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THEATER: Marion Siéfert und Matthieu Bareyre – Daddy

Weltweit gibt es – heißt es – bereits weit über drei Milliarden Menschen, die mit Gaming vertraut sind, eine Zahl, die täglich weiter wachse. Vielleicht etwas hoch gegriffen, aber okay. Jedenfalls: 2027 findet – bisher fast unbemerkt – sogar die erste Esports-Olympiade (in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad) statt! Wieder eine Verschmelzug der digitalen und der realen Welt. Thomas Bach, Chef des IOC, sagte kürzlich, es sei nicht seine Welt, „doch wir können die Zahlen nicht ignorieren„. Es sei mittlerweile alternativlos, auch den eSport unter den fünf Ringen zu versammeln, „wenn wir im Leben junger Menschen weiterhin relevant sein wollen„. In welchen Spielen die Medaillen vergeben werden, ist noch nicht klar. Die letzte „Olympic Esports Week“ in Singapur umfasste zumindest Bogenschießen, Baseball, Schach, Radfahren, Tanzen, Motorsport, Segeln, Taekwondo und Tennis.

Dazu passt „Daddy“, auch wenn es hier nicht um Onlinesport geht. Das junge Mädchen Mara (Lina Fritzen), 13 Jahre alt, wird hier (vom 27 jährigen Julien [Moritz Treuenfels]) in eine Onlinewelt gezogen, in der ihr alles versprochen wird! Eine tolle Zukunft in ihren Schauspielerträumen … Reichtum … Ruhm. In dieser digitalen Welt – der Theaterwelt als digitale Welt – lehnt sie alles Störende ab. Da werden auch einmal die eigenen Eltern (Simon Zagermann und Hanna Scheibe) digital erschossen! Es geht um ihre Perfektionierung. Und es geht um „sexual abuse“.

“Daddy“ ist die deutsche Uraufführung eines Textes der französischen Theatermacherin Marion Siéfert und ihres Co-Autors Matthieu Bareyre. Beide greifen in „Daddy“ auf, wie weit die digitale Welt tatsächlich auf die reale Welt der jungen Menschen einwirkt!

Es ist eine gekürzte Fassung der französischen Originalarbeit von Marion Siéfert und Matthieu Bareyre, 2025 erschienen.

Als Zuschauer weiß man selber nicht immer genau, wo die digitale Welt aufhört und die reale Welt beginnt. Es beginnt jedenfalls mit der realen Welt, einem Grillabend von Maras Eltern mit einem Freund, an dem auch Mara erscheint. Hier hat man – Absicht oder nicht Absicht? – zunächst den Eindruck, die digitale Welt, mit der sich Mara befasst, schafft für sie tatsächlich mehr Ruhe, mehr Klarheit, als das wirre und chaotische und hektische, von den Jobs der Eltern zerrissene „reale“ Leben der Eltern. Ja, Eltern werden oft ihren großen Anteil an der wirklichen Flucht der Kinder in die digitale Welt haben!

Mara flüchtet in die digitale Welt, verliert das Verständnis für die reale Welt, kritisiert ihre Eltern, ist mit ihrem realen Leben unzufrieden. Es ist ein recht raues Stück, deutliche Sprache, nichts Feines, passend zur bedrohlichen Entwicklung von Mara. Alles wird allerdings eher einfach spielerisch erzählt, „abgespielt“, man wird als Zuschauer nicht gerade intensiv in Maras emotionale Welt und in die emotionalen Welten von Julien oder Maras Eltern gezogen. Die inneren Welten der Beteiligten bleiben leider etwas verdeckt, trotz des guten schauspielerischen Leistungen. Aber das kann kaum Kritik sein, jede Inszenierung ist anders. Eine Frage der Inszenierung (Daniela Kranz). Nun gut, das Thema und die Story sind interessant. Die Inszenierung der französischen Fassung scheint mir im Detail allerdings doch emotional deutlicher zu sein. Dort scheint es auch mehr um den Aspekt „sexual abuse“ zu gehen. Dieser Aspekt – der auch auf der Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Residenztheaters hervorgehoben wird – zeigt sich in der Tat auch in der Textfassung des Stückes (Übersetzung von Corinna Popp) deutlicher, er wurde auf der Bühne im Marstall aber weitgehend in den Hintergrund gedrängt.

Hier der Trailer zur Fassung im Marstalltheater:

Hier der französische Trailer:

HIER. der Link zur Stückeseite von „Daddy“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier noch eine Aufnahme vom „Grillabend“:

Copyright der Bilder: Adrienne Meister

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THEATER: Franz Kafka – Bericht für eine Akademie

Ich mag daher das sehr kleine Zentraltheater in München, ich mag das kleine Metropoltheater in Freimann, ich war letztens in der kleinen Bühne 3 des Münchner Volkstheaters (im ersten Stock), ich mag das Marstalltheater, die kleine Bühne des Residenztheaters hinter dem Stammhaus, ich mag das kleine HochX und ich mag die beiden kleinen Bühnen der Münchner Kammerspiele. Es gibt noch einige mehr davon! Kleine Bühnen sind ein Muss für Theaterfreunde, sie schaffen immer ein anderes Erlebnis als es ein Abend vor großer Bühne schafft!

München hat jetzt noch eine neue kleine Bühne! Das Münchner Residenztheater wird künftig im schönen alten Gebäude des Marstalltheaters (siehe Beitragsbild oben) auch einen Teil der ersten Etage „bespielen“! Siehe übrigens die Geschichte des „Marstalls“ HIER! Ein Teil dieser oberen Etage des riesig hohen Gebäudes war bisher bekannt als das „Marstall Café“, sie wird nun um eine kleine Bühnenfläche daneben erweitert und heißt künftig MARSTALL SALON, etwas geändert gestaltet, vor allem mit einem riesigen eigenwilligen Lüster.

Im Marstall Salon soll es beispielsweise (neben Lesungen, Musik, Theater, Premierenfeiern etc.) künftig auch sogenannte „Ensembleabende“ geben, was wohl von einzelnen Ensemblemitglieder des Residenztheaters frei gestaltbare Abend sein werden. Ich habe den Ensembleabend am Donnerstag besucht, was künftig kommen wird, konnte ich leider nicht erfahren.

Ensemblemitglied Max Mayer präsentierte am Donnerstagabend (spät um 22:00 Uhr) seine eigene Aufführung von Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. Die Zuschauer wurden in dünne weiße Overalls gesteckt, schon war man gefangen, ent-individualisiert, was hier Sinn machte, eine runde Sache. Eine intensive, engagierte schauspielerische Leistung von Max Mayer, ein Soloabend natürlich – dem Text entsprechend! Max Mayer hat ihn mit wenigen Partnern entwickelt (etwa einem Künstler, der während der Aufführung eine nicht einsehbare Leinwand bemalte). Er präsentierte den „Bericht für eine Akademie“ (ganz leicht gekürzt) frei – was ich allein schon irre fand. Schauspielerisch sehr intensiv, so intensiv kannte ich Max Mayer nicht von großer Bühne. Und gegen Ende las dazu der junge Schüler Oskar Probst sehr gut (ruhig und langsam) und sehr passend einen Text über eine Person mit dem Tourettesyndrom vor und war dann noch der „Mensch“ gegenüber dem „ehemaligen Affen“. Das Tourettesyndrom: Es sind Menschen, die plötzlich wie von einem Wirbelsturm erfasst die Identitäten aller weiteren anwesenden Personen aufnehmen, sekundenschnell, wie in einem „Bombardement“, und die dabei kurz vielleicht ihre eigene Identität verlieren. Wie sollte es auch gelingen, die eigene Identität in diesen Momenten zu behalten? Eine große Frage: Wie findet man seine Identität in all dem Wirrwarr? In Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ geht es zwar nicht direkt um das Finden der Identität, der Affe sieht es ja nur als „Ausweg“, sich den Menschen anzupassen, nicht etwa als Weg (zurück) in die „Freiheit“. Da ist mir der Zusammenhang zwischen Kafkas Text und dem Tourettesyndrom nicht ganz klar. Kafka lässt aber viel Interpretation zu! Aber selbst wenn es zwei verschiedene Gedanken sind, es war eine klasse Darbietung!

Der Marstall Salon, ein schöner Ort, um auch hier wieder hinzugehen und kleine Aktionen mit viel Engagement zu erleben!

Hier noch eine Lesung des Textes „Ein Bericht für eine Akademie“, der sich lohnt!

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THEATER: Samuel Beckett – Warten auf Godot

Samuel Beckett konnte die Frage, wer denn Godot sei, selber nicht beantworten, sagte er, sonst hätte er das Stück „nicht geschrieben“. So kann man nur rätseln, auf wen oder was hier gewartet wird und was man in diesem Stück überhaupt sieht, das gilt auch für diese Inszenierung. Einen Handlungsstrang gibt es nicht im Geringsten, man erlebt – absolut wortgetreu dem Text folgend – nur Absurdes, braucht Fantasie und Interpretationsfreude. Für die Vorstellung am Residenztheater kann sich beispielsweise jeder für sich etwa folgende Interpretationen „mitnehmen“:

  • Die historische Deutung: Samuel Beckett hat Warten auf Godot kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Bezüge zum millionenfachen Schicksal der Juden sind auch kurz in der Inszenierung von Claudia Bauer (auf der Videowand im Hintergrund) zu finden. Die historische Frage: Wie kann man mit diesen Tatsachen, mit diesen gigantischen Verbrechen, dieser Schuld, umgehen für das weitere Leben? Estragon etwa vergisst einfach … spricht mehrfach vom Selbstmord …
  • Es gibt eine Yin-Yang-These: Wladimir ist ein Idealist, sein Freund Estragon hat dagegen eher resigniert und ist – wie gesagt – vergesslich. Beide stellen somit die Gegenpole Geist und Körper dar oder, mit den Begriffen aus der chinesischen Philosophie, die Prinzipien Yin und Yang.
  • Eine sozialistische These dagegen besagt, dass „Warten auf Godot“ ein Drama über Armut, Hunger, Elend und Sklaverei, über das Verhältnis von Herr und Sklave ist. Schließlich treten ja (als im Grunde einzige weitere Personen) Pozzo und sein Sklave Lucky im Stück auf. Hiermit würde aber doch m. E. zu einseitig auf die beiden Personen Pozzo und Lucky abgestellt, obwohl diese in beiden Hälften des Stückes auftreten.
  • Eine andere, die existenzialistische These, drängt sich vielleicht am ehesten auf: Nicht das Warten auf Godot, eine bestimmte Person, ist das Thema des Stücks, sondern das Warten an sich, das Leben ein Wartezustand. Warten auf etwas, ohne wissen zu können, auf was wir warten. Das absurde Theater, das sinnlose Sich-Ablenken, wie es Wladimir und Estragon ja immer wieder – mit meist nicht einmal vorhandenen Dingen – tun, deren Ratlosigkeit.
  • Eine christliche These wiederum sagt schlicht, Warten auf Godot sei mit der Suche nach Gott gleichzusetzen. Wer auf Godot wartet, stellt die Glaubensfrage.
  • Oder eine zivilisationskritische Interpretation: Die Einschätzung der modernen westlichen Zivilisation, dass alles einen Sinn und einen Zweck haben muss, wird auf den Kopf gestellt.
  • Auch eine nihilistische These gibt es: Beckett zeige die Welt nach der Atombombe. Im Programmheft heißt es etwa: „Die Welt – eine tote Hose im leeren Zirkus des Universums …“
  • Oder auch eine sprachkritische Betrachtung, die zur Interpretation führt, Sprache verselbstständige sich. Es findet keine Kommunikation statt. Die Figuren wollen nichts mitteilen oder ausdrücken.

