Kategorien
Allgemein

THEATER: William Shakespeare – Ein Sommernachtstraum

Es ist eine von Stefan Kimmig in die Gegenwart verlegte Inszenierung des Klassikers. Es geht ja um die vielen Wirren der Liebe, ein zeitloses Thema. Der Regisseur Stephan Kimmig wurde – vor allem mit Inszenierungen anderer Klassiker der Theaterwelt – schon mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch am Residenztheater hat er mehrfach inszeniert, zuletzt die Stücke „Spiel des Lebens“ und „Die Träume der Abwesenden“ (HIER meine Besprechung). Die nächste Aufführung von „Ein Sommernachtstraum“ ist nun am Freitag, dem 18. Oktober. HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Was hat sich William Shakespeare bei diesem Stück gedacht? Vielleicht hat er sich gedacht: Die Liebe! Ich schreibe ein Stück darüber, wie die letztlich immer unkontrollierbare Liebe alle verwirrt, wie sie uns alle immer wieder verrückt macht. Ich schildere dazu, dachte er sich dann vielleicht, zunächst die reale Welt mit einer bevorstehenden Hochzeit (Theseus und Hippolyta). Und in der realen Welt gibt es dazu noch die von einem Vater für die Tochter vorgesehene Hochzeit (seine Tochter Hermia soll Demetrius heiraten) und demgegenüber aber die Liebe der Tochter zu einem anderen (Hermia liebt Lysander), dazu auch noch die unerwiderte Liebe von Helena (Freundin von Hermia) zu Demetrius. ACHTUNG: Bei Kimmig ist Demetrius eine Demetria und HELena ein HELmut). Dann gibt es natürlich noch Eifersucht. Soweit das wahre Leben eben. Und dann mag er sich gedacht haben: Ich zeige auf dieser Basis, dass durch unserer Gefühlswelt (durch Liebeswahn) eigentlich ein noch größeres Chaos entsteht, ich zeige es aber in einem Wald mit Elfen, in den alle Beteiligten gehen (weil Hermia mit Lysander dorthin fliehen) und in dem sie alle in Träume fallen. Ich zeige, wie die Liebe alle eigentlich noch mehr verwirrt, ins Chaos stürzt, wenn sie nach einem Schlaf aufwachen und sich – veranlasst durch den Elfen „Puck“ und seine Zaubertropfen (Drogen?) – neue wilde Lieben einbilden. Und zu guter Letzt – nachdem fast alles wieder eingerenkt ist – wird es wieder lustig, in der realen Welt, wenn eine Laientruppe von Schauspielern auf der Hochzeit das berühmte antike Stück „Pyramus und Thisbe“ aufführt, in dem ja auch gezeigt wird, wie die Liebe – sogar tödlich – verwirrt.

Das ist fast schon eine Inhaltsangabe von „Ein Sommernachtstraum“, grob jedenfalls, es kommt natürlich noch Einiges hinzu. Etwa der Streit der im Wald herrschenden Elfen Oberon und Titania. Stefan Kimmig versucht nun, dieses Stück in die Moderne zu transferieren. Es geht auch sehr modern los: Die Hochzeit von Theseus und Hippolyta ist … die Fusion zweier Autohäuser! Der Wald ist verlegt in … so etwas wie eine leerstehende Immobilie vielleicht eines Kaufhauses, alles zusammen ist auf einer Drehbühne immer wieder wechselnd zu sehen, Realität und Wahnsinn. Auch die junge Besetzung der Rollen weist auf die coole Szene der Inszenierung hin.

Das ist der Rahmen. So ganz klar erkennbar modern bleibt es allerdings nicht. Das Bühnenbild hilft nicht wirklich dabei, klar in die Moderne zu blicken. Das Bühnenbild wirkt im Laufe der Zeit mehr und mehr abstrakt, das Gewirr von hohen Wänden einer brachliegenden Immobilie bleibt eine eher zeitlose Welt. Schade fast. Da helfen auch die coole Kleidung der Beteiligten und die modern und jung gehaltene Sprache wenig („Powernap“ statt Schlaf etwa).

Großartig ist dabei wieder einmal die laienhafte Darstellung des „Schauspiels im Schauspiel“ am Ende des dreistündigen Abends, die lustige Darstellung der Laientruppe. Großartig dabei und auch davor schon vor allem Florian von Manteuffel in all seinen irren Darstellungsformen, etwas besonders schien mir durchaus auch – wenn auch in kleinerer Rolle – Patrick Isermeyer, ein neues junges Ensemblemitglied, aber alle zusammen spielen es wunderbar und sicher mit viel Spaß!

Die alte Frage zu diesem Stück bleibt: Ist es Tragödie oder Komödie? In diesem Fall war es deutlich wieder eher eine Komödie. Schade, dass – mein Eindruck – nicht durchgehend klar die moderne Welt zu erkennen war, gedacht war es so. Interessant ist dazu etwa im Programmheft der kleine Artikel „Im Taumel der Nacht“ über das moderne nächtliche Geschehen in Clubs: Der Autor spricht von dortigem (gewollten);Kontrollverlust, Überladung von Sinnesreizungen, dadurch aber auch einer gewissen Selbstpositionierung etc. …. Aber auch das Wort „Drogen“ kommt öfters im Programmheft vor.

Im Stück heißt es an einer Stelle:

Es blüht die Phantasie, und sie erkennen mehr als der kühlere Verstand begreift. Die Irren und Verliebten bestehen ganz und gar aus Einbildung. Die sehen mehr Teufel und Engel als die Hölle und der Himmel fasst; Es ist verrückt…wie die Phantasie dem Form verleiht“.

Das fasst es ganz gut zusammen. Man verlässt das Theater eben mit dem verwirrenden und zeitlos geltenden Unwohlsein, was Liebeswahn alles anrichten kann. Den Kampf der Liebe führen wir ja immer!

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


Kategorien
Allgemein

THEATER: Suzie Miller – Prima Facie

Es geht um sexuelle Übergriffe. Sexuelle Übergriffe sind kaum „gerichtsfest“ zu beweisen, außer es geht um eindeutige Fälle. Was kann das Opfer machen? Geht das Rechtssystem zu leicht zulasten des Opfers? Die prozessuale Situation sieht ja so aus: Der Angeklagte kann die Aussage verweigern – oder zumindest sagen, alles sei freiwillig geschehen. Es kommt also fast immer allein auf die teils erniedrigenden Aussagen des Opfers – fast immer der Frau – an. Und der/die Verteidiger/in des Angeklagten nutzt natürlich dabei jede kleinste Unklarheit der Aussage, um das Gericht (in Amerika die Jury) dazu zu bringen, nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ zugunsten des Angeklagten zu entscheiden. Es gibt in diesem Bereich keinen „Prima-facie-Beweis“, also keinen Anscheinsbeweis.

In „Prima Facie“ – einer Inszenierung von Nora Schlocker – erlebt man nun Tessa Ensler, eine „knallharte Strafverteidigerin“ in derartigen Fällen. Auch sie ist immer auf der Suche nach kleinsten Unklarheiten in der Aussage des Opfers oder provoziert solche. Der Kniff des Stückes „Prima Facie“ ist: Tessa Ensler wird plötzlich selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs! Ein Anwaltskollege nach einem Abend mit viel Alkohol … erst Tessas Lust, dann der Übergriff. Und plötzlich erkennt Tessa Ensler höchstselbst die Situation des Opfers vor Gericht, sie hat den Kollegen ja angezeigt.

Meine Eindrücke:

  • Das Bühnenbild ist höchst neutral, schlicht, es ist fast nicht vorhanden. Kistenweise Aktenordner und eine Bettmatratze, mehr nicht. Es bietet keinerlei Vorgaben zum Thema. Gut so, wenn auch doch sehr nüchtern.
  • Tea Ruckpaul ist die Darstellerin von Tessa Ensler in diesem Ein-Personen-Stück. Der „Seitenwechsel“ von Tessa Ensler – der Wechsel in die irrsinnige Opferrolle eines sexuellen Übergriffes vor Gericht – kommt bei Tea Ruckpaul sogar noch fast zu wenig zur Geltung! Ich hatte jedenfalls beim Lesen des Textes noch mehr Beklemmung, empfand die irre prozessuale Situation des Opfers eines sexuellen Übergriffs dort noch deutlicher, als auf der Bühne. Es mag – wenn, dann – an der insgesamt fast „vorsichtig“ zu nennenden Inszenierung von Nora Schlocker liegen, nicht an Tea Ruckpaul. Sie „spielt“ es wunderbar, spielt allerdings ihre Seite der kühlen Strafverteidigerin noch überzeugender als ihre Seite des Opfers einer Vergewaltigung. Es mag allerdings daran liegen, dass es auf der Bühne natürlich kaum Gelegenheit gibt, innezuhalten. Beim Lesen kann man innehalten, blättern, nachdenken … .
  • Und: Der Schwerpunkt von Tessa Enslers Argumentation gegen das bestehende Rechtssystem, das in diesen Fällen fast immer die Frauen belastet oder geradezu abschreckt, liegt unter anderem stark darauf, dass das Rechtssystem meist in früheren Zeiten von Männern geschaffen wurde. Das stimmt sicherlich, ist aber meines Erachtens nicht das Problem. Wie sollte denn ein anderes Rechtssystem aussehen? Vielleicht doch mehr mit Prima Facie (Anscheinsbeweis) arbeiten, sodass auch der Angeklagte aussagen muss? Darüber kann man diskutieren. Die letzten Worte des Abends sind jedenfalls: „Irgendwas muss sich ändern.“

All das zusammen fördert den Bedarf, im Anschluss an das Stück darüber zu diskutieren. Könnte etwas verändert werden?

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.


Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

Kategorien
Allgemein

THEATER: Residenztheater -Athena

Im Marstalltheater, der schönen Werkstattbühne des Residenztheaters, ist derzeit eine als „Installation“ bezeichnete Produktion mit dem Titel „Athena“ zu sehen. „Inszenierung“ Robert Borgmann. Auch Athena ist Troja. Sie ist Ende der alten und Anfang einer neuen Zeit. Die Inszenierung Athena ist sehr eigenwillig, sehr subjektiv, nicht leicht zu verstehen, symbolhaft, nachdenklich, aber kunstvoll. Athena – ein Wendepunkt im Verhalten der Menschen.

Athena ist die Göttin, zu der Orestes flieht, der wieder einmal von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Athena soll Orestes helfen. Orestes hat ja aus Rache seine eigene Mutter Klytaimnestra getötet, das soll natürlich auch wieder gerächt werden. Klytaimnestra hatte aber zuvor Orestes Vater Agamemnon getötet. Auch aus Rache, weil Agamemnon ja vor dem 10-jährigen Troja-Krieg die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hatte – um günstigen Fahrtwind nach Troja zu bekommen! Schuld und Rache, immer weiter, immer weiter. Über 400 Jahre vor Christus. … Und dann kam Athena.

Aischylos hatte es so schon in seiner Trilogie „Orestie“ geschrieben „Athena“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Bei Aischylos heißt dieser dritte Teil „Eumeniden“. Die Rachegöttinnen Erynnien nennen sich nämlich ab da die Eumeniden, die Wohlwollenden. Der erste Teil der Orestie heißt „Agamemnon“, er wird derzeit auch am Residenztheater gebracht. Von Ulrich Rasche, sehr einhämmernd, mir war es too much. HIER mein damaliger Beitrag. Der zweite Teil der Aischylos-Trilogie heißt „Choephoren“, auch er wird derzeit am Residenztheater als Inszenierung von „Die Fliegen“ von Elsa-Sophie Jach gebracht. Jean-Paul Sartres moderne Fassung dieses Orestieteils.

