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THEATER: William Shakespeare – Ein Sommernachtstraum

Es ist eine von Stefan Kimmig in die Gegenwart verlegte Inszenierung des Klassikers. Es geht ja um die vielen Wirren der Liebe, ein zeitloses Thema. Der Regisseur Stephan Kimmig wurde – vor allem mit Inszenierungen anderer Klassiker der Theaterwelt – schon mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch am Residenztheater hat er mehrfach inszeniert, zuletzt die Stücke „Spiel des Lebens“ und „Die Träume der Abwesenden“ (HIER meine Besprechung). Die nächste Aufführung von „Ein Sommernachtstraum“ ist nun am Freitag, dem 18. Oktober. HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Residenztheaters.

Was hat sich William Shakespeare bei diesem Stück gedacht? Vielleicht hat er sich gedacht: Die Liebe! Ich schreibe ein Stück darüber, wie die letztlich immer unkontrollierbare Liebe alle verwirrt, wie sie uns alle immer wieder verrückt macht. Ich schildere dazu, dachte er sich dann vielleicht, zunächst die reale Welt mit einer bevorstehenden Hochzeit (Theseus und Hippolyta). Und in der realen Welt gibt es dazu noch die von einem Vater für die Tochter vorgesehene Hochzeit (seine Tochter Hermia soll Demetrius heiraten) und demgegenüber aber die Liebe der Tochter zu einem anderen (Hermia liebt Lysander), dazu auch noch die unerwiderte Liebe von Helena (Freundin von Hermia) zu Demetrius. ACHTUNG: Bei Kimmig ist Demetrius eine Demetria und HELena ein HELmut). Dann gibt es natürlich noch Eifersucht. Soweit das wahre Leben eben. Und dann mag er sich gedacht haben: Ich zeige auf dieser Basis, dass durch unserer Gefühlswelt (durch Liebeswahn) eigentlich ein noch größeres Chaos entsteht, ich zeige es aber in einem Wald mit Elfen, in den alle Beteiligten gehen (weil Hermia mit Lysander dorthin fliehen) und in dem sie alle in Träume fallen. Ich zeige, wie die Liebe alle eigentlich noch mehr verwirrt, ins Chaos stürzt, wenn sie nach einem Schlaf aufwachen und sich – veranlasst durch den Elfen „Puck“ und seine Zaubertropfen (Drogen?) – neue wilde Lieben einbilden. Und zu guter Letzt – nachdem fast alles wieder eingerenkt ist – wird es wieder lustig, in der realen Welt, wenn eine Laientruppe von Schauspielern auf der Hochzeit das berühmte antike Stück „Pyramus und Thisbe“ aufführt, in dem ja auch gezeigt wird, wie die Liebe – sogar tödlich – verwirrt.

Das ist fast schon eine Inhaltsangabe von „Ein Sommernachtstraum“, grob jedenfalls, es kommt natürlich noch Einiges hinzu. Etwa der Streit der im Wald herrschenden Elfen Oberon und Titania. Stefan Kimmig versucht nun, dieses Stück in die Moderne zu transferieren. Es geht auch sehr modern los: Die Hochzeit von Theseus und Hippolyta ist … die Fusion zweier Autohäuser! Der Wald ist verlegt in … so etwas wie eine leerstehende Immobilie vielleicht eines Kaufhauses, alles zusammen ist auf einer Drehbühne immer wieder wechselnd zu sehen, Realität und Wahnsinn. Auch die junge Besetzung der Rollen weist auf die coole Szene der Inszenierung hin.

Das ist der Rahmen. So ganz klar erkennbar modern bleibt es allerdings nicht. Das Bühnenbild hilft nicht wirklich dabei, klar in die Moderne zu blicken. Das Bühnenbild wirkt im Laufe der Zeit mehr und mehr abstrakt, das Gewirr von hohen Wänden einer brachliegenden Immobilie bleibt eine eher zeitlose Welt. Schade fast. Da helfen auch die coole Kleidung der Beteiligten und die modern und jung gehaltene Sprache wenig („Powernap“ statt Schlaf etwa).

Großartig ist dabei wieder einmal die laienhafte Darstellung des „Schauspiels im Schauspiel“ am Ende des dreistündigen Abends, die lustige Darstellung der Laientruppe. Großartig dabei und auch davor schon vor allem Florian von Manteuffel in all seinen irren Darstellungsformen, etwas besonders schien mir durchaus auch – wenn auch in kleinerer Rolle – Patrick Isermeyer, ein neues junges Ensemblemitglied, aber alle zusammen spielen es wunderbar und sicher mit viel Spaß!

Die alte Frage zu diesem Stück bleibt: Ist es Tragödie oder Komödie? In diesem Fall war es deutlich wieder eher eine Komödie. Schade, dass – mein Eindruck – nicht durchgehend klar die moderne Welt zu erkennen war, gedacht war es so. Interessant ist dazu etwa im Programmheft der kleine Artikel „Im Taumel der Nacht“ über das moderne nächtliche Geschehen in Clubs: Der Autor spricht von dortigem (gewollten);Kontrollverlust, Überladung von Sinnesreizungen, dadurch aber auch einer gewissen Selbstpositionierung etc. …. Aber auch das Wort „Drogen“ kommt öfters im Programmheft vor.

Im Stück heißt es an einer Stelle:

Es blüht die Phantasie, und sie erkennen mehr als der kühlere Verstand begreift. Die Irren und Verliebten bestehen ganz und gar aus Einbildung. Die sehen mehr Teufel und Engel als die Hölle und der Himmel fasst; Es ist verrückt…wie die Phantasie dem Form verleiht“.

Das fasst es ganz gut zusammen. Man verlässt das Theater eben mit dem verwirrenden und zeitlos geltenden Unwohlsein, was Liebeswahn alles anrichten kann. Den Kampf der Liebe führen wir ja immer!

Copyright des Beitragsbildes: Sandra Then


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MUSIK: A Thousand Kisses Deep

Das Münchner Metropoltheater hat zur Zeit einen Abend mit dem Untertitel „Eine Verneigung vor Leonard Cohen“ im Programm! Haupttitel: „A Thousand Kisses Deep“. Die Würdigungen kommen vielleicht auch deswegen, weil Leonard Cohen mit seinem Leben einen einzigartigen Welterfolg schaffte: Er hat nicht irgendwelche Songs gesungen und zu Welthits gemacht, er hat fast immer über sein eigenes Leben gesungen. Seine Lieder SIND Leonard Cohen. Er blieb bodenständig, versuchte viel in seinem Leben, blieb auf Augenhöhe mit jedem, suchte das Leben. Das ist eine Verneigung wert. Als Schriftsteller – sein ursprünglicher Weg – war er nicht sehr erfolgreich, als Musiker entgegen seiner Absicht sehr.

Die Verneigung vor ihm im Metropoltheater ist ein empfehlenswerter, sehr schöner Abend! Entspannt, stimmungsvoll und überzeugend. Weitere bekannte Termine dieses Abends sind der 16, 17. und 24. Oktober, HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Metropoltheaters.

Kathrin von Steinburg und Jakob Tögel erzählen und singen (fast 20 seiner Songs). Sie schaffen, vor allem durch die tiefe Bassstimme von Jakob Tögel, fast einen Liveabend mit Leonard Cohen, das zum Großteil etwas ältere Publikum konnte sich in alte Zeiten zurückversetzt fühlen. Im kleineren Rahmen des Metropoltheaters in München/Freimann gehen die beiden Ensemblemitglieder durch Leonard Cohens Geschichte und seine Welterfolge! Es lohnt sich, ist nicht überdrallert, ist keine „Show“, ist sympathisch und endet mit Zugaben und zurecht mit viel Applaus.

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LITERATUR: Saša Stanisić – Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

Auch seinen Roman „Vor dem Fest“ hatte ich damals gelesen. Stanišić erhielt 2014 für „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse und 2019 für „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis. Also da kann einer was!

Man kann bei ihm immer etwas (oder viel) von der Person Saša Stanisić erkennen, im Roman „Herkunft“ ganz besonders, es ist ja fast eine Autobiografie. In seinem neuen Werk erkennt man Stanisic nur ein klein wenig. Es wird – es sind mehrere in sich recht geschlossene kurze Geschichten – manchmal in der Ich-Form geschrieben und „ich“ ist dort ein Saša, bleibt aber im Hintergrund.

