PROBEABO GRATIS

Ohne automatische Verlängerung. Welche Theaterzeitschriften gibt es? Sie sind mir mehr oder weniger bekannt, ich werde sie hier und in weiteren Posts einmal vorstellen.

Kunst kann (kann!) Dinge verändern, ist meine Überzeugung. Wenn Kunst (subjektiv) zeigt, wie wir manchmal oder immer sind oder nicht sind oder wie andere sind oder wie wir sein könnten oder wie es wo warum läuft oder nicht läuft oder wie man welches Thema wie sehen kann oder welche Fragen hinter der Fassade stecken oder und so weiter. Kunst kennt keine Grenzen. Und so können ja auch die Zeitschriften dazu interessant sein!

Ich fange heute mit der jüngsten Theaterzeitschrift an: Das TheaterMagazin.

HIER der Link zum Onlineauftritt. Das TheaterMagazin ist kein Printprodukt, sondern ein digitales Medium! Für den kompletten Einblick benötigt man natürlich ein Abonnement.

Es gibt das TheaterMagazin seit Oktober 2017. Jeden letzten Freitag im Monat erscheint eine neue Ausgabe des Theater Magazins mit – heißt es – „Portraits, Gesprächen, Kommentaren. Einmal wöchentlich kommen aktuelle Rezensionen hinzu“. Das TheaterMagazin überschreite – heißt es weiter – „Spartengrenzen und unternimmt Exkursionen in Kino, Literatur und Ausstellungen“. Es ist damit etwas weniger fachbezogen aufs Theater fixiert, als die anderen Theaterzeitschriften. „Das TheaterMagazin ist auf allen derzeit existenten Geräten online hör- und lesbar“. Wie auch mein Blog. Und mein Blog geht ja auch manchmal auf Kino, Literatur, Ausstellungen sowie Musik ein.

Das TheaterMagazin ist digital im Monatsabo zu buchen. AbonnentInnen können dann auch auf die Archiv-Inhalte von Das TheaterMagazin zugreifen.

UND HIER:

Senden Sie mir eine E-Mail mit Betreff «TheaterMagazin» an die E-Mail-Adresse maxkuhlmann@qooz.de und lesen Sie die Ausgaben des TheaterMagazins einschließlich der Weihnachtsausgabe für einen Monat gratis. Das Probeabo endet dann automatisch, Sie müssen NICHT kündigen. Ich kann E-Mails bis zum 28.12.2018, 24.00 Uhr, berücksichtigen.

(In der Email-Maske steht übrigens am Ende immer noch die alte URL meines Blogs! Es ist ja jetzt http://www.qooz.de. Aber man wird ja automatisch weitergeleitet.)

Nach Erhalt ihrer E-Mail werde ich Ihnen in Absprache mit dem Verlag einen Onlinezugang für einen Monat zuschicken können.

In der Weihnachtsausgabe des TheaterMagazins geht es unter anderem etwa um den Choreographen Christian Spuck, über den ich ja auch schon mehrfach geschrieben hatte. Er hat in Zürich einen neuen Ballettabend gestaltet. „Die Winterreise“.

THEATER: Heiner Müller – Mauser

Seine Tochter Anna wurde 1992 geboren, drei Jahre vor seinem Tod. Die Tochter von Heiner Müller. Vielleicht denkt sie sich:

„Papa, ich habe dich ja kaum gekannt, auf Bildern schaust du immer recht ernst. Auf den offiziellen jedenfalls. Oder ist es Gelassenheit – mit Deiner Zigarre! Na gut, du hast in der DDR gelebt, freiwillig, trotzdem hattest Du oft genug Ärger mit der Stasi. Das war sicherlich nicht lustig. Andererseits hast du dir ja, hört man, gedacht: ‚Im Westen könnte ich nicht schreiben, ich brauche den Osten. Im Westen spielen alle die Unschuldigen‘. Der Westen war dir wohl zu leichtlebig.“

Und sie wird etwa denken: „Sie waren trotzdem ständig gegen dich, in der DDR. Weil du nicht komplett Ihrer Linie gefolgt bist. Sie haben Deine Stücke verboten. Wie damals „Mauser“, das 1975 in Amerika und 1980 in der damaligen Bundesrepublik Deutschland (an den Münchner Kammerspielen) erstmals aufgeführt wurde und das derzeit am Münchner Residenztheater in einer Inszenierung von Oliver Frljic zu sehen ist.“

Und sie wird wissen: „Mauser“ hieß in der Zeit der Russischen Revolution die erste Selbstladewaffe, die massenhaft eingesetzt wurde und das Töten erleichterte. Und „Mauser“ heißt der Wechsel des Federkleides bei Vögeln.

Sie wird sich vielleicht auch sagen: „Das war die Idee: Der Mensch ändert sich durch Blut, also durch eine Revolution, aber nur dann ändert er sich. Er muss aber durch eine fürchterlich blutige Revolution durchkommen, um sich zu ändern. Das geht aber gar nicht! Du wolltest vielleicht im Grunde auch zeigen, wie sinnlos eine Revolution ist! Und das in der DDR! Sie wird ja nie so gelingen, wie sie sein müsste. Weltrevolution! Wir Menschen können die Dinge eben kaum ändern. Das macht natürlich nicht fröhlich. Es bleiben nur blutige Hände.

Ich verstehe auch: Wenn wir alles akzeptieren, wie es gerade ist, rennen wir natürlich in die Falle. In die Falle derjenigen, die vielleicht sogar demokratisch gewählt wurden. Oder in die Fallen von Autokraten oder Despoten. Da müssen wir im Grunde aufpassen. Immer wieder aufpassen, das wird nie aufhören, ich weiß. Aber was will man machen?“ Vielleicht denkt sie so oder ähnlich.

Und dann wird Anna Müller vielleicht noch denken: „Heutzutage ist ja auch wieder viel aufzupassen! Das beginnt mit der Umwelt, lokal, regional, national, international, global! Und dann das Soziale. Natürlich wollen die Reichen immer reicher werden. Ist ja auch ok. Aber es gibt viele Arme und Vielen geht es nicht gut. Es gibt wahnsinnig viele arme Menschen, nicht nur in Deutschland, sondern global. Natürlich können wir nicht allen helfen. Aber wir müssen schauen, dass wir irgendwie Verbesserungen hinbekommen. Aber Revolution?“

Anna wird eventuell noch denken: „Du hast eigentlich mit ‚Mauser‘ gezeigt, wie unsinnig und blutig eine Revolution wäre. ‚Revolution heißt töten, damit der Tod aufhört‘, heißt es ja. Alle Revolutionsfeinde müssen umgebracht werden. ‚Und das Gras noch muss ausgerissen werden, damit es wieder grün wird‘, heißt es auch immer wieder gebetsmühlenartig in ‚Mauser‘. Aber Revolution – ist das nicht Geschichte? Es ist doch die Frage, ob wir auf der Welt jemals wieder eine blutige Revolution erleben werden.“

Vielleicht sagt sie auch: „Ich habe im Münchner Residenzheater (Nebenbühne Marstalltheater) die Inszenierung Deines Stückes „Mauser“ gesehen. Regie von Oliver Frljic. Diese Inszenierung ist wirklich eine Huldigung Deiner Person! Schon kurz nach Beginn wird eine riesige Fotowand mit einem Portraitfoto von Dir  herabgelassen (siehe Blogbild). Das Stück wird vor deinem Konterfei gespielt. Am Rand der Bühne sitzt Du sogar. Mit Deiner Brille. Und ganz am Ende wird ein Grabstein mit Inschrift von Dir herein gefahren. Auch wenn die Büste aus Eis, die auf dem Grabstein steht, dann von Nora Buzalka mit einer Axt zertrümmert wird.“

Und so weiter! Also ich habe es jetzt auch gesehen. Nachdem ich letztens „Macbeth“ von Heiner Müller nach William Shakespeare am Berliner Ensemble gesehen hatte HIER mein damaliger Beitrag). Fazit: Eine sehr intensive Inszenierung! Viele tote Leiber, nackte Menschen, schwere Worte! Eine Herausforderung. Eine gelungene und schlüssige Herausforderung. Es gibt kein Bühnenbild, es gibt etwas Nebel und die Blicke von Heiner Müller. Schauspielerisch fand ich es von allen Mitwirkenden sehr überzeugend. Es sind ja nur fünf Mitwirkende: Frank Pätzold, Götz Schulte, Marcel Heuperman, Nora Buzalka und Christian Erdt. Sie ziehen in den Bann, keine Frage. (Endlich einmal war) wirklich nichts übertrieben, auch wenn krasseste Leistungen gefragt waren! Es war extrem glaubhaft von allen. HIER der Link zur Seite des Stückes im Onlineauftritt des Residenztheaters.

