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THEATER: Madame Nielsen & Christian Lollike – Very Rich Angels

Es ist eine sehr humorvoll angelegte Produktion, es geht ja darum, dass sich Bill Gates, Elon Musk und Mark Zuckerberg in einer Bar zufällig treffen und über ihre geheimen – oder gar nicht einmal so geheimen – Ideen unterhalten. Nicht reine Phantasie! Vor allem Elon Musk will ja tatsächlich zum Mars, die Erde ist für ihn heruntergewirtschaftet. Es steckt also durchaus etwas Wahres im Stück! Die anderen beiden haben dagegen eher noch die Welt erhaltende oder fördernde Ideen, auch diese Ideen werden von ihnen jeweils im „richtigen Leben“ tatsächlich vertreten. Alle drei Phantasien oder Wünsche treffen hier aufeinander. Das Schöne ist: Sie mögen es alle drei im „richtigen Leben“ ernst damit meinen, hier wird es auf die Schippe genommen, es wird gezeigt, dass vor allem Elon Musks Wunsch, auf dem Mars zu leben, ziemlich absurd erscheint. Die drei begeben sich nämlich auf den Mars, wie man im Laufe des Stückes sieht.

Die Produktion ist dabei insgesamt bei aller Absurdität so schön und „rund“ gemacht, dass ich sie empfehlen möchte! Ganz besonders herrlich sind die schauspielerischen Leistungen der drei „Very Rich Angels“: Christian Löber als Bill Gates, Annette Paulmann als Elon Musk und Elias Krischke als Mark Zuckerberg. Sie sind ein Genuss. Ihre Bewegungen, ihre Äußerungen, ihr Aussehen – herrlich.

Die drei „Very Rich Angels“ treten bei alledem anfangs mit überdimensionierten Köpfen auf – siehe das Beitragsbild oben. Ich dachte im Vorfeld des Abends, hier sei etwas übertrieben produziert worden, ich mag ja gerne schlicht produzierte Inszenierungen. Aber nein: Es passt gut zu den drei „Großkopferten“, wie man in Bayern ja ohnehin sagen würde. Abgesehen davon sind die drei großen Köpfe sehr gelungen, freundlich und ansprechend gestaltet und werden im Laufe des Stückes auch abgelegt.

Insgesamt bezeichnend ist auch schon die Tatsache, dass die drei „Very Rich Angels“ mit ihren überdimensionierten Köpfen und Ideen in einer schlichten und realitätsnah simplen Restaurantlandschaft aufeinandertreffen. Es passt alles gut zusammen, um den insgesamt absurden Charakter der drei Ideen und damit des Abends hervorzubringen.

Bezeichnet wird das Stück als „Musical-Komödie“, es kommt immer wieder zu Musikeinlagen. An „meinem“ Abend hat Jelena Kulic mit ihrer sehr schönen Stimme immer wieder gesungen! An anderen Abenden spielt Madame Nielsen persönlich mit und singt dort auch. Die Mischung zwischen Schauspiel und Musik hat mich jedenfalls durchaus ein wenig an die ebenfalls skurrile Rocky Horror Picture Show erinnert.

Die dänische „Universalkünstlerin“ Madame Nielsen (geboren als Claus Beck-Nielsen) hat den Stücketext geschrieben, Regie hat der in Dänemark – wie es heißt – „gefeierte“ Regisseur Christian Lollike. Sie beide haben sich also etwas Verrücktes, aber Schönes einfallen lassen. Ich kenne mehrere Personen, die sich das Stück gerne noch ein zweites Mal ansehen möchten – vor allem wegen der so guten und ironisierenden schauspielerischen Leistungen!

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele mit weiteren interessanten Inhalten zu den Ideen der drei „Rich Angels“. Ein versöhnlicher Ausklang der Spielzeit, der ich durchaus oftmals kritisch gegenüberstand.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann

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THEATER: Suzie Miller – Prima Facie

Es geht um sexuelle Übergriffe. Sexuelle Übergriffe sind kaum „gerichtsfest“ zu beweisen, außer es geht um eindeutige Fälle. Was kann das Opfer machen? Geht das Rechtssystem zu leicht zulasten des Opfers? Die prozessuale Situation sieht ja so aus: Der Angeklagte kann die Aussage verweigern – oder zumindest sagen, alles sei freiwillig geschehen. Es kommt also fast immer allein auf die teils erniedrigenden Aussagen des Opfers – fast immer der Frau – an. Und der/die Verteidiger/in des Angeklagten nutzt natürlich dabei jede kleinste Unklarheit der Aussage, um das Gericht (in Amerika die Jury) dazu zu bringen, nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ zugunsten des Angeklagten zu entscheiden. Es gibt in diesem Bereich keinen „Prima-facie-Beweis“, also keinen Anscheinsbeweis.

In „Prima Facie“ – einer Inszenierung von Nora Schlocker – erlebt man nun Tessa Ensler, eine „knallharte Strafverteidigerin“ in derartigen Fällen. Auch sie ist immer auf der Suche nach kleinsten Unklarheiten in der Aussage des Opfers oder provoziert solche. Der Kniff des Stückes „Prima Facie“ ist: Tessa Ensler wird plötzlich selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs! Ein Anwaltskollege nach einem Abend mit viel Alkohol … erst Tessas Lust, dann der Übergriff. Und plötzlich erkennt Tessa Ensler höchstselbst die Situation des Opfers vor Gericht, sie hat den Kollegen ja angezeigt.

Meine Eindrücke:

  • Das Bühnenbild ist höchst neutral, schlicht, es ist fast nicht vorhanden. Kistenweise Aktenordner und eine Bettmatratze, mehr nicht. Es bietet keinerlei Vorgaben zum Thema. Gut so, wenn auch doch sehr nüchtern.
  • Tea Ruckpaul ist die Darstellerin von Tessa Ensler in diesem Ein-Personen-Stück. Der „Seitenwechsel“ von Tessa Ensler – der Wechsel in die irrsinnige Opferrolle eines sexuellen Übergriffes vor Gericht – kommt bei Tea Ruckpaul sogar noch fast zu wenig zur Geltung! Ich hatte jedenfalls beim Lesen des Textes noch mehr Beklemmung, empfand die irre prozessuale Situation des Opfers eines sexuellen Übergriffs dort noch deutlicher, als auf der Bühne. Es mag – wenn, dann – an der insgesamt fast „vorsichtig“ zu nennenden Inszenierung von Nora Schlocker liegen, nicht an Tea Ruckpaul. Sie „spielt“ es wunderbar, spielt allerdings ihre Seite der kühlen Strafverteidigerin noch überzeugender als ihre Seite des Opfers einer Vergewaltigung. Es mag allerdings daran liegen, dass es auf der Bühne natürlich kaum Gelegenheit gibt, innezuhalten. Beim Lesen kann man innehalten, blättern, nachdenken … .
  • Und: Der Schwerpunkt von Tessa Enslers Argumentation gegen das bestehende Rechtssystem, das in diesen Fällen fast immer die Frauen belastet oder geradezu abschreckt, liegt unter anderem stark darauf, dass das Rechtssystem meist in früheren Zeiten von Männern geschaffen wurde. Das stimmt sicherlich, ist aber meines Erachtens nicht das Problem. Wie sollte denn ein anderes Rechtssystem aussehen? Vielleicht doch mehr mit Prima Facie (Anscheinsbeweis) arbeiten, sodass auch der Angeklagte aussagen muss? Darüber kann man diskutieren. Die letzten Worte des Abends sind jedenfalls: „Irgendwas muss sich ändern.“

All das zusammen fördert den Bedarf, im Anschluss an das Stück darüber zu diskutieren. Könnte etwas verändert werden?

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website des Münchner Residenztheaters.


Copyright des Beitragsbildes: Birgit Hupfeld

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LITERATUR: Colm Tóibín – Long Island

Der Roman ist die Fortsetzung eines früheren Romans von Colm Tóibín. Die Irin Eilis steht im Mittelpunkt des Romans „Long Island“, so wie sie schon im Roman „Brooklyn“ aus dem Jahr 2009 im Mittelpunkt stand. Aber nicht nur das. Alle Personen um Eilis herum sind in beiden Romanen – „Brooklyn“ und „Long Island“ – die gleichen. Eilis und alle anderen Personen sind in beiden Romanen dieselben Personen mit ihrer Vergangenheit.

Long Island ist ein Roman zum Einen über die Zerrissenheit, die Auswanderer in ihrem Leben erleben (hier: Eilis‘ Leben in Irland in ihrer Kindheit und Jugend und in Amerika in ihrem Erwachsenenleben) und zum Anderen – in dieser speziellen Situation und generell – über den Umgang des Menschen mit der eigenen Vergangenheit: Im ersten Schritt, in „Brooklyn“ wandert Eilis auf Betreiben Ihrer Familie nach Amerika aus. Sie heiratet dort den Amerikaner (italienischer Abstammung) Tony. Dann kehrt sie einmal kurz nach Irland zurück und hat dort eine kurze große Liebesbeziehung zu Jim. Unvermittelt kehrt sie aber nach Amerika zurück. Jim wusste nichts von Tony.

Im zweiten Schritt, in „Long Island“ nun kehrt Eilis – jetzt mit ihren beiden Kindern – über 20 Jahre später erneut nach Irland (zum 85. Geburtstag ihrer Mutter) zurück. Tony bleibt in Amerika, die Beziehung zu Eilis lies die gemeinsame Reise nicht zu, denn Tony bekommt von einer anderen Frau ein Kind. Eilis ist sich insgeheim deshalb nicht einmal sicher, ob sie je wieder nach Amerika zurückkehren wird. In Irland – in „Enniscourthy“, dem Ort, in dem übrigens Colm Tóibín tatsächlich geboren wurde – trifft Eilis dann Jim wieder, die große frühere Liebe!

Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Beides passt nicht mehr zusammen. Das ist der Roman. Vor allem Jim ist hin- und hergerissen. Er hat natürlich seine eigene Gegenwart, mehr als 20 Jahre sind, wie gesagt, vergangen. Er steht jetzt kurz vor der Verlobung mit Nancy. Andererseits ist er jetzt wieder von der großen Liebe zu Eilis befallen. Die Vergangenheit bricht in die Gegenwart ein! So lebt er in diesem Roman zwischen zwei Welten. Was soll er damit machen, dass er wieder zur Liebe zu Eilis gefunden hat? Mehr als zwanzig Jahre später! Und niemand darf etwas davon mitbekommen!

Aber auch Eilis: Sie braucht ihre Zeit für eine Entscheidung und überlegt, wie alles denn in Amerika überhaupt gehen würde, wenn Jim zu ihr käme. Auch ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit passen ja nicht zusammen. Wie sich die Leben weiterentwickeln!

Man könnte oder müsste über das Ende des Romans schreiben. Denn während man das Buch liest und liest, merkt man als Leser, dass man darauf gespannt ist, wie am Ende vor allem Jim die Sache löst bzw. wie die Sache endet. Das ist die gute Technik des Buches, der Spannungsaufbau!

Ich will nicht „spoilern“: HIER AUFHÖREN ZU LESEN UND ERST WEITER UNTEN WEITERLESEN. ICH GEHE IM FOLGENDEN AUF DAS ENDE DES ROMANS EIN:

Das Ende des Romans ist ein wenig unbefriedigend. Jim, der mittlerweile völlig in die Ecke getrieben war (sich selber in die Ecke getrieben hat) zwischen seiner alten großen Liebe Eilis (seiner Vorstellung eines Lebens in Amerika mit ihr) und seiner aktuellen Freundin Nancy, wird am Ende von seinen Freunden und Bekannten spontan in seinem Pub dafür gefeiert, dass er sich angeblich mit Nancy verlobt hat! Er kann es nur über sich ergehen lassen. Er hat sich gar nicht verlobt, Nancy hat es nur behauptet und vorsorglich überall herum erzählt, da sie herausbekommt, dass Jim wieder mit Eilis (früher Nancys bester Freundin) Kontakt hat. Darauf zieht Jim sich von der spontanen Befeierung der Verlobung zurück, er sehnt sich immer noch (letzte Momente des Romans) nach seiner Zukunft mit Eilis. Aber selbst in seinen Vorstellungen kann er nicht mehr erkennen, was Eilis zu ihm sagen würde … Er steht im Hausgang und weiß nur, dass er für Nancy, wenn sie kommt, die Tür öffnen würde … Aber kommt sie? Alles bleibt offen.

HIER GEHTS WEITER:

Colm Tóibín beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit dem großen Thema Gegenwart und Vergangenheit. Als Drehbuchautor verfasste er vor allem gemeinsam mit Volker Schlöndorff das Skript zu dem Spielfilm „Rückkehr nach Montauk“ (2017), der von Max Frischs Erzählung „Montauk“ (auf Long Island!) inspiriert wurde. Auch in „Montauk“ sowie erneut in „Rückkehr nach Montauk“ geht es um das Einbrechen der Vergangenheit in die Gegenwart.

Mein Eindruck: Der Roman „Long Island“ wirkt manchmal etwas gekünstelt, da sich sehr viele Probleme vor allem darum drehen, dass niemand etwas erfahren darf. Eilis’ Mutter nicht, die Kinder nicht, Nancy nicht, kein Mensch im Ort, niemand. So rutscht Jim auch immer mehr in die Klemme. Das wirkt etwas übertrieben. Man kann durchaus an Jim’s Verhalten etwas zweifeln. Genauso gut aber am Verhalten von Eilis.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Übersetzung! Man muss leider immer wieder, immer wieder, kurz genau überlegen, wer im Satz eigentlich mit „sie“ oder „er“ etc. gemeint ist. Das ist etwas hinderlich, ich kreide es der Übersetzung an. Die Übersetzer schreiben sogar falsches Deutsch, wenn sie schreiben „wegen dem …“ statt „wegen des …“. Auch nicht schön. Das Deutsch klingt auch manchmal zu einfach!

Trotzdem: Man folgt einer sich langsam zuspitzenden Geschichte darüber, ob man – aus Liebe – aus der eigenen Gegenwart ausbrechen kann und eine neue Geschichte starten kann. Ein Thema, dass viele von uns betrifft!

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THEATER: Kammerspiele- König:in des Zauderns

Ich mache es so: Am gestrigen Freitag habe ich die erste der beiden aktuellen Vorstellungen von „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen (Werkraum) gesehen, am morgigen Sonntag werde ich im Residenztheater „Prima Facie“ sehen (und darüber schreiben).

Zu König:in des Zauderns:

Es ist eine thematische Zusammenführung von Shakespeares „Hamlet“ und Disneys „Der König der Löwen“, mit Blick auf das Zaudern im Leben. „Hamlet“ diente tatsächlich bei der Entwicklung des Films „Der König der Löwen“ als Vorlage. Dauer des Stückes etwa eine Stunde, gespielt wird es von den drei sympathischen jungen behinderten, beeinträchtigten Schauspieler:innen Johanna Kappauf (kognitive Beeinträchtigung), Dennis Fell-Hernandez (Down-Syndrom) und Ahmad Alsahli (sehbeeinträchtigt oder blind). Johanna Kappauf und Dennis Fell-Hernandez kennt man aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele. Hinzu kommt Ahmad Alsahli, er ist nicht im Ensemble der Kammerspiele, ist aber bei den Kammerspielen auch nicht als Gast genannt. (?)

Es ist ein berührender und durchaus auch nachdenklich stimmender Abend (Regie Nele Jahnke), an dem man den drei jungen Schauspieler:innen die Spielfreude und ihre Überzeugung anmerkt. Das Stück zeigt thematisch den positiven Aspekt des Zauderns im Leben. Bedeutet: Zaudern (Hamlet!) ist mehr als ein sich-nicht-entscheiden-können, es ist nachdenken – Alternativen erkennen – nicht vorschnell aus den vorgegebenen Lösungswegen auswählen – andere Wege sehen …

Zu Beginn betritt und befühlt man die Bühne, sie wird dann genau geschildert, wohl auch angesichts manch blinder Zuschauer im Werkraumtheater. Man bekommt sogar zu Beginn kleine Holzbrettchen mit aufgeklebten kleinen Mustern der Bodenbeläge des Theaterbodens.

So ist es ein sehr gelungener Abend von beeinträchtigten Menschen nicht nur für beeinträchtigte Menschen, sondern gerade auch für alle ohne Beeinträchtigung. Eine schöne und in jedem Fall lohnende Zusammenführung, die sich die Münchner Kammerspiele ja seit einiger Zeit auch auf die Fahnen schreiben! Genau dieser Zusammenführung von abled und disabled sollte man sich hingeben, nicht nur – aber auch – dem EM-Finale!

„Prima Facie“ im Residenztheater HIER und „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen HIER.

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

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THEATER: Verrückt nach Trost

Man wird das Stück auch künftig noch auf der ein oder anderen Bühne sehen können (siehe unten) – deswegen schreibe ich über diesen Abend kurz. Es ist wieder einmal eine recht breit angelegte Koproduktion von Thorsten Lensing. Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Sophiensæle Berlin, Kampnagel Hamburg, Theater Chur, asphalt Festival Düsseldorf, Theater im Pumpenhaus Münster, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main und gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds Berlin und der Stadt Münster.

