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SONSTIGES: Ferdinand von Schirach – Feinde

Ferdinand von Schirach hat weltweit Erfolg mit seinen Büchern. Er war früher Strafverteidiger und schreibt seit Jahren durch die Schilderung juristischer Straffälle in immer neuen Varianten über das Verhältnis des Menschen zum bei uns bestehenden Rechtsstaat. Immer wieder läuft es auf die Frage hinaus: Wie empfindet der Leser die geschilderte Rechtsentscheidung?

Diesem Muster, in dem wieder das Rechtsgefühl des Lesers angesprochen wird, folgt auch die Verfilmung des Buches „Feinde“ von Ferdinand von Schirach. Sie wurde am Wochenende im ARD gezeigt und ist weiterhin dort in der Mediathek abrufbar. Das Besondere an diesem „Experiment“ – wie es genannt wurde – ist, dass derselbe Fall aus zwei verschiedenen Blickwinkeln heraus komplett – quasi zweimal – gezeigt wird. Man sah am Wochenende in der Ausstrahlung im ARD daher bis Mitternacht zwei Fassungen desselben Falles. Einmal gesehen aus dem Blickwinkel des ermittelnden Polizeikommissars und einmal gesehen aus dem Blickwinkel des Rechtsanwaltes, der den Angeklagten vor Gericht verteidigte. Zwischen diesen beiden Fassungen sah man außerdem noch Rückblicke auf tatsächlich geschehene ähnliche Entführungsfälle (etwa die Entführung des Sohnes der Familie Metzler oder die Entführung von Dr. Oetker) und Ausschnitte aus Interviews mit betroffenen Personen, Hinterbliebenen etc.

Ich habe es mir angesehen. Es lässt sich trefflich über den Abend diskutieren. Das ist natürlich sehr sinnvoll und von Ferdinand von Schirach ja auch bezweckt. „Darf die Polizei zur Rettung eines entführten Mädchens unter Zeitdruck Druck auf die verdächtige Person ausüben, sie sogar (hier) mit Waterboarding zu einem Geständnis bringen?“ ist die Frage.

Mein Eindruck: So interessant und richtig eine solche Fragestellung ist (man sollte immer wieder über das jeweils bestehende Rechtssystem kritisch nachdenken, gerade durch die Schilderung von extremen Fällen), meines Erachtens war diese Verfilmung nicht sehr gelungen. Ich habe folgende Kritikpunkte für mich gesehen:

  • Klaus Maria Brandauer spielte den Rechtsanwalt. Er spielte ihn meines Erachtens unnötigerweise ständig leicht süffisant. So tritt ein Anwalt in einem solchen Fall wohl eher nicht auf.
  • Es gab meines Erachtens auch kleine logische Fragezeichen. Etwa: Warum fragte der Polizeibeamte nicht den Anwalt, ob er selber Kinder habe? Auch die Tatsache, dass das entführte Mädchen sterben musste, ist etwas fraglich. Das hat natürlich die Betroffenheit der Zuschauer sehr gesteigert, passierte aber auf einem fürchterlichen Zufall. Die Rechtsfrage – Freispruch oder Verurteilung? – wäre die gleiche gewesen, wenn das Mädchen nach dem erpressten Geständnis lebend wiedergefunden worden wäre.
  • Die Verfilmung und die Geschichte bediente außerdem leider immer wieder einfache Klischees. Besonders das Leben des Rechtsanwalts und das Verhältnis zu seiner Frau. Das mag der Erzählung des Films nicht geschadet haben, es stellt nur die Qualität der Verfilmung infrage.
  • Vor allem fragte ich mich: Was wollte der Film? Es dürfte bei uns jedermann klar sein, dass der Einsatz von Waterboardingmethoden zur Erzwingung eines Geständnisses – noch dazu von einer Person, deren Schuld noch überhaupt nicht geklärt war -, völlig ausgeschlossen ist. Natürlich ist das dann so erzwungene Geständnis gerichtlich nicht verwertbar.
  • Der Zuschauer wurde daher eher mit der Frage konfrontiert: Kann es nicht doch eine Ausnahme geben, wenn es sich um eine so fürchterliche Entführung eines jungen Mädchens handelt? Der Zuschauer wurde ausführlich damit konfrontiert, wie schrecklich so etwas sein kann. Der Zuschauer wusste insoweit sogar mehr, als der handelnde Polizeibeamte. Auch das war etwas fraglich. Dennoch dürfte allen klar sein: Waterboarding zur Erzwingung eines Geständnisses wird nicht zulässig sein. Natürlich führt das zu fürchterlichen Ergebnissen: Der Angeklagte und letztlich Schuldige musste nämlich freigesprochen werden!
  • Es wurden dann ausgewählte Zuschauer (Jurastudenten, Eltern…) gebeten, nach Ansehen des Films (den sie vorab gesehen hatten) die Frage zu beantworten: „Ist der Freispruch gerecht?“ Mich irritierte das Wort „gerecht“ in dieser Frage. Zielte die Frage darauf ab zu erfahren, ob man das Urteil dem Rechtssystem entsprechend empfand? Oder zielte die Frage nicht auf das Rechtssystem, sondern auf das Empfinden ab, dass eine solch grauenhafte Tat doch wohl nicht zu einem Freispruch führen könne. Was bedeutete das Wort „gerecht“ in dieser Frage? Letzteres war wahrscheinlich beabsichtigt. Allein die Betroffenheit der Befragten war angesprochen! Die Mehrheit der Befragten antwortete auch, der Freispruch sei nicht „gerecht“. Nur die Juristen sahen es mehrheitlich anders. Unausgesprochen blieb aber die Frage, ob diese Personen dann auch Waterboarding zur Erzwingung eines erhofften Geständnisses tatsächlich zulassen würden – also sogar den Einsatz von Waterboarding in einer solchen Situation als „gerecht“ im Sinne des Rechtsstaates ansähen – oder ob sie bei der Beantwortung der Frage nach „gerecht“ nicht schlicht – nachvollziehbar – ihrer Empfindung folgten, ihrer Betroffenheit, dass so etwas doch nicht „gerecht“ sein könne im Sinne von „menschlich“. Ja, meines Erachtens wurde der klaren Rechtslage mit dem Filmabend „nur“ eine extreme „Mitleidskomponente“ oder besser „Mitfühlenskomponente“ gegenübergestellt. Es ging nicht um das Rechtsgefühl, sondern um Empfindung. Natürlich hat man Empfindungen bei einem so fürchterlichen Fall. Aber das Rechtssystem kann leider nichts gegen solche Empfindungen tun! Das Rechtssystem erscheint insoweit wirklich „unmenschlich“. Das zeigte ja im Ergebnis auch die Verfilmung, in der der Beschuldigte freigesprochen wurde. Aber das Rechtssystem kann nicht anders! Die dahinter stehende Frage (und die Befragung der Zuschauer) führte dabei etwas in die Irre, sie führte nur auf die natürlich angebrachte starke Betroffenheit der Zuschauer.

Wer mir Kommentare zu diesem Fall schicken möchte, bitte gerne. Vielleicht muss ich es anders sehen, vielleicht habe ich etwas übersehen?

