Wer am Sonntag nicht weiß, was er vor dem EM-Finale um 21:00 Uhr machen soll, hat unter anderem diese Möglichkeiten: Er/sie könnte ins Münchner Residenztheater gehen und sich um 18:00 Uhr Prima Facie von Suzie Miller ansehen oder er/sie geht um 18:00 Uhr in die Münchner Kammerspiele/Werkraum-Bühne, um sich „König:in des Zauderns“ anzusehen.
Ich mache es so: Am gestrigen Freitag habe ich die erste der beiden aktuellen Vorstellungen von „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen (Werkraum) gesehen, am morgigen Sonntag werde ich im Residenztheater „Prima Facie“ sehen (und darüber schreiben).
Zu König:in des Zauderns:
Es ist eine thematische Zusammenführung von Shakespeares „Hamlet“ und Disneys „Der König der Löwen“, mit Blick auf das Zaudern im Leben. „Hamlet“ diente tatsächlich bei der Entwicklung des Films „Der König der Löwen“ als Vorlage. Dauer des Stückes etwa eine Stunde, gespielt wird es von den drei sympathischen jungen behinderten, beeinträchtigten Schauspieler:innen Johanna Kappauf (kognitive Beeinträchtigung), Dennis Fell-Hernandez (Down-Syndrom) und Ahmad Alsahli (sehbeeinträchtigt oder blind). Johanna Kappauf und Dennis Fell-Hernandez kennt man aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele. Hinzu kommt Ahmad Alsahli, er ist nicht im Ensemble der Kammerspiele, ist aber bei den Kammerspielen auch nicht als Gast genannt. (?)
Es ist ein berührender und durchaus auch nachdenklich stimmender Abend (Regie Nele Jahnke), an dem man den drei jungen Schauspieler:innen die Spielfreude und ihre Überzeugung anmerkt. Das Stück zeigt thematisch den positiven Aspekt des Zauderns im Leben. Bedeutet: Zaudern (Hamlet!) ist mehr als ein sich-nicht-entscheiden-können, es ist nachdenken – Alternativen erkennen – nicht vorschnell aus den vorgegebenen Lösungswegen auswählen – andere Wege sehen …
Zu Beginn betritt und befühlt man die Bühne, sie wird dann genau geschildert, wohl auch angesichts manch blinder Zuschauer im Werkraumtheater. Man bekommt sogar zu Beginn kleine Holzbrettchen mit aufgeklebten kleinen Mustern der Bodenbeläge des Theaterbodens.
So ist es ein sehr gelungener Abend von beeinträchtigten Menschen nicht nur für beeinträchtigte Menschen, sondern gerade auch für alle ohne Beeinträchtigung. Eine schöne und in jedem Fall lohnende Zusammenführung, die sich die Münchner Kammerspiele ja seit einiger Zeit auch auf die Fahnen schreiben! Genau dieser Zusammenführung von abled und disabled sollte man sich hingeben, nicht nur – aber auch – dem EM-Finale!
„Prima Facie“ im Residenztheater HIER und „König:in des Zauderns“ in den Kammerspielen HIER.
Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss