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THEATER: Jean Genet – Die Zofen

Es ist momentan beeindruckend zu sehen, dass die Vorstellungen im Münchner Volkstheater doch immer wieder weitgehend ausverkauft sind. Und das in den sehr groß angelegten beiden Theaterräumen des noch neuen Theaterbaus. So auch bei der Aufführung von Jean Genet‘s „Die Zofen“.

Aus momentanem Zeitmangel heraus halte ich hier nur ein paar kurze Eindrücke zu „Die Zofen“ fest. (Entschuldigung für die Unordnung des folgenden Textes).

  • Das Bühnenbild hebt alles in eine starke Abstraktheit. Verspiegelung ist das alles beherrschende Thema des Bühnenbilds. Alles ist verspiegelt, selbst der Bühnenboden. Geprägt wird die Bühne von einem Karussell mit Pferden, das in der Mitte steht, sich manchmal dreht. Alles verspiegelt. Auch die beiden Treppen, die links und rechts am Bühnenrand stehen und in die Höhe führen: Verspiegelt. Weiter: Die linke Hälfte der Bühne ist insgesamt spiegelgleich der rechten Hälfte der Bühne. Sogar die beiden Einstiegsklappen zum Untergrund, die den beiden Zofen den Weg in ihre Küchenwelt ermöglichen, sind identisch angelegt. Auch das Karussell selbst hat zwei spiegelgleiche Hälften. Als wäre in der Mitte der Bühne ein Strich gezogen und alles gespiegelt. Es geht ja inhaltlich in gewisser Weise auch um Spiegelungen. So passt es also. Die Zofen versuchen, die Madame zu „spiegeln“, sie spielen mit der Spiegelung, um mit den bestehenden Verhältnissen des „oben und unten“ umgehen zu können. Sie wollen die gnädige Frau ja mit vergiftetem Lindenblütentee umbringen. Letztlich stirbt allerdings eine der beiden Zofen. Ich blickte allerdings nicht unbedingt gerne auf diese gewaltig verspiegelte Bühne mit meterhohem grauem Vorhang im Hintergrund. Es wirkte auf mich irgendwie unangenehm.
  • Es spielt sich vor diesem Hintergrund noch dazu alles weitgehend in einer schwarz/weiß- oder grau-Stimmung ab. Nur die Kostümierung der gnädigen Frau bringt immer wieder deutlich Farbe. Auch das passt allerdings in gewisser Weise gut zum Inhalt von „Die Zofen“. Noch deutlicher in „schwarz-weiß“ gehalten war ja die – ebenfalls völlig abstrakt gestaltete – Inszenierung von „Die Zofen“ an den Münchner Kammerspielen aus 2014. HIER ein Trailer zur damaligen Inszenierung.
  • Manchmal wird Musik eingespielt. Hier hätte mir eine Art musikalischer „Zugriff“ auf den Inhalt von „Die Zofen“ gut getan, der dem Ganzen etwas an Prägung gegeben hätte. Die Musik war zwar „ausgewählt“, hat aber nicht irgendeine spezielle Stimmung zum Stück besonders transportiert. So blieb der Eindruck: Das Geschehen von „Die Zofen“ wurde in all seiner Vielschichtigkeit von den drei Schauspielern wirklich klasse dargeboten, es wurden aber keine Schwerpunkte gesetzt. Eben auch nicht durch Musik. Ich hätte einen solchen Schwerpunkt gerne erkannt.
  • Regie hat die Münchnerin Lucia Bihler. Die beiden Zofen und Madame werden von drei jungen Schauspielern – nicht Schauspielerinnen – gespielt. Silas Breiding (Madame), Jakob Immervoll (eine Zofe) und Lukas Darnstädt (die zweite Zofe). Das mag schon Jean Genet so vorgesehen haben. Es ist jedenfalls keine ganz neue Idee für „Die Zofen“. Ich fand es aber für „heute“ eher unnötig, man kennt den Geschlechterwechsel im Theater zu gut. Dass es sich beim Inhalt von „Die Zofen“ nicht um ein reines Frauenthema handelt, ist klar. Die weite Bedeutung des Themas von „Die Zofen“ muss aber meines Erachtens nicht mehr dadurch gezeigt werden, dass männliche Schauspieler gewählt werden. Es hat mich fast ein wenig gestört, fiel fast schon wieder etwas aus der Zeit.
  • Die Frage war generell: Was macht man heutzutage mit dem Thema von „Die Zofen“? Ist es noch ein Thema? Jean Genet hatte das Stück 1947 geschrieben. Klassenunterschiede waren damals ein größeres Thema als heute. Wir haben uns an Klassenunterschiede gewöhnt. Die ewige gewollte und ungewollte Festschreibung der Klassenunterschiede sind heute vielleicht das Thema. Ein solcher Schwerpunkt begegnete mir an diesem Abend aber nicht. So blieb die Inszenierung beim gleichwertigen Aufzeigen zu vieler Aspekte, dem Originaltext geschuldet: Bewunderung, Hass, Liebe, Abhängigkeit, Gehorsam, Rituale und und und. Es sind eben sehr viele Aspekte, denen sich der Originaltext widmet.

Mein Fazit daher: Ich habe „Die Zofen“ gesehen, es hat mich aber nicht aufgerüttelt, bewegt, angeregt oder ähnlich. Es ging an mir etwas vorbei. Andere haben es anders gesehen, der Applaus war stark.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Volkstheaters.

HIER ein Trailer:

Copyright des Beitragsbildes: Christoph Arlt

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Der Titel QOOZ

Manchmal werde ich gefragt, wie man den Titel „qooz“ ausspricht und was er bedeutet. Es gibt in der Tat dazu kleine Überlegungen:

Die Aussprache des Titels ist englisch: qooz spricht sich wie „kuhs“ aus. Nicht etwa deshalb kam ich auf qooz, weil ich – in der Aussprache ähnlich beginnend – Kuhlmann heiße (obwohl auch das eine kleine Erklärung wäre). Nein, sondern

Folgendes: Die deutschen Fragewörter, sie beginnen mit dem Buchstaben „w“: Wer, was, wann, wo, wie oft, wie, wohin … . Es sind die Fragen, die hinter dem Blog stehen: Ich schreibe gerne über bestimmte Ereignisse (oder Bücher) und der Leser – die Leserin – kann sehen, wer was wann wo macht oder gemacht hat, wie es für mich war und so weiter … . Und auch kann er/sie dann überlegen, ob und wann er/sie sich ebenfalls etwas davon ansehen möchte. Ich schreibe prinzipiell über Dinge, die meine LeserInnen sich ebenfalls noch ansehen könnten. Ganz selten schreibe ich über etwas, was nicht mehr zu sehen ist. Zum Beispiel manchmal über die skurrilen Musik- oder besser: Soundveranstaltungen der Reihe TUNE im Haus der Kunst. Aber auch da: TUNE ist eine Reihe von Veranstaltungen, es kommen monatlich Folgeveranstaltungen.

So, und im Lateinischen beginnen die Fragewörter – nicht immer, aber sehr oft – mit dem Buchstaben „q“: Quis, quid, quando, quomodo, quo. Auch die Relativpronomen qui, quae, quod sehe ich dabei. Es sind hier also … lauter „q‘s“, … kuuhs – so sind wir beim Titel des Blogs qooz.

Warum die Verbindung zum Lateinischen? Ich bin Latein-affin, ich mag die alten Sprachen. Ich hatte am humanistischen Gymnasium Latein und Altgriechisch bis zum Abitur gelernt und es gelang mir gut. Heute gebe ich Nachhilfe in beiden Sprachen, in Latein und in Altgriechisch. Das ist meine persönliche Verbindung zu den lateinischen Fragewörtern mit „q“, die zum Titel des Blogs führten

Und zu dem Hintergrundfoto des laufenden Mann hinter dem Titel des Blogs: Es ist ein Ausschnitt aus einem wunderbaren Foto, das mein Sohn vor Jahren in Tel Aviv vom Hotelfenster aus gemacht hatte! Siehe oben das Beitragsbild. Das Foto zeigt einen Mann, der durch eine große Menge von Verkehrszeichen, Fußgängerüberwegen, Ampeln, Hindernissen und so weiter seinen Jogginglauf macht. Man sieht auf dem Bild fast keinen anderen Menschen. Nur ihn und das weite Chaos von Hinweisen etc. Für mich ist es der Mensch und sein Lauf durch die Welt.

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LITERATUR: Kohei Saito – Systemsturz

Was haben Bundespräsident Frank-Walter unser aller Steinmeier und der japanische Philosoph Kohei Saito gemeinsam? Ganz wenig, aber dennoch: Es sind – bei Steinmeier: „vielleicht“ und bei Kohei Saito: „sicher“ – Bedenken beim Gedanken an die ewige Gewinnmaximierung zu Gunsten von Anteilseignern. Also Bedenken gegenüber dem blanken Kapitalismus, den wir alle leben.

Der japanische Philosoph Kohei Saito einerseits: Er würde grundsätzlich sagen: Weg vom Kapitalismus! In seinem „radikalen“ Buch „Systemsturz“. Der „Gebrauchswert“ muss es sein, nicht der kapitalistische „Marktwert“! Der bloße Marktwert ist Kapitalismus, in dem wir (noch) leben. Der Gebrauchswert ist für die Rettung der Welt entscheidend, nicht der „Marktwert“. Der bloße Marktwert interessiert vor allem den Anteilseigner, der einfach verdienen will, egal bei welchem Produkt. Dem Marktwert ist der eigentliche Gebrauchswert eines Produktes völlig egal, auch wenn alles – die Welt – kaputt geht. Kohei Saito untersucht vor diesem Hintergrund in seinem Buch „Systemsturz“ ganz grundsätzlich den „Kampf“ zwischen Kapitalismus und Naturerhaltung – den die Natur verlieren wird.

Frank-Walter unser aller Steinmeier andererseits: Er, den ich hier einmal kurz daneben stelle, spricht über eine „kleine Münze“ INNERHALB DES Kapitalismus, ein Mosaiksteinchen: Bei Frank-Walter unserem Steinmeier war es eine kleine Rede, eine Rede über eine evtl. neue Rechtsform, die sogenannte „Verantwortungsgesellschaft“, die „GmbH-VE“. Ein kleines Pflänzchen, bei dem man merken kann, dass vielleicht ein gewisses Unwohlsein gegenüber dem brutalen Kapitalismus mitschwingt. Siftungsähnlich, ohne Gewinnausschüttungen. Immerhin. Etwas mehr an Verantwortung (des Unternehmens) könne ja ruhig sein – wenn auch nicht nur für die Natur. HIER die Rede von Frank-Walter.

Steinmeiers Ansatz wäre für Kohei Saito völlig irrelevant. Eine neue Rechtsform und dann weiter so! Kohei Saito hat ein Buch geschrieben, mit dem er fundamental Systemkritik am Kapitalismus übt. Er steht AUSSERHALB DES Kapitalismus. Das ist eine andere Dimension. Wertvolle Überlegungen, alles muss bedacht werden!

Schon ist man jedenfalls mitten im Kern des Buches von Kohei Saito: Kapitalismus und unsere Welt! Kann man durch – kleinere oder auch größere – Änderungen des Kapitalismus die Welt noch retten? Oder ist grundsätzlich der Kapitalismus – der Gedanke des ewigen Wachstums – die Ursache für die Zerstörung der Welt? So sieht es Kohei Saito mit seiner eigenen, nicht immer leichten, aber guten Argumentation in seinem Buch „Systemsturz“.

Kohei Saito hat also über den elementaren Widerspruch, den er zwischen Kapitalismus (also ewigem Gewinnstreben) und der Erhaltung der Welt sieht, das Buch mit dem deutschen Titel „Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ geschrieben. Das Buch ist kürzlich (im August) in Deutschland erschienen. In Japan war es schon ein rasanter Erfolg: Schnell waren 500.000 Exemplare verkauft.

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima, März 2011, hatte Kohei Saito auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das überdeutlich im Raum stand, wie ein Elefant im Raum. Wie kommt es, so fragte er sich – damals 24 Jahre alt, Student der Philosophie in Berlin – wie kommt es, dass kaum jemand auf die direkte Verbindung zwischen den immer brutaler zutage tretenden Problemen der Ökologie – Klimawandel, rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen, Ozeane voller Müll – und der Ursache dieser Erscheinungen, nämlich dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, hinweist?

In Berlin war Kohei Saito auf die Aufzeichnungen, Notizen, Briefe, Entwürfe etc. von Karl Marx gestoßen, war tief eingetaucht in die Forschung. Er arbeitet mit im Herausgebergremium der großen Marx-Engels-Gesamtausgabe.

Kohei Saito geht im Buch „Systemsturz“ immer wieder darauf ein, dass der spätere Karl Marx nichts zu tun hat mit dem gescheiterten kommunistischen System der Sowjetunion. Karl Marx hat im Laufe seines Lebens gravierende Änderungen an seinen Theorien erlebt. Während er etwa ursprünglich dachte, der Kapitalismus, der „Produktivismus“, müsse sich austoben, um dann zum Kommunismus zu führen, hat er von der Idee des Austobens des Kapitalismus später Abstand genommen. Vor allem die späten Lebensjahre von Karl Marx zeigen Saito, dass Karl Marx sich immer mehr Gedanken machte über den Riss zwischen Mensch und Natur. Man muss beim Lesen dieses Buches die Offenheit mitbringen, diesen „ökologischeren“ Karl Marx anzuerkennen. Der Gedanke an Karl Marx, der sich durch das Buch zieht, stört fast ein wenig, man denkt ja an den Kommunismus der Sowjetunion. Doch davon muss man sich lösen, dann sieht man: Im Ergebnis wird Kohei Saito recht haben: Der Kapitalismus mit seinem Grundgedanken des ewigen Wachstums wird unweigerlich dazu führen, dass die Natur immer weiter ausgebeutet wird.

Auch ein „ökologischer Kapitalismus“ oder „ökologischer Keynesianismus“ würde daran nichts ändern. „Greenwashing“ als Schönrednerei ohnehin nicht. Und dann gibt es noch Überlegungen zur „Abschwächung“ des Wachstums im Kapitalismus: Selbst dieser „Degrowth im Kapitalismus“ würde aber letztlich nach Kohei Saito nichts ändern. Kohei Saito legt vielmehr dar, dass das kapitalistisches System ganz grundsätzlich verlassen werden muss! Als einzig denkbare Lösung! Durch „Degrowth im Kommunismus“. Nicht aber im Sinne des bisher bekannten kommunistischen Systems, das immer diktatorisch ist und war. Sondern im Sinne gemeinsamer Verantwortung.

Kohei Saito weiß sehr wohl, dass wir wahrscheinlich nicht imstande sind, das kapitalistische System aufzugeben. Seine Idee ist zu „global“. Was er aber empfiehlt: Lokal beginnen, im kleinen beginnen, Netzwerke schaffen. Er bringt Beispiele, die in diese Richtung gehen. Er nennt ein sogenanntes „Netzwerk der Fearless Cities“, dem mittlerweile 77 Städte weltweit beigetreten sind, auch in Afrika, Südamerika und Asien. In Europa verweist er auf Amsterdam, Paris und vor allem Barcelona. Kleine Selbstverwaltungen vor allem, um das System kapitalistische Ausbeutung abwerfen zu können. Durch die gemeinsame Verwaltung und Verantwortung für sogenannte „commons“, also Güter, die jedem Menschen unbegrenzt zur Verfügung stehen sollten.

Wie gesagt: Der Blick darf sich nicht weiter nur auf den „Marktwert“ eines Produktes richten. Für den Marktwert ist der gesellschaftliche Nutzen eines Produktes völlig unwichtig. Hauptsache „Marktwert“. Entscheidend sei der „Gebrauchswert“, der den gesellschaftlichen Nutzen widerspiegelt. Dieser Gebrauchswert muss in den Mittelpunkt rücken. Nur so können auch die Natur vor endlose Ausbeutung geschützt werden.

Das Buch „Systemsturz“ liest sich nicht immer schön, man braucht Geduld, auch Zeit, man stolpert manchmal gedanklich kurz wegen Ungenauigkeiten, es setzt sich aber in vielen vielen Details mit einer ganz entscheidenden Frage auseinander: Können wir mit dem Kapitalismus so weitermachen? NEIN, ist Kohei Saitos Meinung – die ich gut verstehe.

HIER eine Besprechung des Buches auf SWR.

Auch die Volkshochschule München kümmert sich übrigens momentan um dieses Thema: Veranstaltungen am 13.11. (HIER) und am 01. 12. (HIER) über die Gedanken „Wirtschaft ohne Wachstum“ und „Degrowth“. Vielleicht wächst die Idee, das Interesse an solchen Überlegungen und Initiativen. Kohei Saitos Gedankenspiel ist jedenfalls wahrscheinlich richtig, aber unglaublich radikal. Er selbst sieht aber – wie gesagt – in globalen Netzwerken der kleinen entstehenden Anstrengungen eine Chance.