Copyright des Fotos: ARD Degeto/Moovie GmbH/Stephan Rabold

THEATER: Steamingangebote

Es hat sich ein wenig ein Trend ergeben. Einige Theater bieten in der kommenden – Corona-bedingt ja besonders stillen – Zeit Theateraufführungen gegen eine meist wirklich kleine Buchungsgebühr im Livestream oder im Stream on demand an.

Im Grunde ist es schön, dass damit die Entgeltlichkeit der Theaterarbeit wieder zum Vorschein kommt, es kann nicht immer alles kostenlos angeboten werden, es würde auf Kosten der Wertschätzung gehen..

Ich erwähne hier zunächst zwei schöne, wahrscheinlich ansehenswerte Angebote und werde diesen Blogbeitrag in den kommenden Tagen immer wieder ergänzen, wenn ich weitere Angebote ans Herz legen möchte.

– Das erste Angebot:

Das Schauspielhaus Zürich bringt im Rahmen des „streamy thursday“ diese Woche, also am 17.12.2020, um 19.30 Uhr (bis 21.30 Uhr) im Livestream aus dem Schiffsbau die (in den Kritiken „gelobte“) Inszenierung von Einfach das Ende der Welt des französischen Autors Jean-Luc Lagarce in der Regie von Christopher Rüping.

Daraus oben das Beitragsbild, Copyright Diana Pfammatter

Es ist die Geschichte des zu einem erfolgreichen Künstler gewordenen Sohnes, der Jahrzehnte zuvor seine Familie verlassen hatte und nun in seine kleine Heimatstadt und zu seiner Familie zurückkehrt. Es geht um alte Vorwürfe ihm gegenüber, um sein Verhältnis zur Familie etc. HIER der link zur Stückeseite. Den Verweis auf die Sendung im Livestream findet man dort ebenfalls.

Christopher Rüping ist ja den Münchnern in den vergangenen Jahren vor allem bekannt gewesen durch seine sagenhafte 10-Stunden-Inszenierung „Dionysos Stadt“, die an den Münchner Kammerspielen gebracht wurde.

Schöne Einblicke in das Denken der Figuren des Stückes haben die jeweiligen SchauspielerInnen in Videos gegeben. HIER der link zu den einzelnen Videos.

– Das zweite Angebot:

Das Deutsche Theater Berlin bietet unter DTDIGITAL Livestreams an. HIER der link zur Angebotsseite mit weiteren Verlinkungen zu den Stücken. So wie es aussieht, sind manche davon Livestreams und manche on demand für eine gewisse Zeit selbständig abrufbar.

MORGEN, am 15.12.2020 wird Maria Stuart von Friedrich Schiller, eine Inszenierung von Anne Lenk, im Livestream gebracht. Am 19.12.2020 folgt dann Woyzeck Interrupted nach Georg Büchner, eine Inszenierung von Amir Reza Koohestani. Regisseur und Regisseurin sind wiederum den Münchnern bekannt aus dem Residenztheater bzw. den Kammerspielen!

Erwähnenswert dürfte auch Der kleine König Dezember sein, ein „Familienstück“ von Axel Hacke, das etwas für die ruhige Familie in der kommenden Zeit sein kann. Es ist schon ab Anfang Dezember on demand abrufbar bis zum 01.01.2021.

– Ein weiteres Angebot: Die Berliner Schaubühne! Sie bringt folgende Streamings:

  • Seit 16. bis zum 19. Dezember: Prof. Bernhardi von Arthur Schnitzler
  • Am 19. Dezember bis 22. Dezember: Wie es euch gefällt von William Shakespeare
  • Am 22. Dezember bis 25. Dezember: Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig
  • Am 25. Dezember bis 28. Dezember: Groß und Klein von Botho Strauß
  • und Weiteres, siehe HIER

– Und noch etwas: Das Schauspielhaus Bochum bringt folgende Lifestreamings: HIER der Link.

  • Asche zu Asche von Harold Pinter am 18. Dezember um 19:30 Uhr.
  • Die Befristeten von Elias Canetti am 9. Januar 2021 um 19:30 Uhr.

UND:

Nicht verzagen! Wir werden es schon schaffen! An die ANDEREN denken, nicht an SICH, wenn es um Vorsicht geht! An die Situation in den Krankenhäusern denken!! Sich eben EINMAL wirklich beschränken und andere Schwerpunkte setzen!! Klein feiern, die Feiertage bescheidener, ruhiger und mit Phantasie gestalten!! Jede Beschränkung kann auf eine andere Art und Weise ein Gewinn sein. Veränderung kann vor allem rückblickend schön sein – wenn man dann beides sieht: Das Gewohnte und die Veränderung.

THEATER: Residenztheater- Georg Büchner

Auf der Website des Münchner Residenztheaters ist es kaum zu finden. Daher hier mein Hinweis: Mit „Dantons Tod“, „Woyzeck“ und „Leonce und Lena“ ist derzeit – alle drei Werke sind im (aktuell bekanntlich lahmgelegten) Repertoire des Münchner Residenztheaters – das dramatische Gesamtwerk Georg Büchners online im Stream zu sehen!

HIER der Link zur Seite auf der Website des Residenztheaters. Das Streaming findet sich unter dem Titel „Resi sendet“.

  • Dantons Tod läuft schon seit Samstag, den 14. November
  • Woyzeck ist ab Samstag, den 21. November im Stream zu sehen und
  • Leonce und Lena» wird ab Samstag, den 28. November zu sehen sein

Alle drei Streams sind – so verstehe ich es – bis zum 30. November aufrufbar

Theaterfreunde wissen: „Dantons Tod“ hatte erst am 30. Oktober 2020 Premiere, inszeniert von Sebastian Baumgarten. „Woyzeck“ ist eine der berüchtigten Inszenierungen von Ulrich Rasche und „Leonce und Lena“ ist eine der eigenwilligen und immer originellen Annäherungen von Thom Luz.

Zusätzlich lesen Ensemblemitglieder Auszüge aus Büchners «Briefen» sowie seine revolutionäre Flugschrift «Der Hessische Landbote».

Ergänzend dazu spielt außerdem die Schauspielerin Lisa Stiegler weiterhin «50 Mal Lenz – Ein Versuch» auf Zoom: Pro Vorstellung sind je fünf Zuschauer*innen live per Zoom-Konferenz zur Vorstellung in der Theatergarderobe eingeladen.

Die drei oben genannten Inszenierungen – ich kenne die beiden letzteren – sind wohl sehenswert. Es geht ja auch darum, zu testen, wie man Theatererlebnisse derzeit verkraftet, erfährt. Was man wie aufnimmt. Es hat sich ja alles verändert und man hört von der Erwartung, dass das Theater viele viele Jahre lang nicht mehr so sein wird, wie es war. Wenn es überhaupt jemals weder so sein kann.

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MUSIK: Harry Belafonte – Try To Remember

Ich hatte kürzlich hier im Blog angekündigt: „Der Mensch erscheint im Holozän“ nach Max Frischs Roman, eine Inszenierung von Alexander Giesche, Schauspielhaus Zürich. Sie war am Samstag auf 3sat zu sehen. 3sat hat die Inszenierung als eines der drei diesjährigen „Starken Stücke“ gebracht, die sie jedes Jahr vom Theatertreffen Berlin auswählen. Es ist bis März 2021 in der Mediathek von 3sat zu finden.