Das neue Buch hat jedenfalls Besonderheiten: Man liest im Grunde nicht einen Roman, sondern (gelungene) „Schreibversuche“, dachte ich manchmal. Kennzeichen:

  • Zum Einen besteht das Buch wie gesagt aus – neun – getrennten kurzen Geschichten, Alltagsszenen, teils recht abstrus, keine langatmige Entwicklung von Charakteren. Angenehm kurz. Angenehm skurril. Teils sind diese „Einblicke in verschiedene Szenen“ grob miteinander verknüpft.
  • Zum Anderen zeichnet sich das Buch dadurch aus, dass die einzelnen Geschichten zum Teil in jeweils ganz eigenen Schreibstilen geschrieben sind. Den beschriebenen Szenen und Personenangepasst. Als hätte Stanisić hier verschiedene Techniken einmal „ausprobieren“ wollen. Man will ja auch als Autor weiterkommen. Die erste Geschichte etwa ist herrlich in der Sprache eines Jugendlichen gehalten, als würde er sich mit dem Leser einfach so dahinunterhalten. Man kann generell fast sagen: Die Schreibstile sind oft jeweils dem Alter der Figuren angepasst. Die Sprache der Witwe in der „Gießkannengeschichte“ etwa ist reduziert, kein überflüssiges Wort, warum auch, es sind fast mehr ihre Gedanken statt Sprache.
  • Es ist wie aus der Werkstatt eines Autors: Schon die Sprache, in der geschrieben wird, der Schreibstil, zeigt in diesem Buch teils sehr deutlich die Person, die beschrieben wird, und vermittelt eine bestimmte Atmosphäre. Das ist auch verständlich, weil Stanisić ja in diesen kurzen Geschichten die Atmosphäre schnell aufbauen muss und will. Besonders der sehr einfach gehaltene Ton zieht sich dabei – mal mehr, mal weniger – durch das ganze Buch, was ich immer schön finde.
  • Thematisch sind es teils recht abstruse Situationen, absolute Alltagsszenen, die geschildert werden, gemischt mit Fantasie, manchmal fragt man sich: Warum das? Insgesamt ist es dadurch aber amüsant.
  • Als Haupthema zieht sich bei alledem das Thema „Zeit“ durch die Geschichten. Die Zeit der Jugend – die Idee einer Zeitmaschine in die Zukunft – die Zeit, die stehen bleibt – Gegenwart – die Vergangenheit, als der Ehemann noch lebte – die Vergangenheit als Gegenwart erlebt … . Vergangenheit, Gegenwart, Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart, Zukunft, Stillstand der Zeit. Etwa: Was wäre, wenn wir kurz unsere Zukunft sehen könnten und sie „kaufen“ könnten (die erste Geschichte)? Aber alles wird nicht ernst erzählt, im Gegenteil: Humorvoll. Das ist das sehr Angenehme an dem Buch. Endlich mal wieder nichts Ernstes, gekonnt geschrieben, allerdings manchmal fast etwas viel von allem.

Stanisić wollte mit diesem „Geschichtenbuch“ vielleicht einmal von seinen bisher meist sehr persönlich gefärbten Themen und seinem bisherigen ernsthafteren Schreibstil loskommen. Mal etwas Anderes versuchen, das ist auf recht amüsante Art und Weise gelungen, es ist dadurch ein erfrischender und erleichternder, gekonnter Lesespaß, mehr dann nicht. Nicht zum groß Nachdenken. Auch gut!

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MUSIK + FILM + THEATER: Leonard Cohen

Wieder einmal ein besonderer Mensch. Ich möchte auf Einiges dazu hinweisen:

  • Derzeit ist in der ARD-Mediathek die sehenswerte Serie „So long, Marianne“ zu sehen. HIER der Link. Sehenswert, weil fast tragisch dargestellt wird, wie Leonhard Cohen durch seinen irren Drang, erfolgreich zu werden, von seiner großen Liebe Marianne Ihlen weggespült wurde. Er verließ den Traum des großen Glücks, den er mit Marianne auf Hydra lebte, und ging nach Montreal und New York. Machte ihn der Erfolg glücklich?
  • Und derzeit ist in der arte-Mediathek Leonard Cohen „Live in London“ zu sehen. HIER der Link.
  • Und derzeit ist in der arte-Mediathek die Dokumentation „Halleluja – Leonard Cohen, ein Leben, ein Lied“ zu sehen. Ein Film über Leonard Cohen und seine Hymne „Hallelujah“. Auch HIER der Link dazu.
  • Und derzeit ist in der arte-Mediathek in der Reihe Stadt-Land-Kunst der Beitrag „Leonard Cohens Hydra“ zu sehen. HIER der Link dazu. Leonard lebte hier sieben Jahre lang, als er sich fast nur schriftstellerisch bemühte.
  • In Kürze (im November) zeigt das Metropoltheater in München/Freimann noch einmal mehrfach den Abend „A Thousand Kisses Deep, eine Verneigung vor Leonard Cohen“, ich bin dabei. HIER auch dazu der Link.
  • Zur sehenswerten Serie „So long, Marianne“ in der ARD-Mediathek (siehe oben) kommen hier noch verschiedene Versionen des Songs „So long, Marianne“:

Eine relativ frühe Version des Songs – 1979 war Leonard Cohen 45 Jahre alt:

Eine ältere Version des Songs. Wie muss sich da ein Mann wie Leonard Cohen fühlen, wenn er im hohen Alter diesen Song über seine vielleicht größte Liebe des Lebens singt?

Und hier eine etwas besondere Version, gesungen 1993 in Oslo, Marianne war ja Norwegerin:

Als Leonard Cohen im Sommer 2016 von der unheilbaren Erkrankung seiner einstigen Muse erfuhr, schrieb er einen Abschiedsbrief, der ihr nur wenige Tage vor ihrem Tod vorgelesen wurde und der den eigenen körperlichen Verfall und kommenden Tod thematisiert. Der britische Filmemacher Nick Broomfield ging der Liebesgeschichte zwischen Leonard Cohen und Marianne Ihlen 2019 in dem Dokumentarfilm Marianne & Leonard: Words of Love nach.

Ich sage: Das dritte Video ansehen! Hier dazu noch ein Foto von Leonard Cohen und Marianne Ihlen:

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LITERATUR: Benedict Wells – Die Geschichten in uns

Jetzt begegnet mir diese eine Songzeile in einem anderen Zusammenhang: Literatur – Benedict Wells zitiert die Songzeile. Benedict Wells schreibt in seinem neuen wunderbaren Buch „Die Geschichten in uns“ darüber, wie man ein Buch schreibt. Er schreibt neben allem anderen über den allerersten Funken (spark), den es braucht, um überhaupt über ein Buchthema nachzudenken und ein Buch dazu Stück für Stück zu entwickeln. Mir hat das Buch die Augen geöffnet!

Der Anfang eines Schreibprozesses, der erste Schritt eines langen Prozesses, den Benedict Wells insgesamt wunderbar in allen Facetten darstellt! Sein Buch ist dabei nicht nur hochinteressant für diejenigen, die selber ein Buch schreiben möchten. Es ist genauso interessant, wenn man ein Buch liest. Benedict Wells gibt viele persönliche Einblicke in die Art, wie etwas beschrieben/geschrieben werden kann, werden muss, es ist in beiden Fällen (Schreiben und Lesen) absolut hilfreich! Apropos „beschreiben“: Wells zeigt vor allem, dass es für ein gutes Buch nicht ausreicht, eine interessante Geschichte einfach zu „erzählen“, nein, sie sollte vom Leser geradezu miterlebt (gesehen, mitgefühlt) werden! Don’t tell, but show ist einer der wesentlichen Hinweise. Und er zeigt, wie sorgfältig man vor allem die Charaktere des Buches behandeln und zeigen, herausarbeiten etc. muss!

Das Buch von Benedict Wells hat in der Reihe der existierenden Bücher über das Schreiben dabei sicher eine etwas besondere Qualität. Es zeigt nicht etwa nur wie in einer Art Handbuch nüchtern die verschiedenen Techniken des Schreibens, nein, Benedict Wells ist sich bei allem nicht zu schade, immer wieder seine eigenen Fehler und seine jahrelangen Lernprozesse zu zeigen. Damit führt er uns durch das Buch. Es macht das Buch auch nicht nur sehr sympathisch, sondern weckt vor allem enorm viel Verständnis und Gefühl für den Einsatz der von ihm gelernten möglichen oder nötigen Werkzeuge. Und solcher Werkzeuge gibt es verdammt viele! Am Ende des Buches veröffentlicht er sogar in einer „Werkstatt“ Erstfassungen und korrigierte Endfassungen mit Änderungsmodus aus seinen Texten. Man lernt auch: Es geht (ihm) immer darum, den Charakteren nahe zu sein, es braucht unfassbar viel Empathie für die (doch meist erfundenen) Charaktere des Buches.

Seine so aufschlussreichen Beschreibungen in „Die Geschichten in uns“ profitieren auch davon, dass er zu Beginn des Buches über seine eigene Kindheit und Jugend erzählt. Man lernt ihn zunächst etwas kennen, was das Buch sehr ehrlich macht, und man lernt dann, auf welchen langen Wegen er persönlich zum Schreiben kam. Dem Buch fehlt jede störende Eitelkeit! Klar wird: Man muss nicht schon immer das Schriftstellerische in sich getragen haben!

Man kann beim Schreiben eines Buches unglaublich viele Werkzeuge berücksichtigen. Man wird nicht alle „Werkzeuge“ ständig im gleichen Maße zur Anwendung bringen, das wäre sogar oft geradezu wieder langweilig, aber Schreiben ist Arbeit, die manchmal viele viele Jahre dauert. Man befindet sich eben in gewisser Weise in einer Werkstatt, in der man fast so sicher wie das Amen in der Kirche auch absolute Tiefpunkte erleben wird. Man arbeitet immer wieder an seinen Fehlern, an den Dingen, die der Leser nicht „braucht“.

Natürlich gibt es seit Jahren Bücher über die unglaublich zahlreichen und feinsinnigen Werkzeuge des Schreibens. Ich hatte etwa Sol Steins Standardwerk „Über das Schreiben“ daneben liegen. Benedict Wells weist sogar am Ende seines Buches „Die Geschichten in uns“ ausdrücklich darauf hin, welches dieser Bücher er wann am ehesten für hilfreich hält.

Auf eines allerdings weist Benedict Wells am Ende auch kurz zurecht hin: Es gibt natürlich manchen Schriftsteller, manche Schriftstellerin, der/die die von Wells so wunderbar dargestellten Werkzeuge gar nicht konkret anwendet. Ich denke etwa an Thomas Bernhard oder andere Schriftsteller (vielleicht auch Jonathan Frantzen, T.C. Boyle, Annie Ernaux oder Teju Cole, die aber sicher schon weniger), die schon durch ihre ganz besondere eigene Art des Schreibens zu überzeugen scheinen. Aber auch sie werden die „Werkzeuge“ zumindest kennen!

Denn Eines ist klar: Ein Leser darf sich nicht ein einziges Mal beim Lesen eines Buches langweilen, er würde das Interesse sofort verlieren und das Buch schnell weglegen.

Das Buch ist meine Empfehlung, auch um Erzählungen besser (mit mehr Gefühl für die Schilderungen) lesen zu können!

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Gesehen und gehört Sonstiges

FILM: RP Kahl – Die Ermittlung

Es geht um Auschwitz. Basis sind vor allem die Protokolle des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses von 1963 bis 1965 (es gab ja mehrere Auschwitzprozesse) sowie das damals daraus entstandene und überall (weltweit) gespielte Theaterstück „Die Ermittlung“, ein „Oratorium in 11 Gesängen“ des Dramatikers Peter Weiss.

So deutlich und so notwendig absolut hat man es (da es eben nicht in eine Filmstory verpackt wird, wie etwa zuletzt bei „The Zone of Interest“) wohl seit dem Oratorium von Peter Weiß nicht mehr gesehen beziehungsweise gehört.Wir dürfen uns dem nie entziehen! Man hört durch detaillierte Schilderungen: Bei den damals in Auschwitz tätigen Nazis war das Menschsein weg, es war verschwunden! Wie ging das? Sie waren nicht mehr Menschen. Und auch die Inhaftierten und dorthin Deportierten haben ihr Menschsein im Moment des Betreten des Lagers verloren! Auch sie waren nicht mehr Menschen! Sie wurden nicht mehr wie Menschen behandelt! Wie ging das? Man spürt es. Und wir müssen gerade in aktuellen Zeiten aufpassen, nicht wieder ähnliche Wege einzuschlagen! Wehret den Anfängen!

Man liest in Kritiken, der Film sei „bisher der beste Film des Jahres“. Unverständlicherweise läuft er in München zunächst nur noch am Montag, den 29. Juli., und am Donnerstag, den 01. August. Am Sonntag den 04. August ist „Publikumsgespräch“ im Programm. Ich gehe davon aus, dass der Film auch davor gezeigt wird. Im Monopolkino. Andere Aufführungen sind mir noch nicht bekannt.

HIER der Link zu einem Video (unbedingt ansehen!) mit Ausschnitten des Films und ein paar sehr guten Aussagen des Schauspielers Clemens Schick (der Staatsanwalt) und der Schauspielerin Christiane Paul (eine Zeugin) zum Film.

Man kann über diesen völlig nüchtern gehaltenen Prozessfilm so viel schreiben, stellt sich tagelang Fragen:

  • Wie konnte so etwas Unmenschliches wie in Auschwitz in den Menschen geschehen? Wie konnte sich dieses System komplett bei allen Beteiligten über jedes geringste Maß an Menschlichkeit hinwegsetzen?
  • Warum hat man danach nicht gesagt: Wir müssen Deutschland ausrotten! Haben es denn nicht doch viel mehr Menschen gewusst/geahnt, als wir meinen?
  • Warum durfte Deutschland jemals wieder eine Kriegswaffe in die Hand nehmen? Wie konnte Deutschland Mitglied der NATO werden?
  • Wie konnten all die Menschen, die das miterlebt haben, danach überhaupt weiterleben?
  • Wie konnten vor allem sogar so viele der übelsten Nazitäter nach dem Krieg in Deutschland berufliche Stellungen in gehobenen Positionen (auch Beamtenstellungen) einnehmen? Wie haben sie so weiterleben können?
  • Können und müssen wir den Film sehen? In welchem Alter?
  • Warum und wie kann und muss die Erinnerung an Auschwitz erhalten werden – jetzt, wo kaum mehr Zeitgenossen am Leben sind?
  • Hat das etwas mit der Gegenwart zu tun?

Ich möchte all diese Fragen nicht beantworten, nicht meine Meinung hier hervorheben. Jeder mag es für sich beantworten, der Film deutet vieles wortlos an, die Fragen drängen sich auf. Zum Film kann ich nur sagen: Viele Kleinigkeiten sind großartig gemacht:

  • Schon die Tatsache, dass fast ausschließlich weitgehend unbekannte Schauspieler eingesetzt sind, trägt stark zur absoluten Nüchternheit, Glaubhaftigkeit und zur Betonung allein des Gesagten bei.
  • Allein der Richter ist ein vielfach bekannter Schauspieler: Rainer Bock (relativ kurz zeigt sich auch Peter Lohmeyer). Er, der Richter, ist die einzige Person, die durch ihre Bekanntheit eine vielleicht auch gewollte Verbindung zur heutigen Zeit bringt, etwas zeitloser wirkt als die anderen Beteiligten, die allesamt in der Kleidung der 60er-Jahre erscheinen! Er, der Richter, bringt damit versteckt den Aspekt hinein: Ich sehe alles auch mit heutigen Augen.
  • Der Staatsanwalt, Schauspieler Clemens Schick, ist dagegen die einzige Person, der man versteckt Emotionen und tiefe Fassungslosigkeit ansieht. Auch das ist sehr gut, zurückhaltend, eingesetzt!
  • Die Nüchternheit des Gerichtssaales ist kaum zu überbieten.Acht Kameras verfolgen das Geschehen. Nur ab und an spielen kleine Lichteffekte hinein, die fast wie ein Wink der Wirklichkeit auf den Film einwirken. Gerade gegen Ende des Films nimmt das ein wenig zu.
  • Der gesprochene Text wiederum ist, wie gesagt, kaum auszuhalten!

Der Film wurde von Alexander van Dülmen produziert. Für die Bildgestaltung zeichnete Guido Frenzel verantwortlich, Bühnenbild Nina Peller, Kostüme Tina Kloempken. Friede Springer ist Co-Produzentin des Films.

Ansehen!