Nur fragt man sich am Ende: Was soll man davon halten? War es eine Rückschau auf die Zeit, als man noch an Revolution dachte? Es zeigt ja – wie gesagt: höchst eindrücklich und überzeugend – die Sinnlosigkeit einer „Revolution“!  Und, wie auch gesagt, die Büste von Heiner Müller wird am Ende sogar zerhackt! Also ist alles sinnlos? Aktuelle Bezüge konnte ich jedenfalls für mich selbst nicht herstellen. Aber das muss natürlich auch nicht jedes Mal sein. Es hat mich auf jeden Fall dazu angeregt, mich ein wenig mit Heiner Müller auseinanderzusetzen. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben.  Wie gesagt: Im Januar 2019 am Berliner Ensemble das Stück ÜBER Heiner Müller: „Heiner 1-4“,  Uraufführung am 26. Januar. HIER der Link.

Wer der Person Heiner Müller jedenfalls etwas näher kommen will, sollte sich die  beeindruckende Inszenierung auf jeden Fall ansehen, auch wenn sie einen eher ratlos zurücklässt.

©️des Beitragsbildes: Konrad Fersterer, Alfred Kleinheinz, Münchner Residenztheater

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Sonstiges

SONSTIGES: Advent – Es naut die Blacht …

https://m.youtube.com/watch?v=v1SwcR5Vwis

Advent Advent

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Allgemein

THEATER: Milo Rau – Die Wiederholung

Darf man alle Grenzen sprengen und alles infrage stellen? Diese Frage stellt sich, wenn man von Milo Rau „Die Wiederholung“ gesehen hat. Man kann das Theater – Kammer 3 der Münchner Kammerspiele –  an diesem Abend ansich nur fassungslos, verunsichert und irritiert verlassen, weil alle Grenzen gesprengt worden sind.

Allein schon die tiefe Erschütterung über den grauenhaften Inhalt des Abends würde man ja gerne im Rahmen der bekannten Grenzen – ein Theaterabend eben! – halten. Das geht aber nicht. Schon dann, wenn man sich sagt, „so etwas möchte man nicht im Theater sehen“, hat man es eigentlich falsch verstanden. Dann klammert man sich ja doch wieder an die irgendwie existierenden Grenzen des Theaterschauens! Aber genau mit der Reaktion „Bitte nicht!“ soll man ja vorsichtig sein, sagt der Abend vielleicht. Natürlich kann man sich an die herkömmlichen Grenzen der „Gewohnheit“ festklammern, aber genau um diese Grenzen geht es an diesem Abend! Ich finde es ja immer wieder, wie gesagt, interessant, wenn uns unsere Grenzen bewusst gemacht werden.

Es wird ein vor einigen Jahren in Lüttich tatsächlich geschehener Mord an einem homosexuellen Jugendlichen aufgearbeitet und in vielen Aspekten – auch den Tathergang betreffend – nachempfunden. Schon mit diesem Mord wurden ja faktisch alle Grenzen gesprengt. Es wurde ein Mensch umgebracht. Sinnlos umgebracht von Jugendlichen, die damit ebenfalls völlig ihre Grenzen gesprengt haben. Warum auch immer. Vielleicht weil sie arbeitslos und frustriert waren.

Auch für die Hinterbliebenen des Getöteten wurden alle Grenzen gesprengt. „Warum?“ wird mehrfach von Ihnen und dem Freund des Getöteten gefragt. Sie können es nie verstehen! Es bleiben Ihnen nur völlig ungelöste Fragen.

Und weiter: Auch die Zuschauer werden im Grunde gezwungen, Grenzen zu sprengen. Gewohnte Grenzen des Zuschauens. Wann sieht man schon einmal in einer solchen Nähe und so detailiert nachgestellt einen grausamen Mord? Man ist einem schrecklichen Geschehen ausgesetzt! Noch dazu „untermalt“ von vielen vielen traurigen Emotionen. Gut, man sieht gewöhnlich mal etwa einen König sterben! Aber das ist Theater, reines Theater. Man zuckt mit der Schulter, wenn überhaupt.

Und noch weiter: Auch die Schauspieler sprengen für sich sicherlich Grenzen: Die beiden ältesten Schauspieler (eine Frau und ein Mann) sitzen längere Zeit nackt nebeneinander und küssen sich. Auch das ist ja ungewöhnlich.

Und noch etwas, was mit dem Sprengen von Grenzen zu tun hat: Eine der Mitwirkenden erzählt – in der Person des ehemaligen Freundes des Getöteten – er habe eine Wahrsagerin aufgesucht, um nach einem „Zeichen“ seines getöteten Freundes zu fragen. Wahrsagerei stößt ja herkömmlich auch schnell an die Grenze des Glaubhaften.

Und es ging immer weiter: Anhand der Konfrontation mit all diesen Grenzen werden dem Zuschauer auf einer völlig anderen Ebene weitere Grenzen aufgezeigt und auch diese Grenzen werden gesprengt. Es geht um die Grenzen des Schauspiels.  Das eigentlich große Thema von Milo Rau, der zurzeit wahrscheinlich schillerndsten Figur der europäischen Theaterszene. Es geht ihm nur sekundär um den Mord. Es geht um Schauspiel und Realität. Sicher sind die Grenzen des Schauspiels der Anlass, warum er solche Abende gestaltet. Was ist Schauspiel, was ist Realität?

Ständig wird man an diesem Abend zwischen Schauspiel und Realität hin- und hergeworfen. Ein Beispiel: Der – ich nenne ihn einmal: – „Aufnahmeleiter“ sitzt neben der Frau, die die Mutter des Getöteten spielt, einem Kameramann mit portabler Kamera gegenüber und sagt: „Aufnahme!“. Beide werden gefilmt, schlüpfen sofort in die Rollen der Eltern des Getöteten und erzählen von den Momenten vor und nach dem Mord.

Die Frau wurde – wie andere Mitwirkende auch – zu Beginn des Stückes noch gefragt, warum sie Schauspielerin sei und was sie bisher gemacht habe etc. Also auch hier werden die Ebenen der Privatpersonen und der Schauspieler sowie der dargestellten Personen, den Eltern des Getöteten, vermischt, nebeneinander gezeigt.

Immer wieder diese Vermischung. So wird auch erzählt, wie man tatsächlich – in der Realität der Vorbereitung des Stückes – einen der Verurteilten in Gefängnis besucht hatte! Schauspiel? Realität? Für die Einen ist es Vorbereitung, für die Anderen Vergangenheit.

Auch der Aufnahmeleiter: Er ist der „Aufnahmeleiter“ (und auch den spielt er ja nur, er steht ja auf der Bühne) und er ist plötzlich der Vater des Getöteten. Und daneben ist er natürlich Privatperson. Viele Szenen sind übrigens auf einer Leinwand zu verfolgen, wobei sich auch hier wieder zeigt: Es stellt sich heraus, dass die Aufnahmen, auf die man blickt, gar nicht live vom Kameramann kommen, obwohl sie wörtlich und inhaltlich identisch mit dem sind, was der Kameramann gerade aufzunehmen vorgibt. Also noch eine Ebene. Oder man sieht auf der Leinwand eine Person in einem Bett sitzen, während das gleiche Bett auf der Bühne leer ist.

Und man überlegt wirklich immer mehr: Was ist überhaupt noch reell, was ist Schauspiel! Man hört ja anfangs auch die Aussage, dass Schauspieler, die sich auf ihre Rolle vor Beginn des Abends einstimmen, vorbereiten, im Grunde auf der Bühne gerade deswegen bloß „Schauspieler“ bleiben. Man wird an diesem Abend eigentlich weggeführt von der Schauspielerei. Hin zur Realität!

Milo Rau verfolgt zu dieser Frage ohnehin eine sehr besondere Ansicht: Er hat kürzlich das so genannte „Genter Manifest“ geschrieben. Es sind seine Grundsätze, nach denen er Theater macht. Milo Rau ist derzeit der Intendant des NT Gent. HIER das lesenswerte Genter Manifest (am Ende des verlinkten Beitrags).

Man hat also alle möglichen Grenzen gesehen und musste sie für sich aufheben. Alles wurde infrage gestellt. Eine Schlussfolgerung ist schwer! Ich würde sagen: Es wird einem bewusst gemacht, dass man beim Betrachten eines Theaterstückes im Grunde meistens feige an der Realität vorbeischaut. Auch wenn man meint, an der Realität „nah dran“ zu sein: Es ist nicht die Realität.

