THEATERTREFFEN EXTRA: Ágota Kristóf – Das große Heft, Fassung von Ulrich Rasche

Ulrich Rasche! Er war schon 2017 mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ auf dem Theatertreffen, war 2018 mit Georg Büchners „Woyzeck“ auf dem Theatertreffen und dieses Jahr, 2019, mit „Das große Heft“, einem Roman von Ágota Kristóf.

Ein grauenhaftes Buch und eine Inszenierung, die einen mitgenommen hat. Das Grauenhafte kam in der für Ulrich Rasche so typischen Art der Inszenierung diesmal sogar noch etwas stärker zum Vorschein.

Sie waren Zwillinge – es war Krieg – ihre Mutter brachte sie zur Großmutter in die ländliche Gegend, weg von der bedrohten Hauptstadt – die Zwillinge lernten fürchterliches Leid kennen, Dreck, Hunger, Vergewaltigung, Erniedrigung, Tod, Lust an Gewalt etc. – aber sie nahmen alles hin, lernten daran, stählten sich, fasteten, töteten Tiere, sehen Sodomie, stellten sich blind und taub, fügten sich selbst Schmerzen zu, beleidigten sich gegenseitig und und und – sie behielten trotz allem in kleinen Momenten ihre Menschlichkeit – dadurch, dass sie ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen in einem „großen Heft“ festhalten, entsteht eine Aufsatzsammlung – was mit Mutter und Vater geschah, verrate ich hier nicht – es geht bis zum Ende, das noch einmal besonders grausam ist. Ergebnis: Brutalst gestählert für das Leben – es sind ja Kriegszeiten – und trotz aller Grausamkeit immer noch mit Herz? Geht das? Ist etwas unerschütterlich? Oder ist das Leid letztlich größer?

Es gibt eine (wahrscheinlich gelungene) Verfilmung des Romans, HIER der Trailer.

Warum sich Ulrich Rasche dieses grauenhafte Buch herausgesucht hat, verstehe ich nicht ganz. Nur um zu erschüttern und zu beeindrucken? Das wäre wahrlich gelungen! Ich habe lange überlegt: Langsam frage ich mich, was denkt sich Ulrich Rasche dabei? Wie schon mehrfach gesagt: Es ist ja keine Theateraufführung, es ist etwas Anderes. Ulrich Rasche bringt Literaturshows auf unglaublich eindringlicher Art und Weise auf die Bühnen. Kann man Literatur in dieser Art so vereinheitlichen? Zu was führt das? Gut, es macht einerseits den Text eindringlicher und bewusster. Der Text und der Inhalt – nur darauf kommt es Ulrich Rasche vielleicht an – werden dem Zuhörer geradezu eingehämmert. Das hat eine beeindruckende Wirkung und kommt den puren Texten der Werke meist zugute. „Achte nur auf das, was der Autor sagt“, scheint Ulrich Rasche sich und uns zu sagen.

Andererseits aber gehen Elemente verloren: Jede Nuance der Gefühlswelt. Jede Freude. Jede Gelassenheit. Jede Leichtigkeit. All das will Ulrich Rasche nie zeigen! Es geht unter im Gebrüll, im Stakkato des Textes, im Ambiente insgesamt. Alles wirkt schwer. Wird der Zuhörer durch diese Art der Darbietung übertölpelt? Soll er einen ganz bestimmten Eindruck bekommen? Man kommt ja kaum zum Atmen. Ich bin fast schon vorsichtig, lese die Texte dann lieber noch einmal!

Ágota Kristófs trauriger Roman „Das große Heft“ ist 1986 erschienen, wurde in 30 Sprachen übersetzt. Noch lauter, noch bedrohlicher und aggressiver als in seinem bisherigen Stücken wird der Text des Buches hier in großen Ausschnitten von den auf sich drehenden Scheiben ständig marschierenden Schauspielern einzeln oder im Chor rezitiert, gerufen, geschrien. Noch eindringlicher als sonst. Und wie immer begleitet von monotoner Livemusik, Schlagzeug, Violinen, Cello, E-Bass. Auch die Musik schien mir diesmal noch ein wenig lauter. Diesmal waren es im Übrigen nur männliche Mitwirkende, auch das prägte den Abend mit. Es war alles beeindruckend, aber grenzwertig.

In der nächsten Spielzeit übrigens wird Ulrich Rasche auch erstmals am Wiener Burgtheater inszenieren. „Die Bakchen“ von Euripides. Männlich kann es dann wohl kaum werden. HIER der Link zum neuen Spielzeitheft des Burgtheaters in Wien. Es wird ja dort die erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Martin Kušej sein.

Es gab ja kürzlich auch schwere Vorwürfe gegen Ulrich Rasche am Frankfurter Schauspielhaus. HIER ein Bericht der FAZ. Schade. Offenbar gab es Schwierigkeiten im Umgang Ulrich Rasches mit seinen Mitarbeitern. Vielleicht fehlen ihm im wahren Leben doch die Dinge, die auch in seinem Literaturtheater fehlen (siehe oben)? Die Leichtigkeit etc.

HIER ein kurzes Video des Staatsschauspiel Dresden zur Inszenierung.

©️ des Beitragsbildes: Sebastian Hoppe

THEATERTREFFEN EXTRA: PeterLicht – „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ nach Moliére

Auch dieses Stück habe ich auf dem Theatertreffen 2019 gesehen. Es wurde auch ausgewählt. Ich schreibe wenig darüber, da es ohnehin nicht mehr zu sehen ist (nur noch vorübergehend auf 3sat). Im übrigen hat es mir überhaupt nicht gefallen.

Was war daran denn bemerkenswert? HIER der Link zu 3sat. Man möge sich selbst ein Bild machen.

In der Ankündigung heißt es: „… PeterLichts radikale Neudichtung von Molierès „Tartuffe“ in rasante Komik …“. Wie kann man nur so etwas von diesem Stück behaupten? Radikalrasante Komik! So humorlos bin ich doch garnicht!

PeterLicht kannte ich nicht. Er ist in der Theaterszene durchaus bekannt (gewesen). Ein Indie-Pop Musiker und Autor, heißt es auf Wikipedia. Er war vor Jahren auch mehrfach an den Münchner Kammerspielen. Und hat mit ein paar Büchern schöne Preise gewonnen. Unter anderem den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Vielleicht ist seine Zeit aber längst abgelaufen.

Aber es sollte ja alles so sein:

Bühnenbild: Eine höfische Holzfassade mit vielen Fenstern, Türen und Balkonen. Wie bei Romeo und Julia. Nicht bemerkenswert.

Kostüm: Aufgepluderte bunte Hofklamotten, mittelalterliche Püppchenklamotten, Clownsklamotten (fast) und blonde Haare dazu, was wohl besonders harmlos wirken sollte. Albern. Nicht bemerkenswert.

Schauspielleistung: Hektisch, zerfahren und viel zu schnell im Text. Ich konnte es Gottseidank auf 3sat noch einmal sehen. Nicht bemerkenswert. Wie schon einmal bemerkt: Offenbar meinen manche Regisseure und Theater, es müsste einfach viel geboten werden, es müsste ganz schnelles, einfach viel und verwirrendes Zeug und aufgekratztes Gerede gebracht werden!

Inhaltlich: Es ging in der ersten „Hälfte“ etwa ständig um das Wort „geil“. Das Neue, das Andere sei doch „geil“. Das Wort „geil“ ist aber, finde ich, völlig veraltet. War das „radikal“? Und dann ging es eine Zeit lang um Lutschbonbons. War das „radikal“? Und dann kamen ständig irgendwelche Wortspiele. Das „Geile im Ungeilen oder das Ungeile im Geilen“ und ähnlich. War das „radikal“ oder „rasant komisch“? Oder es ging um Nasenhaarextensions. „Radikal“ oder „rasant komisch“?

Es ist, fand ich, enttäuschend und fragwürdig, dass die Jury des Theatertreffens dieses Stück als besonders „bemerkenswert“ angesehen hat. Bei mir bleibt, wenn ich die beiden Inszenierungen von „Erniedrigte und Beleidigte“ und von „Tartuffe und das Schwein des Weisen“ sehe, der Eindruck hängen, dass die Jury zu konservativ denkt. „Wenn alles o. k. ist, warum soll es dann nicht so bleiben?“, wird an einer Stelle im „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“ gesagt. So denkt man vielleicht.

Für mich ist aber eher das bemerkenswert, was den Zuschauer aufrüttelt, in besonderer Art und Weise zu Gedanken angeregt. Das war bei „Tartuffe oder das Schwein des Weisen“ wahrlich nicht der Fall.

THEATERTREFFEN EXTRA: Erniedrigte und Beleidigte – nach Fjodor M. Dostojewski

Beim ersten der hier besprochenen Stücke (vom „Stückemarkt“) ging es – utopisch, gelungen und teils poetisch – um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Estado Vegetal von Manuela Infante. H I E R zum Bericht im Blog.

Beim zweiten der besprochenen Stücke ging es – komplizierter, wie beim Psychologen – um den Menschen selbst. Gewissermaßen um das Innere des Menschen. Persona von Ingmar Bergmann. H I E R zum Bericht im Blog.