Thorsten Lensing ist Theaterfreunden vor allem mit seinem Stück „Unendlicher Spaß“ nach dem gleichnamigen Roman von David Foster Wallace bekannt geworden. Die Produktion war 2019 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Zu „Verrückt nach Trost“:

Es ist ein Stück über unser aller Leben. Von der Kindheit bis zum hohen Alter sieht man – mit den vier wunderbaren Schauspielern Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi und Devid Striesow – zum Großteil alltägliche Szenen, hört Dialoge, Bemerkungen und immer wieder blitzen dabei hintergründige Gedanken auf. Anders als bei René Pollesch, etwa bei dessen insoweit durchgehend viel melancholischerem, eher verzweifelten Stück „Kill Your Darlings“ (hoffentlich hat es jeder gesehen, es war bis Ende Mai in der Mediathek von 3sat zusehen) kommt bei Lensing nicht große Melancholie zum Tragen, sondern eher ab und an einfach Nachdenklichkeit über das, was wir leben. Auch fiktive Gespräche – etwa mit einem Oktopus – dienen dazu, sich mit unserem Leben auseinanderzusetzen. Auch Gedanken dazu, wie falsch wir leben, wie rücksichtslos. So kommt es immer wieder zu Nachdenklichkeiten, die aber m. E. leider zu oft eher mit fast kitschig anmutenden (weil nur kurz dahingesagten) „allgemeinen“ Kalendersprüchen oder Gedanken über das Leben bedient werden. Schade, einige dieser Gedanken hätten weit mehr verdient gehabt, sie bilden schließlich den Kern der Produktion. Und ich vermute, sie haben teils durchaus persönliche Hintergründe bei Thorsten Lensing. Nach der 20-minütigen Pause allerdings kam es zu längeren Dialogen, dort gewinnen die „Lebensgedanken“ dann etwas mehr an Bedeutung.

Die Produktion „Verrückt nach Trost“ dauerte aber über 3 Stunden, es war eben kein Platz mehr. Man kann nicht alles haben.

Sehenswert an dieser insoweit doch eher humorvollen Produktion, die für den Zuschauer eben nicht mit einem schweren Gedanken hängen bleibt, … sehenswert also waren vor allem sie, die drei so bekannten Schauspieler und die Schauspielerin: Sebastian Blomberg, André Jung, Devid Striesow und Ursina Lardi. Alle vier großartig, sehenswert! Wunderbar, wie sie immer wieder in verschiedene Rollen schlüpfen und alles mit so großer Spielfreude und Humor darbieten. Sie hatten den begeisterten Jubel der ZuschauerInnen am Ende verdient! Der Abend endet mit Ursula Lardi als alter Frau: „Wir werden alle erlöst!“ Diese Ernsthaftigkeit blieb am Abend, wie gesagt, insgesamt eher versteckt, verborgen im Hintergrund. Man kann oder soll an diesem Abend die Dinge eben vorrangig doch eher mit Humor tragen!

Mehr schreibe ich hier nicht, die weiteren Termine liegen noch etwas in der Ferne:

  • Mittwoch, 13.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.
  • Donnerstag, 14.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.
  • Freitag, 15.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.  
  • Samstag, 16.11.2024. 19:00–22:30. Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.

HIER der Link zur Produktionseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Armin Smailovic

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MUSIK: Vaja Con Dios – What‘s a Woman

Auch der Songtext – hier auf Deutsch – ist schön. Eine schwer enttäuschte Liebe:

Was ist schon eine Frau, wenn der Mann
ihr nicht zur Seite steht
Was ist schon eine Frau, wenn der Mann
Geheimnisse vor ihr versteckt hält

Sie wird schwach sein
Sie wird stark sein
Sie wird mit sich hart kämpfen müssen
für lange Zeit

Was ist schon eine Frau wenn ein Mann
sich nicht an Regeln hält
(Was ist schon ein Mann ohne eine Frau)
Was ist schon eine Frau wenn der Mann
sie wie eine Närrin aussehen lässt und ihr das Gefühl gibt auch eine zu sein
(Was ist schon ein Mann ohne eine Frau)

Wenn alles was bisher richtig war
plötzlich falsch ist
Wird sie versuchen

sich an den Geistern des Gestern festzuklammern
Wenn die Liebe die so lange halten sollte
Träume der Vergangenheit
plötzlich schnell verblassen

Ganz alleine
Im Dunkel
Wird sie sich schwören
sich niemals wieder fehlleiten zu lassen

All diese Träume der Vergangenheit
verblassten so schnell
all die Geister der Vergangenheit
all die Liebe die halten sollte

Ganz allein
Im Dunkel
wird sie sich schwören
Niemals wieder

wird ihr Herz verletzt
niemals wieder

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THEATER: Akademietheater – Kassandra

Ich hatte diesmal vage Erwartungen an das Stück Kassandra. Erwartungen sind immer gefährlich! Es hieß, es sei eine Inszenierung auch auf Basis des wunderbaren Romans „Kassandra“ von Christa Wolf. In diesem Roman schildert Christa Wolf all das, was sich die Trojanerin Kassandra als Beute des Siegers Agamemnon im Wagen sitzend auf dem Weg durch die Menschenmassen Richtung Agamemnons Heimatstadt dachte. Es heißt in der Ankündigung: Schauspiel-Studierende der Bayerischen Theaterakademie August Everding präsentieren KASSANDRA – Echos aus Troja.

Sicherlich kommt auch in Christa Wolfs so lesenswertem Roman „Kassandra“ stückweise die gesamte Geschichte des Trojakrieges und der daran beteiligten Personen zur Sprache. Aber eben alles allein Aussicht von Kassandra. Das ist das Besondere dieses Romans. Dieses Besondere des Romans fand sich leider – so mein Eindruck – in der Inszenierung von Kassandra am Akademietheater sehr wenig. Die Inszenierung (eine Inszenierung von Thomas Lettow, Schauspieler des Münchner Residenztheaters) legte ihren Schwerpunkt doch eher auf die neutrale Historie des bekannten Trojakriegs, nicht aber auf Kassandras so subjektive Gedankenwelt. Schade.

So blieb es auch nicht aus, dass alle relevanten griechischen und trojanischen Personen (alle im Großen und Ganzen relevanten Beteiligten kommen vor, werden erwähnt) so dargestellt wurden, wie man es leider gewohnt ist: Oft etwas bemalt, von der „normalen“ Welt irgendwie enthoben, recht laut und bedeutungsschwanger redend, heroisch, tragisch, geölte Haare nach hinten, alle Augen dunkel gezeichnet, in einheitliche Gewänder gekleidet, eben aus einer fernen Welt. Schade, mein Eindruck des Romans Kassandra von Christa Wolf ist derjenige, dass sie für sich alles sehr subjektiv als ein ganz natürliches Geschehen überdenkt. Andererseits: So „pauschal“ werden sie allesamt auch schon im Residenztheater in der Inszenierung „Agamemnon“ gezeigt. Thomas Lettow spielt dort übrigens Agamemnon. Vielleicht hat er es unbewusst etwas übernommen.

Die so guten schauspielerischen Leistungen aller jungen Schauspieler und Schauspielerinnen der August Everding Theaterakademie gingen für mich daher leider in diesem zu pauschalen Bild des antiken Griechenlands unter. Ich hatte Sensibleres erwartet, erhofft, was aber sicherlich auch schwer ist in punkto „Trojakrieg“. Zumindest Christa Wolf ist es gelungen.

Ob das Stück etwa im Herbst nochmals an der Theaterakademie gezeigt wird, steht noch nicht fest. Zusammen mit Agamemnon und Athena am Residenztheater ließe sich so jedenfalls ein schönes Dreierpaket schnüren. Die schöne Bühne des Akademietheaters lohnt sich allemal!

Hier noch ein Foto:

Copyright der Fotos: Cordula Treml

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THEATER: Residenztheater -Athena

Im Marstalltheater, der schönen Werkstattbühne des Residenztheaters, ist derzeit eine als „Installation“ bezeichnete Produktion mit dem Titel „Athena“ zu sehen. „Inszenierung“ Robert Borgmann. Auch Athena ist Troja. Sie ist Ende der alten und Anfang einer neuen Zeit. Die Inszenierung Athena ist sehr eigenwillig, sehr subjektiv, nicht leicht zu verstehen, symbolhaft, nachdenklich, aber kunstvoll. Athena – ein Wendepunkt im Verhalten der Menschen.