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THEATER: Madame Nielsen & Christian Lollike – Very Rich Angels

Es ist eine sehr humorvoll angelegte Produktion, es geht ja darum, dass sich Bill Gates, Elon Musk und Mark Zuckerberg in einer Bar zufällig treffen und über ihre geheimen – oder gar nicht einmal so geheimen – Ideen unterhalten. Nicht reine Phantasie! Vor allem Elon Musk will ja tatsächlich zum Mars, die Erde ist für ihn heruntergewirtschaftet. Es steckt also durchaus etwas Wahres im Stück! Die anderen beiden haben dagegen eher noch die Welt erhaltende oder fördernde Ideen, auch diese Ideen werden von ihnen jeweils im „richtigen Leben“ tatsächlich vertreten. Alle drei Phantasien oder Wünsche treffen hier aufeinander. Das Schöne ist: Sie mögen es alle drei im „richtigen Leben“ ernst damit meinen, hier wird es auf die Schippe genommen, es wird gezeigt, dass vor allem Elon Musks Wunsch, auf dem Mars zu leben, ziemlich absurd erscheint. Die drei begeben sich nämlich auf den Mars, wie man im Laufe des Stückes sieht.

Die Produktion ist dabei insgesamt bei aller Absurdität so schön und „rund“ gemacht, dass ich sie empfehlen möchte! Ganz besonders herrlich sind die schauspielerischen Leistungen der drei „Very Rich Angels“: Christian Löber als Bill Gates, Annette Paulmann als Elon Musk und Elias Krischke als Mark Zuckerberg. Sie sind ein Genuss. Ihre Bewegungen, ihre Äußerungen, ihr Aussehen – herrlich.

Die drei „Very Rich Angels“ treten bei alledem anfangs mit überdimensionierten Köpfen auf – siehe das Beitragsbild oben. Ich dachte im Vorfeld des Abends, hier sei etwas übertrieben produziert worden, ich mag ja gerne schlicht produzierte Inszenierungen. Aber nein: Es passt gut zu den drei „Großkopferten“, wie man in Bayern ja ohnehin sagen würde. Abgesehen davon sind die drei großen Köpfe sehr gelungen, freundlich und ansprechend gestaltet und werden im Laufe des Stückes auch abgelegt.

Insgesamt bezeichnend ist auch schon die Tatsache, dass die drei „Very Rich Angels“ mit ihren überdimensionierten Köpfen und Ideen in einer schlichten und realitätsnah simplen Restaurantlandschaft aufeinandertreffen. Es passt alles gut zusammen, um den insgesamt absurden Charakter der drei Ideen und damit des Abends hervorzubringen.

Bezeichnet wird das Stück als „Musical-Komödie“, es kommt immer wieder zu Musikeinlagen. An „meinem“ Abend hat Jelena Kulic mit ihrer sehr schönen Stimme immer wieder gesungen! An anderen Abenden spielt Madame Nielsen persönlich mit und singt dort auch. Die Mischung zwischen Schauspiel und Musik hat mich jedenfalls durchaus ein wenig an die ebenfalls skurrile Rocky Horror Picture Show erinnert.

Die dänische „Universalkünstlerin“ Madame Nielsen (geboren als Claus Beck-Nielsen) hat den Stücketext geschrieben, Regie hat der in Dänemark – wie es heißt – „gefeierte“ Regisseur Christian Lollike. Sie beide haben sich also etwas Verrücktes, aber Schönes einfallen lassen. Ich kenne mehrere Personen, die sich das Stück gerne noch ein zweites Mal ansehen möchten – vor allem wegen der so guten und ironisierenden schauspielerischen Leistungen!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit weiteren interessanten Inhalten zu den Ideen der drei „Rich Angels“. Ein versöhnlicher Ausklang der Spielzeit, der ich durchaus oftmals kritisch gegenüberstand.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

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THEATER: Suzie Miller – Prima Facie

Es geht um sexuelle Übergriffe. Sexuelle Übergriffe sind kaum „gerichtsfest“ zu beweisen, außer es geht um eindeutige Fälle. Was kann das Opfer machen? Geht das Rechtssystem zu leicht zulasten des Opfers? Die prozessuale Situation sieht ja so aus: Der Angeklagte kann die Aussage verweigern – oder zumindest sagen, alles sei freiwillig geschehen. Es kommt also fast immer allein auf die teils erniedrigenden Aussagen des Opfers – fast immer der Frau – an. Und der/die Verteidiger/in des Angeklagten nutzt natürlich dabei jede kleinste Unklarheit der Aussage, um das Gericht (in Amerika die Jury) dazu zu bringen, nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ zugunsten des Angeklagten zu entscheiden. Es gibt in diesem Bereich keinen „Prima-facie-Beweis“, also keinen Anscheinsbeweis.

In „Prima Facie“ – einer Inszenierung von Nora Schlocker – erlebt man nun Tessa Ensler, eine „knallharte Strafverteidigerin“ in derartigen Fällen. Auch sie ist immer auf der Suche nach kleinsten Unklarheiten in der Aussage des Opfers oder provoziert solche. Der Kniff des Stückes „Prima Facie“ ist: Tessa Ensler wird plötzlich selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs! Ein Anwaltskollege nach einem Abend mit viel Alkohol … erst Tessas Lust, dann der Übergriff. Und plötzlich erkennt Tessa Ensler höchstselbst die Situation des Opfers vor Gericht, sie hat den Kollegen ja angezeigt.

Meine Eindrücke:

  • Das Bühnenbild ist höchst neutral, schlicht, es ist fast nicht vorhanden. Kistenweise Aktenordner und eine Bettmatratze, mehr nicht. Es bietet keinerlei Vorgaben zum Thema. Gut so, wenn auch doch sehr nüchtern.
  • Tea Ruckpaul ist die Darstellerin von Tessa Ensler in diesem Ein-Personen-Stück. Der „Seitenwechsel“ von Tessa Ensler – der Wechsel in die irrsinnige Opferrolle eines sexuellen Übergriffes vor Gericht – kommt bei Tea Ruckpaul sogar noch fast zu wenig zur Geltung! Ich hatte jedenfalls beim Lesen des Textes noch mehr Beklemmung, empfand die irre prozessuale Situation des Opfers eines sexuellen Übergriffs dort noch deutlicher, als auf der Bühne. Es mag – wenn, dann – an der insgesamt fast „vorsichtig“ zu nennenden Inszenierung von Nora Schlocker liegen, nicht an Tea Ruckpaul. Sie „spielt“ es wunderbar, spielt allerdings ihre Seite der kühlen Strafverteidigerin noch überzeugender als ihre Seite des Opfers einer Vergewaltigung. Es mag allerdings daran liegen, dass es auf der Bühne natürlich kaum Gelegenheit gibt, innezuhalten. Beim Lesen kann man innehalten, blättern, nachdenken … .
  • Und: Der Schwerpunkt von Tessa Enslers Argumentation gegen das bestehende Rechtssystem, das in diesen Fällen fast immer die Frauen belastet oder geradezu abschreckt, liegt unter anderem stark darauf, dass das Rechtssystem meist in früheren Zeiten von Männern geschaffen wurde. Das stimmt sicherlich, ist aber meines Erachtens nicht das Problem. Wie sollte denn ein anderes Rechtssystem aussehen? Vielleicht doch mehr mit Prima Facie (Anscheinsbeweis) arbeiten, sodass auch der Angeklagte aussagen muss? Darüber kann man diskutieren. Die letzten Worte des Abends sind jedenfalls: „Irgendwas muss sich ändern.“

All das zusammen fördert den Bedarf, im Anschluss an das Stück darüber zu diskutieren. Könnte etwas verändert werden?

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.


Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

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LITERATUR: Colm Tóibín – Long Island

Der Roman ist die Fortsetzung eines früheren Romans von Colm Tóibín. Die Irin Eilis steht im Mittelpunkt des Romans „Long Island“, so wie sie schon im Roman „Brooklyn“ aus dem Jahr 2009 im Mittelpunkt stand. Aber nicht nur das. Alle Personen um Eilis herum sind in beiden Romanen – „Brooklyn“ und „Long Island“ – die gleichen. Eilis und alle anderen Personen sind in beiden Romanen dieselben Personen mit ihrer Vergangenheit.