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THEATER: Annette Paulmann – Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst

Es erinnerte ein wenig an ein Stück, das viele Jahre lang fast ein Klassiker der Münchner Kammerspiele war: „Susn“ von Herbert Achternbusch. Auch „Susn“ wurde bis vor wenigen Jahren immer auf der kleinsten Bühne der Münchner Kammerspiele gespielt, dem „Werkraum“ im dritten Stock über dem Restaurant Conviva im Blauen Haus. Jetzt also „5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“.

„5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“ ist ein Abend allein von und für Annette Paulmann, sie ist die Regisseurin und die einzige Darstellerin. Schön, sie, die seit vielen vielen Jahren Mitglied des Ensembles der Kammerspiele ist, so in aller Vertrautheit der kleinen Bühne des Werkraum erleben zu können. „Susn“ war ja ein Stück für zwei Personen, aber auch dort war man erfreut, dass man die beiden damals so bekannten Gesichter der Kammerspiele Brigitte Hobmeier und Edmund Telgenkemper so nah brillieren sehen konnte. Wie jetzt im Falle von Annette Paulmann!

Es reicht/reichte in beiden Fällen eine schlichte Bühnenausstattung. Tisch, Stuhl, jetzt ein Bett, wenige Alltagsgegenstände. Beide Produktionen zeichnen sich durch eine große Schlichtheit und Klarheit in der Darstellung aus. Auch durch große Sachlichkeit. Kein Tamtam, es ist/war in beiden Fällen eine Erzählung. Die Erzählung eines Frauenschicksals jeweils. In beiden Stücken geht es dabei um alle Altersstufen dieser Frauen. In „ 5-6 Semmeln und eine kalte Wurst“ geht es um Lena Christ, die ihr recht kurzes Leben in ihrem Buch „Erinnerungen einer Überflüssigen“ erzählte. Annette Paulmann erzählt aus diesem tragischen Leben.

Natürlich kann man sich aktuell sagen: „Die Welt gerät völlig aus der Fugen und ich schaue mir das Schicksal einer einzelnen Person an! Passt das?“ Die Frage scheint berechtigt. Andererseits: Die Welt geriet schon oft aus den Fugen, stand am Abgrund, und trotzdem bleibt immer auch der Blick auf das Einzelschicksal. Gerade in Literatur und Theater. Das Leben ist klein, die Welt ist groß, die Welt kann offenbar nicht kontrolliert werden.

Ein Einschub aus aktuellem Anlass: Meine Idee wäre ja, dass Israel – bevor man mit Bodentruppen in Palästina eindringt – einen Grenzzugang zu Palästina öffnet und all die fürchterlich betroffenen, leidenden Menschen – vor allem alle Frauen und Kinder – in einen abgegrenzten Bereich auf israelischem Boden ausreisen lässt. Ein abgegrenzter Bereich natürlich, damit sich nicht Terroristen in Israel einschleusen. Und dieser abgegrenzte Bereich kann auch humanitär gut versorgt werden. Und Israel würde damit Menschlichkeit zeigen!

Lena Christ hatte eine fürchterliche Kindheit und Jugend. Sie wurde vor allem von ihrer Mutter, die in München lebte und dort eine Gastwirtschaft führte, permanent grausam geschlagen, erniedrigt. Die ersten sieben Jahre von Lena Christ, die sie in Glonn bei ihrer Großmutter verbrachte, waren noch glücklich, dann wurde sie von ihrer Mutter nach München geholt, um in der Gastwirtschaft zu helfen.

Annette Paulmann verwebt die Erzählung des Lebens von Lena Christ mit Erzählungen über das Leben einer anderen Frau. Nicht ganz klar bleibt dabei, ob es sich hier um Annette Paulmann autobiographisch oder um eine andere Person handelt. Prägend für den Abend bleibt ohnehin die Erzählung des Lebens von Lena Christ. Man folgt der Geschichte und kann sich nur denken: „Wie kann eine Mutter nur so brutal, so missachtend und seelenlos mit ihrer eigenen Tochter umgehen?“ Das wiederum ist allerdings eine Frage, die an diesem Abend nicht gelöst wird. Der Abend erzählt die Gegebenheiten, er forscht nicht weiter nach, er stellt keine Fragen in den Raum und keine Antworten. Annette Paulmann zeigt bei all diesen düsteren Erzählungen und düsterem Ausdruck sogar immer wieder auch geradezu ein leicht verschmitztes Lächeln – vielleicht dem Tonfall im Buch von Lena Christ folgend.

Das lässt mich aber ein wenig ratlos zurück. Auch das Ende der Erzählung, wonach die Mutter zur Tochter sagt: „Und? Hat es Dir geschadet?“, bleibt in der Luft hängen. Was für eine Frage! Lena Christ hat sich im Juni 1920 letztendlich im Alter von 39 Jahren das Leben genommen, verarmt, heruntergekommen. Es hat also durchaus geschadet! Annette Paulmann wiederum tanzt kurz vor dem Ende des Abends ausgelassen über die Bühne. Wie nach dem Motto: Das Leben hat letztendlich schöne Seiten! Schöne Seiten sieht man an diesem Abend aber nicht. Auch wenn mehrfach deutlich wird, dass die Tochter trotz allem nie von ihrer Liebe zur eigenen Mutter loslassen kann. Man sieht aber jedenfalls endlich einmal Annette Paulmann näher!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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MUSIK: Hubert von Goisern & Zabine – Da Juchitzer

Er ist ja irgendwie ein bemerkenswerter Künstler. Der Österreicher Hubert von Goisern. Geboren in Goisern mit Namen Hubert Achleitner. Die Website von Hubert von Goisern ist HIER. Auch seine Biografie kann man hier finden. Viel gereist, immer interessante Aktivitäten. Und 2023 war er wieder auf Tour.

Ich hatte schon vor Jahren hier im Blog seinen Song „Weit weit weg“ gebracht. HIER. Gesungen war der Song mit seiner musikalischen Partnerin Zabine. Hier nun „Da Juchitzer“!

Es gibt einige Versionen vom Da Juchitzer. Die vielleicht beste Version: Aus dem Live-Doppelalbum „Wia die Zeit vergeht“, Mitschnitt eines Konzerts von 1994 im Circus Krone in München. Es war das letzte Konzert seiner damaligen Band „Die Alpinkatzen“.

Und eine Version aus 2022, „Lieder auf Banz“.

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THEATER: Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein

Ich kannte ihn nicht und habe ihn noch nicht gelesen. Sasha Marianna Salzmanns Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Eigentlich ist es immer schön, einen Roman gelesen zu haben, wenn man im Theater seine Bühnenadaptation sieht. Ich werde ihn nachträglich lesen und das Theaterstück noch einmal ansehen, vielleicht dann noch einmal darüber schreiben. Erst dann hat man doch die Chance, die Umsetzung des Romans auf der Theaterbühne genauer zu erkennen, dann erkennt man die Arbeit des Regisseurs, des Ensembles, des Teams.

HIER aber schon einmal eine sehr informative Besprechung des 2021 erschienenen Romans aus dem Literaturclub des schweizerischen SRG (Zürich), ein gelungener Einstieg in das Buch und das Thema, vor allem zu Beginn der Besprechung, durch die Moderatorin Nicola Steiner.

Man hört immer, es gehe hier um „das Verhältnis der Töchter zu ihren Müttern (und umgekehrt) in Umbruchszeiten“. Im Roman – und entsprechend in der Inszenierung – laufen in der Tat verschiedene Zeitepochen ab. Die Zeiten vor dem Zusammenbruch des Kommunismus bis hinein zur Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Natürlich wissen die jüngeren Generationen überhaupt nicht, wie das Leben der älteren Generation VOR dem Umbruch war und wie sich diese, als sie den Umbruch miterlebten, gefühlt hatten. Weiß ich denn, wie sich meine Eltern während des Zweiten Weltkrieges und in den vielen Jahren danach gefühlt haben? Wie sie ihr Leben empfanden, wie sie die riesigen Umbrüche der Zeiten VOR, IM und NACH dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatten? Man weiß es ja im Grunde nie. Ich würde das Thema des fehlenden Verständnisses der Generationen nicht einmal auf Umbruchszeiten begrenzen. Dennoch, das ist das Thema bei Sasha Marianna Salzmann.

