Heute gleich noch ein Stück Musik. Stay In The Dark von Lambert. Der Titel und das schöne Stück klingen traurig, aber ich finde, man kann es auch verdammt positiv hören. Lambert tritt leider immer mit Gesichtsmaske auf, das finde ich sehr unangenehm. Unabhängig davon bleibt dieses kurze Stück schön.
In Kürze werde ich noch das Lied Dancing in the Dark von Bruce Springsteen, interpretiert von Amy MacDonald, bringen. Passt zum Thema, hat auch etwas Positives. Man muss sich sicher auch vielem Negativen stellen, immer wieder, das kann ja auch lehrreich sein, ist es meistens sogar, aber dann gerne wieder hin zum Positiven, wenns geht.
Das ist ein großes Thema. Überall. Zum Aktuellen: Man kann auch Flüchtlingen erst einmal positiv gegenüber auftreten, nicht mit einem schnellen: Halt, hier ist kein Platz, wir machen dicht!
Hier die zweite Antwort auf Kassandra Aussage im Buch Kassandra (siehe Blogeintrag An Kassandra I):
ERWACHSENWERDEN – AN KASSANDRA II Ich, ich will mich nicht verlieren, wenn ich erwachsen werde, was kann ich machen, Kassandra? Muss ich unerwachsen bleiben? Kann ich es schaffen, erwachsen zu werden und mich nicht zu verlieren? Sie werden mich für seltsam erklären. Ich werde traurig werden, weil es schwer ist, sich nicht zu verlieren. Vielleicht komme ich in diese Anstalt, sie sperren mich weg, bis ich gelernt habe, so zu sein, wie sie es brauchen. Vielleicht wollen sie, dass alle mit dem Verlust ihres Selbst leben und dass alle Anderes machen, als sie selbst zu sein. Vielleicht brauchen sie es. Die Persönlichkeit in uns ist gefährlich, unausgegoren, nicht geübt, nicht gepflegt. Kassandra, ich weiß, es ist so. Aber, hey, ich will mich nicht verlieren! Ich werde mich nicht verlieren auf ihren geebneten Wegen, auf denen ich mich nicht sehen darf. Nein, ich werde meine eigenen, krummen Wege gehen, auf denen ich mich sehe. Es wird, ich brauche Mut, Kassandra, um mich nicht zu verlieren beim Erwachsenwerden.
Unser Leben. Es prägt sich durch sich selbst. Ich werde in wenigen Wochen ein Buch veröffentlchen. Es wird eine kleine Auswahl von mir geschriebener Gedichte und von Fotografien enthalten und wird – um Prägendes zu fassen – die Begriffe „Lebensstationen“, „Liebesdramen“, „Alltagsgeschichten“ und „Stimmungslagen“ aufgreifen. Als Kategorien, in die die gezeigten Gedichte und Fotografien eingeteilt werden konnten. Denn auch in diesen Kategorien entstehen ja für uns alle einmal – oder auch manchmal oder gar oft oder sogar ständig – Eindrücke und Gefühle, die wir schnell hinnehmen und verarbeiten. Meist rauschen sie an uns vorbei, täglich und unaufhörlich, diese kleinen Situationen, diese Dramen, diese Geschichten, diese Stimmungen. Aber sie können alle – mehr oder weniger, mal kurzzeitig, mal langfristig, mal sofort oder mal erst später, auch viel später – unser Leben mitbestimmen.
Die Gedichte und die Fotografien in dem Buch werden kleine Gelegenheiten schaffen, um einige vorbeigezogene Momente und Eindrücke zu erkennen. „Erkennen“ besagt natürlich, dass jeder Mensch sie anders erkennt – genau so, wie es eben seiner Person und seinen Erfahrungen entspricht. Die aufgegriffenen Momente sind wahrscheinlich fast jedem von uns schon einmal begegnet, daher wird es den Titel“Aus jedem Leben“ bekommen.
Die gezeigten Fotografien stehen auf den ersten Blick meist nur in entfernter Beziehung zu dem dann zuvor gebrachten Gedicht. Gerade dann aber, wenn man Gedicht und Fotografie Zeit gibt, werden sich doch Zusammenhänge auftun. Absichtlich erfassen die Fotografien und die Gedichte übrigens völlig unspektakuläre Situationen.
Die Fotografien haben noch eine Besonderheit: Sie sind allesamt an einem einzigen Ort entstanden. An einem Ort, der uns doch zumeist so fern und unbekannt, geradezu bedrohlich wirkt, beunruhigt. Aber auch dieser Ort birgt das alltägliche Leben in allen Schattierungen. Israel: Tel Aviv, Haifa, Jerusalem, Mesada … es sind Zentren der christlichen, der jüdischen und der islamischen Religion, schwierig, aber auch mit jedem Leben erfüllt.
