THEATER: Die Wolken, die Vögel, der Reichtum nach Motiven von Aristophanes

Man kann im Grunde kaum etwas dazu sagen man kann vor allem wenn man darüber schreibt eigentlich keinen Punkt machen man muss einfach weiterschreiben dann kommt man dem Stück von Thom Luz am nächsten jeder Punkt jedes Komma oder ein anderes Satzzeichen würden dem Ganzen nur Struktur geben würden ordnen aber genau das fehlt ja absichtlich bei dem Schweizer Thom Luz der so schöne skurrile Abende auf die Bühne bringt

Thom Luz beschäftigt sich seit Jahren in seiner permanenten Entwicklungsarbeit mit dem Verschwinden von Dingen und mit dem Flüchtigen dem Ungreifbaren und nicht umsonst spielt auch dieses Mal in „Die Wolken, die Vögel, der Reichtum nach Motiven von Aristophanes“ natürlich wieder Nebel eine entscheidende Rolle Nebel kommt und geht man kann ihn sehen und Nebel verändert sich ständig Nebel lässt sich nicht greifen wie die Wolken wie die Philosophie des Altertums und die Wolken und das Geld der Reichtum es ist der Besuch eines neuen Schülers in der Denkschule von Sokrates dem „Phrontisterium“ Thom Luz nähert sich seit Jahren mit gleichen Elementen auf der Bühne seinen Themen neben Nebel (Thom Luz ist angeblich Sammler von Nebelmaschine) sind es simple Klaviere und Tasteninstrumente Neonlicht Werkstattgegenstände auf der chaotischen aber doch auch übersichtlichen Bühne Leitern alte runde Lautsprecher an den Wänden alte Abspielgeräte für Tonbänder oder Filme mit sich langsam drehenden großen Bänderrollen Requisitenkästen auf Rollen Treppen dieses Mal ist noch ein Gabelstapler dabei und musikalisch wird das Geschehen auf der Bühne meist zart unterlegt von Klavierklängen so auch dieses Mal erstaunlicherweise hat sich Thom Luz für sein aktuelles Stück das Cuvillestheater ausgewählt die kleinere Bühne des Münchner Residenztheaters ein noch barockeres Theater lässt sich kaum denken auch damit ist der Abend selbst schon ein Sprung zwischen den Zeiten man betritt den Theaterraum und sieht vor sich den barocken Theaterraum – Mittelalter – und im Hintergrund blickt man auf die offene moderne Werkstattsituation der Bühne – Gegenwart Moderne – wissend dass es um Aristophanes geht der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte – Antike – und ganz hinten raus kann man manchmal in den Münchner Residenzhof blicken – wieder Mittelalter aber auch Gegenwart – hier mein Foto beim Betreten des Theaterraums entstanden das Theater blieb natürlich nicht leer ich war nur der zweite Besucher


Man muss die Geduld haben sich mit zeitlosen abstrakten Themen zu beschäftigen einen irgendwie aktuelleren Bezug hat der Abend nicht leider es blieb somit für meinen Geschmack etwas zu „isoliert“ vom richtigen Leben ja zu isoliert von heutigen Gedanken es blieb ohne Bezug zur Außenwelt und ohne Bezug zu unserem modernen Leben dabei wären die so grundsätzlichen Überlegungen des Abends – Worte Wolken Ideen Rede Gegenrede Gedanken Geld – doch vielleicht irgendwie wenigstens ansatzweise auch mit unserem heutigen Leben in Verbindung zu bringen etwa dass Philosophie heute ja kaum noch zählt und es fehlte meines Erachtens sogar ein wenig die Leichtigkeit der Abende von Thom Luz es sind ja im Grunde eher Performances hier aber versucht er eine kleine Geschichte um die Themen zu bilden basierend auf den drei Erzählungen von Aristophanes oft sind es bei Thom Luz auch allein schon die Bewegungen der Personen auf der Bühne die dem Gesamtbild etwas Besonderes geben und es so gelungen machen auch das fehlte mir hier etwas mein Eindruck war es waren vielleicht etwas zu viele SchauspielerInnen beteiligt und ein schöner Moment etwa war der Tanz bei griechischer Musik im Kreis und so weiter

Hier noch weitere Bilder


HIER der Link zur Stückeseite.

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SONSTIGES: Ingmar Bergman – Szenen einer Ehe

In der Mediathek von ARTE findet sich derzeit in sechs Teilen – es ist eine kleine Serie – „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman. „Szenen einer Ehe“ entstand 1973, es ist einer von Ingmar Bergmans erfolgreichsten Filmen! Ingmar Bergman wurde 1997 bei den Filmfestspielen in Cannes als „Bester Filmregisseur aller Zeiten“ geehrt. Es lohnt sich!

Der Film über die Scheidung einer Ehe kam damals sowohl als sechsteilige Fernsehserie als auch in einer kürzeren Kinofassung heraus. 1981 wurde „Szenen einer Ehe“ auch am Münchner Residenztheater – wo Ingmar Bergman Ja kurze Zeit arbeitete – auf der Bühne gezeigt.

Man verfolgt in diesen sechs Teilen äußerst vielschichtig das Befinden der beiden Ehepartner, wobei besonders Liv Ullmann klasse ist! Die Lüge einer „perfekten Ehe“, das Scheitern ihrer Ehe, die Suche nach der eigenen Persönlichkeit, Zuneigung, die Suche nach wahrer Liebe, das eigene Befinden bei alledem, um diese Themen etwa drehen sich die Gespräche der beiden. Man verfolgt im Grunde nur diese Gespräche. Kurz verfolgt man Gespräche mit weiteren Personen. Zum Einen anfangs ein Gespräch der beiden zusammen mit einem befreundeten Ehepaar bei einem Abendessen und zum Anderen später Gespräche von Liv Ullman als „Marianne“ einmal mit ihrer Mutter und einmal mit einer älteren Frau, die sich nach vielen vielen Jahren der Ehe scheiden lassen möchte, weil sie in einer „Ehe ohne Liebe“ lebe. „Marianne“ ist Scheidungsanwältin.

Man meint, Liv Ullman als „Marianne“ ist sich der Sache und der Liebe und der wahren Dinge hinter den Fassaden viel bewusster, als er, „Johan“. Etwa drei Jahre nach der Scheidung treffen sie sich dann wieder. Auch das ist noch Teil dieser kleinen Serie. Beide sind jetzt mit anderen Partnern verheiratet, doch sie verbringen ein gemeinsames Wochenende im Landhaus eines Freundes, wo sie sogar miteinander schlafen. Es scheint mir nicht so, dass beide mit ihrer zweiten Heirat etwa das größte Glück gefunden hätten! Marianne zum Beispiel hat vielleicht nur geheiratet, weil sie auf keinen Fall alleine bleiben wollte. Aber das bleibt letztendlich offen. Marianne bezweifelt jedenfalls, ob sie jemals jemanden geliebt habe oder geliebt wurde, aber Johan redet ihr ihre Zweifel aus. Johan „kapiert“ alles irgendwie weniger.

Wie gesagt, die wunderbaren Gespräche der beiden, ihr Verhalten ist äußerst vielschichtig! Mit viel Tiefgang und Ehrlichkeit! Es ist keine „brutale“, „glasklare“ oder „coole“ Scheidung nach modernem Muster, nach dem Motto: „Wir haben uns auseinander gelebt, wir werden uns kaum mehr sehen.“ Es ist einfach vielschichtig. Letztlich sprechen beide immer wieder über die Dinge und Gefühle, die sie selber haben mögen und die man eigentlich nicht unbedingt so besprechen würde. Vor allem nicht nach einer Scheidung.

Mein Fazit: Er, Johann, versteht viel weniger, als sie, Marianne!

„Nicht erfinden, nur nah sein“ schrieb Ingmar Bergman zu seiner Arbeitsweise einmal in den Arbeitstagebüchern. Die Arbeitstagebücher 1955-2001 von Ingmar Bergman sind jetzt in einer kommentierte Fassung beim Berenbergverlag veröffentlicht, steht heute, am 31.12.2021, in der Süddeutschen Zeitung.

Ingmar Bergmann hatte Jahre später, 2001, dann noch den Film „Sarabande“ gedreht, der eine Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“ ist. Ich habe ihn noch nicht gesehen, er würde mich interessieren. Marianne und Johan treffen sich nach 30 Jahren erneut! Wieder gespielt von Liv Ullmann und Erland Josephson.

EINEN GUTEN RUTSCH INS KOMMENDE JAHR WÜNSCHE ICH ALLEN!

THEATER: Sebastian Baumgarten – Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt

Am Dienstag (14.12.) war die Filmpremiere von „Bruder Eichmann“ im Marstalltheater, der „Werkstattbühne“ des Residenztheaters. Michael Billenkamp, Dramaturg am Münchner Residenztheater, schrieb dazu:

„Vor genau fünfzig Jahren – am 15. Dezember 1961 – sprach das Jerusalemer Bezirksgericht das Urteil im Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehemaligen Leiter des nationalsozialistischen «Referats für Judenangelegenheiten» und damit einem der Hauptverantwortlichen des organisierten Genozids.“

?? Es ist doch sechzig Jahre her. Weiter schreibt Billenkamp jedenfalls:

Das Gericht sah es nach der Vernehmung von rund hundert Zeug*innen und einer Prozessdauer von vier Monaten als erwiesen an, dass Eichmann an der Ermordung von etwa sechs Millionen Juden beteiligt war. Eichmanns Verteidigungsstrategie, dass er lediglich ein unbedeutender Befehlsempfänger und damit ein «kleines Rädchen» im Getriebe des NS-Vernichtungsapparats gewesen sei, war damit gescheitert. Das Urteil lautete: Tod durch den Strang. Bis zum heutigen Tag ist die Hinrichtung Adolf Eichmanns am 1. Juni 1962 in Ramla bei Tel Aviv das einzige auf israelischen Boden vollstreckte Todesurteil.“

HIER der Text von Michael Billenkamp.

Adolf Eichmann kennt jeder. Drei Stationen sind es nun (Adolf Eichmann bis 1962 – Heinar Kipphardt 1983 – Sebastian Baumgarten 2021), die eine neue „Annäherung“ an die unfassbare Gesinnung von Adolf Eichmann in der neuen Filmdokumentation ergeben. Die „Eichmann-Haltung“ nannte Heinar Kipphardt diese Gesinnung. Besser gesagt: Sebastian Baumgarten nähert sich heute erneut Heinar Kippharts Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ aus dem Jahre 1983 an, in der sich Heinar Kipphart Adolf Eichmann angenähert hatte.

Die Filmdokumentation ist bis Ende Januar 2022 komplett mit Zusatzmaterial in der neuen Mediathek des Residenztheaters zu sehen! HIER der Link zur allgemeinen Seite der neuen Mediathek.

Zu Adolf Eichmann: Zu seinem vielleicht nicht so bekannten Weg von seiner Geburt an bis zum Zweiten Weltkrieg siehe die Materialien in der Mediathek. HIER! Zu seinem berüchtigten Weg dann im Zweiten Weltkrieg über sein Verhör in Argentinien und Israel hinweg bis zu seiner Hinrichtung 1962 siehe insgesamt die jetzt neue Filmdokumentation „Bruder Eichmann“. Auch HIER.