Gegen Ende erzählt eine der Mitwirkenden noch eine schöne Geschichte: Sie mag, sagt sie, besonders den 6. Akt von Tragödien: Den Akt, wenn sich alle SchauspielerInnen vor dem Publikum verneigen und wieder vereint sind. Auch wenn sie während des Stückes getötet wurden, verbannt, verletzt, beleidigt, oder was auch immer und wer auch immer. Sie wiederholen das Stück ja schließlich. Die Wiederholung.

Wer sich dem aussetzen will: Heute Abend noch einmal in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr.

©️ des Beitragsfotos: Hubert Amiel, Kammerspiele

THEATER, LITERATUR: Verrannt!

Jetzt habe ich mich irgendwie verrannt! Ich habe in letzter Zeit zuviel gemacht und komme jetzt mit dem Blog nicht mehr nach. Aber bitte: Ich habe einfach mehr Zeit für diese Dinge, als wahrscheinlich (fast) alle anderen. Und das will ich ja nur „teilen“, wie es so schön heißt. Gut, als Rentner könnte man es ebenso handhaben.

Also, da war zuletzt:

– „Macbeth“ von den Münchner Kammerspielen hatte ich gesehen. Da muss ich noch etwas drüber schreiben.

– „Macbeth“ hatte ich kürzlich auch am Münchner Residenztheater gesehen. Auch darüber will ich noch schreiben. Über Macbeth am Berliner Ensemble hatte ich ja Gottseidank schon geschrieben (HIER).

– Das Buch „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt über William Shakespeare’s Tyrannengestalten lese ich zu meiner Macbeth-Trilogie gerade noch. Ist natürlich auch einen kleinen Beitrag wert. Es ist schon fürchterlich, wenn man versucht, die Dinge etwas besser zu verstehen.

– Dann hatte ich den Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oskar Wilde gelesen, weil ich kürzlich die Performance „Creation“ nach diesem Roman gesehen hatte (HIER der Bericht). Auch über dieses Buch sollte noch etwas kommen.

–  Gestern hatte ich dann an den Kammerspielen wieder etwas gesehen: „Die Wiederholung“ von Milo Rau. Auch darüber würde ich ja gerne etwas schreiben. Gerade an diesem Stück zeigte sich wieder einmal: Nur konsumieren geht nicht! Ich muss mir Gedanken darüber machen, darüber reden, es steht ja alles immer in einem Zusammenhang!

– Morgen werde ich die Premiere von „Kill the Audience“ an den Kammerspielen sehen. Das ergibt auch wieder einen kleinen Beitrag.

– Und irgendwie habe ich sogar den Eindruck, da fehlt noch etwas.

Und das ist ja nicht unbedingt alles! Ich gebe fast jeden Tag ein wenig Nachhilfe, ich lese noch etwas anderes („4 3 2 1“ von Paul Auster ist es gerade, auch kein schmales Heftchen), ich schreibe manchmal etwas (wenig zurzeit) und so weiter. Alles nicht so einfach. Gut, ich wohne ca. 200 Meter entfernt von den Kammerspielen und zum Residenztheater sind es vielleicht 800 Meter.  Und da ist dann noch ein wenig Politik (die Partei mut in Bayern). Eigentlich alles viel zu viel. Da hat man es ja fast leichter, wenn man einfach arbeitet!

Und der Blog wird neu! Vielleicht morgen!

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil II

Was tut man sich an, wenn man sich im Theater Shakespeare’s Macbeth anschaut? Warum schaut man ihn an? Man könnte doch ein Fußballspiel anschauen! Aber Macbeth – das ist doch wirklich kalter Kaffee!

Mord an einem König –  was hat das mit unserer Zeit zu tun? Geht man hin, weil es „Kultur“ ist? Will man sich einfach nur ein wenig von einem schönen Stück „anregen“ lassen? Oder was? Jeder hat so seinen Grund, schön und gut. „Macbeth“ ist ja noch dazu derzeit – ich habe es bereits geschrieben – an mehreren Orten zu sehen. In Berlin, in Wien, an zwei Theatern in München, in Nürnberg.

Und da geht es los: Es gibt Inszenierungen, die „Macbeth VON William Shakespeare“ bringen  und es gibt Inszenierungen, die „Macbeth NACH irgendwem ………….. VON William Shakespeare“ bringen.  So etwa gerade am Berliner Ensemble,  an dem Macbeth NACH … Heiner Müller … VON William Shakespeare zu sehen ist. Ich hatte ja kürzlich darüber geschrieben (HIER).

Und gerade bei den Inszenierungen von Macbeth NACH irgendwem ……….. wird es interessant. Da will jemand auf der Basis von Shakespeare’s Macbeth eine eigene Sicht der Dinge auf die Bühne bringen. So habe ich mir natürlich gestern, Freitag, 17. Dezember 2018, an den Münchner Kammerspielen die Premiere von Macbeth NACH Amir Reza Koohestani VON William Shakespeare angesehen. Amir Reza Koohestani hat schon mehrfach an den Kammerspielen inszeniert.

Die Basis der Inszenierung gestern war weiterhin – im Hintergrund – die Story von Shakespeare’s Macbeth: Macbeth hört von Hexen – den drei „Schwestern“ -, dass er König von Schottland werden kann. Angestachelt von seiner Frau, Lady Macbeth, tötet er den König Duncan und seinen alten Freund Banquo, weil die Hexen vorausgesagt hatten, dass Banquos Nachfahren wiederum Könige werden würden.

Aber wenn ich mir Macbeth NACH irgendwem ansehe, weiß ich, dass ich (auch) etwas anderes zu sehen bekomme. Wenn ich den klassischen Macbeth sehen will, gehe ich nicht hinein. Der Schauspieler Christian Löber – er spielte den „Macbeth“  und eine Person, die Regisseur und Schauspieler für eine bevorstehende Macbeth-Inszenierung ist – sagte kürzlich in einem Interview: „Es braucht eine Idee im Hier und Jetzt, durch die man mit dem Stück verstrickt ist.“ Und: „… wenn man das Theater als Ort wahrnimmt, wo sich die Gesellschaft mit sich auseinandersetzt, muss man mehr machen, als nur ein Märchen zu erzählen.“

So war es auch gestern. Da hat sich also der Iraner Amir Reza Koohestani mit Shakespeare’s Macbeth auseinandergesetzt.  Oder jedenfalls mit einem Thema, das man auch in „Macbeth“ findet. Ist schon einmal aus sich heraus interessant!  Es hat etwas mit Scheitern zu tun. Macbeth scheitert am Ende ja auch, er wird getötet.

Soviel zunächst. Ich muss mir über den Abend noch Gedanken machen, noch kann ich nichts schreiben. Bisher habe ich mich nur angenähert.

©️ des Beitragsfotos: Thomas Aurin, Kammerspiele

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Sonstiges

QOOZ – AUS DEM LEBEN

Es wird sich in der kommenden Woche Einiges im Blog ändern. (Am Dienstag, den 11.12.2018, HAT sich Einiges im Blog geändert!). Nicht nur der Name. Der Leser muss allerdings NICHTS tun. NICHTS! Er wird auf die neue Seite geleitet. Der neue Titel des Blogs heißt QOOZ. Es wird sicher sehr schön!

Warum QOOZ? Den Titel habe ich schon lange im Kopf, bin irgendwie drauf gekommen. Quo? Quis? Quid? Qua? Quando? Qualis? Quam-diu? Quomodo? Quid-ni? Quanti? und so weiter … Die Fragewörter der deutschen Sprache beginnen ja (meistens) mit einem „W“. Die W-Wörter. Im Lateinischen beginnen sie (oft) mit einem „Q“, es sind lauter Q‘s, also QOOZ. Da es in diesem Blog ja vor allem zum Theaterwesen im Kern um Fragen geht wie: Wer macht was? Wann? Wo? Wie? …

QOOZ – AUS DEM LEBEN. AB 11. DEZEMBER 2018 – RECHTZEITIG ZU WEIHNACHTEN!

THEATER: Macbeth – Trilogie, Teil I

Shakespeare’s „Macbeth“ ist derzeit am Berliner Ensemble, am Münchner Residenztheater und an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Drei Inszenierungen. Über eine vierte derzeit zu sehende Inszenierung (am Wiener Burgtheater die Inszenierung von Antú Romero Nunes) kann ich leider nicht berichten.

HEUTE schreibe ich über Shakespeare’s „Macbeth“ am Berliner Ensemble.