Beim dritten Stück, über das sich jetzt schreibe, geht es um die Menschen untereinander. Um Liebschaften, Sehnsüchte, Abneigungen, Wünsche, Täuschung etc. Gefühle immer um das Thema Liebe herum. Erniedrigte und Beleidigte von Fjodr M. Dostojewski.

Ich schreibe gerne über das Stück, da es am Staatsschauspiel Dresden noch zu sehen sein wird. Vielleicht geht jemand hin. Ich schreibe ungern über Dinge, die kein Mensch mehr ansehen kann.

Ein entscheidendes Element des Stückes erkennt man gar nicht. Die SchauspielerInnen improvisieren jeden Abend insoweit, als sie die Teile des Stückes jeweils spontan zusammensetzen, ordnen. Es ist keine fortlaufende Handlung, es gibt Rückblenden, es gibt Vorgezogenes. Um das zu erkennen, muss man allerdings den Roman gut kennen.

Eine andere Besonderheit erkennt man gut: Die SchauspielerInnen malen während des zweieinhalbstündigen Stückes im Hintergrund ein riesiges Gemälde. Schwarz und Weiß. Warum sie dies tun, blieb mir allerdings etwas verschlossen.

Man kann dem Stück ohnehin inhaltlich schwer folgen, wenn man den Roman nicht kennt. Worum es geht? A liebt B. B liebt aber C. Der Vater von C möchte aber, dass C die D heiratet. Sie, D, ist vermögend, er hat Schulden. Dann gibt es noch das Waisenkind E und ihren Großvater G. Verbindung: E’s Vater ist … der oben genannte Vater von C! A kennt E. Die Mutter von E ist gestorben. E wächst woanders auf. Und weitere Personen gibt es. Das muss man erst einmal verstehen.

Mir ist nicht ganz klar geworden, warum dieses Stück als eines der „bemerkenswerten“ des vergangenen Jahres zum Theatertreffen ausgewählt worden ist. Ohne Frage: Schauspielerische Höchstleistungen sind zu sehen. Das sieht man auch gut in der Aufnahme des Stückes, die auf 3sat noch zu sehen ist (siehe unten). Allein auch die körperlichen Anstrengungen in diesem langen Stück, in dem eigentlich alle ständig wie wild über die große weitgehend leere Bühne laufen. Es wird auch nur hektisch und laut kommuniziert.

Ohne Frage auch: Es ist eine Inszenierung, die – so wie sie gemacht ist – in jeder Hinsicht stimmig ist. Es gibt keine Brüche. Keine Schwächen, kein Auf und Ab. Alles passt zusammen. Das ist das Gefühl, mit dem ich den Abend verlassen konnte. Das Gesamtbild war ein in sich gelungenes Gesamtbild, inhaltlich war ich aber verwirrt.

Denn: Was ist an der Inszenierung so „bemerkenswert“?

  • Schauspielerisch war es von jedem/jeder überzeugend, aber nicht unbedingt, fand ich, bemerkenswert.
  • Nachteilig war, wie gesagt, dass man dem Inhalt kaum folgen konnte. Da wird man als Zuschauer schnell überfordert.
  • Allein die gute Idee der spontanen Anordnung der Teile des Stückes durch die SchauspielerInnen auf der Bühne als „bemerkenswert“ anzusehen, wird es nicht gewesen sein.
  • Das Malen eines großen Bildes im Hintergrund der weiten Bühne ist auch nicht ganz neu.
  • Die Gesamtherangehensweise an diesen Roman von Dostojewski mag es eher gewesen sein. Man muss den Roman ja inhaltlich irgendwie packen, wenn man ihn auf die Bühne bringen will. Das permanente wirre und hektische Durcheinander der verschiedenen Interessen der in verschiedenen Beziehungen zueinander stehenden Personen war die Herangehensweise. Sie war aber auch erschwerend. Man konnte kaum unterschiedliche Charaktere erkennen. Alle Personen waren im Grunde gleichartig dargestellt, hektisch, total aufgedreht, überdreht, verwirrend und verwirrt.
  • Es ist auch ein Stück, aus dem man – ich jedenfalls – nichts „mitnimmt“. Man hat eine Interpretation eines recht selten gelesenen Dostojewski-Romans auf der Bühne gesehen. Es ging um Liebschaften etc. in St. Petersburg um vielleicht 1850. Man identifiziert sich aber nicht – oder wohl kaum – mit einer der Personen. Gut: Man hat einen Eindruck vom Roman, das war’s.

Mein Eindruck war auch: die Inszenierung war wie eine der längst bekannten Inszenierungen von Frank Castorf – nur ohne das bei Castorf auf einer Drehbühne stehende alte Gebäude mit Neonschriftzug. Frank Castorf ohne Drehbühne. Das war die Machart. Einen Unterschied zu Frank Castorf gab es ansonsten vielleicht noch: Frank Castorf mischt gerne verschiedene Vorlagen miteinander und macht etwas sehr Eigenes daraus. Sebastian Hartmann dagegen, der Regisseur dieser Inszenierung, bleibt weitgehend bei Dostojewskis Roman „Erniedrigte und Beleidigte„. Das allein ist aber auch nicht so „bemerkenswert“.

Die Schauspielerinnen verhalten sich auch im Grunde alle so, wie sie es bei einer Castorfschen Aufführung machen würden. Auch das ist wahrlich nicht „bemerkenswert“.

Es mag einige interessante Äußerungen der Personen zum Leben und zu ihrer Lebenseinstellung – und zur Kunst – gegeben haben, diese Äußerungen gehen aber in der Hektik unter. Auch die Einschübe von Texten aus der „Hamburger Poetikvorlesung“ von Wolfram Lotz gingen für mich meist in der Hektik verloren. Sie wurden auch meist im Laufschritt und mit unglaublichem Sprechtempo vorgetragen.

Alles war inhaltlich und textlich eben eine Nummer zu viel. Wie sollte man das alles verarbeiten? Aber so sind die Zeiten heute wohl! Es muss immer viel geboten werden, es muss immer hektisch sein. Man muss beeindrucken! Man muss Aufmerksamkeit erzeugen, unabhängig davon, dass man sich im Grunde gar nicht mehr versteht! Diesen Nerv hat die Inszenierung getroffen, das schon. Aber ist das „bemerkenswert“. Vielleicht, es war eben so gesehen Fjodr M. Dostojewski nach heutiger Machart.

In diesem Zusammenhang fragte ich mich aber (wieder), ob die Jury des Berliner Theatertreffens nicht zu konservativ an die Dinge herangeht. War das wirklich einer der bemerkenswertesten Höhepunkte der deutschsprachigen Theaterszene des vergangenen Jahres? Vielleicht war die Jury ja froh, in dieser Inszenierung viele Dinge zu finden, die man bereits kennt! Stichwort Castorf. Alte Hüte neu aufgelegt.

Links:

HIER der Zugang zum kompletten Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ von Fjodr M. Dostojewski.

HIER der link zur Seite des Stückes auf der Website des Staatsschauspiels Dresden.

HIER der Link zur kompletten Inszenierung. Auch dieses Inszenierung kann derzeit noch komplett in der Mediathek von 3sat angesehen werden. 3sat bringt jedes Jahr drei „Starke Stücke“ vom Theatertreffen.

Und HIER ein Trailer des Staatsschauspiels Dresden zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Sebastian Hoppe

THEATERTREFFEN EXTRA: Ingmar Bergmann – Persona

Ich hatte bisher erst über EIN Stück des Theatertreffens 2019 geschrieben: Über „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. HIER mein Beitrag dazu, den ich mittlerweile ergänzt habe. Das Stück hat den Inszenierungsauftrag des Stückemarktes auf dem Theatertreffen 2019 gewonnen und wird im kommenden Jahr in Bochum von Simon Stone inszeniert werden.

Jetzt komme ich zu meiner zweiten Besprechung: „Persona“ von Ingmar Bergmann. Erst – bei „Estado Vegetal“ – ging es (sehr überzeugend) um den Menschen und die Natur, jetzt geht es (sehr diffizil) um den Menschen selbst. Ingmar Bergmann hatte das Stück im Krankenhaus geschrieben. Er hatte eine Lungenentzündung. 1965 wurde der Film „Persona“ gedreht, zum ersten Mal mit Liv Ullmann.

Die Theaterinszenierung der Regisseurin Anna Bergmann mit der deutschen Schauspielerin Corinna Harfouch und der Schwedin Karin Lithman ist eine Koproduktion des Stadttheaters Malmö und des Deutschen Theaters BerlinHIER zur Stückeseite „Persona“ auf der Website des Deutschen Theaters.

Inhaltlich: Die Schauspielerin Elisabet Vogler hört in der letzten Vorstellung der „Elektra“ plötzlich auf zu reden. Sie bringt die Aufführung dann zwar zu Ende, redet danach aber nicht mehr. So liegt sie im Krankenhaus. Die Krankenschwester Alma pflegt sie dort. Schließlich zieht Alma auf ärztlichen Rat hin mit Elisabet Vogler ans Meer, um sie weiter zu pflegen. Es geht um das Verhältnis der beiden zueinander. Es geht aber auch um die Entwicklung beider Personen selbst (letztlich werden beide Personen jeweils Teile einer einzigen Person sein …).

Reden wird nur Alma. Das Verhältnis zwischen Alma und Elisabet hat viele Facetten. Sie sind natürlich nicht alle so zu verstehen, wie Ingmar Bergmann sie verstanden haben wird. Meine Eindrücke:

  • Die Schauspielerin Elisabeth Vogler will keine „Rollen“ mehr spielen. Allerdings geht es ihr nicht nur um die Beendigung ihrer Theaterrollen, sondern im Endeffekt will sie wohl keine „Rollen“ im Leben mehr spielen. Mir scheint, sie meint: Das „Rollenspiel“ im Leben sagt nichts darüber aus, wie man ist. Es verwirrt eher. Mit keiner Rolle und mit keiner Erklärung kann man sich selbst gerecht werden.
  • Die Pflegerin Alma dagegen hält es kaum aus, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet. „Sag doch bitte irgendetwas“ sagt sie. Das zeigt einen Konflikt, den vielleicht auch Ingmar Bergmann gesehen hat: Man muss sich verständigen. Wir brauchen es, gehört zu werden und reden zu können. Wir brauchen ein Gegenüber. Einerseits brauchen wir es. Andererseits schwingt immer mit, dass das Reden an sich nur an uns selbst vorbei führt. Wir brauchen das Gegenüber, aber wir halten uns dann ja immer in verfälschenden Rollen auf, die wir spielen. Kann man jemals jemanden erkennen? Kann man sich erkennen? Durch einen Wegfall der Rollen vielleicht. Vielleicht ist das der Zweck des Schweigens von Elisabet Vogler.
  • Spiegelung: Es geht in diesem Stück auf jeden Fall auch um Spiegelung. Schon das Bühnenbild: Eine dünne Wasserfläche auf dem Boden, im Hintergrund blickt man auf in Muschelform angeordnete krumme Spiegel. Alles spiegelt sich. Und beide – Schwester Alma und Elisabeth Vogler – werden sich im Verlaufe des Stückes im Aussehen immer ähnlicher. Elisabet Vogler schminkt sich und Alma anfangs auch identisch. Beide Schauspielerinnen tauschen übrigens auch ihre Rollen der Alma und der Elisabet je nach Schauspielort.
  • Schwester Alma kommt offenbar gerade dadurch, dass Elisabet Vogler nicht mehr redet, endlich auf ihre eigene Persönlichkeit zurück. Durch das Wegfallen der „Rollen“ – die beide ja weiter spielen könnten – entsteht wohl für Schwester Alma der wahre Spiegel, also entsteht die Möglichkeit, sich selber zu erkennen. Schwester Alma erkennt endlich ihre Person. Sie erzählt von hochpersönlichen Erinnerungen – einer Abtreibung, einer sexuelle Szene am Strand. Dinge, die sie wohl wirklich bewegen. Wie beim Psychiater.
  • Es kommen bei Schwester Alma Zuneigung auf, Liebe, Ärger, Wut, Traurigkeit, Erinnerungen. Alles dadurch, dass die „Rollen“ weggefallen sind, die sonst so gespielt werden. Wie beim Psychiater.
  • Ich hatte erstaunlicherweise wenig Bezug zu den beiden Schauspielerinnen. Corinna Harfouch spielte meines Erachtens ihren Part teilweise etwas zu deutlich, etwas zu übertrieben. Und Karin Lithman etwas zu farblos manchmal. Aber sie muss sich ja auch sehr zurückhalten, spricht ja auch nicht.
  • Es geht auch um die Liebe des Kindes zur Mutter, fehlende „Mütterlichkeit“, wie Schwester Alma einmal feststellt. Die Angst der Mutter vor der Geburt des Kindes, erzählt sie, und die Tatsache, dass die Mutter das Kind dann eigentlich nicht will.
  • Am Ende zieht sich Elisabet Vogler zurück, sie setzt sich in die Zuschauerränge. Wie ein Psychiater.

Es ist eine nicht leicht zu verstehende Inszenierung, was allerdings am sicher sehr persönlichen Inhalt liegt, den Ingmar Bergmann geschaffen hat. Die Theaterinszenierung bringt fast identisch den Originaltext von Ingmar Bergmann. Auch der Film wird nicht einfach sein. Ich habe ihn nicht gesehen. Eine Sitzung beim Psychiater (oder Psychologen). Das Bühnenbild passt ideal dazu, aber so wirklich „bemerkenswert“ – das Kriterium des Theatertreffens – war es vielleicht nicht.

Das Stück ist derzeit noch – ACHTUNG! NICHT LANGE! – in voller Länge auf 3sat zu sehen. HIER der Link.

©️ des Beitragsbildes: Arno Declair

THEATERTREFFEN EXTRA: Stückemarkt – Estado Vegetal von Manuela Infante

….und ich fange mittendrin an. Beginne mit gestern, Donnerstag, 16. Mai 2019. Heute, Freitag, 17. Mai 2019, ist für mich Ruhetag. Gestern habe ich zwei Stücke aus der Reihe „Stückemarkt“ gesehen. Eines war „Estado Vegetal“ von Manuela Infante. Der Stückemarkt ist ja eine „Nebenreihe“ zur berüchtigten 10er-Auswahl auf dem Berliner Theatertreffen.

Was der „Stückemarkt“ genau ist? Hier die Beschreibung des „Stückemarktes“ auf der Website der Berliner Festspiele:

Der Stückemarkt sucht nach neuen Formen der Autor*innenschaft und innovativen Theatersprachen. In einem international offenen Wettbewerb können sich Autor*innen und Theaterkollektive gleichermaßen mit Theatertexten und Theaterprojekten bewerben. Eine fünfköpfige Künstler*innenjury wählt aus den Einsendungen fünf Arbeiten aus. Im Rahmen des Theatertreffens werden die ausgewählten Arbeiten ihrer Form entsprechend präsentiert – als Gastspiele, Szenische Lesung, Performances, Site-specific-Formate 

Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb wurde gestern im Rahmen des Stückemarktes der diesjährige Werkauftrag an Manuela Infante vergeben.

Ein Auszug aus der Laudatio von Vasco Boenisch, Chefdramaturg Schauspielhaus Bochum: 

Manuela Infante erzählt [..] eine politisch relevante, philosophisch inspirierende und persönlich berührende Geschichte von Mensch und Natur; nein, präziser: vom Mensch als Teil der Natur. [..] Dabei ist es gerade beeindruckend, wie Manuela Infante aus einem Arbeitsprozess heraus, den man bei uns wohl als Stückentwicklung bezeichnen würde, ein Drama von so hoher literarischer Dichte erschaffen kann. [..] Manuela Infante ist [..] eine ungewöhnlich kreative, mutige und inspirierende [..].

Stimmt, es war ein bewegender, überzeugender, beeindruckender und poetischer Abend. Allerdings teils nicht leicht zu verstehen, philosophisch. Das Stück wird aber sehenswert sein. Das Stück ist radikal im Ansatz, eine Utopie! Die gestrige Präsentation war ja eher eine szenische Darbietung des Textes. Eine komplette Inszenierung wird anders aussehen. Es wird in der Spielzeit 2020/21 unter der Intendanz von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum gezeigt! Ich bin gespannt.

Es ging um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Anlass der Geschichte ist ein Motorradunfall. Ein junger Mann rast gegen einen Baum. Daraus spinnen sich Gedanken zu Mensch und Natur. Eine kleine philosophische Neuordnung des Denkens. Schön wäre es!

Etwa: Der Mensch bewegt sich, die Natur nicht. „Because you live within time, not against it!“ heißt es gegenüber einem Baum. Der Natur wird eine unglaubliche Würde beigemessen. Die Natur war zuerst da, und dann kam der Mensch und will seitdem alles ändern. Auch die Natur. Sie kommt in Töpfe. Oder wird verbrannt, zerstört. Aber die Natur war früher auf der Erde als der Mensch! Und sie würde sich die Erde schnell zurückholen, wenn der Mensch verschwände. Ein sicherlich sehr persönliches, sehr engagiertes, sehr utopisches Stück. Nach dem Motto: Erst die Natur, dann der Mensch! Erst die Natur, dann der Mensch! Der Mensch sah es aber schon immer anders herum. Viele gute Gedanken landen in diesem Stück. Davon müsste es mehr geben.

Infante lädt mit „Estado Vegetal“ dazu ein, die anthropozentrische Logik hinter uns zu lassen und uns auf eine Reise in die Pflanzenwelt zu begeben. Das Leben und den Wert der Natur erkennen, neu denken!

Sehr auffallend und überzeugend war bei allem übrigens die beeindruckende schauspielerische Leistung der einzigen Darbietenden, einer Spanierin, Marcela Salinas. Siehe das Video unten! Sie wechselte ständig die Rollen. Ein junges Mädchen, die Mutter des Opfers, eine alte Nachbarin, einen Verwaltungsbeamten, einen Feuerwehrmann und so fort. Und sie spielt jede Rolle überzeugend. Poetisch – auch musikalisch – wird es, wenn Salinas als Feuerwehrmann spricht, nachdem alles in einem tongewaltigen Rauschen abgebrannt ist.

Eines der wenigen „Stücke“, bei denen ich in diesem Jahr des Theatertreffens keine Zweifel hatte.

HIER kann man sich die ganze Performance ansehen. Ansehen!