Auch Sasha Marianna Salzmann, die Autorin des Romans, kannte ich noch nicht. Sie war Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin und leitete dort von 2013 bis 2015 die Studiobühne. Der Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist ihr zweiter Roman, er stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021. Ihr erste Roman stand sogar auf der Shortlist.

Der Roman wurde sogar schon mehrfach auf die Bühne gebracht. Etwa in Hamburg beim Thalia Theater (dort noch zu sehen am 28. Oktober und am 01. Dezember, HIER der Link zur Stückeseite beim Thalia-Theater mit Trailer) oder in Magdeburg und Nürnberg.

Der Roman hat starke autobiografische Züge. Marianna Salzmann wuchs in Moskau auf. Im Alter von zehn Jahren emigrierte sie (1995) mit ihrer Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland.

Zur Inszenierung des Romans an den Münchner Kammerspielen:

Jan Bosse, Regisseur des Stückes, experimentiert wieder nicht viel herum, er bringt gerne „klassische“ Ensemblearbeiten auf die Bühne, meist eng angelehnt an die Buchvorlage. So war es bei seiner Inszenierung „Effingers“ vor zwei Jahren und so ist es sicher auch hier. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Personen, sehr getreu gehalten an der Buchvorlage, rein realistisch, fast dokumentarisch. Man folgt in diesem sehr realistischen „Rahmen“ über etwas mehr als drei Stunden in mehreren Zeitsprüngen vor und zurück den Personen. Mütter, Töchter, ihre Männer. Im Zentrum steht Lena, wie immer überzeugend gespielt von Wiebke Puls. sie wächst im Kommunismus in der Ukraine auf und lebt später nach der Wende in Deutschland. Wiebke Puls spielt dementsprechend in Zeitsprüngen, mal als Jugendliche, meist als 50-jährige oder bis dahin. Sie war ausgebildet als Ärztin, in ihrem neuen Leben im Westen arbeitet sie als Krankenschwester. Auch schon ein Thema für sich!

„Mittelpunkt“ kann man andererseits kaum sagen. Das ist vielleicht ein Kennzeichen des Abends: Man folgt der Gruppe der Menschen, wie sie in dieser Zeitspanne miteinander umgeht. Man folgt nicht besonders einer dieser Personen! Man könnte auch sagen: Gerade die beiden Personen, die im Stück so gut wie NICHTS sagen, alles auf der Bühne nur stumm beobachten, stehen irgendwie im Mittelpunkt: Die Großmutter (Lisa-Katrina Mayer) und die Enkelin (Maren Solty).

Mein Eindruck: Es ist ein „bunter“ Abend, bei dem der Kern des Themas alles bestimmen soll, aber fast etwas untergeht. Das mag am Roman liegen. Es blieb ein bisschen das Gefühl, dass zwar die Geschichte des Buches erzählt wird, aber das Thema nicht greifbar genug verdeutlicht wird, es nicht präzise genug angepackt wird. Muss es auch nicht, so ist vielleicht auch das Buch, und so ist es an diesem Abend eben eine sehr personenbezogene Erzählung über das Leben der Personen dreier Generationen, der Frauen vor allem, auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Eine ähnliche Herangehensweise hat Julian Bosse ja auch schon bei seinem letzten Stück an den Münchner Kammerspielen den Effingers, gewählt.

Auffallend insoweit allenfalls: Die Ankündigung des Stückes auf der Website der Münchner Kammerspiele (HIER der Link zur Stückeseite), die meines Erachtens manches nicht richtig trifft: Zwar spielt etwa das Ensemble für kurze Zeit an Instrumenten, ich würde es aber deswegen nicht gleich so nennen, wie man es auf der Website der Kammerspiele liest:„Eine musikalische Theaterzeitreise mit dem Ensemble als Liveband.“ Auch eine weitere Aussage trifft es meines Erachtens nicht ganz: „Das Stück führt uns ins Herz der Umbruchzeit und weiter zu der Frage, ob wir heute nicht wieder eine Zeitenwende erleben.“ Und ähnliches, was m. E. den Punkt nicht ganz trifft.

Es bleibt aber eine schöne Ensemblearbeit, ein eher herkömmliches Theatererlebnis, das Buch sollte man vielleicht dazu lesen. Es tut auch immer gut, die Schauspielerinnen und Schauspieler der Kammerspiele zu erleben! Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, oft wunderbar! Auch andere. Theater brauchen Identifikationsfiguren!

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

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THEATER: Marco Layera und La Re-sentida – „La posibilidad de la ternura“, Die Möglichkeit von Zärtlichkeit

Heute, Samstag, den 30. September, morgen, Sonntag, den 1. Oktober, und Dienstag, den 3. Oktober, ist er noch zu sehen an den Münchner Kammerspielen. Ein begeistert aufgenommener Abend des in Chile sehr bekannten Regisseurs Marco Layera, den er zusammen mit sieben jungen Menschen zusammen gestaltet hat.

Es ist eine Folgeinszenierung des Regisseurs nach seinem vor fast drei Jahren ebenfalls sehr erfolgreichen Stück über das Schicksal von Mädchen und Frauen. Thema war damals das chilenische Abtreibungsverbot. Hier in München – es gab auch Aufführungen im September auf der Ruhrtriennale – geht es nun um das Schicksal von Jungs im Alter von 13-18 Jahren.

Es gibt sicherlich speziell den chilenischen Hintergrund, der noch patriarchalischer/machohafter ist als unser europäischer Hintergrund. Dennoch: Das Stück betrifft unsere westliche Welt insgesamt! Die Sicht sieben junger, für ihr Alter sehr gut spielender chilenischer Jungs, die mit diesem immer authentisch wirkenden Abend versuchen, aus der ihnen aufgezwungenen Welt der Männlichkeit auszubrechen. Immer wieder schildern Sie – vor allem im ersten Teil des Abends – die Tatsache, dass ihnen (besser: Jungs insgesamt) von Geburt an anerzogen wird, männlich zu sein, keine Gefühle zu zeigen, nicht zu weinen, sich durchzusetzen, zu gewinnen, nicht zu lange kindlich zu sein, mit Waffen umzugehen, Plastikwaffen, die immer schwerer werden, und und und, das ist die männliche Welt.

Sie, die hier so sympathischen sieben Jungs, die nach einem langen Casting in Chile zusammenkamen, setzen in diesem Stück dieser Welt ein Ende. Ein märchenhafter, auch revolutionär gedachter, aber sehr schöner und meines Erachtens wertvoller Gedanke, der hier aufgegriffen wird. Es ist unter anderem auch ein tief berechtigter Gedanke gegen die Zerstörung der Umwelt. Überzeugend ist der Abend vor allem auch deswegen, weil es ein Abend von so jungen Menschen ist, die insgesamt so authentisch sind. Sie wollen Schluss machen mit ihrer männlichen Welt, die Ihnen anerzogen worden ist. Es geht auch anders, es hat viel mit Respekt zu tun, der offenbar in Chile schon am Schulhof oft fehlt, so ihre Darstellung. Oder: Wenn die Mutter mit dem Schüler zum Rektor muss, weil der Schüler lange Haare trägt. Oder: Wenn sexuell von der Norm abweichende Orientierungen auf die unnachgiebige „männliche“ Welt treffen.

Das Stück bringt das Thema der so tief in uns sitzenden Männlichkeit unserer Gesellschaft in einer Art und Weise auf die Bühne, die an Milo Rau denken lässt. Sehr direkt, in deutlicher Ansprache des Publikums, einseitig, dokumentarisch erzählend, weniger künstlerisch gestaltend, genau auf das jeweilige Thema zugespitzt, fast provozierend – das sind die bekannten Methoden des Milo Rau. Der Abend von Marco Layera ist in dieser Hinsicht professionell gemacht, ähnlich Milo Rau, es ist aber nicht nur die Art und Weise der Herangehensweise, die an Milo Rau denken lässt. Die Jungs, die Szenen, die Musik, es passte gut. Ein gelungener Abend, der am Ende mit Standing Ovations in der Therese-Giese-Halle hinter dem Schauspielhaus gefeiert wurde.