Also: Gerne spüre ich ja irgendwelchen Verbindungen hinter denjenigen Dingen nach, mit denen ich mich so befasse. Oft habe ich ja mehr Zeit dazu, als andere. Verbindungen gab es diesmal auch:

Macbeth. Ich saß vorgestern Nachmittag, Montag, der 03.12.2018, in einem ICE auf einem irgendwie unbequemen Sitzplatz gegen die Fahrtrichtung und fuhr von Berlin zurück nach München. Ich hatte „Macbeth“ gesehen, neben anderen Dingen des Wochenendes. Ich schaute immer wieder auf die Anzeige am Ende des Wagens, in dem ich saß, und las über dem Durchgang zum nächsten Wagen in roter Leuchtschrift dauernd:  „ICE 5511 – Zug „Müritz“ – Wagen 24  – Uhrzeit …“.

„Müritz“? Nie gehört. Ich lese nach und sehe, dass Müritz der größte komplett in Deutschland liegende Binnensee in Mecklenburg-Vorpommern ist. Sagt Wkipedia. So weit, so gut.

Und Macbeth? Nun gut: Es war ja „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, was ich gesehen hatte. Als ich im ICE gerade noch etwas über Heiner Müller nachsah, las ich, dass Heiner Müller in jungen Jahren mit seinen Eltern einige Jahre in … wo? … in „Waren (Müritz)“ … gelebt hatte! Mein ICE! Aber es ging noch weiter: Heiner Müller lebte ja von 1929 bis 1995, hatte also als Kind noch den II. Weltkrieg und später dann den Mauerfall miterlebt. In der DDR hatte er bekanntlich gelebt. 1970 wurde er – las ich, ich wusste es garnicht – Dramaturg wo? … am Berliner Ensemble. 1992 übernahm er dann (gemeinsam mit Peter Zadek, Matthias Langhoff, Peter Palizsch und Fritz Marquardt) die Leitung des … des Berliner Ensembles.

Also „Macbeth“ von Heiner Müller. In den Achtzigerjahren war Heiner Müller, schreibt Wikipedia (es stimmt hoffentlich), liiert mit wem? … mit Margarita Broich! Siehe einfach meinen aktuellen Blogbeitrag zum Büchlein „Alles Theater“ von Margarita Broich (HIER). Also das auch noch!

Also: Ich saß ausgerechnet im ICE „Müritz“(!) und hatte am Freitagabend zuvor am Berliner Ensemble (!) von Heiner Müller (!) „Macbeth nach William Shakespeare“ gesehen. Und dann noch etwas: Am Berliner Ensemble wird es in Kürze ein Stück über wen? … über Heiner Müller geben, es heißt „Heiner 1 – 4“. Die Uraufführung wird am 26. Januar 2019 sein. HIER der Link zur Programmankündigung.

Jetzt aber zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das seit Kurzem am Berliner Ensemble gebracht wird:

Es ist eine Inszenierung von Michael Thalheimer. Übrigens: Im Januar werde ich eine weitere Shakespeare – Inszenierung sehen, von wem? … von Michael Thalheimer! „Richard III.“ am Münchner Residenztheater. Ich werde auch darüber berichten. Es heißt dort übrigens „Richard III. VON Michael Thalheimer NACH William Shakespeare“. Mal sehen. Und bei der Gelegenheit: Wer inszeniert gerade am Wiener Burgtheater derzeit Glaube Liebe Hoffnung von Ödon von Horvath? Richtig: Michael Thalheimer!

Jetzt also wirklich zu „Macbeth VON Heiner Müller NACH William Shakespeare“, das ich am Freitag am Berliner Ensemble gesehen habe:

Man hatte Heiner Müller in den Siebzigerjahren ja nach der Aufführung senes Macbeth „Nihilismus“ vorgeworfen. Es war eben eine Heiner-Müller-Übersetzung von Macbeth. Manche Äußerung der Übersetzung von Heiner Müller geht in der Tat in die Richtung Nihilismus. Nach dem Motto: „Was schert es mich, wie die Welt nach meinem Tod aussieht. Wenn ich tot bin, ist auch die Welt tot. Ich will meine Macht JETZT. Es geht nur ums Jetzt und um meine Lebenszeit. Es gibt keine Zukunft!„

Dementsprechend ist auch die Inszenierung  von Michael Thalheimer sicher krasser, als eine „normale“ Aufführung des Stückes Macbeth. Etwas krasser: Man merkt es nicht durchgehend, aber an der einen oder anderen Stelle und an der sehr blutrünstigen, eindringlichen Gesamtinszenierung. Die Inszenierung überzeugte mich, sie ist als Gesamtinszenierung auf jeden Fall beeindruckend. Keinerlei Schnickschnack, es geht um die Personen und die Texte. Die Personen tauchen immer wieder aus tiefem Nebel auf der großen leeren Bühne auf. Das ist eindringlich, zeitlos, hat den Hang dazu, irgendwie zeitgemäß, fast aktuell zu sein. Es geht nicht um die Zeit des 15ten oder 16ten Jahrhunderts.

Im Sinne des „Sozialisten“ Heiner Müller kam allerdings etwas „Klassentrennendes“ nicht gerade zur Geltung. Die Inszenierung orientierte sich insoweit, auch wenn Sie beeindruckend war, doch eher am William Shakespear’schen Wahnsinn von Macbeth, nicht am Heiner Müller’schen Klassenbild.

Zu den  Schauspielern: Trotz allem muss ich sagen: Sascha Nathan ist meines Erachtens keine Idealbesetzung für Macbeth gewesen. Ideal gewesen wäre ein Benny Claessens! Aber der kann ja nicht überall mitspielen. Er hätte wahrscheinlich den Wahnsinn von Macbeth und dessen nihilistische Einstellung (in der Fassung von Macbeth VON Heiner Müller) im WahnsInn deutlicher darstellen können oder wollen. Das ging Sascha Nathan ab! Sascha Nathan wirkte wie ein überforderter, nicht wie ein aggressiver Macbeth. Verwirrt wahnsinnig, nicht egomanisch wahnsinnig. So gesehen verfehlte Michael Thalheimer mit Sascha Nathan als Macbeth geradezu den Kern der Müllerschen Fassung von Macbeth. Themaverfehlung – zugunsten einer trotzdem beeindruckenden Gesamtinszenierung.

Am überzeugendsten war meines Erachtens Kathrin Wehlisch. Man sieht sie oben im Bild! Und hier noch ein Bild von ihr:

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Vielleicht müsste man – zumindest nach Heiner Müller – das Blut in Shakespeare’s „Macbeth“ heute ersetzen durch das Geld der kapitalistischen Welt! Wäre mal interessant, es durchzuspielen. Früher hieß es (so sah es wohl Heiner Müller): „Brutalität und Blut regieren die Welt und sichern die Macht!“ Heute heißt es: „Geld regiert die Welt, Geld sichert die Macht!“

Also: Insgesamt sehenswert! Hingehen und ein eigenes Urteil bilden!

HIER der Link zur Macbeth-Seite des Berliner Ensembles.

©️ des Beitragsbildes oben und des weiteren Fotos: Mathias Horn, Berliner Ensemble

THEATER: Tracy Letts – Wheeler

Premiere von „Wheeler“ von Tracy Letts am Berliner Ensemble. Amerikaner greifen gerne ins Alltagsleben, wenn Theaterstücke geschrieben werden. Modernes Leben und Alltagssituationen, das sieht man bei ihnen immer wieder. So war es bei „Gloria“ am Münchner Residenztheater, auch bei „Der erste fiese Typ“ an den Münchner Kammerspielen, jetzt wieder bei „Wheeler“ am Berliner Ensemble.

Die Deutschen dagegen zieht es – es ist ja irgendwie bekannt – eher zurück in ihren Betrachtungen, auch am Theater: „Genesis“, „Wartesaal“ (Lion Feuchtwanger), „Das erste Evangelium“, „Macbeth“ (Shakespeare) „Dionysos Stadt“ (Antike), „Trommeln in der Nacht“ (Bertolt Brecht) usw. sind so ein paar Beispiele dieser Art, die ich zuletzt gesehen hatte.

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles und Regisseur des Stückes „Wheeler“, das am Sonntag im „Kleinen Haus“ des Berliner Ensembles Premiere hatte, treibt diesen „amerikanischen Ansatz“ pur realen Alltagslebens noch dazu auf die Spitze, indem er dem Stück auf einer kleinen Drehbühne eine äußerst langweilige Alltagsausstattung verpasst. Ein fürchterliches Wohnzimmer, eine völlig uncharmant ausgestattete Karaokebar, der Umkleideraum eines Fitnessstudios mit Spindschränken, eine Parkbank, die an der Autobahn stehen könnte, usw. Schmucklos, unerfreulich. Wie in einer billigen TV – Sitcom. So würden auch Amateure ohne Geld eine Bühne gestalten. Man möchte gar nicht hinsehen. Ist das eine gewollte Spitze gegen amerikanisches Leben? Oder kam es Oliver Reese nur auf die Schauspieler und den Inhalt an? Und diese lieblose Bühne wird eingerichtet, obwohl Oliver Reese am BE doch ein Autorentheater etablieren wollte? Eigenartig. HIER ein Beitrag von Deutschlandfunk Kultur zum Thema „Oliver Reese und zeitgenössisches Autorentheater am BE“.