Athena ist die Göttin, zu der Orestes flieht, der wieder einmal von den Rachegöttinnen, den Erinnyen, verfolgt wurde. Athena soll Orestes helfen. Orestes hat ja aus Rache seine eigene Mutter Klytaimnestra getötet, das soll natürlich auch wieder gerächt werden. Klytaimnestra hatte aber zuvor Orestes Vater Agamemnon getötet. Auch aus Rache, weil Agamemnon ja vor dem 10-jährigen Troja-Krieg die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hatte – um günstigen Fahrtwind nach Troja zu bekommen! Schuld und Rache, immer weiter, immer weiter. Über 400 Jahre vor Christus. … Und dann kam Athena.

Aischylos hatte es so schon in seiner Trilogie „Orestie“ geschrieben „Athena“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Bei Aischylos heißt dieser dritte Teil „Eumeniden“. Die Rachegöttinnen Erynnien nennen sich nämlich ab da die Eumeniden, die Wohlwollenden. Der erste Teil der Orestie heißt „Agamemnon“, er wird derzeit auch am Residenztheater gebracht. Von Ulrich Rasche, sehr einhämmernd, mir war es too much. HIER mein damaliger Beitrag. Der zweite Teil der Aischylos-Trilogie heißt „Choephoren“, auch er wird derzeit am Residenztheater als Inszenierung von „Die Fliegen“ von Elsa-Sophie Jach gebracht. Jean-Paul Sartres moderne Fassung dieses Orestieteils.

Athena hat also tatsächlich das ewige System von Rache und Gegenrache beendet. Rache und Gegenrache basierten eigentlich immer auf dem Einfluss der Götter. Und was die Götter befahlen, machte man eben. Athena sagte jetzt aber zum ersten Mal: „Nein, ich werde es nicht weiter entscheiden. Ihr Menschen müsst selber entscheiden!“ Der Wendepunkt im Verhalten der Menschheit! Ein Schritt auf dem Weg zur „attischen Demokratie“, die nicht viel später entstand! In der attischen Demokratie gab es dann erstmals Gerichte, die über Straftaten entschieden! Also hängt Troja mit der Entstehung des Gerichtswesens zusammen! Und somit mit unserer Zeit!

Die Inszenierung von „Athena“ im Marstalltheater hat selber drei Teile. 1. Orestes – 2. Athena – 3. Familie (Klytaimnestra, Agamemnon, Iphigenie, Orestes, seine Schwester Elektra, auch Kassandra). Kassandra war auch Teil der Trojageschichte. Das Münchner Akademietheater zeigte kürzlich das Stück „Kassandra“. Auch darüber schreibe ich noch.

In der sehr symbolhaften Inszenierung „Athena“ sind die gerade genannten Figuren nicht immer klar zu erkennen. Es gibt Doppelrollen. Auch das Bühnengeschehen ist in vielen Einzelheiten nicht unbedingt verständlich. Warum wird schwarzer Wackelpudding gegessen? Warum schwarzes Wasser getrunken? Die Farbe der Rache? Des Systems der Rache? Warum zieht Orestes am Ende einen brennenden Stuhl über die Bühne? Warum der verzweifelte Schrei: „Ich bin ein Mensch!“ Viele viele Einzelheiten, zu denen sich Regisseur viele Gedanken gemacht haben wird, klare Aussagen sehen wird, sie sind aber oft etwas schwer verständlich. Man muss aber auch nicht immer alles verstehen. Man versteht einiges und kann und sollte sich mit einem gewissen Vorwissen über den inhaltlichen Hintergrund zu Einigem etwas denken. Etwa Orestes (Tiemo Strutzenberger) – immer wieder liegend im Gummiboot, das im Wasser treibt, im Wasser, das fast den ganzen Abend lang die Bühne knöcheltief füllt. Wasser, das Element des Menschen? Das Element der Unsicherheit? Des Schicksals, in dem der Mensch watet? Orestes im Boot – der Ankommende? Der Treibende, der Flüchtende, der Flüchtling? Moderne Assoziation? Suchen Flüchtlinge Gerechtigkeit? Man kann sich schöne Dinge überlegen!

Man lässt sich also ein auf eine „musiktheatrale Installation“, die man überdenken muss. Zu der man sich sein Bild machen kann. Vor dem Hintergrund: Athena hat die Welt verändert und alles hängt mit allem zusammen!

Hier noch ein Foto:


HIER der Link zur Seite der Produktion auf der Website des Münchner Residenztheaters.

Copyright der Fotos: Sandra Then

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Musik: TUNE – DJ Nigga Fox, Márcio Matos, NWAKKE

Ein kurzer Hinweis: In der Westgalerie des Hauses der Kunst geht es an diesem Wochenende (Samstag Abend) weiter mit der Reihe TUNE. Diesmal mit tiefem rhythmischen Sound, der wie eine Massage in den Körper geht. Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich sagen: Ich habe wieder einen tollen Abend im P1 erlebt! Besser noch! In dieser so weiten und hohen Halle – in dieser Lautstärke – in dieser Clubatmosphäre – mit diesen Bässen – in dieser Art, wie der Bassrhythmus den Körper erzittern ließ.

Es gibt übrigens im Haus der Kunst derzeit eine Ausstellung „Glamour und Geschichte – 40 Jahre, P1“! HIER der Link. Dort heißt es so schön: Wenn im P1 ein junger Mann auf der Tanzfläche ausflippte und man dachte: Der sieht aus wie Mick Jagger. Dann war es Mick Jagger.

Gestern:

Es heißt: „TUNE ist eine Serie kurzer Soundresidencies am Haus der Kunst, angesiedelt zwischen den Feldern Sound, Musik und visueller Kunst. Die eingeladenen Künstler*innen arbeiten genre-, epochen- und stilübergreifend und schaffen klangliche Beiträge, die im Dialog mit dem aktuellen Programm des Haus der Kunst stehen.“ (Website des Hauses der Kunst, HIER).

Hingehen und für eine Stunde wieder etwas sehr Cooles erleben.

Nach der Sommerpause wird es weitergehen:

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Ballett: Duato/Skeels/Eyal

Die großen Häuser des klassischen Balletts geben dem modernen Ballett schon lange seinen Raum, zumal man hierzu sagenhafte Inszenierungen sehen kann. So gibt es zurzeit wieder am Bayerischen Staatsballett einen Abend modernen Balletts.

Ich hatte kürzlich über das wahrlich faszinierende Gastspiel von Peeping Tom am Bayerischen Staatsballett geschrieben. Es war tänzerisch und besonders von der Gesamtchoreografie her ein ganz erstaunliches Gesamtkunstwerk. HIER der Link. Jetzt hatte ich Gelegenheit, auch Duato/Skeels/Eyal am Bayerischen Staatsballett zu sehen. Ende Juni und im November wird es wieder gezeigt. HIER der Link zur Seite der Produktion „Duato/Skeels/Eyal“ auf der Website des Bayerischen Staatsballetts mit interessanten Trailern und Videos.

Hier ein Trailer:

Wieder einmal spürt man die Vielfalt und gleichzeitig Hochklassigkeit des modernen Balletts. Mehr Vielfalt wohl als beim klassischen Ballett (ich bin kein Spezialist für klassisches Ballett), das doch deutlicher an bestimmte Varianten/Methoden des Tanzes gebunden zu sein scheint. Man wird an diesem Abend in drei Welten hineingezogen. Vor der Vielfalt der Möglichkeiten, mit denen nicht Sprache, sondern Körper, Bewegung und Choreografie es schaffen, verschiedenste Ausdrücke zu erzeugen und Geschichten zu erzählen, gepaart mit absolut hochgradiger Ballettkunst, kann man wieder einmal nur den Hut ziehen. Das ist es, was mir am modernen Ballett gefällt. So war auch mein Eindruck am Abend Duato/Skeels/Eyal. Es sind, wie gesagt, drei Teile, Teil zwei und Teil drei besonders waren großartig!

Teil eins des Abends (White Darkness von Nacho Duato) war noch am ehesten geprägt von einer gewissen Bindung an das klassische Ballett durch seine doch recht stark Mann-Frau-zentrierte Darstellung. Fast etwas plakativ ging es Nacho Duato um den Drogentod einer seiner Schwestern. Man hatte den Eindruck, die Tänzer waren sehr stark in der Rolle, die Tänzerinnen zu führen. Diese eher klassische Herangehensweise ist bei Duato gut nachvollziehbar, er pendelte in seinem Leben teils zwischen klassischem Ballett und modernem Ballett. Seine erste Choreografie hatte er am NDT!