Athena hat also tatsächlich das ewige System von Rache und Gegenrache beendet. Rache und Gegenrache basierten eigentlich immer auf dem Einfluss der Götter. Und was die Götter befahlen, machte man eben. Athena sagte jetzt aber zum ersten Mal: „Nein, ich werde es nicht weiter entscheiden. Ihr Menschen müsst selber entscheiden!“ Der Wendepunkt im Verhalten der Menschheit! Ein Schritt auf dem Weg zur „attischen Demokratie“, die nicht viel später entstand! In der attischen Demokratie gab es dann erstmals Gerichte, die über Straftaten entschieden! Also hängt Troja mit der Entstehung des Gerichtswesens zusammen! Und somit mit unserer Zeit!

Die Inszenierung von „Athena“ im Marstalltheater hat selber drei Teile. 1. Orestes – 2. Athena – 3. Familie (Klytaimnestra, Agamemnon, Iphigenie, Orestes, seine Schwester Elektra, auch Kassandra). Kassandra war auch Teil der Trojageschichte. Das Münchner Akademietheater zeigte kürzlich das Stück „Kassandra“. Auch darüber schreibe ich noch.

In der sehr symbolhaften Inszenierung „Athena“ sind die gerade genannten Figuren nicht immer klar zu erkennen. Es gibt Doppelrollen. Auch das Bühnengeschehen ist in vielen Einzelheiten nicht unbedingt verständlich. Warum wird schwarzer Wackelpudding gegessen? Warum schwarzes Wasser getrunken? Die Farbe der Rache? Des Systems der Rache? Warum zieht Orestes am Ende einen brennenden Stuhl über die Bühne? Warum der verzweifelte Schrei: „Ich bin ein Mensch!“ Viele viele Einzelheiten, zu denen sich Regisseur viele Gedanken gemacht haben wird, klare Aussagen sehen wird, sie sind aber oft etwas schwer verständlich. Man muss aber auch nicht immer alles verstehen. Man versteht einiges und kann und sollte sich mit einem gewissen Vorwissen über den inhaltlichen Hintergrund zu Einigem etwas denken. Etwa Orestes (Tiemo Strutzenberger) – immer wieder liegend im Gummiboot, das im Wasser treibt, im Wasser, das fast den ganzen Abend lang die Bühne knöcheltief füllt. Wasser, das Element des Menschen? Das Element der Unsicherheit? Des Schicksals, in dem der Mensch watet? Orestes im Boot – der Ankommende? Der Treibende, der Flüchtende, der Flüchtling? Moderne Assoziation? Suchen Flüchtlinge Gerechtigkeit? Man kann sich schöne Dinge überlegen!

Man lässt sich also ein auf eine „musiktheatrale Installation“, die man überdenken muss. Zu der man sich sein Bild machen kann. Vor dem Hintergrund: Athena hat die Welt verändert und alles hängt mit allem zusammen!

Hier noch ein Foto:


HIER der Link zur Seite der Produktion auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

Kategorien
Allgemein

THEATER: Thomas Bernhard – Minetti

Zuletzt war – zwei Jahre ist es schon her – in München an den Kammerspielen der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zu sehen. HIER meine damalige Besprechung.

Claus Peymann und Bernhard Minetti – die wohl wichtigsten Personen der Theaterwelt von Thomas Bernhard! Speziell Claus Peymann hatte in seiner Schaffenszeit immer wieder Inszenierungen der Theaterstücke von Thomas Bernhard gebracht, vor allem zu den Zeiten, als er – Peymann – Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart (1975-1979) und am Schauspielhaus Bochum (1980-1985) war, danach auch am Burgtheater Wien und am Berliner Ensemble. Und Bernhard Minetti war immer wieder einer der SchauspielerInnen dieser Theaterstücke. Vor allem natürlich in dem nach ihm selbst benannten Stück „Minetti“.

Claus Peymann war es natürlich auch, der das Stück „Minetti“ schon 1976 in Stuttgart mit Bernhard Minetti zur Uraufführung gebracht hatte. HIER ein kurzes Video dazu mit einem kleinen Ausschnitt von 1976.

Thomas Bernhard wiederum – der Dritte im Bunde – hatte seinerseits für beide – Claus Peymann und Bernhard Minetti – einmal etwas geschrieben: Über Bernhard Minetti hatte er ein Theaterstück geschrieben und über Claus Peymann ein Dramolette. Das Erstere nannte er eben einfach „Minetti“ (eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Stuttgart), das zweite nannte er „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“. Dieses Trio der Theaterwelt in den Siebzigern/Achtzigern!

Es gibt ein schönes Buch mit extrem viel Enblick in das gesamte Theaterleben von Claus Peymann: „Mord und Totschlag“, mehr als 500 Seiten, erschienen beim Alexander Verlag in Berlin.

Nun also „Minetti“ am Münchner Residenztheater, eine Inszenierung von Claus Peymann. Die jetzige Inszenierung des „Minetti“ ist wahrscheinlich der damaligen Inszenierung sehr ähnlich. Zum einen gibt auch der Text des Theaterstückes von Thomas Bernhard schon sehr genaue Angaben zum Geschehen. Zum anderen hielt und hält sich Claus Peymann sehr genau hieran.

HIER ein Trailer zur Inszenierung des Münchner Residenztheaters.

Das Stück ist im Grunde ein Soloauftritt. Der Soloauftritt des alten Schauspielkünstlers Minetti, der seit 30 Jahren nicht mehr Theater gespielt hat. Er will in einer Hotelhalle den Intendanten des Theaters Flensburg treffen, um mit ihm eine letzte Aufführung von „König Lear“ von William Shakespeare zu besprechen. Der Intendant kommt natürlich nicht. So redet der Schauspieler über das Theater, die Schauspieler, die Zuschauer, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Kunst. Es ist eine Abrechnung mit abstrusen Äußerungen, die man zunächst natürlich kaum verstehen kann. Ich empfehle daher, davor oder danach das Buch „Minetti“ (meistens zusammen mit anderen Theaterstücken von Thomas Bernhard) noch zur Hand zu nehmen.

Wieder einmal wird ein Theaterstück von Thomas Bernhard in dunkler Atmosphäre gezeigt, fast alles ist dunkelgrau oder schwarz. Nur ein Sofa ist knallrot, später noch ein zweites. Und eine sehr bunte Gruppe Feiernder geht mehrfach kurz durch die Bühne. Der Schauspielkünstler Minetti ist schwarz gekleidet. Es ist verwunderlich, ich könnte mir vorstellen, dass die Texte von Thomas Bernhard gerade auch bei „positiverem“ Bühnenbild extrem gut wirken würden. Thomas Bernhard mochte ja auch die Sonne, war öfters auf Mallorca. Das Thomas Bernhard’sche Niedermachen der Verhältnisse käme sicher auch dann gut zur Geltung.

Mathias Zapatka spielt Bernhard Minetti. Im Grunde meistert er den eineinhalbstündigen Abend alleine. Ein Freund schrieb mir vor wenigen Wochen nach der Silvester-Vorstellung des „Minetti“, der Abend sei „grandios“ gewesen, Mathias Zapatka ein wunderbarer Minetti. So kann man es sehen, eine große Leistung! Gut, ich persönlich hatte einen noch älteren Minetti vor Augen, aber Claus Peymann kann das natürlich besser beurteilen. Die Verzweiflung oder Resignation in den Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ verträgt jedenfalls ein sehr hohes Alter, keine Agilität. Sie verträgt den Verfall, daher rührt wohl meine Vorstellung eines noch älteren Minetti. Mathias Zapatka kam mir fast noch zu agil vor.

Und ich konnte mir nicht helfen, aber es ging mir fast zu schnell. Der Text von Thomas Bernhard hätte über zwei Stunden vertragen, dann hätte man vielleicht das „Bernhardeske“ der Äußerungen des „Schauspielkünstlers Minetti“ Stück für Stück noch deutlicher wahrgenommen.

Aber wie will man auch Thomas Bernhard verstehen? Er schreibt in „Minetti“ etwa: Die Gesellschaft ist Stumpfsinn. So könnte man zum Schluss kommen, der Schauspielkünstler Minetti meint damit: Die Klassik – der er sich ja „seit dreißig Jahren verweigert“ hat – sei ebenso Stumpfsinn, weil die Gesellschaft natürlich die Klassik mag! Sie mag sie, obwohl sie sie garnicht versteht! Er wiederum, Minetti, verabscheue die Klassik wohl gerade deswegen. Aber es geht weiter: Die Gesellschaft versteht natürlich auch Shakespeare nicht! Er als Schauspielkünstler dagegen versteht wohl auch Shakespeare, er will aber nicht, dass die stumpfsinnige Gesellschaft Shakespeare falsch versteht! Deswegen hat er sich der Klassik verweigert. Und so weiter.

Schön ist auch der Passus über das Verhältnis des Schauspielers zum Publikum:

Der Schauspieler
ist das Opfer seiner fixen Idee einerseits
andererseits vollkommenes Opfer des Publikums
er zieht das Publikum an
und stößt es ab
in meinem Fall habe ich das Publikum
immer abgestoßen
je größer der Schauspieler
und je höher die Kunst des Schauspielers
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Das Publikum strömt zu dem großen Schauspieler
und ist in Wirklichkeit abgestoßen von seiner Kunst
und je unglaublicher seine Kunst
desto heftiger ist das Publikum abgestoßen
Die Leute applaudieren
aber sie sind abgestoßen

Alles schön böse, aber mit einem treffenden Kern, Thomas Bernhard eben.

HIER der Link zur Stückeseite von „Minetti“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright des obigen Beitragsbildes: Monika Rittershaus

Kategorien
Allgemein

THEATER: Aischylos – Agamemnon

Die Geschichte von Agamemnon ist bekannt. Er, der Grieche, zog aus Mykene in den Krieg gegen Troja in Kleinasien, der heutigen Türkei, löste den Trojanischen Krieg aus, um die Frau seines Bruders Menelaos, Helena, zu befreien bzw. ihren Raub zu rächen. Ein Trojaner nämlich, der Königssohn Paris, hatte Helena, die hübscheste Frau der damaligen Zeit, geraubt, da sie ihm in einem Schönheitswettbewerb (welche Göttin ist die schönste Göttin?) von der Göttin Aphrodite versprochen worden ist. Das geht natürlich nicht.

Zehn Jahre lang wurde Troja von den Griechen (unter der Anführerschaft von Agamemnon) belagert, bevor es von ihnen – angeblich – zerstört wurde. Agamemnon kehrte dann nach Beendigung des Krieges nach Mykene zurück. Hier beginnt im Grunde das Werk „Agamemnon“ von Aischylos. Agamemnons Frau Klytaimnestra hatte zehn Jahre lang auf ihn gewartet. Er kommt stolz zurück, auch wenn er nicht weiß, wo sein Bruder Menelaos geblieben ist (wahrscheinlich auch umgekommen). Allerdings empfängt Klytaimnestra ihn nur zum Schein sehr freudig. Im Grunde ist sie längst entschlossen, zusammen mit ihrem Geliebten (Aigisthos) Agamemnon aus Rache zu töten. Denn Agamemnon hatte vor seiner Reise nach Troja – wiederum auf göttliches Geheiß hin – die mit Klytaimnestra gezeugte Tochter Iphigenie geopfert, allein um günstige Winde für seine Seefahrt nach Troja zu bekommen. Was für eine Verstrickung insgesamt von Kriegsgeschehen und Rache, Liebe und Hass, Stolz und Ehre, Gott und Mensch!