©️ des Beitragsbildes: Fundación Teatro a Mil

Davor …

THEATERTREFFEN EXTRA: Gesehenes und nicht Gesehenes

So, das Theatertreffen. Ich werde losschreiben, wie eine Serie, ohne Ende, mehrere Folgen, Episoden. Man mag heutzutage ja Serien. Es wird immer weiter gehen. Also, so sieht es aus:

  • 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten wurden im vergangenen Jahr teils mehrfach von den Juroren besucht.
  • 744 Voten gingen für die Auswahl des Theatertreffens ein.
  • 39 Inszenierungen wurden daraus wiederum für die „10er-Auswahl“ vorgeschlagen.
  • Zehn Inszenierungen wurden daraus schließlich zur 10er-Auswahl ausgewählt.
  • Drei Inszenierungen davon hatte ich schon in München gesehen. „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping (Kammerspiele), „Oratorium“ (Produktion von SheShePop) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (Produktion von Thom Luz und Bernetta).
  • Eine weitere der ausgewählten Inszenierungen – „Das Internat“ von Ersan Montag – kann aus zeitlichen Gründen in Berlin nicht gezeigt werden. Es ließ sich in ganz Berlin keine freie Bühne für den mehrtägigen Auf- und Abbau finden.
  • Weiter: Bis jetzt habe ich hier in Berlin zwei weitere Inszenierungen gesehen: „Die Erniedrigten und Beleidigten“ (Staatsschauspiel Dresden) und „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“(Theater Basel).
  • Es folgen für mich noch zwei weitere Inszenierungen: „Persona“ (Deutsches Theater Berlin) und „Das große Heft“ (Staatsschauspiel Dresden).
  • Dann habe ich also „Unendlicher Spaß“ (Produktion von Torsten Lensing) und vor allem leider „Hotel Strindberg“ ( Burgtheater Wien) nicht gesehen. Nun gut, mal sehen.

Ein Zwischenruf zum Bisherigen, ein erster kurzer Rückblick:

Nach zwei der Inszenierungen frage ich mich ein wenig: Was will das Theatertreffen? Will es wirklich die 10 „bemerkenswerten“ Inszenierungen des jeweils vergangenen Jahres zeigen? Was ist „bemerkenswert“? „Bemerkenswert“ müsste doch, finde ich, etwas Auffallendes sein. Etwas Ungewohntes. Neuartiges. Nicht Herkömmliches. Da gibt es doch sicher viel.

Ich hatte Zweifel daran, ob wirklich schlicht „Bemerkenswertes“ gezeigt wird. Die bisher hier gesehenen beiden Inszenierungen „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“ haben mich enttäuscht. Sie steckten meines Erachtens zu sehr im Rahmen des „Herkömmlichen“, des Gewohnten. Recht gut, aber im Gewohnten. Was war da bemerkenswert? „Progressiv“ ist anders! Aber das Theatertreffen schreibt sich ja auch nicht auf die Fahne, speziell progressiv zu sein. Andererseits will es sicherlich nicht in Konservatismus abgleiten.

Ok, man kann andererseits auch zugeben: Es mischt sich, ein paar der gezeigten Inszenierungen (andere als „Erniedrigte und Beleidigte“ und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“) sprengen zwar nicht völlig den Rahmen, sind aber jedenfalls einfach rundum gelungen: „Dionysos Stadt“ (die zehnstündige Reise durch die Antike) und „Girl From the Fog Machine Factory“ (es geht um Nebel, und irgendwie um viel mehr) etwa. Beide Stücke sind sehenswert, beide sind irgendwie aus meiner Sicht bemerkenswert.

Theater sollte sich jedenfalls immer wieder entwickeln. Auch Spiegel der Gesellschaft kann es sein. „Oratorium“ von SheShePop, auch eines der ausgewählten Stücke, ist ein solches Spiegelbild: Politisch und gesellschaftskritisch.

Andere Inszenierungen werde ich noch, wie oben gesagt, sehen. Und etwas dazu schreiben. Und …

MUSIK: Dire Straits – Brothers in Arms

Es ist ein Song der Dire Straits, aber hier von Marc Knopfler gespielt. Auf der Party käme er jetzt dran, „Brothers in Arms“ mit einer Liveaufnahme von vor zwölf Jahren. Marc Knopfler war schon damals nicht mehr der Jüngste, aber mir gefällt die Aufnahme. In dieser Aufnahme wird der Song etwas deutlicher im Text, als in anderen Aufnahmen. Marc Knopfler röhrte ihn früher undeutlicher. Aber er spielt es ja hier auch vor kleinem Publikum!

Es gab hier im Blog in letzter Zeit ohnehin ruhige Musik, daher jetzt auch dieses Lied. Zum Song ganz runterscrollen.

Der Songtext in Englisch:

These mist covered mountains
Are a home now for me
But my home is the lowlands
And always will be

Some day you’ll return to
Your valleys and your farms
And you’ll no longer burn
To be brothers in arms

Through these fields of destruction
Baptisms of fire
I’ve witnessed your suffering
As the battles raged higher


And though we were hurt so bad
In the fear and alarm
You did not desert me
My brothers in arms

There’s so many different worlds
So many different suns
And we have just one world
But we live in different ones

Now the sun’s gone to hell
And the moon’s riding high
Let me bid you farewell
Every man has to die

But it’s written in the starlight
And every line in your palm
We’re fools to make war
On our brothers in arms

Und auf Deutsch:

Heute sind diese nebelverhangenen Berge mein Zuhause.
Aber meine Heimat ist das Land der Ebene,
und es wird immer meine Heimat bleiben.
Irgendwann werdet Ihr zurückkehren.
Heim,
zu euren Tälern und euren Höfen,
und dann werdet ihr nicht mehr darauf brennen,
Waffenbrüder zu sein.


Ich habe euer Leid gesehen,
hier, auf den Feldern der Zerstörung
habe ich eure Feuertaufe erlebt.
Und als die Schlacht härter wurde, grausamer,
als ich auf den Tod verletzt wurde,
in all dem Lärm, in all der Furcht,
da habt ihr mich nicht allein gelassen.
Ihr, meine Waffenbrüder.

Es gibt so viele Welten, so viele Sonnen.
Wir haben nur diesen einen Planeten.
Und doch ist es so, als käme jeder von uns
von einem anderen Stern.

Die Sonne ist zur Hölle gefahren,
der Mond regiert jetzt den Tag.
Lasst mich Euch Lebewohl sagen.
Jeder Mann muss sterben.
Aber es steht in den Sternen geschrieben,
und in jeder Linie auf euren Handflächen:
Wir sind Narren, wenn wir Krieg führen gegen unsere
Waffenbrüder.

THEATER: Fritz Kater: Heiner 1 – 4

Heiner Müller sagte: … in erster Linie bin ich Dramatiker und wahrscheinlich ist das meine eigentliche Existenz und der Rest wird dann eben immer mehr Material mit der Zeit“. Um solches Material geht es im Berliner Ensemble im derzeitigen Stück „Heiner 1 – 4“ von Fritz Kater.

Ein Abend über Heiner Müller. Wer war denn Heiner Müller? Darum geht es. Interessant, aber durch die vier sehr verschiedenen Teile auch verwirrend. Heiner Müllers sehr diffizile, sehr besondere Persönlichkeit wird dadurch leider nur unscharf gezeichnet. Weil der Abend am BE ihn irgendwie mit unseren heutigen Methoden „verwischt“. Der Kern von Heiner Müller wird nur gestreift.

Gerade das Berliner Ensemble wird an der Frage nach Heiner Müller interessiert sein, war er doch am Ende seines Lebens (ab 1992) noch Intendant des BE (zusammen mit VIER anderen Intendanten).

Fritz Kater wiederum ist das Pseudonym von Armin Petras. Armin Petras ist (bekanntlich) deutscher Intendant, Theaterregisseur und Autor, der sowohl unter seinem Namen als auch unter dem Pseudonym Fritz Kater Theaterstücke und Adaptionen schreibt. Er ist derzeit Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart.

Eines wird klar: Wenn man versucht, Heiner Müller in irgendwelchen heutigen, also heutzutage annähernd „verständlichen“ Kategorien zu erreichen, muss man eigentlich scheitern. Er war besonders. Er lebte freiwillig in der DDR, war mit dem Zustand des Sozialismus unzufrieden, kritisierte den Stillstand, es müsse weiter gehen, war seine Überzeugung, und er verlor durch die Öffnung der Mauer, den Untergang des Sozialismus und das Verschwinden der Revolution im Grunde seine Existenzgrundlage. Er war ja sogar für den Mauerbau. Schon ein Satz wie: “Er war einer der bedeutendsten Autoren der DDR…“ führt letztendlich in die Irre. So passt es nicht auf ihn. Was soll das schon bedeuten! Damit meint man ja: Aus UNSERER Sicht. „Bedeutend“! In der DDR hatte er jahrelang größte Schwierigkeiten, wurde abgelehnt, nicht aufgeführt.

Heiner Müller war ein absolut besonderer Mensch, dessen Denken man eigentlich in seiner Radikalität nur unterschätzen kann. Ein Mann der Utopie! Der revolutionären sozialistischen Utopie. In „Fritz Katers“ Abend hätte noch mehr die Radikalität herauskommen können. Sie hätte mehr Thema werden können oder müssen. So aber blieb es eine Mischung aus (1) Vermutungen über die Privatperson Heiner Müller (die es eigentlich nicht gab), dann doch (2) guten Interviewausschnitten, dann wieder (3) seiner Zeit am BE (eher humoristisch dargestellt) und (4) einer recht verwirrenden Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Es geht hauptsächlich um die Schreibblockade, die Heiner Müller nach Wegfall der Grenzmauer zwischen der DDR und der BRD befiehl. Er konnte angesichts des „Sieges“ des Kapitalismus nichts mehr schreiben! Die sozialistische Utopie, an der er sich immer rieb, war weg! Er sagte ja sogar, dass sein früher Tod, der sich vor 1997 abzeichnete, damit zu tun habe.

Schlichte Bühne, fünf Schauspieler des Ensembles, mehr Vortrag als Spiel, was im Grunde gut passte.

Erstaunlich war der erste Teil: Blicke der SchauspielerInnen auf Fotografien mit Heiner Müller. Sie reden darüber. Es war der Versuch, Vermutungen über Heiner Müller als Privatperson anzustellen. Es gab aber keinen privaten Heiner Müller, scheint mir fast. Im späteren Interview antwortet er niemals wirklich persönlich. Man hört zwar von privat anmutenden Szenen, seiner jungen Frau, seiner späten Tochter. Aber was bringts, wer kannte ihn schon lachend, weinend, wütend, erfreut? Obwohl, es wird gesagt, dass gerade nach dem Wegfall der Mauer Heiner Müller auf sein Privatdasein reduziert wurde.

Auszüge aus Gesprächen mit Heiner Müller bringt der zweite Teil. Das war interessant! Etwa zum Theater:

  • Wie ist das Theater entstanden?
  • Heiner Müller (HM): Also, es gab lange Zeit keinen Regen und da ist eine Göttin rein in eine Höhle und hat Striptease gemacht und das haben die anderen Götter gesehen und mussten anfangen zu lachen, laut lachen, und dann hat es wieder geregnet, ja, so ging das los und dann kam noch ’ne Geschichte dazu irgendwann, damit man sich die Gefühle besser merken kann.
  • Und was ist ihr Antrieb, Theater zu machen?
  • HM: Das Ungenügen an der Welt, das Ungenügen an der Realität ist die Quelle jeder Inspiration und diese Zwänge braucht man, die Dinge, die einen dazu bringen ins Unbekannte, ins Dunkle zu gehen.
  • Und wie sollte es aussehen, das Theater, das sie sich wünschen, ich meine, was soll passieren?
  • HM: Keine Ahnung, da gibt es doch tausend Möglichkeiten (zündet sich eine Zigarre an). Von Rosanow gibt es eine Beschreibung eines Theaterabends: Die Zuschauer applaudieren, die Schauspieler verbeugen sich, die Zuschauer gehen raus, an der Garderobe vorbei, die Garderoben sind leer, die Mäntel weg, sie gehen raus aus dem Theater, in die Stadt und die Stadt ist weg, keine Häuser mehr da.
  • Warum gibt es in ihren Geschichten so viele Engel?
  • HM: Man braucht Engel, wenn es nicht weitergeht, wenn man keine Hoffnung mehr hat.
  • Kunst stört ja auch die Dummheit und die Sicherheit ...
  • HM: Ja, wenn sie neu ist, wenn sie etwas Neues versucht, dann gibt es ja auch Aggression gegen diese Kunst, weil sie verunsichert, wenn es zu wenig Aggression gibt, dann stimmt etwas nicht mit dieser Kunst.

Der dritte Teil dann war für Insider des BE. Mehr slapstickartig und zu aufgesetzt wurden Vorbereitungsszenen aus dem Berliner Ensemble der damaligen Zeit gebracht.

Der vierte Teil, wie gesagt, eine schwer verständliche Textmischung vom ehemaligen Autor Andrej Platonow und dem jungen Musiker Phillip Poisel.

Und hier noch etwas anderes: Aus einem Aufsatz (Janine Ludwig, „Die Wörter verfaulen / Auf dem Papier – Heiner Müllers Schreibkrise nach dem Untergang des Sozialismus“) über die Stellung von Heiner Müller in der ehemaligen DDR:

„Heiner Müller hat immer nach den Kosten des Sozialismus gefragt und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit angemahnt, allerdings, um den Anspruch aufrechtzuerhalten, nicht um ihn zu desavouieren. Damit wurde er zum Problem für die Staatsführung, der er den Spiegel vorhielt und deren Hang zum Beschönigen der Verhältnisse er empfindlich störte. Im Grunde war er zu radikal, revolutionär, auch zu Gewalt-affin für die Regierenden – in seinen Augen Spießbürger, Biedermänner und Ein-bisschen-Wohlstands-Fetischisten, die es sich bald in der Nische namens „Übergangsgesellschaft“ bequem machten. Mit der Wirklichkeit, der „real existierenden“, die Müller Zeit seines Lebens „unmöglich machen“ wollte, arrangierten sie sich stillschweigend.“

Und noch etwas: Heiner Müller und der Engel: Siehe das Beitragsbild oben. Der Engel der Geschichte. Es geht zurück auf ein Gedicht von Walter Benjamin über das Wesen der Geschichte („Über den Begriff der Geschichte“). Dieser Engel der Geschichte, den Heiner Müller dann in einer eigenen Fassung „Der glücklose Engel“ nannte, blickt auf die Trümmer der Vergangenheit, wird fast zugeschüttet, steht versteinert in der Gegenwart und wird von der „gestauten“ – also blockierten – Zukunft bedrängt – bis doch irgendwann einmal wieder der Wind der Zukunft in die Flügel des Engels bläst. Diese Hoffnung hatte er immer.

Zum Fazit noch mal: Mit dem Wegfall des Sozialismus ist ja tatsächlich die letzte Utopie der Menschheit verschwunden. Wir leben nur noch in einer realen Welt. Utopie gibt es nicht mehr. Welche denn schon?

HIER die Onlineseite zum Stück.

©️ des Beitragsbildes: Matthias Horn

THEATER: Berliner Theatertreffen 2019

Es wurden 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten besucht. 744 Voten gingen ein und die einzelnen Juror*innen haben jeweils zwischen 94 und 121 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 39 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

HIER der Link zur 10er-Auswahl 2019. Die zehn bemerkenswertesten Theaterstücke deutschsprachiger Bühnen des vergangenen Jahres, die in Berlin im Mai gezeigt werden, stehen fest.

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil I

Shakespeare’s „Macbeth“ ist derzeit am Berliner Ensemble, am Münchner Residenztheater und an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Drei Inszenierungen. Über eine vierte derzeit zu sehende Inszenierung (am Wiener Burgtheater die Inszenierung von Antú Romero Nunes) kann ich leider nicht berichten.

HEUTE schreibe ich über Shakespeare’s „Macbeth“ am Berliner Ensemble.

Also: Gerne spüre ich ja irgendwelchen Verbindungen hinter denjenigen Dingen nach, mit denen ich mich so befasse. Oft habe ich ja mehr Zeit dazu, als andere. Verbindungen gab es diesmal auch:

Macbeth. Ich saß vorgestern Nachmittag, Montag, der 03.12.2018, in einem ICE auf einem irgendwie unbequemen Sitzplatz gegen die Fahrtrichtung und fuhr von Berlin zurück nach München. Ich hatte „Macbeth“ gesehen, neben anderen Dingen des Wochenendes. Ich schaute immer wieder auf die Anzeige am Ende des Wagens, in dem ich saß, und las über dem Durchgang zum nächsten Wagen in roter Leuchtschrift dauernd:  „ICE 5511 – Zug „Müritz“ – Wagen 24  – Uhrzeit …“.

„Müritz“? Nie gehört. Ich lese nach und sehe, dass Müritz der größte komplett in Deutschland liegende Binnensee in Mecklenburg-Vorpommern ist. Sagt Wkipedia. So weit, so gut.

Und Macbeth? Nun gut: Es war ja „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, was ich gesehen hatte. Als ich im ICE gerade noch etwas über Heiner Müller nachsah, las ich, dass Heiner Müller in jungen Jahren mit seinen Eltern einige Jahre in … wo? … in „Waren (Müritz)“ … gelebt hatte! Mein ICE! Aber es ging noch weiter: Heiner Müller lebte ja von 1929 bis 1995, hatte also als Kind noch den II. Weltkrieg und später dann den Mauerfall miterlebt. In der DDR hatte er bekanntlich gelebt. 1970 wurde er – las ich, ich wusste es garnicht – Dramaturg wo? … am Berliner Ensemble. 1992 übernahm er dann (gemeinsam mit Peter Zadek, Matthias Langhoff, Peter Palizsch und Fritz Marquardt) die Leitung des … des Berliner Ensembles.

Also „Macbeth“ von Heiner Müller. In den Achtzigerjahren war Heiner Müller, schreibt Wikipedia (es stimmt hoffentlich), liiert mit wem? … mit Margarita Broich! Siehe einfach meinen aktuellen Blogbeitrag zum Büchlein „Alles Theater“ von Margarita Broich (HIER). Also das auch noch!

Also: Ich saß ausgerechnet im ICE „Müritz“(!) und hatte am Freitagabend zuvor am Berliner Ensemble (!) von Heiner Müller (!) „Macbeth nach William Shakespeare“ gesehen. Und dann noch etwas: Am Berliner Ensemble wird es in Kürze ein Stück über wen? … über Heiner Müller geben, es heißt „Heiner 1 – 4“. Die Uraufführung wird am 26. Januar 2019 sein. HIER der Link zur Programmankündigung.

Jetzt aber zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das seit Kurzem am Berliner Ensemble gebracht wird:

Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Übrigens: Im Januar werde ich eine weitere Shakespeare – Inszenierung sehen, von wem? … von Michael Thalheimer! „Richard III.“ am Münchner Residenztheater. Ich werde auch darüber berichten. Es heißt dort übrigens „Richard III. VON Michael Thalheimer NACH William Shakespeare“. Mal sehen. Und bei der Gelegenheit: Wer inszeniert gerade am Wiener Burgtheater derzeit Glaube Liebe Hoffnung von Ödon von Horvath? Richtig: Michael Thalheimer!

Jetzt also wirklich zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das ich am Freitag am Berliner Ensemble gesehen habe:

Man hatte Heiner Müller in den Siebzigerjahren ja nach der Aufführung senes Macbeth „Nihilismus“ vorgeworfen. Es war eben eine Heiner-Müller-Übersetzung von Macbeth. Manche Äußerung der Übersetzung von Heiner Müller geht in der Tat in die Richtung Nihilismus. Nach dem Motto: „Was schert es mich, wie die Welt nach meinem Tod aussieht. Wenn ich tot bin, ist auch die Welt tot. Ich will meine Macht JETZT. Es geht nur ums Jetzt und um meine Lebenszeit. Es gibt keine Zukunft!„

Dementsprechend ist auch die Inszenierung  von Michael Thalheimer sicher krasser, als eine „normale“ Aufführung des Stückes Macbeth. Etwas krasser: Man merkt es nicht durchgehend, aber an der einen oder anderen Stelle und an der sehr blutrünstigen, eindringlichen Gesamtinszenierung. Die Inszenierung überzeugte mich, sie ist als Gesamtinszenierung auf jeden Fall beeindruckend. Keinerlei Schnickschnack, es geht um die Personen und die Texte. Die Personen tauchen immer wieder aus tiefem Nebel auf der großen leeren Bühne auf. Das ist eindringlich, zeitlos, hat den Hang dazu, irgendwie zeitgemäß, fast aktuell zu sein. Es geht nicht um die Zeit des 15ten oder 16ten Jahrhunderts.

Im Sinne des „Sozialisten“ Heiner Müller kam allerdings etwas „Klassentrennendes“ nicht gerade zur Geltung. Die Inszenierung orientierte sich insoweit, auch wenn Sie beeindruckend war, doch eher am William Shakespear’schen Wahnsinn von Macbeth, nicht am Heiner Müller’schen Klassenbild.

Zu den  Schauspielern: Trotz allem muss ich sagen: Sascha Nathan ist meines Erachtens keine Idealbesetzung für Macbeth gewesen. Ideal gewesen wäre ein Benny Claessens! Aber der kann ja nicht überall mitspielen. Er hätte wahrscheinlich den Wahnsinn von Macbeth und dessen nihilistische Einstellung (in der Fassung von Macbeth VON Heiner Müller) im WahnsInn deutlicher darstellen können oder wollen. Das ging Sascha Nathan ab! Sascha Nathan wirkte wie ein überforderter, nicht wie ein aggressiver Macbeth. Verwirrt wahnsinnig, nicht egomanisch wahnsinnig. So gesehen verfehlte Michael Thalheimer mit Sascha Nathan als Macbeth geradezu den Kern der Müllerschen Fassung von Macbeth. Themaverfehlung – zugunsten einer trotzdem beeindruckenden Gesamtinszenierung.

Am überzeugendsten war meines Erachtens Kathrin Wehlisch. Man sieht sie oben im Bild! Und hier noch ein Bild von ihr:

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Vielleicht müsste man – zumindest nach Heiner Müller – das Blut in Shakespeare’s „Macbeth“ heute ersetzen durch das Geld der kapitalistischen Welt! Wäre mal interessant, es durchzuspielen. Früher hieß es (so sah es wohl Heiner Müller): „Brutalität und Blut regieren die Welt und sichern die Macht!“ Heute heißt es: „Geld regiert die Welt, Geld sichert die Macht!“

Also: Insgesamt sehenswert! Hingehen und ein eigenes Urteil bilden!

HIER der Link zur Macbeth-Seite des Berliner Ensembles.

©️ des Beitragsbildes oben und des weiteren Fotos: Mathias Horn, Berliner Ensemble

THEATER: Tracy Letts – Wheeler

Premiere von „Wheeler“ von Tracy Letts am Berliner Ensemble. Amerikaner greifen gerne ins Alltagsleben, wenn Theaterstücke geschrieben werden. Modernes Leben und Alltagssituationen, das sieht man bei ihnen immer wieder. So war es bei „Gloria“ am Münchner Residenztheater, auch bei „Der erste fiese Typ“ an den Münchner Kammerspielen, jetzt wieder bei „Wheeler“ am Berliner Ensemble.

Die Deutschen dagegen zieht es – es ist ja irgendwie bekannt – eher zurück in ihren Betrachtungen, auch am Theater: „Genesis“, „Wartesaal“ (Lion Feuchtwanger), „Das erste Evangelium“, „Macbeth“ (Shakespeare) „Dionysos Stadt“ (Antike), „Trommeln in der Nacht“ (Bertolt Brecht) usw. sind so ein paar Beispiele dieser Art, die ich zuletzt gesehen hatte.

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles und Regisseur des Stückes „Wheeler“, das am Sonntag im „Kleinen Haus“ des Berliner Ensembles Premiere hatte, treibt diesen „amerikanischen Ansatz“ pur realen Alltagslebens noch dazu auf die Spitze, indem er dem Stück auf einer kleinen Drehbühne eine äußerst langweilige Alltagsausstattung verpasst. Ein fürchterliches Wohnzimmer, eine völlig uncharmant ausgestattete Karaokebar, der Umkleideraum eines Fitnessstudios mit Spindschränken, eine Parkbank, die an der Autobahn stehen könnte, usw. Schmucklos, unerfreulich. Wie in einer billigen TV – Sitcom. So würden auch Amateure ohne Geld eine Bühne gestalten. Man möchte gar nicht hinsehen. Ist das eine gewollte Spitze gegen amerikanisches Leben? Oder kam es Oliver Reese nur auf die Schauspieler und den Inhalt an? Und diese lieblose Bühne wird eingerichtet, obwohl Oliver Reese am BE doch ein Autorentheater etablieren wollte? Eigenartig. HIER ein Beitrag von Deutschlandfunk Kultur zum Thema „Oliver Reese und zeitgenössisches Autorentheater am BE“.

Die Story: Die Geschichte des von seiner Frau getrennten Dick Wheeler. Er ist um die 50 Jahre alt, ist Vater eines kleinen Kindes. Eine Lebenssituation, die es zuhauf gibt. Ansich sogar unabhängig von der Midlife Crisis, um die es ja (auch) gehen soll.

Dick Wheeler wird von seinem (verheirateten) Freund verkuppelt mit der attraktiven Jules. Sie lernen sich kennen, es gibt Sex zwischen ihnen – obwohl Wheeler anfangs noch unsicher ist. Manch netter Dialog, alles hört und sieht man allenfalls aber mit einem gewissen „Kenn ich doch“ – oder „Hört man doch  immer“ – Effekt. So oder ähnlich. Jules verliebt sich tatsächlich in Wheeler, er aber nicht in sie. Er lernt vielmehr parallel zu Jules plötzlich zufällig die viel viel jüngere Asiatin „Minnie“ kennen, sie – wohnungslos – zieht vorübergehend bei ihm ein, auch zwischen ihnen gibt es bald Sex. Offenbar für Wheeler viel besseren Sex, als er ihn mit Jules hatte. Und hier ist es dann andersherum: Wheeler fühlt sich plötzlich ganz jung (hier kommt die Midlife Crisis durch?) und verliebt sich total in Minnie, sie aber nicht in ihn. Er lässt sich sogar ihren Namen auf den Oberarm tätowieren. Minnie hat aber eigene, ganz andere Probleme. Sie ist schwanger von ihrem Exfreund  – und verlässt Wheeler“ später, um herauszubekommen, wie es „zwischen ihr und dem Exfreund steht“. Jetzt ist Wheeler wieder völlig verzweifelt. Er – wieder allein und:  wer ist schon gerne allein  – will dann doch wieder Jules „zurückhaben“. Für Jules ist die Sache mit Wheeler aber endgültig abgeschlossen. Eine einmal verflogene Liebe kehrt eben (fast) nie zurück. Kein Happy End also für Wheeler.

Wheeler bleibt am Ende allein. Jeder ist sich selbst eben am nächsten, da kann er sich noch so viel Liebe einbilden. Und da kann der Sex noch so gut sein. 

Zu sich selbst kommen, sagt Wheeler dann am Ende, darum geht es eben. Die Affären haben ihn hin und her gebeutelt, haben ihn verrückt gemacht. Aber so ist das Leben eben, wenn man es an der Backe hat. Wen man auch kennen lernt, es ist immer schwierig! Das Ende von „Wheeler“ ist enttäuschend: Dick Weeler fotografiert wieder, kehrt zum Bewährten zurück und bleibt allein. Keine sehr interessante oder einfallsreiche oder einfühlsame Schlussfolgerung daraus, dass er schließlich das „harte“ Leben außerhalb seiner gescheiterten Ehe und erste Konsequenzen daraus kennen gelernt hat. 