Long Island ist ein Roman zum Einen über die Zerrissenheit, die Auswanderer in ihrem Leben erleben (hier: Eilis‘ Leben in Irland in ihrer Kindheit und Jugend und in Amerika in ihrem Erwachsenenleben) und zum Anderen – in dieser speziellen Situation und generell – über den Umgang des Menschen mit der eigenen Vergangenheit: Im ersten Schritt, in „Brooklyn“ wandert Eilis auf Betreiben Ihrer Familie nach Amerika aus. Sie heiratet dort den Amerikaner (italienischer Abstammung) Tony. Dann kehrt sie einmal kurz nach Irland zurück und hat dort eine kurze große Liebesbeziehung zu Jim. Unvermittelt kehrt sie aber nach Amerika zurück. Jim wusste nichts von Tony.

Im zweiten Schritt, in „Long Island“ nun kehrt Eilis – jetzt mit ihren beiden Kindern – über 20 Jahre später erneut nach Irland (zum 85. Geburtstag ihrer Mutter) zurück. Tony bleibt in Amerika, die Beziehung zu Eilis lies die gemeinsame Reise nicht zu, denn Tony bekommt von einer anderen Frau ein Kind. Eilis ist sich insgeheim deshalb nicht einmal sicher, ob sie je wieder nach Amerika zurückkehren wird. In Irland – in „Enniscourthy“, dem Ort, in dem übrigens Colm Tóibín tatsächlich geboren wurde – trifft Eilis dann Jim wieder, die große frühere Liebe!

Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Beides passt nicht mehr zusammen. Das ist der Roman. Vor allem Jim ist hin- und hergerissen. Er hat natürlich seine eigene Gegenwart, mehr als 20 Jahre sind, wie gesagt, vergangen. Er steht jetzt kurz vor der Verlobung mit Nancy. Andererseits ist er jetzt wieder von der großen Liebe zu Eilis befallen. Die Vergangenheit bricht in die Gegenwart ein! So lebt er in diesem Roman zwischen zwei Welten. Was soll er damit machen, dass er wieder zur Liebe zu Eilis gefunden hat? Mehr als zwanzig Jahre später! Und niemand darf etwas davon mitbekommen!

Aber auch Eilis: Sie braucht ihre Zeit für eine Entscheidung und überlegt, wie alles denn in Amerika überhaupt gehen würde, wenn Jim zu ihr käme. Auch ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit passen ja nicht zusammen. Wie sich die Leben weiterentwickeln!

Man könnte oder müsste über das Ende des Romans schreiben. Denn während man das Buch liest und liest, merkt man als Leser, dass man darauf gespannt ist, wie am Ende vor allem Jim die Sache löst bzw. wie die Sache endet. Das ist die gute Technik des Buches, der Spannungsaufbau!

Ich will nicht „spoilern“: HIER AUFHÖREN ZU LESEN UND ERST WEITER UNTEN WEITERLESEN. ICH GEHE IM FOLGENDEN AUF DAS ENDE DES ROMANS EIN:

Das Ende des Romans ist ein wenig unbefriedigend. Jim, der mittlerweile völlig in die Ecke getrieben war (sich selber in die Ecke getrieben hat) zwischen seiner alten großen Liebe Eilis (seiner Vorstellung eines Lebens in Amerika mit ihr) und seiner aktuellen Freundin Nancy, wird am Ende von seinen Freunden und Bekannten spontan in seinem Pub dafür gefeiert, dass er sich angeblich mit Nancy verlobt hat! Er kann es nur über sich ergehen lassen. Er hat sich gar nicht verlobt, Nancy hat es nur behauptet und vorsorglich überall herum erzählt, da sie herausbekommt, dass Jim wieder mit Eilis (früher Nancys bester Freundin) Kontakt hat. Darauf zieht Jim sich von der spontanen Befeierung der Verlobung zurück, er sehnt sich immer noch (letzte Momente des Romans) nach seiner Zukunft mit Eilis. Aber selbst in seinen Vorstellungen kann er nicht mehr erkennen, was Eilis zu ihm sagen würde … Er steht im Hausgang und weiß nur, dass er für Nancy, wenn sie kommt, die Tür öffnen würde … Aber kommt sie? Alles bleibt offen.

HIER GEHTS WEITER:

Colm Tóibín beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit dem großen Thema Gegenwart und Vergangenheit. Als Drehbuchautor verfasste er vor allem gemeinsam mit Volker Schlöndorff das Skript zu dem Spielfilm „Rückkehr nach Montauk“ (2017), der von Max Frischs Erzählung „Montauk“ (auf Long Island!) inspiriert wurde. Auch in „Montauk“ sowie erneut in „Rückkehr nach Montauk“ geht es um das Einbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart.

Mein Eindruck: Der Roman „Long Island“ wirkt manchmal etwas gekünstelt, da sich sehr viele Probleme vor allem darum drehen, dass niemand etwas erfahren darf. Eilis’ Mutter nicht, die Kinder nicht, Nancy nicht, kein Mensch im Ort, niemand. So rutscht Jim auch immer mehr in die Klemme. Das wirkt etwas übertrieben. Man kann durchaus an Jim’s Verhalten etwas zweifeln. Genauso gut aber am Verhalten von Eilis.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Übersetzung! Man muss leider immer wieder, immer wieder, kurz genau überlegen, wer im Satz eigentlich mit „sie“ oder „er“ etc. gemeint ist. Das ist etwas hinderlich, ich kreide es der Übersetzung an. Die Übersetzer schreiben sogar falsches Deutsch, wenn sie schreiben „wegen dem …“ statt „wegen des …“. Auch nicht schön. Das Deutsch klingt auch manchmal zu einfach!

Trotzdem: Man folgt einer sich langsam zuspitzenden Geschichte darüber, ob man – aus Liebe – aus der eigenen Gegenwart ausbrechen kann und eine neue Geschichte starten kann. Ein Thema, dass viele von uns betrifft!

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THEATER: Kammerspiele- König:in des Zauderns

Ich mache es so: Am gestrigen Freitag habe ich die erste der beiden aktuellen Vorstellungen von „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen (Werkraum) gesehen, am morgigen Sonntag werde ich im Residenztheater „Prima Facie“ sehen (und darüber schreiben).

Zu König:in des Zauderns:

Es ist eine thematische Zusammenführung von Shakespeares „Hamlet“ und Disneys „Der König der Löwen“, mit Blick auf das Zaudern im Leben. „Hamlet“ diente tatsächlich bei der Entwicklung des Films „Der König der Löwen“ als Vorlage. Dauer des Stückes etwa eine Stunde, gespielt wird es von den drei sympathischen jungen behinderten, beeinträchtigten Schauspieler:innen Johanna Kappauf (kognitive Beeinträchtigung), Dennis Fell-Hernandez (Down-Syndrom) und Ahmad Alsahli (sehbeeinträchtigt oder blind). Johanna Kappauf und Dennis Fell-Hernandez kennt man aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele. Hinzu kommt Ahmad Alsahli, er ist nicht im Ensemble der Kammerspiele, ist aber bei den Kammerspielen auch nicht als Gast genannt. (?)

Es ist ein berührender und durchaus auch nachdenklich stimmender Abend (Regie Nele Jahnke), an dem man den drei jungen Schauspieler:innen die Spielfreude und ihre Überzeugung anmerkt. Das Stück zeigt thematisch den positiven Aspekt des Zauderns im Leben. Bedeutet: Zaudern (Hamlet!) ist mehr als ein sich-nicht-entscheiden-können, es ist nachdenken – Alternativen erkennen – nicht vorschnell aus den vorgegebenen Lösungswegen auswählen – andere Wege sehen …

Zu Beginn betritt und befühlt man die Bühne, sie wird dann genau geschildert, wohl auch angesichts manch blinder Zuschauer im Werkraumtheater. Man bekommt sogar zu Beginn kleine Holzbrettchen mit aufgeklebten kleinen Mustern der Bodenbeläge des Theaterbodens.

So ist es ein sehr gelungener Abend von beeinträchtigten Menschen nicht nur für beeinträchtigte Menschen, sondern gerade auch für alle ohne Beeinträchtigung. Eine schöne und in jedem Fall lohnende Zusammenführung, die sich die Münchner Kammerspiele ja seit einiger Zeit auch auf die Fahnen schreiben! Genau dieser Zusammenführung von abled und disabled sollte man sich hingeben, nicht nur – aber auch – dem EM-Finale!

