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THEATER: Akademietheater – Kassandra

Ich hatte diesmal vage Erwartungen an das Stück Kassandra. Erwartungen sind immer gefährlich! Es hieß, es sei eine Inszenierung auch auf Basis des wunderbaren Romans „Kassandra“ von Christa Wolf. In diesem Roman schildert Christa Wolf all das, was sich die Trojanerin Kassandra als Beute des Siegers Agamemnon im Wagen sitzend auf dem Weg durch die Menschenmassen Richtung Agamemnons Heimatstadt dachte. Es heißt in der Ankündigung: Schauspiel-Studierende der Bayerischen Theaterakademie August Everding präsentieren KASSANDRA – Echos aus Troja.

Sicherlich kommt auch in Christa Wolfs so lesenswertem Roman „Kassandra“ stückweise die gesamte Geschichte des Trojakrieges und der daran beteiligten Personen zur Sprache. Aber eben alles allein Aussicht von Kassandra. Das ist das Besondere dieses Romans. Dieses Besondere des Romans fand sich leider – so mein Eindruck – in der Inszenierung von Kassandra am Akademietheater sehr wenig. Die Inszenierung (eine Inszenierung von Thomas Lettow, Schauspieler des Münchner Residenztheaters) legte ihren Schwerpunkt doch eher auf die neutrale Historie des bekannten Trojakriegs, nicht aber auf Kassandras so subjektive Gedankenwelt. Schade.

So blieb es auch nicht aus, dass alle relevanten griechischen und trojanischen Personen (alle im Großen und Ganzen relevanten Beteiligten kommen vor, werden erwähnt) so dargestellt wurden, wie man es leider gewohnt ist: Oft etwas bemalt, von der „normalen“ Welt irgendwie enthoben, recht laut und bedeutungsschwanger redend, heroisch, tragisch, geölte Haare nach hinten, alle Augen dunkel gezeichnet, in einheitliche Gewänder gekleidet, eben aus einer fernen Welt. Schade, mein Eindruck des Romans Kassandra von Christa Wolf ist derjenige, dass sie für sich alles sehr subjektiv als ein ganz natürliches Geschehen überdenkt. Andererseits: So „pauschal“ werden sie allesamt auch schon im Residenztheater in der Inszenierung „Agamemnon“ gezeigt. Thomas Lettow spielt dort übrigens Agamemnon. Vielleicht hat er es unbewusst etwas übernommen.

Die so guten schauspielerischen Leistungen aller jungen Schauspieler und Schauspielerinnen der August Everding Theaterakademie gingen für mich daher leider in diesem zu pauschalen Bild des antiken Griechenlands unter. Ich hatte Sensibleres erwartet, erhofft, was aber sicherlich auch schwer ist in punkto „Trojakrieg“. Zumindest Christa Wolf ist es gelungen.

Ob das Stück etwa im Herbst nochmals an der Theaterakademie gezeigt wird, steht noch nicht fest. Zusammen mit Agamemnon und Athena am Residenztheater ließe sich so jedenfalls ein schönes Dreierpaket schnüren. Die schöne Bühne des Akademietheaters lohnt sich allemal!

Hier noch ein Foto:

Copyright der Fotos: Cordula Treml

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THEATER: Residenztheater -Athena

Im Marstalltheater, der schönen Werkstattbühne des Residenztheaters, ist derzeit eine als „Installation“ bezeichnete Produktion mit dem Titel „Athena“ zu sehen. „Inszenierung“ Robert Borgmann. Auch Athena ist Troja. Sie ist Ende der alten und Anfang einer neuen Zeit. Die Inszenierung Athena ist sehr eigenwillig, sehr subjektiv, nicht leicht zu verstehen, symbolhaft, nachdenklich, aber kunstvoll. Athena – ein Wendepunkt im Verhalten der Menschen.

Athena ist die Göttin, zu der Orestes flieht, der wieder einmal von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Athena soll Orestes helfen. Orestes hat ja aus Rache seine eigene Mutter Klytaimnestra getötet, das soll natürlich auch wieder gerächt werden. Klytaimnestra hatte aber zuvor Orestes Vater Agamemnon getötet. Auch aus Rache, weil Agamemnon ja vor dem 10-jährigen Troja-Krieg die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hatte – um günstigen Fahrtwind nach Troja zu bekommen! Schuld und Rache, immer weiter, immer weiter. Über 400 Jahre vor Christus. … Und dann kam Athena.