Zu den Schauspielern: Wheeler wird gespielt von dem eigentlich für eine Middlife Crisis deutlich zu jungen Felix Rech. Er spielt Wheeler noch dazu sehr monoton und durchgehend wild, nervös, laut, hektisch, gehetzt. Warum eigentlich? Meines Erachtens zu einseitig. Als laufe er ständig hinter etwas her. Ebenso Trang le Hong als Minnie: Sie spielt auch zu monoton. Da fehlte Oliver Reese vielleicht irgendwie mehr Einfühlungsvermögen.

Ein schwacher Inhalt (des Buches „Wheeler“) und leider eine noch dazu enttäuschende Umsetzung. Höchstens „ganz amüsant“ könnte ich sagen.

©️ des Beitragsfotos: Mathias Horn, BE

THEATER: Politik im freien Theater – Zvizdal

Das Motto des Festivals lautet „Reich“. Das Gegenteil von reich ist arm.

Nun, auf den ersten Blick könnte man meinen, dass speziell die Produktion „Zvizdal“ von der Gruppe BERLIN „Armut pur“ zeigte. Die Journalistin und Dramaturgin Cathy Blisson und die belgischen Multimedia-Künstler Bart Baele und Yves Degryse haben sich zusammengetan als die Theatergruppe BERLIN. Man sah einen sehr berührenden Film, in dem es letztlich um viel mehr ging, als um Armut:

Ein altes Ehepaar (vielleicht auch nicht verheiratet), Petró und Nadja, beide um die 90 Jahre alt, lebt/lebte – wirklich! – seit 30 Jahren in völliger Einsamkeit im gesperrten Gebiet von Tschernobyl. Alle Menschen wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 evakuiert, alle Gebäude und Wege des Ortes Zvizdal sind zugewuchert, eingefallen, sie haben kein Telefon, keinen Strom, kein fließend Wasser, keine Post, nur ein schlecht funktionierendes Radio. Sich und die Natur. Es gibt sonst nichts.

Das  immer älter und zerbrechlicher werdende Paar lebte weiter in seinem Häuschen, vor allem Nadja wollte ihre Heimat nie verlassen. „Das Gras ist woanders auch nur grün!“ sagte sie. Doch: Sie haben/hatten etwas: Ein schon kaum mehr gehfähiges Pferd, eine Kuh, einen Hund und eine Katze. Pferd, Hund und Kuh starben dann. Petró auch.

Sie erinnerten mich fast an Adam und Eva im Greisenalter, im Grunde dahinlebend und auf den Tod wartend. Was sollten sie auch anderes machen? Abseits jeglicher Zivilisation. Sie wurden über drei Jahre hinweg mehrfach von den Mitwirkenden der Gruppe BERLIN besucht und gefilmt. Einmal pro Jahr –  an einer Art Totensonntag – kamen von fern her ein paar Menschen, um Gräber von Personen zu besuchen, denen diese Menschen nahestanden. Und es gab eine Tochter, die alle paar Monate vorbeikam und dann vielleicht Schweineschmalz und Medikamente brachte.

Es waren verschiedenste Fragen und Beobachtungen, die sich auftaten, wenn man den unglaublich ruhigen Film ansah. Um „Armut“ ging es am wenigsten fast.

– Wie kann man eine solche Einsamkeit ertragen? (Gut, zu zweit war es immer noch etwas anderes!)

– Sie waren nicht „verfallen“, hatten sich nicht aufgegeben. Nein, sie wirkten irgendwie fast kultiviert. Sie haben jeden Tag das Gartentor zu ihrem Hof geschlossen, haben auf dem Feld mit letzten Kräften gearbeitet. Petró sollte das Laub zusammenkehren. Und bei allem haben sich beide irgendwie rücksichtsvoll dem anderen gegenüber verhalten. Sie liebten einander immer noch.

– Waren sie glücklich? Waren sie traurig?

– Wir in unseren Gefilden sind es ja gewohnt, uns selber ständig abzulenken und auch alt werdende Menschen möglichst bis zum Tod abzulenken. Aber was es heißt, nur zu leben, das haben die beiden erlebt!

– Vielleicht war es viel Demut und ihre Liebe zueinander und vielleicht auch zu ihrem Fleckchen Erde, was sie hielt! Sie sagten ja mehrfach im Film Dinge wie: „Es ist eben so, was soll’s. Mein Gott, so ist es eben“. Sie strebten offenbar nicht – im hohen Alter ohnehin nicht mehr –  nach irgendetwas, sondern versuchten, das Leben zu leben. Winter und Sommer, Winter und Sommer…

– Können wir uns das überhaupt vorstellen, ein Leben ohne ein Streben nach irgendetwas?

– Im anschließenden Publikumsgespräch wurde erzählt, dass es zum Beispiel nicht möglich war, Ihnen allzu viel mitzubringen. Schnell wurde nämlich eine Grenze erreicht, wo sie nichts mehr annehmen wollten! Sie hatten sich abgegeben mit ihrem Leben! Das Leben pur, nicht Armut pur. Armut oder Reichtum spürten sie sicher garnicht mehr! Dazu passend gibt es ja noch eine Veranstaltung:

WAS MACHT DAS LEBEN REICH?

PHILOSOPHISCHES GESPRÄCH FÜR ALLE GENERATIONEN
11. NOVEMBER, 15 – 17 UHR,
MÜNCHNER KAMMERSPIELE, KAMMER 3

HIER die Festivalseite zur Produktion.

HIER die Website der Gruppe BERLIN, die das Projekt gemacht hat. Auch Videos kann man dort zur Produktion „Zvizdal“ sehen.

©️ Frederik Buyckx

THEATER, LITERATUR: Tennessee Williams – Endstation Sehnsucht

Endsation Sehnsucht von Tennessee Williams. Oft gehört, nie gelesen. Blanche, eine Frau aus gutsituierten Kreisen, verliert den ererbten Wohlstand, landet bei ihrer Schwester in einfachen Verhältnissen, die mit dem Rüpel Stanley verheiratet ist. Wer gewinnt den Kampf? Blanche zerbricht, landet in der psychiatrischen Anstalt. Eigentlich eine interessante Story. „Sehnsucht“ (Desire) hieß einmal eine Endstation der Straßenbahn in New Orleans. Ich habe das Buch jetzt gelesen, da es am Berliner Ensemble von Michael Thalheimer inszeniert wurde. Ich habe dazu letztens in Berlin auch die Inszenierung gesehen, die in der gerade beendeten Spielzeit gebracht wurde und wohl auch in der kommenden Spielzeit gebracht wird.

Die vordergründige Geschichte ist ja so: Blanche lebte im relativen Wohlstand und hat alles verloren. Das Haus der Familie wurde gepfändet, ihr Ehemann war schwul und hatte sich schon vor Jahren umgebracht, ihren Job als Lehrerin hat Blanche auch verloren. Sie – nebenbei: durch sexuelle Hingabe suchte sie schon irgendwo Halt, bevor sie zu Stella kam – sucht Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die in ganz einfachen Verhältnissen lebt und mit Stanley verheiratet ist. Und damit prallen eben zwei Welten aufeinander. Blanche, die ihre Welt erhalten und Stanley nicht ausstehen kann, versucht immer wieder, ihre Schwester Stella dazu zu bringen, ihren Mann zu verlassen. Stella ist ihrem Mann aber in Liebe oder jedenfalls aus sexuellem Antrieb heraus hingegeben und weiß, dass sie ihn nicht ändern kann. Dass sie nichts ändern kann. Blanche wird schließlich von Stanley sogar vergewaltigt. Die irgendwie irreale, von viel Einbildung geprägte Welt der Blanche und die reale derbe Welt von Stella. Schon die Sprache der Personen zeigt im Buch (Originaltext) die Unterschiede deutlich. Man liest teils derben Slang (interessant!) neben der „besseren“ Sprache . Ich empfehle das Buch gerade jüngeren Lesern auf Englisch.

Die Inszenierung von Michael Thalheimer dagegen hat mich überhaupt nicht überzeugt. Erstaunlich, wenn die FAZ schreibt:

„Kunstvoll und klug zeigt Michael Thalheimer in seiner grandios eindrucksvollen Inszenierung mit dem überragenden Ensemble die hässlichen Muster, nach denen bei Tennesse Williams die Männer mit den Frauen umgehen, was die Gesellschaft allen antut und wie sich alle damit arrangieren.“

Eigenartige Kritik. Der große Clou sollte wohl die schiefe Bühne sein (siehe das Blogbild oben). Alles weitere war aber konventionell, teilweise affektiert, zu gewollt, zu darstellerisch. Ich meine, aus dem Buch hätte man einiges mehr un d interessanter herausholen können. Hinter der vordergründigen Story stecken schließlich viele kleine Themen. Allein das Verhältnis zwischen Blanche und ihrer Schwester Stella. Oder der Umgang von Blanche mit ihrem persönlichen „Niedergang“. Das wird in der Inszenierung alles zwar angerissen, aber meines Erachtens ohne Herzblut! Andreas Döhler (Stanley) ist da vielleicht am ehesten wieder einmal die Ausnahme. Aber selbst er: Im Buch erscheint mir Stanley noch rüder, krasser, unnachgiebiger, derber. Was man sich zu diesem Buch alles denken kann, wird etwa im Programmheft zur Inszenierung angerissen. Zu wenig davon war auf der Bühne zu sehen. Vielleicht haben es auch die Schauspieler nicht geschafft, die jeweiligen Positionen der Personen besser darzustellen. Ihre Zweifel, ihre Kämpfe untereinander, ihre so unterschiedlichen Positionen. Vor allem Cordelia Wege als Blanche spielte für mich nur eines: Affektiert. Modernes Theater sieht anders aus. Aber vielleicht sollte sie so spielen. Wahrscheinlich sogar, wenn man sieht, wie sie sich am Ende mit rotem Lippenstift das Gesicht vollmalt – ein alter Hut! Es war herkömmlich, es wurden von den Schauspielern keine Grenzen der schauspielerischen Darstellung eingerissen. Offenbar hat Michael Thalheimer keine Freiheit gelassen. Oder dieses Bühnenbild war zu starr! Den Eindruck hatte ich. Wie sollte man da auch erkennbar aus sich herausgehen! Ich mag ja immer das Nicht-affektierte, das Überraschende, das Persönliche, das Interpretierte. Nicht das Herkömmliche. Die Inszenierung von Michael Thalheimer ist aber herkömmlich.