Milo Rau wird ja kritisiert und gefeiert für seine vielleicht oft zu messianische Herangehensweise an seine Themen. Er sagt ja: „Wir leben nicht in einer Zeit des zivilen Gehorsams, sondern des zivilen Ungehorsam“ und er bringt das allein schon durch die Auswahl seiner Themen oft zum Ausdruck. Es gibt gerade ein neues Buch von Milo Rau, in dem er anscheinend überaus deutlich seine Sicht der Dinge klarstellt: HIER eine sehr begeisterte Besprechung des Buches – das Buch mit dem Titel „Die Rückeroberung der Zukunft“, basierend auf der Poetikvorlesung „Warum Kunst?“, die Milo Rau im November 2022 im Literaturhaus und im Kunsthaus Zürich hielt. 

Viel kritischer ist dagegen die Besprechung des Buches in der Süddeutschen Zeitung (Peter Laudenbach) vom 27. September HIER, die online leider nicht ohne speziellen Abo-Zugang zur Verfügung steht. Peter Laudenbach wirft Milo Rau in gewisser Weise Schwarz/Weißmalerei vor, die nicht weiterhelfe, sondern gute Diskussionskultur fast zerstöre. Natürlich kann, wer will, auch den Abend von Marco Layera ein wenig in diese Ecke schieben. Der Abend ist allerdings nicht vorwurfsvoll, sondern er reißt romantisch oder revolutionär die „männliche“ Mauer (die in Chile wohl noch mehr besteht) ein, einer der Jungs entschuldigt sich dafür geradezu am Ende!

HIER eine Besprechung des Buches von Milo Rau aus der ZEIT online. Ich hoffe, ich kann das Buch auch noch lesen.

Wie gesagt, der Abend an den Münchner Kammerspielen geht in die Richtung von Milo Rau, sehr gut gestaltet, sehr gut gespielt, fast dokumentarisch, etwas romantisch, aber sehenswert.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier die klasse Jungs:

Copyright der Fotos: La re-sentida

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TANZ: Nederlands Dans Theater

Gestern also live online „In/with/in“ des Nederlands Dans Theater (NDT) in Den Haag. Vom ersten Teil (Choreografie von Marco Goecke) hatte ich noch keine Aufnahmen gemacht, von Teil zwei (Choreografie von Imre van Opstal & Marne van Opstal) und Teil drei (Choreografie von Tao Ye) habe ich schließlich Screenshots gemacht.


Es war tänzerisch und choreografisch – aber auch vor allem in Hinblick auf die Belichtung und die Kostümierung! – beeindruckend.

Teil eins:

Marco Goeckes Choreografie war am ehesten beunruhigend. Marco Goecke arbeitet immer wieder mit durchgehend völlig zerhackten, schnellen Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen, die oft in deutlichem Kontrast zur Musik (etwa dem „runden“ und ruhigen, fast melancholischen Song „Try to remember“ von Harry Belafonte – HIER) stehen. Schwierig. Es war eine – auch durch die schwarze Kostümierung und dunkle Bühne – recht martialisch wirkende Performance.

Teil zwei:

Hier ein paar Impressionen:

Teil drei:

Auch hier ein paar Impressionen:

Es gab zurecht begeisterten Applaus, Standing Ovations, für das hochklassige Ensemble des NDT und für die dreiteilige Darbietung des Abends, vor allem für Teil zwei und Teil drei!

HIER der Link zur Website des NDT mit vielen Informationen und dem weiteren Spielplan.

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TANZ: Nederlands Dans Theater

Ein Tipp für morgen, Freitag, den 22. September, oder übermorgen, Samstag, den 23. September: Schon mehrfach habe ich Online-Streamings des interessanten Nederlands Dans Theater (NDT) hier im Blog angekündigt. Es ist wieder soweit, morgen und übermorgen gibt es ein Online-Streaming der aktuellen Premiere „In/with/in“ zu sehen. Zeitgenössischer Tanz at its best!

Zum NDT heißt es allgemein:

Nederlands Dans Theater (NDT) is an internationally recognized contemporary dance company dedicated to creation, research, and talent development. Each season NDT collaborates with upcoming and renowned choreographers and artists from around the world in its commitment to being a creation house for diverse voices, ideas and approaches in dance. The company consists of NDT 1 and NDT 2 (for talented emerging artists) and is based in The Hague, the Netherlands. It tours worldwide to perform in Europe, America, Asia and Australia for 150,000 visitors annually, connecting to a large range of audiences and communities in the Netherlands and all over the world.

HIER der Link, über den man speziell die Tickets für das Online-Streaming des NDT von In/with/in kaufen kann.

Der erste Teil des Abends wird vom bekannten Choreografen Marco Goecke verantwortet, der ja im vergangenen Jahr in Hannover im Rahmen der sogenannten „Hundekotaffäre“ entlassen wurde. In diesem Teil kommt übrigens das Lied „Try To Remember“ von Harry Belafonte zum Einsatz. Auch das habe ich bereits im Blog gebracht. Hier ein Trailer zum ersten Teil:

Der zweite, mittlere Teil des Abends („Triptychon“) stammt vom Choreografen-Duo „Imre van Opstal & Marne van Opstal“. Hier ein Trailer:


Der dritte Teil des Abends ist choreografiert von Tao Ye, neu am NDT. Hier der Trailer:

Auf der Website des NDT kann man auch das Programmheft mit weiteren Videos online einsehen. HIER.

Ich jedenfalls mag zeitgenössischen Tanz. Bin gespannt.

Copyright des Beitragsbildes: Sacha Grootjans

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THEATER DER ZEIT – Ausgabe September

Es gibt wieder einen guten Überblick über die kommende Spielzeit 2023/2024 der deutschsprachigen Theater: In der September-Ausgabe der Zeitschrift „Theater der Zeit“ veröffentlichen sehr viele deutschsprachige große und kleine Theater eine Anzeige mit Hinweis auf deren kommende Premieren.

Es ist insgesamt der Teil 2 der Ankündigungen, in der August-Ausgabe von THEATER DER ZEIT (einem Arbeitsheft für Johann Simons) waren bereits viele viele andere deutschsprachige Theater mit einem Hinweis auf deren kommende Premieren vertreten. Darüber hatte ich HIER kurz geschrieben.

Die Zeitschrift THEATER DER ZEIT lässt sich auch online lesen, allerdings ohne die Anzeigen. HIER der link.

In der September-Ausgabe von THEATER DER ZEIT weisen nun folgende Theater auf die kommenden Premieren hin:

  • Münchner Kammerspiele
  • Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Theater Basel
  • Schauspiel Stuttgart
  • Berliner Ensemble
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Ich hoffe, ich habe jetzt nicht etwas übersehen. Die September-Ausgabe von THEATER DER ZEIT enthält darüber hinaus zum Einen weitere Anzeigen über Theaterfestivals und Sonderveranstaltungen und zum Anderen interessante Beiträge. Der Vielfalt der Beiträge – Titelbild: Der Theatermacher Romeo Castelluci – kann ich nur durch die folgenden zwei Kopien des Inhaltsverzeichnisses der September-Ausgabe gerecht werden:

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Allgemein Sonstiges

KINOFILM: Celine Song – Past Lives

Meine Eindrücke zu dem seit wenigen Tagen in deutschen Kinos laufenden Film „Past Lives“ der Südkoreanerin Celine Song, der fast durchgehend gelobt wird. In Deutschland wurde der Film im Februar 2023 im Rahmen der Berlinale vorgestellt. Der Film konkurrierte um den Goldenen Bären, blieb aber zur Überraschung vieler ungekrönt.

Es ist der eindrucksvolle Debütfilm der Südkoreanerin Celine Song. Hier ein Foto von Celine Song:

Der Film „Past Lives“ soll sehr autobiografisch sein, umso überzeugender und tiefgründiger ist er natürlich geworden. Die Autorin (auch Celine Song) hat wohl fast Identisches erlebt. Es ist ein ruhiger Film, getragen von langen schönen Bildern, langsamen sehr stilvollen Kameraschwenks, langen Blicken auf die beiden Hauptpersonen des Films, die im Film Na-young – sie nennt sich später Nora – und Hae-sung heißen. Dieser Film kann nur ruhig sein: Nur so spürt man die Tiefe des Films. Aktionen spielen in diesem Film keine Rolle.

Es geht um den Besuch des 36-jährigen Koreaners Haw-sung bei seiner koreanischen Klassenkameradin und damals ersten Liebe Na-young (beide waren damals 12 Jahre alt) in New York. Sie haben sich 24 Jahre lang nicht gesehen. Nach zehn Jahren (beide waren 22 Jahre alt) hatten sie zumindest eine Zeit lang online Kontakt über Skype. Der Kontakt endete aber wieder, sie hätten sich beide viel zu sehr um völlig entfernte Leben gekümmert, sie mussten sich ja um ihr Leben vor Ort kümmern. Haw-sung lebte noch in Südkorea, Na-young/Nora lebte seit ihrem zwölften Lebensjahr wegen eines Umzugs ihrer Eltern in Kanada. Haw-sung aber wollte Na-young immer schon einmal wieder sehen, sie wirklich sehen, nicht nur über Skype. Das ist eben doch etwas anderes!