Eine Inszenierung, die von Alexander Giesche als „Visual Poem“ bezeichnet wird. Es ist keine Inszenierung des Romans, es sind „Bilder“ zum Thema des Romans: Der Mensch – die Natur – die Technik. Mir hat es gut gefallen. Die Schauspieler treten etwas zurück, die Bilder sind es, die berühren, das Verhältnis der beiden Schauspieler – Karin Pfammatter und Maxmilian Reichert – zu den Dingen auf der Bühne: Der Natur, der Technik. Es ist nur eine Anlehnung an den Roman.

Zum Roman heißt es auf 3sat:

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch ist eine Erzählung über das Vergessen und Vergehen. Mit dem Verlust des Gedächtnisses verschwindet auch der Mensch, verliert sich und die Kontrolle über das eigene Leben. 

Ein Gefühl der Heimat bleibt, die vertraute Umgebung, die Natur, die Berge, der Schnee, wie das Licht ins Tal fällt zu verschiedenen Jahreszeiten. In einem durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschlossenen Bergdorf kämpft Herr Geiser gegen den fortschreitenden Verlust seines Gedächtnisses. Mit Hilfe kleiner Zettel, die er in seinem Haus verteilt, baut er sich eine Wissensdatenbank auf. Die Isolation macht Herrn Geisers zurückgezogenes Leben noch einsamer. Hinzu kommt die Sorge, dass durch den andauernden Regen der ganze Berg ins Rutschen geraten könnte.

Es wird in diesem Visual Poem unter anderem ein Lied eingespielt, das ich hier wieder als Musikbeitrag bringen möchte. „Try To Remember“ von Harry Belafonte. In diesem Lied geht es ja irgendwie um den Menschen und sein Altern, das Unaufhaltsame. Passend zum Romaninhalt. Der Text des Liedes ist folgender:

Try to remember the kind of September
When life was slow and oh so mellow
Try to remember the kind of September
When grass was green and grain was yellow

Try to remember the kind of September
When you were young and callow fellow
Try to remember and if you remember
Then follow

Follow

Try to remember when life was so tender
That no-one wept except the willow
Try to remember when life was so tender
That dreams were kept beside your pillow

Try to remember when life was so tender
That love was an ember about to billow
Try to remember and if you remember
Then follow
Follow

Deep in December it’s nice to remember
Although you know the snow will follow
Deep in December it’s nice to remember
Without a hurt, the heart is hollowDeep in December
It’s nice to remember


The fire of September that made you mellow
Deep in December our hearts should remember and follow
Follow


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SONSTIGES: 36tes Kurzfilmfestival „Interfilm“

Da derzeit coronabedingt Theaterbesuche und meinerseits Berichte darüber nicht möglich sind, bringe ich im Blog momentan ab und an Hinweise auf andere Möglichkeiten, sich seinen geliebten kulturellen Interessen widmen zu können. Man will ja nicht alles einfach beenden.

Es gibt auch einige interessante Angebote! Angebote online oder im TV – aus der Theaterwelt und aus anderen Kulturwelten! Siehe meine letzten Beiträge etwa.

So gibt es jetzt das 36. Internationale Kurzfilmfestival „Interfilm“, das vorgestern begann!

In den vergangenen Jahren fand es unter anderem in der Berliner Volksbühne statt, diesmal ist es komplett online zu sehen. Das komplette Onlineangebot findet man auf der Website der Festivalpartner von „Sooner“, die das Onlineangebot als Streamingdienst zur Verfügung stellen. HIER der direkte Link zu Sooner. Und HIER der Link zur Website des Festivals.

Alle Filme sind auf den Websites übersichtlich dargestellt. In vier Staffeln wird alles angeboten. Die Staffelfolge und alle Einzelheiten sind HIER. Es gibt auch einige Wettbewerbe, Preisvergaben. Bei diesen Awards kann man als Zuschauer teils mitvoten.

Das wirklich vielfältige Onlineangebot, das bis zum 13. Dezember verfügbar ist – es sind mehr als 270 Kurzfilme! -, kann komplett „für die Gebühr einer einzigen Kinokarte“ – wie es von Festivalseite heißt -, nämlich für 7,95 €, gebucht werden! Das Schöne finde ich, dass man sich Kurzfilme ja zeitlich gut einteilen kann. Schön finde ich auch, dass es international ist! Und schön finde ich, dass es sich im wesentlichen um Beiträge junger Menschen handeln wird.

Der geschätzte Blogbesucher wird also hier im Blog mit dem schwer auszusprechenden Namen „Qooz“ in nächster Zeit voraussichtlich ein paar Berichte über einzelne Filme des Festivals oder die ganzen Staffeln sehen! Vielleicht hat er den betreffenden Film bzw. Filme der Staffeln ja dann auch schon gesehen oder er lässt sich anregen.

Übrigens: „Qooz“, weil unsere deutschen W-Fragen (wer, wo, was, wann ..) im Lateinischen oft mit q beginnen, – also lauter Q‘s – Qooz eben!

THEATER: Botho Strauß – Kalldewey Farce

Ein weiterer Hinweis: Es ist in gewisser Weise ein Klassiker: Kalldewey Face von Botho Strauß in einer Inszenierung von Luc Bondy aus dem Jahre 1982. Eine Inszenierung von Luc Bondy zu sehen ist durchaus immer interessant. Luc Bondy und Botho Strauß waren eng befreundet.

Die Inszenierung ist nunmehr zu sehen bis Montag, den 9. November, 18:00 Uhr. Es ist eine Fernsehaufzeichnung des SFB (Sender Freies Berlin) einer Aufführung der Schaubühne in Berlin.

HIER der Link zum Stream. Das Onlineangebot der Berliner Schaubühne für November – dem Monat, in dem alle Theater geschlossen sind – ist ohnehin sehr interessant! HIER der Link zum Programm.

Es gibt ja ein wunderbares Buch über Luc Bondy und seine Arbeiten, sein Leben, seine Freunde, seine Familie. Ich hatte kürzlich darüber geschrieben. HIER der Link.

Copyright des Beitragsbildes: Ruth Waltz

THEATER: Starke Stücke

Nicht verpassen! Das Berliner Theatertreffen 2020 konnte ja wegen der Corona-Krise nicht stattfinden. Daher sollten Theaterfreunde jetzt erst recht aufpassen: 3sat zeigt auch dieses Jahr wieder drei „Starke Stücke“ der Auswahl zum Theatertreffen 2020!

Folgende Daten:

Shakespeares „Hamlet“, Inszenierung von Johan Simons, ist ab Samstag, dem 07. November 2020, bis zum 6. Dezember in der 3sat-Mediathek zu sehen. HIER der direkte Link.

MoliéresDer Menschenfeind “, Inszenierung Anne Lenk, ist im TV auf 3sat am Samstag, dem 07.11.2020, zu sehen und in der Mediathek bis zum 06.03.2021 verfügbar. Auch HIER der Link.

Max FrischsDer Mensch erscheint im Holozän“, Inszenierung von Alexander Giesche, ist dann im TV auf 3sat die Woche drauf, am Samstag, dem 14. November 2020, um 20:15 Uhr zu sehen. Diese Arbeit von Alexander Giesche kann bis zum 12.03.2021 in der 3sat Mediathek gefunden werden. HIER der Link.

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THEATER: Cristina D’Alberto – Anthologie/Blütenlese

Wie bewegt man sich, wenn man seine Geschichte durch Bewegung erzählen will? Wie würde ich mich etwa bewegen, wenn ich in – sagen wir – zehn Minuten mein „Jahr 2020“ darstellen sollte. Eine schöne Aufgabe für Silvester!

Für Cristina D’Alberto wäre es sicherlich eine durchaus gängige Vorstellung. Sie ist Choreografin und Performerin, kommt aus der Tanzszene. Geboren ist sie in Turin, hat einige Jahre in Florenz gelebt und lebt seit 2015 in – oder bei – München.

HIER ihre schöne schlichte Website, auf der man viele Details ihres interessanten und intensiven jungen Tanzlebens sehen kann. Sie ist einige Jahre um die Welt getourt und ist hier in München unter anderem Dozentin an der „Iwanson international dance school“.

Sie ist auch die Choreografin des Abends, den ich nun im Schwere Reiter gesehen habe. Eine so schön unspektakuläre freie Spielstätte. Aktuell wird gegenüber der Halle am Leonrodplatz eine neue Spielstätte gebaut, die das Schwere Reiter ab Herbst 2021 beherbergen soll.

Sara, Robert, Lotta, Hillel sind die Vornamen der ProtagonistInnen des Abends in Cristina D’Albertos Tanzperformance „Anthologie/Blütenlese“. Es sind aber auch die Vornamen der MünchnerInnen, die für dieses Projekt interviewt wurden. Es sind ihre Lebensgeschichten, die hier ohne Worte auf die Bühne kamen. Schon das Bühnenbild zeigt, dass es sich um eine sensible Herangehensweise an vier verschiedene Leben handelt.

Von oben würde man vier in vier Richtungen offene Räume sehen, die durch ein zentral auf der Bühne stehendes Kreuz entstehen. Vier zweimannhohe Trennwände, doppelwandig. schlanke Metallrahmen mit leicht durchsichtiger Gaze, zu besagtem Kreuz zusammengestellt, in sanften Farben bespannt. Man kann so fast allen vier TänzerInnen zusehen – die Zuschauer sitzen um die „Bühne“ herum -. Die TänzerInnen halten sich wechselnd jeweils immer in einem der vier „Räume“ auf – man kann von allen etwas erkennen, sofern nicht ruhige Videoaufnahmen von sich bewegenden Naturbildern – Mustern fast nur – auf die Gazeflächen projiziert werden. Das Kreuz wird später aufgelöst, die vier „Lebensgeschichten“ kommen so zusammen.

Natürlich erkennt man nicht konkrete Lebenssituationen, es geht ja nicht um Pantomimik. Die Situationen werden durch Tanz ausgedrückt. Man kann sich treiben lassen, man erkennt, dass eben jedes Leben seinen eigenen Ausdruck finden kann und muss. Man wird angeregt, sich zu den Bewegungen etwas zu denken, sich irgendwie Passendes vorzustellen. Im Programm heißt es, so stehe der Ausdruck durch Tanz im Kontrast zum glitzernden Bild, das man heutzutage so oft von sich ins Internet stellt. Im Kontrast zur Vereinheitlichung auch. Auffallend vielleicht: Es war vielleicht mehr Schmerz, waren mehr Probleme als Freude, die durch die Bewegungen dargestellt werden konnte und musste. Aber auch das hatte in der Darstellung Angenehmes, nicht Leidendes. Angenehm, weil es individuell war. Fast schon ungewöhnlich ohnehin, nicht an Vereinheitlichung zu denken. Deshalb hatte es sich gelohnt.

Copyrght des Beitragsbildes: Gabriela Neeb

THEATER: Falk Richter – TOUCH

Wieder ins Theater – nach längerer Zeit. Ja, es kam mir vor wie ein Wagnis. Seit Beginn der Coronazeit lief Theater allenfalls online. Auch der Online-Hype ließ nach. Aber im Vertrauen auf die mittlerweile entwickelten guten Konzepte der Theater wg. Corona bin ich wieder in die Münchner Kammerspiele. „Touch“, eine Arbeit von Falk Richter. Die erste Inszenierung der ersten Spielzeit in der Intendanz von Barbara Mundel. Und die erste Inszenierung überhaupt von Falk Richter an den Münchner Kammerspielen.

Falk Richter ist ja bekannt als Autor und Regisseur, seit 2020 ist er Mitglied der künstlerischen Leitung des Theaters. Einer der „bedeutendsten Theaterregisseure“ in Deutschland, liest man manchmal. Zuletzt war er mit seiner Inszenierung „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek zum Berliner Theatertreffen 2019 eingeladen. Ich hatte darüber geschrieben. HIER der Link.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspielen.

Meine Eindrücke aus meinem Besuch der Inszenierung Touch muss ich mit allgemeinen Bemerkungen beginnen:

Vielleicht bedingt durch die kleinere Besucherzahl ist mir – im Foyer des Theaters sitzend – die angenehme Atmosphäre dieses Theaterbaus einmal wieder deutlich geworden. Die Münchner Kammerspiele gelten als „das einzige Jugendstiltheater Deutschlands“. Der Bau entstand um 1900, 1901 war die Eröffnung, die Münchner Kammerspiele zogen 1926 in das Gebäude ein. Das Angenehme: Das Auge trifft auf wenige Ecken und Kanten. Überall leicht gerundete Wölbungen des Gemäuers, die Ornamentik an den Decken, die Türen, dazu die in keiner Weise schrille Beleuchtung, angenehme Blicke und und und. Es lohnt sich, hier in ruhigen Minuten einen Blick auf die Details zu werfen.

Der nächste Eindruck: Jeder Besucher, jede Besucherin trug natürlich Maske. Es herrschte Distanz. Nicht nur im Foyer, auch während der Aufführung. Das hat wirklich einen Effekt, der sehr sehr schade ist. Es entfiel das Erlebnis und Vergnügen, das ich bisher bei jeder Veranstaltung sehr genossen hatte: Die Menschen zu sehen, sie kurz zu beobachten, zu treffen. Gespräche entfielen, Kontakte entfielen, Blicke entfielen – das Interesse an diesen Menschen jeden Alters, die in der Regel in den Münchner Kammerspielen wenig mit „Mainstream“ zu tun haben, musste ich aufgeben. Auch das Conviva im Blauen Haus, das üblicherweise Treffpunkt für Gespräche im Anschluss an Veranstaltungen war, hatte bereits geschlossen. Sperrstunde! Es wird hoffentlich irgendwann wieder besser.

Im Theaterraum selbst war jede zweite Sitzreihe entfernt. Dennoch erschien das Theater gut besucht. Vorteil: Man saß bequemer, freier – die Plätze neben mir waren unbesetzt – man fühlte sich nicht verloren. Kurz befiel mich nur ein klein bisschen Unwohlsein, als schlagartig die zahlreichen Türen in den Zuschauerraum vor Beginn der Veranstaltung geschlossen wurden. Warum sperrt man in unseren Corona Zeiten die Zuschauer so ein? Es mögen akustische Gründe sein. Jedes Klassenzimmer aber wird besser gelüftet! Gut, in Klassenzimmern wird auch mehr geredet… Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass man im Grunde im Theater in einem sogar sehr sicheren Raum ist, was Corona anbelangt. Ich werde wieder öfters hingehen.

