Name an den Kammerspielen. Sie hatte 2017 das Stück „Mittelreich“ in einer Version gebracht, in der die Personen dieser bayerischen Familiensaga von dunkelhäutigen Schauspielern gespielt wurden. Appropriation Art. Die Inszenierung wurde damals nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen.

Zurück zum Stück: Die „Menschheit“ muss also nach Freud – könnte man sagen – Wohl oder Übel erkennen, dass sie – ätsch – nicht so toll ist, wie sie vielleicht meint. Sie meint es und fühlt sich „gekränkt“ von diesen naturgegebenen drei „Einschränkungen“. Nach dem Motto: „Das musste aber wirklich nicht sein!“

Das Thema „dunkelhäutig“ – „weißhäutig“ (sagt man so?) spielt bei Anta Helena Recke jetzt auch wieder eine Rolle. Da setzt sie mit dem „Stück“ „Die Kränkungen der Menschheit“ an. An den Münchner Kammerspielen war es die erste Premiere der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020, der letzten Spielzeit in der Intendanz Matthias Lilienthal.

Anta Helena Recke sagt uns zur Frage der „Menschheit“ in diesem Zusammenhang: Es gibt eine „vierte Kränkung der Menschheit“. Diese vierte Kränkung der Menschheit sei die „Illusion einer weißen männlichen Menschheit im weißen Körper“. Es gebe diese „Menschheit“ so aber nicht – nochmal ätsch. Das sei eine Illusion. Und dass dieser Gedanke nur eine Illusion sei, sei eine Kränkung.

Was macht Anta Helena Recke mit dieser Überlegung? Leere Bühne, ein begehbarer, innen beleuchteter Quader steht rum, einsehbar von allen Seiten, ein Holzsockel darin. Sonst nichts.

Dann zunächst Affen: Sieben Schauspieler kommen auf die Bühne und verhalten sich – hoch überzeugend! – als Affen. Nehmen den Raum ein, tummeln sich später auch zwischen den anderen Mitwirkenden.

Dann kommt die Trennung, die eigentlich zum Thema des Abends wird: Zunächst erscheint eine Besuchergruppe in einem fiktiven Museum: Sie betrachtet und spricht über nicht vorhandene Gemälde. Alle sind europäischer Herkunft, „weißhäutig“. Sie ergötzen sich in schlauen Kommentaren und Unterhaltungen zur ausgestellten Kunst, die sie betrachten. Sie meinen natürlich, die Kultur ist doch für sie geschaffen. Ich dachte mir: Naja, auch das ist irgendwie affenartig.

Dann – in einem „dritten Teil“ – kommen aber viele bunt und fröhlich in Gruppen durch den Raum gehende „dunkelhäutige“ Menschen – nur Frauen übrigens. Alle jung, jede für sich das Gegenteil des „alten weißen Mannes“. An der Kunst haben sie kein besonderes Interesse, reden und lachen miteinander, schauen immer nur kurz zum Quader, in dem die Besuchergruppe stand.

Man merkt also vielleicht: Mensch, so wichtig müssen sich die Personen in der Besuchergruppe in diesem Museum nicht nehmen, es gibt auch andere. Und auch die Kunstwerke müssen sie nicht so wichtig nehmen. Der ganze Quader ist nicht wichtig. Andere – die Vorbeigehenden – nehmen es auch nicht wichtig. Und das sind viele auf der Bühne.

Aber ich denke da wahrscheinlich zu kurz, wenn ich es auf diesen Gedanken reduziere, man müsse sich nicht so ernst nehmen. Überall gibt es ja Kultur und jeder nimmt eben seine Kultur ernst und wichtig. Hat ja seine Berechtigung. Nicht nur „weißhäutige“ Menschen nehmen die ihnen nahestehende Kultur ernst. Insoweit habe ich das „Stück“ wahrscheinlich nicht ganz verstanden. Aber ich mochte es lieber als „König Lear“, weil es nicht überladen war.