Es ist schwer, ja es war immer schon unlösbar, dem Stück selbst eine bestimmte besonders treffende Interpretation zuzuschreiben, was an der Inhaltlosigkeit, an den nicht gerade leichten „Konversationen“, Äußerungen und Handlungen der Beteiligten liegt. Auch Claudia Bauer versucht nun natürlich mit ihrer Inszenierung – im engen Rahmen, den Samuel Becketts testamentarische Vorgaben für Aufführungen dieses Stückes machen – in gewisser Weise eine mögliche Interpretation. Prägend ist bei ihr die Zirkusmusik, die fast durchgehend den Abend im Hintergrund mal lauter, mal leiser begleitet. Das Spiel. Prägend ist bei ihr damit nicht das Tragische, sondern eher das Spielerische, das Zeitvertreiben der beiden wartenden Landstreicher. Auch diese Interpretation macht es nicht einfach, dem Stück etwas zu entnehmen. Man muss viel darüber nachdenken. Warum das Clowneske?

Das Bühnenbild ist dabei völlig zeit- und orientierungslos gehalten – wie das „Geschehen“. Das unterstreicht das Theoriehafte des Stückes, das absolut Absurde. Aber hierzu gilt: „Geschmeidigkeit geht anders!“ Die „Spielfläche“ ist eine große eckige, schräg abfallende Plattform, eine „unschöne“ Bühne auf der Bühne. Alle Beteiligten fallen auch mindestens einmal von dieser „Bühne auf der Bühne“, wollen aber wieder zurück, sie ist ja ihre „Welt“. Unter der „Bühne auf der Bühne“ kommt oft das Gewirr der tragenden Metallstangen zum Vorschein. Das ist theaterhaft – wie auch zu Beginn und am Ende Wladimir und Estragon vor dem Schminkspiegel – aber auch nicht gerade schön. Über der „Bühne auf der Bühne“ befinden sich – auch das alles andere als „schön“ – Reihen von Neonröhren, parallel ausgerichtet, auch sie hängen insgesamt schräg. Mehr gibt es natürlich nicht (der Baum natürlich noch, und die riesige Videowand hinten manchmal). Aber „Schönheit“ spielt natürlich überhaupt keine Rolle bei „Warten auf Godot“.

Claudia Bauer mag sich bei alledem über die engen Vorgaben von Samuel Beckett „geärgert“ haben, denn diese Vorgaben werden immer wieder auf der riesigen Leinwand im Hintergrund von Samuel Beckett persönlich (mit verfremdeter Stimme und verfremdetem Mund) eingespielt, fast hilflos folgen die beiden Landstreicher diesen Anweisungen, rennen auf der Bühne (wieder eher clownesk) hin und her, schaffen es kaum.

Ein Fazit: Claudia Bauer drängt im Grunde bei aller unschönen „Schrägheit“, auf die man blickt und die man erlebt, mit verschiedenen Elementen hauptsächlich wohl zu einer „lustigen“ Interpretation: Das clowneske Verhalten von Estragon und Wladimir, deren Kleidung, das Zirkushafte immer wieder, die Musik. All das führt dann aber dazu, dass die „schwereren“, die tragischen, philosophischen Aspekte dieses so unverständlichen Stückes etwas in den Hintergrund treten. Sie finden zwar auch irgendwie ohne besondere Betonung alle ihren Platz, das aber verwirrt dann vor der „Zirkuswelt“ eher (was aber auch am Stück selbst liegt). Im Ergebnis verlässt man damit aber das Theater doch recht ratlos. Man muss eben darüber nachdenken, reden.

HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

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THEATER: Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei

Regie hat die Thüringerin Luise Voigt (HIER mehr über sie), die – meines Wissens – erstmals am Residenztheater inszeniert. Die Fortschreibung des Brecht‘schen Teils – eine Auftragsarbeit des Residenztheaters – stammt von Björn SC Deigener (mehr zu ihm auf der Stückeseite auf der Website des Residenztheaters, siehe am Ende des Textes).

Die Arbeit wird an der schönen kleinen Bühne des Residenztheaters, im Marstalltheater, gebracht. Die Bühne wird, vor allem im ersten Teil, sogar noch verkleinert, denn alles spielt sich in einem kleinen holzvertäfelten Raum mit Tisch und Stühlen (mehr fast nicht) allein auf der vorderen Hälfte der Bühne ab, siehe das Foto unten. Enge Atmosphäre, passend zum Thema.

Das Brecht’sche Thema: Frau Carrar ist überzeugte Pazifistin, sie will ihre beiden Söhne nicht in den Krieg gegen Franco ziehen lassen. Geht ihre Rechnung auf? Unterstützt sie damit nicht Franco? Muss man sich denn nicht verteidigen, wenn man angegriffen wird, auch wenn man noch so pazifistisch denkt? Stichwort Ukraine. Einer der beiden Söhne von Frau Carrar wird dann getötet und so wird alles anders (ich will nicht spoilern).

Die Inszenierung des ersten Teils des Abends, des Brecht’schen Teils, ist „Bertolt Brecht pur“. Das Bühnenbild, die Kostümierung, die Farbwahl (wirklich alles ist – fast emotionslos – in matt beigefarbenem Holz und in schwarz gehalten) lassen allesamt schon fast keinen anderen Schluss zu. Auch schauspielerisch ist es zurückhaltend – aber sehr gut! Nicht sofort einleuchtend ist es daher aber, warum die Inszenierung insoweit als „bemerkenswert“ bezeichnet wird. Bemerkenswert kann im Grunde nur die freie Kombination mit der „Fortschreibung“ des Brecht‘schen Teils genannt werden. Und bemerkenswert macht die Inszenierung die Tatsache, dass man Brechts Stück in der Tat (so auch die Theatertreffen – Jurorin) als „das Stück der Stunde“ bezeichnen muss.

Letzterer Aspekt („das Stück der Stunde“) überzeugt mich am ehesten. Die Fortschreibung des Brecht’schen Teils wiederum weniger, sie ist – mein Eindruck – im Ansatz und der Herangehensweise an eine Fortschreibung gut, driftet dann allerdings (etwa mit einem Monolog eines Maschinengewehrs) doch etwas flach ab.

Fazit: Zurecht kann man das kleine, nicht sehr oft gespielte Brecht’schen Drama „Die Gewehre der Frau Carrar“ momentan sehr gut passend auf die Bühne bringen. Denn was bleibt einem anderes übrig, als sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wird – sehenden Auges, dass es viele Menschenleben kosten wird! Pazifismus wird dann sinnlos, wenn der Krieg erst einmal begonnen hat! Schlimm genug!

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Sandra Then

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THEATER: Lot Vekemans – BLIND

Es ist die Inszenierung eines der neuesten Texte der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans, Regie hat Matthias Rippert.

Lot Vekemans ist ja für ihre Texte bekannt. Ein paar Zusammenhänge vorab:

  • Zu sehen war in München vor Jahren die Inszenierung des Textes „Judas“ von Lot Vekemans mit Steven Scharf (auf der Leiter).
  • Am Münchner Metropoltheater war außerdem vor wenigen Jahren eine Inszenierung des Textes „Schwester von“ von Lot Vekemans zu sehen, es ging um die Schwester von Antigone, Ismene. Ein Monolog ans Publikum.
  • Juliane Köhler spielte am Residenztheater schon Lot Vekemans Text „Niemand wartet auf Dich“, auch das eine direkten Ansprache des Publikums, auch das eine deutschsprachige Erstaufführung.
  • Und: Juliane Köhler ist übrigens in Göttingen geboren. Ich auch.

Das Thema nun von BLIND: Ein Stück zweier Personen. Ein „alter“ allein und abgeschottet lebender Vater (Richard) und seine Tochter (Helen). Die Tochter hat ihren Vater jahrelang nicht besucht, nun kommt sie sporadisch, der Vater hat seine Haushälterin grundlos entlassen. Wenn man dem wahrlich schroffen – zu schroffen – Verhalten der Tochter gegenüber ihrem Vater folgt, kann man nur sagen: Dieses Verhältnis ist zerrüttet. Das Verhältnis zweier Generationen ist vielleicht gemeint und das ja zurecht. Helen nennt ja manchmal – zumindest kurz – die Themen heutiger Zeit. Der Vater erscheint zwar fast liebevoll gegenüber seiner Tochter, sie aber akzeptiert einfach nicht all die altersbedingten „Schrulligkeiten“ des Vaters, sie reibt sich an ihnen, wohl schon immer. Für sie sind es sogar mehr als „Schrulligkeiten“, sie macht ihrem Vater Vorwürfe, die auf sein Leben zurückgehen.

Seine Rechthaberei, seine Einstellung zu Helens dunkelhäutigem Ehemann, seine Weltfremdheit, sein Selbstmitleid, seine – so sieht es Helen – lebenslange Interesselosigkeit gegenüber der eigenen Tochter, seine ihr entgegensetzten Ansichten zu den aktuellen Themen über Gleichberechtigung, Naturschutz, soziales Denken, sein fehlendes Engagement für solche Themen und und und.

Wie gesagt: Juliane Köhler spielt Helen äußerst schroff. Sie zeigt damit keinerlei Nachdenklichkeit. Ich weiß nicht, ob sich ein so „grauenhaftes“ tief verwurzelt verbittertes Verhältnis zwischen Vater und Tochter noch je ändern könnte. Die Tochter Helen äußert Kritik und Unverständnis, ja eben fast Abneigung gegenüber dem Vater, sie besucht ihn immer ungern. Kritik ist zwar oft der Schlüssel zur Verbesserung, auch und gerade die Kritik der neuen Generation an der alten Generation. Ein guter Gedanke. Aber:

Achtung: Ab hier wird gespoilert!

