„Die Odyssee“ von Christopher Nolan ist seit wenigen Tagen in den Kinos zu sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es mir ansehen möchte. Ich möchte die Geschichten der Odyssee nicht von bombastischen quasi-realen Hollywood-Kinobildern in cineastischer Topbesetzung überlagern lassen.
Homers Erzählung der 10jährigen Irrfahrt des Griechen Odysseus nach dem Trojakrieg zurück nach Ithaka zu seiner Frau Penelope mit all seinen Abenteuern ist für mich keine verfilmbare Story, sondern ein Bildgemälde, dessen Sequenzen sich eher im Alltag eines Leopold Bloom in James Joyces‘ „Ulysses“ wiederfinden.
Stattdessen habe ich nun die Nacherzählung der Odyssee von Stephen Fry gelesen (Das reine Wunderwerk des „Ulysses“ von James Joyces‘ habe ich schon längst – mehrfach – gelesen). „Odyssee“ ist eines derjenigen Bücher, in denen sich Stephen Fry umfassend erzählend den prägenden Elementen der antiken Welt widmet. Ich werde demnächst noch über die weiteren seiner Bücher zur Antike schreiben (es sind neben „Odyssee“ die Erzählungen „Troja“, „Mythos“ und „Helden“), da ich ein großer Fan der unfassbaren antiken Welt, der damaligen Menschen, Geschichten, Gedanken, der Philosophie dieser fernen Zeit bin.
Etwas verwundert war ich allerdings auf den ersten 115 Seiten (!) der „Odyssee“ von Stephen Fry. Bis dort geht es nämlich nicht – der Buchtitel zeigt es nicht an – um die Odyssee, es geht um die anderen großen Geschehnisse, die aus der Zeit nach der Zerstörung Trojas erzählt werden. Gut, alles hängt zusammen. Es geht um die andere bekannten „Rückkehren aus Troja“ nach Griechenland: Agamemnons Rückkehr! Der Grieche Agamemnon kehrte nach Mykene zu seiner Frau Klytaimnestra zurück und wurde dort von dieser und ihrem neuen Freund Aigisthos getötet. Er hatte ja schließlich vor dem Trojakrieg die gemeinsame Tochter Iphigenie für guten Wind geopfert. Dann kommen deren beider Kinder Orestes und Elektra, und es geht weiter, sie rächen sich an Klytaimnestra. Und so weiter.
Auch von der – ungewollten – Fahrt des Trojaners Aeneas nach Karthago (Aeneas und Dido!) und später erst nach Latium/Italien wird berichtet. Genauso von Helenas und Menelaos Rückfahrt. Man erfährt also alles.
Ab Seite 116 („Auf Kalypsos Insel“) geht es dazwischen übrigens kurz doch um Odysseus, dann aber wieder um Agamemnons Geschichte bis hin zum Rückzug der Götter von dem System „Rache folgt auf Rache“, hin zu Athenes Entscheidung.
Dann eigentlich – ab Seite 167 – erst geht es Stephen Fry um die Irrfahrten des Odysseus. Nachdem dieser nach sieben Jahren die Insel der Kalypso verlassen konnte, geht es bis hin zu Odysseus‘ Ankunft auf Ithaka und zu dem Moment, in dem Penelope erkennt, dass er Odysseus ist. Sohn Telemachos wusste es bereits.
Alles ist von Stephen Fry aber – trotz der „Titeltäuschung“ – durchgehend locker und gut lesbar geschrieben. Viele direkte Gespräche der Götter und Menschen! Sehr plastisch. Stephen Fry erzählt in moderner Sprache, schafft es aber durchgehend, „antik“ zu bleiben. Er macht nicht modernes Geschehen daraus. Das prägt seine Erzählung! Es ist schön und flüssig lesbar!
Man wird natürlich mit einer riesigen Menge an Namen der Beteiligten Götter, Halbgötter, Menschen und Orte konfrontiert, das umfassende Personenregister am Ende des Buches hilft! Interessant ist auch Stephen Frys Schlusstext, in dem er Gedanken zur Verbindung der antiken Geschichte zu unserer heutigen Welt anstellt.
Fazit: Lesenswert – Odyssee, Untertitel: Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr – vor allem unbedingt auch für Schüler auf humanistischen Gymnasien.