Zu Heinar Kipphardt 1983: Er verarbeitete die 1960 entstandenen Verhörprotokolle des israelischen Geheimdienstes mit Adolf Eichmann im Jahre 1983 zu einem Dokumentartheaterstück. Die Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ wurde 1983 am Residenztheater uraufgeführt. Im Grunde hatte Heinar Kipphardt damit auch zusammen mit wenigen anderen Autoren und Regisseuren der damaligen Zeit das Genre des „dokumentarischen Theaters“ begründet. Es wurde eine tief beunruhigende Dokumentation über Adolf Eichmann und über die hinter diesem stehende Gesinnung. „Die Banalität des Bösen“ sind die berühmten Worte von Hannah Arendt, die ja den Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel komplett verfolgt hatte. Ich kenne noch die Dokumentation von 1983. Michael Rehberg spielte damals am Residenztheater Adolf Eichmann.

Und zu Sebastian Baumgarten 2021: Der Regisseur hat sich nun dem bei der Uraufführung 1983 kontrovers diskutierten Text von „Bruder Eichmann“ (man sprach von Verharmlosung etc.) mit den Möglichkeiten und Mitteln des heutigen digitalen Theaters erneut angenähert. Es ist die neue Filmdokumentation zu Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ geworden. Adolf Eichmann wird hierin (soweit das Verhör wiedergegeben wird) nicht mehr personalisiert. Das ist angenehm und hebt sich sehr passend von der damaligen Theaterdokumentation von Heinar Kipphardt ab. Kein Michael Rehberg mehr! Es geht nicht um eine Person! Die Texte von Heinar Kipphardt werden allerdings von den Schauspielern des Theaters exakt nachgelesen. Die Schauspieler, die zum Einsatz kommen, sind aber sehr jung! Auch das ist passend! Es zeigt den Bezug von Adolf Eichmanns Äußerungen zur heutigen Zeit! Und zur Zukunft! Die Vergangenheit verschwindet ja immer mehr von der Bildfläche. Man kann sich hier aber nicht sagen: „Das war doch damals…“. Man kann hier auch nicht sagen: „Das war eben Adolf Eichmann!“ Es bleibt ein zeitloses Thema!

Die „Annäherung“ von Sebastian Baumgarten verbindet insoweit in feiner Art und Weise filmisch und durch Wort und Bild drei Ebenen: Das Verhör und die unglaublichen Äußerungen von Adolf Eichmann von 1960 zum Einen mit Heinar Kipphardts Dokumentation „Bruder Eichmann“ von 1983 zum Zweiten und mit unserem aktuellen Leben 2021 zum Dritten. Auch, wenn nur Bahngleise am Münchner Hauptbahnhof gezeigt werden, alles bekommt einen Gegenwartsbezug. Es wäre auch fatal gewesen, hätte man den Fall Eichmann als „Vergangenheit“ dargestellt!

Denn auch, wenn wir momentan in genug gigantischen Krisen leben (Corona mit der drohenden Omikron-Welle, das Klima), auch das muss sein: „Bruder Eichmann“ in diesen schweren Zeiten! Es bleibt ein Muss des Grauens, wir brauchen die Dokumentation immer wieder. Adolf Eichmanns Erklärungen in seinen Verhören nach seiner Festnahme in Argentinien und seiner Auslieferung nach Israel im Jahre 1960 zeigen, zu was der Mensch nicht nur damals „fähig“ war, sondern sicher im Ansatz auch heute noch fähig sein kann. Es geht um die Gesinnung, die Ursachen, die hinter allem standen: Befehl, Weisung, Gehorsam, absolute Selbstgewissheit allein durch absoluten Gehorsam, Hierarchie, Erziehung, Hörigkeit und die Verneinung jeder Art von eigener Verantwortung – das sind die Symptome, die es ja auch heute immer wieder gibt. In abgeschwächter Form, aber trotzdem!

Nun noch zur gestrigen Filmpremiere: Die Tribüne des Marstalltheaters war abgebaut, sie war jedenfalls nicht sichtbar. Ein schwarzer Raum, wenig Beleuchtung, ein dunkler enger Gang um den Raum herum, der die Besucher über „dokumentarische Stationen“ führte, in der Mitte des schwarzen Bühnenraumes dann ein Tisch mit einigen Büchern zu Heinar Kipphardts damaliger Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“, an den vier Seitenwänden jeweils ein großer Flachbildschirm, davor in lockerer halbrunder Zusammenstellung Holzstühle, auf denen man saß und sich nach einer gewissen Zeit die Dokumentation ansah. In der Mitte des Raumes am Mischpult ein Musiker, der vor Beginn der Dokumentation leise vor sich hin dräuende und bedrohlich wirkende Musik einspielte. Eigentlich nur ein paar dumpfe und drohend summende Töne.

Man sieht und hört in der Filmdokumentation nicht nur den Text von Kipphardts „Bruder Eichmann“, man sieht und hört nun zusätzlich Personen, die um Heinar Kipphardt und seine damalige Dokumentation kreisten. Seine Tochter, sein Biograf, der Bühnenbildner der Aufführung im Residenztheater von 1983. Man sieht Ausschnitte der Theaterdokumentation aus 1983 mit Michael Rehberg.

Mit der Filmdokumentation von Sebastian Baumgarten wird das Geschehen um Adolf Eichmann in unsere Zeit transportiert. Ich fand es fein gelungen und weiterhin sehr sehr bedrückend, wenn man hört und auf sich einwirken lassen muss, was Adolf Eichmann erklärte!

Copyright des Beitragsbildes: Residenztheater

THEATER: „Dekalog“ nach Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz

Sie sind weiterhin grundverschieden – Gott sei Dank: Das Münchner Residenztheater und die Münchner Kammerspiele. An beiden Theatern habe ich kürzlich je eine Inszenierung gesehen, die beide nicht unterschiedlicher sein konnten: „Dekalog“ am Münchner Residenztheater und „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ an den Münchner Kammerspielen. Über „Dekalog“ schreibe ich hier, über die Inszenierung „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ in Kürze im nächsten Beitrag.

Dekalog“ ist das bekanntere Stück von beiden. Ich erinnere mich etwa an zehn sehr eigenwillige Streamings des Schauspielhauses Zürich von „Dekalog“, Regie von Christopher Rüping – es war zu Beginn der Coronazeit -, in denen die zehn Teile des Stückes „Dekalog“ von jeweils einem Schauspieler oder einer Schauspielerin „übernommen“ wurden. HIER ist der Link zur herrlichen Archivseite des Schauspielhauses Zürich zu diesen zehn Teilen. Über diesen Link finden sich wunderbare Rückblicke! Etwas scrollen und sich die Videos ansehen!

Der Sprung vom Elfenbeinturm“ dagegen ist – das hier kurz – ein Abend über die vergessene Autorin Gisela Elsner. Es ist kein „Stück“ von Gisela Elsner, es ist ein Rückblick auf sie und ihre Werke. Der Titel dieses Abends ist erstaunlicherweise deutschsprachig! An den Kammerspielen liest man nämlich zur Zeit fast nur englische Sprache. Auch das ist ein deutlicher Unterschied beider Häuser.

Nun zu „Dekalog“:

Es geht ja um die zehn Gebote. Um die zehn Gebote und deren Wirken oder Nichtwirken im modernen Leben. Dargestellt jeweils in einer besonderen Situation. Ursprünglich war es eine Filmreihe für das polnische Fernsehen. Die zehn Teile – bei denen man keineswegs durchgehend eine „Zuordnung“ zu einem der 10 Gebote erkennt – sind:

  • Dekalog 1 – der Vater Krzysztof und sein Sohn, der im Eis einbricht
  • Dekalog 2 – der todkranke Andrzej und dessen Frau, die ein Kind von einem anderen Mann erwartet, dies aber nur bekommen möchte, wenn ihr Mann stirbt
  • Dekalog 3 – der Taxifahrer Janusch, der sich an Weihnachten irgendwann von seiner Familie „ausklinkt“ und seine ehemalige Geliebte Ewa trifft
  • Dekalog 4 – die Schauspielstudentin Anka und der gefundene Brief ihrer Mutter, in dem erklärt wird, dass Ankas „Vater“ nicht ihr leiblicher Vater ist. Das Verhältnis des Stiefvaters zu Anka zwischen „Vater“ und „Freund“
  • Dekalog 5 – der junge Strafverteidiger und der von ihm vertretene Mörder, der zu Tode verurteilt wird
  • Dekalog 6 – Tomek, der Magda und ihre zahlreichen Männer lange Zeit mit einem Fernglas in deren Wohnung gegenüber beobachtet und Kontakt zu ihr aufnimmt
  • Dekalog 7 – Maika und ihre Tochter, die von Maikas Mutter aufgezogen wurde, da Maika zu jung war. Maika möchte ihre Tochter wiederhaben
  • Dekalog 8 – die Dolmetscherin Elzbieta und die Professorin, die es in Kriegszeiten abgelehnt hatte, Elzbieta als kleines Kind vor den Nazis zu verstecken
  • Dekalog 9 – Hanka und ihr Ehemann, dem ärztlich Impotenz bescheinigt wird, und die Affäre von Hanka mit einem jungen Physikstudenten
  • Dekalog 10 – zwei Brüder am Grab ihres Verstorbenen Vaters und das wertvolle Erbe seiner Briefmarkensammlung

Die Inszenierung am Residenztheater hält sich an diese vorgegebenen Ausgangssituationen. Nicht alles wird davon erzählt, aber Wesentliches. Das macht die Inszenierung teilweise fast etwas kitschig, da die Situationen in bestimmten Momenten zu deutlich, zu direkt, dargestellt werden, war mein Eindruck. Dies ist auch der Unterschied zur sehr abstrakten und verspielten Inszenierung an den Kammerspielen, über die ich als Nächstes schreiben werde!

Andererseits ist festzustellen, dass den einzelnen dargestellten Situationen ohnehin nicht unbedingt der Bezug zu jeweils einem der zehn Gebote entnommen werden kann. Man müsste sehr genau weiterdenken. Es geht vor allem auch sehr um das Verhältnis Eltern – Kinder, was fast das Hauptthema der „Episoden“ ist. Mehrere Kinder treten auch auf, siehe auch das Beitragsbild oben.

Weitere Bilder der Inszenierung:

Die Bühne wird – man sieht es auf den Fotos oben – geprägt von vier trampolinähnlichen, beweglichen Trennwänden, die immer wieder ihre Position verändern. Ansonsten sieht man – neben sehr wenigen anderen Elementen – weitgehend die freie Bühne und das große Ensemble.

Es entsteht sicherlich die Anregung, über die Zusammenhänge der geschilderten „Episoden“ zu den zehn Geboten nachzudenken. Leicht ist es nicht und es bedarf der Zeit! Schließlich sind es zehn unterschiedliche „Episoden“. Und schließlich war Dekalog ursprünglich eine Filmreihe von zehn getrennten Filmen. Die Inszenierung hilft nicht besonders dabei, alles an einem Abend zu verarbeiten, sie beschränkt sich auch nicht auf bestimmte Aspekte. So habe ich das Theater verlassen, ohne konkret Gedanken mitnehmen zu können. Kommt vor.

HIER der link zu Wikipedias Eintrag über „Dekalog“ mit interessanter Weiterverlinkung zu den zehn Einzelseiten.

HIER die Stückeseite von „Dekalog“ auf der Website des Residenztheaters mit Trailer und den weiteren Terminen.

Copyright der Beitragsbilder: Birgit Hupfeld

THEATER: Judith Herzberg – Die Träume der Abwesenden

Die dritte „lange“ Inszenierung, die man derzeit in München sehen kann. „Die Träume der Abwesenden“ (5 Stunden) von Judith Herzberg am Residenztheater. Wieder ein „Tableau“. Gesehen hatte ich zuletzt „Effingers“ (4 Stunden) an den Münchner Kammerspielen und „Unsere Zeit“ (6 Stunden) ebenfalls am Residenztheater.