Leider treffen diese Religionen immer wieder in Feindschaft aufeinander. Daher schließt das Buch vielleicht mit ein paar Worten zu dem Besuch, der mich und meine beiden Söhne im vergangenen Jahr nach Israel führte.
Ich werde in diesem Blog Bescheid geben, wenn das Buch veröffentlicht ist. Und ich werde hier im Blog künftig das ein oder andere Gedicht daraus bringen.
Ich könnte auch einmal über Flüchtlinge schreiben und werde eine eigene Kategorie hierfür einrichten. Es ist schließlich nicht nur ein Tagesthema, das verfliegt, sondern das Thema, das unsere Welt in Deutschland und Europa langfristig sehr verändern kann. Die Globalisierung kommt zu uns und wir müssen klären, wie wir damit umgehen wollen. Ich könnte viel dazu schreiben. So, wie viele Menschen. Gut so, dass jeder sich einmischt, so wird über uns hier in D und EU einmal intensiv in vielerlei Hinsicht nachgedacht, das ist immer gut. Mein Grundsatz: Keine Panik! Geduld und Offenheit! („Bei Panikfragen: Pa-Nick fragen!“).
Wir sind viel zu engstirnig. Wie in jedem Leben: Je älter man wird, umso engstirniger wird man. Das Fremde passt einem dann immer weniger. So ist es leider auch zum Teil hier in D. Ich hoffe nur, Frau Merkel lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt mit ihrer mutigen, selbstbewussten und offenen Ansicht gegenüber den Flüchtlingen.
„Flüchtlinge“ ist schon kein schönes Wort. Die Endung „-ling“ beinhaltet schon irgendwie, dass die Gemeinten irgendwie „Fehler“ hätten, jedenfalls eine bestimmte Eigenschaft, die sie vereinheitlicht und etwas herabsetzt. Schade, ich denke, man könnte treffender und offener von „Geflohenen“ sprechen.
Vor allem: Lasst uns doch einfach selbstbewusst unsere Werte verfolgen und „feiern“, ohne zugleich andere herabzusetzen oder auszugrenzen! Unsere Werte bekommen doch durch das Näherrücken der anderen Werte geradezu wieder Bedeutung. Und so weiter.
Anlässlich eines Leseabends von PenTales in München entstanden:
Comeback
Sie hatte wenig gegessen, war ruhig, war gelassen. Und zufrieden. Zufrieden mit dem Nichts, das man von ihr wusste. Essen war jetzt Nebensache. Das rote T-Shirt zappelte an ihrem schlanken Körper. Wie sie selbst auch so lange gezappelt hatte, im Wind ihres Lebens, seit sie weggegangen war. Sie strich sich eine Strähne ihres langen braunen Haares aus dem Gesicht. Die Strähne war durch einen kleinen Luftzug vor ihre schönen Augen gefallen. Der Krankenwagen, der an ihr vorbeigerauscht war, hatte den Luftzug ausgelöst. Tangomusik spielte sich in ihre Ohren. Mit zarten Schritten schlich sie die Straße entlang, auf das Haus zu. Ihre schlanken, sehnigen Füße berührten mit jedem ihrer Schritte den Saum des grünen, mit vielen kleinen braunen und schwarzen Blumen bestickten leichten Tuches, das als Rock diente und bis zu den Knöcheln fiel. Wortlos, geräuschlos und staunend sah sie hinten über dem Haus den Himmel. Sie dachte an die langen Tage, die sie im penetrant nach Öl riechenden Containerraum des Frachtschiffes verbracht hatte. Den Geruch hatte sie immer noch in der Nase. Der dicke und etwas untersetzte Pedro hatte ihr wenigstens sehr bald eine Taschenlampe gebracht gehabt, auch für die Mahlzeiten, die er im zerbeulten Blechgeschirr heruntergeschmuggelt hatte. Die Taschenlampe, die jetzt im Rucksack steckte. Im Rucksack, den sie in der Stadt hat stehen lassen. Nachdem sie noch den dunkelgrünen Pullover herausgenommen hatte, den sie jetzt unter dem Arm trug. Die Lautstärke ihrer Kopfhörer fuhr sie etwas herunter. Jetzt hatte sie das Haus am Ende der Straße erreicht. Sie drückte das immer noch quietschende flache Stahltor auf, das einen schmalen Durchlass durch die dicke grüne Hecke gewährte. Es war angelehnt. Sie näherte sich der blauen Eingangstüre, nahm