Man muss sich hier im Grunde wundern, dass das Verhältnis der beiden im Verlauf des Stückes tatsächlich doch noch „die Kurve kriegt“. Es beginnt mit der Bemerkung des Vaters: „Ich wünschte, wir könnten neu anfangen.“

Dann wird es fast etwas zu leicht: Wir müssen immer nach vorne blicken … heißt es als gute Lösung. Auch das verständlich, aber es bleibt damit vielleicht ein etwas zu versöhnliches, hilfloses, fast kitschig pauschales Ende. So wird der Zuschauer doch zu leicht aus dem Theater entlassen. Nun gut, man kann nicht alles auf die Bühne bringen.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Sandra Then

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THEATER: Robert Icke- Die Ärztin

Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ unter dem Titel „Die Ärztin“ in die Gegenwart geholt. Interessanter Ansatz: Wie sähe heute die Situation von Professor Bernhardi aus? Das Stück „Die Ärztin“ ist derzeit in einer Inszenierung von Miloš Lolić am Münchner Residenztheater zu sehen.

Robert Icke hat für dieses Stück – entstanden 2019 – einige Auszeichnungen erhalten. Bei den Evening Standard Theatre Awards 2019 als bester Regisseur, die damalige Hauptdarstellerin Juliet Stevenson wurde mit dem Critics Circle Theatre Award als beste Schauspielerin ausgezeichnet, beide erhielten Nominierungen für den wichtigsten britischen Theaterpreis, den Laurence Olivier Award 2020.

Robert Icke zeigt also die Situation heute. Ein realistisch gehaltenes Stück, dementsprechend reell ist das Bühnenbild. Ein schlicht und betont karg gehaltener Raum, keine Einrichtung. Der Raum ist mal Vorzimmer, mal Besprechungsraum, mal Privatwohnung. Zum Fantasieren oder zum gedanklichen Sich-treiben-lassen soll die Bühne nicht anregen. Auch die Kostümierung: Schlicht Arztkittel.

Robert Icke geht es dabei keineswegs um den in Arthur Schnitzlers Stück zentralen Konflikt „Judentum – Christentum“ im Wien um 1900, auch nicht nur um das bei Arthur Schnitzler mitschwingende Thema der „Repräsentation der Konfessionen“ im Klinikkollegium eines Krankenhauses. Das war Wien um 1900. Nein, in Robert Ickes Bearbeitung entwickelt sich – ausgehend von derselben Situation in einem renommierten Krankenhaus – die heute schnell so vielschichtige Konfliktlage um „die Ärztin“. Er – Nein! Hier „sie“, die Ärztin Dr. Ruth Wolff – kann dabei nur zusehen, wie sich in Politik, Medien, Wirtschaft und sogar im Privatleben alles zunehmend gegen sie richtet. Was heute eben alles schnell mitschwingt und „ausgeschlachtet“ wird! Schon der Begriff „Affentheater“, den Ruth gegenüber dem dunkelhäutigen Priester verwendet, wird zum Problem! Es beginnt alles mit einem kleinen, dann größer werdenden shitstorm in den „Sozialen Medien“.

Möglichst viele Parallelen zu Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ bleiben dabei durchaus erhalten, auch etwa die Politik mischt sich in den „Konflikt“ ein. Das ist die heutige Welt, alles unterliegt schnell einer Dynamik, der kaum mehr auskommt, wer einmal „an den Haken“ gekommen ist. Robert Icke zeigt, dass es heute eben vor allem für fast alles kleine oder große Interessengruppen gibt, die schnell ihre Interessen „einbringen“ wollen, weil sie sie verletzt sehen. Was früher ein schwerfälliger fürchterlicher Tanker war, Antisemitismus, sind heute zig verschiedene wendige Interessen, denen man schnell gegenüber steht. Da hilft auch nicht die mehrfach wiederholte Aussage der Ärztin, sie teile die Menschen nicht nach Gruppen ein. Ein Zeichen unserer Zeit? Sehen wir nur Gruppen? Nutzen wir die Chancen, genau unsere Interessen zu vertreten, sie öffentlich zu machen, medial wirksam anzubringen, aus „Klein“ dann „Groß“ zu machen, auch wenn es Opfer kostet?

Feminismus, Antisemitismus, Abtreibung, Kolonialismus, Wirtschaftsinteressen, Gleichstellung, Geschlechterfragen, und und und, all diesen Fragen sieht sich Ruth ja plötzlich gegenüber. Dass dabei die Wahrheit und die Diskussionskultur manchmal auf der Strecke bleibt und eher überlegt wird, wie etwas bei anderen „ankommt“, kommt bei Robert Icke auch zum Ausdruck.

Schauspielerisch fand ich das Stück nicht außergewöhnlich. Vor allem bei der Ärztin Dr. Ruth Wolff (Lisa Wagner) hatte ich immer wieder überlegt, warum sie sich doch recht arztuntypisch gibt. Allein eine Aussage wie: „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt, keine Sekunde früher“ erschien mir doch arztuntypisch. Es ist vielleicht ein wenig das Manko des Stückes: Es wirkt von Beginn an etwas übertrieben, dass aus dem sehr verständlichen Verhalten der Ärztin (sie wusste ja nicht einmal, ob die Patientin den Priester sehen wollte) ein solches Problem entsteht, das sogar zum Entzug der Approbation der Ärztin führt.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: Henrik Ibsen – Die Wildente

Die Wildente am Residenztheater ist die erste Inszenierung des norwegischen Regisseurs Johannes Holmen Dahl auf deutscher Bühne. Es ist eine sehr konsequente, reduzierte Inszenierung, die mir in dieser Art gut gefallen hat! Auch das kann Theater! Man erlebt keine „Show“, kein Bühnenbild, man erlebt schlicht das Stück, das ja komplexer ist als man meinen könnte. Die durchaus große, hohe Bühne des Cuvillestheaters – es ist trotzdem die etwas kleineren Bühne des Residenztheaters – ist vollkommen leer und dunkel gehalten. Ein Schlagzeug kommt seitlich am Bühnenrand manchmal zum Einsatz. Die insgesamt acht Schauspielerlnnen kommen und gehen und reden miteinander, nicht selten reden sie nebeneinander stehend am vorderen Bühnenrand mit Blick in das Publikum. So folgt man für zwei Stunden der zuerst so harmlos daher kommenden Geschichte von „Die Wildente“, die sich mehr und mehr zuspitzt. Nicht einmal ein Brief oder eine Speisekarte, die eine Rolle spielen, sind als Requisiten sichtbar, man muss es sich vorstellen.

Die Inszenierung hat mich an frühere wunderbare Inszenierungen von Jürgen Gosch erinnert. Fast mit den einzigen Unterschieden: Bei Jürgen Gosch (etwa bei seinen Erfolgsinszenierungen von Tschechows „Die Möwe“ oder „Onkel Wanja“) blieben alle SchauspielerInnen immer am Rand auf der Bühne stehen und schauten zu, außerdem war der Bühnenraum bei ihm meist klein gehalten. Jürgen Gosch war damit sogar noch konsequenter als Johannes Holmen Dahls. Denn bei „Die Wildente“ hier am Cuvillestheater kommt zumindest im Verlauf des Stückes die Natur mit „Naturgewalten“ zum Einsatz, vor allem gegenüber der Tochter Hedwig (zum Inhalt unten), um die Gefühlslagen zu verdeutlichen. Auch das gelungen und passend. Eine große dichte Nebelwolke von oben, starker Wind (Sturm fast), grelles Licht, Regen, Donnern des Schlagzeugs und am Anfang und Ende der Blick ins reale Nachtlicht des Residenzhofes hinter dem Theater aus einem großen Fenster an der Rückwand der Bühne. Der Blick in die Freiheit?

Inhaltlich ist die Wildente ja garnicht so leicht zu verstehen: Worauf wollte Henrik Ibsen hinaus? Wofür steht die Wildente? Vordergründig ist es klar: Der Unternehmer Werle mit Schuldgefühlen einerseits und die Familie Ekdal mit Tochter Hedwig und ihre Wildente andererseits. Die Familie Ekdal wurde jahrelang vom Unternehmer finanziert und unterstützt (ohne Wissen des Vaters der Familie Ekdal und der Tochter) – man ahnt und merkt später, warum er es machte. Der Sohn des Unternehmers Werle macht sich dazu auf, das aus seiner Sicht falsche, unehrliche Leben der recht armen Familie Ekdal in die für ihn richtigen Bahnen zu bekommen, die Dinge aufzudecken. Nur so könne man doch gut leben! Lebenslügen und Wahrheit – vielleicht ist es das große Thema des Stückes. Man findet verschiedene Ansätze, wenn man danach darüber nachdenkt. So kommt auch die Frage auf: Welche Figur steht eigentlich wirklich im Mittelpunkt? Ist es die Tochter Hedwig? Ist es ihr „Vater“ Hjalmar? Die Mutter? Fast jede Person hat einen eigenen Beitrag zur Geschichte in diesem Stück.

Schauspielerisch ist es bei dieser Kargheit der Inszenierung auch gelungen! Es ist ja schwer, hauptsächlich den kleinen Gesten des Sprechens vollen Ausdruck zu verleihen. Hervorzuheben sind für mich Simon Zagermann (als Hjalmar Ekdal) – er überzeugt, steht am ehesten im Mittelpunkt! Dann Oliver Nägele – er spielt den alten Ekdal und gibt dem Stück dabei eine fast ehrenhafte Note. Auch Anna Drexler, wieder zurück aus Bochum, hat mit ihrer etwas zurückhaltenden, aber dann doch (selten aber) auch explodierenden Art immer wieder eine schöne Bühnenpräsenz! Max Mayer spielte seine Rolle als der Arzt Relling dagegen verrückter aus, als ich es bei der Lektüre vor Augen hatte. Wichtig sind auch Naffie Janha alsTochter Hedwig und Florian Jahr als Sohn des Unternehmers Werle, sie stoßen das Stück aber fast nur an (Gregers Werle) bzw. sind Leidtragende (Hedwig).