Vorab: Die Inszenierung ist schon wegen der vielschichtigen Texte von Judith Herzberg, an die sich Stefan Kimmich mit dieser Inszenierung genau hält, sehr gelungen! Man wohnt drei Familientreffen bei, verfolgt die vielen kurzen Gespräche der Beteiligten. Die Inszenierung selbst hält sich gestalterisch angenehm zurück. Es ist der Text! Ich selbst bin im Laufe der fünfstündigen Inszenierung immer mehr in den Sog all der Themen, die in verschiedensten Aspekten zur Sprache kamen, gefallen und habe das Theater schließlich mit vielen Gedanken und mit dem Gefühl verlassen, eine rundum gelungene Inszenierung gesehen zu haben. Ansehen! Die Inszenierung ist keineswegs belehrend, sondern anregend! Anregend wegen der Gedanken der Beteiligten. Anfangs war alles noch etwas verwirrend, fast ermüdend, man musste erst die Personen zuordnen. Ehepaare, Geschiedene, Neuverheiratete, Eltern, Stiefeltern, Freunde, Verwandte, Verstorbene … Man merkte aber mehr und mehr, je mehr man sah: Die Sache wurde rund, man verstand die Beteiligten immer besser. Gut, dass die Inszenierung 5 Stunden dauerte!

Ich habe also zuletzt drei „Tableaus“ gesehen: „Effingers“ war die sehr historische Darstellung einer großen Familie, die in der Zeit zwischen 1870 und den Beginn des Zweiten Weltkrieges lebte. Schwere Umbrüche rein historisch betrachtet. HIER mein Bericht dazu. Die Inszenierung „Unsere Zeit“ wiederum brachte ein modernes Gesellschaftstableau auf die Bühne. Ein Tableau von Personen, die sich – teils – über ihre zahlreichen Treffen an einer Tankstelle, aber auch über Verwandtschaft und Beziehungen kennen. Man merkte bei dieser Inszenierung (von Simon Stone): Hinter jeder Person steckt im Grunde ein schweres Einzelschicksal! HIER mein Bericht hierzu. Und nun „Die Träume der Abwesenden“. Diese Inszenierung bringt das zeitnahe Tableau einer jüdischen Großfamilie aus Amsterdam auf die Bühne, bei der seit Generationen (es spielt zwischen den 1970er-Jahren und der Jahrtausendwende) vor allem das Thema der Judenverfolgung und die Schicksale der früheren Generationen mitschwingen. Die Themen schwingen mit auf den drei Festivitäten, bei denen sich die Beteiligten immer wieder treffen.

„Die Träume der Abwesenden“, inszeniert von Stefan Kimmig, basiert auf einer Trilogie der (heute 97jährigen) jüdischen Autorin Judith Herzberg mit den Teilen „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“.

Ein Foto von Judith Herzberg:

Man sieht fünf Stunden lang, wie sich die einzelnen Personen in kurzen und nur manchmal etwas längeren Unterhaltungen miteinander auseinandersetzen. Es wird helfen, wenn man sich die Beziehungen der vielen Beteiligten vorab ansieht. Im Programmheft der Inszenierung findet sich ein Überblick über den Familienstammbaum! Hier ein Foto:

Was macht die Texte von Judith Herzberg und damit auch die Inszenierung aus?

Das Kunstvolle der Texte: Man könnte ja meinen, es ginge „schon wieder“ um die Vergangenheit der Judenverfolgung! In der Tat ist dies immer wieder ein Hauptthema und natürlich zieht sich dieser Aspekt durch die fünf Stunden hindurch! Aber – und gerade das macht meines Erachtens die Texte von Judith Herzberg aus – das allein ist nicht das einzige Thema! Es geht generell um das Leben, um das Vergessen, das sich Erinnern, das Mit-Sich-Tragen der Vergangenheit, um das Altern, den Tod, die Einstellung zum Tod. Um die verschiedenen Generationen, ihre Einstellungen und Sichtweisen, um den Kampf jedes/r Beteiligten mit sich und seiner/ihrer fernen und seiner/ihrer nahen Vergangenheit. Aber erst das Verweben all dieser Aspekte miteinander macht die Texte aus! Die Texte von Judith Herzberg sind dabei nicht historisierend verengt, sie weiten vielmehr den Blick! Schon der Gedanke „Die Träume der Abwesenden“. Es ist die schöne Überlegung: Wir leben die Träume der Verstorbenen. Sicher: Die Träume der Verstorbenen bestimmen nicht komplett unser Leben, sie spielen aber immer wieder herein, so der Gedanke, was natürlich vieles erschwert.

Was die Texte von Judith Herzberg aber noch so interessant macht (mein Eindruck): Zwischen allen Beteiligten werden im Grunde ständig Dinge gesagt, die sie sich eigentlich nicht sagen, die eher gedacht werden. Das Ungesagte kommt umso ehrlicher und direkter zwischen allen Beteiligten ständig zu Wort! In diesen vielen vielen kurzen, oft lauten Gesprächen. Selbst wenn anfangs der Inszenierung Einiges noch etwas gewollt erschien, löste sich dieser Eindruck im Laufe der Inszenierung vollständig auf. Die SchauspielerInnen spielen sich mehr und mehr in ihre Rollen hinein! Mehr und mehr lernt man damit die vielen Beteiligten – insgesamt 15 SchauspielerInnen aus dem Ensemble des Residenztheaters – kennen.

Die Inszenierung und das Bühnenbild wollen bei alledem nicht irgendwie die drei Texte interpretieren oder mit noch mehr Themen verweben. Entscheidend bleiben die Texte so, wie sie sind. Alle Schauspieler und Schauspielerinnen erhalten damit viel Spielraum und überzeugen allesamt zunehmend im Verlauf der 5 Stunden. Allein eine riesige runde Lichtapparatur, die – kann man sich denken – irgendwie zeigt, dass alles miteinander verwoben ist – gedanklich, menschlich, historisch, in der Erinnerung, im Verhalten, in der Kommnikation – bestimmt gegen Ende den Hintergrund der Bühne:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Und HIER ein Trailer.

Copyright der Bilder: Sandra Then

THEATER: Simon Stone – Unsere Zeit

Es war ein intensives Theaterwochenende: (JETZT WEITERLESEN!) Am Samstag fast vier Stunden „Effingers“ in den Münchner Kammerspielen und am Sonntag fast sechs Stunden „Unsere Zeit“ im Münchner Residenztheater. Gemeinsamkeiten? Zunächst einmal: Zwei bekannte Regisseure – Jan Bosse (Münchner Kammerspiele) und Simon Stone (Münchner Residenztheater).

Weiter: Beide Stücke sind eine Art „Gesellschaftstableau“, jeweils für eine völlig eigene Zeitspanne und mit völlig unterschiedlichen Herangehensweisen. Weiter: Beide Theater zeigen endlich wieder einmal einen recht großen Teil ihrer Ensembles: Insgesamt 28 Schauspieler und Schauspielerinnen!

Vollkommen unterschiedlich dagegen waren beide Inszenierungen ansonsten, sehr interessant! Zu einem ersten Vergleich vorab: (In diesem Artikel gehe ich ansonsten auf „Unsere Zeit“ vom Münchner Residenztheater näher ein).

Effingers“: Das Stück in den Münchner Kammerspielen schildert die Zeit in Deutschland zwischen 1883 und 1914 – vor dem ersten Weltkrieg. Basierend auf dem sehr umfangreichen Familienroman „Effingers“ von Gabriele Tergit (1894-1982). Das Buch ist eher dokumentarisch – ein historisches Familientableau, drei Generationen. Fazit: Die Inszenierung war mir dadurch zu dokumentarisch und historisch.

Unsere Zeit“: Das Stück am Münchner Residenztheater schildert dagegen (in seiner Art) die heutige Zeit in Deutschland zwischen 2015 und 2021. Nicht basierend auf einem Roman, sondern auf einer Entwicklung von Simon Stone, der mit dieser Inszenierung Menschen an einer Tankstelle zeigt, die er mit dem Gesamtwerk von Ödon von Horvath, mit Textstellen und Gedanken daraus verbindet. Mein Fazit hier: Schauspielerisch durch die Bank wirklich großartig und insgesamt packend!

Weiteres zu „Unsere Zeit“: (Die nächsten Termine sind übrigens schon heute und in den nächsten Tagen!) Die Inszenierung ist eingeteilt in drei Teile. Im dritten Teil, der nicht mehr stringent an ein bestimmtes Jahr oder an bestimmte Jahre der gezeigten Zeitspanne gebunden ist, löst sich alles auf! Eine Tankstelle, wohl in einem kleinen bayerischen Ort, vielleicht an der Autobahn. Dort treffen sich immer wieder Menschen, die sich gegenseitig zum Teil kennen oder sogar verwandt miteinander sind. Wie schon bei Ödon von Horvath: Jeder Mensch hat seine Probleme, seine Vergangenheit, seine Wünsche, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen. Aus teilweise ganz normalen Gesprächen dieser Menschen kann man diese Elemente heraushören. Bestimmte Dinge entwickeln sich auch, aber man weiß längst nicht alles.

Ich erinnere mich übrigens an den für mich besten Film, den ich jemals im Fernsehen gesehen habe: Eine zum Teil preisgekrönte Verfilmung von Ödon von Horvath’s „Kasimir und Karoline“. HIER ein Trailer dazu!

Und ich erinnere mich daran, dass mein Vater einen guten Freund hatte, Traugott Kirschke, der nach jahrelangen Recherchen ein Buch über den damals etwas vergessenen Ödon von Horvath geschrieben hatte. Ich glaube mich zu erinnern, dass für Traugott Krischke dieses Buch viele viele Jahre lang das große Hauptthema war! Ödon von Horvath starb ja schon im Alter von 38 Jahren in Paris durch einen im Sturm herabgefallenen Ast.

Zurück zu „Unserer Zeit“: In den ersten beiden Teilen der Inszenierung – in den ersten etwa vier Stunden – kommt man Stück für Stück den verschiedenen Personen des Stückes näher. Meist durch einfache schnelle Begegnungen des Alltags. Wie im richtigen Leben: Man ahnt nur, dass jeder seine Geschichte hat, seine Motive, seine Wünsche, seine Ängste, seinen Charakter. Jeder spricht ja im Grunde nur Fetzen von all dem, was er meint. Stück für Stück öffnen sich aber so durch kurze Äußerungen, durch schnelle Unterhaltungen (auch einmal durch etwas längere Unterhaltungen) Türspalte zu diesen Personen. Erstaunlicherweise werden einem die Menschen genau dadurch etwas „verständlicher“. Simon Stone greift – wie schon Ödon von Horvath es gerne tat – das allgemeine Leben auf, hier das Leben an einer Tankstelle, und trifft damit auf Menschen und ihre Charaktere! So leben wir. Wir können ja gar nicht anders leben. Kurze Begegnungen. Und doch entwickeln sich wichtige Dinge. Es wird ja auch nicht nur banales Zeug geredet. Jeder äußert irgendwie immer wieder verschiedene wichtige Dinge. Gesellschaftlich oder persönlich.

Andererseits: Es sind insgesamt sehr viele Unterhaltungen zwischen all den Personen. Natürlich ist es daher nicht leicht, allen Details zu folgen. Man ist als Zuschauer allerdings manchmal sehr aufnahmefähig, fand ich, weil man genau diese Art von Unterhaltung kennt, gewohnt ist. Das Anreißen von Themen. Die Unterhaltungen treffen immer wieder Punkte, die persönlich oder gesellschaftlich in unserem modernen Leben einfach Thema sind. Flüchtlingskrise, Kapitalismus, MeToo, Corona, Soziales, München, vieles wird angesprochen. Als Zuschauer hat man es eine Zeit lang trotzdem irgendwie leicht, vielleicht haben wir uns alle durch Gewöhnung eine Technik angeeignet, derartigen Unterhaltungen gut folgen und sie interpretieren zu können.