„Prima Facie“ im Residenztheater HIER und „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen HIER.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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THEATER: Verrückt nach Trost

Man wird das Stück auch künftig noch auf der ein oder anderen Bühne sehen können (siehe unten) – deswegen schreibe ich über diesen Abend kurz. Es ist wieder einmal eine recht breit angelegte Koproduktion von Thorsten Lensing. Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Sophiensæle Berlin, Kampnagel Hamburg, Theater Chur, asphalt Festival Düsseldorf, Theater im Pumpenhaus Münster, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main und gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds Berlin und der Stadt Münster.

Thorsten Lensing ist Theaterfreunden vor allem mit seinem Stück „Unendlicher Spaß“ nach dem gleichnamigen Roman von David Foster Wallace bekannt geworden. Die Produktion war 2019 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Zu „Verrückt nach Trost“:

Es ist ein Stück über unser aller Leben. Von der Kindheit bis zum hohen Alter sieht man – mit den vier wunderbaren Schauspielern Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi und Devid Striesow – zum Großteil alltägliche Szenen, hört Dialoge, Bemerkungen und immer wieder blitzen dabei hintergründige Gedanken auf. Anders als bei René Pollesch, etwa bei dessen insoweit durchgehend viel melancholischerem, eher verzweifelten Stück „Kill Your Darlings“ (hoffentlich hat es jeder gesehen, es war bis Ende Mai in der Mediathek von 3sat zusehen) kommt bei Lensing nicht große Melancholie zum Tragen, sondern eher ab und an einfach Nachdenklichkeit über das, was wir leben. Auch fiktive Gespräche – etwa mit einem Oktopus – dienen dazu, sich mit unserem Leben auseinanderzusetzen. Auch Gedanken dazu, wie falsch wir leben, wie rücksichtslos. So kommt es immer wieder zu Nachdenklichkeiten, die aber m. E. leider zu oft eher mit fast kitschig anmutenden (weil nur kurz dahingesagten) „allgemeinen“ Kalendersprüchen oder Gedanken über das Leben bedient werden. Schade, einige dieser Gedanken hätten weit mehr verdient gehabt, sie bilden schließlich den Kern der Produktion. Und ich vermute, sie haben teils durchaus persönliche Hintergründe bei Thorsten Lensing. Nach der 20-minütigen Pause allerdings kam es zu längeren Dialogen, dort gewinnen die „Lebensgedanken“ dann etwas mehr an Bedeutung.

Die Produktion „Verrückt nach Trost“ dauerte aber über 3 Stunden, es war eben kein Platz mehr. Man kann nicht alles haben.

Sehenswert an dieser insoweit doch eher humorvollen Produktion, die für den Zuschauer eben nicht mit einem schweren Gedanken hängen bleibt, … sehenswert also waren vor allem sie, die drei so bekannten Schauspieler und die Schauspielerin: Sebastian Blomberg, André Jung, Devid Striesow und Ursina Lardi. Alle vier großartig, sehenswert! Wunderbar, wie sie immer wieder in verschiedene Rollen schlüpfen und alles mit so großer Spielfreude und Humor darbieten. Sie hatten den begeisterten Jubel der ZuschauerInnen am Ende verdient! Der Abend endet mit Ursula Lardi als alter Frau: „Wir werden alle erlöst!“ Diese Ernsthaftigkeit blieb am Abend, wie gesagt, insgesamt eher versteckt, verborgen im Hintergrund. Man kann oder soll an diesem Abend die Dinge eben vorrangig doch eher mit Humor tragen!

Mehr schreibe ich hier nicht, die weiteren Termine liegen noch etwas in der Ferne:

  • Mittwoch, 13.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.
  • Donnerstag, 14.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.
  • Freitag, 15.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.  
  • Samstag, 16.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.

HIER der Link zur Produktionseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

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MUSIK: Vaja Con Dios – What‘s a Woman

Auch der Songtext – hier auf Deutsch – ist schön. Eine schwer enttäuschte Liebe:

Was ist schon eine Frau, wenn der Mann
ihr nicht zur Seite steht
Was ist schon eine Frau, wenn der Mann
Geheimnisse vor ihr versteckt hält

Sie wird schwach sein
Sie wird stark sein
Sie wird mit sich hart kämpfen müssen
für lange Zeit

Was ist schon eine Frau wenn ein Mann
sich nicht an Regeln hält
(Was ist schon ein Mann ohne eine Frau)
Was ist schon eine Frau wenn der Mann
sie wie eine Närrin aussehen lässt und ihr das Gefühl gibt auch eine zu sein
(Was ist schon ein Mann ohne eine Frau)

Wenn alles was bisher richtig war
plötzlich falsch ist
Wird sie versuchen

sich an den Geistern des Gestern festzuklammern
Wenn die Liebe die so lange halten sollte
Träume der Vergangenheit
plötzlich schnell verblassen

Ganz alleine
Im Dunkel
Wird sie sich schwören
sich niemals wieder fehlleiten zu lassen

All diese Träume der Vergangenheit
verblassten so schnell
all die Geister der Vergangenheit
all die Liebe die halten sollte

Ganz allein
Im Dunkel
wird sie sich schwören
Niemals wieder

wird ihr Herz verletzt
niemals wieder

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THEATER: Akademietheater – Kassandra

Ich hatte diesmal vage Erwartungen an das Stück Kassandra. Erwartungen sind immer gefährlich! Es hieß, es sei eine Inszenierung auch auf Basis des wunderbaren Romans „Kassandra“ von Christa Wolf. In diesem Roman schildert Christa Wolf all das, was sich die Trojanerin Kassandra als Beute des Siegers Agamemnon im Wagen sitzend auf dem Weg durch die Menschenmassen Richtung Agamemnons Heimatstadt dachte. Es heißt in der Ankündigung: Schauspiel-Studierende der Bayerischen Theaterakademie August Everding präsentieren KASSANDRA – Echos aus Troja.

Sicherlich kommt auch in Christa Wolfs so lesenswertem Roman „Kassandra“ stückweise die gesamte Geschichte des Trojakrieges und der daran beteiligten Personen zur Sprache. Aber eben alles allein Aussicht von Kassandra. Das ist das Besondere dieses Romans. Dieses Besondere des Romans fand sich leider – so mein Eindruck – in der Inszenierung von Kassandra am Akademietheater sehr wenig. Die Inszenierung (eine Inszenierung von Thomas Lettow, Schauspieler des Münchner Residenztheaters) legte ihren Schwerpunkt doch eher auf die neutrale Historie des bekannten Trojakriegs, nicht aber auf Kassandras so subjektive Gedankenwelt. Schade.

So blieb es auch nicht aus, dass alle relevanten griechischen und trojanischen Personen (alle im Großen und Ganzen relevanten Beteiligten kommen vor, werden erwähnt) so dargestellt wurden, wie man es leider gewohnt ist: Oft etwas bemalt, von der „normalen“ Welt irgendwie enthoben, recht laut und bedeutungsschwanger redend, heroisch, tragisch, geölte Haare nach hinten, alle Augen dunkel gezeichnet, in einheitliche Gewänder gekleidet, eben aus einer fernen Welt. Schade, mein Eindruck des Romans Kassandra von Christa Wolf ist derjenige, dass sie für sich alles sehr subjektiv als ein ganz natürliches Geschehen überdenkt. Andererseits: So „pauschal“ werden sie allesamt auch schon im Residenztheater in der Inszenierung „Agamemnon“ gezeigt. Thomas Lettow spielt dort übrigens Agamemnon. Vielleicht hat er es unbewusst etwas übernommen.

Die so guten schauspielerischen Leistungen aller jungen Schauspieler und Schauspielerinnen der August Everding Theaterakademie gingen für mich daher leider in diesem zu pauschalen Bild des antiken Griechenlands unter. Ich hatte Sensibleres erwartet, erhofft, was aber sicherlich auch schwer ist in punkto „Trojakrieg“. Zumindest Christa Wolf ist es gelungen.

Ob das Stück etwa im Herbst nochmals an der Theaterakademie gezeigt wird, steht noch nicht fest. Zusammen mit Agamemnon und Athena am Residenztheater ließe sich so jedenfalls ein schönes Dreierpaket schnüren. Die schöne Bühne des Akademietheaters lohnt sich allemal!

Hier noch ein Foto:

Copyright der Fotos: Cordula Treml

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THEATER: Residenztheater -Athena

Im Marstalltheater, der schönen Werkstattbühne des Residenztheaters, ist derzeit eine als „Installation“ bezeichnete Produktion mit dem Titel „Athena“ zu sehen. „Inszenierung“ Robert Borgmann. Auch Athena ist Troja. Sie ist Ende der alten und Anfang einer neuen Zeit. Die Inszenierung Athena ist sehr eigenwillig, sehr subjektiv, nicht leicht zu verstehen, symbolhaft, nachdenklich, aber kunstvoll. Athena – ein Wendepunkt im Verhalten der Menschen.