Die Story: Die Geschichte des von seiner Frau getrennten Dick Wheeler. Er ist um die 50 Jahre alt, ist Vater eines kleinen Kindes. Eine Lebenssituation, die es zuhauf gibt. Ansich sogar unabhängig von der Midlife Crisis, um die es ja (auch) gehen soll.

Dick Wheeler wird von seinem (verheirateten) Freund verkuppelt mit der attraktiven Jules. Sie lernen sich kennen, es gibt Sex zwischen ihnen – obwohl Wheeler anfangs noch unsicher ist. Manch netter Dialog, alles hört und sieht man allenfalls aber mit einem gewissen „Kenn ich doch“ – oder „Hört man doch  immer“ – Effekt. So oder ähnlich. Jules verliebt sich tatsächlich in Wheeler, er aber nicht in sie. Er lernt vielmehr parallel zu Jules plötzlich zufällig die viel viel jüngere Asiatin „Minnie“ kennen, sie – wohnungslos – zieht vorübergehend bei ihm ein, auch zwischen ihnen gibt es bald Sex. Offenbar für Wheeler viel besseren Sex, als er ihn mit Jules hatte. Und hier ist es dann andersherum: Wheeler fühlt sich plötzlich ganz jung (hier kommt die Midlife Crisis durch?) und verliebt sich total in Minnie, sie aber nicht in ihn. Er lässt sich sogar ihren Namen auf den Oberarm tätowieren. Minnie hat aber eigene, ganz andere Probleme. Sie ist schwanger von ihrem Exfreund  – und verlässt Wheeler“ später, um herauszubekommen, wie es „zwischen ihr und dem Exfreund steht“. Jetzt ist Wheeler wieder völlig verzweifelt. Er – wieder allein und:  wer ist schon gerne allein  – will dann doch wieder Jules „zurückhaben“. Für Jules ist die Sache mit Wheeler aber endgültig abgeschlossen. Eine einmal verflogene Liebe kehrt eben (fast) nie zurück. Kein Happy End also für Wheeler.

Wheeler bleibt am Ende allein. Jeder ist sich selbst eben am nächsten, da kann er sich noch so viel Liebe einbilden. Und da kann der Sex noch so gut sein. 

Zu sich selbst kommen, sagt Wheeler dann am Ende, darum geht es eben. Die Affären haben ihn hin und her gebeutelt, haben ihn verrückt gemacht. Aber so ist das Leben eben, wenn man es an der Backe hat. Wen man auch kennen lernt, es ist immer schwierig! Das Ende von „Wheeler“ ist enttäuschend: Dick Weeler fotografiert wieder, kehrt zum Bewährten zurück und bleibt allein. Keine sehr interessante oder einfallsreiche oder einfühlsame Schlussfolgerung daraus, dass er schließlich das „harte“ Leben außerhalb seiner gescheiterten Ehe und erste Konsequenzen daraus kennen gelernt hat. 

Zu den Schauspielern: Wheeler wird gespielt von dem eigentlich für eine Middlife Crisis deutlich zu jungen Felix Rech. Er spielt Wheeler noch dazu sehr monoton und durchgehend wild, nervös, laut, hektisch, gehetzt. Warum eigentlich? Meines Erachtens zu einseitig. Als laufe er ständig hinter etwas her. Ebenso Trang le Hong als Minnie: Sie spielt auch zu monoton. Da fehlte Oliver Reese vielleicht irgendwie mehr Einfühlungsvermögen.

Ein schwacher Inhalt (des Buches „Wheeler“) und leider eine noch dazu enttäuschende Umsetzung. Höchstens „ganz amüsant“ könnte ich sagen.

©️ des Beitragsfotos: Mathias Horn, BE

THEATER, LITERATUR: Margarita Broich – Alles Theater

Bücher zum Theater: Hier zum Thema SchauspielerInnen VOR und NACH ihrem Auftritt.

Ich hatte zuletzt geschrieben über Fotografien von Cordula Treml über SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihrem Auftritt.  Titel der Ausstellung war „Vor dem Auftritt“. HIER der damalige Beitrag.

Dann hörte ich von dem Buch von der Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich mit dem Titel „Alles Theater“, in dem sie Fotografien von SchauspielerInnen in den Minuten NACH dem Auftritt bringt (erschienen 2015).

Ich habe das Büchlein von Margarita Broich, Alles Theater.

Zu den Fotos gibt es im Buch schöne Statements der abgebildetes SchauspielerInnen. Gesammelt von Brigitte Landes. Interessante Aussagen, die zeigen, wie sich Schauspieler bei der „Schauspielerei“ fühlen, davor und danach – die im Büchlein gezeigten (allesamt erfolgreichen) SchauspielerInnen jedenfalls. Jünger Schauspieler mögen es heute wieder etwas anders sehen, was es für sie bedeutet, auf der Bühne andere Personen zu „spielen“. Ich meine, das „klassische“ Schauspielerbild und das Feeling der SchauspielerInnen haben sich wahrscheinlich geändert. Thema „Sprechtheater“, „Performance“ und generell.

Ein Zitat aus dem Büchlein von Jule Böwe etwa: „Nach der Vorstellung bin ich wie high. Der Körper ist müde, der Kopf wach.“

Und ein Zitat von Kathrin Angerer: „… und  finde auch, dass man gut aussieht nach fünf oder sechs Stunden Spielen. Man sieht eigentlich super aus. Man kann danach glatt ausgehen. Man sieht blendend aus. … Das ganze Adrenalin ist noch da.“

Noch ein Zitat: Milan Peschel: „Ich mag diesen Zustand nach einer vierstündigen Aufführung. Da ist so eine Leere im positiven Sinn.“

Zu den schönen Fotos zwei Beispiele (mehr Rechte habe ich nicht bekommen):

1. Aufnahme von Kathrin Angerer:

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Das Foto entstand nach „Der Spieler“ von Dostojewski, Regie Frank Castorf, Volksbühne, Berlin 2015

2. Aufnahme von Lars Eidinger:

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Das Foto entstand nach „Hamlet“ von William Shakespeare, Regie Thomas Ostermaier, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 2015.

3. Ein Statement noch von Birgit Minichmayer als Beispiel aus dem Buch:

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HIER  die Seite zum Buch beim Suhrkamp Verlag. Ein kleines Weihnachtsgeschenk …

THEATER: Forced Entertainment – Real Magic

„So, what is the word Richard is thinking of?“

Ich kann es nur empfehlen, deshalb bringe ich hier einmal einen Hinweis:

Heute Abend in den Münchner Kammerspielen, 20:00 Uhr (und morgen, Samstag, 19.00 Uhr). „Real Magic“ von Forced Entertainment. Das Stück war eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017 als eines der 10 „bemerkenswertesten“ Stücke des Jahres. Ich hatte es in Berlin gesehen und werde es noch einmal ansehen. HIER mein damaliger Beitrag im Blog. Es ist eine Performance, kein Theaterstück. Was ich besonders daran mochte, ist, dass mit wirklich allereinfachsten Mitteln im Grunde viel vom ganzen Leben gezeigt wird. Es ist im Grunde eine einzige Szene, die sich permanent wiederholt. Witzig und ernst zu gleich. Tim Etchells, (Mit-)Gründer von Forced Entertainments, sagte einmal ungefähr: Mit diesem Stück sind wir dort angekommen, wo wir mit unserer Gruppe hin wollten.

HIER die Seite zum Abend auf der Website der Kammerspiele.

HIER die Website von Forced Entertainment.

Und HIER ein Video mit Ausschnitten von Real Magic und einem Gespräch mit Tim Etchells, dem Gründer von Forced Entertainment.

ÜBRIGENS HEUTE AUCH – IN BERLIN UND DORTMUND:

Am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund läuft heute zeitgleich und miteinander verknüpft ein Stück, das ich auch einmal gerne sehen würde. Titel: „Parallelwelten“. Die zwei siebenköpfigen Schauspielensembles auf den Bühnen im Berliner Ensemble und im Schauspiel Dortmund spielen zeitgleich miteinander Theater. Sie sind, wie das Publikum, zugleich voneinander getrennt und doch sicht- und hörbar miteinander verbunden, in Echtzeit: durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.

HIER der Link zur Seite des Berliner Ensembles, Unterseite „Parallelwelten“.