Aischylos, einer der drei großen griechischen Dichter (Euripides, Sophokles, Aischylos), hatte diese Rückkehr Agamemnons nach Mykene nach dem Trojanischen Krieg schon etwa fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt im ersten Teil seiner Trilogie „Orestie“ beschrieben.

Ich persönlich sage meinen Nachhilfeschülern in solchen Momenten gerne: „Ihr müsst wissen, ein Herr Aischylos ist damals tatsächlich durch die Straßen gelaufen. Es gab ihn, er hat es geschrieben!“ Und vielleicht gab es auch den Herrn Agamemnon und Troja. Unglaublich!

Allerdings war damals noch eine Zeit, in der der Mensch das Göttliche und das Menschliche einfach nicht voneinander trennen konnte. Die Götter mischten überall mit. Orakel führten die Schicksalswege der Menschen. Auch der Raub der Helena und dann der Trojanische Krieg schließlich gehen aus ihrer Sicht auf das göttliche Mitwirken von Aphrodite zurück, siehe oben. Auch in das Kriegsgeschehen selbst griff die Götterwelt immer wieder ein. Jedenfalls glaubten die Menschen damals, von Göttern geführt zu sein. Was für eine Zeit!

Nun hat sich am Münchner Residenztheater der Regisseur Ulrich Rasche des Werkes „Agamemnon“ von Aischylos in der Übersetzung von Walter Jens angenommen. Wer Ulrich Rasches Arbeiten kennt, erahnt sofort, was ihn erwartet. Wer ihn nicht kennt, muss es sich schon der Darbietungsform wegen ansehen! Was Ulrich Rasche immer wieder auf die Bühne bringt, ist nicht Theater im „herkömmlichen“ Sinne, es ist eine – fast immer düster wirkende – Literaturshow besonderer Art, manchmal bedrängend, manchmal großartig, mit ganz festen Prinzipien der jeweiligen Darbringung, absolut textlastig. Hier zwei Eindrücke:

Auch dieses Mal ist es in jeder Beziehung düster, martialisch, dunkel, bedrängend, fast schwer verkraftbar. Mit – typisch Ulrich Rasche – wieder extrem pompöser Bühnentechnik könnte alles eine auf die Personen reduzierte Optik erhalten, akustisch durch rhythmisches Trommeln unterstützt, die Personen permanent nur langsam und etwas unnatürlich auf einer Drehscheibe „voranschreitend“, dem Schicksal entgegen gehend. In diesem Fall scheint es aber auf die Spitze getrieben zu sein.

Nicht nur das oft laute Trommeln (oder manch andere schiefe Geräusche), nicht nur die Dunkelheit, nicht nur die schwarze Kleidung, das Thema „Trojakrieg“, das langsame Dahinschreiten der Personen, nicht nur die manchmal sich ergebende Spiegelung der Bühne von weit oben, die Lichteffekte, alles in Nebel getränkt, das extrem deutliche und laute Sprechen, das Chorische immer wieder, nein, alles zusammen. Alles zusammen erreicht ein inszenatorisches Ausmaß, das den Inhalt fast vergessen lässt. Es war in diesem Fall vielleicht zu viel von Ulrich Rasche!

Denn warum tötet ein Vater seine Tochter? Löst einen Krieg aus? Die Tötung der eigenen Tochter, zehn Jahre Krieg und schließlich die Zerstörung einer ganzen Stadt – alles wegen der Entführung der schönen Frau des Bruders. Ist es absolute Egomanie? Es heißt einmal mit der Stimme des Chores zu Agamemnon: „Töricht schienst du mir zu sein: Ein König, der den Sinn nicht steuern kann, nicht die Gedanken, nicht sein Herz.“ Ja, es schien eine völlig übertriebene Reaktion zu sein, die natürlich unfassbaren Gram und Wut bei den zurückgebliebenen hervorrief, nicht nur bei den leidenden Frauen der kämpfenden und gestorbenen Soldaten, sondern vor allem auch bei Agamemnons Frau, Klytaimnestra. Auf eine üble Tat folgt dann auch immer die nächste üble Tat. Rache, Rache, Rache, nur das kann der Mensch wohl, scheint Aischylos und die alte Welt schon gesehen zu haben. Man hat es damals auf einen Fluch und auf Rachegötter zurückgeführt, aber im Grunde ist es heute immer noch so, siehe Israel/Palästina. Auch dort folgt zum x-ten Mal Rache auf Rache. Aischylos hat den Menschen beschrieben.

Am Ende stehen lange Zeit Klytämnestra (Pia Händler) und schließlich auch Aigisthos (Lukas Rüppel) splitternackt vor dem Publikum und bringen die letzten Sätze. Kann ihre Nacktheit – sie sind den Personen Klytämnestra und Aigisthos entschlüpft – zeigen, dass es nicht nur um die beiden, um Klytämnestra und Aigisthos, geht, sondern um alle Menschen? Das kann es.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters. Nächste Termine sind am 22. Dezember, 28. Dezember und 29. Dezember.

Copyright der Bilder: Birgit Hupfeld


Kategorien
Allgemein

THEATER: Thomas Mann – Buddenbrooks

Der Vorteil: Bastian Kraft erzählt in seiner „Kurzversion“ des Romans vom Verfall der Lübecker Familie Buddenbrook, die sich auch über fast 3 Stunden erstreckt, so, dass man sehr linear eine Zusammenfassung des sehr umfassenden und berühmten ersten großen Romans von Thomas Mann erhält. Man muss den großen Roman des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann also nicht unbedingt noch lesen – man hat ihn ja wahrscheinlich schon irgendwann einmal gelesen. Vielleicht aber wird man durch die Inszenierung dazu angeregt, sich den Roman (noch einmal) zu greifen.

Es ist wahrlich eine „Erzählung“, hier auf der etwas kleineren Bühne des Cuvilléstheaters. Von Hanno Buddenbrook, dem jüngsten Spross der verfallenden Familie, wird man durch den Roman der Familiengeschichte geführt. Hanno beobachtet alle Szenen rückblickend und führt den Zuschauer durch die Generationen. Dementsprechend ist das Bühnenbild: Bilderrahmen (meist in „Mannsgröße“) zeigen im Hintergrund, andererseits doch sehr zentral, die tragenden Personen der verschiedenen Generationen der Familie Buddenbrook. Die Bilderrahmen sind auch Spielfläche für die SchauspielerInnen und Projektionsfläche für Bildeinspielungen. Zentral sind die Bilderrahmen für die Inszenierung, da das Bühnenbild aus nichts anderem besteht. Man folgt dabei also bekanntlich dem Verfall der Familie. Hannos Vater, Thomas, bleibt der Einzige, der das (wirtschaftliche) Erbe der Familie über die Generationen retten will, der immer pflichtbewusst den Bestand der Familie Buddenbrooks im Blick hat als seine Lebensaufgabe, der aber letztlich auch nur hilflos zusehen kann, wie doch alles zu Grunde gelegt – auch durch sein Zutun.

Die Erzählung ist bei alledem nicht emotional aufgebaut, eher nüchtern. Nur kurz flackert etwa die riesige Hilflosigkeit (oder auch das Schuldgefühl?) in Thomas auf, wenn er seinen Bruder Christian anbrüllt. Das Aufeinanderprallen oder Aufbrechen von Emotionen hätte hier durchaus noch mehr Platz verdient gehabt, Bastian Kraft entschied sich aber eher für eine recht nüchterne Schilderung des Verfalls der Familie – „Verfall“ nach damaligen Maßstäben einer wohlhabenden Familie. So kann man sich als Zuschauer selber das Tragische der Entwicklung der Familie Buddenbrook dazudenken beziehungsweise es erkennen. Man kann es erkennen, man kann auch die emotionale Seiten in vielen Szenen erkennen, sie gehen aber insgesamt etwas unter.

Dabei muss man sich sicherlich in die Entstehenszeit des Romans versetzen. Thomas Mann hatte den Roman im Jahre 1900 abgeschlossen. Was für eine andere Zeit! Tradition, das wirtschaftliches Wohlergehen, Familiendünkel, feste Strukturen, feste Lebensentwürfe, all das zählte damals sicherlich um einiges mehr als heute. Andererseits sind es zeitlose Elemente, der eine oder andere mag sich auch heute noch gerade von diesen Elementen angetrieben sehen. Im Grunde aber könnte man heute eher feststellen: Es zählt heute eher die Welt, ihr Zustand, nicht der Zustand einer Familie – deren “Glied“ man damals (in guten Kreisen) noch viel eher war. Man könnte andererseits auch sagen: Heute zählt jede einzelne Person individuell mehr, nicht mehr die Familienhistorie!

Der Abend macht bei alledem Spaß, regt an, weil man hinter all den Namen des Romans „Buddenbrooks“ hier Personen auf der Bühne sieht. Man gewinnt zwar nicht große Nähe zu allen oder einzelnen von ihnen, aber man kann sich ihre jeweiligen Positionen überdenken. Schauspielerisch ist es wieder gut von allen, ich sprach danach mit einem jungen Zuschauer, er war von ihren Leistungen begeistert. Auch wenn meines Erachtens eben den Schauspielern und Schauspielerinnen nicht gerade viel Raum für Emotionen gegeben wurde. Hanno erzählt eben alles.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

HIER ein Trailer zur Inszenierung.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

Kategorien
Allgemein

THEATER: Henrik Ibsen – Peer Gynt

In den abstrusesten Dingen, die meistens gar nicht zu mir passten. Garniert mit Erzählungen vom „damaligen dramatischen Halbfinale“, vom „unfairen Gegner im Finale“, vom „Halbfinale in Aschaffenburg“ oder Ähnlichem … Es waren spannende Schilderungen. Geschichten. So war ich Bayerischer Jugendmeister vielleicht im „Backen von Topfenpalatschinken“, bayerische Jugendmeister im „Fensterputzen“, bayrischer Jugendmeister im … . Nur im „Aufräumen von Kinderzimmern“ bin ich sicher in der Vorrunde ausgeschieden!

Soviel zu mir. Peer Gynt im Münchner Residenztheater. Peer Gynt wird in Henrik Ibsen Dichtung in jungen Jahren Lügner genannt, größenwahnsinnig, Schwadroneur. Doch während ich es meinen Kindern gegenüber natürlich genau darauf angelegt hatte, sofort als Lügner angesehen zu werden, geht es Peer Gynt anders. Er hat zunächst Jugendfantasien, wird nicht ernst genommen, eher abgewiesen, er will aber später die Welt erobern, um sich zwiebelähnlich aufzublättern, zu finden. Eine Faust-ähnliche Lebensgeschichte. Die Dichtung von Henrik Ibsen ist dabei – man kennt sie wenig – im Grunde zweigeteilt: Der erste Teil zeigt Peer Gynts Leben bis zum Tod seiner Mutter, der zweite Teil zeigt sein Leben nach dem Tod seiner Mutter.