Wer eine schöne unaufgeregte Konzentration auf „Die Wildente“ in aller Klarheit der Bühne sehen möchte, sieht es hier. Und in der Tat lässt sich gut überlegen, für was die Wildente wohl stehen kann …

Hier noch zwei Bilder:

HIER der Link zur Stückeseite „Die Wildente“ auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld

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THEATER: William Shakespeare – Ein Sommernachtstraum

Es ist eine von Stefan Kimmig in die Gegenwart verlegte Inszenierung des Klassikers. Es geht ja um die vielen Wirren der Liebe, ein zeitloses Thema. Der Regisseur Stephan Kimmig wurde – vor allem mit Inszenierungen anderer Klassiker der Theaterwelt – schon mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch am Residenztheater hat er mehrfach inszeniert, zuletzt die Stücke „Spiel des Lebens“ und „Die Träume der Abwesenden“ (HIER meine Besprechung). Die nächste Aufführung von „Ein Sommernachtstraum“ ist nun am Freitag, dem 18. Oktober. HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Was hat sich William Shakespeare bei diesem Stück gedacht? Vielleicht hat er sich gedacht: Die Liebe! Ich schreibe ein Stück darüber, wie die letztlich immer unkontrollierbare Liebe alle verwirrt, wie sie uns alle immer wieder verrückt macht. Ich schildere dazu, dachte er sich dann vielleicht, zunächst die reale Welt mit einer bevorstehenden Hochzeit (Theseus und Hippolyta). Und in der realen Welt gibt es dazu noch die von einem Vater für die Tochter vorgesehene Hochzeit (seine Tochter Hermia soll Demetrius heiraten) und demgegenüber aber die Liebe der Tochter zu einem anderen (Hermia liebt Lysander), dazu auch noch die unerwiderte Liebe von Helena (Freundin von Hermia) zu Demetrius. ACHTUNG: Bei Kimmig ist Demetrius eine Demetria und HELena ein HELmut). Dann gibt es natürlich noch Eifersucht. Soweit das wahre Leben eben. Und dann mag er sich gedacht haben: Ich zeige auf dieser Basis, dass durch unserer Gefühlswelt (durch Liebeswahn) eigentlich ein noch größeres Chaos entsteht, ich zeige es aber in einem Wald mit Elfen, in den alle Beteiligten gehen (weil Hermia mit Lysander dorthin fliehen) und in dem sie alle in Träume fallen. Ich zeige, wie die Liebe alle eigentlich noch mehr verwirrt, ins Chaos stürzt, wenn sie nach einem Schlaf aufwachen und sich – veranlasst durch den Elfen „Puck“ und seine Zaubertropfen (Drogen?) – neue wilde Lieben einbilden. Und zu guter Letzt – nachdem fast alles wieder eingerenkt ist – wird es wieder lustig, in der realen Welt, wenn eine Laientruppe von Schauspielern auf der Hochzeit das berühmte antike Stück „Pyramus und Thisbe“ aufführt, in dem ja auch gezeigt wird, wie die Liebe – sogar tödlich – verwirrt.

Das ist fast schon eine Inhaltsangabe von „Ein Sommernachtstraum“, grob jedenfalls, es kommt natürlich noch Einiges hinzu. Etwa der Streit der im Wald herrschenden Elfen Oberon und Titania. Stefan Kimmig versucht nun, dieses Stück in die Moderne zu transferieren. Es geht auch sehr modern los: Die Hochzeit von Theseus und Hippolyta ist … die Fusion zweier Autohäuser! Der Wald ist verlegt in … so etwas wie eine leerstehende Immobilie vielleicht eines Kaufhauses, alles zusammen ist auf einer Drehbühne immer wieder wechselnd zu sehen, Realität und Wahnsinn. Auch die junge Besetzung der Rollen weist auf die coole Szene der Inszenierung hin.

Das ist der Rahmen. So ganz klar erkennbar modern bleibt es allerdings nicht. Das Bühnenbild hilft nicht wirklich dabei, klar in die Moderne zu blicken. Das Bühnenbild wirkt im Laufe der Zeit mehr und mehr abstrakt, das Gewirr von hohen Wänden einer brachliegenden Immobilie bleibt eine eher zeitlose Welt. Schade fast. Da helfen auch die coole Kleidung der Beteiligten und die modern und jung gehaltene Sprache wenig („Powernap“ statt Schlaf etwa).

Großartig ist dabei wieder einmal die laienhafte Darstellung des „Schauspiels im Schauspiel“ am Ende des dreistündigen Abends, die lustige Darstellung der Laientruppe. Großartig dabei und auch davor schon vor allem Florian von Manteuffel in all seinen irren Darstellungsformen, etwas besonders schien mir durchaus auch – wenn auch in kleinerer Rolle – Patrick Isermeyer, ein neues junges Ensemblemitglied, aber alle zusammen spielen es wunderbar und sicher mit viel Spaß!

Die alte Frage zu diesem Stück bleibt: Ist es Tragödie oder Komödie? In diesem Fall war es deutlich wieder eher eine Komödie. Schade, dass – mein Eindruck – nicht durchgehend klar die moderne Welt zu erkennen war, gedacht war es so. Interessant ist dazu etwa im Programmheft der kleine Artikel „Im Taumel der Nacht“ über das moderne nächtliche Geschehen in Clubs: Der Autor spricht von dortigem (gewollten);Kontrollverlust, Überladung von Sinnesreizungen, dadurch aber auch einer gewissen Selbstpositionierung etc. …. Aber auch das Wort „Drogen“ kommt öfters im Programmheft vor.

Im Stück heißt es an einer Stelle:

„Es blüht die Phantasie, und sie erkennen mehr als der kühlere Verstand begreift. Die Irren und Verliebten bestehen ganz und gar aus Einbildung. Die sehen mehr Teufel und Engel als die Hölle und der Himmel fasst; Es ist verrückt…wie die Phantasie dem Form verleiht“.

Das fasst es ganz gut zusammen. Man verlässt das Theater eben mit dem verwirrenden und zeitlos geltenden Unwohlsein, was Liebeswahn alles anrichten kann. Den Kampf der Liebe führen wir ja immer!

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


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THEATER: Suzie Miller – Prima Facie

Es geht um sexuelle Übergriffe. Sexuelle Übergriffe sind kaum „gerichtsfest“ zu beweisen, außer es geht um eindeutige Fälle. Was kann das Opfer machen? Geht das Rechtssystem zu leicht zulasten des Opfers? Die prozessuale Situation sieht ja so aus: Der Angeklagte kann die Aussage verweigern – oder zumindest sagen, alles sei freiwillig geschehen. Es kommt also fast immer allein auf die teils erniedrigenden Aussagen des Opfers – fast immer der Frau – an. Und der/die Verteidiger/in des Angeklagten nutzt natürlich dabei jede kleinste Unklarheit der Aussage, um das Gericht (in Amerika die Jury) dazu zu bringen, nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ zugunsten des Angeklagten zu entscheiden. Es gibt in diesem Bereich keinen „Prima-facie-Beweis“, also keinen Anscheinsbeweis.

In „Prima Facie“ – einer Inszenierung von Nora Schlocker – erlebt man nun Tessa Ensler, eine „knallharte Strafverteidigerin“ in derartigen Fällen. Auch sie ist immer auf der Suche nach kleinsten Unklarheiten in der Aussage des Opfers oder provoziert solche. Der Kniff des Stückes „Prima Facie“ ist: Tessa Ensler wird plötzlich selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs! Ein Anwaltskollege nach einem Abend mit viel Alkohol … erst Tessas Lust, dann der Übergriff. Und plötzlich erkennt Tessa Ensler höchstselbst die Situation des Opfers vor Gericht, sie hat den Kollegen ja angezeigt.

Meine Eindrücke:

  • Das Bühnenbild ist höchst neutral, schlicht, es ist fast nicht vorhanden. Kistenweise Aktenordner und eine Bettmatratze, mehr nicht. Es bietet keinerlei Vorgaben zum Thema. Gut so, wenn auch doch sehr nüchtern.
  • Tea Ruckpaul ist die Darstellerin von Tessa Ensler in diesem Ein-Personen-Stück. Der „Seitenwechsel“ von Tessa Ensler – der Wechsel in die irrsinnige Opferrolle eines sexuellen Übergriffes vor Gericht – kommt bei Tea Ruckpaul sogar noch fast zu wenig zur Geltung! Ich hatte jedenfalls beim Lesen des Textes noch mehr Beklemmung, empfand die irre prozessuale Situation des Opfers eines sexuellen Übergriffs dort noch deutlicher, als auf der Bühne. Es mag – wenn, dann – an der insgesamt fast „vorsichtig“ zu nennenden Inszenierung von Nora Schlocker liegen, nicht an Tea Ruckpaul. Sie „spielt“ es wunderbar, spielt allerdings ihre Seite der kühlen Strafverteidigerin noch überzeugender als ihre Seite des Opfers einer Vergewaltigung. Es mag allerdings daran liegen, dass es auf der Bühne natürlich kaum Gelegenheit gibt, innezuhalten. Beim Lesen kann man innehalten, blättern, nachdenken … .
  • Und: Der Schwerpunkt von Tessa Enslers Argumentation gegen das bestehende Rechtssystem, das in diesen Fällen fast immer die Frauen belastet oder geradezu abschreckt, liegt unter anderem stark darauf, dass das Rechtssystem meist in früheren Zeiten von Männern geschaffen wurde. Das stimmt sicherlich, ist aber meines Erachtens nicht das Problem. Wie sollte denn ein anderes Rechtssystem aussehen? Vielleicht doch mehr mit Prima Facie (Anscheinsbeweis) arbeiten, sodass auch der Angeklagte aussagen muss? Darüber kann man diskutieren. Die letzten Worte des Abends sind jedenfalls: „Irgendwas muss sich ändern.“

All das zusammen fördert den Bedarf, im Anschluss an das Stück darüber zu diskutieren. Könnte etwas verändert werden?

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.


Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

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THEATER: Residenztheater -Athena

Im Marstalltheater, der schönen Werkstattbühne des Residenztheaters, ist derzeit eine als „Installation“ bezeichnete Produktion mit dem Titel „Athena“ zu sehen. „Inszenierung“ Robert Borgmann. Auch Athena ist Troja. Sie ist Ende der alten und Anfang einer neuen Zeit. Die Inszenierung Athena ist sehr eigenwillig, sehr subjektiv, nicht leicht zu verstehen, symbolhaft, nachdenklich, aber kunstvoll. Athena – ein Wendepunkt im Verhalten der Menschen.

Athena ist die Göttin, zu der Orestes flieht, der wieder einmal von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Athena soll Orestes helfen. Orestes hat ja aus Rache seine eigene Mutter Klytaimnestra getötet, das soll natürlich auch wieder gerächt werden. Klytaimnestra hatte aber zuvor Orestes Vater Agamemnon getötet. Auch aus Rache, weil Agamemnon ja vor dem 10-jährigen Troja-Krieg die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hatte – um günstigen Fahrtwind nach Troja zu bekommen! Schuld und Rache, immer weiter, immer weiter. Über 400 Jahre vor Christus. … Und dann kam Athena.

Aischylos hatte es so schon in seiner Trilogie „Orestie“ geschrieben „Athena“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Bei Aischylos heißt dieser dritte Teil „Eumeniden“. Die Rachegöttinnen Erynnien nennen sich nämlich ab da die Eumeniden, die Wohlwollenden. Der erste Teil der Orestie heißt „Agamemnon“, er wird derzeit auch am Residenztheater gebracht. Von Ulrich Rasche, sehr einhämmernd, mir war es too much. HIER mein damaliger Beitrag. Der zweite Teil der Aischylos-Trilogie heißt „Choephoren“, auch er wird derzeit am Residenztheater als Inszenierung von „Die Fliegen“ von Elsa-Sophie Jach gebracht. Jean-Paul Sartres moderne Fassung dieses Orestieteils.