Zur Inszenierung Touch:

Nach der zweistündigen Inszenierung hatte ich einen Eindruck: Es war durchgängig negativ. Als wäre die Welt morgen zu Ende und heute machte man noch ein Theaterstück darüber! Ich fragte mich: Warum das? Falk Richter bringt immer wieder Rundumschläge. Insoweit ist es politisches Theater. Negatives politisches Theater. Rassismus, Feminismus, Flüchtlinge, Tierquälerei, Klimakatastrophe, das Virus, die Vereinsamung des Einzelnen, die Aggression des Einzelnen gegen andere Menschen, der Untergang der Empathie, das fehlende Gefühl des Menschen für andere Menschen, das fehlende Gefühl für sich selber und und und. Es war mir too much! Falk Richter hat ja Recht, der Mensch schafft es nur, alles zu zerstören, mehr kann er nicht! Trotzdem.

All das, was Richter anspricht, kann wirklich mit gutem Recht kritisiert werden. Es wird ja auch im Laufe des Abends einmal treffend errechnet, dass der Mensch imstande ist, die Welt ruckzuck zu zerstören. Und zwar in Windeseile. Wenn die Geschichte der Erdkugel ein Kalenderjahr wäre, wäre die Zeit der Menschheit vielleicht ein Tag vor Jahresende – so ähnlich. Und wir nennen es dann „Geschichte“. Trotzdem.

Man muss auch sagen: Man braucht viel Kraft, um alle diese Themen immer wieder in ein „Theaterstück„ – besser: einen Theaterabend – packen zu können. Falk Richter macht es immer wieder. Braucht es auch! Aber ist es nicht etwas zu unsensibel, gleich auf alles hinzuweisen? Soll der Abend irgendwie aufrütteln? Mir gefallen dazu Stücke viel besser, die einzelne dieser Aspekte herausgreifen. Da kann man sich selber besser überprüfen.

Das ist ohnehin ein Aspekt, der mir fehlte: Es fehlte jede Art von Sensibilität, Wärme und Empathie. Kalt war schon das Bühnenbild: Auf dem Boden liegende Eisblöcke, im Hintergrund eine Lochkarte oder Ähnliches, siehe oben, Kuben zur Abtrennung der Menschen werden hereingerollt, gesichtslose Masken, große Plastikplanen über den AkteurInnen und und … Ebenso die begleitende „Musik“: Kalt, technisch, nicht melodisch. Matthias Grübel hatte schon mehrfach die Musik für Falk Richters Inszenierungen geschrieben. Der Abend „Touch“ endete mit dem Lied „This mess we‘re in“, was wahrlich gut passte! Auch das aber ist alles andere als ein zartes Lied, eher düster.

Auch die Schauspieler: Sie schauen sich gegenseitig kaum an, auf der Bühne ist viel Aktion, man soll sich sicherlich nicht mit ihnen identifizieren. Es wird keine Geschichte erzählt. Es wird die Zerrissenheit und Einsamkeit der Personen dargestellt. Alle Schauspieler und Tänzer bringen immer wieder Tanzeinlagen. Auch diese Tanzeinlagen zeigen abrupte, verzerrte Bewegungen. Der im Rollstuhl fahrende kleinwüchsige Erwin Aljukic war allerdings ein Erlebnis! Mir ging es so: Er bekam mehr und mehr ein Gesicht, etwas, was man bei einem Menschen in seiner Lebenssituation sicherlich etwas weniger berücksichtigt. Von ihm möchte ich gerne noch mehr sehen!

Schließlich entwirft Falk Richter einen Blick in die Zukunft: Auch der ist aber nicht schön. Die Schauspieler bewegen sich langsam wie im Weltall in Astronautenanzügen mit übergroßen eckigen und durchsichtigen Kopfbedeckungen.

Nun, die Münchner Kammerspiele bieten zu Beginn der neuen Intendanz ein vollbepacktes Programm. Ich werde das ein oder andere sehen können.



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THEATER Online: Lion Feuchtwanger – Exil

Hier ein schöner Hinweis für die Freunde des Theaters: Luk Perceval sollte in dieser Spielzeit zum ersten Mal am Berliner Ensemble arbeiten und zur Spielzeiteröffnung

… Lion Feuchtwangers „Exil„ inszenieren. Corona verhinderte es. Teile des Ensembles nutzen die Zeit für einen mehrwöchigen Workshop, in dem sie sich dem Text und den Figuren annähern.

Auf dieser Suche wurden sie von mehreren Kameras begleitet und man kann online in Form von kurzen Videos am Entstehungsprozess teilhaben.

Luk Perceval über das Projekt: 

Die Pandemie hat uns gezwungen, über alternative Formen nachzudenken, … ohne dass sich Publikum und Ensemble denselben Raum teilen. Und mit welcher Art von Theater man sich zu den neuen Medien ins Verhältnis setzen möchte. Diese und viele andere Fragen stellen wir uns in Exil / Backstage; ein Experiment, das die Intimität der Kamera mit der Suche nach der Wahrhaftigkeit des Theaters zu verbinden versucht. Vier Wochen lang filmen wir den Workshop mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Berliner Ensembles, in dem wir an einer Adaption von Leon Feuchtwangers Roman Exil arbeiteten, einer Geschichte über deutsche Flüchtlinge, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Paris leben. Unsere Suche nach der heutigen Relevanz dieses Romans, und in Erweiterung auch des Theaters, führt zu einer Dokumentarreihe, die dem Publikum Backstage-Einblicke in die Kunst des ‚Nichtwissens‘ des Theaters gibt: die Suche nach dem Sinn, dem Sinn des Textes sowie dem Sinn des Lebens und der Kunst. Ein Weg des Versuchens und Scheiterns, des Scheiterns, des erneuten Scheiterns und des besseren Scheiterns …“

Die einzelnen Folgen sind als fortlaufende Web-Serie ab 5. Oktober 2020 nach und nach auf www.berliner-ensemble.de/exil abrufbar.

Es lassen sich ohnehin auf der Website des Berliner Ensembles unter der Rubrik „BE at home“ sehr viele interessante Videos finden.

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THEATER und LITERATUR: Florian Malzacher – Gesellschaftsspiele (Politisches Theater heute)

Theater und Politik – es sind ja zwei völlig verschiedene Welten. Für die Politik sollte Realität zählen, Politik basiert – in unseren Landen zumindest – auf Repräsentation aller. Da gelten Regeln. Für das Theater zählt Anderes. Alles, was im Grunde – Gott sei Dank – mit Politik nicht vereinbar ist, was von der Realität (mal mehr, mal weniger) wegführt. Es geht um Interpretation, um Ausdruck, Träumerei, Subjektivität, um Erschütterung, Kunst, Freigeist, all das und viel mehr. Aber auch um Kritik auf ihre Art.

Alles, was der Mensch immer wieder braucht, um nicht ausschließlich von der verdammten, gefährlichen sogenannten Realität gesteuert zu werden, das ist doch Kunst. Natürlich hat Theater dabei oft auch eine politische Kraft. Teils ungewollt, teils gewollt und beabsichtigt.

