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LITERATUR: Colm Tóibín – Long Island

Der Roman ist die Fortsetzung eines früheren Romans von Colm Tóibín. Die Irin Eilis steht im Mittelpunkt des Romans „Long Island“, so wie sie schon im Roman „Brooklyn“ aus dem Jahr 2009 im Mittelpunkt stand. Aber nicht nur das. Alle Personen um Eilis herum sind in beiden Romanen – „Brooklyn“ und „Long Island“ – die gleichen. Eilis und alle anderen Personen sind in beiden Romanen dieselben Personen mit ihrer Vergangenheit.

Long Island ist ein Roman zum Einen über die Zerrissenheit, die Auswanderer in ihrem Leben erleben (hier: Eilis‘ Leben in Irland in ihrer Kindheit und Jugend und in Amerika in ihrem Erwachsenenleben) und zum Anderen – in dieser speziellen Situation und generell – über den Umgang des Menschen mit der eigenen Vergangenheit: Im ersten Schritt, in „Brooklyn“ wandert Eilis auf Betreiben Ihrer Familie nach Amerika aus. Sie heiratet dort den Amerikaner (italienischer Abstammung) Tony. Dann kehrt sie einmal kurz nach Irland zurück und hat dort eine kurze große Liebesbeziehung zu Jim. Unvermittelt kehrt sie aber nach Amerika zurück. Jim wusste nichts von Tony.

Im zweiten Schritt, in „Long Island“ nun kehrt Eilis – jetzt mit ihren beiden Kindern – über 20 Jahre später erneut nach Irland (zum 85. Geburtstag ihrer Mutter) zurück. Tony bleibt in Amerika, die Beziehung zu Eilis lies die gemeinsame Reise nicht zu, denn Tony bekommt von einer anderen Frau ein Kind. Eilis ist sich insgeheim deshalb nicht einmal sicher, ob sie je wieder nach Amerika zurückkehren wird. In Irland – in „Enniscourthy“, dem Ort, in dem übrigens Colm Tóibín tatsächlich geboren wurde – trifft Eilis dann Jim wieder, die große frühere Liebe!

Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Beides passt nicht mehr zusammen. Das ist der Roman. Vor allem Jim ist hin- und hergerissen. Er hat natürlich seine eigene Gegenwart, mehr als 20 Jahre sind, wie gesagt, vergangen. Er steht jetzt kurz vor der Verlobung mit Nancy. Andererseits ist er jetzt wieder von der großen Liebe zu Eilis befallen. Die Vergangenheit bricht in die Gegenwart ein! So lebt er in diesem Roman zwischen zwei Welten. Was soll er damit machen, dass er wieder zur Liebe zu Eilis gefunden hat? Mehr als zwanzig Jahre später! Und niemand darf etwas davon mitbekommen!

Aber auch Eilis: Sie braucht ihre Zeit für eine Entscheidung und überlegt, wie alles denn in Amerika überhaupt gehen würde, wenn Jim zu ihr käme. Auch ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit passen ja nicht zusammen. Wie sich die Leben weiterentwickeln!

Man könnte oder müsste über das Ende des Romans schreiben. Denn während man das Buch liest und liest, merkt man als Leser, dass man darauf gespannt ist, wie am Ende vor allem Jim die Sache löst bzw. wie die Sache endet. Das ist die gute Technik des Buches, der Spannungsaufbau!

Ich will nicht „spoilern“: HIER AUFHÖREN ZU LESEN UND ERST WEITER UNTEN WEITERLESEN. ICH GEHE IM FOLGENDEN AUF DAS ENDE DES ROMANS EIN:

Das Ende des Romans ist ein wenig unbefriedigend. Jim, der mittlerweile völlig in die Ecke getrieben war (sich selber in die Ecke getrieben hat) zwischen seiner alten großen Liebe Eilis (seiner Vorstellung eines Lebens in Amerika mit ihr) und seiner aktuellen Freundin Nancy, wird am Ende von seinen Freunden und Bekannten spontan in seinem Pub dafür gefeiert, dass er sich angeblich mit Nancy verlobt hat! Er kann es nur über sich ergehen lassen. Er hat sich gar nicht verlobt, Nancy hat es nur behauptet und vorsorglich überall herum erzählt, da sie herausbekommt, dass Jim wieder mit Eilis (früher Nancys bester Freundin) Kontakt hat. Darauf zieht Jim sich von der spontanen Befeierung der Verlobung zurück, er sehnt sich immer noch (letzte Momente des Romans) nach seiner Zukunft mit Eilis. Aber selbst in seinen Vorstellungen kann er nicht mehr erkennen, was Eilis zu ihm sagen würde … Er steht im Hausgang und weiß nur, dass er für Nancy, wenn sie kommt, die Tür öffnen würde … Aber kommt sie? Alles bleibt offen.

HIER GEHTS WEITER:

Colm Tóibín beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit dem großen Thema Gegenwart und Vergangenheit. Als Drehbuchautor verfasste er vor allem gemeinsam mit Volker Schlöndorff das Skript zu dem Spielfilm „Rückkehr nach Montauk“ (2017), der von Max Frischs Erzählung „Montauk“ (auf Long Island!) inspiriert wurde. Auch in „Montauk“ sowie erneut in „Rückkehr nach Montauk“ geht es um das Einbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart.

Mein Eindruck: Der Roman „Long Island“ wirkt manchmal etwas gekünstelt, da sich sehr viele Probleme vor allem darum drehen, dass niemand etwas erfahren darf. Eilis’ Mutter nicht, die Kinder nicht, Nancy nicht, kein Mensch im Ort, niemand. So rutscht Jim auch immer mehr in die Klemme. Das wirkt etwas übertrieben. Man kann durchaus an Jim’s Verhalten etwas zweifeln. Genauso gut aber am Verhalten von Eilis.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Übersetzung! Man muss leider immer wieder, immer wieder, kurz genau überlegen, wer im Satz eigentlich mit „sie“ oder „er“ etc. gemeint ist. Das ist etwas hinderlich, ich kreide es der Übersetzung an. Die Übersetzer schreiben sogar falsches Deutsch, wenn sie schreiben „wegen dem …“ statt „wegen des …“. Auch nicht schön. Das Deutsch klingt auch manchmal zu einfach!

Trotzdem: Man folgt einer sich langsam zuspitzenden Geschichte darüber, ob man – aus Liebe – aus der eigenen Gegenwart ausbrechen kann und eine neue Geschichte starten kann. Ein Thema, dass viele von uns betrifft!