Der dritte Teil der Inszenierung ist dann die eigentliche Offenlegung der aktuellen Situationen der Beteiligten, ihrer aktuellen „Prägungen“. Alle stecken irgendwie in Problemen, hatten teils fürchterliche Erlebnisse in ihrer Vergangenheit. Tragen jetzt die Erinnerungen daran mit herum. Meist handelt es sich um ihre „Prägung“ durch etwas aus ihrer Vergangenheit, manchmal auch um Prägung durch die gegenwärtige Situation oder durch Wünsche/Ängste etc. für die Zukunft. „Offenlegung“ der Art, wie man sie im Alltag nicht erfährt, auch in den ersten beiden Teilen der Inszenierung im Detail zum Großteil nicht erfahren hatte. Diese Prägungen und Gefühle werden im dritten Teil jeweils durch längere Monologe und Dialoge offengelegt. Es sind teilweise ergreifende Monologe und Dialoge. Etwa die Fluchtschilderungen von Hawal, dem in der Tankstelle arbeitenden Flüchtling. Seine Schuldgefühle. Auch andere Schilderungen! Ergreifend, weil man meinte, diesen Personen ansatzweise schon näher gekommen zu sein.

Verbunden wird diese Offenlegung zudem im dritten Teil noch mit einer Rückschau auf schreckliche Ereignisse an der Tankstelle. Eine wiederum sehr brutale „Lösung“, ein Amoklauf einer der Personen, die zuvor an der Tankstelle zu sehen waren. Das war an sich fast nicht nötig für diese Inszenierung, fand ich! Brutal und erschütternd, verstörend, weil es ein wenig zu sehr aus dem „Nichts“ kam. Im dritten Teil der Inszenierung kommen also geballt teils sehr schwere Schicksale der Beteiligten auf einen zu.

Jedenfalls ist es eine schauspielerisch von jeder Person wirklich hervorragende Inszenierung! Ähnlich hatten ja einige der Schauspieler und Schauspielerinnen schon in der letzten großartigen Inszenierung von Simon Stone, in „Drei Schwestern“, überzeugt. Auch dort wählte Simon Stone ja den Ansatz: Alltagsgespräche, Alltagssituationen! Aber auch inhaltlich gefiel mir die Inszenierung „Unsere Zeit“.

Fazit: „Alltag“ (die ersten zwei Teile der Inszenierung „Unsere Zeit“) bietet uns leider kaum die Möglichkeit, Schicksale und Sehnsüchte etc. der Person, auf die wir so treffen, wirklich genau zu erkennen. Wann „kennt“ man schon eine Person, mit der man kommuniziert?

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

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THEATER: „ES WAREN IHRER SECHS. Ein filmischer Inszenierungseinblick“ – Stream am Münchner Residenztheater

Auch das Münchner Residenztheater bietet verschiedene Streamings von Inszenierungen an. Für ein geringes „Eintrittsgeld“, dessen Höhe man selber wählt. Die Tickets sind dann jeweils bis 24 Uhr am Sendetag verfügbar. Der Stream ist jeweils für 48h ab Sendebeginn, also ab 19 Uhr, online. Was wird also an welchem Sendetag gebracht und kann gestreamt werden? HIER ist der Link zum Onlinespielplan des Münchner Residenztheaters, dort findet es sich.

Gestern, am 18. Februar 2021, war die Onlinepremiere von „ES WAREN IHRER SECHS. Ein filmischer Inszenierungseinblick.“ Weitere Termine sind dem Onlinespielplan zu entnehmen. Die Onlineversion dieser „Inszenierung“ ist kein klassischer Inszenierungsmitschnitt, sondern arbeitet mit dem über den gesamten Probenzeitraum gedrehten Filmmaterial. Ein Konstrukt aus Theater und Film. Es ist online die Uraufführung dieser „Inszenierung“ gewesen. Die Bühnenpremiere war am Resi auch für Februar 2021 geplant gewesen.

Der polnische Regisseur Michal Borczuch (Dramaturg und Autor Tomasz Śpiewak) zeigt hier seine erste Arbeit in München. Er hat „eine der markantesten Handschriften der gegenwärtigen polnischen Theaterszene“, heißt es. Er „spielt in seinen Arbeiten mit dem Grenzbereich zwischen Authentizität und Fiktion genauso wie mit den Interdependenzen von Leben und Theater.“

Zunächst: Filmisch großartig! Sie müssen genannt werden, das polnische Team um Michal Borczuch: Video und Schnitt Wojciech Sobolewski, Musik Bartosz Dziadosz, Licht Jacqueline Sobiszewski. Die düstere Atmosphäre auf der Bühne des Marstalltheaters wird immer wieder durch fantastische, zufällige oder gewollte, sehr eigenwillige, sehr besondere, nicht „gekünstelte“, nichts „verschönernde“ Kameraeinstellungen eingefangen und deutlich verstärkt. Filmaufnahmen, die für manche Filme einfach weggeschnitten werden würden! Auch die Musik trägt bei zur „schwierigen“ Situation derjenigen Personen, die damals die Weiße Rose bildeten und letztlich ihr Leben ließen. Sie wurden fast genau vor 78 Jahren hingerichtet, am 22. Februar 1943.

Dann: Die Onlineversion dieser Inszenierung wird genauso getragen von den fast durchweg jungen SchauspielerInnen! Man erkennt manchmal nicht, ob man eine Szene außerhalb der Proben, während der Proben oder während des Stückes auf der Bühne verfolgt. Es vermischt sich – wie die Szenen, wie Film und Theater, wie Fiktion und Realität. Ich möchte – rein subjektiv – Lana Velis hervorheben, HIER ihre Seite auf der Website des Residenztheaters.

Das Stück: Es basiert auf dem 1945 erschienenen Roman „Es waren ihrer sechs“ von Alfred Neumann. Alfred Neumann hatte, nach Amerika emigriert, im TIME Magazine von der Ermordung der Geschwister Scholl und von der Weißen Rose gelesen. Er erzählte dann aber nicht linear deren Geschichte, sondern befasste sich mit der – wie er sagte – «ewigen Idee» vom jugendlichen Widerstand gegen totalitäre Herrschaftssysteme. Allerdings: Michal Borzuchs Inszenierung spürt größtenteils der Situation der Mitglieder der Weißen Rose nach – in fiktiven Szenen – und nur in kurzen Sequenzen erfährt man den Eindruck, dass es hier auch um die „ewige Idee“ des Widerstands geht.

Ein – wie ich finde – sehr interessanter Text von Nikolai Berdjajew ist dazu dem Programmheft zu entnehmen. Der russische Religionsphilosoph Nikolai Berdjajew (1874-1948) war für die Mitglieder der Weißen Rose wichtiger Ideen- und Impulsgeber. Freiheit – Persönlichkeit- Widerstand. Eine kurze Sequenz dieses Textes wird vorgetragen. Dieser Text trifft in der Tat die ewige Idee des Widerstands!

Und vor diesem gesamten Hintergrund kann ich dieses irgendwie besondere Streaming, das Einblicke in die Proben der Inszenierung gibt, sehr empfehlen!

Hier der Text aus dem Programmheft.


„Das Dasein der Persönlichkeit setzt Freiheit voraus. Die Persönlichkeit existiert in der Welt nur dadurch, dass es nicht bloß ein Reich der Notwendigkeit, sondern auch ein Reich der Freiheit gibt. Ohne Freiheit kein Akt, keine Schöpfung, kein Widerstand. Das Individuum ist determiniert, es kann auch ohne Freiheit existieren.

Die Persönlichkeit aber ist eine Manifestation der Freiheit, sie bedeutet den Kampf der Freiheit gegen die Notwendigkeit. Ich habe hierbei nicht den Schulbegriff der Willensfreiheit als der Freiheit der Wahl im Auge, sondern den Begriff der Freiheit als schöpferischer Energie, als Bestimmung von innen her, als das geistige Prinzip im Menschen, das die menschliche Persönlichkeit erst eigentlich konstituiert. Freiheit ist Geist im Unterschied zur Natur als dem Prinzip der Notwendigkeit. Die Persönlichkeit im Menschen zeugt nicht allein von der Freiheit, sondern auch vom Geiste. Persönlichkeit heißt Widerstand gegen die unpersönliche äußere Umwelt, Nichtaufgehenwollen in ihr, Kampf gegen die Vergewaltigung durch Natur und Gesellschaft. Persönlichkeit heißt Wahl und Entscheidung. Man kann eine starke Individualität und doch nur eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit sein; dann wird man es an Widerstandskraft gegenüber den Einwirkungen der Außenwelt fehlen lassen, wird nicht ankämpfen gegen die Notwendigkeit, die den Menschen von außen her bestimmt.

Der Begriff der Persönlichkeit steht in Beziehung zu einer Berufung und zu schöpferischem Wirken. Hier stoßen wir auf das Grundparadoxon ihres Wesens. Niemand kann von sich selbst sagen, er sei eine Persönlichkeit im vollen Sinne des Wortes, er habe sich völlig zur Vollendung gebracht. Persönlichkeit ist eine unendliche Aufgabe; sie ist nicht etwas Fertiges und Stabiles. Aber damit sie wirklich werde, damit auch nur ein Kampf um sie möglich sei, damit den auf ihre Zerstörung gerichteten Kräften Widerstand geleistet werden könne, muss sie bereits da sein, muss jenes Subjekt schon vorhanden sein, das den Kampf um die Vollendung der Persönlichkeit aufnimmt. Man kann dies auch so ausdrücken: es ist die Persönlichkeit selbst, die die Persönlichkeit realisiert; nur der Mensch bringt seine Persönlichkeit zur Vollendung, der selbst eine starke Persönlichkeit sein eigen nennt. Dieses Paradoxon ist einem anderen, dem Paradoxon der Freiheit, analog. Nur der Freie vollzieht die Freiheit in seinem Leben, nur der Freie befreit sich; nur er setzt der Macht der Notwendigkeit, die über seinem Leben waltet, Widerstand entgegen. Man darf selbst nicht mehr Sklave sein, wenn man das Joch der Sklaverei von sich abschütteln will.“

© des Beitragsbildes: Wojciech Sobolewski

THEATER: Residenztheater- Georg Büchner

Auf der Website des Münchner Residenztheaters ist es kaum zu finden. Daher hier mein Hinweis: Mit „Dantons Tod“, „Woyzeck“ und „Leonce und Lena“ ist derzeit – alle drei Werke sind im (aktuell bekanntlich lahmgelegten) Repertoire des Münchner Residenztheaters – das dramatische Gesamtwerk Georg Büchners online im Stream zu sehen!

HIER der Link zur Seite auf der Website des Residenztheaters. Das Streaming findet sich unter dem Titel „Resi sendet“.

  • Dantons Tod läuft schon seit Samstag, den 14. November
  • Woyzeck ist ab Samstag, den 21. November im Stream zu sehen und
  • Leonce und Lena» wird ab Samstag, den 28. November zu sehen sein

Alle drei Streams sind – so verstehe ich es – bis zum 30. November aufrufbar

Theaterfreunde wissen: „Dantons Tod“ hatte erst am 30. Oktober 2020 Premiere, inszeniert von Sebastian Baumgarten. „Woyzeck“ ist eine der berüchtigten Inszenierungen von Ulrich Rasche und „Leonce und Lena“ ist eine der eigenwilligen und immer originellen Annäherungen von Thom Luz.