Aischylos hatte es so schon in seiner Trilogie „Orestie“ geschrieben „Athena“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Bei Aischylos heißt dieser dritte Teil „Eumeniden“. Die Rachegöttinnen Erynnien nennen sich nämlich ab da die Eumeniden, die Wohlwollenden. Der erste Teil der Orestie heißt „Agamemnon“, er wird derzeit auch am Residenztheater gebracht. Von Ulrich Rasche, sehr einhämmernd, mir war es too much. HIER mein damaliger Beitrag. Der zweite Teil der Aischylos-Trilogie heißt „Choephoren“, auch er wird derzeit am Residenztheater als Inszenierung von „Die Fliegen“ von Elsa-Sophie Jach gebracht. Jean-Paul Sartres moderne Fassung dieses Orestieteils.

Athena hat also tatsächlich das ewige System von Rache und Gegenrache beendet. Rache und Gegenrache basierten eigentlich immer auf dem Einfluss der Götter. Und was die Götter befahlen, machte man eben. Athena sagte jetzt aber zum ersten Mal: „Nein, ich werde es nicht weiter entscheiden. Ihr Menschen müsst selber entscheiden!“ Der Wendepunkt im Verhalten der Menschheit! Ein Schritt auf dem Weg zur „attischen Demokratie“, die nicht viel später entstand! In der attischen Demokratie gab es dann erstmals Gerichte, die über Straftaten entschieden! Also hängt Troja mit der Entstehung des Gerichtswesens zusammen! Und somit mit unserer Zeit!

Die Inszenierung von „Athena“ im Marstalltheater hat selber drei Teile. 1. Orestes – 2. Athena – 3. Familie (Klytaimnestra, Agamemnon, Iphigenie, Orestes, seine Schwester Elektra, auch Kassandra). Kassandra war auch Teil der Trojageschichte. Das Münchner Akademietheater zeigte kürzlich das Stück „Kassandra“. Auch darüber schreibe ich noch.

In der sehr symbolhaften Inszenierung „Athena“ sind die gerade genannten Figuren nicht immer klar zu erkennen. Es gibt Doppelrollen. Auch das Bühnengeschehen ist in vielen Einzelheiten nicht unbedingt verständlich. Warum wird schwarzer Wackelpudding gegessen? Warum schwarzes Wasser getrunken? Die Farbe der Rache? Des Systems der Rache? Warum zieht Orestes am Ende einen brennenden Stuhl über die Bühne? Warum der verzweifelte Schrei: „Ich bin ein Mensch!“ Viele viele Einzelheiten, zu denen sich Regisseur viele Gedanken gemacht haben wird, klare Aussagen sehen wird, sie sind aber oft etwas schwer verständlich. Man muss aber auch nicht immer alles verstehen. Man versteht einiges und kann und sollte sich mit einem gewissen Vorwissen über den inhaltlichen Hintergrund zu Einigem etwas denken. Etwa Orestes (Tiemo Strutzenberger) – immer wieder liegend im Gummiboot, das im Wasser treibt, im Wasser, das fast den ganzen Abend lang die Bühne knöcheltief füllt. Wasser, das Element des Menschen? Das Element der Unsicherheit? Des Schicksals, in dem der Mensch watet? Orestes im Boot – der Ankommende? Der Treibende, der Flüchtende, der Flüchtling? Moderne Assoziation? Suchen Flüchtlinge Gerechtigkeit? Man kann sich schöne Dinge überlegen!

Man lässt sich also ein auf eine „musiktheatrale Installation“, die man überdenken muss. Zu der man sich sein Bild machen kann. Vor dem Hintergrund: Athena hat die Welt verändert und alles hängt mit allem zusammen!

Hier noch ein Foto:


HIER der Link zur Seite der Produktion auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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Gesehen und gehört

THEATERTREFFEN EXTRA: BEUTE FRAUEN KRIEG (Schauspielhaus Zürich)

Es sind mindestens vier Geschichten der griechischen Mythologie, die eng miteinander verwoben sind: Wir haben immer wieder von den Einzelteilen gehört. Thema der Inszenierung BEUTE FRAUEN KRIEG von Karin Henkel sind drei Teile davon.

ERSTE STORY: Die Opferung der Tochter Iphigenie durch Agamemnon, den griechischen Herrscher in Mykene. Er opfert sie, da er nur so Wind für seine zahlreichen Schiffe auf dem Weg nach Troja bekam.