Und HIER der Link zum Schauspiel Dortmund, Unterseite „Parallelwelten“.

THEATER: Rimini Protokoll und Thomas Melle – Unheimliches Tal/Uncanny Valley

Heute Abend gibt es vielleicht noch ein paar Restkarten. Es wird die letzte Vorstellung im November sein. Im Dezember kommt es dann zweimal. Mehr weiß ich nicht. Ich habe es leider erst gestern gesehen, konnte also nicht früher darüber schreiben.

Davor wurde gerade noch – in anderer Runde – über „politisches Theater“ gesprochen und dann sieht man es in der Vorstellung „Unheimliches Tal“ (Es ist eine Produktion von Rimini Protokoll und  dem Autor Thomas Melle. Letzterer ist ja sehr bekannt geworden durch sein Buch „Die Welt im Rücken“.  Und das Theaterstück „Die Welt im Rücken“ am Wiener Burgtheater hat Furore gemacht): Die Zeit überrennt uns! Da hilft kein politisches Hin oder Her. Gut, umso mehr müssen wir aufpassen, wie wir die Veränderungen politisch steuern. Aber aufhalten können wir sie nicht. Einige jedenfalls nicht. Es geht in der Politik eben immer um das „Wie“. Das „Was“ kommt ohnehin. So erlebt man auch „Unheimliches Tal“ (HIER der Link zur Seite des Abends bei den Kammerspielen). Man sitzt einer Person gegenüber, die kein Mensch ist, sondern ein Roboter. Ein sogenannter humanoider Roboter. Eine Stunde lang redet er mit dem Publikum. Und als Zuschauer hat man bisher sicher zumeist ungekannte Eindrücke.

– Er bewegt sich genau so, wie wir es kennen oder erwarten, wenn geredet wird. Man merkt fast, was man für Erwartungen hat. Oder Gewöhnungen. Gut, an seinen Bewegungen erkennt man schon noch, dass es ein Roboter ist. Aber das ist ja vielleicht gerade gewollt! Man fühlt sich vielleicht umso mehr in einer eigenartigen Position! Und weit ist es wahrscheinlich nicht mehr bis dahin, dass man es nicht mehr erkennt, kann man sich vorstellen.

– Er sieht menschlich aus. Wie Thomas Melle.

– Er erzählt von sich als Thomas Melle, den er ja verkörpert.  Und er erzählt von sich als Roboter. Er erzählt, wie unangenehm es ihm war, nachgebaut zu werden.

– Er bezieht das Publikum in seine Überlegungen mit ein. Schon dadurch gibt man ihm irgendwie menschliche Qualitäten.  Man fühlt sich ja plötzlich betroffen. Man weiß: Man sitzt einem Roboter gegenüber, aber dieses Gefühl verwischt immer wieder.

– Er stellt Fragen in des Publikum. Er schaut einen an.

– Entwickelt man Empathie für ihn? Findet man es nicht sogar gut, dass er so  verständlich und unaufgeregt redet?

–  Man hat ja fast weniger Zweifel dem Roboter gegenüber. Er wird ja wohl keine Fehler machen. Nicht irgendwie emotional reagieren.

– Wie ist das Verhältnis von Thomas Melle zu seinem Nachbau? Und man fragt sich fast: Wie ist andersherum das Verhältnis des Nachbaus zu Thomas Melle? Obwohl das ja gar nicht geht. Oder doch irgendwann?

– Es geht hin und her. Dann erzählt er etwa, dass er ein Interview geführt hatte. Und auf der hinter ihm stehenden Leinwand sieht man Thomas Melle als menschliche Person, wie er dem Interviewpartner zuhört.

– Und dahinter steht ja noch eine Thematik: Thomas Melle leidet ja an bipolarer Störung, also der Entfernung von sich selbst (oder Persönlichkeitsspaltung oder ähnlich, ich bin kein Mediziner). Und genau das geschieht ja auch wieder mit Thomas Melle, wenn er auf eine gleich aussehende Roboteranimation blickt.

Lauter solche Eindrücke schwirren geradezu um einen herum, wenn man diese Stunde verfolgt. Und dann kann man sich denken: Naja, in Altersheimen etwa, für die Seniorenpflege, wird so ein Roboter vielleicht bald schon einmal eingesetzt werden! Ob das aufgehalten werden kann oder ob es dann wieder nur um das „Wie“ geht?

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Sonstiges

SONSTIGES: Kasper König

ACHTUNG!  Über den Abend, zu dem ich hier schreibe, ist eine Diskussionen entstanden. Dem einladenden Moderator Kasper König wird vorgeworfen, sich gegenüber den Gästen, vor allem gegenüber Cana Bilir-Meier, herabwürdigend geäußert zu haben. Die Kammerspiele haben daher den Mitschnitt der ganzen Veranstaltung online gestellt. Jeder kann sich ein Bild machen.

HIER  der Link. Akustisch schwer verständlich, aber es geht.

Was ich kurz nach der Veranstaltung geschrieben hatte:

Ich war wieder auf einem dieser Abende, die man kaum versteht. (Ich gebe mir zwanzig Minuten Zeit, um kurz dazu zu schreiben.)

Interessant, was andere, sehr engagierte, schlaue Menschen so drauf haben! Es war ein Abend in der Gesprächsreihe mit Kasper König, einer der „herausragenden Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt und langjähriger Direktor renommierter Ausstellungsorte wie Portikus in Frankfurt a. M. oder Museum Ludwig in Köln“. Alle zwei Monate findet in den Kammerspielen ein solcher Abend statt. „Kasper König &“ heißt die Serie. Kasper König trifft sich in „Kammer 3“ in der Regel mit ausgewählten KünstlerInnen und KuratorInnen zu einem Podiumsgespräch. Auch manchmal unter Teilnahme der ZuschauerInnen (ZuhörerInnen). Dieses Mal ging es sehr lange, war sehr engagiert, kontrovers – unter reger und interessanter Teilnahme von ZuschauerInnen.

Zu Gast waren dieses Mal die jungen KünstlerInnen Cana Bilir-Meier, Henrike Naumann, Wilhelm Klotzek. Es sollte darum gehen, was man in der Kunst mit dem Begriff „Heimat“ anfangen kann. Zu Gast am 17. Dezember ist Michaela Meise. HIER die Ankündigung und Infos zu Michaela Meise. Bereits zu Gast waren Alexandra Pirici, Frances Morris, Thomas Bayrle, Helga Fanderl, Okwui Enwezor, Jeremy Deller, Lisa Endriss, Joanna Warsza.

Ich wusste schon, was mich erwartet: Kasper König redet oft in schier unaufhörlich langen Sätzen und man wird in seinen schön unkonventionellen Sätzen innerhalb weniger Sekunden auf verschiedenste Aspekte zu einem Gesichtspunkt geschleudert. Immer aber mit sehr großem und offenem Weitblick! Im Grunde kann man seine Aussagen garnicht so verstehen, wie er sie meint. Soviel ist in jedem verworrenen Satz drin. Diesmal hatten die drei Gäste ihre Arbeiten zum „Rechtsruck“ der Gesellschaft vorgestellt, bevor Kasper König eigentlich versteckt vor allem die Arbeit von Cana Bilir-Meier kritisierte. Cana Bilir-Meier hatte ihre sehr dokumentarische Arbeit über die islamische Moschee in Freimann und deren Gründung 1969 erklärt. Es ergab sich im Laufe des Abends dann vor allem ein Thema:

Was ist denn überhaupt Kunst?

Kasper Königs Ansicht (glaube ich): Kunst besteht am besten außerhalb der Gesellschaft. Nicht innerhalb der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft herrscht ja eine gewisse ständige Selbstbestätigung und ein gewisses Phlegma (meine Worte). Und Kunst könnte ja nur etwas bewirken, wenn es nicht an dieser Selbstbestätigung teilnimmt!  Und „etwas bewirken“ heißt ja, dass die Gesellschaft auch durch Kunst weiterkommt! Kunst schleicht sich gewissermaßen in die Gesellschaft ein und verkauft sich allenfalls als Kunst! Aber der Kunst geht es eigentlich gar nicht darum, Kunst in der Gesellschaft zu sein! Sie will nicht der Bestandteil „Kunst“ in der Gesellschaft sein! Das kann ich gut nachvollziehen!  Soweit ich es verstehe! Ich bin ja kein Philosoph. Kasper König sagte auch, da sei es in München schwer: In München habe man alles, die Berge, die Seen, eine wunderschöne Stadt, etc. Kunst und Kultur solle in München das Schöne am besten nur ergänzen. Das sei dann aber eben eher „Kunst zur Verschönerung des Lebens“ (meine Worte), könnte man sagen. Fand ich interessant. Ich finde, es lohnt sich in der Tat, künftig einmal darauf zu achten, in wieweit das, was ich mir so ansehe, innerhalb oder außerhalb der Gesellschaft steht! Wie weit ist es weg vom  gesellschaftlich Gewohnten! Nun, das nur kurz in meinen Worten. Kasper König wird den Kopf schütteln bei diesen amateurhaften Betrachtungen.

