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THEATER: Suzie Miller – Prima Facie

Es geht um sexuelle Übergriffe. Sexuelle Übergriffe sind kaum „gerichtsfest“ zu beweisen, außer es geht um eindeutige Fälle. Was kann das Opfer machen? Geht das Rechtssystem zu leicht zulasten des Opfers? Die prozessuale Situation sieht ja so aus: Der Angeklagte kann die Aussage verweigern – oder zumindest sagen, alles sei freiwillig geschehen. Es kommt also fast immer allein auf die teils erniedrigenden Aussagen des Opfers – fast immer der Frau – an. Und der/die Verteidiger/in des Angeklagten nutzt natürlich dabei jede kleinste Unklarheit der Aussage, um das Gericht (in Amerika die Jury) dazu zu bringen, nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ zugunsten des Angeklagten zu entscheiden. Es gibt in diesem Bereich keinen „Prima-facie-Beweis“, also keinen Anscheinsbeweis.

In „Prima Facie“ – einer Inszenierung von Nora Schlocker – erlebt man nun Tessa Ensler, eine „knallharte Strafverteidigerin“ in derartigen Fällen. Auch sie ist immer auf der Suche nach kleinsten Unklarheiten in der Aussage des Opfers oder provoziert solche. Der Kniff des Stückes „Prima Facie“ ist: Tessa Ensler wird plötzlich selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs! Ein Anwaltskollege nach einem Abend mit viel Alkohol … erst Tessas Lust, dann der Übergriff. Und plötzlich erkennt Tessa Ensler höchstselbst die Situation des Opfers vor Gericht, sie hat den Kollegen ja angezeigt.

Meine Eindrücke:

  • Das Bühnenbild ist höchst neutral, schlicht, es ist fast nicht vorhanden. Kistenweise Aktenordner und eine Bettmatratze, mehr nicht. Es bietet keinerlei Vorgaben zum Thema. Gut so, wenn auch doch sehr nüchtern.
  • Tea Ruckpaul ist die Darstellerin von Tessa Ensler in diesem Ein-Personen-Stück. Der „Seitenwechsel“ von Tessa Ensler – der Wechsel in die irrsinnige Opferrolle eines sexuellen Übergriffes vor Gericht – kommt bei Tea Ruckpaul sogar noch fast zu wenig zur Geltung! Ich hatte jedenfalls beim Lesen des Textes noch mehr Beklemmung, empfand die irre prozessuale Situation des Opfers eines sexuellen Übergriffs dort noch deutlicher, als auf der Bühne. Es mag – wenn, dann – an der insgesamt fast „vorsichtig“ zu nennenden Inszenierung von Nora Schlocker liegen, nicht an Tea Ruckpaul. Sie „spielt“ es wunderbar, spielt allerdings ihre Seite der kühlen Strafverteidigerin noch überzeugender als ihre Seite des Opfers einer Vergewaltigung. Es mag allerdings daran liegen, dass es auf der Bühne natürlich kaum Gelegenheit gibt, innezuhalten. Beim Lesen kann man innehalten, blättern, nachdenken … .
  • Und: Der Schwerpunkt von Tessa Enslers Argumentation gegen das bestehende Rechtssystem, das in diesen Fällen fast immer die Frauen belastet oder geradezu abschreckt, liegt unter anderem stark darauf, dass das Rechtssystem meist in früheren Zeiten von Männern geschaffen wurde. Das stimmt sicherlich, ist aber meines Erachtens nicht das Problem. Wie sollte denn ein anderes Rechtssystem aussehen? Vielleicht doch mehr mit Prima Facie (Anscheinsbeweis) arbeiten, sodass auch der Angeklagte aussagen muss? Darüber kann man diskutieren. Die letzten Worte des Abends sind jedenfalls: „Irgendwas muss sich ändern.“

All das zusammen fördert den Bedarf, im Anschluss an das Stück darüber zu diskutieren. Könnte etwas verändert werden?

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.


Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

Von maxkuhlmann

Geboren am 04.08.1961 in Göttingen, aufgewachsen in München, gelebt in München, Lausanne, London, Köln, München, ehemals Rechtsanwalt, Dr. jur., seit 2010 freischaffend in kulturellen Interessensgebieten tätig.

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