Zusätzlich lesen Ensemblemitglieder Auszüge aus Büchners «Briefen» sowie seine revolutionäre Flugschrift «Der Hessische Landbote».

Ergänzend dazu spielt außerdem die Schauspielerin Lisa Stiegler weiterhin «50 Mal Lenz – Ein Versuch» auf Zoom: Pro Vorstellung sind je fünf Zuschauer*innen live per Zoom-Konferenz zur Vorstellung in der Theatergarderobe eingeladen.

Die drei oben genannten Inszenierungen – ich kenne die beiden letzteren – sind wohl sehenswert. Es geht ja auch darum, zu testen, wie man Theatererlebnisse derzeit verkraftet, erfährt. Was man wie aufnimmt. Es hat sich ja alles verändert und man hört von der Erwartung, dass das Theater viele viele Jahre lang nicht mehr so sein wird, wie es war. Wenn es überhaupt jemals weder so sein kann.

THEATER: Aussicht

Es ist ein Foto einer Wand, mehr nicht. Ein Foto von zweimal „Aussicht“. Beides passt irgendwie zusammen. Einmal der staunende Blick in die Landschaft – eine Szene aus „Caspar Western Friedrich„, das schöne, fast wortlose Stück an den Kammerspielen aus 2016, das vielen Münchnern unverständlich blieb. Und einmal im Wort.

Wie geht es weiter? Die Frage stellt sich immer wieder. Momentan besonders. Auch im Hinblick auf das Theater fragt sich natürlich: Wie geht es weiter? Man wird es im Herbst sehen – etwa in München, an den Kammerspielen, dem Residenztheater, dem Volkstheater, dem Metropoltheater, dem HochX und und und. Wie wird sich Theater verändern? Wie wird sich der/die Zuschauer/in verändern? Kann es überhaupt weitergehen? Und Theater selbst ist ja „Aussicht“. Immer mit der Frage: Wohin schaut man als Theatermacher? Wie schaut man? Schaut man ernst? Fröhlich? Zuversichtlich? Besorgt? Mein Gott, es ist alles so vielschichtig! Aber es genügt ja schon, wenn an EINER Schicht gekratzt wird, mehr geht nicht. Aber wenigstens kratzen, das finde ich immer gut. Nicht nur belustigen. Die Kammerspiele etwa. Dort schaute man immer sehr offen in die Welt und war wahrscheinlich sogar selber immer wieder überrascht, wie es einen selbst verändert, offen und tolerant, mit Respekt vor allem, Ausschau zu halten, sich zu begegnen. Warum sollte man auch allzu viel festzurren und darauf beharren? So war, glaube ich, auch eine recht besondere Atmosphäre an den Kammerspielen entstanden in den vergangenen fünf Jahren. Ich hatte es ja selber gemerkt und sehr geschätzt. Samouil Stojanov, Mitglied des Ensembles der Kammerspiele in den vergangenen fünf Jahren, sagte kürzlich in einem Interview, „die Leute wären baff“, wenn man dort noch ein paar Jahre zusammengeblieben wäre. Ja, Aussichten haben eben immer viel Potential …

... hier höre ich auf mit diesem Text. Werde ihn aber immer wieder ergänzen. Ich wollte eigentlich nur das Foto bringen, es gefällt mir irgendwie.

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THEATER: Thom Luz – Leonce und Lena (nach Georg Büchner)

Es ist höchste Toleranz gefragt und dann ist es einfach schön! Höchste Toleranz! Genau das zeichnet für mich Theaterbesuche aus. Tolerant sein, offen sein, nicht etwas Bestimmtes erwarten, nicht alles an herkömmlichen Maßstäben messen.

So funktioniert auch Thom Luz. Thom Luz bietet jetzt am Münchner Residenztheater mit „Leonce und Lena“ einen Abend, an dem wieder genau diese Toleranz und Offenheit hilft. Am Sonntag gab es die Münchner Premiere des Stückes, das zuvor schon unter Andreas Beck am Theater Basel lief. HIER ein kurzes Video dazu.

Man mag gerade bei einem Titel wie „Leonce und Lena“ von Georg Büchner eine klassische Inszenierung erwarten. Noch dazu auf der großen Bühne des Residenztheaters. Doch genau das gibt es an diesem Abend nicht. Andreas Beck hat sich damit eindeutig – und durchaus mutig! – dafür entschieden, die Münchner zu überraschen. Thom Luz auf der großen Bühne! Und ich finde, genau das tut gut, jedem Theatergänger tut es hoffentlich gut, grenzenlos offen zu sein. So sollte man auch zu dieser Aufführung gehen.

Es wird natürlich auch Theaterfreunde geben, die nur (oder vorwiegend) klassische Inszenierungen gut finden. Es mögen solche Zuschauer gewesen sein, die nach der Vorstellung dem Beifall Buhrufe beistreuten. Auch das hat natürlich seine Berechtigung. Aber es gibt doch keinen Grund, bei einem Theaterbesuch weniger offen zu sein, als beim gewollten Anblick eines Kunstwerkes.

Thom Luz jedenfalls wählt immer schon sehr eigenwillige Themen, sehr eigenwillige, poetische Gestaltungen. Auch seine Inszenierung „Olympiapark in the Dark“, die ja derzeit im Marstall zu sehen ist, ist entsprechend eigenwillig. Eine eher akustische Annäherung an München. Seine bisherigen Stücke waren allesamt eigenwillig, haben immer etwas Poetisches, keinen Handlungsstrang. Ich kenne „Traurige Zauberer“, „Girl From the Fog Machine Factory“, „Olympiapark in the Dark“ und jetzt „Leonce und Lena“. Er hat sehr viel mehr gemacht, zuletzt in Basel „Radio Requiem“. HIER ein Überblick seiner Produktionen.

Maurice Maeterlink wird im Programmheft so schön zitiert, wenn er mit seinen Augen über das Theater schreibt:

Eine Hand, die nicht uns gehört, klopft … manchmal an die geheimen Pforten des Instinkts – oft könnte man beinahe sagen, des Schicksals, so groß ist die Ähnlichkeit. – Man kann sie nicht öffnen, doch sollte man aufmerksam zuhören.“

Es hätte auch Thom Luz sagen können.

Und gerade mit dieser Toleranz ausgestattet kann man wunderbare Dinge auch an „Leonce und Lena“ – diesem inhaltlich ja sehr überschaubaren Drama von Georg Büchner – entdecken. Mit dieser Toleranz fallen Details auf: Allein die Bewegungen der SchauspielerInnen! Immer wieder auch ihre die Positionierungen auf der Bühne. Die Verschiebung der SchauspielerInnen, das Bühnengeschehen! Besonders Lisa Stiegler in der Rolle der Lena! Es fällt fast deutlich auf: Sie scheint sich vollkommen wohl gefühlt zu haben in dieser Inszenierung und spielte wunderbar! Oder die Sequenz, in der minutenlang in völliger Dunkelheit gespielt, geredet wird (auch die an sich immer grün leuchtenden Notausgangsschilder im Zuschauerraum werden in dieser Zeit verdeckt). Die totale Reduktion auf den Text, auf das gesprochene Wort. Die Dunkelheit zeigte: Auf den Inhalt der „Geschichte“ von Leonce und Lena kommt es hier nicht an. Schon der leichte Nebel, der vor Beginn der Aufführung durch das ganze Theater zog, deutete eher an: Es kommt ein Abend von Thom Luz!

Zur „Geschichte“ von Leonce und Lena:

Sie ist, so Thom Luz, „scheinbar schnell erzählt: Ein Prinz und eine Prinzessin aus benachbarten Königreichen flüchten vor einer arrangierten Ehe, verlieben sich inkognito ineinander und versuchen, mit einer List ihren Lebensweg selbst zu bestimmen – nur um am Schluss festzustellen, dass sie ihrem vorbestimmten Schicksal in die Arme geflüchtet sind.“

Vor dem Hintergrund dieser „Geschichte“ geht es Georg Büchner aber wohl eher um verschiedene Weltsichten. Liebe und Tod, Melancholie und Sehnsucht, das Ich und die Gesellschaft. Es sind auch im „Originaltext“ fast nur Betrachtungen.

Thom Luz greift für seine wieder poetische (und natürlich nicht klar verständliche) Inszenierung dementsprechend verschiedene Einzelkomponenten des „Romans“ auf. Und dem folgend enthält das Programmheft ein alphabetisch geordnetes kleines Kaleidoskop der prägenden Begriffe des Stückes. Von Automat bis Zitate. Und dazu – auf der Bühne – Bewegungen und Musik.

Auffallend ist im Übrigen auch, so mein Eindruck, dass die Textpassagen des Romans, die gesprochen werden, mitunter in dieser Thom’schen Szenerie eine andere Bedeutung erhalten, als im Originaltext. Sie tauchen aus einer Versenkung auf.

Das Bühnenbild ist, wie von Tom Lutz gerne gestaltet, ein nicht näher definierbarer Raum. Es könnte eine Werkstatt sein, man sieht eben Gegenstände herumstehen, die zum Einsatz kommen. Gut, es gab auch Szenen, die etwas albern, vordergründiger waren. Die Violine unter der Schuhputzmaschine etwa. Trotzdem! All das hat bei Thom Luz gerne Wirkung und Bedeutung, hier mit Bezug zu „Leonce und Lena“. Es geht ja bei Leonce und Lena auch um Automaten.

Also: Hingehen, offen sein, hinsehen und hinhören!

HIER ein Gespräch mit Thom Luz über die Inszenierung, Auf Französich allerdings.

Und HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Ewald Palmetshofer – Vor Sonnenaufgang (nach Gerhart Hauptmann)

Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ in der Fassung von Ewald Palmetshofer wird derzeit nicht nur am Münchner Residenztheater gebracht. Es wird auch am Theater Bonn (HIER ein Video) gebracht und ist – noch – am Theater Rudolstadt zu sehen (HIER auch ein Video). Zuletzt wurde es außerdem am Theater Regensburg gezeigt (HIER noch ein Video) und am Schauspiel Frankfurt (auch HIER ein Video). Und HIER das Video des Münchner Residenztheaters.

Die jeweiligen Inszenierungen dieser Fassung sind natürlich – siehe die Videos – sehr unterschiedlich! Die aktuelle Fassung am Münchner Residenztheater – eine Übernahme vom Theater Basel – ist von der jetzigen Hausregisseurin am Münchner Residenztheater, Nora Schlocker, inszeniert.

Nora Schlocker lässt auf der Bühne gerne Schlichtheit walten. So geht sie auch an ihre Inszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ am Residenztheater heran. Und so hat sie kürzlich „Die Verlorenen“ inszeniert, derzeit auch am Münchner Residenztheater zu sehen. Auch das ein Stück von Ewald Palmetshofer. Mein Beitrag dazu ist HIER. Sie gibt damit Platz für Inhalt, Text und Schauspieler.

Alles spielt sich schlicht vor einer kahlen Wand (in schönen Farben, vor allem zu Beginn!) ab, ein – zwei Türen (das sind die Szenen IM Haus), und ab und an vor einer zusätzlich davor herabgelassenen Wand mit Vorhang und Zugang ins Haus (das sind die Szenen VOR dem Haus).

Ewald Palmetshofer und Nora Schlocker kommt es sehr auf den Text an. Palmetshofers Textfassungen haben sprachliche Besonderheiten. Die Texte zeichnen sich dadurch aus, dass es selten Sätze sind, oft nur Bemerkungen, Wörter, Sätze werden nicht zu Ende gesprochen, Worte werden gesagt. Von „Wortmusikalität“ habe ich gelesen. Von 2012 bis 2015 unterrichtete er am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. Das ist interessant, statt umständlichen Formulierungen folgt man schnellen Worten, Assoziationen in seinen Texten. Man merkt oft nicht, dass es keine abgeschlossenen Sätze sind, man hat schon verstanden., Andeutungen genügen.