Und die ZWEITE STORY: Der Raub der schönen Helena durch Paris. Der Anlass des trojanischen Krieges: Paris war ein Sohn des Königs von Troja, Priamos, und seiner Frau Hekabe. Bruder von Kassandra. Helena war Griechin. Sie galt als schönste Frau der Welt und war verheiratet mit dem griechischen Heerführer Menelaos.

Eine DRITTE GESCHICHTE ist dann, dass der Grieche Agamemnon nach zehnjähriger Belagerung Trojas nach Hause kam und feststellen musste, dass seine Frau Klytämnestra bereits mit einem anderen, mit dem Nebenbuhler Aigisthos, zusammen war. Beide töten Agamemnon.

Und hier beginnt die VIERTE GESCHICHTE. Die Geschichte von Elektra und Orest. Beide waren – neben Iphigenie – Kinder von Klytämnestra und Agamemnon. Sie trauern um ihren ermordeten Vater und rächen ihn. Sie töten Klytaimnestra. Alles hängt also zusammen.

Übrigens hängt ja auch die Odyssee damit zusammen. Die Irrfahrten des Odysseus auf der Heimkehr nach dem trojanischen Krieg. „Die Odyssee“ hieß ja eines der anderen Stücke des Theatertreffens 2018, siehe HIER meinen Beitrag.

In BEUTE FRAUEN KRIEG, Inszenierung von Karin Henkel am Schauspielhaus Zürich,  werden die ersten drei Stories zum Thema. HIER ein link zu einem Trailer! Es geht um das Leid der Trojanerinnern, die nach dem Untergang ihrer Stadt von den Griechen verschleppt und vergewaltigt wurden. Die Trojanerinnen – etwa Kassandra – als Racheobjekte der Griechen. Zum anderen geht es um die Opferung von Iphigenie durch den Vater Agamemnon. Und es geht um die schöne Helena. Der Elektrakomplex und die Tötung Agamemnons durch seine Frau und Aigisthos kommen dagegen nicht zum Tragen. Die Inszenierung geht zurück auf „Die Troerinnen“ von John von Düffel und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima.

Gespielt wurde in den beeindruckenden riesigen Rathenauhallen, 20 Meter hoch? Am südöstlichen Rand Berlins.  Abgetrennt war der Teilraum des Theaters durch riesige schwarze Tücher. Cool! Von wegen Plüschsessel oder gediegenes Theaterhaus oder ähnlich. Bierbänke und kahle Wände! Eine langgezogene Bühne, wie ein Laufsteg. Der Laufsteg wurde  bald durch herabgesenkte Trennwände dreigeteilt. Erst im zweiten Teil wieder vereinheitlicht. Schon das ist eine Idee, die das Interesse auf die einzelnen Stories fokussierte.  Auf jedem Teil der dreigeteilten Bühne wurde ein Teil der obigen Troja-Geschichten verhandelt. Die Zuschauer hatten Kopfhörer und konnten immer einen Teil sehen und hören. Man wechselte zweimal die Plätze, sodass man doch alles sehen konnte.

Schauspielerisch von allen – wirklich allen – großartige Leistungen! Ich würde besonders Kate Strong als Hetäre nennen, die immer wieder – auch auf Englisch – auf die Beteiligten beeindruckend einredete, hinterfragte, es in den Griff zu bekommen versuchte. Großartige Schauspielerleistungen! Nichts wirkte gekünstelt! Es läuft noch (wenige Male) am Schauspielhaus Zürich!

Das Thema von BEUTE FRAUEN KRIEG ist ja völlig zeitlos: Die „Rolle“ der Frau. Die Zeitlosigkeit kommt in der Inszenierung etwa durch Fritz Fenne (als Odysseus) zum Ausdruck, der manchmal mit modernem kabellosem Mikrofon durch die Räume geht und erzählt.

Sehr aktuell ist das Thema durch die bekannte „#me too -Debatte“.

Etwas zurück: Das Thema des Feminismus in früheren Zeiten wird ja auch gerade an den Münchner Kammerspielen aufgegriffen! August Strindbergs „Der Vater“, der sich gegen aufkommenden Feminismus sträubt. 19. Jahrhundert. HIER mein Blogbeitrag dazu!

Weit zurück: Weit zurückgehend – vier Jahrhunderte vor Chrisi Geburt! – ist die Rolle der Frau eben nach dem trojanischen Krieg revolutionär von Euripides aufgegriffen worden.