Athena ist die Göttin, zu der Orestes flieht, der wieder einmal von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Athena soll Orestes helfen. Orestes hat ja aus Rache seine eigene Mutter Klytaimnestra getötet, das soll natürlich auch wieder gerächt werden. Klytaimnestra hatte aber zuvor Orestes Vater Agamemnon getötet. Auch aus Rache, weil Agamemnon ja vor dem 10-jährigen Troja-Krieg die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hatte – um günstigen Fahrtwind nach Troja zu bekommen! Schuld und Rache, immer weiter, immer weiter. Über 400 Jahre vor Christus. … Und dann kam Athena.

Aischylos hatte es so schon in seiner Trilogie „Orestie“ geschrieben „Athena“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Bei Aischylos heißt dieser dritte Teil „Eumeniden“. Die Rachegöttinnen Erynnien nennen sich nämlich ab da die Eumeniden, die Wohlwollenden. Der erste Teil der Orestie heißt „Agamemnon“, er wird derzeit auch am Residenztheater gebracht. Von Ulrich Rasche, sehr einhämmernd, mir war es too much. HIER mein damaliger Beitrag. Der zweite Teil der Aischylos-Trilogie heißt „Choephoren“, auch er wird derzeit am Residenztheater als Inszenierung von „Die Fliegen“ von Elsa-Sophie Jach gebracht. Jean-Paul Sartres moderne Fassung dieses Orestieteils.

Athena hat also tatsächlich das ewige System von Rache und Gegenrache beendet. Rache und Gegenrache basierten eigentlich immer auf dem Einfluss der Götter. Und was die Götter befahlen, machte man eben. Athena sagte jetzt aber zum ersten Mal: „Nein, ich werde es nicht weiter entscheiden. Ihr Menschen müsst selber entscheiden!“ Der Wendepunkt im Verhalten der Menschheit! Ein Schritt auf dem Weg zur „attischen Demokratie“, die nicht viel später entstand! In der attischen Demokratie gab es dann erstmals Gerichte, die über Straftaten entschieden! Also hängt Troja mit der Entstehung des Gerichtswesens zusammen! Und somit mit unserer Zeit!

Die Inszenierung von „Athena“ im Marstalltheater hat selber drei Teile. 1. Orestes – 2. Athena – 3. Familie (Klytaimnestra, Agamemnon, Iphigenie, Orestes, seine Schwester Elektra, auch Kassandra). Kassandra war auch Teil der Trojageschichte. Das Münchner Akademietheater zeigte kürzlich das Stück „Kassandra“. Auch darüber schreibe ich noch.

In der sehr symbolhaften Inszenierung „Athena“ sind die gerade genannten Figuren nicht immer klar zu erkennen. Es gibt Doppelrollen. Auch das Bühnengeschehen ist in vielen Einzelheiten nicht unbedingt verständlich. Warum wird schwarzer Wackelpudding gegessen? Warum schwarzes Wasser getrunken? Die Farbe der Rache? Des Systems der Rache? Warum zieht Orestes am Ende einen brennenden Stuhl über die Bühne? Warum der verzweifelte Schrei: „Ich bin ein Mensch!“ Viele viele Einzelheiten, zu denen sich Regisseur viele Gedanken gemacht haben wird, klare Aussagen sehen wird, sie sind aber oft etwas schwer verständlich. Man muss aber auch nicht immer alles verstehen. Man versteht einiges und kann und sollte sich mit einem gewissen Vorwissen über den inhaltlichen Hintergrund zu Einigem etwas denken. Etwa Orestes (Tiemo Strutzenberger) – immer wieder liegend im Gummiboot, das im Wasser treibt, im Wasser, das fast den ganzen Abend lang die Bühne knöcheltief füllt. Wasser, das Element des Menschen? Das Element der Unsicherheit? Des Schicksals, in dem der Mensch watet? Orestes im Boot – der Ankommende? Der Treibende, der Flüchtende, der Flüchtling? Moderne Assoziation? Suchen Flüchtlinge Gerechtigkeit? Man kann sich schöne Dinge überlegen!

Man lässt sich also ein auf eine „musiktheatrale Installation“, die man überdenken muss. Zu der man sich sein Bild machen kann. Vor dem Hintergrund: Athena hat die Welt verändert und alles hängt mit allem zusammen!

Hier noch ein Foto:


HIER der Link zur Seite der Produktion auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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Musik: TUNE – DJ Nigga Fox, Márcio Matos, NWAKKE

Ein kurzer Hinweis: In der Westgalerie des Hauses der Kunst geht es an diesem Wochenende (Samstag Abend) weiter mit der Reihe TUNE. Diesmal mit tiefem rhythmischen Sound, der wie eine Massage in den Körper geht. Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich sagen: Ich habe wieder einen tollen Abend im P1 erlebt! Besser noch! In dieser so weiten und hohen Halle – in dieser Lautstärke – in dieser Clubatmosphäre – mit diesen Bässen – in dieser Art, wie der Bassrhythmus den Körper erzittern ließ.

Es gibt übrigens im Haus der Kunst derzeit eine Ausstellung „Glamour und Geschichte – 40 Jahre, P1“! HIER der Link. Dort heißt es so schön: Wenn im P1 ein junger Mann auf der Tanzfläche ausflippte und man dachte: Der sieht aus wie Mick Jagger. Dann war es Mick Jagger.

Gestern:

Es heißt: „TUNE ist eine Serie kurzer Soundresidencies am Haus der Kunst, angesiedelt zwischen den Feldern Sound, Musik und visueller Kunst. Die eingeladenen Künstler*innen arbeiten genre-, epochen- und stilübergreifend und schaffen klangliche Beiträge, die im Dialog mit dem aktuellen Programm des Haus der Kunst stehen.“ (Website des Hauses der Kunst, HIER).

Hingehen und für eine Stunde wieder etwas sehr Cooles erleben.

Nach der Sommerpause wird es weitergehen:

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Ballett: Duato/Skeels/Eyal

Die großen Häuser des klassischen Balletts geben dem modernen Ballett schon lange seinen Raum, zumal man hierzu sagenhafte Inszenierungen sehen kann. So gibt es zurzeit wieder am Bayerischen Staatsballett einen Abend modernen Balletts.

Ich hatte kürzlich über das wahrlich faszinierende Gastspiel von Peeping Tom am Bayerischen Staatsballett geschrieben. Es war tänzerisch und besonders von der Gesamtchoreografie her ein ganz erstaunliches Gesamtkunstwerk. HIER der Link. Jetzt hatte ich Gelegenheit, auch Duato/Skeels/Eyal am Bayerischen Staatsballett zu sehen. Ende Juni und im November wird es wieder gezeigt. HIER der Link zur Seite der Produktion „Duato/Skeels/Eyal“ auf der Website des Bayerischen Staatsballetts mit interessanten Trailern und Videos.

Hier ein Trailer:

Wieder einmal spürt man die Vielfalt und gleichzeitig Hochklassigkeit des modernen Balletts. Mehr Vielfalt wohl als beim klassischen Ballett (ich bin kein Spezialist für klassisches Ballett), das doch deutlicher an bestimmte Varianten/Methoden des Tanzes gebunden zu sein scheint. Man wird an diesem Abend in drei Welten hineingezogen. Vor der Vielfalt der Möglichkeiten, mit denen nicht Sprache, sondern Körper, Bewegung und Choreografie es schaffen, verschiedenste Ausdrücke zu erzeugen und Geschichten zu erzählen, gepaart mit absolut hochgradiger Ballettkunst, kann man wieder einmal nur den Hut ziehen. Das ist es, was mir am modernen Ballett gefällt. So war auch mein Eindruck am Abend Duato/Skeels/Eyal. Es sind, wie gesagt, drei Teile, Teil zwei und Teil drei besonders waren großartig!

Teil eins des Abends (White Darkness von Nacho Duato) war noch am ehesten geprägt von einer gewissen Bindung an das klassische Ballett durch seine doch recht stark Mann-Frau-zentrierte Darstellung. Fast etwas plakativ ging es Nacho Duato um den Drogentod einer seiner Schwestern. Man hatte den Eindruck, die Tänzer waren sehr stark in der Rolle, die Tänzerinnen zu führen. Diese eher klassische Herangehensweise ist bei Duato gut nachvollziehbar, er pendelte in seinem Leben teils zwischen klassischem Ballett und modernem Ballett. Seine erste Choreografie hatte er am NDT!