So auch in der Fassung von „Vor Sonnenaufgang“ am Münchner Residenztheater. In der Tat wird dem Text durch die Inszenierung viel Raum gegeben. Gerade dem Text. An den Stellen, an denen fast monologartig gesprochen wird, wird es deutlich. Thiemo Sturzenberger etwa als der Arzt Dr. Peter Schimmelpfennig (er besucht die hochschwangere Martha) bekam nach seinem Monolog Szenenapplaus.

Auch das Schauspielerische hat viel Platz, der Zuschauer wird nicht abgelenkt. Die Schauspieler hätten vielleicht sogar noch mehr aus sich heraus gehen können, das mag ich. Vor allem die beiden zentralen Figuren, gespielt von Michael Waechter und Simon Zagermann, spielen fast betont zurückhaltend. Aber gut, der Text!

Worum es in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ geht:

Ein Tag, eine Nacht. Der Journalist Alfred Loth (Simon Zagermann) kommt überraschend aufs Land zu seinem wohlhabend verheirateten ehemaligen alten Freund Thomas Hoffmann (Michael Wächter). Alfred Loth will – sagt er irgendwann – feststellen, warum „wir alle immer weiter auseinander driften“. Er greift Thomas Hoffmann aber auch an. Loth der Idealist, Hoffmann der Materialist – der sich plötzlich politisch engagiert. Loth sieht es so, dass Hoffmann die Fleißstory erzählt. Der übersieht, dass andere ihm alles ermöglicht haben. Hoffmann sagt, er muss es so erzählen, damit es die anderen verstehen. Es geht um eine gewisse Verlogenheit Hoffmann´s. Der Konflikt zwischen Hoffmann und Loth bahnt sich etwas langatmig an, hätte im Text noch mehr Platz bekommen können.

Drum herum erlebt man weiteres Geschehen, das ich hier nicht ausufernd schildere. Es „füllt“ das Stück eher. Die schwangere Martha, Thomas Hoffmanns Frau; die alleinstehende Helene, Marthas Schwester; kurze erotische Übergriffe und Zuneigungen; Egon, der trinkende Vater der beiden Frauen; Annemarie, die resolute zweite Frau des Vaters; Dr. Schimmelpfewnnig, der Arzt für Helene. Palmetshofers Text gibt – auf diese Personen gestützt – immer wieder interessante Ansätze her, andeutungsweise. Im Zentrum der große Konflikt Hoffmann – Loth, siehe das Beitragsbild. Gerade dieser große Konflikt hätte im Text – finde ich – durchaus noch mehr Raum verdient. Es zieht ja in unseren Zeiten ohnehin so Vieles so schnell an uns vorbei.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Roland Schimmelpfennig – Der Riss durch die Welt

Das Thema ist nicht neu: Wohlhabende und immer erfolgreiche Menschen und Personen, denen es nicht so gut geht, die die heile Welt in Frage stellen und erschüttern. Oder: Personen, die zumindest anders denken und anders leben. Es geht aber auch schnell um „Reich und Arm“.

Mittlerweile geht es nicht mehr nur um das soziale Thema, sondern auch um die ökologische Frage. Das Soziale und das Ökologische, unzweifelhaft die zwei großen Themen unserer Zeit – in unserer Welt. In beiden Bereichen zerstören wir – in den westlichen Ländern allemal – immer mehr die Welt!

Speziell das Thema „Reich und arm“ wird momentan auch in dem zurzeit von Fachleuten unglaublich gelobten Film „Parasite“ aufgegriffen! Es ist für viele der „beste Film des Jahres“! Ein asiatischer Film, eine arme Familie dringt über Jobs mehr und mehr in das Leben einer reichen Familie ein. HIER der Trailer des Films.

So, nun zur Inszenierung im Residenztheater:

Sie reden über einen Abend, die Szenen kommen immer wieder hoch, wiederholen sich, es kommt nicht auf Chronologie an. Sie reden und zeigen, wie es war. Ansich ein schöner Ansatz. Eine Inszenierung von Tilmann Köhler. „170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung“ heißt der Untertitel des Stückes am Residenztheater. Mein Kommentar aber:

Das war nichts! Angesichts des großen Themas des Stückes – aufgeladen noch dazu mit biblischen Themen! – hat mir diese Inszenierung überhaupt nicht gefallen! Ich schreibe heute eine sehr deutliche Kritik! Aber hingehen und ansehen und selber urteilen!

Es war rundum nicht genug, finde ich! Es passte hinten und vorne nicht! Es geht los bei der vielleicht falschen Besetzung, dann das fragwürdige Bühnenbild, dann die nicht bestehende Kostümierung, der Inhalt des Stückes, die Inszenierung ansich. Alles war – vor allem in der Gesamtheit – meines Erachtens eine Themaverfehlung. „Setzen, Sechs“, würde ich, wäre ich Lehrer, sagen, „dieses Thema hat mehr verdient!“ Hier all das, was mir auffiel:

Der Inhalt:

Roland Schimmelpfennig hat das oben genannte Thema eines ökologischen und sozialen Konfliktes für das Münchner Residenztheater in einem Auftragsstück mit dem Titel „Der Riss durch die Welt“ aufgegriffen.

Das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Paare: Eine Künstlerin und Jared, ihr Assistent, und ein wohlhabendes Millionärsehepaar, das die beiden empfängt, um über die Finanzierung des Projektes der Künstlerin „Riss durch die Welt“ zu reden. Roland Schimmelpfennig ist erfahren, etwas über 50 Jahre alt, hat schon viele Erfolge gehabt.

Roland Schimmelpfennig bringt noch dazu in seinem Stück einen Zusammenhang mit den zehn „biblischen Plagen“ aufs Tableau. Das sollte wohl die aufkommende ökologische Katastrophe verdeutlichen. Auch der „Riss durch die Welt“, ein Blutstrom, der alles mitreißt, als Kunstprojekt irgendwie, soll natürlich auf das ökologische Desaster hinweisen. Mit der biblischen Anleihe vor allem wurde aber jede ökologische oder soziale Frage fast auf eine mythische Ebene gehoben. Und damit irgendwie unantastbar. Man kann den Ansatz ja grob verstehen, aber dem Thema half es nicht!

Der Gesamteindruck:

Das Stück, dieses Auftragswerk für das Residenztheater, hätte meines Erachtens vielleicht – vielleicht – funktioniert, wenn es wirklich auf die Spitze getrieben worden wäre von Tilmann Köhler. Das hat er aber nicht gemacht. In keinem Detail. Nichts davon war irgendwie „erschreckend deutlich“ oder verstörend oder aufrüttelnd. Das Stück hätte vielleicht drastische Videobilder, drastische Musik, drastische Schauspieler, drastische Szenen etc. gebraucht. Dann hätte es vielleicht funktioniert. Dann wären die wenigen guten Ansätze des Stückes vielleicht auch deutlich geworden.

Das Einzige, was an diesem Abend „auf die Spitze getrieben“ wurde, war, dass Jared – der Assistent der Künstlerin – sechs- oder siebenmal (es mag im Grunde immer wieder derselbe Wurf gewesen sein, dieser eine Moment wurde eben mehrfach wiederholt) ein Glas Champagner gegen eine riesige Metallwand wirft. Das gefällt doch: Ein Glas Champagner gegen die Wand. Und alles geht weiter. Und dass das Millionärspaar teils mit irgendwelche Ansichten angeschrieen wurde. Auch erotische Annäherungen sind dann plötzlich noch im Spiel.

Die Besetzung von Jared, dem Assistenten der Künstlerin:

Musste das wirklich sein? Der Assistent, der die Welt des reichen Ehepaares am meisten kritisiert, ist dunkelhäutig! Benito Bause. Man wird als Zuschauer also sofort in das Klischee „Weiße und Dunkelhäutige“ gestoßen! Fürchterlich unnötig und völlig unpassend. Was für eine abgeschmackte Idee!

Die Besetzung der anderen Personen:

Sie spielen es im Grunde alle mit wenig Überzeugung, war mein Eindruck. Auch das hat das Thema nicht verdient. Aber was sollen sie machen, die Personen sind wohl vom Autor nicht anders gezeichnet. Vielleicht waren für diese Inszenierung aber einfach auch die falschen SchauspielerInnen ausgewählt.

Oliver Stokowski als millionenschwerer Sattelitenhändler: Nicht überzeugend, er hätte auch Arzt sein können. Carolin Conrad als seine Frau: Sie geht im Stück völlig unter. Lisa Stiegler, die junge Künstlerin: Sie war noch am ehesten überzeugend. Der fast beste Moment des Abends war der, als sie sang. Benito Bause: Auch nicht überzeugend, er hätte sagen müssen: Das spiele ich nicht! Er spielte auch zu „schauspielerhaft“, fand ich. Er wird besser spielen können. Und im Hintergrund als Dienstmädchen Maria Cathrin Störmer: Diese ansich schöne Rolle der Beobachterin ist auch nicht scharf genug geworden, funktionierte auch nicht, dachte ich.

Die Kostümierung:

Alle vier Schauspieler sind offenbar an der Kostümabteilung vorbeigelaufen. Die Alltagskleidung, in der sie auf der Bühne erscheinen, war – mein Eindruck – für dieses Thema viel zu läppisch. Wo war da die Idee? Und das Dienstmädchen in typischer Rüschenbluse …

Das Bühnenbild:

Eine leere Bühne, eine riesige dunkle hohe Metallwand, die sich manchmal im Kreise drehte. Mehr nicht. Wie bei „Amphitryon“, das derzeit auch am Residenztheater läuft. Vorne am Bühnenrand standen zudem meistens vier Stühle, auf denen die SchauspielerInnen immer wieder saßen und über den Abend redeten.

Die Inszenierung:

Mein Eindruck, wie gesagt: Das Stück hätte vielleicht funktioniert, wenn alles auf die Spitze getrieben worden wäre. Ich hatte eine Inszenierung mit vielen, vielen wilden Videoeinspielungen, mit Musik, mit Ideen vor Augen, einem krassen Bühnenbild. Nichts davon war gegeben. Seltsam, Regisseur Tilmann Köhler gehört doch eigentlich zur wachen jüngeren Generation. Er ist gerade 40 Jahre alt. Aber so?

Ich habe jedenfalls das Cuvillestheater verlassen und fühlte mich betäubt von einer letztlich nicht einmal im Ansatz wirklich irgendwie empathischen, berührenden, sondern einer eher beliebig arrangierten Vorstellung. Angereichert mit biblischen Bildern, die in ihrer Zusammenhanglosigkeit alles im Nichts auflösten. So möchte ich nicht oft das Theater verlassen.

HIER die Stückeseite der Inszenierung auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then









Von meinem iPad gesendet Blog: www.qooz.de

THEATER: Heinrich von Kleist – Amphitryon

Es war die „Münchner Premiere“ von Julia Hölschers Inszenierung von Heinrich von Kleists „Amphitryon“ am Münchner Residenztheater. Julia Hölscher war zuletzt Hausregisseurin am Theater Basel. Sie wechselte mit dieser Spielzeit nach München. Auch ihre Inszenierung des „Amphitryon“ wurde aus Basel übernommen. Das Stück „lief“ seit Januar 2018 am Theater Basel.

Ihre Inszenierung des „Amphitryon“ ist keine freie Interpretation von Heinrich von Kleists Lustspiel. Es ist eine sich nahe am Original orientierende Inszenierung – versehen natürlich mit vorsichtig eingestreuten, fast unumgänglichen Modernisierungen. Mehr an Modernisierung aber nicht.