Im ersten Teil erlebt man, wie Peer Gynt den Frauen „nachgeht“, Ingrid, Solveig, die Grüngekleidete (Tochter des Trollkönigs), drei Sennerinnen. Ihm bleibt Solveig. Im zweiten Teil – er muss ja weiterziehen – will Peer Gynt dann (narzisstisch) nur noch „sich selbst“ nachgehen. Erst ganz am Ende, trifft er wieder auf Solveig, die immer auf ihn gewartet hatte. Im Originaltext zeigt sich: Solveig wird dabei seine Mutter und seine Geliebte/Gattin zugleich! Und es zeigt sich: Peer Gynt hat sich selber nicht gefunden, er lebte eher in Solveigs Hoffnung und Liebe.

Was diese Dichtung von Henrk Ibsen aus dem Jahre 1867 mit unserer Welt zu tun hat? Eigentlich sehr viel. Der Trollenkönig sagt zu Peer Gynt schon im ersten Teil, er solle „sich selbst genug“ sein. Damit kann Peer Gynt aber nichts anfangen. Peer Gynt reist um die Welt, wird reich, betreibt Sklavenhandel, will Prophet sein, will König sein, kommt nach Ägypten und und und. Er meint damit, sich selbst nahe zu kommen, nur sich selbst. So, wie es heute auch noch ist: Wir treiben uns zur immer neuen Ufern, können uns nicht genug sein – wäre einer von vielen Gedanken dazu. Henrik Ibsen war damit im Grunde sehr modern. Im Grunde ist es das Grundübel des Menschen. Gerade der Kapitalismus, in dem wir leben, fördert – nicht zuletzt durch die mittlerweile eingetretene Globalisierung – diese Grundeinstellung: Immer mehr, immer weiter. Gerade heute vormittag habe ich gelesen: Norwegen – Peer Gynt war Norweger – will jetzt großflächig auch noch den Meeresboden wegen der Menge an dortigen Bodenschätzen explorieren. Natürlich! Auch der Meeresboden muss dran glauben! Man sei ja sonst von China abhängig!

Es ist eine ausufernde Erzählung von Henrik Ibsen, die schwer zu interpretieren ist, siehe Solveigs Auftreten am Ende, insoweit ist es erstaunlich, diese Erzählung auf die Bühne zu bringen. Es gelingt hier – bei der (mit Pause fast dreistündigen) Inszenierung von Peer Gynt von Sebastian Baumgarten am Münchner Residenztheater – zum Einen durch eine immer wieder auf Großleinwand (Vorhang vor der Bühne) eingespielte „psychologische Deutung“ von Peer Gynt. Zum Anderen gelingt es dadurch, dass nicht die gängige Übersetzung gemäß Urfassung, sondern die sprachlich etwas verständlichere Übertragung des Gedichts von Angelika Gundlach herangezogen wird. So bleibt alles für den Zuschauer weitgehend verständlich. Es ist viel, zu viel eigentlich, aber der schnelle Verlauf der Handlung bleibt verständlich.

Im ersten Teil wird der junge Peer Gynt gespielt von Max Rotbarth, siehe Beitragsbild oben, im zweiten Teil wird der ältere Peer Gynt von Florian von Manteuffel gespielt. Für mich war vor allem der junge Peer Gynt höchst überzeugend! Max Rotbarth erschien mir als außergewöhnlich passende, wunderbare Besetzung für den jungen Peer Gynt. Sein jugendliches Wesen, seine Orientierungslosigkeit, viel berechneter kommt dann – zurecht – Florian von Manteuffel als der ältere Peer Gynt rüber.

Fazit: Ein Theaterabend für eine lange Erzählung mit viel Tempo, mit viel Geschehen, sogar mit Livemusik – eine Erzählung, hinter der auch heute noch erstaunlich viel steckt! Motto etwa: Der Mensch wird nie zu etwas durch das, was er macht, sondern durch die Liebe, die er in anderen entfacht.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Hier ein Trailer:

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

Kategorien
Allgemein

THEATER: Residenztheater – Antigone von Sophokles

Ich habe über diese Inszenierung viel nachdenken müssen. Der Stoff der „Antigone“ von Sophokles ist ja hinlänglich bekannt: Es gibt die Anordnung von Antigones‘ Onkels, dem neuen König von Theben, Kreon, Antigones vor den Toren der Stadt verstorbenen Bruder Polyneikes unehrenhaft ohne Beerdigung liegen zu lassen. Er habe ja die Stadt angegriffen, habe es nicht verdient, nach dem Götterwillen in den Hades zu gelangen. Für Antigone aber steht ihr Gewissen und der Götterwille über der Anordnung des Königs, sie beerdigt ihren Bruder. Dann kommt Unheil über Kreon, wie es der Seher Teiresias vorhergesagt hatte, Kreons Sohn Haimon und seine Ehefrau sterben durch Selbstmord. Das ist der inhaltliche Kern des antiken Stoffes.

Wir haben hier am Residenztheater eine recht besondere Bearbeitung des Stoffes der Antigone von Sophokles, eine Inszenierung der Slowenin Mateja Koleznik. Mateja Koleznik hat zuletzt Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ inszeniert, das ich kürzlich in Bochum sehen konnte (HIER mein Bericht) und das gerade zum in wenigen Tagen beginnenden Theatertreffen 2023 nach Berlin eingeladen ist.

Das Besondere ist: Das Stück wird zweimal absolut identisch aufgeführt, unterbrochen durch eine Pause. Man verfolgt es jeweils aus dem Blickwinkel eines von zwei nebeneinanderliegenden Räumen, Flur und Konferenzraum. Den jeweils anderen Raum kann man durch eine Tür immer wieder kurz erkennen. Die Beteiligten wechseln oft die Räume und reden über das Geschehen. Beide Blickwinkel zusammen ergeben das Stück.

Zunächst: Ich habe darüber nachdenken müssen: Warum Antigone in dieser Situation? Man sieht sich als Zuschauer einer fast unangenehmen Situation gegenüber: Die beiden Räume sind Kellerräume ohne Fenster – unter einem Königspalast. Im ersten Teil sieht man den kahlen grauen Flur, Türen, Neonlicht. Der Flur liegt vor dem zweiten Raum, einem holzvertäfelten Besprechungsraum. Unweigerlich denkt man an Hitlers Führerbunker. Unweigerlich fragte ich mich: Warum wird diese Situation gewählt? Es ist ja als moderne Zeit angelegt, man sieht die Beteiligten teilweise mit Chipkarten andere Türen öffnen, man sieht sie Codes zur Öffnung einer anderen Tür eingeben. Die beteiligten SchauspielerInnen sind meist dunkel gekleidet, meist mit Sakko, die Frauen grau, einer der Beteiligten in einem langen Ledermantel.

Erschreckend ist im Grunde auch das Verhalten der Beteiligten, die um den König Kreon herumwimmeln und diskutieren: Sie wirken dem König Kreon gegenüber ergeben, hörig, machtlos, in nichts attraktiv, strahlen eine übertriebene Wichtigkeit aus, reagieren zum Großteil in gewisser Weise gleichförmig, schnell, zackig. Der Führerbunker in unserer Zeit – darauf habe ich noch keine Antwort. Allein Thomas Sturzenberger zeigt den Demokraten, der an andere Führungssysteme denkt. Er ist auch – abgesehen von Antigone und Ismene „auf der anderen Seite“ der Thematik – der einzige, der etwas legerer gekleidet ist.

Hier ein Bild aus dem Besprechungsraum (oben der Flur):

Zum Inhalt:

Das Thema der Antigone von Sophokles ist ja altbekannt: Kreon, König von Theben, verweigert dem im Kampf gestorbenen Polyneikes die Beerdigung, da dieser gegen die Stadt Theben gekämpft hatte. Antigone widersetzt sich der Entscheidung ihres Onkels Kreon und bestattet ihren vor den Toren der Stadt tot liegenden Bruder Polyneikes. Der blinde Seher Theresias kündigt Kreon Unheil in der Familie an, wenn Kreon Antigone deswegen mit dem Tode bestraft. Tatsächlich sterben Kreons Sohn Haimon und seine Frau durch Selbstmord. Auch Antigone bringt sich um.

Antigones Streben, den Bruder ehrenhaft dem Wunsch der Götter gemäß zu beerdigen, und Kreons Reaktion werden vor allem im Besprechungsraum diskutiert. Auf dem Flur, also im ersten Teil, sieht man eher Antigone und Ismene, ihre Schwester. Im Besprechungsraum diskutieren die anwesenden Personen, die Mitglieder des Chors in Sophokles‘ Stück. Hier fließen Gedanken des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek ein, die er in seinem Buch „Die drei Leben der Antigone“ verfasst hat. Antigone wird ausdrücklich „unter Verwendung“ dieses Werkes gebracht.

Die Inszenierung ist im Grunde thematisch aus einer vergangenen Zeit. Denn behandelt werden die Themen so, wie wir es vielleicht mittlerweile überstanden haben. Seit Jahrzehnten diskutieren wir: Es geht um Herrschaft, um das Verhältnis Mann – Frau (Kreon/Antigone), um Emanzipation (Antigone), um das Verhältnis Mann – Sohn (Kreon/Haimon), um den Glauben an die Macht, um Egoismus, Gehorsam, Respekt und und und. Und hier wird alles noch dazu in dieser „Bunkersituation“ diskutiert. Düstere Vergangenheit?

Die Inszenierung ist aber andererseits, wie gesagt, bewusst modern angelegt. Die behandelten Themen sind immer aktuell, auch mit diesem „alten“ Stoff. Wir sind sicher weitergekommen, diskutieren auch nicht mehr in derartigen führerbezogenen Situationen, aber die Themen bleiben Themen!

Fast auffallend ist auch: Alle SchauspielerInnen spielen sehr überzeugend, können offenbar mit der Situation im „Bunker“ allesamt gut umgehen! Schön anzusehen einerseits, es lohnt sich auch deswegen, ist aber auch irgendwie erschreckend!

Insgesamt ist es einen Besuch wert vor allem wegen der interessant gestalteten „Dopplung“ oder „Aufspaltung“ des Geschehens und wegen des überzeugenden Ensembles. Man muss aber darüber nachdenken.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

Kategorien
Allgemein

THEATER: Residenztheater bye bye!

Das Münchner Residenztheater und die Kritik! Es folgt hier kein Eigenlob, aber eine Vermutung. Sie werden sich wundern, wenn Sie diesen Beitrag lesen. Ich habe mich auch gewundert!

Natürlich mögen es Theater, wenn gut über ihre Inszenierungen berichtet wird. Auch auf Blogs wie meinem. Als großer Theaterfreund berichte ich auch zumeist positiv, zumindest insgesamt immer wohlwollend. Nicht jede Theateraufführung kann aber jedem zusagen! Man möchte und muss als Blogger natürlich ehrlich sein. Dann gibt es das Dilemma: Was macht ein Theater dann, wenn kritisch geschrieben wird? Streicht es die Pressekarten, die es netterweise gibt? Verträgt es die Kritik? Freut es sich über Kritik – denn die Leserschaft der Blogger bleibt nur dann „bei der Stange“, wenn sie sieht: „Der schreibt ehrlich!“

Das Münchner Residenztheater hat auf Kritik in meinem Blog schon mehrfach reagiert. Jetzt stoppen Sie es, mich weiter zu unterstützen.