Athena hat also tatsächlich das ewige System von Rache und Gegenrache beendet. Rache und Gegenrache basierten eigentlich immer auf dem Einfluss der Götter. Und was die Götter befahlen, machte man eben. Athena sagte jetzt aber zum ersten Mal: „Nein, ich werde es nicht weiter entscheiden. Ihr Menschen müsst selber entscheiden!“ Der Wendepunkt im Verhalten der Menschheit! Ein Schritt auf dem Weg zur „attischen Demokratie“, die nicht viel später entstand! In der attischen Demokratie gab es dann erstmals Gerichte, die über Straftaten entschieden! Also hängt Troja mit der Entstehung des Gerichtswesens zusammen! Und somit mit unserer Zeit!

Die Inszenierung von „Athena“ im Marstalltheater hat selber drei Teile. 1. Orestes – 2. Athena – 3. Familie (Klytaimnestra, Agamemnon, Iphigenie, Orestes, seine Schwester Elektra, auch Kassandra). Kassandra war auch Teil der Trojageschichte. Das Münchner Akademietheater zeigte kürzlich das Stück „Kassandra“. Auch darüber schreibe ich noch.

In der sehr symbolhaften Inszenierung „Athena“ sind die gerade genannten Figuren nicht immer klar zu erkennen. Es gibt Doppelrollen. Auch das Bühnengeschehen ist in vielen Einzelheiten nicht unbedingt verständlich. Warum wird schwarzer Wackelpudding gegessen? Warum schwarzes Wasser getrunken? Die Farbe der Rache? Des Systems der Rache? Warum zieht Orestes am Ende einen brennenden Stuhl über die Bühne? Warum der verzweifelte Schrei: „Ich bin ein Mensch!“ Viele viele Einzelheiten, zu denen sich Regisseur viele Gedanken gemacht haben wird, klare Aussagen sehen wird, sie sind aber oft etwas schwer verständlich. Man muss aber auch nicht immer alles verstehen. Man versteht einiges und kann und sollte sich mit einem gewissen Vorwissen über den inhaltlichen Hintergrund zu Einigem etwas denken. Etwa Orestes (Tiemo Strutzenberger) – immer wieder liegend im Gummiboot, das im Wasser treibt, im Wasser, das fast den ganzen Abend lang die Bühne knöcheltief füllt. Wasser, das Element des Menschen? Das Element der Unsicherheit? Des Schicksals, in dem der Mensch watet? Orestes im Boot – der Ankommende? Der Treibende, der Flüchtende, der Flüchtling? Moderne Assoziation? Suchen Flüchtlinge Gerechtigkeit? Man kann sich schöne Dinge überlegen!

Man lässt sich also ein auf eine „musiktheatrale Installation“, die man überdenken muss. Zu der man sich sein Bild machen kann. Vor dem Hintergrund: Athena hat die Welt verändert und alles hängt mit allem zusammen!

Hier noch ein Foto:


HIER der Link zur Seite der Produktion auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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THEATER: Thomas Bernhard – Minetti

Zuletzt war – zwei Jahre ist es schon her – in München an den Kammerspielen der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zu sehen. HIER meine damalige Besprechung.

Claus Peymann und Bernhard Minetti – die wohl wichtigsten Personen der Theaterwelt von Thomas Bernhard! Speziell Claus Peymann hatte in seiner Schaffenszeit immer wieder Inszenierungen der Theaterstücke von Thomas Bernhard gebracht, vor allem zu den Zeiten, als er – Peymann – Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart (1975-1979) und am Schauspielhaus Bochum (1980-1985) war, danach auch am Burgtheater Wien und am Berliner Ensemble. Und Bernhard Minetti war immer wieder einer der SchauspielerInnen dieser Theaterstücke. Vor allem natürlich in dem nach ihm selbst benannten Stück „Minetti“.

Claus Peymann war es natürlich auch, der das Stück „Minetti“ schon 1976 in Stuttgart mit Bernhard Minetti zur Uraufführung gebracht hatte. HIER ein kurzes Video dazu mit einem kleinen Ausschnitt von 1976.

Thomas Bernhard wiederum – der Dritte im Bunde – hatte seinerseits für beide – Claus Peymann und Bernhard Minetti – einmal etwas geschrieben: Über Bernhard Minetti hatte er ein Theaterstück geschrieben und über Claus Peymann ein Dramolette. Das Erstere nannte er eben einfach „Minetti“ (eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Stuttgart), das zweite nannte er „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Dieses Trio der Theaterwelt in den Siebzigern/Achtzigern!

Es gibt ein schönes Buch mit extrem viel Enblick in das gesamte Theaterleben von Claus Peymann: „Mord und Totschlag“, mehr als 500 Seiten, erschienen beim Alexander Verlag in Berlin.

Nun also „Minetti“ am Münchner Residenztheater, eine Inszenierung von Claus Peymann. Die jetzige Inszenierung des „Minetti“ ist wahrscheinlich der damaligen Inszenierung sehr ähnlich. Zum einen gibt auch der Text des Theaterstückes von Thomas Bernhard schon sehr genaue Angaben zum Geschehen. Zum anderen hielt und hält sich Claus Peymann sehr genau hieran.

HIER ein Trailer zur Inszenierung des Münchner Residenztheaters.

Das Stück ist im Grunde ein Soloauftritt. Der Soloauftritt des alten Schauspielkünstlers Minetti, der seit 30 Jahren nicht mehr Theater gespielt hat. Er will in einer Hotelhalle den Intendanten des Theaters Flensburg treffen, um mit ihm eine letzte Aufführung von „König Lear“ von William Shakespeare zu besprechen. Der Intendant kommt natürlich nicht. So redet der Schauspieler über das Theater, die Schauspieler, die Zuschauer, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Kunst. Es ist eine Abrechnung mit abstrusen Äußerungen, die man zunächst natürlich kaum verstehen kann. Ich empfehle daher, davor oder danach das Buch „Minetti“ (meistens zusammen mit anderen Theaterstücken von Thomas Bernhard) noch zur Hand zu nehmen.

Wieder einmal wird ein Theaterstück von Thomas Bernhard in dunkler Atmosphäre gezeigt, fast alles ist dunkelgrau oder schwarz. Nur ein Sofa ist knallrot, später noch ein zweites. Und eine sehr bunte Gruppe Feiernder geht mehrfach kurz durch die Bühne. Der Schauspielkünstler Minetti ist schwarz gekleidet. Es ist verwunderlich, ich könnte mir vorstellen, dass die Texte von Thomas Bernhard gerade auch bei „positiverem“ Bühnenbild extrem gut wirken würden. Thomas Bernhard mochte ja auch die Sonne, war öfters auf Mallorca. Das Thomas Bernhard’sche Niedermachen der Verhältnisse käme sicher auch dann gut zur Geltung.

Mathias Zapatka spielt Bernhard Minetti. Im Grunde meistert er den eineinhalbstündigen Abend alleine. Ein Freund schrieb mir vor wenigen Wochen nach der Silvester-Vorstellung des „Minetti“, der Abend sei „grandios“ gewesen, Mathias Zapatka ein wunderbarer Minetti. So kann man es sehen, eine große Leistung! Gut, ich persönlich hatte einen noch älteren Minetti vor Augen, aber Claus Peymann kann das natürlich besser beurteilen. Die Verzweiflung oder Resignation in den Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ verträgt jedenfalls ein sehr hohes Alter, keine Agilität. Sie verträgt den Verfall, daher rührt wohl meine Vorstellung eines noch älteren Minetti. Mathias Zapatka kam mir fast noch zu agil vor.

Und ich konnte mir nicht helfen, aber es ging mir fast zu schnell. Der Text von Thomas Bernhard hätte über zwei Stunden vertragen, dann hätte man vielleicht das „Bernhardeske“ der Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ Stück für Stück noch deutlicher wahrgenommen.

Aber wie will man auch Thomas Bernhard verstehen? Er schreibt in „Minetti“ etwa: Die Gesellschaft ist Stumpfsinn. So könnte man zum Schluss kommen, der Schauspielkünstler Minetti meint damit: Die Klassik – der er sich ja „seit dreißig Jahren verweigert“ hat – sei ebenso Stumpfsinn, weil die Gesellschaft natürlich die Klassik mag! Sie mag sie, obwohl sie sie garnicht versteht! Er wiederum, Minetti, verabscheue die Klassik wohl gerade deswegen. Aber es geht weiter: Die Gesellschaft versteht natürlich auch Shakespeare nicht! Er als Schauspielkünstler dagegen versteht wohl auch Shakespeare, er will aber nicht, dass die stumpfsinnige Gesellschaft Shakespeare falsch versteht! Deswegen hat er sich der Klassik verweigert. Und so weiter.

Schön ist auch der Passus über das Verhältnis des Schauspielers zum Publikum:

Der Schauspieler
ist das Opfer seiner fixen Idee einerseits
andererseits vollkommenes Opfer des Publikums
er zieht das Publikum an
und stößt es ab
in meinem Fall habe ich das Publikum
immer abgestoßen
je größer der Schauspieler
und je höher die Kunst des Schauspielers
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Das Publikum strömt zu dem großen Schauspieler
und ist in Wirklichkeit abgestoßen von seiner Kunst
und je unglaublicher seine Kunst
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Die Leute applaudieren
aber sie sind abgestoßen

Alles schön böse, aber mit einem treffenden Kern, Thomas Bernhard eben.

HIER der Link zur Stückeseite von „Minetti“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Monika Rittershaus

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THEATER: Aischylos – Agamemnon

Die Geschichte von Agamemnon ist bekannt. Er, der Grieche, zog aus Mykene in den Krieg gegen Troja in Kleinasien, der heutigen Türkei, löste den Trojanischen Krieg aus, um die Frau seines Bruders Menelaos, Helena, zu befreien bzw. ihren Raub zu rächen. Ein Trojaner nämlich, der Königssohn Paris, hatte Helena, die hübscheste Frau der damaligen Zeit, geraubt, da sie ihm in einem Schönheitswettbewerb (welche Göttin ist die schönste Göttin?) von der Göttin Aphrodite versprochen worden ist. Das geht natürlich nicht.

Zehn Jahre lang wurde Troja von den Griechen (unter der Anführerschaft von Agamemnon) belagert, bevor es von ihnen – angeblich – zerstört wurde. Agamemnon kehrte dann nach Beendigung des Krieges nach Mykene zurück. Hier beginnt im Grunde das Werk „Agamemnon“ von Aischylos. Agamemnons Frau Klytaimnestra hatte zehn Jahre lang auf ihn gewartet. Er kommt stolz zurück, auch wenn er nicht weiß, wo sein Bruder Menelaos geblieben ist (wahrscheinlich auch umgekommen). Allerdings empfängt Klytaimnestra ihn nur zum Schein sehr freudig. Im Grunde ist sie längst entschlossen, zusammen mit ihrem Geliebten (Aigisthos) Agamemnon aus Rache zu töten. Denn Agamemnon hatte vor seiner Reise nach Troja – wiederum auf göttliches Geheiß hin – die mit Klytaimnestra gezeugte Tochter Iphigenie geopfert, allein um günstige Winde für seine Seefahrt nach Troja zu bekommen. Was für eine Verstrickung insgesamt von Kriegsgeschehen und Rache, Liebe und Hass, Stolz und Ehre, Gott und Mensch!