Ein weiterer Aspekt jedenfalls, der auch kurz angesprochen wurde: Wir leben aktuell in Zeiten, in denen wir wieder über alles reden müssen! Reden, diskutieren, hören, überdenken etc. Auch interessant!

©️ des Beitragsbildes: Arne Wesenberg

THEATER: Politik im freien Theater – Zvizdal

Das Motto des Festivals lautet „Reich“. Das Gegenteil von reich ist arm.

Nun, auf den ersten Blick könnte man meinen, dass speziell die Produktion „Zvizdal“ von der Gruppe BERLIN „Armut pur“ zeigte. Die Journalistin und Dramaturgin Cathy Blisson und die belgischen Multimedia-Künstler Bart Baele und Yves Degryse haben sich zusammengetan als die Theatergruppe BERLIN. Man sah einen sehr berührenden Film, in dem es letztlich um viel mehr ging, als um Armut:

Ein altes Ehepaar (vielleicht auch nicht verheiratet), Petró und Nadja, beide um die 90 Jahre alt, lebt/lebte – wirklich! – seit 30 Jahren in völliger Einsamkeit im gesperrten Gebiet von Tschernobyl. Alle Menschen wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 evakuiert, alle Gebäude und Wege des Ortes Zvizdal sind zugewuchert, eingefallen, sie haben kein Telefon, keinen Strom, kein fließend Wasser, keine Post, nur ein schlecht funktionierendes Radio. Sich und die Natur. Es gibt sonst nichts.

Das  immer älter und zerbrechlicher werdende Paar lebte weiter in seinem Häuschen, vor allem Nadja wollte ihre Heimat nie verlassen. „Das Gras ist woanders auch nur grün!“ sagte sie. Doch: Sie haben/hatten etwas: Ein schon kaum mehr gehfähiges Pferd, eine Kuh, einen Hund und eine Katze. Pferd, Hund und Kuh starben dann. Petró auch.

Sie erinnerten mich fast an Adam und Eva im Greisenalter, im Grunde dahinlebend und auf den Tod wartend. Was sollten sie auch anderes machen? Abseits jeglicher Zivilisation. Sie wurden über drei Jahre hinweg mehrfach von den Mitwirkenden der Gruppe BERLIN besucht und gefilmt. Einmal pro Jahr –  an einer Art Totensonntag – kamen von fern her ein paar Menschen, um Gräber von Personen zu besuchen, denen diese Menschen nahestanden. Und es gab eine Tochter, die alle paar Monate vorbeikam und dann vielleicht Schweineschmalz und Medikamente brachte.

Es waren verschiedenste Fragen und Beobachtungen, die sich auftaten, wenn man den unglaublich ruhigen Film ansah. Um „Armut“ ging es am wenigsten fast.

– Wie kann man eine solche Einsamkeit ertragen? (Gut, zu zweit war es immer noch etwas anderes!)

– Sie waren nicht „verfallen“, hatten sich nicht aufgegeben. Nein, sie wirkten irgendwie fast kultiviert. Sie haben jeden Tag das Gartentor zu ihrem Hof geschlossen, haben auf dem Feld mit letzten Kräften gearbeitet. Petró sollte das Laub zusammenkehren. Und bei allem haben sich beide irgendwie rücksichtsvoll dem anderen gegenüber verhalten. Sie liebten einander immer noch.

– Waren sie glücklich? Waren sie traurig?

– Wir in unseren Gefilden sind es ja gewohnt, uns selber ständig abzulenken und auch alt werdende Menschen möglichst bis zum Tod abzulenken. Aber was es heißt, nur zu leben, das haben die beiden erlebt!

– Vielleicht war es viel Demut und ihre Liebe zueinander und vielleicht auch zu ihrem Fleckchen Erde, was sie hielt! Sie sagten ja mehrfach im Film Dinge wie: „Es ist eben so, was soll’s. Mein Gott, so ist es eben“. Sie strebten offenbar nicht – im hohen Alter ohnehin nicht mehr –  nach irgendetwas, sondern versuchten, das Leben zu leben. Winter und Sommer, Winter und Sommer…

– Können wir uns das überhaupt vorstellen, ein Leben ohne ein Streben nach irgendetwas?

– Im anschließenden Publikumsgespräch wurde erzählt, dass es zum Beispiel nicht möglich war, Ihnen allzu viel mitzubringen. Schnell wurde nämlich eine Grenze erreicht, wo sie nichts mehr annehmen wollten! Sie hatten sich abgegeben mit ihrem Leben! Das Leben pur, nicht Armut pur. Armut oder Reichtum spürten sie sicher garnicht mehr! Dazu passend gibt es ja noch eine Veranstaltung:

WAS MACHT DAS LEBEN REICH?

PHILOSOPHISCHES GESPRÄCH FÜR ALLE GENERATIONEN
11. NOVEMBER, 15 – 17 UHR,
MÜNCHNER KAMMERSPIELE, KAMMER 3

HIER die Festivalseite zur Produktion.

HIER die Website der Gruppe BERLIN, die das Projekt gemacht hat. Auch Videos kann man dort zur Produktion „Zvizdal“ sehen.

©️ Frederik Buyckx

THEATER: Politik im freien Theater – School of Disobedience

Im Rahmen des Festivals Politik im freien Theater findet heute Abend folgende Veranstaltung statt:

SCHOOL OF DISOBEDIENCE: EIGENTUM

09. NOVEMBER, 19 – 20.30 UHR,
MÜNCHNER KAMMERSPIELE, KAMMER 3

Die Frage nach Eigentum und Umverteilung, schon im 19. Jahrhundert zentraler Konfliktpunkt, ist bis heute ungelöst. Wie können wir Eigentum neu denken und moderne Technologien einsetzen, um zu neuer Umverteilung zu kommen? Wie entsteht Wert, und wer entzieht der Gesellschaft Wert? In kleinen Gruppen werden Expert/innen unterschiedlicher Disziplinen diese und andere Fragen im Rahmen eines politisch-partizipatorischen Workshops mit den Teilnehmenden diskutieren. Die School of Disobedience ist eine hybride Wissensorganisation, ein Netzwerk von Menschen auf der Suche nach Ideen für ein gerechtes Leben für alle.

Ich finde, das sind interessante Fragen, deswegen bringe ich hier die Ankündigung der Veranstaltung.

Über die School of Disobedience liest man auf der Website der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin:

Die School of Disobedience ist ein experimentelles Format, das neue Wege der unabhängigen Wissensproduktion im 21. Jahrhundert testet. Sie ist aus dem Geist der Stadt Berlin geboren, die ein Bild für diese Zeit und diese Welt ist, heterogen, international, politisiert. Ziel der School of Disobedience ist es, dieses Potential der Stadt zu bündeln und für die Arbeit an einer gemeinsamen Zukunft fruchtbar zu machen. In der Verbindung von humanistischen und technologischen Perspektiven gilt es, konkrete Projekte anzustoßen, die einen progressiven Gesellschaftsbegriff verwirklichen und unseren Gerechtigkeitssinn schärfen.

In der Spielzeit 2018/19 wird die School of Disobedience im Grünen Salon in einer Reihe von Veranstaltungen Fragen von Form und Inhalt para-akademischen Arbeitens testen. Es wird Seminar-Formate geben, die sich an alle richten, die an der Verbindung von akademischem und aktivistischem Denken und Arbeiten interessiert sind, eine Werkstatt für Technologen wie Theoretiker, ein Makerspace für Menschen mit Erfahrungen in den verschiedensten Bereichen, von Jura zu Coding, von NGO zu Universität. Zusätzlich zu den wöchentlich stattfindenden Seminaren finden öffentliche Abendveranstaltungen und ein „Open Lunch“ statt.

Die School of Disobedience wird unterstützt von der Nemetschek-Stiftung.

THEATER: Politik im freien Theater – Who Moves?

Es geht noch bis Sonntag, das Festival „Politik im Freien Theater“. Es wird noch ein paar interessante Produktionen und ein interessantes Rahmenprogramm mit Diskussionen etc. geben. Ich habe gestern in der Muffathalle die Produktion „Who Moves“ von der Performancegruppe Swoosh Lieu gesehen.

HIER der Link zur Seite der Produktion.