Copyright des Beitragsbildes: Gabriela Naab

THEATER: Erste Premieren 2019/2020

Die Spielzeit 2019/2020 beginnt jetzt auch in Bayern. Bei den Münchner Kammerspielen sind es drei Premieren, die die Spielzeit einleiten. (Das Residenztheater München legt etwas später los. Auch dazu werde ich gerne Einiges schreiben.)

In den Münchner Kammerspielen ging/geht es wie folgt los:

Die Kränkungen der Menschheit, Inszenierung von Anta Helena Recke

König Lear Von William Shakespeare, übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle, Inszenierung von Stefan Pucher

These Teens Will Safe The Future, Inszenierung von Verena Regensburger.

Ich habe die ersten beiden Premieren mitverfolgt und werde am Montag das dritte Stück sehen, die Performance „These Teens …. Danach werde ich mit etwas mehr Zeit dazu schreiben.

Ein kurzes Fazit zu den ersten beiden oben genannten Stücken:

„Die Kränkungen der Menschheit“ hat mir besser gefallen. Reduzierter und um einen Kern kreisend. „König Lear“ war mir um zu viele Effekte angereichert.

Später mehr.

THEATER: Theater der Zeit, September 2019

Wer einen recht schönen Überblick über viele der anstehenden Premieren der Spielzeit 2019/2020 auf den deutschsprachigen Bühnen haben möchte, kommt der Sache näher, wenn er die Septemberausgabe der Zeitschrift Theater der Zeit durchblättert:

Viele viele deutschsprachige Theater haben dort in – kleinen oder großen – Anzeigen ihre anstehenden Premieren der Spielzeit 2019/2020 zusammengestellt.

Ankündigungen der folgenden Theater finden sich dort (wobei ich vielleicht sogar das ein oder andere übersehen habe):

  • Schauspielhaus Zürich
  • Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Schauspielhaus Leipzig
  • Nationaltheater Mannheim
  • Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin
  • Theater Magdeburg
  • Schauspiel Stuttgart
  • Theater Hanse
  • Landesbühnen Sachsen
  • Theater Junge Generation
  • Theater an der Ruhr
  • Landestheater Detmold
  • Schauspiel Graz
  • Theater Heilbronn
  • Deutsches Theater Berlin
  • Theater Rudolstadt
  • Theater Bremen
  • Staatstheater Nürnberg
  • Theater Aachen
  • Volkstheater Rostock
  • Hans Otto Theater
  • Berliner Festspielhaus
  • Theater Senftenberg
  • Staatstheater Cottbus
  • Landestheater Schwaben
  • Theater Bamberg
  • Theater Biel Solothurn
  • Theater St. Gallen
  • Theater Gütersloh
  • Burghofbühne Dinslaken
  • Deutsches Theater Göttingen
  • Stadttheater Gießen
  • Saarländisches Staatstheater
  • Staatstheater Mainz
  • Luzerner Theater
  • Vorarlberger Landestheater
  • Theater Hof
  • Mainfrankentheater Würzburg
  • Theatre National du Luxembourg
  • Theater Ulm
  • Theater Plauen Zwickau
  • Nationaltheater Weimar
  • Theater Münster
  • Theater Paderborn
  • Württembergischen Landesbühne Esslingen
  • Staatstheater Augsburg
  • Für die größeren Häuser empfiehlt sich außerdem natürlich der Blick in meinen Blog: Rechts oben auf das Feld „Websites und Spielpläne von Theatern“ klicken und schon findet man alles.

Die Ausgabe September 2019 der Zeitschrift Theater der Zeit beschäftigt sich im Übrigen schwerpunktmäßig mit Österreich, Martin Kuśej ist am Burgtheater ja der neue Intendant – in einer politisch heiklen Landschaft. Wie er es sieht und mehr kann man dazu lesen.

Des Weiteren finden sich in der Septemberausgabe zwei Artikel über den besten nationalen Beitrag der Biennale Venedig 2019, über den ich ja auch gerade geschrieben habe (HIER).