Erfreulicherweise erkennen seit Jahren AUSNAHMSLOS ALLE Theater, Verlage oder Institutionen bei denen ich jemals – JEMALS – deutschlandweit für Karten oder Rezensionsexemplar oder Ähnliches angefragt habe, diesen Blog als unterstützenswürdig an. Alle! Ich könnte sonst auch nicht so viel berichten. Das ist erfreulich, da zum Beispiel auch die bekannte Plattform http://www.nachtkritik.de darüber schreibt, wie schwer es für Blogger ist, im Theaterbereich als „Pressemedium“ anerkannt zu sein.

Ich rezensiere auch gerne Bücher, die ich lese. Ich bekomme jährlich Karten für das Berliner Theatertreffen. Mache alles mit viel Zeitaufwand und großem Engagement aus Leidenschaft und alles, um meinen Lesern Anregungen zu geben. Ich habe recht viel Zeit und möchte mein Kulturinteresse weitergeben! Fast 600 Beiträge sind es derzeit. Ich schreibe mit dem Interesse daran, Leser durch meine Beiträge anzuregen, sich auch dieses oder ein anderes Theaterstück anzusehen, zu lesen etc. Das ist meine Intention, ich möchte besonders als großer Theaterfreund Theater unterstützen und meinen Lesern mit meinen bescheidenen Beiträgen die Möglichkeit geben, einen ersten Eindruck oder eine Anregung für einen Theaterbesuch zu erhalten. Ich liebe die geistige Offenheit, mit der man ins Theater gehen kann bzw. eher muss. Ich bewundere im Grunde immer das große Engagement der Theaterbühnen, der Schauspieler, es muss und kann dabei nicht immer alles gelingen und jedem gefallen. Alles geht aber nur dann, wenn man (subjektiv) ehrlich schreibt.

Was geschah aber:

  • Das Münchner Residenztheater hatte mich schon vor etwa drei Jahren angeschrieben, nachdem ich etwas kritisch von einer Inszenierung des Hauses berichtet hatte. Ob es wirklich an der Kritik lag, weiß ich natürlich nicht. Man sagte mir jedenfalls, man könne mich nicht mehr unterstützen, der Bayerische Rechnungshof würde es nicht zulassen, dass Pressekarten an private Institutionen oder Aktivitäten vergeben werden. Mein Eindruck: Es war eine Art „Warnschuss“ des Münchner Residenztheaters. Denn ich hatte mich beim Bayerischen Rechnungshof erkundigt und erhielt die schriftliche Antwort, selbstverständlich sei es Sache des Theaters, an wen Pressekarten vergeben werden!
  • Etwa zwei Jahre später berichtete ich wieder einmal etwas kritischer über eine Inszenierung am Münchner Residenztheater. Wieder wurde ich angeschrieben. Wieder ein “Warnschuss“? Diesmal wurde mein Blog von der derzeitigen Leiterin der Presseabteilung unverschämt angegriffen und diffamiert. „Zu sagen, mein Blog sei Schülerzeitschriftenniveau“, sei für jeden angehenden Journalisten ein “Affront“. So und ähnlich! Ich war sprachlos!
  • Letzte Woche nun: Ich berichtete über den Besuch des Stückes „Engel in Amerika“. Diesen Bericht hatte ich mit nachdenklichen Erwägungen eingeleitet. Man las es wohl wieder als direkte Kritik. HIER der Link zu meiner Besprechung. Die Besprechung war kritischer als üblich, keine Frage, aber sie war freundlich und ich wies gerade am Ende des Berichtes darauf hin, dass all die globalen Krisen, von denen wir derzeit stehen, meine zweifelnden Äußerungen vielleicht begründeten. Ich fand nämlich, das Stück (Thema: Amerika in den Achtzigern) passe nicht in unsere momentane Zeit (anders als der bekannte SZ-Kritiker Egbert Tholl es sah). Erneut meldete sich das Münchner Residenztheater! Man können mir nun (ausdrücklich wurde mein Bericht über „Engel in Amerika“ erwähnt) keine Pressekarten mehr zukommen lassen! Ende! Für meine privaten „Ergüsse“ – hieß es dieses Mal – könnten keine Pressekarten mehr vergeben werden. (Wahrscheinlich ärgerte man sich auch darüber, dass mein Diktiersystem bei einer weiteren Anfrage versehentlich den von mir sehr geschätzten Regisseur Thom Luz als “Tom Lutz“ geschrieben hatte und ich es übersehen hatte.)

Fazit: Es ist erstaunlich, dass die teils wahrlich unverschämten Bemerkungen des Münchner Residenztheaters immer dann kamen, wenn ich kritisch berichtete. Natürlich mag das Residenztheater (speziell die Leiterin der Presseabteilung) eine eigene Meinung über meinen Blog oder Blogs insgesamt haben! Natürlich mag man nicht schlechte Kritiken! Klar! „Da könnte ja jeder kommen“, denken sie sich vielleicht auch. Vielleicht mögen Sie auch wirklich nicht mit Bloggern „zusammenarbeiten“. Blogs sind nicht “Presse“, auch klar.

Es geht nicht, dass man meinen Blog nur als bloßes Marketinginstrument und als nette Werbeplattform unterstützt. Er ist keine Werbeplattform. „Werbung ja, aber Kritik oder Nachdenklichkeit nein“ (kein Zitat, sondern meine Zusammenfassung!) – so geht es nicht. Wenn Theater, dann bitte auch mit Kritik oder Nachdenklichkeit. Professionelle Kritik von Pressemedien ist vielleicht einfach versteckter, zurückhaltender. Kritik und Nachdenklichkeit sind aber die Essenz des Theaterwesens!

Sooo viel wird ja nicht über die Inszenierungen am Münchner Residenztheater berichtet. In den (wenigen) Münchner Zeitschriften schon, aber online sehe ich wenige, die schreiben.

Es wäre also eine Gelegenheit gewesen – eine Art „Kooperation“ für Social Media eben – weiterhin locker zu bleiben und mit Freude an (ja meinerseits nie unverschämter) vereinzelter Kritik und Nachdenklichkeit einen Blog als soziale Plattform – moderne Zeiten! – für ja nicht wenige Theaterinteressierte weiterhin zu unterstützen. Oder mit mir einfach über eine Besprechung zu reden.

Das möchte ich also meinen Lesern mitteilen. Das Münchner Residenztheater geht einen eigenen Weg:

Es möchte, vermute ich, Lob – solange galt ich als unterstützungswürdig. Aber mit Kritik kommt man – mein Eindruck – nicht klar! Schade! Neue Blickwinkel, andere Meinungen, darum geht es doch! So schlecht ist der Blog nicht, denke ich, sonst würden ihn nicht alle anderen Verlage und Theater seit Jahren ausnahmslos unterstützen.

Ist das Verhalten des Münchner Residenztheaters ein lockerer Umgang mit Kritik? Ist es das passende Verhalten für ein großes Theaterhaus, mich herablassend zu kritisieren? Meines Erachtens nicht. Vielleicht kommen dort zu viele Blogger und bitten um „Akkreditierung“, also Anerkennung als Pressemedium? Das sehe ich nicht!

Mittlerweile hat sich der Intendant des Residenztheaters, Andreas Beck, bei mir übrigens netterweise für die Beleidigungen entschuldigt! Wenigstens das.

Kategorien
Allgemein

THEATER: Goethes „Werther“ zweifach

Zweifach Goethes Werther: Der Erste online, jeder kann es live am Sonntag, den 26.06., 17.00 Uhr, verfolgen! “werther.live“ ist ein Stück, das im Rahmen des am Freitag beginnenden Festivals „radikal jung“ am Münchner Volkstheater gezeigt wird. Der zweite Ansatz heißt schlicht “Werther“ und hat schon morgen, Mittwoch, 22.06., 20.00 Uhr, am Münchner Residenztheater Premiere

Zu den beiden Annäherungen an Werthers Liebesleiden:

  • Das digitale Theaterstück „werther.live“ auf dem Festival radikal jung hatte schon große Resonanz. Es wurde mit dem Deutschen Multimediapreis 2020 ausgezeichnet und wurde beim nachtkritik-Theatertreffen 2021 unter die zehn besten Stücke des Jahres gewählt. „werther.live“ war außerdem nominiert für das Theatertreffen der Berliner Festspiele und ist eingeladen zum 38. Heidelberger Stückemarkt. Es gastiert auch digital u.a. beim Schauspiel Köln, Schauspielhaus Hamburg, Deutsches Nationaltheater Weimar, sowie auf den Festivals PERSPECTIVES und Arena.
  • Übrigens mit Vorgespräch um 16:15 Uhr mit C. Bernd Sucher zur Produktion und zum Werk von Cosmea Spelleken und Nachgespräch um 19:00 Uhr mit Regisseurin Cosmea Spelleken und Leonard Wölfl (technische Produktion).
  • Finde ich ja sehr interessant: Wie spielt sich tragische Liebe heutzutage online ab?
  • Wikipedia schreibt über Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ Folgendes: Es gilt als Schlüsselroman desSturm und Drang. Es entwickelte sich „zum ersten Bestseller der deutschen Literatur“, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war Mitauslöser der sogenannten Lesesucht. Dass Goethes Buch ein Welterfolg werden würde, war auch für ihn nicht vorhersehbar. Später schrieb er in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit: „Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf.“
  • HIER die Stückeseite von „werther.live“ im Rahmen des Programms des in diesen Tagen beginnenden Festivals „Radikal jung“.
  • HIER die Website des Festivals „radikal jung“.
  • Und „Werther“ am Residenztheater, der wird also etwas herkömmlicher insoweit, als es auf der Bühne stattfindet. Aber wahrscheinlich wird es auch nur ein bisschen herkömmlicher. Der Untertitel heißt: „Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode“. Es ist also auf jeden Fall eine Mischung mit Texten von Goethes Werther und Texten von Karoline von Günderrode!
  • HIER die Stückeseite von “Werther“ auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Kategorien
Allgemein

THEATER: Resi für alle – Ist mein Mikro an?

„Resi für alle“ hat mit 17 jungen Schülerinnen das Stück „Ist mein Mikro an?“ erarbeitet. „Resi für alle“ ist ein breit angelegtes Programm des Münchner Residenztheaters für alle möglichen kreativen Aktivitäten von Menschen – theaterinteressierten Laien – jeden Alters.

HIER der link zur generellen Seite “Resi für alle“ mit Unterrubriken.

In dem Stück „Ist mein Mikro an?“ treten im Marstalltheater, der Werkstattbühne des Residenztheaters, 17 junge Schülerinnen auf und stürzen auf eindringliche Art und Weise auf den Zuschauer ein: Die bevorstehende Klimakatastrophe! Eigentlich kann jeder Zuschauer nur betroffen sein! Jeder sollte es sich anschauen! Das größte Menschheitsproblem! Natürlich haben Sie recht, die jungen Mädchen! Sie klagen hemmungslos an! Ihre Sorgen, ihre Meinungen … Es ist ein Stück, das eigentlich im Fernsehen gezeigt werden müsste. Nicht, etwa weil es künstlerisch so wertvoll wäre. Nein, es ist die Art, der Inhalt, ihre Vorwürfe. Es sind bekannte Argumente, Fridays for Future, Greta Thunberg! Der Autor des Stückes, Jordan Tannahill, hat sich für das Stück «Ist mein Mikro an?» von den Reden Greta Thunbergs inspirieren lassen. Dementsprechend krass, deutlich, eindeutig werden die Sorgen der jungen Generation und deren Kritik der älteren Generationen dargestellt.