den Kopfhörer von den Ohren und legte ihn sich um den Hals. Auch die Eingangstüre war angelehnt. Als würde man sie erwarten, aber das konnte ja nicht sein. Sie war ja für vermisst erklärt worden, wohl ertrunken im Fluss. Mit fünfzehn Jahren. Niemand hatte damals bemerkt, dass sie nach Südamerika geflogen war. Und dort hatte sie ihr Leben kennen gelernt. Sie hatte sich absichtlich entwurzelt. Mit staunendem Blick hatte sie dort nur ihr Leben beobachtet. Ihr Leben ohne Familie, ohne Schule, ohne Freunde, ohne all das, was ihr Leben ausgemacht hatte. Sie meinte jedenfalls, dass es ohne all das auch gehen müsse, das Leben. Sie hatte schon damals älter als fünfzehn Jahre alt gewirkt. Brasilien, Peru, Chile, Argentinien. Immer wieder hatte sie sich gefragt, ob sie irgendjemandem in der Heimat mitteilen sollte, dass sie am Leben sei. Dass sie nicht in den Fluss gesprungen war, sondern die Sachen extra ans Ufer gelegt hatte. Aber nein, sie tat es nicht, weil sie fürchtete, dass sie in Abhängigkeit von einem solchen Kontakt kommen könnte. Irgendwie, wenn auch nur gedanklich. Denn vielleicht würde es ihre Gedanken verändern, zu wissen, dass sie es wissen. Nein, sie wollte sehen, wie es ist, völlig unbestimmt zu leben. Das war immer mehr ihr Wunsch geworden, eine unaufhaltsame Sucht in ihr, damals, bevor sie nicht mehr anders konnte. Weil sie immer gemeint hatte, alle würden so viel von ihr erwarten, hatte sie sich davor schon ein ganzes Jahr lang nicht aus ihrem Zimmer begeben. Das Reden hatte sie dann fast eingestellt. Sie ist krankgeschrieben worden, musste zu Hause bleiben. Nichts könne von ihr erwartet werden, gar nichts, hatte sie immer gesagt, sie wolle nicht. Und ständig gesagt zu bekommen, was schön ist, hässlich ist, nützlich ist, sinnvoll ist, sinnlos ist, gut ist, schlecht ist, sie hatte es nicht mehr ausgehalten. Wie würde sie eigentlich werden ohne all das, hatte sie sich gefragt. Es war die einzige Frage, die sie sich noch gestellt hatte. Wie komme sie durch das Leben ohne all das? Und sie hat sich diese Frage beantwortet. Plötzlich stand sie jetzt, zwei Jahre später, ihrem Vater gegenüber. Sie an der aufgeschobenen Eingangstüre und er, er kam aus der Küche, in den schmalen Gang, blieb starr neben der dunkelbraunen kleinen Kommode stehen. Regungslos. So blickten sie sich minutenlang an. Sie ließ den grünen Pullover fallen. Er war alt geworden, verändert, hatte graue Haare bekommen, sah erschöpft aus. Obwohl die grauen Haare zu seinem dunkelblauen Hemd passten, das er unter dem braunen Sommersakko trug. Immer noch war die dunkelbraune Brille in seinem schmalen Gesicht mit dem kurz geschorenen Bart dominant. Vor zwei Jahren hatte sie ihren Vater und ihre Mutter in so fürchterlich tiefe Trauer gestürzt gehabt. Jetzt dastehen, mehr konnten sie beide nicht tun. Dastehen. Er erkannte sie und fing an zu weinen. Sie dagegen bemerkte, dass sie es geschafft hatte, ein inneres Gleichgewicht zu halten. Sie spürte weder Gram, noch schlechte Erinnerungen, noch irgendeine Aufruhr, die ihr den Blick und den Moment verzerrt hätten. Sie war stolz auf sich und freute sich, freute sich, wieder hier zu sein. Ohne jede Bindung von Neuem beginnen zu können.
Bis sie erfuhr, dass ihre Mutter wegen ihrer Wahnvorstellungen gerade wieder mit dem Krankenwagen abgeholt und in die Nervenklinik gebracht worden war, und ihr klar wurde, dass sie zwei verletzliche Leben zerstört hatte, weil sie auf so brutale Weise nur auf ihr eigenes geachtet hatte. +++++
dürftest du einmal sagen so solle es bleiben für immer solle es so bleiben! und du wüsstest es bliebe so für immer bliebe alles so und du würdest nichts anderes erleben würdest verharren in deinem Glück würdest du es je sagen? würdest du es je sagen?