Außerdem liest man unter anderem ein Portrait der Regisseurin Anne Lenk. Inszenierungen von Anne Lenk waren ja in den vergangenen Jahren auch am Münchner Residenztheater zu sehen. In der gerade begonnenen Spielzeit 2019/2020 wird sie unter anderem am Burgtheater in Wien und am Staatstheater Hannover inszenieren. Gerade war ihre Premiere in Wien, „The Party“ von Sally Potter. HIER die Besprechung dazu in http://www.nachtkritik.de.

Ich mag es gerne kritisch, aufrüttelnd und anstoßend. Das ist Theater! Mir ist bisher Anne Lenk in ihren Inszenierungen zu brav gewesen. Auch in der oben verlinkten Kritik zu ihrer Burgtheaterpremiere heißt es: „… alles an diesem Abend bleibt fahl …“: Sie ist m. E. nicht deutlich genug. Auch das Portrait in Theater der Zeit finde ich insoweit zu harmlos, zu gut.

Es gibt aber in der Septemberausgabe noch mehr zu lesen, es geht nicht nur um Österreich!

HIER der link zur Website des Verlages von „THEATER DER ZEIT“.

Copyright des Beitragsbildes: Christopher Mavrc

Kategorien
Sonstiges

SONSTIGES: Goldener Löwe für den besten nationalen Beitrag auf der Biennale 2019 in Venedig

Der Gewinner des Goldenen Löwen 2019 für den besten nationalen Beitrag auf der Biennale 2019 in Venedig ist seit Mai bekannt. Es ist der Beitrag für Litauen. Da der Beitrag eher eine Performance, kein „stehendes“ Kunstwerk, ist, bringe ich hier in einen kleinen Beitrag.

Er heißt Sun & Sea (Marina) vom Künstlerinnentrio Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė. … Gesundheit …

Worum es geht? Es heißt:

Die Opernperformance „Sun & Sea (Marina)“ auf einem künstlichen Strand übt Kritik am Lebensstil des vielen Reisens, Konsums und Arbeitens.

Nach dem Motto: Wir leben völlig falsch, aber wir machen weiter so. Dem Untergang entgegen, aber wir legen uns in die Sonne! Die Leiterin der Jury, die Direktorin des Berliner Martin-Gropius-Baus Stephanie Rosenthal, sagte:

„Das Libretto war wirklich hervorragend. Es zeigt uns, wo wir im Moment als Gesellschaft stehen: Das geht vom Workaholic zu den Zwillingen, wo einer im 3D-Drucker entstanden ist, bis zu ganz wesentlichen Passagen über Klimawandel. Und das alles verpackt in so einer grotesken Opernsituation, die man von oben sieht, wo man weiße Körper sich in der Sonne aalen sieht auf künstlichem Sand.“ Es handle sich hierbei um „groteskes Theater“, das den momentanen Zustand der Gesellschaft sehr gut zeige.

Das Libretto ist HIER. Man muss es sich ansehen, unbedingt reinlesen, um die Performance zu verstehen.

Hier der weitere Blick in den „Ausstellungsraum“:

Hier ein Video zum Ganzen:

Und HIER die Website zur Performance.

LITERATUR: Inger Maria Mahlke: Archipel

Das Buch ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert. Inger Maria Mahlke hat mit ihrem Roman „Archipel“ den Deutschen Buchpreis 2018 erhalten. Der Preis wird jährlich zur Frankfurter Buchmesse vom Börsenverein des Buchhandels vergeben. HIER die damalige Begründung der Jury.

Meine Bewertung (1-10): 📚📚📚📚📚📚📚📚📚 (9)

Für den Deutschen Buchpreis 2019 gibt es bereits die Longlist. Am 17. September wird die Shortlist bekannt gegeben. Die Preisverleihung 2019 findet dann am 14. Oktober statt. HIER ist die Seite zum Deutschen Buchpreis mit allen Informationen, auch zur Longlist, und mit einem Archiv.