Der Text etwa ist natürlich nicht wortgetreu, sondern für die Bühnenfassung etwas erleichtert. Die Spielweise der SchauspielerInnen ist zeitlos, nicht etwa veraltet. Auffallend ist besonders das Bühnenbild von Paul Zoller. Eine „Sensation“ schreibt die SZ (Egbert Tholl). Naja.

Gerade das Bühnenbild versucht jedenfalls, das Thema von Amphitryon deutlich aufzugreifen: Spiegelung, Verdoppelung. Und das gelingt auch wirklich gut!

Amphitryon und sein Diener Sosias kehren ja nach Theben zurück – nach Beendigung des Krieges gegen Athen – und müssen erfahren, dass sie schon da sind! Jupiter und Merkur haben sich in gleicher Gestalt schon eingefunden. Das ist das Thema.

Schon vor Beginn der Aufführung etwa sitzen die Zuschauer dementsprechend vor einer riesigen Spiegelwand, der die große Bühne des Residenztheaters verschließt. Sie sehen den ganzen Zuschauerraum. Manch Zuschauer*in fotografiert es, manche*r winkt dem eigenen Spiegelbild zu, jede*r wird sich automatisch selber gesucht haben. Der riesige Spiegel hebt sich zu Beginn der Aufführung und wird immer wieder Blicke auf die Bühne von oben ermöglichen. Hier noch ein Foto, man sieht die Bühne doppelt – einmal von vorne und einmal von oben:

Copyright: Sandra Then

Jeder steht eben immer wieder seinem Spiegelbild gegenüber und ist mehr oder weniger zufrieden damit. Und jede*r andere sieht einen immer anders. Das kann an die Substanz gehen. Ein generelles Thema, wir kennen es alle.

Schauspielerisch fiel auf, dass besonders Florian von Manteuffel als Amphitryon seiner Rolle viel Komik beigab. Anders als Pia Händler in der Rolle von Alkmene. Es blieb daher auch bei Julia Hölschers Inszenierung eine nicht ganz klare Mischung aus Komik und Tragik. Aber Florian von Manteuffel spielt ja gerne mit einer gewissen Komik, so ja auch in „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“, das in Basel lief und demnächst auch am Residenztheater kommt.

Schön ist insgesamt – seit ein paar Wochen zu sehen – das fast komplett neue Ensemble des Residenztheaters! Viele junge, sehr engagierte SchauspielerInnen, die den Inszenierungen frischen Wind geben. Gute Typen* innen.

Zu Heinrich von Kleist:

Heinrich von Kleist war jung, als er Amphitryon schrieb. 1807 war er gerade einmal 30 Jahre alt. Er wurde auch nur 34 Jahre alt, beging Selbstmord. Sein Todestag jährte sich gerade, er nahm sich und seiner Freundin Henriette Vogel am 21. November 1811 das Leben.

Amphitryon war noch dazu eines seiner eher frühen Stücke. Erst in den Folgejahren wurde er richtig produktiv.

Amphitryon ist ein „Lustspiel nach Moliere“, so schon immer der Untertitel. Es sollte eine Übersetzung werden, Kleist hat der Übersetzung dann aber doch tragische Komponenten beigefügt. Es gab also auch schon damals Stücke, die – wie ja auch heute oft im Theater – „NACH“ einem anderen Stück inszeniert werden. Eine weitere Verdoppelung wäre es gewesen, wenn Julia Hölscher eine Amphitryon-Inszenierung NACH Heinrich von Kleist NACH Moliére gebracht hätte. Es hätte gepasst.

Inhaltlich:

Auf den ersten Blick ist Amphitryon wie Bauerntheater: Eine Verwechslungskomödie. Ich frage mich, warum Kleist in jungen Jahren schon daran interessiert war. Aber er lebte wohl sehr intensiv. Von einer möglichen Antwort liest man: Heinrich von Kleist war am Thema: „Subjektives und Objektives“, besonders am „Subjektiven“ interessiert.

Und so kommt man zu diesem Stück. Alkmene – Amphitryons Ehefrau – weiß nicht mehr, was objektiv richtig ist. Wer ist der richtige Amphitryon? Und andererseits verlieren Amphitryon und Sosias ihre Subjektivität, werden darin erschüttert, geben sie auf! Viel mehr wird allerdings bei Kleist nicht aus diesem Gedanken gemacht.

Forced Entertainment:

Kürzlich sah ich im Rahmen des SPIELART-Festivals die köstliche durational performance „12 am:Awake and looking down“ von Forced Entertainment – HIER mein Bericht – und kann feststellen: Aus Sicht von Alkmene wurde auch dort dasselbe Thema behandelt: Wir sehen jemanden als etwas an, weil er sich so nennt oder genannt wird – oder so erscheint. Und sofort stellen sich Gefühle ein. Beim Betrachter und bei der irgendwie erscheinenden Person. Forced Entertainment forderte all das auf seine Art stundenlang vom Zuschauer. Eine schöne „Parallele“. HIER ein Bild:

Copyright: Hugo Glendenning

HIER der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Thom Luz – Olympiapark in the Dark

Thom Luz kommt aus der Schweiz, Zürich und Basel, und wechselt als Hausregisseur an das Münchner Residenztheater (ist es offenbar auch noch am Theater Basel). Er bringt gerne skurrile, poetische Annäherungen an ganz spezielle Themen. Ein sehr eigenes Gesicht haben seine Produktionen, er selbst hat eine eigene Handschrift, kaum anders zu finden.

Eine solche Themenwelt war bisher etwa: „Dinge, die verschwinden„. Thom Luz sei ein „Spezialist für alles, was verschwinden kann und trotzdem noch da ist“, heißt es irgendwo. Mit der Hannoveraner Treppenhausbespielung «Atlas der abgelegenen Inseln», der Mainzer Hinterbühnen-Verwandlung «Traurige Zauberer» und mit «Girl From The Fog Machine Factory» (Nebelmaschinen) wurde er zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Oder kürzlich „Radio Requiem“, auch das Thema des Verschwindens. Das ehemalige SRF-Radiostudio „auf dem Bruderholz“ in Basel wird Ende 2019 abgerissen. Auch das gab ihm Anlass, seine Poesie des Verschwindens zu entfalten.

Jetzt der Abend „Olympiapark in the Dark“ am Residenztheater (im Marstall). Erstaunlicherweise geht es hier nicht um das Verschwinden, sondern um das Ankommen, das Sich-Annähern an Fremdes, an München nämlich. Und zwar mit Klängen, mit Musik, mit Geräuschen und Dissonanzen. Nicht Harmonisches. Auch immer wieder mit kurz oder lang angespielten (oft bayerischen) Musikstücken oder angerissenen Erzählungen von Dingen, die irgendwie mit München zu tun haben. Karl Valentin, ein Busunglück in Südtirol mit vielen gestorbenen Personen, die nach München wollten, Albert Einstein, sieben Kirchenglocken ….

Werkstattcharakter, natürlich Werkstattcharakter auf der schwarzen Bühne. Und, wie gesagt, viele unfertige Dinge. Erzählungen nur wenige und kurze, ansonsten oft unharmonische Musik, auch Geräusche, etwa das Knistern von Kies beim Gehen. Oder im Eck ein auf dem Kopf stehender kleiner Film über München, den alle fragend betrachten.

Am konkretesten wird es dann gegen Ende, wenn der Olympiapark ins Spiel kommt. Man sieht Videoaufnahmen von der Gruppe der Schauspieler am Olympiaberg. Einer von ihnen läuft immer hinterher, gehört nicht ganz zur Gruppe. Auch das könnte einer der Eindrücke von München sein: Mia san mia. Zwei große schöne Laternen aus dem Olympiagelände werden auf die Bühne getragen.

Und immer wieder Musik. Musik, die aber – wie die Erzählungen – oft unterbrochen wird. Aus der Musik entsteht ein Spiel mit den auf der Bühne verteilten Lautsprechern, man greift herumhängende Mikrophone, spielt auf Streichinstrumenten. Alles immer wieder unterbrochen, wie im richtigen Leben. Eine der Überlegungen von Thom Luz wird in Richtung Musik gehen. Vielleicht: Es ist nicht die harmonische Musik, die uns die Welt zeigt, wie sie ist.

Und ein Gedanke von Thom Luz aus dem Programmheft: „Also man wird auf einem Teppich geboren, rollt dann eine halbe Arschbacke weiter auf diesem Teppich von links nach rechts hört dabei etwas unverständlichen Straßenlärm aus dem Fenster und stirbt kurz darauf, und der Teppich hat sich dabei nicht verändert

Tja, und hört viele Klänge, Versuche von Musik …. Es ist ein „tyischer Thom Luz“, etwas schwerer verdaulich diesmal, etwas weniger Poesie, aber wieder mit Nachwirkung. Die Dinge – mehr als hier angesprochen – wirken ineinander.

HIER die Stückeseite auf der Website des Residenztheraters.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Simon Stone – Drei Schwestern nach Anton Tschechow

Die vierte Premiere der neuen Spielzeit am Münchner Residenztheater. „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, inszeniert von Simon Stone. Das „Stück“ kommt aus Basel, es „lief“ am Theater Basel, wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen als eine der 10 „bemerkenswertesten“ Inszenierungen des Jahres 2017.

Über dem Stück liegt etwas wie: Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen.

Die Inszenierung wird nun gewissermaßen den Münchner Theasterfreunden vom Residenztheater „geschenkt.“ Es ist ein schönes Geschenk!

Ich hatte die Inszenierung damals in Berlin gesehen. Jetzt hatte ich erneut die Gelegenheit. Mit komplett denselben SchauspielerInnen kann man sie jetzt wieder sehen. Denn zusammen mit dem Intendanten Thomas Beck sind unter anderen genau die SchauspielerInnen, die an dieser schönen Inszenierung immer schon mitwirkten, von Basel nach München, an das Residenztheater, gewechselt. Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.

Es wechselten noch weitere SchauspielerInnen vom Theater Basel an das Münchner Residenztheater, man sieht ein großes neu zusammengestelltes Ensemble.

HIER mein damaliger Bericht über die Inszenierung von „Drei Schwestern“, die am Theatertreffen 2017 in Berlin gezeigt wurde. Damals hatte ich etwa geschrieben:

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss!“

Das ist ein Aspekt: Alltagsgeschehen. Drei Tage verfolgt man, verteilt über einige Monate, in einem Landhaus, das auf der Bühne steht und sich immer wieder langsam dreht. Ein sehr gelungenes Bühnenbild. Das Besondere ist, dass man immer wieder gleichzeitig in verschiedene Zimmer blickt. Weihnachtsvorbereitungen, Gurke schneiden, Musik, die Toilette, das Schlafzimmer, der Weihnachtsbaum … klingt unspannend, aber:

Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Ihren Ehepartnern und ein/zwei Freunden zusammen. Das erste Treffen im Frühling, ein Geburtstag, die Weihnachtsfeier dann im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil.

All das banale Alltagsgeschehen und Gerede zeigt sich vor dem Hintergrund, der im Programmheft gut dargestellt wird und vielleicht Tschechows Intention trifft:

Wenn Menschen miteinander reden, liegt die Wahrheit selten in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. Sie reden, um zu reden. Sie reden, ohne einander zu antworten: aneinander vorbei, jeder mit sich selbst beschäftigt. Sie reden, um zu verschweigen, was sie denken. Sie reden, um sich selbst etwas vorzumachen. Immer wieder entstehen Pausen, weil sie einander nicht verstehen oder nicht zuhören. Tschechow entdeckte die dramatische Bedeutung des Schweigens“. (Siegfried Melchinger in: Süddeutsche Zeitung vom 02.11.1968.)