Mehr kann ich momentan nicht über das Stück schreiben. Ansehen – das Thema ist wichtig genug! Sie machen es gut und sehr eindringlich, die jungen Mädchen! Dauer: 1 Stunde.

Hier ein Trailer:

Hier noch ein Bild. Man kann das Bild anklicken und wird zur Stückeseite geleitet!

Copyright der Bilder: Adrienne Meister

Auch HIER geht’s zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

THEATER: Eugene O’Neill – Gier unter Ulmen

Er mag es vielleicht oft düster. Der in der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan geborene Regisseur Evgeny Titov – ehemalige Sowjetrepublik wie die Ukraine! Wahrscheinlich ist das riesige Kasachstan ein unglaublich schönes weites Land, zwischen Russland und China gelegen.

Man sieht Evgeny Titovs gewissen Hang zum Düsteren auch auf seiner schwarz gehaltenen Website – HIER. Das Ganze macht er aber sicherlich nicht einfach so. Er inszeniert wohl oft so, dass die Stücke generell zu Gesellschaftskritiken in verschiedenen Aspekten dienen können, und dazu hilft ihm manches Mal auch die Düsternis. Er mag es wohl, Stücke irgendwie aus ihrem „helleren Rahmen“ herauszuholen und zu genereller Gesellschaftskritik zu erheben. Nicht sehr offensichtlich, sondern fast nur durch Akzente, aber doch erkennbar. Das scheint sein Ansatz zu sein – was natürlich im Theater nicht etwas völlig Ungewohntes ist.

Am Münchner Residenztheater hat Evgeny Titov jetzt „Gier unter Ulmen“ von Eugene O’Neall inszeniert, ein amerikanisches Stück. Es ist ohnehin ein düsteres Stück, ein Stück über gierigen Materialismus und über die Zerstörung der Gefühlswelt. Evgeny Titov treibt aber auch hier die Düsternis des Stückes etwas weiter. Er verändert das Stück nicht grundsätzlich, um zu dieser Düsternis zu gelangen. Nein, “Gier unter Ulmen“ etwa wird nicht “Gier unter Ulmen NACH Eugene O‘Neill“, sondern es bleibt ganz klar ein “Gier unter Ulmen VON Eugene O‘Neill“. Im Wesentlichen wortgetreu wird das Stück wiedergegeben.

Bei „Gier unter Ulmen“ am Münchner Residenztheater ist es die Darstellung insgesamt, mit der Evgeny Titov das Stück zu Grundsätzlichem „erhebt“. Vor allem ist es das Bühnenbild, das dem Stück diesen Rahmen gibt. Das Stück des ersten amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill spielt ja eigentlich auf einer Farm, in verschiedenen Zimmern. Die Farm – erst recht die Ulmen! – verschwindet bei der Inszenierung von Evgeny Titov. Man sieht nur Felshügel, umgeben von alten Gemäuerresten. Dunkle Bühne. Meines Erachtens eine etwas zu ideenlose Bühnegestaltung. Sie macht das Geschehen allerdings zeitlos. Alles spielt sich vor desolatem Zustand ab! Völlig heruntergekommen, es beginnt mit einem Lagerfeuer und zerlumpten Klamotten der beiden anderen Söhne des Patriarchen. Vorsintflutaritge Zeiten fast.

Die zwei älteren Söhne zieht es dann nach Kalifornien, der Goldrausch! Das amerikanische Thema! Nur der Jüngste, Eben, bleibt. Er sieht sich als künftigen Erben der Farm. Vor allem die dritte Ehefrau des bisherigen Farmbesitzers ist bei “Gier unter Ulmen“ aber auch gierig nach der Farm. Hat ja schließlich deswegen den Patriarchen geheiratet! Sie, der jüngste Sohn des Patriarchen und der Patriarch selbst, sie alle gieren nach der Farm. Ein Abend für dieses Dreiergespann: Oliver Stokowski (der Patriarch Ephraim Cabot), Noah Saavedra (der Sohn Eben) und Pia Händler. (Abbie). Abbie bringt am meisten „Präsenz“ auf die Bühne, steht ja auch gefühlsmäßig im Mittelpunkt des Stückes. Aus Eben und Abbie bricht bei aller Gier im Laufe des Stückes die große Liebe heraus. Allerdings ist die Handlung des Stückes, denke ich mir, etwas eigenartig, auch banal: Abbie zeugt mit Eben ein Kind, aber sie tut so, als sei es das Kind von Ephraim. Um aber die echte Liebe zu Eben zu beweisen, tötet sie dann sogar ihr eigenes Kind! Auch hier eine Zuspitzung auf der Bühne: Sie erschlägt ihr Kind brutal! Eben wiederum bekennt sich dann aus seiner Liebe zu Abbie heraus auch selbst als schuldig.

Nun gut, man kann sich denken: „Das Materielle hat die Gefühlswelt völlig zerstört!“ Dieses Thema ist auch nicht nur ein amerikanisches Thema, es betrifft uns alle, auch heute noch! Immer mehr sogar. Wir müssen uns dessen nur bewusst werden! Eugene O‘Neill sprach vom „bösartigen Materialismus“, so das Programmheft. Mir blieb der Abend aber angesichts dieses doch schwerwiegenden Themas zu bieder.

Hier noch ein Bild:

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

HIER ein Kurzporträt von Evgeny Titov auf der Website des Residenztheaters.


Copyright der Beitragsbilder: Birgit Hupfeld, Münchner Residenztheater

THEATER: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Silvia Costa und Annie Ernaux – die Namen zweier Frauen, denen man jedenfalls in Münchens Theaterszene bislang nicht begegnet ist. Interessant, diese beiden Personen jetzt in Form der Inszenierung „Erinnerung eines Mädchens“ am Münchner Residenztheater (Werkraum) zu „erleben“.

Annie Ernaux wird genannt als eine der „bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart“. Sie ist mittlerweile über 82 Jahre alt und schreibt/schrieb sehr autobiografisch. Man hört ihren Namen in einer Reihe mit dem französischen Philosophen Didier Eribon, auch mit Edouard Louis, die ja beide aus französischer Sicht sehr sozialkritisch und gesellschaftskritisch unterwegs sind. In mehrfach preisgekrönte Werken näherte sich Annie Ernaux etwa ihrem Vater („La Place“, Der Platz, 2019) und ihrer Mutter („Une femme“, Eine Frau, 2019). Sehr autobiografisch und immer auch gesellschaftskritisch. Das Ehepaar, ihre Eltern, aus einfachen Verhältnissen der damaligen Zeit. Auch häusliche Gewalt und soziale Scham sind Themen ihrer Werke.

Ganz anders Silvia Costa. Sie ist Italienerin, gerade einmal 39 Jahre alt. Als Regisseurin Bühnenbildnerin und Darstellerin ist sie schon an vielen europäischen Orten tätig gewesen. Theater, Oper, Performance, Installationen, Videoarbeiten, das sind ihre Bereiche. Eine ganz andere Generation als die Generation von Annie Ernaux. Silvia Costa ist jetzt für “Inszenierung und Bühne“ von „Erinnerung eines Mädchens“ an das Münchener Residenztheater gekommen.

Es ist ein Abend im Werkraumtheater. Die kleine Bühne des Werkraum ist schlicht gehalten und strahlt Klarheit, fast Eleganz aus. So auch der Abend. Der erste Bühneneindruck passt zur Inszenierung von Silvia Costa. Eine dunkelblau gehaltene Wand im Hintergrund, darin links neben einer Tür eine sehr lang gezogene recht schmale Wandöffnung auf Brusthöhe, zwei Türen, alles schlicht gehalten, dünn gerahmt, zwei Lampen am Boden, eine alte Stereoanlage, sonst im Grunde nichts.

Langsame Bewegungen, relativ langsame Sprache, nicht viel Aktion auf der Bühne, einzelne Gegenstände werden herangezogen. So erlebt man diesen Abend. Drei Frauen, die gleichzeitig im Zusammenspiel miteinander Annie Ernaux repräsentieren. Sybille Canonica, Juliane Köhler, Charlotte Schwab, alle drei meist sehr ähnlich gekleidet. Annie Ernaux erzählt an diesem Abend von einer Erinnerung, die sie ihr Leben lang nicht losließ. Erlebnisse von ihr als jungem Mädchen. Sie nennt das Mädchen „Mädchen von 58“. Es war 1958.

Ja, es geht auch um einzelne Gegenstände. Einen Schal, Sommersandalen, einen Rock, andere Kleidungsstücke, eine Art Badetuch und und und. Es ist in der Tat Annie Ernauxs Technik, sich der Vergangenheit zu nähern: Gegenstände zu nehmen, aus denen sie ihre Erinnerung entwickelt. Nicht um etwas zu erfinden, sondern um sich selber zu finden. Sich als das „Mädchen von 58“ zu finden, sich ihm anzunähern.

Und nicht nur, um eine Geschichte zu erzählen. Es geht nicht nur um ein Erlebnis: Es geht in der feinen Sprache von Annie Ernaux, in der feinen und ruhigen, sehr konzentrierten Wortwahl des Abends im Kern der Erzählungen immer um Folgendes: „Wer bin ich? Wer war ich? Hat meine heutige Erinnerung und meine heutige Person noch etwas mit der damaligen Person zu tun? Hat die damalige Person, an die ich mich erinnere, heute noch etwas mit mir zu tun? Kann ich mich überhaupt wirklich erinnern? Ist das „Mädchen von 58“ wirklich ich? Was bedeutet die Erinnerung? Ich habe die Dinge ja damals schlicht erlebt.

Man sitzt in den Zuschauerreihen und kann kaum umhin, an seine eigene Vergangenheit zu denken. Wer war man? Wie hat man die Dinge damals erlebt? Was ist noch heute Teil des eigenen Lebens?

Annie Ernaux erzählt von ihrer ersten sexuellen Begegnung – von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausheilte. Annie Duchesne wurde 18 Jahre alt, arbeitete im Sommer 1958 als Betreuerin in einer Ferienkolonie, fand in eine Clique, sie genossen ihre Jugend, sie war in H. verliebt, mit ihm hatte sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutete. Auch weil H. sie fortan ignorierte, weiß sie nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell war sie verfemt. Was folgte, waren Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham. Und Schweigen. Über 55 Jahre brauchte Annie Ernaux, um sich dieser »Erinnerung der Scham« stellen zu können. Diese Erinnerung war immer Teil ihres Lebens!

Es ist ein ruhiger, schöner, in keiner Weise wilder oder aufrührender Abend. Man denkt an seine eigene Vergangenheit. Der Abend endet mit einem Satz, in dem es – auch schön – um Hoffnung geht. Etwa: Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Person, an die ich mich erinnere, wirklich etwas zu tun hat mit mir. Oder so ähnlich. Ich kann ihn leider nicht mehr zitieren, Der Satz war etwas anders. Ich werde das Buch lesen und vielleicht wieder auf den Satz stoßen. Dann korrigiere ich ihn hier.