Das Schöne ist, sie können ihre Eindrücke des Wiedersehens dann selber kaum in Worte fassen. Worte würden hier im Grunde auch nur die Atmosphäre stören, geradezu zerstören. Es gibt im Grunde ganz wenige längere Szenen, in denen beide über ihre Situation reden, ein Abend in einer Bar vor allem, neben ihnen sitzt der Ehemann von Na-young/Nora und versteht nichts, weil die beiden sich koreanisch miteinander unterhalten. Und immer wieder die zaghafte Beobachtung der Personen durch die Kameraführung, die schönen Einstellungen, die langsamen Bilder, die stilvolle Umgebung, er (Teo Loo) ein überzeugender Schauspieler, sie (Greta Lee) mindestens genauso. Beide kommen sich auch nicht besonders nahe, auch das ist nicht nötig für diesen Film.

Was habe ich gemerkt in dem Film: Jeder baut in seinem Leben einfach ein bestimmtes Leben auf, eine andere Chance hat er/sie nicht! Na-young/Nora baute es sich eben in Kanada und New York auf. Auch wenn er/sie merkt, dass er/sie vielleicht in jungen Jahren (als sie zum Beispiel zwölf Jahre alt waren) sogar glücklicher waren: Das Leben läuft nicht so, dass sie bei diesem frühen Glück hätten bleiben können. Dass es dennoch in diesem Fall bei einer besonderen Beziehung beider zueinander blieb, merkt man. Sie fühlen sich auf jeden Fall voneinander angezogen, trotz ihrer mittlerweile völlig unterschiedlich entwickelten Leben, sie merken wahrscheinlich, dass sie etwas Besonderes erleben. Das wiederum liegt nach dem Titel „Past Lives“ vielleicht daran, dass sich beide schon in einem früheren Leben nahe waren!

Ich fand den Film jedenfalls absolut sehenswert, in seiner gesamten Darstellung dieser Situation sehr gut! Es betrifft ja jeden von uns.

HIER der Trailer.

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Allgemein

THEATER DER ZEIT: Johan Simons – Dialog mit dem Tod

Auch dieses Jahr gibt es von der Zeitschrift „Theater der Zeit“ wieder eine Ausgabe, in der die Premieren sehr vieler deutschsprachiger – nicht nur der „großen“ – Theaterhäuser in Anzeigen angekündigt werden. Die Ankündigung der kommenden Premieren ist, soweit ich höre, in zwei Ausgaben der Zeitschrift „Theater der Zeit“ aufgeteilt.

Die erste Ausgabe, in der man Ankündigungen von kommenden Premieren sieht, ist das diesjährige Arbeitsbuch des Verlages. HIER der Link zur Produktseite des „Arbeitsbuches“. HIER der allgemeine Link zur Verlagsseite, auf der viele theaterbezogene Inhalte zu finden sind.

Die Texte des Arbeitsbuches können online gelesen werden! Es ist ein Arbeitsbuch über (und für) Johan Simons, herausgegeben von Susanne Winnacker. Zunächst zu den Premierenankündigungen (1.), dann noch zum Inhalt des Arbeitsbuches (2.).

  1. Ankündigungen von Premieren: Zu finden sind Ankündigungen aus folgenden Theaterhäusern:
  • Theater Bonn
  • Schauspiel Köln
  • Kampnagel
  • Badische Landesbühne
  • Theater Biel, Solothurn
  • Theater Plauen, Zwickau
  • Theater Eisleben
  • Theater Senftenberg
  • Nationaltheater Weimar
  • Theater der jungen Welt Leipzig
  • Schauspiel Essen
  • Theater Konstanz
  • Theater Gütersloh
  • Tiroler Volksschauspiel
  • Theater Naumburg
  • Theater Bielefeld
  • Landestheater Detmold
  • Landesbühne Niedersachsen Nord
  • Theater Paderborn
  • Uckermärkische Bühnen Schwedt
  • Puppentheater Magdeburg
  • Bühnen Bern – Schauspiel
  • Volkstheater Rostock
  • Schauspielhaus Bochum

Zusätzlich sind Festivals angekündigt:

  • Mülheimer Theatertage
  • Impulstanz (bereits vorbei)
  • Zürcher Theaterspektakel
  • Ruhrtriennale (hat begonnen)
  • Internationales Sommer Festival Kampnagel
  • Kunstfest Weimar

Termine von ersten Premieren finden sich online auf der Website des Verlages Theater der Zeit: HIER der Link.

2. Zum Inhalt des Arbeitsbuches für Johan Simons:

Man braucht Zeit, um die sehr ausladenden Texte über Johan Simons und seine Arbeit zu lesen. Noch dazu sind sie in diesem Arbeitsbuch sehr klein und in großen Textblöcken geschrieben. Und noch dazu sind sie teilweise recht kompliziert geschrieben. Das wiederum liegt vielleicht daran, dass jeweils sehr genau auf die Gegenstände, über die geschrieben wird, eingegangen wird. Die Texte haben insgesamt eher Buchqualität. Es bedarf große Konzentration. Man hätte durchaus daraus ein Buch über Johan Simons machen können.

Auf Einzelheiten der Texte kann ich hier nicht eingehen. Ich lese immer noch. Immer wieder kommt man auf die Arbeitsweise von Johan Simons zurück. Die Stille, die Ruhe, das Zusehen, das braucht er. Daraus erwächst in ihm wohl das tiefe Gespür dafür, was er will und was ihm fehlt, worum es ihm geht. Auch Johan Simons hat einen Text beigetragen. Außerdem Sandra Hüller, Jens Harzer, Stefan Hunstein, Elsie de Brauw (die Lebensgefährtin von Johan Simons), Susanne Winnacker (stellvertretende Intendantin des Schauspielhauses Bochum) und und und. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist Johan Simons bekanntlich Intendant des Schauspielhauses Bochum.


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Allgemein

MUSIK: Keith Jarrett – The Köln Concert

In meiner Musikauswahl muss natürlich auch einmal „The Köln Concert“ von Keith Jarrett erscheinen! Wer kennt die Aufnahme nicht, vor allem den ersten Teil. Hier ist die Originalversion, damals als LP bekannt. Die Aufnahme war lange Zeit auf YouTube nicht zu finden, jetzt habe ich sie gefunden!

Erst zu Keith Jarrett (1.), dann unten noch zu Trajal Harrell (2.):

1. Zu Keith Jarrett:

So sah er damals aus (Kölner Konzert und Foto sind von 1975):

Photographer uncredited and unknown.

Wikipedia schreibt allgemein zu Keith Jarretts Köln Concert:

Keith Jarrett … hat vor allem durch seine frühen Solo-Konzerte maßgeblich die Vorstellung vieler Menschen von zeitgenössischer Improvisation beeinflusst. … Die Platte mit ihrem markanten weißen Cover war in vielen Haushalten zu sehen und „zierte die Plattenschränke jener Zeit wie die Poster von Che Guevara in Studentenbuden ein Jahrzehnt zuvor.“ [2] Sie ist nach wie vor Jarretts bekannteste Plattenaufnahme.

Und die schöne Geschichte zu den schwierigen Umständen des Kölner Konzerts am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper:

Die Einspielung des Köln Concert fand unter extrem widrigen Umständen statt. Der Musiker hatte die Nacht zuvor fast nicht geschlafen, da er seit dem frühen Morgen mit seinem Produzenten Manfred Eicher im klapprigen R4 von einem Konzert in der Schweiz angereist war. Der eigentlich ausgesuchte Bösendorfer-290-Imperial-Konzertflügel war verwechselt worden, es stand ein Bösendorfer-Stutzflügel bereit, der nur für die Probenarbeit verwendet wurde, verstimmt war und bei dem die Pedale und einige Tasten klemmten. Sein Essen vor dem Konzert kam erst eine Viertelstunde vor der Rückkehr ins Opernhaus. 