Etwas einseitig wirkte White Darkness daher fast im Vergleich zu den anderen beiden Teilen, die auch jünger sind. White Darkness ist eine Choreografie aus dem Jahre 2001, während Chasm von Andrew Skeels seine Uraufführung am Bay. Nationaltheater im April 2024 und Autodance von Sharon Eyal seine Uraufführung in 2018 hatten. Die Einseitigkeit scheint der Hintergrundgeschichte der Choreografie geschuldet, dem Tod einer der Schwestern von Nacho Duato. Weißer Sand rieselt mehrfach auf die Bühne, im Schlussbild „vergeht“ eine Tänzerin im rieselnden weißen Schnee – der Droge! Starke Bilder, Duato ist ein Fan der Lichteffekte. Teil zwei und Teil drei des Abends sind dagegen ganz besonders sehenswert. Die Pausen zu Teil zwei und drei lohnen sich.

Ein Foto zu Teil 1:

Copyright: Nicholas MacKay

In Teil zwei (Chasm von Andrew Skeels) ist ein Science Fiction Szenario. Der Zuschauer wird durch eine beeindruckende Choreografie in absolut ferne Zukunft geführt. Der Mensch lebt nach totaler Zerstörung der Erde in einer anderen Welt, hat sich auf eine andere Lebensform zurückziehen müssen, lebt in Höhlen, ist mittlerweile körperlich angepasst. Er muss und will wegen weiterer Änderungen der Lebensgrundlagen die Höhle verlassen und findet – über „Rituale“ – den Ausgang durch einen Riss. Das letzte Stückchen Hoffnung. Es wird eine insgesamt bedrückende Atmosphäre geschaffen durch Tanz, Bewegung und Choreografie. Eine Atmosphäre, die fremd ist und Bestürzung hinterlässt.

Ein Foto zu Teil 2:

Copyright: W. Hösl

Zu Teil drei (Autodance von Sharon Eyal) wird dem Zuschauer empfohlen, wegen der lauten Musik Ohrstöpsel zu verwenden. Gerade ohne Ohrstöpsel war es absolut beeindruckend! Clubkultur vermischt sich mit phantastischem Ballett. Man fühlte sich bei den harten Rhythmen der „Musik“ einerseits ins Münchner P 1 versetzt (Musik: Ori Lichtik), sehr modern, zeitlos. Die israelische Choreografin Sharon Eyal ist bekannt für rave-artige, extatische Gruppenstücke. Großartige oft schrittartige Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen zeigen Kontrolle und Extase zugleich, der Zuschauer wird der Möglichkeit einer genauen Interpretation und Orientierung dessen, was er sieht, entzogen. Auch hier entsteht eine fantastische Atmosphäre durch die tosende Musik (eher ein rhythmisches lautes Stakkato) einerseits und die körperlich so brillanten Bewegungen, die teils fast in Widerspruch stehen zum heftigen Club-Rhythmus, ruhiger, nicht ausgelassen und wirr sind Allein die Gangbewegungen, von denen alles ausgeht, zunächst einzeln, dann mehr und mehr in der Gruppe. Man merkte, dass es tänzerisch schlicht hochklassig war!

Ein Foto zu Teil 3:

Copyright: Nicholas MacKay

Copyright des Beitragsbildes: Nicholas MacKay

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FILM: Anja Salomonowitz – Mit einem Tiger schlafen

Birgit Minichmayr: Sie ist neben ihren Filmarbeiten seit der Spielzeit 2019/20 (wieder) festes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Derzeit spielt sie am Burgtheater in den Inszenierungen „Maria Stuart“ (von Friedrich Schiller, Regie Martin Kušej) und „Heldenplatz“ (von Thomas Bernhard, Regie Frank Castorp). Von 2011 bis 2016 war sie ja Mitglied des Ensembles des Münchner Residenztheaters. Intendant des Residenztheaters war damals übrigens Martin Kušej, der heute wiederum Intendant des Wiener Burgtheater ist! Überhaupt: Birgit Minichmayer ist … Österreicherin, Maria Lassnig war … Österreicherin, Josef Hader ist … Österreicher, Martin Kušej ist … Österreicher …, auch Anja Salomonowitz ist … Österreicherin.

Nun, der Film „Mit einem Tiger schlafen“ ist im Grunde eine Einzelleistung von Birgit Minichmayr. Denn der Film zeigt Maria Lassnig (Birgit Minichmayer) vor allem so, wie sie offenbar gelebt hat: Allein! Man folgt dementsprechend teils extrem langsamen – schönen – keinesfalls „knalligen“ Bildeinstellungen. Maria Lassnig – in all ihren Lebensphasen eben gespielt von Birgit Minichmayr – hat offenbar nur wenige Menschen um sich herum gehabt. Sie lebte allein und zurückgezogen, sieht man zumindest im Film, lebte einfach, lebte distanziert gegenüber dem Kunstbetrieb. Sie lebte anscheinend FÜR ihre oder geradezu WEGEN ihrer Kunst! Ihr Leben war fast wie ein Gesamtexperiment zur Frage: Was kommt heraus, wenn ich mich in meinem Leben nur darum kümmere, wie ich meine Gefühle in Bildern ausdrücken kann. Könnte man bei diesem Film meinen.

Andererseits: Sie hat vielleicht doch irgendwie auch Wert drauf gelegt, Erfolg zu haben, lebte ein paar Jahre in Amerika! Sie lernte auch bekannte Persönlichkeiten der Kunstszene kennen, etwa Valie Export. Insoweit zeigt der Film sicherlich nur einen Ausschnitt aus ihrem Leben, eine Seite ihres Lebens. Der Film erhebt keinerlei Anspruch auf eine vollständige Abbildung ihres Lebens. Es ist nicht eine Biografie, es ist ein Ausschnitt, ein BioPic. Nach ihren Jahren in New York kehrte sie wieder nach Österreich zurück. Dort wurde sie zur teuersten österreichischen Künstlerin! Sie lebte auch einige Jahre mit Arnulf Rainer zusammen – dessen Kunst ich zum Teil sehr schätze!

Die oben genannte Frage aber (Was kommt heraus, wenn ich mich in meinem Leben allein darum kümmere, wie ich meine Gefühle in Bildern ausdrücke?) hat sie und vor allem ihre Kunst geprägt. Diese Frage wird sich kaum jemand so stellen, wie Marie Lassnig sie sich gestellt hatte. Bei Maria Lassnig war es wohl geradezu ein innerer Drang! Stundenlang saß oder lag sie da, um „sich zu spüren“, mehr nicht. Sie hatte schon als Kind gemerkt, dass sie von der Kunst und der Farbgebung von allem um sie herum angezogen war.

Sie war auch einfach talentiert, wie schon ihre Mutter früh feststellte. Maria Lassnig hat bei alledem sicherlich nicht „entschieden“, irgendwie „Kunst zu machen“, erfolgreich zu werden. Sie hat auch ihren Wohlstand nie gelebt, im Gegenteil, ihr Leben blieb durch und durch spartanisch. Sie ist wohl eher einem inneren Drang gefolgt – so distanziert, wie sie (gemäß Film) allem gegenüber gelebt hat. Sie musste wohl so leben, wie sie lebte, hat man den Eindruck. Nur sich und ihre Kunst, ihre Gefühlswelt, hatte sie vor Augen! Ob Maria Lassnig der Film gefallen hätte, weiß man allerdings leider nicht.

Es ist ein interessanter und schöner Film! Interessant ist er, weil er Verständnis für das manchmal so einseitige Leben eines Künstlers/einerKünstlerin und der Einstellung zu seiner/ihrer Kunst verschafft. Schön ist er, weil er so zentriert und filmisch so ruhig und unaufgeregt ist.

Der Film wird vor allem auch im wunderbar altmodischen Theatinerkino im Münchner Zentrum (Theatinerstraße) gezeigt. Auch das lohnt sich.

Hier ein Trailer:

HIER der Link zur Website von Anja Salomonowitz.

Hier ein Gespräch mit Anja Salomonowitz über den Film mit einigen Filmausschnitten:


Copyright des Beitragsbildes: Standbild aus dem Trailer

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THEATER: 3sat – Starke Stücke

HIER der Link zur Mediathek von 3sat. (Unten finden sich jeweils die Links zu den einzelnen Produktionen)

Gezeigt werden:

  • „Laios“ ab sofort bis 30.08.2024
  • „Macbeth“ ab sofort bis 30.08.2024
  • „Bucket List“ ab sofort bis 01.05.2027 (!).