Der Abend ist fast eher eine Performance, als ein Theaterstück. Jedenfalls schafft es Silvia Costa, die Gedanken von Annie Ernaux aus dem Buch “Erinnerung eines Mädchens“ schlicht und fein auf die Bühne zu bringen. Es passt und regt zum Denken an.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then

THEATER: Die Wolken, die Vögel, der Reichtum nach Motiven von Aristophanes

Man kann im Grunde kaum etwas dazu sagen man kann vor allem wenn man darüber schreibt eigentlich keinen Punkt machen man muss einfach weiterschreiben dann kommt man dem Stück von Thom Luz am nächsten jeder Punkt jedes Komma oder ein anderes Satzzeichen würden dem Ganzen nur Struktur geben würden ordnen aber genau das fehlt ja absichtlich bei dem Schweizer Thom Luz der so schöne skurrile Abende auf die Bühne bringt

Thom Luz beschäftigt sich seit Jahren in seiner permanenten Entwicklungsarbeit mit dem Verschwinden von Dingen und mit dem Flüchtigen dem Ungreifbaren und nicht umsonst spielt auch dieses Mal in „Die Wolken, die Vögel, der Reichtum nach Motiven von Aristophanes“ natürlich wieder Nebel eine entscheidende Rolle Nebel kommt und geht man kann ihn sehen und Nebel verändert sich ständig Nebel lässt sich nicht greifen wie die Wolken wie die Philosophie des Altertums und die Wolken und das Geld der Reichtum es ist der Besuch eines neuen Schülers in der Denkschule von Sokrates dem „Phrontisterium“ Thom Luz nähert sich seit Jahren mit gleichen Elementen auf der Bühne seinen Themen neben Nebel (Thom Luz ist angeblich Sammler von Nebelmaschine) sind es simple Klaviere und Tasteninstrumente Neonlicht Werkstattgegenstände auf der chaotischen aber doch auch übersichtlichen Bühne Leitern alte runde Lautsprecher an den Wänden alte Abspielgeräte für Tonbänder oder Filme mit sich langsam drehenden großen Bänderrollen Requisitenkästen auf Rollen Treppen dieses Mal ist noch ein Gabelstapler dabei und musikalisch wird das Geschehen auf der Bühne meist zart unterlegt von Klavierklängen so auch dieses Mal erstaunlicherweise hat sich Thom Luz für sein aktuelles Stück das Cuvillestheater ausgewählt die kleinere Bühne des Münchner Residenztheaters ein noch barockeres Theater lässt sich kaum denken auch damit ist der Abend selbst schon ein Sprung zwischen den Zeiten man betritt den Theaterraum und sieht vor sich den barocken Theaterraum – Mittelalter – und im Hintergrund blickt man auf die offene moderne Werkstattsituation der Bühne – Gegenwart Moderne – wissend dass es um Aristophanes geht der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte – Antike – und ganz hinten raus kann man manchmal in den Münchner Residenzhof blicken – wieder Mittelalter aber auch Gegenwart – hier mein Foto beim Betreten des Theaterraums entstanden das Theater blieb natürlich nicht leer ich war nur der zweite Besucher


Man muss die Geduld haben sich mit zeitlosen abstrakten Themen zu beschäftigen einen irgendwie aktuelleren Bezug hat der Abend nicht leider es blieb somit für meinen Geschmack etwas zu „isoliert“ vom richtigen Leben ja zu isoliert von heutigen Gedanken es blieb ohne Bezug zur Außenwelt und ohne Bezug zu unserem modernen Leben dabei wären die so grundsätzlichen Überlegungen des Abends – Worte Wolken Ideen Rede Gegenrede Gedanken Geld – doch vielleicht irgendwie wenigstens ansatzweise auch mit unserem heutigen Leben in Verbindung zu bringen etwa dass Philosophie heute ja kaum noch zählt und es fehlte meines Erachtens sogar ein wenig die Leichtigkeit der Abende von Thom Luz es sind ja im Grunde eher Performances hier aber versucht er eine kleine Geschichte um die Themen zu bilden basierend auf den drei Erzählungen von Aristophanes oft sind es bei Thom Luz auch allein schon die Bewegungen der Personen auf der Bühne die dem Gesamtbild etwas Besonderes geben und es so gelungen machen auch das fehlte mir hier etwas mein Eindruck war es waren vielleicht etwas zu viele SchauspielerInnen beteiligt und ein schöner Moment etwa war der Tanz bei griechischer Musik im Kreis und so weiter

Hier noch weitere Bilder


HIER der Link zur Stückeseite.

Copyright der Bilder Sandra Then

Kategorien
Sonstiges

SONSTIGES: Ingmar Bergman – Szenen einer Ehe

In der Mediathek von ARTE findet sich derzeit in sechs Teilen – es ist eine kleine Serie – „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman. „Szenen einer Ehe“ entstand 1973, es ist einer von Ingmar Bergmans erfolgreichsten Filmen! Ingmar Bergman wurde 1997 bei den Filmfestspielen in Cannes als „Bester Filmregisseur aller Zeiten“ geehrt. Es lohnt sich!

Der Film über die Scheidung einer Ehe kam damals sowohl als sechsteilige Fernsehserie als auch in einer kürzeren Kinofassung heraus. 1981 wurde „Szenen einer Ehe“ auch am Münchner Residenztheater – wo Ingmar Bergman Ja kurze Zeit arbeitete – auf der Bühne gezeigt.

Man verfolgt in diesen sechs Teilen äußerst vielschichtig das Befinden der beiden Ehepartner, wobei besonders Liv Ullmann klasse ist! Die Lüge einer „perfekten Ehe“, das Scheitern ihrer Ehe, die Suche nach der eigenen Persönlichkeit, Zuneigung, die Suche nach wahrer Liebe, das eigene Befinden bei alledem, um diese Themen etwa drehen sich die Gespräche der beiden. Man verfolgt im Grunde nur diese Gespräche. Kurz verfolgt man Gespräche mit weiteren Personen. Zum Einen anfangs ein Gespräch der beiden zusammen mit einem befreundeten Ehepaar bei einem Abendessen und zum Anderen später Gespräche von Liv Ullman als „Marianne“ einmal mit ihrer Mutter und einmal mit einer älteren Frau, die sich nach vielen vielen Jahren der Ehe scheiden lassen möchte, weil sie in einer „Ehe ohne Liebe“ lebe. „Marianne“ ist Scheidungsanwältin.

Man meint, Liv Ullman als „Marianne“ ist sich der Sache und der Liebe und der wahren Dinge hinter den Fassaden viel bewusster, als er, „Johan“. Etwa drei Jahre nach der Scheidung treffen sie sich dann wieder. Auch das ist noch Teil dieser kleinen Serie. Beide sind jetzt mit anderen Partnern verheiratet, doch sie verbringen ein gemeinsames Wochenende im Landhaus eines Freundes, wo sie sogar miteinander schlafen. Es scheint mir nicht so, dass beide mit ihrer zweiten Heirat etwa das größte Glück gefunden hätten! Marianne zum Beispiel hat vielleicht nur geheiratet, weil sie auf keinen Fall alleine bleiben wollte. Aber das bleibt letztendlich offen. Marianne bezweifelt jedenfalls, ob sie jemals jemanden geliebt habe oder geliebt wurde, aber Johan redet ihr ihre Zweifel aus. Johan „kapiert“ alles irgendwie weniger.

Wie gesagt, die wunderbaren Gespräche der beiden, ihr Verhalten ist äußerst vielschichtig! Mit viel Tiefgang und Ehrlichkeit! Es ist keine „brutale“, „glasklare“ oder „coole“ Scheidung nach modernem Muster, nach dem Motto: „Wir haben uns auseinander gelebt, wir werden uns kaum mehr sehen.“ Es ist einfach vielschichtig. Letztlich sprechen beide immer wieder über die Dinge und Gefühle, die sie selber haben mögen und die man eigentlich nicht unbedingt so besprechen würde. Vor allem nicht nach einer Scheidung.

Mein Fazit: Er, Johann, versteht viel weniger, als sie, Marianne!

„Nicht erfinden, nur nah sein“ schrieb Ingmar Bergman zu seiner Arbeitsweise einmal in den Arbeitstagebüchern. Die Arbeitstagebücher 1955-2001 von Ingmar Bergman sind jetzt in einer kommentierte Fassung beim Berenbergverlag veröffentlicht, steht heute, am 31.12.2021, in der Süddeutschen Zeitung.

Ingmar Bergmann hatte Jahre später, 2001, dann noch den Film „Sarabande“ gedreht, der eine Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“ ist. Ich habe ihn noch nicht gesehen, er würde mich interessieren. Marianne und Johan treffen sich nach 30 Jahren erneut! Wieder gespielt von Liv Ullmann und Erland Josephson.

EINEN GUTEN RUTSCH INS KOMMENDE JAHR WÜNSCHE ICH ALLEN!

THEATER: Sebastian Baumgarten – Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt

Am Dienstag (14.12.) war die Filmpremiere von „Bruder Eichmann“ im Marstalltheater, der „Werkstattbühne“ des Residenztheaters. Michael Billenkamp, Dramaturg am Münchner Residenztheater, schrieb dazu:

„Vor genau fünfzig Jahren – am 15. Dezember 1961 – sprach das Jerusalemer Bezirksgericht das Urteil im Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehemaligen Leiter des nationalsozialistischen «Referats für Judenangelegenheiten» und damit einem der Hauptverantwortlichen des organisierten Genozids.“

?? Es ist doch sechzig Jahre her. Weiter schreibt Billenkamp jedenfalls:

Das Gericht sah es nach der Vernehmung von rund hundert Zeug*innen und einer Prozessdauer von vier Monaten als erwiesen an, dass Eichmann an der Ermordung von etwa sechs Millionen Juden beteiligt war. Eichmanns Verteidigungsstrategie, dass er lediglich ein unbedeutender Befehlsempfänger und damit ein «kleines Rädchen» im Getriebe des NS-Vernichtungsapparats gewesen sei, war damit gescheitert. Das Urteil lautete: Tod durch den Strang. Bis zum heutigen Tag ist die Hinrichtung Adolf Eichmanns am 1. Juni 1962 in Ramla bei Tel Aviv das einzige auf israelischen Boden vollstreckte Todesurteil.“

HIER der Text von Michael Billenkamp.

Adolf Eichmann kennt jeder. Drei Stationen sind es nun (Adolf Eichmann bis 1962 – Heinar Kipphardt 1983 – Sebastian Baumgarten 2021), die eine neue „Annäherung“ an die unfassbare Gesinnung von Adolf Eichmann in der neuen Filmdokumentation ergeben. Die „Eichmann-Haltung“ nannte Heinar Kipphardt diese Gesinnung. Besser gesagt: Sebastian Baumgarten nähert sich heute erneut Heinar Kippharts Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ aus dem Jahre 1983 an, in der sich Heinar Kipphart Adolf Eichmann angenähert hatte.

Die Filmdokumentation ist bis Ende Januar 2022 komplett mit Zusatzmaterial in der neuen Mediathek des Residenztheaters zu sehen! HIER der Link zur allgemeinen Seite der neuen Mediathek.

Zu Adolf Eichmann: Zu seinem vielleicht nicht so bekannten Weg von seiner Geburt an bis zum Zweiten Weltkrieg siehe die Materialien in der Mediathek. HIER! Zu seinem berüchtigten Weg dann im Zweiten Weltkrieg über sein Verhör in Argentinien und Israel hinweg bis zu seiner Hinrichtung 1962 siehe insgesamt die jetzt neue Filmdokumentation „Bruder Eichmann“. Auch HIER.