Nur auf ausdrückliche Bitten der lokalen achtzehnjährigen Veranstalterin Vera Brandes war Jarrett bereit, doch aufzutreten.[4][5] Brandes konnte zwar in letzter Minute einen hochwertigen Flügel einer benachbarten Musikschule akquirieren, dieser hätte jedoch durch den notwendigen Transport bei niedrigen Temperaturen im Regen über den Neumarkt arg gelitten, so dass letztlich doch der Stutzflügel zum Einsatz kam.[6] Das Team hatte die Live-Aufnahme bereits streichen wollen, als sich die Tontechniker darauf einigten, das mit rund 1400 Zuhörern ausverkaufte Kölner Konzert schließlich doch für interne Zwecke mitzuschneiden: Keith Jarrett passte das musikalische Geschehen dem Instrument an und beschränkte sich weitgehend auf die mittleren und tiefen Tonlagen, wobei er wiederholende Muster bevorzugte.

HIER erzählt Keith Jarrett Jahre später über die Schwierigkeiten in Köln.

Zu Improvisationen und Solokonzerten sagt er:

„Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann.“


2. Zu Trajal Harrell:

Manche kenne ihn aus Münchner Zeiten in den Kammerspielen in der Zeit von Matthias Lilienthal. Er macht sehr schöne Tanzproduktionen mit Musik. Immer wieder liest man positiv über seine Produktion „The Köln Concert“, die schon 2020 Uraufführung hatte. Es ist eine Produktion, die am Schauspielhaus Zürich entstand. HIER der Link. Und HIER die schöne Besprechung der Produktion auf nachtkritik.de. Er hat mit dieser Produktion heute noch Gastspielaufführungen, zuletzt am 02.08.2023 auf dem „Vienna International Dance Festival“ „ImpulsTanz“.

Trajal Harrell ist Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich und leitet eine Tanzkompanie, das „Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble“. Mit diesem hat er auch The Köln Concert produziert. Er mischt ja immer Tanz mit dem Posing von Models.

Hier noch ein Video zu dieser Produktion, beginnend mit Gesang von Joni Mitchell, die Trajal Harrell für diese Produktion auch einsetzt.

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LITERATUR: Nicholas Mathieu – Leurs enfants après eux (Wie später ihre Kinder)

Ich empfehle gerne Bücher und hier habe ich wieder eines, das ich wirklich empfehlen kann. Ein großartig geschriebener französischer Roman über das Leben mehrerer Jugendlicher, damit aber natürlich „am Rande“ auch über das Leben ihrer Eltern etc. Der Roman hatte 2018 in Frankreich den Prix Goncourt gewonnen, die höchste Literaturauszeichnung in Frankreich. Eine Freundin hatte mir das Buch empfohlen.

Der Roman betrifft zwar genau genommen das Leben der Personen in Frankreich, wo arm und reich sicher deutlicher zusammentreffen als in Deutschland. Aber im Grunde gilt er auch für Deutschland, denke ich.

Im Klappentext des Buches heißt es:

Ein Ort in der Provinz, im Osten Frankreichs. Stillgelegte Industrie. Unerträgliche Hitze. Eine Gruppe Jugendliche, ohne viel zu tun, die ihre Sexualität entdecken, Bier trinken, Moped fahren oder dealen. Langeweile. Konflikte mit und zwischen den Eltern. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nicolas Mathieu schreibt über die am Rande Liegengelassenen. Über vier Sommer begleitet „Wie später ihre Kinder“ Anthony, Hacine und ihre Freunde beim Erwachsenwerden in einer Welt der Reihenhaussiedlungen und Durchschnittsstädte – einer Welt, in der ihnen nichts geschenkt wird und an der sie dennoch hängen. Ein Gesellschaftsroman über das vergessene Frankreich der 1990er.

Das beschreibt es gut. Ich habe das Buch sogar auf Französisch gelesen. Ich hatte als Student ein Jahr in Lausanne/französische Schweiz gelebt und dort Französisch gelernt. Manchmal – nicht oft – lese ich heute noch Bücher auf Französisch. Klar, ich muss viele Wörter nachblättern, aber dank http://www.leo.org funktioniert es unkompliziert, das IPad liegt beim Lesen immer auf dem Schoß! So auch hier, aber es hat sich gelohnt!

Das Schöne an dem Buch ist: Es werden – in vier Teilen des Romans, betreffend die Jahre 1992, 1994, 1996 und 1998 – wunderbar real, authentisch, einfach, mit schöner Sprache, immer wieder mit ganz banalen Dialogen, die Personen und die Situationen geschildert, die für sich gesehen jeweils nicht aussagekräftig sein mögen – die aber durch das Gesamtgeschehen und für die Entwicklung der Personen allesamt ihre Bedeutung haben. Ein Motorrad wird geklaut, das ist ein wenig der Beginn. Der Roman taucht tief ein in das Leben der jungen Protagonisten und ihrer Familien. Es ist eine Leistung, alles so authentisch schildern zu können! Ich war – trotz der „Banalitäten“ der Ereignisse – immer weiter gespannt darauf, wer sich wie weiter entwickelt, bis zur letzten Seite.

Die schönen klaren Schilderungen werden dann wiederum immer wieder durchzogen von Passagen, in denen einfach über das Feeling der betreffenden Personen geschrieben wird oder auch allgemein Ausführungen zur ihren Lebenssituation, zu ihren Problemen, zur gesellschaftlichen Situation der „abgehängten“ Familien (in Frankreich) gemacht werden. Man weiß manchmal gar nicht, ob es Schilderungen und Eindrücke aus den Augen des Autors sind oder direkt aus den Augen der betreffenden Personen. Und wie gesagt: Warum soll es in Deutschland den jungen Leuten anders gehen? Dass meist rein französische Themen den Rahmen bilden, klar, der französische Nationalfeiertag, die französische „Equipe“ im Finale der WM, aber es spielt letztlich keine Rolle.

Man liest nur positive Rezensionen zu diesem Buch! Etwa wie in der „Neuen Züricher Zeitung“, der NZZ vom 31.12.2019:

„… ein Roman, der auch als „hyperrealistische Erzählung“ oder Parabel in der Tradition Albert Camus‘ gelesen werden kann … grandios.“

Es ist eine schöne und lehrreiche Urlaubslektüre, ich wollte das Buch kaum mehr weglegen.


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MUSIK: Sinead O‘Connor ist gestorben

Sie war eine so besondere und auch so hübsche Frau! Sie legte sich eigentlich immer quer, war alles andere als angepasst. Und sie hatte ein so verdammt schweres Leben! Siehe kurz dazu unten! Zuletzt, vor etwas mehr als einem Jahr, hatte sich etwa ihr Sohn Shane umgebracht! Heute gab ihre Familie bekannt: Sinead O‘Connor ist – im Alter von nur 56 Jahren – gestorben.

Ihr Welterfolg war „Nothing Compares 2U“. Ich hatte den – von Prince geschriebenen – Song hier bereits gebracht. Hier ist er nun noch einmal in einer tollen Liveversion aus ihren jüngeren Jahren. Allein, dass sie dort barfuß singt! Es muss auf einem Konzert in Chile gewesen sein, von dem ich schon einen Song von Peter Gabriel gebracht hatte, „Biko“. Wenn ich eine Frau (geworden) wäre, wäre ich gerne sie gewesen, in diesem Moment, mit diesem Song, auf diesem Konzert, so wie sie es bringt. Hier Sinead O‘Connor:

2021 zog sich die weltbekannte irische Sängerin aus dem Musikgeschäft zurück. Den Schritt begründete sie damals damit, sie sei älter und müder geworden. Im selben Jahr erschienen ihre Memoiren, „Rememberings“. In ihnen erzählt sie unter anderem von Misshandlungen in ihrer Kindheit. Im Januar 2022 starb dann einer von Sinead O’Connors drei Söhnen, Shane – mit 17 Jahren. Laut der Sängerin beging er Selbstmord. Vielleicht hat sie das nicht überwunden! Sie sagte über ihn: Er war die Liebe meines Lebens, das Licht meiner Seele. Wir waren eine Seele in zwei Hälften. Er war der einzige Mensch, der mich jemals bedingungslos geliebt hat.“

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Sonstiges

SONSTIGES: Haus der Kunst – ECHOES

Das Haus der Kunst in München geht ja seit einiger Zeit unter der Leitung des künstlerischen Direktors Andrea Lissoni interessante Wege. Es ist längst nicht mehr nur Ausstellungsfläche für bildende Kunst, es geht hin zu einem „Kunstzentrum“, wie es heißt. Musik spielt dabei eine große Rolle. Oder sagen wir besser: Sounds, Töne, Grenzbereiche der Musik.