Meine Eindrücke zusammengefasst: Ein sehr interessanter, eigener Schreibstil – wunderbare Beschreibungen einfacher Szenen – langsam Lesen! – schwieriges Thema im Hintergrund, wer kennt schon die Geschichte Spaniens und speziell Teneriffas gut? Darum geht es aber. Folgendes:

Erstens: Alltagsszenen werden geschildert, immer wieder einfache Alltagsszenen, wie wir nun einmal leben. Aus Teneriffa, von heute zurück bis 1919. In kleinen Kapiteln werden immer wieder Blicke auf die Beteiligten Personen und ihre Zustände geworfen. Keine außergewöhnlichen Handlungen, es ist normales Leben, aber wirklich sehr schön erzählt, sehr eigen. Die Wortwahl, der Satzbau, alles etwas besonders. Deswegen: Langsam Lesen! Ein kleiner „Nachteil“: Man hat viele viele Einzelszenen schön beschriebene vor sich, aber nicht einen abgeschlossenen Handlungsstrang. Das macht es etwas schwieriger, dem Buch zu folgen. Ich habe es zweimal gelesen.

Zweitens: Bei diesen Alltagsszenen schwingt alles mit. Und genau so erzählt Inger Maria Mahlke: Inger Maria Mahlke verbindet verschiedene nicht oft zu findende Eigenheiten im Schreib- und Erzählstil. Diese Verbindung schafft – finde ich – einen literarisch gelungenen Roman: Man spürt alle Entwicklungen im Grunde nur hinter den Alltagsszenen, zwischen den Zeilen, in Andeutungen. Das Persönliche und das Politische, ebenso andere Details der Erzählung.

Ein Beispiel bringe ich: Ein Quietschen wird erwähnt und im Grunde zeigen sich darin viele Geschichten:

Erst als Eliseo den Laut hört, ein langgezogenes Quietschen, wird ihm bewusst, dass er es bereits eine Weile kennt. Die Angeln des Gartentors, jedes Mal, wenn er in den Club geht, zu Mittag wieder nach Hause kommt, abends zu seinem Spaziergang aufbricht, das Tor im Dunkeln hinter sich zuzieht. Jedes Mal, wenn Merche, nein, Eulalia, mit Strickjacke und vor der Brust verschränkten Armen Brot holen geht, der Postbote die Post bringt, ein langgezogenes Quietschen, und doch ist Eliseo sicher, es vorher nicht bewusst wahrgenommen zu haben.

Drittens: Man verfolgt viele Jahre eines Familienstammes zurück, ausgehend von Ana und Felipe mit der Tochter Rosa, zurück auf deren Eltern, zurück zum Teil wiederum auf deren Eltern, auch auf ein paar andere Personen in deren Umfeld. Teils ist es nicht leicht, sicher ein Bild von den Personen zu machen, weil man manchmal fast durcheinander kommt. Vergangenheit, Entwicklungen, Erinnerungen, Aktuelles, usw., alles spielt rein. 

Viertens: Es geht – auch das meist nur angedeutet – speziell um die Geschichte Spaniens und Teneriffas. Es wird Sinn machen, sich davor oder daneben einen kurzen Überblick darüber zu verschaffen. Etwa HIER. Es geht um Teneriffa im 20. Jahrhundert. Ich lese auf Wikipedia das, was im Buch zum Tragen kommt: 

„Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt von einer fortschreitenden politischen Radikalisierung. 1936 startete der General Franco von Teneriffa aus seinen Putsch gegen die Republik.Der Spanische Bürgerkrieg erreichte Teneriffa nicht; die wirtschaftliche Isolierung unter der Diktatur wirkte sich aber aus. Das einzige Exportgut waren seinerzeit Bananen für das Festland.“

Besonders, wie gesagt, finde ich die Verbindung der Alltagsszenen mit den Eindrücken, um die es eigentlich geht. Mir hat das Langsam Lesen geholfen, das mir auch den immer wieder so schön eigenen Schreibstl deutlich machte. 

HIER ein chart über die familiären Beziehungen der beteiligten Personen untereinander, wie ich es oft mache (lässt sich auf meinem IPad nicht gut öffnen, wohl weil es eine Word-Datei ist). Es lohnt sich, das Chart daneben zu legen:

Einige Rezensionen zu dem Roman liest man im Übrigen auf http://www.perlentaucher.de, HIER.

HIER der Link zur Website des Rowohlt Verlages zum Buch.