Im Einzelnen:

LAIOS: Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

„Laios“ ist der zweite Teil des Antiken-Marathons „Anthropolis“ und das Prequel zu „Ödipus“. Wer war Ödipus‘ Vater, König Laios von Theben? Die Geschichte wiederholt sich: Das Schicksal von Vater und Sohn ist gar nicht so unterschiedlich, beider Kindheit ist von Gewalt und Ablehnung geprägt. Laios musste aus Angst um sein Leben schon als Kind Theben verlassen und ins Exil gehen. Als aber Jahre später kein Thronanwärter mehr übrig war, die Zeiten waren blutig, kehrt er in seine Heimatstadt zurück. Zu seiner Königin macht er Iokaste. Eine fast stürmische Love-Story, so scheint es, doch das Paar steht unter keinem guten Stern. Die Weissagung der Seherin Pythia verbietet dem Königspaar Nachkommen zu zeugen. Doch schließlich wird der kleine Ödipus geboren und der Kreislauf der Gewalt startet von Neuem. (Zusammenfassung von 3sat auf deren Website/Mediathek).

HIER der direkte Link zum Stück „Laios“ in der 3sat-Mediathek.

MACBETH: Inszenierung am Schauspielhaus Bochum.

Brutal und skrupellos machen sich er und seine Frau, Lady Macbeth, daran die Prophezeiung wahr werden zu lassen. Alle, die der Königskrone im Weg stehen, werden nach und nach kaltblütig beseitigt. Von Machtwillen zerfressen wird das Fundament auf dem Herrscher und Herrscherin ruhen immer brüchiger, beider Seelenzustand verfinstert sich, die Weissagung stellt sich als Fluch heraus. Die errungene Macht hat Paranoia im Schlepptau. (Zusammenfassung von 3sat auf deren Website/Mediathek).

HIER der direkte Link zum Stück „Macbeth“ in der 3sat-Mediathek.

BUCKET LIST: Inszenierung an der Schaubühne Berlin.

„Ein Mann erwacht eines Tages und alles ist anders. Ein Käfer, wie in „Die Verwandlung“ von Franz Kafka, ist er zwar nicht, aber die Welt um ihn herum könnte ihm fremder nicht sein. In einer dystopischen nahen Zukunft verspricht ein dubioses Start-up namens „Zeitgeist“ die volle Kontrolle über das eigene Gedächtnis, erinnern wird optional. Traumatische Erinnerungen sollen sogar ganz gelöscht werden können. Doch es gibt einen Haken. (Zusammenfassung von 3sat auf deren Website/Mediathek).

HIER der direkte Link zum Stück „Bucket List“ in der 3sat-Mediathek.

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THEATER: Elfriede Jelinek – Asche

„Asche“ ist thematisch wahrlich nicht humorvoll. Der Untergang unserer Erde, der nahende eigene Tod, der erlebte Tod ihres Lebensgefährten – Elfriede Jelinek verbindet diese drei düsteren Themen zu einem eher verzweifelten persönlichen Text. Warum verbindet Elfriede Jelinek diese Themen? Vielleicht verbindet sie sie – die persönlichen Themen (das Altern und der Tod) mit dem globalen Thema (Zerstörung der Erde) -, um zu zeigen, dass uns alle im Grunde diese drei Themen betreffen, jeden von uns! Es heißt ja bei ihr auch mit Blick auf die Zerstörung der Erde: „Wir waren böse Gäste“. Wir, also jeder. Und sie sagt: Der Mensch müsste sich ändern – der Mensch, also jeder – er kann es aber nicht! Wir gehen immer weiter im Kreis, bis alles kaputt ist, zu Asche wird! Und zum Thema der Alterung: „Auch ich, Elfriede Jelinek, war Gast und muss bald gehen“, sagt sie mit ihrem Text „Asche“ sinngemäß. Das zum persönlichen Thema.

So einfach bleibt es aber nicht einmal. Elfriede Jelinek schreibt in „Asche“ auch über Gott oder die Götter (in Anlehnung an die antike Mythologie). War erst Gott da (oder die Götter) oder waren erst die Elemente Wasser, Luft, Feuer und Erde da, überlegt sie. Warum das? Es kommen – typisch für sie – weitere teils abstruse Gedanken zum Ausdruck – der vollkommene Körper, ein anderer Planet, etc. Auch da fragt man sich manchmal: Warum? Man sollte – wenn möglich – den schwierigen Text lesen! Sonst geht selbst bei Betrachtung der Inszenierung manches unter – was kaum zu vermeiden ist.

Einiges geht allerdings – Stichwort: „kaum zu vermeiden“ – vielleicht auch wegen nicht deutlich genug gemachter „Sensibilität“ für den Jelinek-Text auf der Bühne unter. Falk Richters Inszenierung legt viel auf Jelineks „Textfläche“ drauf. Textfläche wie eine Plastikplane. Es bleibt damit eine Textfläche, die man schwer greifen kann. Künstliche Intelligenz, sprechende Avatare, Aufteilung des Textes auf mehrere SchauspielerInnen, Chaos auf der Bühne, Plastikmüll, Elfriede Jelineks Person selbst wird dargestellt, und und und, all das hilft ein wenig, den Text annähernd zu verstehen. Eine bekannte Methode bei Texten von Elfriede Jelinek. Es wird aber andererseits ein Bühnenspektakel. Ich hatte den Eindruck, dass der Inszenierung dadurch etwas fehlte: Ruhe und Verbitterung, Traurigkeit. Hilflosigkeit. So waren die vielleicht eindrücklichsten Momente der Inszenierung die stillen Momente, die Bühnenmomente teils ohne Schauspieler/Schauspielerin. Etwa, wenn auf der großen – über die ganze Bühnenbreite gespannten – Videofläche schnelle Bilder der Zerstörung und des Wütens der Erde gezeigt werden. Zur Musik übrigens von Matthias Grübel, der ja zuletzt schon die Musik zur Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks Text „Am Königsweg“ gemacht hatte, die damals zum Berliner Theatertreffen 2019 eingeladen war.

Die Schönheit der Natur wird übrigens völlig an den Rand gedrängt, wird allenfalls kurz per Video eingeblendet oder ist auf dem Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich zu sehen, das längere Zeit auf der Bühne steht. Mehr nicht. Es ist ja schon zu spät. Auf der Bühne ist alles vermüllt, Plastik liegt herum, grelle Farben. Ein trostloser Eindruck.

Der Schauspieler Lars Eidinger sagte kürzlich in der SZ: „Die Welt geht gar nicht unter, sie ist schon untergegangen“. Das sieht Elfriede Jelinek wahrscheinlich auch so. Und selbst wenn wir etwas ändern wollen, wir drehen uns also im Kreis, sagt sie. Kommen immer wieder an denselben Punkt. Und sie nimmt eben ihr Altern und den Tod des Lebensgefährten zum Aufhänger.

Interessanterweise hat Lars Eidinger übrigens kürzlich den Film „Sterben“ produziert, ein Film über das Sterben. HIER ein Trailer dazu.

Im kommenden Jahr wird der Text „Asche“ auch – soviel ist bis jetzt bekannt – am Staatstheater Hannover und am Thalia Theater in Hamburg inszeniert werden. Es wird spannend werden zu sehen, wie der Text dort jeweils umgesetzt wird.

Schauspielerisch findet in München am ehesten Thomas Schmauser zur großen Melancholie der Themen von „Asche“. Das kann er einfach! Die übrige Besetzung … gut wieder, aber irgendwie auch nur auf Jelineks „Textfläche“ gelegt.

Der Abend an den Kammerspielen endete mit dem Thema des Alterns, nicht mit dem Thema der Zerstörung der Erde. Auch das ist fatal. Zum Thema des Alterns: Die Anstrengung, den eigenen Tod aufzuhalten, ist sicher sinnlos. Zum Thema der Zerstörung der Erde: Die Anstrengung, das Ende der Welt aufzuhalten, könnte noch Sinn machen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber – und da muss man Elfriede Jelinek Recht geben – nur hoffen ist sicher zu wenig. Deswegen ist ihre düstere Sichtweise ohne jeden Funken Hoffnung sehr verständlich und gut! Die Inszenierung hätte daher mehr verdient gehabt als ein Bühnenspektakel, das es irgendwie zu sein versucht.