Aischylos, einer der drei großen griechischen Dichter (Euripides, Sophokles, Aischylos), hatte diese Rückkehr Agamemnons nach Mykene nach dem Trojanischen Krieg schon etwa fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt im ersten Teil seiner Trilogie „Orestie“ beschrieben.

Ich persönlich sage meinen Nachhilfeschülern in solchen Momenten gerne: „Ihr müsst wissen, ein Herr Aischylos ist damals tatsächlich durch die Straßen gelaufen. Es gab ihn, er hat es geschrieben!“ Und vielleicht gab es auch den Herrn Agamemnon und Troja. Unglaublich!

Allerdings war damals noch eine Zeit, in der der Mensch das Göttliche und das Menschliche einfach nicht voneinander trennen konnte. Die Götter mischten überall mit. Orakel führten die Schicksalswege der Menschen. Auch der Raub der Helena und dann der Trojanische Krieg schließlich gehen aus ihrer Sicht auf das göttliche Mitwirken von Aphrodite zurück, siehe oben. Auch in das Kriegsgeschehen selbst griff die Götterwelt immer wieder ein. Jedenfalls glaubten die Menschen damals, von Göttern geführt zu sein. Was für eine Zeit!

Nun hat sich am Münchner Residenztheater der Regisseur Ulrich Rasche des Werkes „Agamemnon“ von Aischylos in der Übersetzung von Walter Jens angenommen. Wer Ulrich Rasches Arbeiten kennt, erahnt sofort, was ihn erwartet. Wer ihn nicht kennt, muss es sich schon der Darbietungsform wegen ansehen! Was Ulrich Rasche immer wieder auf die Bühne bringt, ist nicht Theater im „herkömmlichen“ Sinne, es ist eine – fast immer düster wirkende – Literaturshow besonderer Art, manchmal bedrängend, manchmal großartig, mit ganz festen Prinzipien der jeweiligen Darbringung, absolut textlastig. Hier zwei Eindrücke:

Auch dieses Mal ist es in jeder Beziehung düster, martialisch, dunkel, bedrängend, fast schwer verkraftbar. Mit – typisch Ulrich Rasche – wieder extrem pompöser Bühnentechnik könnte alles eine auf die Personen reduzierte Optik erhalten, akustisch durch rhythmisches Trommeln unterstützt, die Personen permanent nur langsam und etwas unnatürlich auf einer Drehscheibe „voranschreitend“, dem Schicksal entgegen gehend. In diesem Fall scheint es aber auf die Spitze getrieben zu sein.

Nicht nur das oft laute Trommeln (oder manch andere schiefe Geräusche), nicht nur die Dunkelheit, nicht nur die schwarze Kleidung, das Thema „Trojakrieg“, das langsame Dahinschreiten der Personen, nicht nur die manchmal sich ergebende Spiegelung der Bühne von weit oben, die Lichteffekte, alles in Nebel getränkt, das extrem deutliche und laute Sprechen, das Chorische immer wieder, nein, alles zusammen. Alles zusammen erreicht ein inszenatorisches Ausmaß, das den Inhalt fast vergessen lässt. Es war in diesem Fall vielleicht zu viel von Ulrich Rasche!

Denn warum tötet ein Vater seine Tochter? Löst einen Krieg aus? Die Tötung der eigenen Tochter, zehn Jahre Krieg und schließlich die Zerstörung einer ganzen Stadt – alles wegen der Entführung der schönen Frau des Bruders. Ist es absolute Egomanie? Es heißt einmal mit der Stimme des Chores zu Agamemnon: „Töricht schienst du mir zu sein: Ein König, der den Sinn nicht steuern kann, nicht die Gedanken, nicht sein Herz.“ Ja, es schien eine völlig übertriebene Reaktion zu sein, die natürlich unfassbaren Gram und Wut bei den zurückgebliebenen hervorrief, nicht nur bei den leidenden Frauen der kämpfenden und gestorbenen Soldaten, sondern vor allem auch bei Agamemnons Frau, Klytaimnestra. Auf eine üble Tat folgt dann auch immer die nächste üble Tat. Rache, Rache, Rache, nur das kann der Mensch wohl, scheint Aischylos und die alte Welt schon gesehen zu haben. Man hat es damals auf einen Fluch und auf Rachegötter zurückgeführt, aber im Grunde ist es heute immer noch so, siehe Israel/Palästina. Auch dort folgt zum x-ten Mal Rache auf Rache. Aischylos hat den Menschen beschrieben.

Am Ende stehen lange Zeit Klytämnestra (Pia Händler) und schließlich auch Aigisthos (Lukas Rüppel) splitternackt vor dem Publikum und bringen die letzten Sätze. Kann ihre Nacktheit – sie sind den Personen Klytämnestra und Aigisthos entschlüpft – zeigen, dass es nicht nur um die beiden, um Klytämnestra und Aigisthos, geht, sondern um alle Menschen? Das kann es.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Nächste Termine sind am 22. Dezember, 28. Dezember und 29. Dezember.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld


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THEATER: Thomas Mann – Buddenbrooks

Der Vorteil: Bastian Kraft erzählt in seiner „Kurzversion“ des Romans vom Verfall der Lübecker Familie Buddenbrook, die sich auch über fast 3 Stunden erstreckt, so, dass man sehr linear eine Zusammenfassung des sehr umfassenden und berühmten ersten großen Romans von Thomas Mann erhält. Man muss den großen Roman des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann also nicht unbedingt noch lesen – man hat ihn ja wahrscheinlich schon irgendwann einmal gelesen. Vielleicht aber wird man durch die Inszenierung dazu angeregt, sich den Roman (noch einmal) zu greifen.

Es ist wahrlich eine „Erzählung“, hier auf der etwas kleineren Bühne des Cuvilléstheaters. Von Hanno Buddenbrook, dem jüngsten Spross der verfallenden Familie, wird man durch den Roman der Familiengeschichte geführt. Hanno beobachtet alle Szenen rückblickend und führt den Zuschauer durch die Generationen. Dementsprechend ist das Bühnenbild: Bilderrahmen (meist in „Mannsgröße“) zeigen im Hintergrund, andererseits doch sehr zentral, die tragenden Personen der verschiedenen Generationen der Familie Buddenbrook. Die Bilderrahmen sind auch Spielfläche für die SchauspielerInnen und Projektionsfläche für Bildeinspielungen. Zentral sind die Bilderrahmen für die Inszenierung, da das Bühnenbild aus nichts anderem besteht. Man folgt dabei also bekanntlich dem Verfall der Familie. Hannos Vater, Thomas, bleibt der Einzige, der das (wirtschaftliche) Erbe der Familie über die Generationen retten will, der immer pflichtbewusst den Bestand der Familie Buddenbrooks im Blick hat als seine Lebensaufgabe, der aber letztlich auch nur hilflos zusehen kann, wie doch alles zu Grunde gelegt – auch durch sein Zutun.

Die Erzählung ist bei alledem nicht emotional aufgebaut, eher nüchtern. Nur kurz flackert etwa die riesige Hilflosigkeit (oder auch das Schuldgefühl?) in Thomas auf, wenn er seinen Bruder Christian anbrüllt. Das Aufeinanderprallen oder Aufbrechen von Emotionen hätte hier durchaus noch mehr Platz verdient gehabt, Bastian Kraft entschied sich aber eher für eine recht nüchterne Schilderung des Verfalls der Familie – „Verfall“ nach damaligen Maßstäben einer wohlhabenden Familie. So kann man sich als Zuschauer selber das Tragische der Entwicklung der Familie Buddenbrook dazudenken beziehungsweise es erkennen. Man kann es erkennen, man kann auch die emotionale Seiten in vielen Szenen erkennen, sie gehen aber insgesamt etwas unter.

Dabei muss man sich sicherlich in die Entstehenszeit des Romans versetzen. Thomas Mann hatte den Roman im Jahre 1900 abgeschlossen. Was für eine andere Zeit! Tradition, das wirtschaftliches Wohlergehen, Familiendünkel, feste Strukturen, feste Lebensentwürfe, all das zählte damals sicherlich um einiges mehr als heute. Andererseits sind es zeitlose Elemente, der eine oder andere mag sich auch heute noch gerade von diesen Elementen angetrieben sehen. Im Grunde aber könnte man heute eher feststellen: Es zählt heute eher die Welt, ihr Zustand, nicht der Zustand einer Familie – deren “Glied“ man damals (in guten Kreisen) noch viel eher war. Man könnte andererseits auch sagen: Heute zählt jede einzelne Person individuell mehr, nicht mehr die Familienhistorie!

Der Abend macht bei alledem Spaß, regt an, weil man hinter all den Namen des Romans „Buddenbrooks“ hier Personen auf der Bühne sieht. Man gewinnt zwar nicht große Nähe zu allen oder einzelnen von ihnen, aber man kann sich ihre jeweiligen Positionen überdenken. Schauspielerisch ist es wieder gut von allen, ich sprach danach mit einem jungen Zuschauer, er war von ihren Leistungen begeistert. Auch wenn meines Erachtens eben den Schauspielern und Schauspielerinnen nicht gerade viel Raum für Emotionen gegeben wurde. Hanno erzählt eben alles.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

HIER ein Trailer zur Inszenierung.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

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THEATER: Henrik Ibsen – Peer Gynt

In den abstrusesten Dingen, die meistens gar nicht zu mir passten. Garniert mit Erzählungen vom „damaligen dramatischen Halbfinale“, vom „unfairen Gegner im Finale“, vom „Halbfinale in Aschaffenburg“ oder Ähnlichem … Es waren spannende Schilderungen. Geschichten. So war ich Bayerischer Jugendmeister vielleicht im „Backen von Topfenpalatschinken“, bayerische Jugendmeister im „Fensterputzen“, bayrischer Jugendmeister im … . Nur im „Aufräumen von Kinderzimmern“ bin ich sicher in der Vorrunde ausgeschieden!