Etwas einseitig wirkte White Darkness daher fast im Vergleich zu den anderen beiden Teilen, die auch jünger sind. White Darkness ist eine Choreografie aus dem Jahre 2001, während Chasm von Andrew Skeels seine Uraufführung am Bay. Nationaltheater im April 2024 und Autodance von Sharon Eyal seine Uraufführung in 2018 hatten. Die Einseitigkeit scheint der Hintergrundgeschichte der Choreografie geschuldet, dem Tod einer der Schwestern von Nacho Duato. Weißer Sand rieselt mehrfach auf die Bühne, im Schlussbild „vergeht“ eine Tänzerin im rieselnden weißen Schnee – der Droge! Starke Bilder, Duato ist ein Fan der Lichteffekte. Teil zwei und Teil drei des Abends sind dagegen ganz besonders sehenswert. Die Pausen zu Teil zwei und drei lohnen sich.

Ein Foto zu Teil 1:

Copyright: Nicholas MacKay

In Teil zwei (Chasm von Andrew Skeels) ist ein Science Fiction Szenario. Der Zuschauer wird durch eine beeindruckende Choreografie in absolut ferne Zukunft geführt. Der Mensch lebt nach totaler Zerstörung der Erde in einer anderen Welt, hat sich auf eine andere Lebensform zurückziehen müssen, lebt in Höhlen, ist mittlerweile körperlich angepasst. Er muss und will wegen weiterer Änderungen der Lebensgrundlagen die Höhle verlassen und findet – über „Rituale“ – den Ausgang durch einen Riss. Das letzte Stückchen Hoffnung. Es wird eine insgesamt bedrückende Atmosphäre geschaffen durch Tanz, Bewegung und Choreografie. Eine Atmosphäre, die fremd ist und Bestürzung hinterlässt.

Ein Foto zu Teil 2:

Copyright: W. Hösl

Zu Teil drei (Autodance von Sharon Eyal) wird dem Zuschauer empfohlen, wegen der lauten Musik Ohrstöpsel zu verwenden. Gerade ohne Ohrstöpsel war es absolut beeindruckend! Clubkultur vermischt sich mit phantastischem Ballett. Man fühlte sich bei den harten Rhythmen der „Musik“ einerseits ins Münchner P 1 versetzt (Musik: Ori Lichtik), sehr modern, zeitlos. Die israelische Choreografin Sharon Eyal ist bekannt für rave-artige, extatische Gruppenstücke. Großartige oft schrittartige Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen zeigen Kontrolle und Extase zugleich, der Zuschauer wird der Möglichkeit einer genauen Interpretation und Orientierung dessen, was er sieht, entzogen. Auch hier entsteht eine fantastische Atmosphäre durch die tosende Musik (eher ein rhythmisches lautes Stakkato) einerseits und die körperlich so brillanten Bewegungen, die teils fast in Widerspruch stehen zum heftigen Club-Rhythmus, ruhiger, nicht ausgelassen und wirr sind Allein die Gangbewegungen, von denen alles ausgeht, zunächst einzeln, dann mehr und mehr in der Gruppe. Man merkte, dass es tänzerisch schlicht hochklassig war!

Ein Foto zu Teil 3:

Copyright: Nicholas MacKay

Copyright des Beitragsbildes: Nicholas MacKay

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FILM: Anja Salomonowitz – Mit einem Tiger schlafen

Birgit Minichmayr: Sie ist neben ihren Filmarbeiten seit der Spielzeit 2019/20 (wieder) festes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Derzeit spielt sie am Burgtheater in den Inszenierungen „Maria Stuart“ (von Friedrich Schiller, Regie Martin Kušej) und „Heldenplatz“ (von Thomas Bernhard, Regie Frank Castorp). Von 2011 bis 2016 war sie ja Mitglied des Ensembles des Münchner Residenztheaters. Intendant des Residenztheaters war damals übrigens Martin Kušej, der heute wiederum Intendant des Wiener Burgtheater ist! Überhaupt: Birgit Minichmayer ist … Österreicherin, Maria Lassnig war … Österreicherin, Josef Hader ist … Österreicher, Martin Kušej ist … Österreicher …, auch Anja Salomonowitz ist … Österreicherin.

Nun, der Film „Mit einem Tiger schlafen“ ist im Grunde eine Einzelleistung von Birgit Minichmayr. Denn der Film zeigt Maria Lassnig (Birgit Minichmayer) vor allem so, wie sie offenbar gelebt hat: Allein! Man folgt dementsprechend teils extrem langsamen – schönen – keinesfalls „knalligen“ Bildeinstellungen. Maria Lassnig – in all ihren Lebensphasen eben gespielt von Birgit Minichmayr – hat offenbar nur wenige Menschen um sich herum gehabt. Sie lebte allein und zurückgezogen, sieht man zumindest im Film, lebte einfach, lebte distanziert gegenüber dem Kunstbetrieb. Sie lebte anscheinend FÜR ihre oder geradezu WEGEN ihrer Kunst! Ihr Leben war fast wie ein Gesamtexperiment zur Frage: Was kommt heraus, wenn ich mich in meinem Leben nur darum kümmere, wie ich meine Gefühle in Bildern ausdrücken kann. Könnte man bei diesem Film meinen.

Andererseits: Sie hat vielleicht doch irgendwie auch Wert drauf gelegt, Erfolg zu haben, lebte ein paar Jahre in Amerika! Sie lernte auch bekannte Persönlichkeiten der Kunstszene kennen, etwa Valie Export. Insoweit zeigt der Film sicherlich nur einen Ausschnitt aus ihrem Leben, eine Seite ihres Lebens. Der Film erhebt keinerlei Anspruch auf eine vollständige Abbildung ihres Lebens. Es ist nicht eine Biografie, es ist ein Ausschnitt, ein BioPic. Nach ihren Jahren in New York kehrte sie wieder nach Österreich zurück. Dort wurde sie zur teuersten österreichischen Künstlerin! Sie lebte auch einige Jahre mit Arnulf Rainer zusammen – dessen Kunst ich zum Teil sehr schätze!

Die oben genannte Frage aber (Was kommt heraus, wenn ich mich in meinem Leben allein darum kümmere, wie ich meine Gefühle in Bildern ausdrücke?) hat sie und vor allem ihre Kunst geprägt. Diese Frage wird sich kaum jemand so stellen, wie Marie Lassnig sie sich gestellt hatte. Bei Maria Lassnig war es wohl geradezu ein innerer Drang! Stundenlang saß oder lag sie da, um „sich zu spüren“, mehr nicht. Sie hatte schon als Kind gemerkt, dass sie von der Kunst und der Farbgebung von allem um sie herum angezogen war.

Sie war auch einfach talentiert, wie schon ihre Mutter früh feststellte. Maria Lassnig hat bei alledem sicherlich nicht „entschieden“, irgendwie „Kunst zu machen“, erfolgreich zu werden. Sie hat auch ihren Wohlstand nie gelebt, im Gegenteil, ihr Leben blieb durch und durch spartanisch. Sie ist wohl eher einem inneren Drang gefolgt – so distanziert, wie sie (gemäß Film) allem gegenüber gelebt hat. Sie musste wohl so leben, wie sie lebte, hat man den Eindruck. Nur sich und ihre Kunst, ihre Gefühlswelt, hatte sie vor Augen! Ob Maria Lassnig der Film gefallen hätte, weiß man allerdings leider nicht.

Es ist ein interessanter und schöner Film! Interessant ist er, weil er Verständnis für das manchmal so einseitige Leben eines Künstlers/einerKünstlerin und der Einstellung zu seiner/ihrer Kunst verschafft. Schön ist er, weil er so zentriert und filmisch so ruhig und unaufgeregt ist.

Der Film wird vor allem auch im wunderbar altmodischen Theatinerkino im Münchner Zentrum (Theatinerstraße) gezeigt. Auch das lohnt sich.

Hier ein Trailer:

HIER der Link zur Website von Anja Salomonowitz.

Hier ein Gespräch mit Anja Salomonowitz über den Film mit einigen Filmausschnitten:


Copyright des Beitragsbildes: Standbild aus dem Trailer