HIER der Link zur Stückeseite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Hier noch ein Bild aus der Inszenierung:

Copyright der Bilder: Maurice Korbel

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BALLETT: Peeping Tom – Triptych

Zunächst: Zu sagen, „Es war grandios“, würde der Sache nicht gerecht werden. Gut, es gab Jubel und Standing Ovations am Ende, die Äußerung klänge aber wie „Es war eine großartige Leistung“ und damit klänge es auch irgendwie herablassend. Als hätte man ja als „ZuschauerIn“ auch einmal das Recht oder den Anspruch auf eine so tolle Leistung, dort im großen edlen Zuschauerraum des Nationaltheaters sitzend. So ist es aber nicht! Es war so: Ich habe so etwas noch nicht gesehen und möchte das so Besondere an diesem Abend anerkennen, respektieren, bewundern. Ich müsste daher eher sagen: „Danke, es war wahrlich ein Gesamtkunstwerk!“. Jede Person, die Bühne, das Licht, die Szenen, die Bewegungen …

Was ist Traum – was ist Wirklichkeit? Was ist bewusst – was ist unbewusst? Das waren die Fragen, die sich am Abend ständig stellten. Es war nicht Ballett wie man es kennt, klassisches Ballett schon garnicht! Es war eine permanente Mischung aus „wortlosem“ Theater und unglaublichem Ballett/Akrobatik. In unglaublichen, ständig teils realen, wirklichen und sofort wieder unwirklichen Szenen. Es war inhaltlich eine tiefe Mischung aus Traum und Wirklichkeit. Diese Mischung auf diesen beiden Ebenen war irritierend, andererseits sprengte sie Grenzen! Und das Sprengen von Grenzen ist immer klasse! Und wenn ich sagen würde „Es war grandios“, denke ich, würde ich mich ja gerade doch in den mir vertrauten Grenzen halten! Das geht hier nicht, das passt nicht. Es geht um etwas anderes.

Ballett und Akrobatik waren dabei ein wesentlicher Teil des Kunstwerkes! Neben allem anderen! Ständig Bewegungen wunderbarer Art, Akrobatik schönster, fast irritierender und oft erstaunlicher Art. Immer wieder gab es Momente der Inszenierung, die nur ein großes Staunen hinterließen. In allen drei Teilen ging es allerdings um sehr, sehr düstere Szenen! Dunkle Atmosphäre. Immer wieder wurden Türen geöffnet, über die man dann doch nicht den doch engen Raum (ein Schiff, ein Hotel) verlassen konnte. Der Tod spielte ständig mit. Als wäre das menschliche Unterbewusstsein immer vom Tod und düstersten Vorstellungen getrieben! Das musste man bei allem hinnehmen.

Es gab nach dem ersten Teil eine zehnminütige Lichtpause für den Umbau hin zum zweiten Teil des Abends. Während dieser Lichtpause blieb man im Zuschauerraum sitzen, die Bühne war nun in aller Tiefe zu sehen. Allein diese 10 Minuten waren wunderbar! Plötzlich war man wieder in voller Realität. Wobei: Auch dort herrschte ein wenig eine Mischung aus Realität und Traum: Einer der Mitwirkenden blieb während der Umbauarbeiten auf dem Platz sitzen, den er zuvor am Ende des ersten Teils eingenommen hatte. Und das Licht blieb düster. So vor der insgesamt riesigen, tiefen Bühne sitzend sah man in dieser Pause auch die anderen – großartigen – Mitwirkenden, dunkle Beleuchtung, ruhige Arbeiten, Gelassenheit – auch die Umbauaktionen waren irgendwie beeindruckend!

Wahrscheinlich könnte man es fünfmal ansehen, wenn man es inhaltlich gut verstehen wollte. So war es leider nur ein irres Einzelerlebnis! Erinnerung, Unbewusstes, Angst, Hoffnung, alles spielte rein. Manchmal muss man sich bedanken bei Menschen, die so etwas erstellen und darstellen können! Nur konsumieren ist da zu wenig.

HIER der Link zur Website von Peeping Tom. Triptych tourt weiter.

Hier ein Trailer:

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THEATER: Hal Ashby/ColinHiggins – Harold und Maude

Harold und Maude ist derzeit – für kurze Zeit noch – am Münchner Zentraltheater als Theaterstück zu sehen. Ich hatte schon kürzlich über das Münchner Zentraltheater in der Paul-Heyse-Straße geschrieben. Die kleine Bühne des Zentraltheaters ermöglicht es, die schauspielerischen Leistungen unmittelbarer zu erleben, als es an den großen Theater je möglich ist. Auch dieses Mal war es wieder ein sehr gelungener Abend.

Das liegt zum einen an der so schöne Geschichte von Harold und Maude. Harold mag das vornehme Leben seiner Familie ja nicht, will sich ständig abgrenzen, sich von seiner Mutter lösen. Er inszeniert Selbstmorde – vor allem, wenn es darum geht, dass er verheiratet werden soll. Er besucht Beerdigungen von Menschen, die er nicht kennt. So trifft er Maude. Er lernt sie mehr und mehr kennen und lieben. Es ist ja so: Harold antwortet auf das Leben, das er nicht mag, mit seinem Hang zum Tod, weiß offenbar keinen anderen Ausweg, Maude hat sicher in ihrem Leben auch gesehen, dass sie das Leben nicht unbedingt immer lieben kann (sie hat eine Nummer aus dem KZ am Arm), sie liebt aber das Leben. Das ist ihre Antwort, indem sie völlig eigen nur „ihr Ding macht“, alles andere nicht so wichtig nimmt. Harold will Maude schließlich sogar heiraten.

Wirklich sehr überzeugend spielen Connor Krause (HIER) Harold und Carla Becker (HIER) Maude. Es wird nicht leicht sein, die Gefühlslagen beider so überzeugend auf die Bühne zu bringen! Die Zuneigung und Liebe, die sie zueinander entwickeln. Die Distanziertheit, die Harold zunächst dem Leben gegenüber aufweist, seine Ratlosigkeit. Die Unbekümmertheit, die Maude gegenüber dem Leben aufweist. Ihre „Verrücktheit“. Yana Robin la Baume dagegen spielt alle weiteren, meist kurz erscheinenden Personen des Stückes: Harolds Mutter, die von der Mutter ausgesuchten Heiratskandidatinnen, einen Pastor, einen Polizisten … Sie hat insoweit nicht die Möglichkeit, mit einer einzigen Rolle zu überzeugen. Sie stürzt schnell immer wieder in eine der anderen Rollen und bringt diese jeweils pointiert (mir zu pointiert) auf die Bühne. Es besteht andererseits auch wiederum eine gewisse Balance zwischen der übertriebenen Pointiertheit der Personen, die um Harold und Maude herum erscheinen und Harold und Maude selbst. Über Harold und Maude selbst heißt es: „ … melancholische Poesie und Zärtlichkeit …“. Das zeigen die anderen Personen des Stückes eben gerade nicht.

Man kann diesen schönen Abend mit tief schürfenden Gedanken über sein Leben verlassen. Harold und Maude – ein leichtes Stück mit Tiefgang.

Hier einer der Songs von Cat Stevens mit Ausschnitten aus dem Kultfilm “Harold und Maude“:

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THEATER: Nora Abdel-Maksoud – Doping

Mein Fazit zur Premiere: Mit immer schnellen, fast stürzenden, gleichtönig lauten, meist kurzen sich ständig produzierenden, fast hektischen Statements, Sätzen, Wörtern, Dialogen, Äußerungen, Wortwechseln hin und her und mit einer bei alledem abstrusen Story wird versucht, den Turbokapitalismus und seine Auswirkungen auf das Gesundheitswesen zu überspitzen. Beispiel FDP und Sylt. Oder es wird versucht, insgesamt unsere Lebensweise, unsere Lebensüberzeugungen darzustellen. Darum soll es wohl gehen. Hm. Hektisches Slapstick für sehr ernste Themen! Sicher, wir leben im Grunde sehr viel falsch im Kapitalismus, geben es nur nicht zu!

Die Hektik des Stückes „Doping“ mag dabei dem Plot geschuldet sein: Es zeigen sich ja plötzlich peinliche gesundheitliche Schwächen beim Vertreter des Wohlstands, dem Spitzenkandidaten der FDP Wenningstedt-Braderup auf Sylt, dem Verfechter der Liberalität, der marktwirtschaftlichen Denke bis in den Körper hinein.

Die Story:

Die FDP und Sylt sind also die Aufhänger der irren Story, ein Krankenfall im Wahlkampfendspurt bringt alles durcheinander. Es folgen: Das angebotene einfache „Weggeben“ von Krankheiten, Krankheit ist Hindernis und Schwäche, alles ist „Geben und Nehmen“,alles ist ein „Marktgut“, es gibt ein U-Boot, Verwirrung, Geld, Magnetismus, Stress, Überarbeitung, ausgemerztes Sozialdenken, Zeitdruck, die Schließung eines Krankenhauses, einen Geldberg, das Thema Privatkliniken/öffentliche Kliniken, Feminismus etc. etc. etc. Es ist schwer, wenn man so viele Themen und Aspekte der realen Welt künstlerisch – nicht politisch – verarbeiten will. „Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen“ ist ja ein Wahlspruch der Münchner Kammerspiele. Hm, so etwa? Nicht leicht: Politisch ernste Themen berühren, aber künstlerisch bleiben.