Nur: Wo sind denn die Schnittpunkte von Theater und Politik? Was ist noch Theater, was ist Politik? Darf, sollte oder müsste Theater auch Politik – besser: „Politisches“ – machen? Wann und vor allem wie wird der Zuschauer politischen Überlegungen ausgesetzt? Wann und wie macht Theater denn heutzutage Politik? Leben wir nicht in einer Zeit, in der das Theater viel Politisches bringen muss, weil so viele grundlegende Änderungen anstehen?

Das sogenannte „Politische Theater“ gibt es ja schon lange, im Grunde schon immer. Auch die griechischen Tragödien oder Shakespeare oder oder kann man ja politisch sehen. Ja, wir leben in Zeiten, in denen politisch sehr sehr viel getan werden muss und wir alle aufpassen müssen, wohin der Weg geht.

Eine aktuelle Bestandsaufnahme über HEUTIGE Ansätze politischen Theaters bringt das Buch „Gesellschaftsspiele“ (mit dem Untertitel „politisches Theater heute“) von Florian Malzacher, das ich gelesen habe. Ich habe es gelesen, da z. B. Falk Richter – künftig knstlerischer Leiter und Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen – in seinen Stücken gerne politische Aussagen vermittelt. Oder Christoph Schlingensief, dessen Filmportrait ich kürzlich besprochen habe: Er stand oft genug an einer Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. Sein Vorteil war ja, dass seine Aktionen fast immer als Kunstaktionen, nicht als Politik zu interpretieren waren. Das machte ihn freier.

Nun zum Buch von Florian Malzacher, das den Blick auf heutiges politisches Theater schärft.

Es ist keine leichte Lektüre. Schon die Kapitel, die man liest, sind anfangs überschrieben mit Begriffen, mit denen man zum Teil in Bezug auf Theater auf den ersten Blick recht wenig anfangen kann: „Repräsentation“, „Identitätspolitiken“, „Partizipation„. Danach kommen verständlichere Kapitelbezeichnungen: „Kunst und Aktivismus“, „Theater als Versammlung“.

Das Buch bleibt gottseidank nicht bloße Theorie. Es ist theoretisch gehalten, man muss es, schien mir, im Grunde zweimal lesen, es wird aber immer wieder gestützt durch Bezugnahme auf verschiedenste Aufführungen oder Projekte aus der „politischen“ Theaterwelt der letzten Jahre. Teils sehr bekannte Projekte von Christoph Schlingensief, Anta Helena Recke, Gintersdorfer/Klaßen, Rimini Protokoll, Lotte van den Berg, Zentrum für Politische Schönheit, Pussy Riot, Jonas Staal, Public Movement, Milo Rau und andere werden angesprochen.

Zu den einzelnen Kapiteln des Buches:

Repräsentation: Malzacher stellt zunächst die Frage, wer denn auf der „Bühne“ wen repräsentiert? Hierin steckt ja das erste politische Merkmal. Schwarze Schauspieler in einem bayerischen Stück (Mittelreich)? Behinderte (HORA)? Frauen? Androide? Dinge? Die Natur? Welche Auswirkungen hat die Repräsentation auf der Bühne auf den Zuschauer?

Identitätspolitiken: Dieses Kapitel hängt stark mit dem vorhergehenden zusammen. Es werden ja, so Malzacher, immer wieder Identitäten von – meist benachteiligten – Gruppen definiert. Dieses Suchen und Benennen von Gruppenidentitäten kann natürlich zur Spaltung der Gesellschaft führen. Malzacher schreibt:

Ein Theater, das sich selbst als politisch begreift, muss ein Bewusstsein für seine Wirkungen – auch seine Nebenwirkungen – haben. Das bedeutet zunächst einmal ganz simpel: zu versuchen, niemanden auszuschließen, zu benachteiligen, zu beleidigen und das Leiden anderer nicht durch bestimmte Formen der Darstellung zu verniedlichen.

Es bleibt ein Spagat: Unterschiedliche Benachteiligungen zu erkennen, anzuerkennen und zu bekämpfen – und zugleich Spaltungen zu überbrücken in einer Zeit, in der größere Allianzen progressiver Gruppen dringend nötig sind, um sich der immer realer werdenden Bedrohung von rechts entgegenzustellen.

Partizipation: Malzacher schreibt hier:

Wo Theater politisch sein will, muss es sich mit der Frage nach Teilhabe auseinandersetzen …

Teilhabe, „Mitmachtheater“ und – heute sehr aktuell – Immersion, also Eintauchen in eine erstellte Realität – Go in instead of look at. Freiwilligkeit – Unfreiwilligkeit, Aktivismus – Pazifismus, Konfrontation und Fürsorge, das und mehr sind Themen dieses Kapitels

Kunst und Aktivismus: Auch das ist ein weites Feld im Bereich „Politisches Theater“. Aktivismus spielt sich in diesem Bereich weniger auf Theaterbühnen ab. Gemeint sind eher Aktionen wie etwa diejenigen von Christoph Schlingensief oder vom Zentrum für Politische Schönheit. Auch sie müssen genaustens vorbereitet sein und dürfen nicht rein politische Bedeutung erhalten. Es geht oft um kurzfristige Verwirrung des Betrachters.

Theater als Versammlung: An den Münchner Kammerspielen wird in der nächsten Spielzeit ein Stück mit dem Titel „The Assembly“ laufen. Was ist Theater an einer Versammlung? Es sind meist Versammlungen, die eben nicht stattfinden. Die damit andere Stimmen zur Sprache bringen. Malzacher schreibt:

… neue Kollektivität: eine Praxis, bei der Kunst, Theater, Performance, Aktivismus und Politik zusammenkommen… Einerseits sind diese Versammlungen künstlerische Setzungen, andererseits stehen sie in direkter Verbindung mit sozialen und politischen Bewegungen, denen sie ihr künstlerisches Potenzial zur Verfügung stellen.

Bekannt ist vor allem Milo Rau in diesem Bereich. Das Congo Tribunal, General Assembly, die Moskauer Prozesse. Malzacher geht hier aber auch auf viele andere Beispiele dieser Art ein. Es ist ein weites und gern genutztes Feld, Theater und Politik zu verbinden.

Politisches Theater ist also sehr komplex, aber auch sehr aktuell. Das Buch „Gesellschaftsspiele“ kann beim Alexander Verlag in Berlin geordert werden. HIER der Link.


THEATER: Die Deutsche Bühne – Falk Richter

Die Ausgabe 09/20 des Theatermagazins „Die Deutsche Bühne“ wird die Freunde der Münchner Kammerspiele interessieren. Aufmacher des Heftes ist Falk Richter, der ab dieser Saison künstlerischer Leiter bzw. Hausregisseur der Münchner Kammerspiele ist.

HIER die Bestellseite des Verlags.

Das Portrait von Falk Richter geht jetzt nicht besonders in die Tiefe, aber es vermittelt noch einmal ein Bild. Falk Richter verfolgt ja – bisher jedenfalls – die großen Themen, beleuchtet eher unsere Gesellschaft und unser Leben insgesamt, anstatt umgrenzte Einzelthemen anzugehen. Das kann meines Erachtens schnell zu pauschal, zu jugendlich-rebellisch werden (er ist ja auch schon knapp über 50 Jahre alt), aber wir werden es sehen. Auch die Frage, ob und wie er das Thema Corona in seinen Inszenierungen aufgreifen wird, ist interessant.

