Die Münchnerin Nora Abdel-Maksoud hatte zuletzt mit „Jeeps“ einen schönen Erfolg an den Münchner Kammerspielen. Auch das war schon etwas Slapstick, hinterlegt mit einem ernsten Thema, dem Erben. Jetzt hatte ihr nächstes Stück „Doping“ Premiere an den Münchner Kammerspielen. Noch mehr Slapstick und wieder ein ernstes Thema als Aufhänger: Unsere allein marktwirtschaftlich orientierte Lebensweise. Es spielen aber auch viele andere Themen hinein, etwas viele letztlich – die dann alle nur kurz angerissen und aufgezeigt werden können!
Mein Fazit zur Premiere: Mit immer schnellen, fast stürzenden, gleichtönig lauten, meist kurzen sich ständig produzierenden, fast hektischen Statements, Sätzen, Wörtern, Dialogen, Äußerungen, Wortwechseln hin und her und mit einer bei alledem abstrusen Story wird versucht, den Turbokapitalismus und seine Auswirkungen auf das Gesundheitswesen zu überspitzen. Beispiel FDP und Sylt. Oder es wird versucht, insgesamt unsere Lebensweise, unsere Lebensüberzeugungen darzustellen. Darum soll es wohl gehen. Hm. Hektisches Slapstick für sehr ernste Themen! Sicher, wir leben im Grunde sehr viel falsch im Kapitalismus, geben es nur nicht zu!
Die Hektik des Stückes „Doping“ mag dabei dem Plot geschuldet sein: Es zeigen sich ja plötzlich peinliche gesundheitliche Schwächen beim Vertreter des Wohlstands, dem Spitzenkandidaten der FDP Wenningstedt-Braderup auf Sylt, dem Verfechter der Liberalität, der marktwirtschaftlichen Denke bis in den Körper hinein.
Die Story:
Die FDP und Sylt sind also die Aufhänger der irren Story, ein Krankenfall im Wahlkampfendspurt bringt alles durcheinander. Es folgen: Das angebotene einfache „Weggeben“ von Krankheiten, Krankheit ist Hindernis und Schwäche, alles ist „Geben und Nehmen“,alles ist ein „Marktgut“, es gibt ein U-Boot, Verwirrung, Geld, Magnetismus, Stress, Überarbeitung, ausgemerztes Sozialdenken, Zeitdruck, die Schließung eines Krankenhauses, einen Geldberg, das Thema Privatkliniken/öffentliche Kliniken, Feminismus etc. etc. etc. Es ist schwer, wenn man so viele Themen und Aspekte der realen Welt künstlerisch – nicht politisch – verarbeiten will. „Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen“ ist ja ein Wahlspruch der Münchner Kammerspiele. Hm, so etwa? Nicht leicht: Politisch ernste Themen berühren, aber künstlerisch bleiben.
Den Turbokapitalismus und unsere Lebensweise und Lebensüberzeugungen zu kritisieren ist auf jeden Fall sinnvoll und absolut nötig, aber mit der rasanten Slapsticknummer „Doping“ blieb es mir sehr fraglich! Letztendlich blieb es einfach harmlos, weil nur eine ein klein wenig lustige, eine wilde, verrückte, abstruse Geschichte um die genannten Themen herum gestrickt wurde, mehr konnte ich nicht feststellen. Vielleicht wollte es Nora Abdel-Maksoud so, sie ist ja keine Politikerin!
Und jeder mag es anders sehen. Theater muss ja nicht Systemkritik in klarer Form äußern, aber wenn es sich auf dieses politische Terrain begibt, sollte vielleicht auch etwas Sinnvolles übrig bleiben. Andererseits – Theater ist immer für alles offen – man kann natürlich auch sagen: Es ist eben einfach eine lustige, abstruse Überspitzung mit vielleicht kurzen tiefergehenden Äußerungen!
Überspitzungen, die nur zum Lachen anregen, mag ich allerdings nicht so sehr. Ich liebe Theater, wenn man es schafft (schwer genug) Unsichtbares auf die Bühne zu bringen, eine Entwicklung, eine Gefühlslage, eine Einstellung, einen besonderen Blickwinkel … wenn man im Theater eben Dinge erkennt, die man eigentlich nicht sehen kann, die man vielleicht ständig übersieht oder nicht kennt, die aber auf der Bühne ihren Ausdruck finden, über die man nachdenken kann. Oder so ähnlich … Das ist viel verlangt, bei „Doping“ ist es jedenfalls sicher etwas platter geworden. Mein Gegenbeispiel: Derzeit „Kill Your Darlings“ von René Pollesch, bis Ende Mai in der Mediathek der Berliner Festspiele, ebenfalls systemkritisch.
Hier ist der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele.
https://mediathek.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/2012/kill-your-darlings-streets-of-berladelphia
Es reichte mir bei „Doping“ am Ende jedenfalls allenfalls zum Schmunzeln, nicht zum Grübeln über den Inhalt, über irgendein Thema. Irgendwie aufgewühlt, angeregt, mit einem kleinen Gedanken, einer Überlegung, einer Frage oder einem Gefühl nach Hause geschickt fühlte ich mich nicht! Auch hier: Theater muss nicht immer alles schaffen, es kann auch so genügen, aber manchmal kann es auch sehr wenig werden. Diesmal eben Slapstick, Kabarett in Theaterform.
Der Spitzenkandidat der FDP Braderup-Wenningstedt (zwei Orte in der unmittelbaren Nachbarschaft von Kampen) (Vincent Radetzki), der Schatzmeister des Parteiverbandes (Stefan Merki), seine Tochter als Nummer 2 der Liste (Şafak Şengül), das sind schon drei der fünf Personen des Stückes. Sie stehen für die im Wahlkampf ächzende FDP auf Sylt. Vincent Radetzki und Stefan Merki sind wieder wunderbar überzeugend! (Vincent Radetzki gehört nach den Angaben der Webseite mit der Münchner Kammerspiele nicht mehr zum Ensemble, er wird als „Gast“ geführt.)
Daneben das Arztteam. Wiebke Puls als männlicher Dr. Bob, der ehemalige Chefarzt einer geschlossenen Klinik. Hier stellte sich für mich die Frage: Warum muss diese Rolle von Wiebke Puls belegt werden? Etwa, weil sie an der Nordseeküste (Husum) geboren wurde und im Stück ein paar norddeutsche Sätze oder Wörter sagen muss? Das wäre als Begründung bei ihren oft wunderbaren schauspielerischen Leistungen sicher zu wenig.
Nächste Frage: Warum Eva Bay als Krankenschwester? Auch sie als „Gästin“ der Münchner Kammerspiele . Es ist immer schön, wenn jungen Schauspielern und Schauspielerinnen „von außen“ Gelegenheiten gegeben werden, aufzutreten. Das freut mich! Andererseits gibt es das Ensemble … Hm. Eva Bay ist eine enge Mitarbeiterin von Nora Abdel-Maksoud, liest man, und sie spielt gut, gerne mehr davon. Ist doch gut so! Man kann nicht alles haben!
Also: Viele große Fragezeichen an diesem Abend. Aber es ist etwas für Freunde des „politischen“ Slapstick.
HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website der Münchner Kammerspiele.
Copyright des Fotos: Judith Buss
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