Da habe ich zwei Überlegungen:

Erste Überlegung:

Sehr beeindruckend wird das Los der trojanischen Frauen ja auch im Roman „Kassandra“ von Christa Wolf beschrieben. Absolut subjektiv und komplett aus Sicht von Kassandra, die der Grieche Agamemnon für sich beansprucht. Sie rekapituliert alles auf dem Schiff, gefesselt auf der Fahrt zu Agamemnon. Ein Muss für Literaturfreunde! Ich dachte an das Buch: Auch in BEUTE FRAUEN KRIEG wird ähnlich subjektiv das Leid der Trojanerinnen gezeigt. Aber aus der Sicht mehrerer Frauen: Hekabe, Iphigenie, Helena, Andromache (Frau des Trojaners Hector, deren Kind getötet wird).

Zweite (freche) Überlegung:

Von „Rolle der Frau“ zu reden, hat ja schon einen machohaften Anklang. Frauen leben – Behauptung! – nebenbei auch in einer anderen Welt. In einer anderen Sphäre. Das enthebt sie vom männlichen Gehabe! Das ist das Problem der Männer. Es mag damit zusammen hängen, dass Frauen Kinder bekommen und daher irgendwie näher am Leben der Welt sind. Führen Frauen Krieg? Nein! Ziehen Frauen in den Krieg? Nein. Ich glaube, Kriegsgelüste waren und sind „weltliche“ Männersache. Sich behaupten, kämpfen, der Drang des Männlichen. Männer wollen sich beweisen. Im Grunde gegenüber der Mutter? Wunderbar wird in BEUTE FRAUEN KRIEG gezeigt, wie aber die Männer dabei – bei ihren machomäßigen Entscheidungen – in Probleme geraten. Iphigenies Opferung durch Agamemnon etwa. Die Frauen konnten das Treiben der Männer nur beobachten. (Aber gab es wenigstens griechsche/römische Schriftstellerinnen? Wohl nicht einmal das!) Und das Problem war  – jedenfalls früher! -, dass die siegreichen Männer die Frauen nach ihrem Belieben in ihre weltliche Welt gezogen haben. Aus Trotz, die Frau als Opfer, um dem/den Unterlegenen erst recht eins auszuwischen. Verschleppt und vergewaltigt nach Trojas Zerstörung zum Beispiel. Das Leid der Frau nach der Zerstörung Trojas, das große Thema von BEUTE FRAUEN KRIEG.

Aber eigentlich ist es auch heute noch Thema.

Siehe Jugoslawien/Serbien. Das Machogehabe der Männerwelt.

Siehe Islam. Gerade, weil es meist – vermute ich – doch die Männer sind, die den Frauen „diktieren“, sich zu verschleiern, ist es – auch wenn es religiös begründet wird – meines Erachtens doch vielleicht ein Thema der weltlichen Welt der Männer. Frauen sollen sich in der Welt der Männer verschleiern und sie können sich dem bis heute kaum widersetzen – sofern sie es wollen. Wobei:  Ich finde Frauen mit Kopftuch – nicht ganz versteckt hinter der Burka – ja oftmals wahnsinnig schön!

Siehe auch #me too.

Frauen leben in zwei Welten, Männer nur in ihrer weltlichen. Das verunsichert den Mann. Macht aggressiv. Was für eine These! Ich Psychologe!

Die Zeiten haben sich insoweit geändert. Frauen wollen mehr und mehr weltlich gleichberechtigt leben. Das ist dann Feminismus. Etwa in der Berufswelt. Etwa in der Bundeswehr. Warum auch nicht! Nicht, weil die Frauen ihre sphärische Welt verändern oder den Unterschied zwischen der sphärischen Welt und der weltlichen Welt ändern oder aufheben wollen. Nein. Sondern es geht dann beim Thema Feminismus um die „Rolle“ der Frau in der weltlichen Welt. Wie gesagt: Die Überlegungen, welche „Rolle“ die Frau innehat, ist – auch wenn es sich bei der Frage vordergründg um die Frau dreht – dann mindestens auch eine Männerfrage. Feminismus ist ein Männerthema! Männer haben ein Problem! Frauen haben Männern etwas voraus, nämlich eine eigene Welt. Und die weltliche Welt den Männern zu überlassen, wäre zerstörerisch. Das wurde auch wunderbar deutlich in BEUTE FRAUEN KRIEG. Die „Rolle“ der Frau in der weltlichen Welt ist wichtig. Wirklich volle Gleichberechtigung und so weiter. Aber können die Männer „Rollen“ vergeben?

HIER noch der link zur (guten) Website des Schauspielhauses Zürich zu diesem Stück.

Copyright des Beitragsbildes: Toni Suter, Schauspielhaus Zürich