Soviel zu mir. Peer Gynt im Münchner Residenztheater. Peer Gynt wird in Henrik Ibsen Dichtung in jungen Jahren Lügner genannt, größenwahnsinnig, Schwadroneur. Doch während ich es meinen Kindern gegenüber natürlich genau darauf angelegt hatte, sofort als Lügner angesehen zu werden, geht es Peer Gynt anders. Er hat zunächst Jugendfantasien, wird nicht ernst genommen, eher abgewiesen, er will aber später die Welt erobern, um sich zwiebelähnlich aufzublättern, zu finden. Eine Faust-ähnliche Lebensgeschichte. Die Dichtung von Henrik Ibsen ist dabei – man kennt sie wenig – im Grunde zweigeteilt: Der erste Teil zeigt Peer Gynts Leben bis zum Tod seiner Mutter, der zweite Teil zeigt sein Leben nach dem Tod seiner Mutter.

Im ersten Teil erlebt man, wie Peer Gynt den Frauen „nachgeht“, Ingrid, Solveig, die Grüngekleidete (Tochter des Trollkönigs), drei Sennerinnen. Ihm bleibt Solveig. Im zweiten Teil – er muss ja weiterziehen – will Peer Gynt dann (narzisstisch) nur noch „sich selbst“ nachgehen. Erst ganz am Ende, trifft er wieder auf Solveig, die immer auf ihn gewartet hatte. Im Originaltext zeigt sich: Solveig wird dabei seine Mutter und seine Geliebte/Gattin zugleich! Und es zeigt sich: Peer Gynt hat sich selber nicht gefunden, er lebte eher in Solveigs Hoffnung und Liebe.

Was diese Dichtung von Henrk Ibsen aus dem Jahre 1867 mit unserer Welt zu tun hat? Eigentlich sehr viel. Der Trollenkönig sagt zu Peer Gynt schon im ersten Teil, er solle „sich selbst genug“ sein. Damit kann Peer Gynt aber nichts anfangen. Peer Gynt reist um die Welt, wird reich, betreibt Sklavenhandel, will Prophet sein, will König sein, kommt nach Ägypten und und und. Er meint damit, sich selbst nahe zu kommen, nur sich selbst. So, wie es heute auch noch ist: Wir treiben uns zur immer neuen Ufern, können uns nicht genug sein – wäre einer von vielen Gedanken dazu. Henrik Ibsen war damit im Grunde sehr modern. Im Grunde ist es das Grundübel des Menschen. Gerade der Kapitalismus, in dem wir leben, fördert – nicht zuletzt durch die mittlerweile eingetretene Globalisierung – diese Grundeinstellung: Immer mehr, immer weiter. Gerade heute vormittag habe ich gelesen: Norwegen – Peer Gynt war Norweger – will jetzt großflächig auch noch den Meeresboden wegen der Menge an dortigen Bodenschätzen explorieren. Natürlich! Auch der Meeresboden muss dran glauben! Man sei ja sonst von China abhängig!

Es ist eine ausufernde Erzählung von Henrik Ibsen, die schwer zu interpretieren ist, siehe Solveigs Auftreten am Ende, insoweit ist es erstaunlich, diese Erzählung auf die Bühne zu bringen. Es gelingt hier – bei der (mit Pause fast dreistündigen) Inszenierung von Peer Gynt von Sebastian Baumgarten am Münchner Residenztheater – zum Einen durch eine immer wieder auf Großleinwand (Vorhang vor der Bühne) eingespielte „psychologische Deutung“ von Peer Gynt. Zum Anderen gelingt es dadurch, dass nicht die gängige Übersetzung gemäß Urfassung, sondern die sprachlich etwas verständlichere Übertragung des Gedichts von Angelika Gundlach herangezogen wird. So bleibt alles für den Zuschauer weitgehend verständlich. Es ist viel, zu viel eigentlich, aber der schnelle Verlauf der Handlung bleibt verständlich.

Im ersten Teil wird der junge Peer Gynt gespielt von Max Rotbarth, siehe Beitragsbild oben, im zweiten Teil wird der ältere Peer Gynt von Florian von Manteuffel gespielt. Für mich war vor allem der junge Peer Gynt höchst überzeugend! Max Rotbarth erschien mir als außergewöhnlich passende, wunderbare Besetzung für den jungen Peer Gynt. Sein jugendliches Wesen, seine Orientierungslosigkeit, viel berechneter kommt dann – zurecht – Florian von Manteuffel als der ältere Peer Gynt rüber.

Fazit: Ein Theaterabend für eine lange Erzählung mit viel Tempo, mit viel Geschehen, sogar mit Livemusik – eine Erzählung, hinter der auch heute noch erstaunlich viel steckt! Motto etwa: Der Mensch wird nie zu etwas durch das, was er macht, sondern durch die Liebe, die er in anderen entfacht.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier ein Trailer:

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

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THEATER: Residenztheater – Antigone von Sophokles

Ich habe über diese Inszenierung viel nachdenken müssen. Der Stoff der „Antigone“ von Sophokles ist ja hinlänglich bekannt: Es gibt die Anordnung von Antigones‘ Onkels, dem neuen König von Theben, Kreon, Antigones vor den Toren der Stadt verstorbenen Bruder Polyneikes unehrenhaft ohne Beerdigung liegen zu lassen. Er habe ja die Stadt angegriffen, habe es nicht verdient, nach dem Götterwillen in den Hades zu gelangen. Für Antigone aber steht ihr Gewissen und der Götterwille über der Anordnung des Königs, sie beerdigt ihren Bruder. Dann kommt Unheil über Kreon, wie es der Seher Teiresias vorhergesagt hatte, Kreons Sohn Haimon und seine Ehefrau sterben durch Selbstmord. Das ist der inhaltliche Kern des antiken Stoffes.

Wir haben hier am Residenztheater eine recht besondere Bearbeitung des Stoffes der Antigone von Sophokles, eine Inszenierung der Slowenin Mateja Koleznik. Mateja Koleznik hat zuletzt Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ inszeniert, das ich kürzlich in Bochum sehen konnte (HIER mein Bericht) und das gerade zum in wenigen Tagen beginnenden Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist.

Das Besondere ist: Das Stück wird zweimal absolut identisch aufgeführt, unterbrochen durch eine Pause. Man verfolgt es jeweils aus dem Blickwinkel eines von zwei nebeneinanderliegenden Räumen, Flur und Konferenzraum. Den jeweils anderen Raum kann man durch eine Tür immer wieder kurz erkennen. Die Beteiligten wechseln oft die Räume und reden über das Geschehen. Beide Blickwinkel zusammen ergeben das Stück.

Zunächst: Ich habe darüber nachdenken müssen: Warum Antigone in dieser Situation? Man sieht sich als Zuschauer einer fast unangenehmen Situation gegenüber: Die beiden Räume sind Kellerräume ohne Fenster – unter einem Königspalast. Im ersten Teil sieht man den kahlen grauen Flur, Türen, Neonlicht. Der Flur liegt vor dem zweiten Raum, einem holzvertäfelten Besprechungsraum. Unweigerlich denkt man an Hitlers Führerbunker. Unweigerlich fragte ich mich: Warum wird diese Situation gewählt? Es ist ja als moderne Zeit angelegt, man sieht die Beteiligten teilweise mit Chipkarten andere Türen öffnen, man sieht sie Codes zur Öffnung einer anderen Tür eingeben. Die beteiligten SchauspielerInnen sind meist dunkel gekleidet, meist mit Sakko, die Frauen grau, einer der Beteiligten in einem langen Ledermantel.

Erschreckend ist im Grunde auch das Verhalten der Beteiligten, die um den König Kreon herumwimmeln und diskutieren: Sie wirken dem König Kreon gegenüber ergeben, hörig, machtlos, in nichts attraktiv, strahlen eine übertriebene Wichtigkeit aus, reagieren zum Großteil in gewisser Weise gleichförmig, schnell, zackig. Der Führerbunker in unserer Zeit – darauf habe ich noch keine Antwort. Allein Thomas Sturzenberger zeigt den Demokraten, der an andere Führungssysteme denkt. Er ist auch – abgesehen von Antigone und Ismene „auf der anderen Seite“ der Thematik – der einzige, der etwas legerer gekleidet ist.

Hier ein Bild aus dem Besprechungsraum (oben der Flur):

Zum Inhalt:

Das Thema der Antigone von Sophokles ist ja altbekannt: Kreon, König von Theben, verweigert dem im Kampf gestorbenen Polyneikes die Beerdigung, da dieser gegen die Stadt Theben gekämpft hatte. Antigone widersetzt sich der Entscheidung ihres Onkels Kreon und bestattet ihren vor den Toren der Stadt tot liegenden Bruder Polyneikes. Der blinde Seher Theresias kündigt Kreon Unheil in der Familie an, wenn Kreon Antigone deswegen mit dem Tode bestraft. Tatsächlich sterben Kreons Sohn Haimon und seine Frau durch Selbstmord. Auch Antigone bringt sich um.

Antigones Streben, den Bruder ehrenhaft dem Wunsch der Götter gemäß zu beerdigen, und Kreons Reaktion werden vor allem im Besprechungsraum diskutiert. Auf dem Flur, also im ersten Teil, sieht man eher Antigone und Ismene, ihre Schwester. Im Besprechungsraum diskutieren die anwesenden Personen, die Mitglieder des Chors in Sophokles‘ Stück. Hier fließen Gedanken des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek ein, die er in seinem Buch „Die drei Leben der Antigone“ verfasst hat. Antigone wird ausdrücklich „unter Verwendung“ dieses Werkes gebracht.

Die Inszenierung ist im Grunde thematisch aus einer vergangenen Zeit. Denn behandelt werden die Themen so, wie wir es vielleicht mittlerweile überstanden haben. Seit Jahrzehnten diskutieren wir: Es geht um Herrschaft, um das Verhältnis Mann – Frau (Kreon/Antigone), um Emanzipation (Antigone), um das Verhältnis Mann – Sohn (Kreon/Haimon), um den Glauben an die Macht, um Egoismus, Gehorsam, Respekt und und und. Und hier wird alles noch dazu in dieser „Bunkersituation“ diskutiert. Düstere Vergangenheit?

Die Inszenierung ist aber andererseits, wie gesagt, bewusst modern angelegt. Die behandelten Themen sind immer aktuell, auch mit diesem „alten“ Stoff. Wir sind sicher weitergekommen, diskutieren auch nicht mehr in derartigen führerbezogenen Situationen, aber die Themen bleiben Themen!

Fast auffallend ist auch: Alle SchauspielerInnen spielen sehr überzeugend, können offenbar mit der Situation im „Bunker“ allesamt gut umgehen! Schön anzusehen einerseits, es lohnt sich auch deswegen, ist aber auch irgendwie erschreckend!

Insgesamt ist es einen Besuch wert vor allem wegen der interessant gestalteten „Dopplung“ oder „Aufspaltung“ des Geschehens und wegen des überzeugenden Ensembles. Man muss aber darüber nachdenken.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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THEATER: Residenztheater bye bye!

Das Münchner Residenztheater und die Kritik! Es folgt hier kein Eigenlob, aber eine Vermutung. Sie werden sich wundern, wenn Sie diesen Beitrag lesen. Ich habe mich auch gewundert!