Und man liest im Programmheft:

„… vielleicht das vollendetste der Tschechow’schen Dramen … die ausschließliche Darstellung einsamer, erinnerungstrunkener, von der Zukunft träumender Menschen.“ (Peter Szondi, Frankfurt am Main 1965.


Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören, rennt irgendwie gegen die Wand. Oder trägt schon länger Unglück mit sich herum. Olga, die älteste der Schwestern (alle sind recht jung), sie ist es, der derallmähliche Verfall auffällt. Sie schreit – wild durch das Ferienhaus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es nicht aufhalten.

Alle SchauspielerInnen spielen hervorragend selbstverständlich ihre Alltagsrollen. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen. Das macht durchgehend Spaß. Man sieht Ihnen allen in diesem Landhaus so gerne zu, das „Stück“ wird den SchauspielerInnen ans Herz gewachsen sein.

Hier ein paar Andeutungen zu den sich anbahnenden Zerstörungen des persönlichen Glücks:

Mascha, die mittlere Schwester, ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht Ehebruch mit Alexander. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder, seine Familie bewohnt das Nachbarhaus, und begeht somit seinerseits Ehebruch. Sie wollen nach Amerika. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. ansehen!
Irina, die jüngste der Schwestern, reagiert zögerlich, als sie von ihrem Freund Nikolai gefragt wird, ob sie ihn denn wirklich liebt. Und Nikolai … ansehen!
Olga, die älteste der Schwestern, zerstört dagegen am wenigsten. Weder ihr Leben noch das Leben anderer.

Andrej wiederum, der Bruder der drei Schwestern, ist drogensüchtig, verspielt alles Geld, hat seinen Job aufgegeben.
Roman, der etwas ältere Freund im Kreis, steckt im Existenzialismus fest, trinkt und … ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister müssen erkennen, dass das Haus, der Familienbesitz, verkauft wurde, von Andrej wegen seiner Schulden. Natascha, die Ex-Frau von Andrej, kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej nebenbei, dass ihr zweites Kind … ansehen.

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.

Thema dieser Inszenierung ist der Verfall. Jeder hat Schwierigkeiten, das zu erreichen, was er/sie sich wohl vorstellt oder wünscht. Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit und ihren Zukunfts-vorstellungen nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Was harmlos beginnt, endet teils tragisch.

Ich dachte mir auch: Wie unterschiedlich die Aspekte sind, die man aus Tschechows „Stück“ „Drei Schwestern“ ziehen kann! So geht es in der derzeit „gegenüber“ an den Münchner Kammerspielen zu sehenden, völlig anderen Inszenierung der Drei Schwestern allein darum, dass die drei Schwestern nie vom Fleck kommen. Von Moskau träumen, aber nie dorthin kommen. HIER meine damalige Besprechung zu dieser auch sehr interessanten, höchst abstrakten Inszenierung von Susanne Kennedy.

HIER der link zur Stückeseite des Residenztheaters mit weiteren Bildern, Trailer etc.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


THEATER: Ewald Palmetshofer – Die Verlorenen

Der 400ste Blogbeitrag!!

Zur neuen Intendanz im Residenztheater: Zwei weitere Premieren: „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer und „Sommergäste“ von Maxim Gorki. In Kürze folgt „Olympiapark in the Dark“ von Thom Luz und „Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, eine Übernahme aus Basel, eine sehr erfolgreiche Inszenierung. Aber auch das ist nicht alles.

Zu „Die Verlorenen“: Der österreichische Autor (und Philosoph) Ewald Palmetshofer hat schon mehrfach für Andreas Beck geschrieben. Auch „Die Verlorenen“ ist eine Auftragsarbeit – jetzt für das Residenztheater. Im Grunde geht es um den Menschen der im Weltall und mit sich selbst und mit anderen immer nur verloren ist. Allein und verloren. So beginnt es auch:

Hallo? Hört uns jemand? – kann uns jemand – ist wer – ist wer da? – wir… – wir sehn wir spürn nicht, ob da …“

Das Bühnenbild ist geordnet, clean. Man wirkt nicht unbedingt verloren darin: Ein dicker weißer Rahmen verkleinert die Bühne, im Hintergrund ist auch die Tiefe des Raumes verkürzt durch eine leicht zurückversetzte große weiße Wand. Helles Licht. Ansonsten eine absolut leere Bühne. Das wiederum gibt Anlass, sich etwas verloren zu fühlen. Die hintere Wand wird sich nach der Pause absenken und nur noch ein schwarzes Nichts dahinter eröffnen. Siehe das Beitragsbild. Das tiefe Schwarz, in das man nach der Pause blickt, verdüstert dann auch die Stimmung.

Man könnte meinen, das Stück ist sehr negativ: Was ist der Mensch? – er wird geboren – er lebt „einen Augenblick“ lang – er führt sich auf – hat seinen Alltag – hat Probleme – kann schlecht kommunizieren – dann ist er wieder tot – was bleibt von ihm? Diese Fragen sind es, die im Stück angesprochen werden. Es gibt natürlich keine Antworten dazu. Die Fragen sind das Stück, allenfalls die Feststellung, dass wir uns durch irgendetwas durchkämpfen müssen ohne Hilfe von außen. Und dann sind wir wieder weg.

Umrahmt von diesen schweren Fragen folgt man einem Alltagsgeschehen: Clara – geschieden – fährt zu ihrem Exmann Harald und seiner Frau Svenja, um Ihnen zu sagen, dass sie den Sohn Florentin die nächsten Wochenenden nicht nehmen könne. Sie ziehe sich zurück. Warum, wird nicht ganz klar. Vielleicht Burn-Out? Im einsamen Haus ihrer Tante lernt sie den jungen Kevin kennen. Kurze Affaire, nichts längeres, nur die eine Nacht, Probleme dann mit Florentin, den Harald und Svenja zu ihr bringen, er ist von der Schule suspendiert worden, auch das nichts Besonderes. Aber es eskaliert. Clara ist ziemlich verloren, gescheitert in vielerlei Hinsicht. Und am Ende – nach Claras Beerdigung – reden alle wieder chormäßig über den Sinn des Lebens, das sinnlose Menschsein. Von oben gebe es keine Rettung. Ein atheistischer Gedanke.

Ein paar Dinge blieben mir etwas fragwürdig, dazu muss man das Stück aber gesehen haben: Warum etwa geht Clara, wenn sie sich zurückziehen will, in eine Diskothek? Mir erschien Clara auch zu wenig gescheitert, zu wenig verloren. Generell wurden auch unnötigerweise immer wieder weitere Themen notwendigerweise nur oberflächlich gestreift, anstatt das Grundthema weiter anzugehen. Und insgesamt empfand ich die Kostümierung der SchauspielerInnen zu gediegen. Allein am Anfang: Alle schön abgestimmt in beigefarbenen Trenchcoats.

Die Inszenierungen unter der Intendanz von Andreas Beck sind insoweit sicherlich noch steigerungsfähig. Weg vom Gefälligen, wäre mein Geschmack. Andererseits wurde am Ende begeistert gejubelt. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber jeder ist – nach Ewald Palmetshofers Überlegung – letztlich verloren. Und was bleibt schon?

Der link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters: HIER

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

THEATER: Antonio Latella – Die drei Musketiere

Es kann Kultstück in München werden. Die Münchner Kammerspiele haben ja seit einiger Zeit das 10 – Stunden – Kultstück „Dionysos Stadt“, am Residenztheater könnte es nun meines Erachtens – unter der neuen Intendanz von Andreas Beck – die Inszenierung „Die drei Musketiere“ werden.

Am Sonntag war Münchner Uraufführung von „Die drei Musketiere“, im Cuvilliéstheater. Die Inszenierung wurde vom Theater Basel übernommen, Andreas Beck wechselte ja vom Theater Basel nach München. Eine Inszenierung des italienischen Regisseurs Antonio Latella, nach dem weltbekannten Roman von Alexandre Dumas. Vier Schauspieler, eine leere Bühne, die Tiefe des Raumes, das Publikum, das reicht.

Die zweite Premiere unter der Intendanz von Andreas am Münchner Residenztheater war es. Die erste Premiere – „Die Verlorenen“ – war am vergangenen Samstag, ich schreibe in Kürze darüber.

Warum Kultstück?

  • Zum Einen: Es wird auf wunderbare Art und Weise so viel geboten, die Schauspieler – Michael Wächter, Max Rothbart (oder Elias Eilinghoff), Vincent Glander und Nicola Mastroberardino – verausgaben sich, man verlässt das Theater einfach gut gestimmt. Es geht nicht anders. Es ist kein schweres Stück, kein mit tiefgehendem Inhalt überladenes Stück. Man geht hin und wird – im Sinne der alten commedia dell‘ arte – köstlich unterhalten. Es geht nicht darum, die allen irgendwie grob bekannte Geschichte der drei Musketiere auf die Bühne zu bringen. Es sind auch nicht drei Musketiere, es sind vier. Vier Schauspieler auf der leeren Bühne.
  • Es gibt keine Dialoge zwischen den Schauspielern. Es entwickeln sich nicht Beziehungen untereinander, nicht Charaktere. Darum geht es nicht. Sie sprechen als Diener, sie sprechen als die Pferde der Musketiere. Mit Witz, Ironie und Verausgabung.
  • Das große Thema ist das hehre Wort „Einer für alle, alle für einen“. Ein völlig veralteter Spruch, könnte man sagen. Die Musketiere eben. Die Schauspieler agieren mal jeder für sich, mal alle zusammen. Ein ständiges Spiel mit der Gemeinschaft. Sie lösen sich voneinander, stehen nebeneinander, wechseln die Position, treten hervor, rennen hervor, kämpfen gegeneinander, singen zusammen, singen einzeln. Schon wie sie die Bühne betreten … und verlassen.
  • Passend zu München ist auch: Die Inszenierung hat bei alledem eine schöne ganz leichte Beimischung von Südländischem, Österreichischem, Schweizerischem und Italienischem.

Und bei alledem der thematische Grundgedanke: „Einer für alle, alle für einen“: Man schaut sich nicht Quatsch an. Der Grundgedanke ist doch aktuell, durch sein Verschwinden! Er trifft unsere Zeit, scheint nicht mehr zu gelten. Heute gibt es etwa überall sogenannte „Doppelspitzen“. „Einer“ allein kann nicht mehr „alle“ repräsentieren. Oder das Thema Europa: „Alle für einen?“ Für einen Gedanken? Heute nicht mehr. Individualismus, Nationalismus steht heute auf dem Programm. Im Programmheft spricht Antonio Latella diese Entwicklung der modernen Zeit an.

„Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas repräsentierten noch den Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir folgen einer Idee, wir stehen zueinander, wir setzen uns ein dafür“. Es war noch die Zeit, in der man sogar für Kleinigkeiten sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Vieles wird in dieser Inszenierung mit leichter Ironie angesprochen, spielerisch, aber mit dem Touch in die Gegenwart. Es werden aber nicht irgendwelche Lösungen präsentiert. Auch darum geht es nicht. Es geht um die Gemeinschaft, das Ausgrenzende, das Verbindende. Und es steigert sich zu einem furiosen Finale, die „Schlusssvorhänge“ – jedenfalls am Premierenabend, aber ich vermute, dass es immer so sein wird. Dafür spricht schon der Bezug zur lockeren commedia dell arte.

Durch die Leichtigkeit im Umgang mit dem großen Gedanken kann es Kult werden, das Stück. Man muss ja nicht immer alles bitterernst sehen.

HIER der link zur Seite des Stückes auf dem Portal des Residenztheaters

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then