Den Turbokapitalismus und unsere Lebensweise und Lebensüberzeugungen zu kritisieren ist auf jeden Fall sinnvoll und absolut nötig, aber mit der rasanten Slapsticknummer „Doping“ blieb es mir sehr fraglich! Letztendlich blieb es einfach harmlos, weil nur eine ein klein wenig lustige, eine wilde, verrückte, abstruse Geschichte um die genannten Themen herum gestrickt wurde, mehr konnte ich nicht feststellen. Vielleicht wollte es Nora Abdel-Maksoud so, sie ist ja keine Politikerin!

Und jeder mag es anders sehen. Theater muss ja nicht Systemkritik in klarer Form äußern, aber wenn es sich auf dieses politische Terrain begibt, sollte vielleicht auch etwas Sinnvolles übrig bleiben. Andererseits – Theater ist immer für alles offen – man kann natürlich auch sagen: Es ist eben einfach eine lustige, abstruse Überspitzung mit vielleicht kurzen tiefergehenden Äußerungen!

Überspitzungen, die nur zum Lachen anregen, mag ich allerdings nicht so sehr. Ich liebe Theater, wenn man es schafft (schwer genug) Unsichtbares auf die Bühne zu bringen, eine Entwicklung, eine Gefühlslage, eine Einstellung, einen besonderen Blickwinkel … wenn man im Theater eben Dinge erkennt, die man eigentlich nicht sehen kann, die man vielleicht ständig übersieht oder nicht kennt, die aber auf der Bühne ihren Ausdruck finden, über die man nachdenken kann. Oder so ähnlich … Das ist viel verlangt, bei „Doping“ ist es jedenfalls sicher etwas platter geworden. Mein Gegenbeispiel: Derzeit „Kill Your Darlings“ von René Pollesch, bis Ende Mai in der Mediathek der Berliner Festspiele, ebenfalls systemkritisch.

Hier ist der Link zur Mediathek der Berliner Festspiele.

https://mediathek.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/2012/kill-your-darlings-streets-of-berladelphia

Es reichte mir bei „Doping“ am Ende jedenfalls allenfalls zum Schmunzeln, nicht zum Grübeln über den Inhalt, über irgendein Thema. Irgendwie aufgewühlt, angeregt, mit einem kleinen Gedanken, einer Überlegung, einer Frage oder einem Gefühl nach Hause geschickt fühlte ich mich nicht! Auch hier: Theater muss nicht immer alles schaffen, es kann auch so genügen, aber manchmal kann es auch sehr wenig werden. Diesmal eben Slapstick, Kabarett in Theaterform.

Der Spitzenkandidat der FDP Braderup-Wenningstedt (zwei Orte in der unmittelbaren Nachbarschaft von Kampen) (Vincent Radetzki), der Schatzmeister des Parteiverbandes (Stefan Merki), seine Tochter als Nummer 2 der Liste (Şafak Şengül), das sind schon drei der fünf Personen des Stückes. Sie stehen für die im Wahlkampf ächzende FDP auf Sylt. Vincent Radetzki und Stefan Merki sind wieder wunderbar überzeugend! (Vincent Radetzki gehört nach den Angaben der Webseite mit der Münchner Kammerspiele nicht mehr zum Ensemble, er wird als „Gast“ geführt.)

Daneben das Arztteam. Wiebke Puls als männlicher Dr. Bob, der ehemalige Chefarzt einer geschlossenen Klinik. Hier stellte sich für mich die Frage: Warum muss diese Rolle von Wiebke Puls belegt werden? Etwa, weil sie an der Nordseeküste (Husum) geboren wurde und im Stück ein paar norddeutsche Sätze oder Wörter sagen muss? Das wäre als Begründung bei ihren oft wunderbaren schauspielerischen Leistungen sicher zu wenig.

Nächste Frage: Warum Eva Bay als Krankenschwester? Auch sie als „Gästin“ der Münchner Kammerspiele . Es ist immer schön, wenn jungen Schauspielern und Schauspielerinnen „von außen“ Gelegenheiten gegeben werden, aufzutreten. Das freut mich! Andererseits gibt es das Ensemble … Hm. Eva Bay ist eine enge Mitarbeiterin von Nora Abdel-Maksoud, liest man, und sie spielt gut, gerne mehr davon. Ist doch gut so! Man kann nicht alles haben!

Also: Viele große Fragezeichen an diesem Abend. Aber es ist etwas für Freunde des „politischen“ Slapstick.

HIER der Link zur Stücke Seite auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Copyright des Fotos: Judith Buss

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BALLETT: Sol León & Paul Lightfoot – Schmetterling

Mehr als 60 Uraufführungen hatten beide seit 1989 gemeinsam als Choreografenduo am NDT kreiert, immer stehend für zeitgenössisches, nicht klassisch geprägtes Ballett, wie das NDT insgesamt. Sol Leon

und Paul Lightfoot:


Zwei ihrer Produktionen sind Silent Screen und Schmetterling, die ab März vergangenen Jahres mehrfach am Bayerischen Staatsballett gemeinsam gezeigt wurden. Ich schreibe hier im Blog im Grunde immer über Dinge, die der Leser/die Leserin noch sehen kann. Für den Abend „Schmetterling“ (beide oben genannte Produktionen zusammen erscheinen unter diesem Titel) sehe ich leider in dieser Spielzeit keinen weiteren Termin! Aber ich höre, es wird in der kommenden Spielzeit (Januar und Februar 2025) weitere Termine des Abends „Schmetterling“ geben.

Und demnächst – vom 12. bis 20. April – ist ohnehin die Münchner Ballettfestwoche 2024, so kann mein Beitrag auch eine Anregung für eine der dortigen Produktionen geben. Ich etwa werde in der Münchner Ballettfestwoche die sehr expressive, gestalterisch sicher fast extreme Produktion „Triptych“ der belgische Compagnie Peeping Tom sehen, auch das war eine Produktion für das NDT. Erstmals ist die Companie Peeping Tom am Bayerischen Staatsballett.

HIER der Link zur Website der Münchner Ballettfestwoche 2024. Es heißt dort zur Produktion „Triptych“: „… unglaublichen Vielfalt an Ausdrucksformen und extrem präzisen Abläufen, die bis hin zur Akrobatik reichen.“

Silent Screen und Schmetterling sind durchaus ältere Produktionen, „Silent Screen“ hatte seine Uraufführung im April 2005, „Schmetterling“ hatte Uraufführung im November 2010. Ein kurzes Fazit: Sehr ausdrucksstarkes, erzählerisches, emotionales Tanztheater, wie so oft beim NDT auf dunkler Bühne, mit teils interessanten Videoeinspielungen im Hintergrund, die teils wiederum den emotionalen Charakter des Abends unterstützen und die „Erzählungen“ untermauern. Erzählerisch ist es allerdings geradezu anstrengend – meinte man doch, man müsse eine „Geschichte“, die „erzählt“ wurde, genau erkennen – was kaum möglich ist. Das erste Stück (Silent Screen) nahm Bezug auf Stummfilme – wie Ballett ohne Worte – das zweite (Schmetterling) bezog sich auf die wundersame Natur des Schmetterlings, auf seine Vergänglichkeit, Zartheit, Schönheit, und auf den Lauf des Lebens. Wie so oft beim NDT auch: Hochklassiges Tanztheater (hier durch Ensemblemitglieder des Bayerischen Staatsballetts), das musikalisch noch dazu durch zwei Größen der Ballettmusik und eben deren – ich möchte sagen – manchmal fast sphärische, rein klangliche Musik (oft Pianoklänge) geprägt wird: Philip Glass und Max Richter, die ja öfters Musik für Ballettproduktionen schreiben.

HIER ist übrigens der Link zur Seite der kommenden Produktion „Triptych“ der Gruppe Peeping Tom auf der Website des Bayerischen Staatsballetts. Auch das wird extrem erzählerisches Tanztheater, in drei Teilen. Siehe den Link.

Und am 24. und 25. April bietet wiederum das Nederlands Dans Theater (NDT) ein weiteres Onlinestreaming. HIER ist der Link zu diesem Streamingangebot auf der Website des NDT. Drei Produktionen kann man an diesen beiden Tagen im Streaming sehen, unter anderem – am zweiten Tag – die Produktion In The Dutch Mountains des auch hier in Deutschland ja sehr bekannten (wenn auch teils unrühmlich bekannten) Choreografen Marco Goecke.

Hier noch zwei Bilder der Produktion „Schmetterling“:

Copyrights: Titelbild © CARLOS QUEZADA, beide Bilder unten: © WILFRIED HÖSL,