Natürlich mögen es Theater, wenn gut über ihre Inszenierungen berichtet wird. Auch auf Blogs wie meinem. Als großer Theaterfreund berichte ich auch zumeist positiv, zumindest insgesamt immer wohlwollend. Nicht jede Theateraufführung kann aber jedem zusagen! Man möchte und muss als Blogger natürlich ehrlich sein. Dann gibt es das Dilemma: Was macht ein Theater dann, wenn kritisch geschrieben wird? Streicht es die Pressekarten, die es netterweise gibt? Verträgt es die Kritik? Freut es sich über Kritik – denn die Leserschaft der Blogger bleibt nur dann „bei der Stange“, wenn sie sieht: „Der schreibt ehrlich!“

Das Münchner Residenztheater hat auf Kritik in meinem Blog schon mehrfach reagiert. Jetzt stoppen Sie es, mich weiter zu unterstützen.

Erfreulicherweise erkennen seit Jahren AUSNAHMSLOS ALLE Theater, Verlage oder Institutionen bei denen ich jemals – JEMALS – deutschlandweit für Karten oder Rezensionsexemplar oder Ähnliches angefragt habe, diesen Blog als unterstützenswürdig an. Alle! Ich könnte sonst auch nicht so viel berichten. Das ist erfreulich, da zum Beispiel auch die bekannte Plattform http://www.nachtkritik.de darüber schreibt, wie schwer es für Blogger ist, im Theaterbereich als „Pressemedium“ anerkannt zu sein.

Ich rezensiere auch gerne Bücher, die ich lese. Ich bekomme jährlich Karten für das Berliner Theatertreffen. Mache alles mit viel Zeitaufwand und großem Engagement aus Leidenschaft und alles, um meinen Lesern Anregungen zu geben. Ich habe recht viel Zeit und möchte mein Kulturinteresse weitergeben! Fast 600 Beiträge sind es derzeit. Ich schreibe mit dem Interesse daran, Leser durch meine Beiträge anzuregen, sich auch dieses oder ein anderes Theaterstück anzusehen, zu lesen etc. Das ist meine Intention, ich möchte besonders als großer Theaterfreund Theater unterstützen und meinen Lesern mit meinen bescheidenen Beiträgen die Möglichkeit geben, einen ersten Eindruck oder eine Anregung für einen Theaterbesuch zu erhalten. Ich liebe die geistige Offenheit, mit der man ins Theater gehen kann bzw. eher muss. Ich bewundere im Grunde immer das große Engagement der Theaterbühnen, der Schauspieler, es muss und kann dabei nicht immer alles gelingen und jedem gefallen. Alles geht aber nur dann, wenn man (subjektiv) ehrlich schreibt.

Was geschah aber:

  • Das Münchner Residenztheater hatte mich schon vor etwa drei Jahren angeschrieben, nachdem ich etwas kritisch von einer Inszenierung des Hauses berichtet hatte. Ob es wirklich an der Kritik lag, weiß ich natürlich nicht. Man sagte mir jedenfalls, man könne mich nicht mehr unterstützen, der Bayerische Rechnungshof würde es nicht zulassen, dass Pressekarten an private Institutionen oder Aktivitäten vergeben werden. Mein Eindruck: Es war eine Art „Warnschuss“ des Münchner Residenztheaters. Denn ich hatte mich beim Bayerischen Rechnungshof erkundigt und erhielt die schriftliche Antwort, selbstverständlich sei es Sache des Theaters, an wen Pressekarten vergeben werden!
  • Etwa zwei Jahre später berichtete ich wieder einmal etwas kritischer über eine Inszenierung am Münchner Residenztheater. Wieder wurde ich angeschrieben. Wieder ein “Warnschuss“? Diesmal wurde mein Blog von der derzeitigen Leiterin der Presseabteilung unverschämt angegriffen und diffamiert. „Zu sagen, mein Blog sei Schülerzeitschriftenniveau“, sei für jeden angehenden Journalisten ein “Affront“. So und ähnlich! Ich war sprachlos!
  • Letzte Woche nun: Ich berichtete über den Besuch des Stückes „Engel in Amerika“. Diesen Bericht hatte ich mit nachdenklichen Erwägungen eingeleitet. Man las es wohl wieder als direkte Kritik. HIER der Link zu meiner Besprechung. Die Besprechung war kritischer als üblich, keine Frage, aber sie war freundlich und ich wies gerade am Ende des Berichtes darauf hin, dass all die globalen Krisen, von denen wir derzeit stehen, meine zweifelnden Äußerungen vielleicht begründeten. Ich fand nämlich, das Stück (Thema: Amerika in den Achtzigern) passe nicht in unsere momentane Zeit (anders als der bekannte SZ-Kritiker Egbert Tholl es sah). Erneut meldete sich das Münchner Residenztheater! Man können mir nun (ausdrücklich wurde mein Bericht über „Engel in Amerika“ erwähnt) keine Pressekarten mehr zukommen lassen! Ende! Für meine privaten „Ergüsse“ – hieß es dieses Mal – könnten keine Pressekarten mehr vergeben werden. (Wahrscheinlich ärgerte man sich auch darüber, dass mein Diktiersystem bei einer weiteren Anfrage versehentlich den von mir sehr geschätzten Regisseur Thom Luz als “Tom Lutz“ geschrieben hatte und ich es übersehen hatte.)

Fazit: Es ist erstaunlich, dass die teils wahrlich unverschämten Bemerkungen des Münchner Residenztheaters immer dann kamen, wenn ich kritisch berichtete. Natürlich mag das Residenztheater (speziell die Leiterin der Presseabteilung) eine eigene Meinung über meinen Blog oder Blogs insgesamt haben! Natürlich mag man nicht schlechte Kritiken! Klar! „Da könnte ja jeder kommen“, denken sie sich vielleicht auch. Vielleicht mögen Sie auch wirklich nicht mit Bloggern „zusammenarbeiten“. Blogs sind nicht “Presse“, auch klar.

Es geht nicht, dass man meinen Blog nur als bloßes Marketinginstrument und als nette Werbeplattform unterstützt. Er ist keine Werbeplattform. „Werbung ja, aber Kritik oder Nachdenklichkeit nein“ (kein Zitat, sondern meine Zusammenfassung!) – so geht es nicht. Wenn Theater, dann bitte auch mit Kritik oder Nachdenklichkeit. Professionelle Kritik von Pressemedien ist vielleicht einfach versteckter, zurückhaltender. Kritik und Nachdenklichkeit sind aber die Essenz des Theaterwesens!

Sooo viel wird ja nicht über die Inszenierungen am Münchner Residenztheater berichtet. In den (wenigen) Münchner Zeitschriften schon, aber online sehe ich wenige, die schreiben.

Es wäre also eine Gelegenheit gewesen – eine Art „Kooperation“ für Social Media eben – weiterhin locker zu bleiben und mit Freude an (ja meinerseits nie unverschämter) vereinzelter Kritik und Nachdenklichkeit einen Blog als soziale Plattform – moderne Zeiten! – für ja nicht wenige Theaterinteressierte weiterhin zu unterstützen. Oder mit mir einfach über eine Besprechung zu reden.

Das möchte ich also meinen Lesern mitteilen. Das Münchner Residenztheater geht einen eigenen Weg:

Es möchte, vermute ich, Lob – solange galt ich als unterstützungswürdig. Aber mit Kritik kommt man – mein Eindruck – nicht klar! Schade! Neue Blickwinkel, andere Meinungen, darum geht es doch! So schlecht ist der Blog nicht, denke ich, sonst würden ihn nicht alle anderen Verlage und Theater seit Jahren ausnahmslos unterstützen.

Ist das Verhalten des Münchner Residenztheaters ein lockerer Umgang mit Kritik? Ist es das passende Verhalten für ein großes Theaterhaus, mich herablassend zu kritisieren? Meines Erachtens nicht. Vielleicht kommen dort zu viele Blogger und bitten um „Akkreditierung“, also Anerkennung als Pressemedium? Das sehe ich nicht!

Mittlerweile hat sich der Intendant des Residenztheaters, Andreas Beck, bei mir übrigens netterweise für die Beleidigungen entschuldigt! Wenigstens das.

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THEATER: Goethes „Werther“ zweifach

Zweifach Goethes Werther: Der Erste online, jeder kann es live am Sonntag, den 26.06., 17.00 Uhr, verfolgen! “werther.live“ ist ein Stück, das im Rahmen des am Freitag beginnenden Festivals „radikal jung“ am Münchner Volkstheater gezeigt wird. Der zweite Ansatz heißt schlicht “Werther“ und hat schon morgen, Mittwoch, 22.06., 20.00 Uhr, am Münchner Residenztheater Premiere

Zu den beiden Annäherungen an Werthers Liebesleiden:

  • Das digitale Theaterstück „werther.live“ auf dem Festival radikal jung hatte schon große Resonanz. Es wurde mit dem Deutschen Multimediapreis 2020 ausgezeichnet und wurde beim nachtkritik-Theatertreffen 2021 unter die zehn besten Stücke des Jahres gewählt. „werther.live“ war außerdem nominiert für das Theatertreffen der Berliner Festspiele und ist eingeladen zum 38. Heidelberger Stückemarkt. Es gastiert auch digital u.a. beim Schauspiel Köln, Schauspielhaus Hamburg, Deutsches Nationaltheater Weimar, sowie auf den Festivals PERSPECTIVES und Arena.
  • Übrigens mit Vorgespräch um 16:15 Uhr mit C. Bernd Sucher zur Produktion und zum Werk von Cosmea Spelleken und Nachgespräch um 19:00 Uhr mit Regisseurin Cosmea Spelleken und Leonard Wölfl (technische Produktion).
  • Finde ich ja sehr interessant: Wie spielt sich tragische Liebe heutzutage online ab?
  • Wikipedia schreibt über Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ Folgendes: Es gilt als Schlüsselroman desSturm und Drang. Es entwickelte sich „zum ersten Bestseller der deutschen Literatur“, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war Mitauslöser der sogenannten Lesesucht. Dass Goethes Buch ein Welterfolg werden würde, war auch für ihn nicht vorhersehbar. Später schrieb er in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit: „Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf.“
  • HIER die Stückeseite von „werther.live“ im Rahmen des Programms des in diesen Tagen beginnenden Festivals „Radikal jung“.
  • HIER die Website des Festivals „radikal jung“.
  • Und „Werther“ am Residenztheater, der wird also etwas herkömmlicher insoweit, als es auf der Bühne stattfindet. Aber wahrscheinlich wird es auch nur ein bisschen herkömmlicher. Der Untertitel heißt: „Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode“. Es ist also auf jeden Fall eine Mischung mit Texten von Goethes Werther und Texten von Karoline von Günderrode!
  • HIER die Stückeseite von “Werther“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.