Zu Heinar Kipphardt 1983: Er verarbeitete die 1960 entstandenen Verhörprotokolle des israelischen Geheimdienstes mit Adolf Eichmann im Jahre 1983 zu einem Dokumentartheaterstück. Die Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“ wurde 1983 am Residenztheater uraufgeführt. Im Grunde hatte Heinar Kipphardt damit auch zusammen mit wenigen anderen Autoren und Regisseuren der damaligen Zeit das Genre des „dokumentarischen Theaters“ begründet. Es wurde eine tief beunruhigende Dokumentation über Adolf Eichmann und über die hinter diesem stehende Gesinnung. „Die Banalität des Bösen“ sind die berühmten Worte von Hannah Arendt, die ja den Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel komplett verfolgt hatte. Ich kenne noch die Dokumentation von 1983. Michael Rehberg spielte damals am Residenztheater Adolf Eichmann.

Und zu Sebastian Baumgarten 2021: Der Regisseur hat sich nun dem bei der Uraufführung 1983 kontrovers diskutierten Text von „Bruder Eichmann“ (man sprach von Verharmlosung etc.) mit den Möglichkeiten und Mitteln des heutigen digitalen Theaters erneut angenähert. Es ist die neue Filmdokumentation zu Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ geworden. Adolf Eichmann wird hierin (soweit das Verhör wiedergegeben wird) nicht mehr personalisiert. Das ist angenehm und hebt sich sehr passend von der damaligen Theaterdokumentation von Heinar Kipphardt ab. Kein Michael Rehberg mehr! Es geht nicht um eine Person! Die Texte von Heinar Kipphardt werden allerdings von den Schauspielern des Theaters exakt nachgelesen. Die Schauspieler, die zum Einsatz kommen, sind aber sehr jung! Auch das ist passend! Es zeigt den Bezug von Adolf Eichmanns Äußerungen zur heutigen Zeit! Und zur Zukunft! Die Vergangenheit verschwindet ja immer mehr von der Bildfläche. Man kann sich hier aber nicht sagen: „Das war doch damals…“. Man kann hier auch nicht sagen: „Das war eben Adolf Eichmann!“ Es bleibt ein zeitloses Thema!

Die „Annäherung“ von Sebastian Baumgarten verbindet insoweit in feiner Art und Weise filmisch und durch Wort und Bild drei Ebenen: Das Verhör und die unglaublichen Äußerungen von Adolf Eichmann von 1960 zum Einen mit Heinar Kipphardts Dokumentation „Bruder Eichmann“ von 1983 zum Zweiten und mit unserem aktuellen Leben 2021 zum Dritten. Auch, wenn nur Bahngleise am Münchner Hauptbahnhof gezeigt werden, alles bekommt einen Gegenwartsbezug. Es wäre auch fatal gewesen, hätte man den Fall Eichmann als „Vergangenheit“ dargestellt!

Denn auch, wenn wir momentan in genug gigantischen Krisen leben (Corona mit der drohenden Omikron-Welle, das Klima), auch das muss sein: „Bruder Eichmann“ in diesen schweren Zeiten! Es bleibt ein Muss des Grauens, wir brauchen die Dokumentation immer wieder. Adolf Eichmanns Erklärungen in seinen Verhören nach seiner Festnahme in Argentinien und seiner Auslieferung nach Israel im Jahre 1960 zeigen, zu was der Mensch nicht nur damals „fähig“ war, sondern sicher im Ansatz auch heute noch fähig sein kann. Es geht um die Gesinnung, die Ursachen, die hinter allem standen: Befehl, Weisung, Gehorsam, absolute Selbstgewissheit allein durch absoluten Gehorsam, Hierarchie, Erziehung, Hörigkeit und die Verneinung jeder Art von eigener Verantwortung – das sind die Symptome, die es ja auch heute immer wieder gibt. In abgeschwächter Form, aber trotzdem!

Nun noch zur gestrigen Filmpremiere: Die Tribüne des Marstalltheaters war abgebaut, sie war jedenfalls nicht sichtbar. Ein schwarzer Raum, wenig Beleuchtung, ein dunkler enger Gang um den Raum herum, der die Besucher über „dokumentarische Stationen“ führte, in der Mitte des schwarzen Bühnenraumes dann ein Tisch mit einigen Büchern zu Heinar Kipphardts damaliger Theaterdokumentation „Bruder Eichmann“, an den vier Seitenwänden jeweils ein großer Flachbildschirm, davor in lockerer halbrunder Zusammenstellung Holzstühle, auf denen man saß und sich nach einer gewissen Zeit die Dokumentation ansah. In der Mitte des Raumes am Mischpult ein Musiker, der vor Beginn der Dokumentation leise vor sich hin dräuende und bedrohlich wirkende Musik einspielte. Eigentlich nur ein paar dumpfe und drohend summende Töne.

Man sieht und hört in der Filmdokumentation nicht nur den Text von Kipphardts „Bruder Eichmann“, man sieht und hört nun zusätzlich Personen, die um Heinar Kipphardt und seine damalige Dokumentation kreisten. Seine Tochter, sein Biograf, der Bühnenbildner der Aufführung im Residenztheater von 1983. Man sieht Ausschnitte der Theaterdokumentation aus 1983 mit Michael Rehberg.

Mit der Filmdokumentation von Sebastian Baumgarten wird das Geschehen um Adolf Eichmann in unsere Zeit transportiert. Ich fand es fein gelungen und weiterhin sehr sehr bedrückend, wenn man hört und auf sich einwirken lassen muss, was Adolf Eichmann erklärte!

Copyright des Beitragsbildes: Residenztheater

THEATER: „Dekalog“ nach Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz

Sie sind weiterhin grundverschieden – Gott sei Dank: Das Münchner Residenztheater und die Münchner Kammerspiele. An beiden Theatern habe ich kürzlich je eine Inszenierung gesehen, die beide nicht unterschiedlicher sein konnten: „Dekalog“ am Münchner Residenztheater und „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ an den Münchner Kammerspielen. Über „Dekalog“ schreibe ich hier, über die Inszenierung „Der Sprung vom Elfenbeinturm“ in Kürze im nächsten Beitrag.

Dekalog“ ist das bekanntere Stück von beiden. Ich erinnere mich etwa an zehn sehr eigenwillige Streamings des Schauspielhauses Zürich von „Dekalog“, Regie von Christopher Rüping – es war zu Beginn der Coronazeit -, in denen die zehn Teile des Stückes „Dekalog“ von jeweils einem Schauspieler oder einer Schauspielerin „übernommen“ wurden. HIER ist der Link zur herrlichen Archivseite des Schauspielhauses Zürich zu diesen zehn Teilen. Über diesen Link finden sich wunderbare Rückblicke! Etwas scrollen und sich die Videos ansehen!

Der Sprung vom Elfenbeinturm“ dagegen ist – das hier kurz – ein Abend über die vergessene Autorin Gisela Elsner. Es ist kein „Stück“ von Gisela Elsner, es ist ein Rückblick auf sie und ihre Werke. Der Titel dieses Abends ist erstaunlicherweise deutschsprachig! An den Kammerspielen liest man nämlich zur Zeit fast nur englische Sprache. Auch das ist ein deutlicher Unterschied beider Häuser.

Nun zu „Dekalog“:

Es geht ja um die zehn Gebote. Um die zehn Gebote und deren Wirken oder Nichtwirken im modernen Leben. Dargestellt jeweils in einer besonderen Situation. Ursprünglich war es eine Filmreihe für das polnische Fernsehen. Die zehn Teile – bei denen man keineswegs durchgehend eine „Zuordnung“ zu einem der 10 Gebote erkennt – sind:

  • Dekalog 1 – der Vater Krzysztof und sein Sohn, der im Eis einbricht
  • Dekalog 2 – der todkranke Andrzej und dessen Frau, die ein Kind von einem anderen Mann erwartet, dies aber nur bekommen möchte, wenn ihr Mann stirbt
  • Dekalog 3 – der Taxifahrer Janusch, der sich an Weihnachten irgendwann von seiner Familie „ausklinkt“ und seine ehemalige Geliebte Ewa trifft
  • Dekalog 4 – die Schauspielstudentin Anka und der gefundene Brief ihrer Mutter, in dem erklärt wird, dass Ankas „Vater“ nicht ihr leiblicher Vater ist. Das Verhältnis des Stiefvaters zu Anka zwischen „Vater“ und „Freund“
  • Dekalog 5 – der junge Strafverteidiger und der von ihm vertretene Mörder, der zu Tode verurteilt wird
  • Dekalog 6 – Tomek, der Magda und ihre zahlreichen Männer lange Zeit mit einem Fernglas in deren Wohnung gegenüber beobachtet und Kontakt zu ihr aufnimmt
  • Dekalog 7 – Maika und ihre Tochter, die von Maikas Mutter aufgezogen wurde, da Maika zu jung war. Maika möchte ihre Tochter wiederhaben
  • Dekalog 8 – die Dolmetscherin Elzbieta und die Professorin, die es in Kriegszeiten abgelehnt hatte, Elzbieta als kleines Kind vor den Nazis zu verstecken
  • Dekalog 9 – Hanka und ihr Ehemann, dem ärztlich Impotenz bescheinigt wird, und die Affäre von Hanka mit einem jungen Physikstudenten
  • Dekalog 10 – zwei Brüder am Grab ihres Verstorbenen Vaters und das wertvolle Erbe seiner Briefmarkensammlung

Die Inszenierung am Residenztheater hält sich an diese vorgegebenen Ausgangssituationen. Nicht alles wird davon erzählt, aber Wesentliches. Das macht die Inszenierung teilweise fast etwas kitschig, da die Situationen in bestimmten Momenten zu deutlich, zu direkt, dargestellt werden, war mein Eindruck. Dies ist auch der Unterschied zur sehr abstrakten und verspielten Inszenierung an den Kammerspielen, über die ich als Nächstes schreiben werde!

Andererseits ist festzustellen, dass den einzelnen dargestellten Situationen ohnehin nicht unbedingt der Bezug zu jeweils einem der zehn Gebote entnommen werden kann. Man müsste sehr genau weiterdenken. Es geht vor allem auch sehr um das Verhältnis Eltern – Kinder, was fast das Hauptthema der „Episoden“ ist. Mehrere Kinder treten auch auf, siehe auch das Beitragsbild oben.

Weitere Bilder der Inszenierung:

Die Bühne wird – man sieht es auf den Fotos oben – geprägt von vier trampolinähnlichen, beweglichen Trennwänden, die immer wieder ihre Position verändern. Ansonsten sieht man – neben sehr wenigen anderen Elementen – weitgehend die freie Bühne und das große Ensemble.

Es entsteht sicherlich die Anregung, über die Zusammenhänge der geschilderten „Episoden“ zu den zehn Geboten nachzudenken. Leicht ist es nicht und es bedarf der Zeit! Schließlich sind es zehn unterschiedliche „Episoden“. Und schließlich war Dekalog ursprünglich eine Filmreihe von zehn getrennten Filmen. Die Inszenierung hilft nicht besonders dabei, alles an einem Abend zu verarbeiten, sie beschränkt sich auch nicht auf bestimmte Aspekte. So habe ich das Theater verlassen, ohne konkret Gedanken mitnehmen zu können. Kommt vor.

HIER der link zu Wikipedias Eintrag über „Dekalog“ mit interessanter Weiterverlinkung zu den zehn Einzelseiten.

HIER die Stückeseite von „Dekalog“ auf der Website des Residenztheaters mit Trailer und den weiteren Terminen.

Copyright der Beitragsbilder: Birgit Hupfeld