Nun gut, einen ersten – vielleicht anderen – Eindruck gibt HIER die Online-Seite des BE zum Stück.

Und HIER die Seite des Cornelsen Verlags zum Buch in englischer Sprache mit Anmerkungen am Schluss zu den Südstaaten, New Orleans etc., und mit Fußnoten zu seltenen Wörtern.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn, Berliner Ensemble

THEATER, LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

THEATERTREFFEN EXTRA: Mittelreich nach Josef Bierbichler und nach Anna-Sophie Mahler (Münchner Kammerspiele)

Ich hatte es schon in München gesehen. Mittelreich. Die bayerische Familiensaga, die Erzählung von Josef Bierbichler, die jetzt auch im Kino läuft („Zwei Herren im Anzug“): Mit schwarzer Besetzung, komplett identisch inszeniert wie die im Jahr zuvor gebrachte Inszenierung mit der Ensemblebesetzung der Kammerspiele. Appropriation Art, Inszenierung von Anta-Helena Recke. Es sei die „wichtigste“ Einladung zum diesjährigen Theatertreffen, höre ich im Podcast des Theatertreffen-Blogs TT BLOG 18. Der übrigens zu jedem der gezeigten Stücke und zu allen möglichen Aspekten des Theatertreffens 2018 etwas bringt.

HIER mein damaliger wichtiger Blogbeitrag. Wie könnte man nur zurecht kommen, ohne ihn gelesen zu haben??

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss, Kammerspiele

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THEATERTREFFEN EXTRA: Elfriede Jelinek – Am Königsweg (Schauspielhaus Hamburg)

Also Elfriede Jelinek, österreichische Trägerin des Literaturnobelpreises! Seit vielen Jahren werden ihre Bücher immer wieder auf die Bühnen gebracht. So in München derzeit (noch) „Wut“, zu sehen am DIENSTAG! 22. Mai, 19.00 Uhr. HIER die Website der Kammerspiele zum Stück, mit Trailern.

Oder auch in Hamburg „Am Königsweg„, die Inszenierung von Falk Richter. Es sind meist extrem wüste Inszenierungen. Reinsetzen, vorbeiziehen lassen und ein paar Ansätze mitnehmen. HIER der Trailer aus Hamburg. Es ist zu viel meist, denke ich. Hier ein paar Bilder:

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Dieses mal gibt es sogar – sieht gar nicht so aus! – ganz ruhige Momente, wenn Ilse Ritter vom Stuhl aus oder vom Balkon aus als Elfriede Jelinek selbst das Wort ergreift. Motto: „Ich werde alt, habe nichts mehr zu sagen, meine Worte werden verschwinden. Also: „Wir lernen ja eh nicht dazu„, siehe Donald Trump. Es ist zu einem großen Teil ein Anti-Trump- Text. (Manchmal liest man nicht „Text“, sondern „Textfläche“, passt besser). Trump wird aber nicht namentlich genannt, man redet abstrakt ständig vom „König“. Der macht, was er will. Obwohl er ja gewählt wurde. Er führt sich auf wie wildgeworden. Wahrheit ist nicht mehr relevant. Tenor der Inszenierung: „Wir sind alle blind„. Siehe das Bild oben.  Und: „Wir meinen dauernd, etwas Neues zu schaffen, aber es ist immer das Alte! Weil nur das kennen wir ja und wir können ja nur etwas schaffen, das wir kennen! Das führt nicht auf einen guten Weg! Und was wahr ist, erkennen wir auch nicht mehr.

Am beeindruckendsten fand ich – nicht nur ich – Benny Claessens. Er ist die zentrale Figur der Inszenierung! Kritikerstimmen sind hingerissen. Er teilt ja das Publikum seit Jahren in begeisterte Fans und angewiderte Lächler, weil er extrem ist. Ein Berserker, der irgendwie auch seinen Charme hat. Er schimpft – brüllt – etwa mit irrer Power auf das Publikum ein. „Grandios“, „versetzte in Verzückung“ etc. liest man. HIER ein Interview mit ihm.

Und wie er über die Bühne geht! Mit einer ganz bestimmten unauffälligen Geste! Eine kleine Bewegung! Arroganz? Wurstigkeit? „Ihr könnt mich mal“? Oder nur Teil seiner Rolle in Am Königsweg? Der undemokratische König sagt heute ja auch: „Ihr könnt mich mal!“ Die Bühne gehört bei diesem Stück jedenfalls – emotional – hauptsächlich ihm. Er verabschiedet sich mit dem T-Shirt-Aufdruck: „Stop being poor“. Passt irgendwie, Trump und Co. werden es immer als „selbstgemacht“ ansehen, wenn man arm ist. Also hör auf damit!“

 

 

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THEATERTREFFEN EXTRA: Georg Büchner – Woyzeck (Theater Basel)

Er war im vergangenen Jahr mit seiner Inszenierung Die Räuber von Friedrich Schiller zum Theatertreffen eingeladen. HIER der link zu meinem damaligen Bericht. Jetzt ist er wieder eingeladen, Regisseur Ulrich Rasche.. Mit der Inszenierung am Theater Basel von Woyzeck, Georg Büchner. Es ist exakt dasselbes Konzept wie im vergangenen Jahr bei „Die Räuber“: Intensive Textwidergabe, fast wörtlich, diesmal auf sich drehendem Untergrund. Die Schauspieler schwarz gekleidet, zum Teil an langen Schnüren angegurtet. Dazu monotone Musik im Hintergrund. Langweilig? Nein, man konzentriert sich auf den Text! Es lohnt, den Text mitzulesen. Das Besondere der Inszenierung ist, dass JEDES einzelne Wort des Textes seinen eigenen Platz bekommt. Wort für Wort sprechen sie betont deutlich und langsam, was durch die Monotonie des Bühnengeschehens seine intensive Wirkung erhält. Das macht es aus! In der Begründung der 10er.Auswahl hieß es auch:

… Inszenierung, die eigentlich eine präzise getaktete Maschine ist, in der Sound, Wort und Bewegung wie ein gut geschmiertes Räderwerk ineinandergreifen und sich gegenseitig dynamisieren

Es ist ja im Grunde eine Eifersuchtsstory, basierend auf einem damaligen Mordfall. Wikipedia schreibt aber:

Es reicht jedoch nicht, sich auf Woyzecks Eifersucht gegenüber dem Tambourmajor zu beschränken. Eine große Rolle spielen auch die gesellschaftlichen Hintergründe, ganz besonders die ständische Gliederung der Gesellschaft. Deutlich wird dies vor allem mit einem Blick auf die Personenkonstellation und die Sprache von Büchners Figuren.

Woyzeck wird in dieser Gesellschaft unterdrückt und gedemütigt, was sich in den Beziehungen zu dem Hauptmann, dem Doktor, aber auch dem Tambourmajor widerspiegelt: zum Hauptmann, der Woyzeck aufgrund seiner ärmlichen Herkunft und seines unehelichen Kindes mit Marie als „unmoralisch“ bezeichnet; zum Doktor, der ihn als Versuchsobjekt ansieht und zur gesundheitsschädigenden Ernährung zwingt, dessen Experimenten sich Woyzeck jedoch nicht entziehen kann, da er auf diesen Nebenverdienst angewiesen ist, um seine Familie zu ernähren; zum Tambourmajor, der Woyzeck gegenüber keinen Respekt erweist und ihn sowohl öffentlich als auch privat lächerlich macht.

Das Schauspielerische wird von der Monotonie der gesamten Inszenierung verschluckt. Was auch passiert, es sind bei den ständig monoton auf der Drehfläche gehenden Schauspielern nur Nuancen, die die unterschiedlichen Stimmungslagen ausmachen. Nicht leicht!

HIER der link zur Seite des Stückes auf der Website des Theater Basel. Ich hatte es nicht live, sondern auf 3sat gesehen.

WENIGE TAGE WIRD ES NOCH ZU SEHEN SEIN IN DER MEDIATHEK VON 3SAT. Daher hier der schnelle Post. HIER der link zum Stück in der Mediathek von 3sat.

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then, Theater Basel