Und HIER die Website von Swoosh Lieu. Als SWOOSH LIEU arbeiten aktuell Johanna Castell, Katharina Pelosi und Rosa Wernecke zusammen. Sie studierten am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen und realisieren seit 2009 gemeinsam mit anderen Künstlerinnen Projekte im Bereich Performance und Installation. Auf der Unterseite zu „Who Moves“ sieht man ein Video zur Produktion und weitere Fotos.

Irgendwie war ich überfordert. Die Gruppe Swoosh Lieu ist bekannt dafür, dass sie – mit feministischem Ansatz – sehr präzise arbeitet. Fast dokumentarisch, sachlich. So auch in „Who Moves“. In der völlig verdunkelten und leeren Muffathalle werden im Laufe des Abends ziemlich bald beleuchtete Plexiglastische aufgestellt. Davor gab es Texte von Frauen auf dem schwarzen Boden der Halle zu lesen. Die dann um die Tische herum sitzenden Zuschauer sehen dort – siehe das Video –, wie Fotografien von Frauen und bestimmten Eindrücken zum Thema „Flucht und Migration von Frauen“ über den Tisch verschoben werden. Wie in einer Redaktion. Die Zuschauer können die Bilder nur erkennen, indem sie leere weiße Blätter über den Tisch schieben und so die Bilder sichtbar machen, die von oben auf die Tische projeziert werden. Sehr fein und ausgeklügelt ausgedacht. Zusätzlich kann man an den Tischen Texte von Personen lesen und hören, die sich über diese Bilder unterhalten. Man muss sich konzentrieren, man hat ja Kopfhörer auf, auf denen man die Texte, die man sieht, auch noch hört.

Am Ende der Veranstaltung werden an den beiden Längsseiten der Hallen schwarze Vorhänge zur Seite geschoben, sodass man genau diese Fotoaufnahmen  – zunächst verkehrt herum an der Wand hängend – jetzt in Ruhe und wirklicher Schärfe und Genauigkeit ansehen kann. Die Zuschauer gehen hin und können jedes Foto umdrehen, richtig herum an die Wand kleben, und gleichzeitig Texte über einzelne der gezeigten Frauen lesen. Man merkt, wie sich individuelle, engagierte und sehr persönliche, unerwartete Lebensideen hinter den auf den Fotos gezeigten Frauen auftun. Es scheinen mir intellektuelle Frauen zu sein. Es scheint darum zu gehen, zu zeigen, dass auch in der Flüchtlingsbewegung eine Frauenbewegung versteckt ist.

Fazit: Eine präzise, einfallsreich und kompliziert ausgeklügelte Veranstaltung. Man war in einer sehr besonders gestalteten Situation. Nichts für einfache Geister. Inhaltlich ging es wohl auch – nicht nur – darum zu zeigen, dass all die immer gleichen Fluchtbilder, die wir ständig erleben oder erlebt haben, eigentlich oft einen falschen Eindruck von den gezeigten Menschen vermitteln. Vielleicht müssen wir mehr anerkennen, dass hinter den „MigrantInnen“ teils hochinteressante und komplexe Leben stecken, die sehr bereichernd sein können. Und Swoosh Lieu zeigt die feministische Kraft, die im „Migrantenstrom“ steckt.

 

THEATER: Politik im freien Theater – Creation (Pictures for Dorian) von Gob Squad

In jeder Sekunde unseres Lebens tragen wir doch unbewusst jedenfalls Überlegungen wie diese mit uns herum: Wie bin ich eigentlich? Wie sehe ich mich? Bin ich überhaupt so, wie ich mich sehe? Was bedeutet es: Sich selbst zu sehen? Denn wie sehen andere mich? Und wie sehe ich andere? Sehen Sie sich selbst auch so? Ständig geht es uns ganz unbewusst darum und um ähnliche Fragen. Schon wenn wir morgens aufstehen und in den Spiegel schauen: Was wollen wir an uns sehen? Was wollen wir nicht sehen? Können wir etwas verbergen? Oder etwas vortäuschen? Wie machen wir uns zurecht? Wofür? Und dann kommt hinzu, dass wir uns ständig verändern! Wir werden älter!

Die Performancetruppe Gob Squad hat diese Ansätze, mit denen wir alle durchs Leben gehen, mithilfe der Idee des Dorian Gray in Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray„ aufgegriffen. Theaterfreunde kennen Sie natürlich: Die Performancetruppe Gob Squad.

In den Münchner Kammerspielen waren sie vor circa zwei Jahren mit einem, wie ich finde, schönen Abend zu Tolstois „Krieg und Frieden“. HIER die Seite der Münchner Kammerspiele zu „War and Peace“.  Das Münchner Publikum hatte diesen performativen Ansatz damals leider kaum verstanden oder verstehen wollen!

Jetzt war Gob Squad Teil des Festivals „Politik in Freien Theater“. Creation (Pictures for Dorian). Wobei: Ich fragte mich schon, was dieser Abend, an dem es um unsere Vergänglichkeit und den Wunsch nach Schönheit irgendeiner Art geht, mit „Politik“ und mit dem Motto „Reich“ zu tun hat? Nun, im Rahmen des Festivals gibt es eine Ringvorlesung (HIER der Link). Und dort gibt es am 09.11. im Pathos das Thema: „Schön und Reich“. Zu dieser Veranstaltung heißt es:

Woll(t)en wir das nicht alle werden: „schön, reich und berühmt“? Aber: Macht das glücklich? Wie sieht überhaupt so ein schönes, reiches, berühmtes Leben aus? Der Glaube an die wechselseitige Abbildung von reich und schön ist allgegenwärtig. Schönheit und Reichtum versprechen nicht nur die Erfüllung aller Wünsche und Sehnsüchte, sondern auch ein Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge und Grenzen. Oder: „Armut macht hässlich“? Unser Podium wird den Zusammenhang von reich und schön entlang von Impulsvorträgen befragen und mit dem Publikum diskutieren.

 

So gesehen steht der Abend von Gob Squad doch im Zusammenhang mit dem Thema „Reich“. Und im Onlineauftritt des Festivals heißt es zur Performance von Gob Squad:

The German-British collective helps itself to a number of themes from the work of Oscar Wilde. Above all, the narcissist’s split personality – the image onto which Dorian Gray delegates all his negative characteristics, so that he can maintain his ideal image of himself. From this starting point, Gob Squad unleash a myriad variety of ideas and brilliant associations to create what is perhaps their most personal and honest show to date. Together with locally recruited performers, they reflect on truth and illusion in art and on the role of the human body within the capitalist logic of exploitation.

Die Mitglieder von Gob Squad sehen sich ja selbst älter werden! Es gibt Gob Squad  jetzt seit 25 Jahren! Auch Sie sehen, dass sie älter geworden sind. Sie sehen sich selber, hört man zu Beginn, noch zwischen Jung und Alt! Sie fühlen sich jung aussehend – und geistig älter! Sie merken aber auch: Der Körper altert, nur der Körper!

Gob Squad bringt eine gelungene Performance zu diesen Gedanken, drei junge und drei alte Amateurschauspueler aus der Stadt, in der sie auftreten, sind eingebunden. Und in verschiedensten Szenen geht es um das Verhältnis zum Älteren in uns und zum Jüngeren in uns. Mit Gesprächen mit der Vergangenheit, Gesprächen mit der Zukunft, mit Gesprächen vor dem Spiegel, mit  persönlicher Selbstdarstellung und und und. Tja, und niemand kann die Zeit anhalten!

HIER  die Projektseite zu Creation im Onlineauftritt von Gob Squad mit einigen weiteren Fotos.

UND HIER ein  schönes kleines Video zu Creation, auch von der Website von Gob Squad.

Hier noch ein Foto:

Gob Squad zeigt: „ Creation (Pictures for Dorian) „ HAU Zwei, Urauffuehrung am 2. und 4. Mai 2018.
Titel: Creation (Pictures for Dorain). Nach Motiven von Oscar Wildes. Konzept und Regie: Gob Squad. Kostueme: Ingken Benesch. Buehne: Lena Mody. Video: Miles Chalcraft. Licht: Chris Umney. Ort: HAU Zwei Hebbel am Ufer. Urauffuehrung: 2. und 4. Mai 2018. No model release. copyright: david baltzer/bildbuehne.de. Spieler*Innen: Sharon Smith, Berit Stumpf und Simon Will; Gaeste: Parisa Madani, Naomi Odhiambo, Christopher Adams-Cohen, Susanne Scholl, Rita Dieter Scholl und Beatrice Cordua u.a.. „Engl.“ theatre, actor, performer || 2 Premieren mit 2 Casts

 

©️ der Fotos: Davd Baltzer/bildbühne (?)