Das Heft 09/20 von DIE DEUTSCHE BÜHNE beschäftigt sich ansonsten fast durchgehend mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Theaterbetrieb. Wie bereiten sich die Theater vor? Was ändern sie für die Zuschauer? Wie könnten sich die Inszenierungen ändern? Welche Onlineformate könnten weiterhin Erfolg haben? Wie haben SchauspielerInnen die vergangenen Monate erlebt? Wie ändern sich die ZuschauerInnenerlebnisse? Und so weiter. Es gibt interessante Ansätze, wir kommen den Fragen ja nicht aus.

Und zusätzlich liest man News der deutschen Theaterwelt (Personalien, Preise etc.)

Hier das Inhaltsverzeichnis, zwei Seiten:

THEATER: Forced Entertainment – Complete Works: Table Top Shakespeare

Ich mag schon lange die britische Performergruppe Forced Entertainment. Aus Sheffield. Es gibt sie – unter der Leitung von Tim Etchells – schon seit mehr als 35 Jahren! Sie touren mit ihren skurrilen „Projekten“ seit vielen Jahren um die ganze Welt. Beim Berliner Theatertreffen waren sie vor wenigen Jahren mit REAL MAGIC eingeladen, waren vor wenigen Jahren einmal an den Münchner Kammerspielen zu sehen und „schenkten“ zuletzt dem Initiator des SPIELART Festivals in München zu dessen Jubiläum drei ihrer berüchtigten „durational performances“, die teilweise 24 Stunden lang dauern.

Jetzt wagen sie sich – eigentlich völlig untypisch – erstmals an Theaterklassiker heran. Noch dazu an William Shakespeare. Und noch dazu an sämtliche seiner Werke! Ab morgen, dem 17.09.2020, bringen sie online wochenlang – jeweils an vier Tagen pro Woche – sämtliche Werke von William Shakespeare in eigenwilligen Fassungen. So geht es durch bis zum 15. 11. 2020, beginnend jeweils um 20.00 Uhr! Es sind 36 Abende, hinzu kommt jede Woche ein Abend für „discussion“. Macbeth ist das erste Stück.

Mithilfe von Küchengegenständen erklären sie die Inhalte aller Stücke von William Shakespeare. An einem blanken Holztisch sitzend spielt und erklärt jeweils ein Mitglied der Gruppe eines der Stücke. Mit eigenen Worten natürlich.

Es werden für Forced Entertainment untypische Abende sein, denke ich. Ich kenne sie eher so, dass sie zum Denken anregen, etwas betroffen machen. Trotzdem: Esmag sich lohnen – man sollte gut Englisch können -, sich das ein oder andere Werk von William Shakespeare auf diese Weise zeigen zu lassen. Ich bin gespannt.

HIER der Link zur Projektseite, auf der die Termine der Reihe „William Shakespeare: Complete Works“ zu finden sind.

Und HIER der Link zum ersten Abend des Projektes.

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Sonstiges

SONSTIGES: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

Am 21. August jährte sich zum zehnten Mal der Todestag von Christoph Schlingensief. Genau zu diesem Todestag kam ein Dokumentarfilm über Christoph Schlingensief in die Kinos, der schon im Februar erscheinen sollte. „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“. In München wird der Film derzeit in vier Kinos gezeigt.

Der Film läuft derzeit in den Kinos City, Studio Isabella, Monopol, und Neues Rottmann. HIER die Termine. 

Ich habe den Film am Wochenende gesehen. Es ist die erste Regiearbeit von Bettina Böhler, die – sehr erfahren und anerkannt – in zwei Filmen als Cutterin für Schlingensief gearbeitet hatte. Er war auch kurz als Onlineangebot auf der Website der Münchner Kammerspiele zu sehen. Matthias Lilienthal, bis vor kurzem Intendant der Münchner Kammerspiele, zählte Christoph Schlingensief zu seinen besten Freunden. Beide kannten sich aus ihrer Zeit an der Berliner Volksbühne.

Der zweistündige Film ist beeindruckend. HIER der Trailer.

Man hatte im Anschluss an den Film das bedrückende Gefühl, das Leben einer Person gesehen zu haben, die in dieser Art einfach fehlt. In totaler Subjektivität, einzigartig, immer wieder seine Zuschauer fordernd und überfordernd, aber mit dem Gefühl, den Menschen im Grunde helfen zu wollen.

Es ist unglaublich, durch den Film allein schon ansatzweise zu sehen, was Christoph Schlingensief in seinen leider nur 49 Jahren alles auf die Beine gestellt hat. Wie er gelebt hat, seine Produktivität, seine Kraft für alles, sein Drang zu kommunizieren. In einem Gespräch mit Amelie Fried sagt er dazu: Er wolle nicht provozieren, sondern es sei „Obsession„. Er hörte oft garnicht auf zu reden. Ja, Obsession, er lebte wohl jede Minute seines Lebens für das künstlerische Kommunizieren seiner besonderen Sichtweise. Für seinen Ausdruck.

Es zählt dabei sicherlich zu den großen Qualitäten von Christoph Schlingensief, dass er andere Menschen mit seinen immer wieder auch provokativen Auftritten und Produktionen nicht persönlich angegriffen oder verletzt hat, sondern allenfalls aufgerüttelt hat. Er wollte sich nie auf Kosten anderer Menschen produzieren. Das mag ein Unterschied zu heutigen provokativen Auftritten und Meinungsäußerungen sein. Heute geht es schnell darum: „Du hast nicht recht, ich habe recht“. Sehr statisch.

Christoph Schlingensief dagegen hat nichts statisch gesehen. Er verstand sich nicht politisch (da geht es viel eher um „Rechthaberei“), seine Sicht der Dinge war nicht politisch, sondern künstlerisch. Auch Aktionen wie „Tötet Helmut Kohl“ waren, merkte man schnell, von ihm nicht politisch ernst gemeint, sondern als künstlerische Überhöhung.

Zuspitzung, Überhöhung, auch mit Humor, gutmütig, aber herausfordernd, sich selbst nicht zu ernst nehmend, immer intellektuell, mit einer irren Kommunikations- und Lebenslust.

Viele der Produktionen und Aktionen von Christoph Schlingensief, vor allem seine Filme der jungen Jahre – die er erstellte, bevor er Arbeiten an der Berliner Volksbühne bringen konnte – sind im Grunde fast völlig unverständlich. Bettina Böhler bringt von vielen dieser Arbeiten kurze Filmausschnitte, die natürlich auch oft unverständlich bleiben. Sie mischt diese „Zitate“ immer wieder mit Ausschnitten von Gesprächen mit Christoph Schlingensief und mit Bildern aus seiner Kindheit und Jugend. Es sind Bilder aus einer anderen, einer (eingebildet) „heilen“ Welt. „Heile Welt“ gab es für Christoph Schlingensief nicht. Völlig verständnislos, aber wohl immer kritik- und vorwurfsfrei, sieht man mehrmals seine Eltern neben ihm. 