So hatte ich schon mehrfach über die Veranstaltungsreihe TUNE im Haus der Kunst geschrieben. HIER etwa. In so genannten „Sound Residencies“ erkunden hier Künstler die Grenzen von Musik, die Einflüsse und die Wirkungen von Tönen. Teilweise sind es – schwer zu erkennen – „akustische Antworten auf die Ausstellungen im Haus der Kunst“, wie es auch heißt. Die Reihe geht bereits ins dritte Jahr, der nächste Termin ist am 6. Oktober. HIER der Link zur Veranstaltungsseite TUNE.

Und jetzt: Zum zweiten Mal gibt es an diesem Wochenende die Performancereihe ECHOES. HIER der Link zur Veranstaltungsseite von ECHOES auf der Website des Hauses der Kunst. Es begann gestern abend, Freitag, 21. Juli, und setzt sich fort mit Veranstaltungen heute und morgen, Samstag/Sonntag, 22. und 23. Juli. Bei ECHOES spielt die Stimme eine entscheidende Rolle, bei TUNE der Sound. Hier das verbleibende Programm von ECHOES:

Beide Reihen entwickeln sich zu einem Treffen von vor allem jungen Menschen. Was mir auffällt: Es geht hier auf keinen Fall um „Musikgeschmack“. Man geht danach nicht raus und sagt sich: „Die Musik hat mir gefallen“ oder „Die Musik hat mir nicht gefallen.“ Die Kategorien „Gefallen“ oder „Geschmack“ spielen hier ansich keine Rolle. Es kann bei diesen Veranstaltungen kaum geteilte Meinungen geben, das prägt die Atmosphäre, man hat eben etwas erlebt, fertig. Insoweit ist es unweigerlich eine Art Gemeinschaftserlebnis, wobei es jeder natürlich anders erlebt. (Ist ja selten heute, man grenzt sich ja ständig vom Anderen ab. Der Andere hat immer unrecht und so.)

Man wird also bei ECHOES einfach auf lockere Art und Weise (im großen Westflügel des Hauses der Kunst) eine Erfahrung sammeln. Eine Erfahrung aus dem Grenzbereich von Musik und Tönen und Stimmen. Musik ist ja im Grunde immer von Grenzen gefangen, Stil, Rhythmus, Text, etc. Umso mehr ist es wert, all diese Grenzen einmal abzulegen, in gewisser Weise zu sprengen.

Gestern waren es zwei Veranstaltungen:

  • Zum Einen die Auseinandersetzung mit Housemusik der späten 80er/frühen 90er Jahre, eine Performance von Luis Garay, Slim Soledad und Nicolas Brummer.
  • Zum Anderen ein Konzert von Lyra Pramuk, in dem sie ihre eigene Stimme (ohne Text) meist mit synthetischen Klängen so verbindet, dass beides weitgehend verschmilzt.

Hier ein Foto des künstlerischen Direktors Andrea Lissoni:

Copyright: Maximilian Geuter

Nachtrag: Hier eine Impression von Samstag Abend, DEBIT:

DEBIT’s neues Album The Long Count kann auf SoundCloud gehört werden. HIER.

Hier außerdem eine Impression von Sonntag, Kiani del Valle und Hamill Industries:

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Allgemein

THEATER: Yael Ronen – Slippery Slope, Almost a Musical

Slippery Slope ist ein Stück der israelischen Autorin und Regisseurin, der „Theatermacherin“, Yael Ronen. Ihr Stück wurde 2022 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Das Münchner Metropoltheater zeigt derzeit eine Inszenierung von Slippery Slope (Regie – und Darsteller: Philipp Moschitz). HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Wikipedia sagt: Slippery Slope ist ein Begriff für „Dammbruchargument“. Eine Argumentationsweise, die vor dem Vollzug einer bestimmten Handlung warnt und dabei geltend macht, dass diese Handlung „den Damm bricht“ und damit zwangsläufig weitere negative Konsequenzen zur Folge hat. Also: Wenn ich A mache, wird B geschehen, und dann wird C die Folge sein – und das kann ich nicht verantworten! Deswegen mache ich A nicht, vertrete A nicht.

„Slippery Slope“ war eine Produktion des Gorki Theaters in Berlin, mit dem Yael Ronen seit Jahren zusammenarbeitet. In der Inszenierung am Gorki Theater war es Yael Ronens dritte Einladung zum Berliner Theatertreffen. Auch an den Münchner Kammerspielen hatte Yael Ronen bereits Inszenierungen. Ich erinnere an den zwar harmlosen, eher poetischen, aber beeindruckenden Abend „#Genesis“. HIER der Link zu meiner damaligen Besprechung. Davor hatte sie an den Münchner Kammerspielen schon „Point of No Return“ gebracht.

Das Metropoltheater mag schlichte, klare Bühnenbilder (Bühne: Thomas Flach). So auch hier. Beleuchtete „Rahmen“ um die Bühnenflächen, die nach hinten hin immer kleiner werden, schaffen mehrere (schmale) Ebenen. Mehr nicht. Siehe das Beitragsfoto. Passende Bühne, könnte man sagen, zum Titel „Slippery Slope“ nach dem Motto: „Auf das Eine folgt kaskadenartig (oder wie in der russischen Puppe) immer das Nächste und so weiter“. Es ist ein humorvolles Stück, das andererseits ernste Themen der heutigen Zeit streift bzw. zum Gegenstand hat. Man überlegt sogar: Ernst oder Humor, gerahmt jedenfalls von einer fast spannenden Geschichte um einen „berühmten Musiker“, den Schweden Gustav Gunasson, der eine Comeback-Tour startet. Er war ein Freund von Peter Gabriel und Sting etc.

Die Themen, die den Abend bilden: Der Umgang mit Rassismus, mit Sexismus, Machtmissbrauch, #MeToo, Feminismus, Social Media-Wahn, kulturelle Aneignung, Cancel Culture, Political (In)Correctness etc. Das ist viel, es kumuliert hier alles in der Geschichte aus dem Musik-Business. Auch das Mediengeschäft und das Pornogeschäft spielen herein. Drei Felder, in denen Yael Ronen diese Themen verortet, was ja auch weitgehend passt.

Es geht dabei hauptsächlich um eine humorvolle Herangehensweise. Das Stück soll nicht belehrend sein, eher zeigen: Jeder hat irgendwie Dreck am Stecken, auch die, die etwas aufdecken wollen. Jeder lebt sein Leben. Es ist „fast ein Musical“, Rocky-Horror-Picture-Show-ähnlich. Die vorwiegend humorvolle Sichtweise relativiert natürlich den Ernst der Themen. Aber so ist es nun einmal: Jeder spielt mit seiner eigenen Einstellung zu diesen Themen, natürlich auch mit seiner Einstellung zu allen anderen Themen. Eine richtige Lösung lässt sich nicht definieren, niemand kann die absolute Wahrheit für sich in Anspruch nehmen.

Nicht leicht zu erkennen ist dabei allerdings, inwieweit es gerade um die titelgebenden „Dammbruchargumente“ gehen soll. Es geht eher für alle Beteiligten in jeweils eigener Weise darum, wie alles wegrutschen kann, jeder hat – wie gesagt – sein Päckchen. Vielleicht ist in diesem Fall das mit Slippery Slope gemeint: Rutschbahn. Das würde ich verstehen.

Es ist schauspielerisch wieder eine sehr engagierte Leistung des Metropoltheaters, gestalterisch fast zu „gedrosselt“, zu erzählerisch. Mehr „Frechheit“ der Inszenierung insgesamt kann man sich vorstellen, die junge israelische Autorin Yael Ronen (HIER) denkt eher „frech“, denke ich, siehe den Link vorne und den Link unten. Zweifel inhaltlicher Art (Wie ist der Titel gemeint?) liegen dagegen doch eher am Stück selbst.

HIER zur Information auch der Link zur Stückeseite von Slippery Slope am Maxim Gorki Theater in Berlin. Das Stück „Planet B“ von Yael Ronen (ebenfalls eine Inszenierung am Maxim Gorki Theater, HIER der Link zur Stückeseite) ist übrigens von Deutschlandradio Kultur nominiert für den Preis „Bestes Stück in Berlin/Potsdam 2022/2023“ (der Friedrich Luft Preis, HIER).

Hier noch ein Foto:

© der Fotos: Metropoltheater München/Fotografin: Marie-Laure Briane

Termine: HIER.