Es gibt interessante Videos von Gesprächen mit Christoph Schlingensief auf YouTube. HIER etwa ein längeres Gespräch mit Katrin Bauernfeind, das geführt wurde, als Christoph Schlingensief schon wusste, dass er an Krebs erkrankt war. Er spricht auch von Überforderung der Lebenslinie – die Lebenslinie, die er zu Beginn des Films zwischen Toleranzgrenzen auf einem großen Plakat einzeichnet.

Zu schade, er fehlt, er würde uns guttun, wir brauchen solche seltenen Menschen immer wieder.

HIER noch eine gute Besprechung des Films auf ZEIT online.

MUSIK: KG Master – Jerusalema

Dieses Lied geht momentan um die ganze Welt! Es wurde bis heute 103 Millionen mal (!!) bei YouTube aufgerufen! Über 100 Millionen mal! „Jerusalema“ lag schon in zehn Ländern auf Platz eins der Chartliste, darunter Südafrika, Frankreich, Rumänien, Portugal und Italien. Damit es die 110 Millionen-Marke knackt, bringe ich es hier im Blog.

Ein junger Afrikaner hat es geschrieben. Kgaogelo Moagi heißt er, von Freunden eben KG Master genannt.

Was begeistert an dem Lied? Ich weiß es nicht. Die Stimme der Sängerin? Eine bisherige Backgroundsängerin mit recht dunkler Stimme. „Sie fing an zu singen, und ich wusste sofort, sie war die Richtige“, sagte dann KG Master, der aus der armen Provinz namens Lampopo stammt.


Es scheint auch gerade in Coronazeiten zu passen, das Lied. Für mich hat es etwas Fröhliches und gleichzeitig etwas Bedächtiges, fast Melancholisches. Aber das Fröhliche überwiegt eben! Das ist vielleicht ein Grund! Es gibt sehr viele Videos zum Lied mit Tanzversionen verschiedenster Personen aus der ganzen Welt.

HIER ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über das Lied.

Hier das Lied:

THEATER: Theater des Jahres: Münchner Kammerspiele

AKTUELL:

Die Münchner Kammerspiele sind zum zweiten Mal hintereinander zum Theater des Jahres gewählt worden. Spielzeit 2019/2020. Ein großer Erfolg für die Intendanz von Matthias Lilienthal. „Ein triumphales Ende der fünfjährigen Intendanz von Lilienthal“ heißt es seitens der Zeitschrift Theater heute.

HIER ein erster Bericht der Süddeutschen Zeitung.

HIER der link zur diesjährigen Kritikerumfrage des Theaterverlags.

THEATER und LITERATUR: Gob Squad -What are you looking at?

Zuletzt hatte ich im Blog über Falk Richters Buch „Disconnected“ geschrieben. HIER der Beitrag. Jetzt habe ich ein kleineres Büchlein über die Performancegruppe Gob Squad gelesen. Beide Bücher passen wegen ihrer Gegensätzlichkeit gut zusammen. Siehe unten.

Ich habe ja etwas mehr Zeit momentan, bin ja momentan aus bekannten Gründen nicht ständig im Theater. Das Büchlein über Gob Squad ist auch aus dem Programm des Alexander Verlags. HIER der link zur Buchseite im Webauftritt des Verlags.

Das Büchlein über Gob Squad erscheint beim Alexander Verlag in der noch nicht abgeschlossenen Buchreihe »Postdramatisches Theater in Portraits«, Mitherausgeber der Reihe ist übrigens Florian Malzacher, von dem ich in Kürze etwas berichten werde.

Gob Squad gehört ja zu den „alten Hasen“ des Performancetheaters. Seit über 25 Jahren gibt es die Truppe. „Dinosaurier“ des Performancetheaters wurden sie schon genannt. Aber sie sind immer wieder aktuell interessant. So etwa, wie Forced Entertainment oder einige andere Performergruppen. Siehe den link zur Auflistung von Performancegruppen im Blog rechts! Ich mag Performance eben.

Man liest im Büchlein „What are you looking at?“ (Titel einer der ersten Arbeiten von Gob Squad) über die Entstehung von Gob Squad, über die Ansätze bei ihren ersten Arbeiten, über ihr Verständnis, und man liest ein langes Interview mit den Mitgliedern von Gob Squad zu Gob Squads Ansichten und Erfahrungen zu ihren Arbeiten.

Gob Squad war in den vergangenen Jahren auch mehrfach an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Vor fünf Jahren mit dem irgendwie schönen, weil völlig entfremdeten Abend „War and Peace“, einer „Arbeit“ zu Tolstoi’s „Krieg und Frieden“, und mit „Creation“, das auf Oskar Wilde’s „Bildnis des Dorian Gray“ basierte. Vielleicht waren sie auch noch einmal an den Kammerspielen, es fällt mir gerade nicht ein. Ansätze der genannten beiden Abende waren jedenfalls die bekannten Werke der Weltliteratur, gemacht wurde daraus aber – typisch für Gob Squad – etwas sehr Persönliches, völlig Anderes.

Falk Richter und Gob Squad verfolgen völlig unterschiedliche Konzepte. Während Falk Richter – mit teilweise ja fast aggressive Attitüde – auf den Einzelnen in der Gesellschaft blickt, ihn in das Zentrum seiner Betrachtungen stellt (Thema: Der/die Einzelne, der/die durch die Gesellschaft quasi zerstört wird), zählt für Gob Squad nur das Kollektiv, das Gemeinsame. Gemeinsam im Team und gemeinsam mit den Zuschauern, das ist deren konsequenter Ansatz. Es gibt bei Gob Squad keine Hierarchie, keine „Präsentation“ für den Zuschauer nach der Idee eines Regisseurs.

Statt „Disconnected“, wie es bei Falk Richter heißt, müsste es bei Gob Squad „Connected“ heißen. Insoweit ist das Büchlein über Gob Squad gerade im Vergleich zu Falk Richters Buch „Disconnected“ interessant zu lesen.

Gob Squad geht es dabei immer um persönliche Erfahrungen. Erfahrungen der Personen auf der Bühne und Erfahrungen im Zuschauerraum (oder sonst wo, je nachdem, wo was gebracht wird). Es geht oft um den Alltag, den jeder erlebt. Der Alltag, der gerne poetisch überhöht wird, an dem dann durch die Überhöhung Dinge auffallen. Etwa das Älterwerden in „Creation“.

Alles entsteht im Team. Die Personen auf der Bühne sind nicht Schauspieler, sie sind die Personen, die sie sind. Die Zuschauer könnten sich oftmals sagen: Das auf der Bühne könnte ich sein! Es geht nicht um die Institution „Theater“.

Das Fragile im Alltag, darum geht es. Bei Krieg und Frieden etwa die Frage: Was ist für mich Krieg und was ist für mich Frieden? Und abgesehen von diesen persönlichen Fragen des Einzelnen geht es Gob Squad immer um Interaktion. Interaktion des Teams in der Ideensammlung, in der Vorbereitung, auf der Bühne, innerhalb der Gruppe der auftretenden Personen und Interaktion mit den Zuschauenden. Es geht Gob Squad nicht um eine Botschaft, sondern um die Schaffung einer Situation, in der etwas entstehen kann.

Ein schöner Ansatz, finde ich. Schöner als der moderne Ansatz, nur auf sich selbst zu schauen und die Anderen noch dazu schlechter zu finden.